Das Leben ist kein Ponyhof - Das Geheimnis von Whitehorse Castle (MMFF-Anmeldung geschlossen)

MitmachgeschichteMystery, Freundschaft / P16 Slash
02.08.2016
22.04.2019
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Hey Ho,
hier jetzt wie versprochen der zweite Teil der Party (und JA, es wird auch noch einen dritten Teil geben - drei oder sieben, die große Regel - fragt mal bei Marc Uwe Kling nach... )
Der dritte Teil ist zwar bereits in Arbeit, aber auch ich bin jetzt dann wieder "in Arbeit" (Willkommen, deutsche Grammatik), deswegen wird der nächste Teil dann leider etwas auf sich warten lassen. Bis dahin wünsche ich euch mit diesem Abschnitt viel Spaß und möchte mich noch einmal für's fleißige Lesen bedanken.
Alles Liebe
Art


***


„Wärmer! Wärmer, ja wär... nein kalt, kalt KALT! Annie, ganz kalt!“
Annie drehte sich auf den Knien und klopfte dabei wie eine Verrückte mit dem Holzlöffel in ihrer Hand auf den Steinfliesen herum. Sie hörte die Leute um sich herum johlen und lachen. Auch Annie kicherte. So sehr, dass sie sich kaum auf das Spiel konzentrieren konnte. Bereits seit einer gefühlten Ewigkeit krabbelte sie mit verbundenen Augen in dem großen Saal umher, nur geleitet von den wirren Rufen der Anderen, die sie mal hier hin und mal dort hin leiteten. Orientierung hatte sie schon lange keine mehr, aber irgendwie beschlich sie langsam der Verdacht, dass sie hier in die Irre geführt wurde. So plötzlich, wie sie nun bereits mehrfach die Richtung ändern musste...
Schon als Kinder hatten Mo und Annie auf ihren Partys am allerliebsten Topfschlagen gespielt. Das hatte sich bis jetzt nicht geändert. Aber anscheinend waren alle Gäste der Meinung, man müsse den Schwierigkeitsgrad erhöhen und immer kurz vor Erreichen den Topf an einen anderen Ort verstellen.
Doch Antje McKenzie ließ sich von so einer Kleinigkeit nicht beirren! Sie war immer besser gewesen als ihr Bruder, allein schon deswegen, weil Mo recht schnell aufgab, wenn er sich das erste Mal den Kopf angestoßen hatte. Das konnte man von Annie nicht behaupten. Allein in dieser Runde war sie bereits vier Mal irgendwo angestoßen (sie hatte keine Ahnung wo, denn sie wusste ja nicht mal, in welchem Teil des Saales sie sich befand. Also testete sie wieder einmal alle Richtungen aus. „Kalt!“ - „Eiskalt!“ - „Etwas wärmer... NEIN NICHT DA, KALT, KALT, KALT!!!!“ - „Ja WARM ANNIE, WARM!“
Ha! Triumphierend krabbelte Annie in die Richtung los, in die sie gerade schaute, mit dem Löffel wild um sich klopfend. Zwischen den „Warm“ und „Kalt“ Rufen der Anderen glaubte sie, auch ein lautes „AUA das war mein Fuß!“ zu vernehmen, doch zum Entschuldigen blieb ihr keine Zeit. Sie wollte diesen verdammten Topf finden!
„Warm!“ - „Warm!“ - „WARM!“ - „WARM – HEISS!“ Annie klopfte um sich, bis sie das unverkennbare Scheppern von Holz auf Metall vernahm. Triumphierend trommelte sie wie eine Verrückte auf den Topf ein, ehe sie sich unter tosendem Applaus das Tuch von den Augen riss.
Sie kniete in der Mitte des Raumes, ungefähr an der selben Stelle, an der ihr die Augen verbunden worden waren.
„Eeeeeh, ihr habt doch garantiert den Topf heimlich verstellt, oder?“, beschwerte sie sich, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen.
Alle anderen schauten übertrieben unschuldig in der Gegend herum. Von Jack kam ein leises Pfeifen.
„Jetzt schau schon, was unter dem Topf ist!“, unterbrach Mo drängend das kurze Schweigen, während dem nur die Musik dröhnte. Annie kniff die Augen zusammen und bedachte alle der Reihe nach mit einem Todesblick, ehe sie sich dem Topf zuwandte und diesen in die Luft riss. Schon bevor sie erkannte, um was es sich handelte, hörte sie die anderen kichern und lachen. Mit spitzen Fingern angelte sie nach dem rechteckigen Gegenstand. Bei genauerer Betrachtung stellte sie fest, dass es sich um ein Buch handelte. Es schien schon ziemlich zerlesen zu sein. Hinter ihr prustete irgendjemand laut los.
Annie hielt das Exemplar vor sich in die Luft und las den Titel darauf laut vor: „Die Sterne der Löwin – Ratgeber für starke Frauen, die im Tierkreiszeichen des Löwen geboren wurden – Wie die Sterne Ihnen den Weg weisen.“
Im unteren Eck des Einbandes prangte in grellpinken Buchstaben der Herausgeber des Buches: Die Sterne und Du – Horoskop für jeden Tag.
Langsam drehte sie sich um. Paul klopfte sich vor Lachen auf die Oberschenkel, Dennis drückte sich beide Hände auf den Mund um sich zu beherrschen, Jack grinste frech und Hedda, Mo und Faolán lagen bereits falch am Boden. Daryl hatte eine Hand theatralisch in die Luft gestreckt und hielt sich mit der anderen den Bauch, während er übertrieben laut lachte und sogar die schüchterne Claire lächelte verschmitzt.
„Okay. Was. Ist. Das?“ , ragte sie, an niemand bestimmten gewandt und hielt das Buch mit zwei Fingern so weit sie konnte von sich weg, als wäre es etwas ziemlich ekliges.
„Mach auf und schau rein!“, presste Mo unter Lachkrämpfen hervor.
„Ja, aber laut vorlesen!“, fügte Faolán an.
Annie kratzte sich am Kopf, dann aber nahm sie das Buch und öffnete es. Auf der Rückseite des Einbandes stand etwas Handgeschriebenes.

Liebe Annie,

Alles erdenklich Gute zu deinem Geburtstag.

Nach unserem wirklich anregenden Gespräch letzte Woche, bei dem ich gemerkt habe,

wie sehr dich der Lauf der Sterne interessiert,

habe ich beschlossen, dir dieses Exemplar der Wegweisung zu überlassen.

Du bist ein starkes, selbständiges junges Mädchen,

das weiß, was es will.

Möge dieser wunderbare Ratgeber, von dem ich selber bereits seit vielen Jahren profitiere,

dir auf deinem weiteren Weg helfen und dir viele erfolgreiche

Stunden und Jahre bescheren.


Alles Liebe,

Deine

Chelsea Verita Cassidy


Annie kratzte sich am Kopf, nachdem sie die Zeilen laut vorgelesen hatte und Mo und Hedda mittlerweile zu ersticken drohten, so sehr mussten sie lachen. Faolán war mittlerweile dazu übergegangen, ihnen abwechselnd auf den Rücken zu klopfen, soweit die Pausen zwischen seinen eigenen Lachanfällen es zuließen.
Annie war sich einen Moment lang nicht sicher, ob sie lachen oder weinen sollte. Aber weil alle anderen lachten und Annie ja eigentlich gute Laune hatte und außerdem ihr Geburtstag war, entschied sie sich dafür, mitzulachen.
„Das werdet ihr bereuen!“ rief sie noch, war sich aber durchaus bewusst, dass diese Drohung wohl aufgrund der Lacher, die den Satz mehrmals unterbrachen, von den anderen nicht wirklich ernst genommen werden würde.

Nur wenige Minuten später grölte Annie gemeinsam mit den anderen „Warm!“ und „Kalt!“, während Paul auf allen Vieren durch den Raum krabbelte. Für ihn hatten sie einen rosa Haarreif mit glitzernden Sternen unter den Topf gelegt, den Hedda wohl in einer ihrer alten Spielzeugkisten gefunden hatte. Nach wie vor stand nämlich der Plan, alle männlichen Anwesenden einer „Generalüberholung“ zu unterziehen.
Hierzu baute Elisabetta sich seit geraumer Zeit an einem der Tische ein kleines Schminkstudio auf und Ramona und Hedwig hatten auf einem Stuhl Röcke, Rüschen- und Spitzentops und diverse Kleider gestapelt. Die Zeit, bis alles vorbereitet war, überbrückten sie nun mit Spielen. Zunächst hatte Hedda vorgeschlagen, Annie und Mo sollten doch die Pinata töten, aber Annie hatte sich durchgesetzt, das erst zu späterer Stunde zu tun, weil das Einhorn so dekorativ im Weg herum hing (Jack war schon mindestens drei Mal dagegen gelaufen).
Sie spielten noch drei weitere Runden. Faolán fand eine glitzernde Handtasche, Daryl einen pink gemusterten Schal („Hey, ich glaube, das ist sowieso meiner! Den habe ich ja schon ewig gesucht!“) und Mo ein Paar mit Strassteinchen besetzte Sandalen mit Absatz.
Während sie versuchten, auch Mister Montgomery zu einer Runde Topfschlagen zu überreden, der sich allerdings beharrlich weigerte, verkündete Elisabetta, sie sei bereit. Hedda klatschte begeistert in die Hände. „Das Geburtstagskind zu erst!“, forderte sie und schob Mo nach vorne. Annie stimmte in das johlende Lachen der Umstehenden mit ein, als Elisabetta, die plötzlich nicht mehr genervt, sondern absolut professionell wirkte, Mo am Kinn packte und sein Gesicht nach links und rechts drehte, um ihn zu begutachten. Sie nickte, dann deutete sie auf einen Stuhl. „Sitz!“, befahl sie, und wirkte dabei so autoritär, dass Mo es nicht wagte zu widersprechen und sich auf den Stuhl fallen ließ. Unter Anfeuerungsrufen und lautem Gelächter begann Elisabetta, Mo zu schminken. Ob den anderen Jungs wohl nicht klar war, dass sie auch noch fällig waren, grübelte Annie, schwieg aber dazu. Nicht, dass einer frühzeitig die Flucht ergriff und ihnen entkam!
Sie ließ den Blick schweifen und zählte kurz, wie viele männliche Personen neben Mo noch anwesend waren. Daryl, Dennis, Faolán, Paul und Jack. Und Mister Montgomery, aber der zählte ja nicht. Der wirkte schon die ganze Zeit so, als hätte jemand (und Annie tippte dabei auf Ramona) ihn dazu gezwungen, hier seine Zeit abzusitzen. Und während sie über Leute nachdachte, die nicht hier sein wollten, es aber trotzdem waren, fiel ihr noch jemand anderes auf.
Rebecca saß alleine in einer Ecke, vor ihr ein Teller mit Chicken Nuggets (die mittlerweile sicherlich kalt waren) und starrte finster ins Leere. Annie hatte gar nicht mitbekommen, wann Becks dazugestoßen war. Niemand hatte ihr Bescheid gegeben, weil niemand mit ihr reden wollte. Einen Moment lang überkam Annie wieder dieses Gefühl von Mitleid, dass sie irgendwie jedes Mal spürte, wenn Becks wieder einmal alleine irgendwo herum saß. Doch wie immer konnte Annie nicht den Mut aufbringen, sie anzusprechen.

*


„Also wirklich Dary, dieser Schal zu diesen Schuhen? Was hast du dir dabei nur gedacht?“ Faolán schüttelte den Kopf, warf sich seine Glitzerhandtasche über die Schulter und stakste an Daryl vorbei in Richtung Mo, der sich irgendwie in seinem paillettenbesetzten Glitzertop verheddert hatte.
„Ach du hast doch keine Ahnung“, winkte Daryl ab und wedelte Faolán mit seinem schwarzen Samthandschuh hinterher. „Das nennt man Colourblocking, wenn man mehrere grelle Farben gezielt mischt. Also wenn hier jemand ein Händchen für Mode hat, dann ja wohl ich!“ Er reckte die Nase in die Luft und zwängte sich in den zweiten Handschuh hinein. „Und nun“, fügte er mit künstlich erhöhter Stimme hinzu, „hole ich mir erst mal ein Gläschen alkoholfreie Bowle, um wieder runter zu kommen!“ Mit schwingenden Hüften wackelte er davon (allerdings wirkte er auf den hohen, neongrünen Schuhen deutlich geübter als Faolán).
Dennis stand der Mund offen. Er selber steckte, genau wie Mo, Daryl und Faolán, in Frauenkleidern. Elisabetta hatte ihn geschminkt. Und Dennis fühlte sich alles andere als wohl in seiner Haut. Er war auf einmal so grell, so auffällig. Er wurde von den anderen genau angesehen, gemustert. Die Leute lachten und machten alberne Bemerkungen. Dennis war es nicht gewöhnt, überhaupt Aufmerksamkeit zu bekommen. Er machte sich gerne unsichtbar, verschwand in der Menge. Aber das funktionierte natürlich jetzt nicht.
Am liebsten hätte er sich irgendwo in eine Ecke gedrückt, wo er nicht so mitten auf dem Präsentierteller stand, aber blöderweise wagte er es nicht, sich in den etwas zu kleinen Highheels auch nur einen Schritt zu bewegen. Er befürchtete, dass er sich augenblicklich sämtliche Knöchel brechen würde. Im Gegensatz zu ihm schienen die anderen Jungs das Umstyling mit Fassung zu tragen. Mehr noch, auf einmal benahmen sie sich alle total seltsam, gackerten nur noch und diskutierten mit verstellten Stimmen über ihre Outfits. Besonders Daryl, Mo und Faolán schienen sich richtig wohl zu fühlen. Bei Jack war Dennis sich nicht ganz sicher. Dieser hatte nämlich, wie Dennis durchaus gemerkt hatte, versucht, sich aus dem Staub zu machen, doch hatten Claire und Paul ihn gemeinschaftlich an der Tür zum Speisesaal abgefangen und wieder nach drinnen geschoben. Nun saß er an einem der Tische, sein blondes Haar zu kunstvollen Locken gedreht, mit rot geschminkten Lippen und einem künstlichen Schönheitsfleck über der Oberlippe. Er hatte die Beine überschlagen und zupfte an dem Rock seines weißen Kleides herum. Dennis hatte beobachtet, dass Elisabetta sich für Jack besonders viel Zeit genommen hatte und fragte sich nun, ob das vielleicht irgendetwas Persönliches war. Wollte sie sich an ihm rächen? Oder lag es nur daran, dass Jack einfach mehr Haare zum Stylen hatte als der Rest der Jungs? Faolán, der ebenfalls langes Haar hatte, hatte von Elisabetta eine Hochsteckfrisur verpasst bekommen, mit der er nun noch größer wirkte als er ohnehin schon war.
Nun saß noch Paul auf dem improvisierten Schminkstuhl und wurde „verschönt“, wie Elisabetta es nannte. Dennis kannte Paul wirklich nicht gut, er hatte ihn nur ein paar Mal kurz gesehen, aber er war doch ein wenig überrascht, dass dieser so anstandslos mitspielte. Dennis hätte gerade von Paul mehr Protest erwartet. Er selber hätte am liebsten rebelliert, aber es war nun mal nicht seine Art, zu widersprechen. Und so stand er nun dort, mitten im Raum, in roten Highheels, einem roten, mit Spitze besetzten Top und einem knielangen schwarzen Rock, der mit einem riesigen, lackschwarzen Gürtel, den Dennis beim Topfschlagen gewonnen hatte, an Ort und Stelle gehalten wurde, und das Schlimmste hatte er ja noch vor sich! Hedda hatte nämlich angekündigt, dass die Jungs in einer Modeschau alle ihre neuen Outfits präsentieren mussten. Dennis hatte keine Ahnung, wie er das hinbekommen sollte. Allein bei dem Gedanken daran, dass alle ihm dabei zuschauten, wie er versuchte, auf diesen unmöglichen Schuhen auch nur einen Schritt zu gehen, bekam er schwitzige Hände.
Er zuckte zusammen, als ihm jemand von hinten auf die Schulter klopfte. „Denny, mein Herzchen, du siehst bezaubernd aus!“, flötete Daryl. Dennis starrte den Jungen an. Diese Gesamtbild war einfach zu absurd. Daryl sah ja normalerweise schon immer wie ein Paradiesvogel aus, aber heute leuchtete er noch greller als sonst. Als Dennis nichts erwiderte, schüttelte Daryl nur den Kopf. „Du brauchst ein bisschen Bowle, mein Freund. Die ist so süß, da bekommst sogar du weibliche Allüren!“ Er drückte Dennis einen Plastikbecher mit Pferdchenmotiv darauf in die Hand, der mit der rosafarbenen Bowle gefüllt war. Dann klopfte er ihm noch einmal auf die Schulter und marschierte wieder davon. Dennis schnupperte an dem rosa Getränk. Es roch wirklich fürchterlich künstlich. Er war sich nicht sicher, ob er das wirklich probieren wollte...
Gerade, als er den Becher an seine Lippen geführt hatte, um sich wenigstens zu einem kleinen Schluck zu überwinden, schallte eine Stimme durch den Raum.
„Fertig!“ Er sah auf. Paul hatte sich von dem Schminkstuhl erhoben und Elisabetta setzte ihm noch als abschließende Krönung seinen Glitzerhaarreif auf, der farblich perfekt zu dem pinken Glitzerkleid und den pinken Schlappen passte. Erst, als Paul sich ein wenig zur Seite drehte, bemerkte Dennis die rosafarbenen Flügel an seinem Rücken. Dennis rieb sich die Augen. Irgendwie waren die hier doch alle übergeschnappt...
„Na, dann laden wir doch mal die ganzen Herren der Schöpfung zur großen Präsentation, oder?“
Dennis sah auf zu Annie, die auf einen der Tische geklettert war und voller Vorfreude in die Hände klatschte. Hedda begann, einen nach dem anderen in Richtung Tür zu schubsen. Gerade, als sie Dennis anstupste, klang ein lautes „Einen Moment noch!“ durch den Raum. Alle Blicke wandten sich mit einem Mal Ramona zu, die an der Buffettheke stand, Mister Montgomery am Arm. „Ihr habt da einen vergessen.“
Einen Augenblick lang herrschte ungläubiges Schweigen. Dann brachen alle in tobenden Applaus aus. Alle außer Mister Montgomery. Der machte ein Gesicht, als hätte er gerade etwas sehr Grässliches gesehen. Dann begann er, auf seine Frau einzureden – doch absolut erfolglos. Gemeinsam mit den Köchinnen und der Haushälterin wurde Leland Montgomery, dieses gestandene Mannsbild, bis zu Elisabettas Schminkstation gedrängt und dort auf den Stuhl gezwungen.
Dennis kratzte sich am Kopf. Kam es ihm nur so vor, oder wurden die alle immer alberner? Irritiert schüttelte er den Kopf und nahm geistesabwesend einen Schluck von der Bowle. Das Zeug schmeckte mindestens so künstlich wie es roch und Dennis hatte das Gefühl, dass sich von der Süße sein ganzer Körper zusammen ziehen wollte. Grauenhaft. Davon wollte er garantiert nichts mehr trinken. Er sah sich suchend nach der nächstbesten Abstellmöglichkeit für seinen Becher um. Weil alle anderen komplett damit beschäftigt waren, Elisabetta anzufeuern, die jetzt Mister Montgomery schminkte, wagte Dennis ein paar unbeholfene Schritte vorwärts. Niemand beobachtete ihn, wie er strauchelnd einen nahestehenden Tisch erreichte und beinahe die Bowle darüber vergoss, weil er auf den hohen Schuhen überhaupt kein Gleichgewicht hatte. Ihm war klar, dass im Prinzip jetzt der richtige Moment gewesen wäre, auf irgendeine Toilette zu flüchten und zu weinen, denn jetzt würde es niemand merken, aber er bezweifelte, dass er schnell genug laufen konnte um unbemerkt den Raum zu verlassen. Deswegen blieb er, mit beiden Händen auf die Tischplatte gestützt, stehen, und versuchte, sich zusammen zu reißen. Wäre seine Mum hier gewesen, hätte sie Hedwig darum gebeten, Dennis in Ruhe zu lassen, weil er ja nicht mitspielen wollte. Das hatte sie schon früher immer gemacht, wenn sie in einer Hotelanlage Urlaub gemacht hatten und einer der Animateure versucht hatte, Dennis in sein Unterhaltungsprogramm hineinzuzwingen. Ja, seine Mum hatte ihm viele unangenehme Situationen erspart. Aber sie war nicht hier. Das hieß, Dennis hatte zwei Möglichkeiten: Entweder er spielte mit und ließ sich herumschieben. Oder er sagte „nein“. Dennis starrte auf seine Finger. Er hatte noch nie nein gesagt. Es war nie nötig gewesen. Was würde passieren, wenn er Hedwig sagte, dass er nicht mitmachen wollte? Sie wäre sicher total enttäuscht. Und Mo und Annie auch. Sie hatten ja Geburtstag. Aber Dennis wollte nicht. Nein, er wollte nicht.
Er straffte ein wenig seine Schultern (soweit dies eben möglich war, er musste sich ja weiterhin aufstützen). Heute würde er, Dennis Macblair, das erste Mal selber „Nein“ sagen! Jawoll! Er atmete tief durch. Entschlossen nahm der den Becher mit der ekelhaften rosa Bowle und trank ihn in einem Zug aus. Er konnte sich ja einreden, dass es ein Zaubertrank war.
Er atmete tief ein. Bereitete alles darauf vor, dieses eine, kleine und doch so schwierige Wort zu sagen. „Nein“, wiederholte er in seinen Gedanken. „Nein, nein, nein, nein, NEIN!“
Er musste zu Hedda. Er musste es ihr sagen. Langsam drückte er sich vom Tisch weg. Wackelig stand er da, die Schuhe wollten ihm einfach keinen Halt geben. Egal. Er musste es jetzt loswerden.
Er schaute sich um. Wo war Hedwig denn? Die Traube um den Schminktisch hatte sich inzwischen wieder aufgelöst. Er suchte nach Heddas roter Mähne in der Menge, fand sie aber nicht auf Anhieb. Gerade, als er in die Richtung, wo er sie zwischen Annie, Mo und noch ein paar anderen erwartete, losstarksen wollte, tippte ihm jemand auf die Schulter.
„Hey, brauchst du Hilfe damit, wie man auf diesen Schuhen läuft?“
Dennis ganzer Geist war so auf dieses eine „Nein“ konzentriert, dass er es nun nicht mehr schaffte, die Worte, die ihm entgegenschlugen, rechtzeitig zu sortieren.
„NEIN!“, antwortete er, ehe er es vermeiden konnte.
„Oh, okay...“ Elisabetta blinzelte ihn etwas irritiert an. „Ich wollte ja nur nett sein. Du siehst nämlich nicht so aus, als würdest du es heute noch irgendwo hin schaffen...“
Dennis schluckte. Da war sie nun dahin, seine ganze Nein-Energie. Er fühlte sich schuldig, weil er Elisabetta so angblafft hatte. „T... tut mir L... Leid“, stammelte er, den Blick auf den Boden geheftet.
Zu seiner Überraschung lachte die Blonde leise. „Kein Problem. Ich finde die Idee eigentlich auch ziemlich dämlich, aber wenn ich mitspiele, dann habe ich wenigstens meine Ruhe. Hedwig und Annie hätten sicherlich nicht aufgehört zu nerven. Mach es auch so. Spiel mit, so lange es nötig ist und dann hau ab.“
Dennis sah sie überrascht an. Sie zuckte nur mit den Schultern. „Ist doch so.“ Sie wandte sich zum Gehen, verharrte aber noch einen Moment. „Übrigens, wenn du in den Schuhen nicht laufen kannst, zieh sie doch einfach aus und trag sie. Sonst müssen die nachher noch den Notarzt holen, wenn du dir die Füße brichst.“ Sie drehte sich um, warf ihr langes, weißblondes Haar zurück und verzog sich an den Tisch, auf dem immer noch ihre ganze Schminkpalette ausgebreitet war.
Dennis blinzelte. Schuhe ausziehen. Da hätte er ja auch von selber drauf kommen können... Er bückte sich und mit viel Mühe gelang es ihm schließlich, unverletzt beide Highheels von seinen Füßen zu streifen. Gerade als er sich wieder etwas schwummerig aufgerichtet hatte, hörte er eine feixende Stimme hinter sich.
„Na, Denny-Wuzzi-Putzi, selber Denken ist auch nicht so deine Stärke, oder? Sagt die liebe Tante Barbie dir auch immer ein, wann du Ein- und Ausatmen sollst, jetzt wo Mami nicht in der Nähe ist?“
Er fuhr herum. Auf der Bank in der Ecke fläzte Rebecca und schlürfte geräuschvoll mit einem Strohhalm Bowle aus einem der Pony-Becher. Seit eh und je hatte Dennis die Leute bewundert, die immer eine schlagfertige Antwort auf Lager hatten. Er hatte das nämlich nicht. Nie. Nicht mal annähernd. Und wäre ihm zufällig etwas eingefallen, hätte er mit Sicherheit so sehr gestottert, dass es nicht schlagfertig sondern erbärmlich geklungen hätte. Darum versuchte er auch erst gar nicht, etwas zu antworten sondern drehte sich weg. Während er auf Hedwig, Faolán, Annie und Mo, die den improvisierten Laufsteg mit Panzer-Tape markierten, zustolperte, hörte er Rebecca hinter sich keckernd lachen. Und obwohl Dennis solche Situationen eigentlich kannte und gekonnt ignorierte, spürte er, wie ihm schon wieder die Tränen in die Augen stiegen. Bloß jetzt nicht heulen. Er hatte die kleine Gruppe kaum erreicht, als ihm schon Faolán auf die Schulter klopfte.
„Na Dennis, bereit für deinen großen Auftritt?“, lachte er. In Dennis schrie alles. Er wollte laufen. Weit weg. Doch stattdessen tat er, was Elisabetta ihm geraten hatte. Er spielte mit. Und nickte.

Fünf Minuten später schallte die Musik noch lauter als zuvor durch den Raum. Die ganzen Mädchen und Frauen hatten sich auf Stühle und Tische um den abgeklebten Laufsteg auf dem Boden herum gesetzt und klatschten nun im Takt der Musik. Daryl hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Jungs zu „Coachen“. Er schubste alle in eine Reihe (Jack bedachte ihn dafür mit einem Todesblick), dann munterte er sie mit Motivationsrufen aus. „Ihr seht super aus! Los, zeigt was ihr habt! Selbstbewusstsein ist die halbe Miete! Schultern zurück! Brust raus! Und nicht vergessen, mit den Hüften zu wackeln! Ooooh oh oh, Denny, mein Herzchen, du siehst ja ganz blass aus um dein bezauberndes Näschen, geht es dir nicht gut? Warte, bleib wo du bist, ich hole dir was zu trinken.“ Dennis, überrumpelt, gehorchte. Wie immer. Daryl kehrte nur Sekunden später zurück und drückte ihm (schon wieder) einen Becher Bowle in die Hand. „Los los, austrinken, das kurbelt den Kreislauf an!“
Dennis gehorchte. Er trank den ganzen Becher dieses scheußlichen Gesöffs in einem Zug. Einen kurzen Moment glaubte er, würgen zu müssen. Er atmete durch und bemerkte nur am Rande, dass Daryl rief: „Es geht los! Der Erste raus!“
Dennis drückte sich in die dunkelste Ecke und beobachtete, wie Faolán etwas unbehände winkend und Kusshände werfend über den Laufsteg stakste. Die ganzen Mädchen lachten und johlten und klatschten. Und Faolán? Dennis hatte das seltsame Gefühl, dass er die Show genoss.
„Zwei Mal hin und zurück!“, hatte Daryl befohlen. Faolán schaffte die Strecke ohne zu straucheln, dann löste Paul ihn ab, der in seinem Feenkostüm herumhüpfte und mit einem Löffel, den er wie einen Zauberstab schwang, in der Luft herumwedelte. Was war nur mit den ganzen Leuten los? Dennis hatte bis jetzt noch keinen einzigen so albern erlebt. Na gut, mit Ausnahme der Zwillinge vielleicht. Auch Paul hüpfte schließlich zurück und Mo stolperte auf den Laufsteg. Auch er sah auf den hohen Schuhen ziemlich steif aus, was die Menge noch mehr zum Lachen brachte. Mo konnte sich kaum auf den Beinen halten, weil er so sehr mitlachte. „Denny, Herzchen, noch Jack und dann bist du dran!“, kommandierte Daryl. Und Dennis wurde warm. Blut schoss ihm in den Kopf, er konnte förmlich spüren, wie seine Wangen zu glühen begannen. Sein Herz raste. Seine Knie zitterten. Seine Hände schwitzten. Das musste die Aufregung sein. Oh Gott. Gleich würde er eine Panikattacke bekommen! Er sah, wie Daryl Jack etwas unsanft nach vorne schubste, der sich allerdings in dem Moment, da er auf der Bühne stand, von einem Miesepeter in eine waschechte Diva verwandelte und in seinem Marilyn Monroe – Look über die Bühne glitt.
Und dann geschah etwas Seltsames. Anstatt in Panik zu verfallen, wurde Dennis plötzlich ruhig, ja fast gelassen. Eine angenehme Wärme schien seinen Körper zu durchströmen, das Tempo herunterzufahren, die Stimmen und das laute Klatschen der anderen auszublenden. Ihm war ein wenig schwummerig, aber es war ein durchaus angenehmes Gefühl. Ein zufriedenes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht, und als Daryl ihn nach vorne schubste, marschierte er vollkommen selbstverständlich los. Es dauerte einen Moment, bis er das tosende Klatschen registrierte, welches allein ihm gewidmet war. Er richtete sich auf, straffte sich, wandte sich zur Menge und winkte. Annie pfiff durch die Finger und Hedda johlte. Das war sein Applaus. Er hatte noch nie Applaus bekommen! Er stolzierte zum Ende der Markierung, wirbelte herum, tänzelte zurück. Warf Kusshände. Machte seine zweite Runde. Das Hochgefühl hielt an. Daryl löste ihn ab, nicht ohne ihm noch einen Becher Bowle in die Hand zu drücken. Dennis trank ohne zu zögern. Er hatte sich selten so gut gefühlt!
Viel zu schnell war Daryl zurück. „Alle zusammen!“, befahl er, und im Gänsemarsch watschelten sie auf den Laufsteg um sich zu verbeugen. Dennis war überwältigt, als die Zuschauer aufstanden um zu applaudieren.
Daryl hielt irgendeine Ansprache, doch Dennis war viel zu sehr in seinem Rausch gefangen, um zuzuhören. Erst, als er merkte, dass die anderen die markierte Fläche verließen und sich zu den Mädchen gesellten, reagierte er wieder. So schnell seine doch etwas zittrigen Knie es zuließen, folgte er und ließ sich auf einen Stuhl zwischen Hedda und Annie fallen. Ihm war schwindelig, aber das warme Kribbeln hielt nach wie vor an.
„Und nun, meine Damen und Herren, das Highlight des Abends!“, kündigte Daryl, der als einziger auf der Bühne stehen geblieben war, gerade an.
„Hier ist er, der einzige, der wunderbare, der unglaubliche LELAND MONTGOMERY!“
Dennis blinzelte. Dann reckte er, wie alle anderen auch, den Hals. Leland Montgomery stand am Anfang des abgeklebten Laufstegs. Er hatte dunkel geschminkte Augen und blutrote Lippen. Über seinem Jackett trug er ein blaues Paillettenkleid. Dennis bemerkte, dass die Musik gewechselt hatte, war sich aber nicht ganz sicher, ob das schon länger der Fall war. Irgendwie schienen seine Reaktionen etwas verlangsamt zu sein. Er beobachtete, wie Mister Montgomery langsam und bedächtig den Laufsteg auf- und abschritt. Dennis war sich nicht sicher, ob der Hausherr belustigt oder genervt war. Doch als er schließlich in der Mitte des Laufstegs stehen blieb und übertrieben dramatisch knickste, explodierte die Menge und Dennis glaubte, ein kurzes Grinsen über das sonst so ernste Gesicht des Mannes huschen zu sehen.
Daryl zwang nun auch Elisabetta auf die Bühne, um ihr für das grandiose Make Up zu danken. Der tosende Applaus ebbte erst ab, als Ramona sich auf die Bühne stellte und die Hände hob.
„So ihr Lieben, wir Alten ziehen uns jetzt mal zurück, damit das junge Volk noch in Ruhe feiern kann. Seid anständig, haltet euch an die Regeln, keine Zigaretten und vor allem KEIN ALKOHOL (ihr Blick verharrte für eine Sekunde auf Rebecca) und morgen Vormittag ausschlafen und keine Reitstunde. Außer der Stalldienst. Sorry, Claire und Rebecca, aber vielleicht zeigt Jack Erbarmen und ihr fangt eine Stunde später an.“ Sie zwinkerte den Mädchen zu. Dann winkte sie in die Runde und verließ den Saal, gefolgt von Mister Montgomery in seinem Paillettenkleid, sowie der Haushälterin und den Köchinnen. Roswitha hielt in der Tür noch kurz inne, um Bescheid zu sagen, dass es Nachschub an Bowle und Leckereien in der Küche gab, dann verließ auch sie den Saal und zog die mächtige Flügeltür hinter sich zu.

Die Versammlung löste sich ein wenig auf. Die meisten Jungs zogen sich sofort zurück, um sich umzuziehen. Auch Dennis wollte nur noch raus aus diesen Klamotten und seinen eigenen Pulli und vor allem eine HOSE zurück. Allerdings gestaltete das sich schwieriger als gedacht. Als er von seinem Stuhl aufstand, wurde ihm wieder schwindelig. Leicht schwankend bahnte er sich seinen Weg durch den Saal, stützte sich vorsichtshalber an Stühlen, Tischen und Wänden ab. Er brauche eine ganze Weile, bis er endlich wieder in seinen gewohnten Klamotten steckte.
„Hey Dennis, alles okay mit dir?“
Er sah auf. Er saß im Jungenklo im Erdgeschoss auf dem Boden, den Socken halb über den Fuß gezogen. Mo war vor ihm in die Hocke gegangen und sah ihn besorgt an. Dennis nickte, dann begann er zu seiner eigenen Überraschung zu kichern. Mo war immer noch geschminkt, Elisabetta hatte ihm Smokey Eyes und knallroten Lippenstift verpasst, aber sein vor ein paar Minuten noch so aufwändig auftoupiertes Haar war total zerstrubbelt und er trug ein Superman T-Shirt.
Mo stutzte einen Moment, dann stand er auf, warf einen Blick in den Spiegel und stimmte schließlich in das Gekicher ein. Er reichte Dennis eine Hand, der sich endlich den Socken komplett über den Fuß gezogen hatte, Mos Aufforderung folgte und sich von ihm hochziehen ließ.
Als sie kurz darauf in den Partysaal zurückkehrten, herrschte dort ausgesprochen ausgelassene Stimmung. Musik dröhnte und die Gäste hatten sich in Grüppchen zusammengesetzt und versuchten, sich trotz Musik zu unterhalten. Mo stupste Dennis an und deutete auf Jack und Paul, die sich beide nicht umgezogen hatten und nun mit überschlagenen Beinen an einem Tisch saßen und aus Sektgläsern tranken. Dennis grinste. Ihm war nicht mehr so schwindelig wie noch eine Viertelstunde zuvor, aber das warme, lustige Kribbeln war geblieben. Mo schob ihn hinüber zu Hedda, Annie und Faolán, die gemeinsam auf dem Boden im Kreis saßen.
„Alles okay mit dir?“, fragte Hedda, kaum dass Dennis sich gesetzt hatte.
„Alles bestens“, antwortete er, und erst einige Zeit später wurde ihm klar, dass er kein bisschen gestottert hatte.
„Na dann wäre doch mal Zeit für die Pinata, oder?“, quiekte Annie.

*


„Okay Leute, aufgepasst!“ Daryl war in seinem Element. Er hatte sich selber zum Partyleiter erkoren (einfach, weil er es konnte) und so oblag es nun selbstverständlich auch seiner Zuständigkeit, den Kampf mit der Pinata anzuleiten. Annie und Mo waren beide jeweils mit einem Besenstiel bewaffnet und hatten die Augen verbunden. Bis jetzt schienen noch niemandem Zweifel darüber gekommen zu sein, ob es wohl eine gute Idee war, die Zwillinge mit Holzstücken bewaffnet zeitgleich BLIND auf ein Pappmachéeinhorn (oder eben aufeinander) loszulassen.
Aber Daryl hatte in diesem Moment auch sehr viel wichtigere Sorgen. Immerhin war es sein Job als Manager der Party, darauf zu achten, dass auch alle Leute bei der Sache waren. Er klatschte laut in die Hände, als Paul und Jack ihm immer noch nicht ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen lassen wollten.
„Myladys, hier gibt es eine wichtige Veranstaltung, ich bitte doch sehr um Ruhe!“, erhob er streng die Stimme, als Jack und Paul von ihren Gläsern aufsahen. Na also. Es war doch möglich. Er nickte zufrieden, dann wandte er sich wieder seinem eigentlichen Job zu.
„Also, meine Damen und Herren, Ladys and Gentlemen, wir haben uns heute hier versammelt, um dieser wundervollen, in liebevoller Handarbeit gebastelten, einzigartigen Pinata mal so richtig den Hintern zu versohlen!“
Die Zuschauer klatschten und Annie und Mo tippelten ungeduldig hin und her.
„Wohl an, werte Freunde, lasset beginnen das große Spektakel! Knappen, führet eure Herren... äh … und Herrinnen, Verzeihung, Annie, auf die Startpositionen, auf dass sie sich nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen!“
Falolán und Hedwig führten Annie und Mo auf beide Seiten der Pinata und richteten ihre Schlagposition so aus, dass die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich das Einhorn und nicht einen der Umstehenden zu treffen möglichst hoch war.
„Sir Moritz, Lady Antje, seid ihr bereit, für Stolz und Vaterland dieses Einhorn vor unser aller Augen zu zerstören?“
„Also wenn du noch ein bisschen weiter laberst, dann zerstört das Ding sich aus lauter Genervtheit selber!“
Daryl fuhr herum. Natürlich überraschte es ihn nicht, dass dieser Kommentar von Rebecca kam. Er verstand auch gar nicht, warum sie überhaupt hier war. Bis jetzt hatte sie noch keine Sekunde so gewirkt, als hätte sie Spaß an der Feier.
Er schluckte – professionell wie immer – eine böse Bemerkung herunter und ignorierte diese abscheuliche Person. Stattdessen wandte er sich wieder Annie und Mo zu, denen man ansah, dass sie vor Spannung fast platzten.
„Nun denn, meine Freunde, ich zähle nun ein und auf Drei sei es eure Aufgabe, diesem unschuldigen, mit wohlschmeckenden Süßigkeiten gefüllten Fabelwesen den Gar auszumachen! Eins – Zwei – DREI!“
Daryl hatte kaum fertig gezählt, als die beiden schon begannen, wie die Irren auf die Pappmachéfigur einzukloppen. Mit Kampfgebrüll setzten sie Schlag auf Schlag, immer wieder krachten sie mit ihren Stöcken zusammen, was dazu führte, dass Annie ihren Besenstiel wild um sich wedelte.
Hinter sich hörte Daryl, wie Jack „Also ich fahre 'eute keinen von denen in die Notaufnahme“ murmelte. Doch seines Ermessens nach war es noch nicht an der Zeit, einzuschreiten. Dieser Punkt war erst erreicht, als Annie so weit von ihrer ursprünglichen Position abgewichen war, dass sie beinahe eine Leuchte von der Wand fegte.
„Haltet ein!“, erhob Daryl die Stimme. Mo reagierte, doch Annie schleuderte ihren Stiel weiter blindlinks durch die Gegend. „Annie, HALT!“, rief er.
Das Mädchen erstarrte und drehte den Kopf hin und her. Anscheinend wollte sie herausfinden, aus welcher Richtung der Ruf gekommen war.
„Hedda, sei so gut und schieb sie wieder dahin, wo sie hingehört“, bat Daryl. Erst, als die Rothaarige wieder aus der Schusslinie war, gab Daryl den Ring erneut frei. Das Einhorn sah schon deutlich mitgenommen aus, und so brauchte es nur noch wenige Schläge, bis das Material schließlich nachgab. Jubelschreie der Umstehenden brachten die Zwillinge dazu, ihre Stöcke sinken zu lassen und sich die Augenbinden herunterzureißen. Sie stürzten sich auf die Beute, bis sie nichts mehr festhalten konnten. Den Rest ließen sie am Boden liegen.
„Brotkrumen, damit wir später den Heimweg wieder finden!“, scherzte Annie. Die anderen lachten. Sie ließen die Süßigkeiten auf den Tisch fallen, an dem auch Jack und Paul saßen, zu denen sich bereits Claire und Elisabetta gesellt hatten.
„Weil wir nett sind, teilen wir mit euch allen!“, sagte Annie und grinste in die Runde.
„Aber vergesst nicht, für Denny-Pupsi-Schatzilein abzuzählen, wie viele Bonbons er vor dem Schlafengehen noch essen darf! Nicht, dass der Kleine später Bauchschmerzen bekommt!“
Alle Köpfe fuhren herum. Rebecca kauerte immer noch in ihrer Ecke und blitzte die Gruppe mit einer Mischung aus Abscheu und Schadenfreude in den Augen an.
Einen Moment herrschte betretenes Schweigen. Dann startete Daryl einen Versuch, die Situation zu entschärfen.
„Weißt du, meine liebe Rebecca, wir alle verstehen ja deinen Frust darüber, dass du immer so alleine bist. Aber lass mich dir hiermit ein Friedensangebot unterbreiten und mich dich zu uns an den Tisch einladen.“ Er deutete mit einer kleinen Verbeugung auf einen freien Stuhl. Gebannt starrten die anderen zwischen Daryl und Rebecca hin und her.
„Äh... bist du behindert oder so? Was ist falsch in deiner Birne? Ich würde lieber sterben, als mich freiwillig zu dir zu setzten, du kleine Schwuchtel!“
Daryl schnappte nach Luft. Ihm waren ja schon viele unhöfliche Menschen begegnet, aber so etwas wie Rebecca hatte er wirklich noch nicht erlebt. „Dann bleib doch wo der Pfeffer wächst“, zischte er, auch wenn er sich innerlich gleich für diese Ausdrucksweise rügte. Aber bei Rebecca vergaß selbst er seine guten Manieren. Kopfschüttelnd ließ er sich auf den Stuhl sinken, den er Rebecca zuvor angeboten hatte. Er sah Dennis an.
„Willst du dich eigentlich nicht mal gegen ihre blöden Kommentare zur Wehr setzen? Du hast das doch gar nicht nötig, dir diesen Mist immer anzuhören.“
Zu Daryls Überraschung schüttelte Dennis den Kopf.
„Wozu?“, fragte er. „Das gibt ihr doch nur noch mehr Angriffsfläche. So hört sie vielleicht einfach mal irgendwann auf.“
Hedda schnaubte. „Die hört sicherlich nicht von selber auf. Außer du bringst sie um.“ Ein paar lachten, doch Daryl sah Hedda entsetzt an. „Na ist doch so!“. protestierte sie. „Anders bekommt man die sicher nicht ruhig! Und mal ganz im Ernst, es wäre doch wirklich niemand traurig deswegen...“
Es war nur ein kleiner Moment, ein kurzes Zucken, doch Daryl bemerkte es. Eine kleine Regung, die durch Rebeccas Körper lief. Hatte sie Hedwig gehört? Klar, Hedda hatte schon Recht, niemand legte Wert auf Rebeccas Gesellschaft, doch Daryl wäre es nie in den Sinn gekommen, so über eine andere Person zu sprechen.
Doch er wollte kein Spaßverderber sein, und so wechselte er schnell das Thema.
„Annie, Mo, der Abend ist noch jung! Was wollt ihr anfangen mit der ach so wertvollen Zeit, die euch geschenkt wurde?“

*

„Okay okay okay. Annie, Pfoten weg, sonst bekommen wir das nie hin mit dem Aufbauen.“ Faolán schob Annies Hand zur Seite, die schon wieder nach einem Holzklotz gegriffen hatte. Sie hatte bereits die ersten drei Anläufe, den Jenga-Turm aufzustapeln, im Keim erstickt, indem sie alles wieder umgeworfen hatte bei dem Versuch, beim Aufbau zu helfen. Das präparierte Spiel war Faoláns Geschenk an die Zwillinge. Er hatte das mal bei einem seiner Kumpels gesehen: Jeder Stein des Jenga-Turms war mit einer zusätzlichen Aufgabe versehen, die man während seines Zugs erfüllen musste. Natürlich war das Ganze eigentlich als Trinkspiel gedacht, aber da zum einen Alkohol hier verboten war und Faolán selber auch nichts davon hielt, seinen Körper mit so einem Mist vollzupumpen, hatte er die Aufgaben so abgeändert, dass sie auch so lustig und in der Tat auch ein bisschen fies waren. Und letztendlich hatten sie sich zudem darauf geeinigt, dass jeder, der versagte, einen Schluck der völlig übersüßten rosa Bowle trinken musste (Mo war wohl der Einzige, dem das Zeug tatsächlich schmeckte).
Fünf Minuten später stand der Turm schließlich doch. Annie und Mo hatten alle, die sie erwischt hatten, zum Mitspielen verpflichtet. So saßen nun Faolán, Paul, Hedda, Claire, Daryl, Dennis, Elisabetta und natürlich Annie und Mo um den Tisch, jeder einen vollen Becher der Bowle vor sich.
„Wo ist eigentlich Jack, dieser Mistkerl?“, fragte Paul in die Runde. Tatsächlich hatte Jack es geschafft, sich irgendwann unbemerkt zu verdrücken.
„Wahrscheinlich beim Rauchen, mit Becks“, antwortete Claire kühl. Faolán sah sie überrascht an. Er hatte sie nicht nicht wirklich viel reden gehört, vor allem nicht von sich aus.
„Echt jetzt?“, fragte Hedda. „Aber Rebecca darf doch gar nicht rauchen, hat Ramona gesagt.“
Claire zuckte die Schulten. „Das interessiert die doch nicht.“
„Und Jack unterstützt das auch noch?“, hakte Faolán nach. Er mochte Jack gerne, aber dass er ausgerechnet jemanden wie Rebecca auch noch dazu anstiftete, sich Ramonas Regeln zu widersetzen, das fand er wirklich uncool.
Erneut zuckte Claire mit den Schultern, dann deutete sie auf den Jenga-Turm. „Kann mir das jemand erklären?“
Faolán nickte. Im Prinzip hatte Claire ja Recht, es war unsinnig, sich von Rebecca, beziehungsweise von dem, was Rebecca tat, die Laune verderben zu lassen.
„Also das Spiel ist super einfach“, begann er. „Du musst einfach immer irgendwo unten einen Stein aus dem Turm ziehen und ihn oben wieder drauf legen. Auf jedem Stein steht eine Aufgabe, die du erfüllen musst, wenn du das nicht kannst, musst du was von diesem pinken Zeug trinken. Und wenn der Turm umkippt, musst du den ganzen Becher auf Ex leer machen. Verstanden?“
Claire zögerte kurz, dann nickte sie.
„Na dann los, das Geburtstagskind beginnt!“, rief Mo, und ehe jemand widersprechen konnte (Annie hatte den Mund schon geöffnet) begann er, sehr geschickt einen Stein aus dem Turm zu fischen. „Vorlesen!“, forderte Annie sofort und Mo las: „Sprich ab jetzt in einem beliebigen Akzent“.
Er legte den Stein auf die Spitze des Turmes, dann schaute er belustigt in die Runde.
„Sagt mir, ihr Landratten, pirrratisch ist auch ein Akzent, aye?“
„Uh uh uh ich bin!“, quiekte Annie. „Ich will auch was Cooles!“
Hektisch begann sie, einen Stein aus dem Turm zu ziehen. Obwohl das erst der zweite Klotz war und die Konstruktion eigentlich noch recht stabil stand, schaffte Annie es, bereits mit diesem Zug das ganze Konstrukt in eine bedenkliche Schieflage zu versetzen. Sie las laut vor: „Auf Ex. Was heißt das?“
Paul lachte. „Dass du dieses ekelige rosa Klebezeug in einem Zug leer trinken und dir dann einen neuen Becher holen musst.“
„Oooooch!“ Annie wirkte enttäuscht. „Das ist ja langweilig!“ Sie schnappte sich ihren Becher und kippte den Inhalt in sich hinein – naja, und auf ihr Shirt und den halben Tisch. Mit einem lauten Rülpser zeigte sie an, dass sie fertig war.
„Das war ja leicht!“, grinste sie und knallte den Stein auf den ohnehin schon schiefen Turm.
Es brauchte ein paar Runden, bis die Gruppe sich eingespielt hatte. Faolán bemerkte, dass nach und nach alle lockerer wurden. Sie lachten immer mehr und irgendwann schienen auch die noch so peinlichen Aufgaben nicht mehr so tragisch zu sein. Allerdings war das erste Spiel Dank Annies grandiosem ersten Zug bereits in der dritten Runde um. Annie selber war es, die den Turm letztendlich komplett zu Fall brachte.
„Arrrr, Annie, in Neptuns Namen, dafürrr schicken wir dich über die Planke, aye!“, brüllte Mo so laut, dass Annie sich an ihrem Getränk, das sie wieder in einem Zug leeren musste, verschluckte. Während Mo sich auf dem Boden rollte vor Lachen und Dennis und Hedda ihr auf den Rücken klopften, begannen Faolán, Daryl und Paul bereits damit, den Turm erneut aufzubauen.
Es dauerte, bis Annie sich soweit beruhigt hatte, dass sie wieder spielbereit war, denn immer, wenn sie aufhörte zu husten, brachte irgendjemand sie erneut zum Lachen, indem er er erwähnte, dass ihr da rosa Zeug aus der Nase lief. Allerdings hatte die Verzögerung auch etwas Gutes, denn gerade, als sie anfangen wollten, kam Jack hereinspaziert, dem das Kleid anscheinend doch nicht mehr so gut gefallen hatte, denn bis auf die Locken sah er wieder aus wie immer.
„Duuuuuhu kommst uns nicht aus!“, bellte Paul und sprang auf, um Jack an den Tisch zu zwingen. Dieser ließ sich beinahe widerstandslos auf einen Stuhl drücken. Als er sah, was sie spielten, begann er zu grinsen. „Jenga? Na von mir aus...“
Die zweite Runde startete deutlich ausgelassener als die erste. Bereits in den ersten Zügen mussten Dennis, Claire und Hedda ihre Becher auf Ex leer trinken, Paul durfte nur noch mit T-Rex Armen spielen, was besonders in der Kombination mit seinem Feen-Kostüm zu allgemeinen Lachern führte und Annie stellte die Regel auf, dass jeder, der sich über die Süße der Bowle beschwerte, noch einen ganzen Becher davon trinken musste, was wiederum zur Folge hatte, dass die arme Claire direkt nach ihrem ersten Becher noch einen zweiten aufgefüllt bekam. Als Faolán schließlich den Stein aus der Mitte des Turms zog, auf der er aufgefordert wurde, nur noch mit Akzent zu sprechen, und er begann, Alfred Riedls bayerischen Akzent nachzuahmen, konnte sich nicht mal mehr Elisabetta, die bis jetzt alles recht skeptisch beäugt hatte, zusammenreißen. Während Hedda sich eine Lachträne aus den Augen strich, fischte Daryl einen Stein heraus.
„Ab jetzt wird jeder gestraft, der dir auf eine deiner Fragen antwortet“, las er vor. Dann schaute er in die Runde. „Gestraft? Heißt das etwa, schon wieder dieses Klebzeug zu trinken?“
Faolán antwortete absolut unüberlegt. „Ja sicher, was denkst....“ Er brach ab, als die anderen laut loslachten und ihm klar wurde, was das hieß. Bis jetzt hatte er sich erfolgreich davor gedrückt, die Bowle zu kosten. Voller Abneigung besah er sich das rosa Gesöff in seinem Becher. Dann hielt er sich mit einer Hand die Nase zu und nahm einen Schluck. Er schüttelte sich. „Ekelhaft“, murmelte er, woraufhin Annie ihm einen Stoß verpasste. „Ey hast du dich gerade beschwert? Auf Ex, Alter!“
Faolán schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Na gut, Augen zu und durch, immerhin war das Spiel ja seine Idee gewesen...
Als der Turm zum zweiten Mal fiel (dieses Mal war es Paul, der mit seinen T-Rex-Ärmchen einfach wahnsinnig ungeschickt war), hatte jeder in der Runde mindestens einen Becher komplett geleert. Faolán, der nach seinem ersten Ausrutscher noch einen zweiten zu verbuchen hatte, seit dem mit seinen Bemerkungen aber vorsichtiger geworden war, fühlte sich etwas schwummerig. Das Adrenalin und der viele Zucker schienen ihm ziemlich zu Kopfe zu steigen.
Als Dennis die dritte Runde mit einem laut geschmetterten Ständchen begann, stellte Faolán allerdings fest, dass er wohl nicht der einzige war, dem das überzuckerte Zeug nicht bekam. Hedda zog einen Stein, der sie zwang, jemanden zum Armdrücken herauszufordern und sie wählte Daryl, den sie unter lautem Applaus der anderen binnen Sekunden besiegte. Faolán beobachtete gerade Mo, der die Aufgabe „Einer trinkt Drei“ gezogen hatte und seinen dritten Becher Bowle exte, als er von der Seite angestupst wurde. Hedda war neben ihm aufgetaucht. „Sag mal, kommt mir das nur so vor, oder scheint der Zucker eine ähnlich enthemmende Wirkung zu haben wie Alkohol?“, fragte sie lachend. Faolán zuckte mit den Schultern. „Ich war noch nie betrunken, also keine Ahnung, aber ich finde es lustig“, grinste er und rutschte auf der Bank ein wenig zur Seite, so dass Hedda sich neben ihn quetschen konnte.
„Warum hast du Platz getauscht?“, fragte er, erst jetzt fiel es ihn auf. Auf das Gesicht der Rothaarigen stahl sich ein teuflisches Grinsen.
„Sonst wäre ich VOR Annie dran, aber der Turm ist eh schon so schief. Jack schafft sicher noch einen und Dennis glaube ich auch, aber Annie wird der Turm nicht überleben.“
Und Hedwig sollte Recht behalten. Und zwar sowohl was den Turm, als auch was die Wirkung der Bowle anging. Jack wurde aufgefordert, mit seinem rechten Nachbarn sein Oberteil zu tauschen und Faolán staunte nicht schlecht, als Claire einen bühnenreifen Striptease hinlegte, ehe sie Jack ihr T-Shirt vor den Kopf knallte und stattdessen in sein kariertes Hemd schlüpfte. Jack, der ja doch ziemlich breitschultrig war, konnte sich Claires schmales Top allerdings nur über einen Arm ziehen, was Annie dazu veranlasste, laut durch die Finger zu pfeifen. „Kannst du nicht immer so arbeiten?“, quiekte sie.
Faolán konnte beobachten, wie Mo der Kiefer herunterklappte. Er und Hedda, die das offenbar auch gesehen hatte, wechselten einen Blick, dann brachen sie in Gelächter aus.
Auch Dennis schaffte es, wie Hedda es gesagt hatte, noch einen Stein umzuschichten.
„Beantworte eine Frage aus dem Bereich Fantasy!“, stand auf dem Stein.
Ehe ein anderer etwas sagen konnte, rief Faolán in die Runde: „Na gut Dennis, wie viele Zauberer gibt es in Mittelerde?“
Dennis zögerte keine Sekunde. „Fünf Stück. Man nennt diese Istari, allerdings sind zwei verschollen. Übrig sind Gandalf der Graue, eigentlich Olorin, Radagast der Braune, eigentlich Aiwendil, und Saruman der Weiße, eigentlich Curumo. Und die zwei Verschollenen...“
„Okay okay, du hast gewonnen!“ Faolán lachte. Hedda gab neben ihm ein Hüsteln von sich, das verdächtig nach „Nerd“ klang. Dennis grinste, dann sah er Annie auffordernd an, die jetzt die schwierige Aufgabe hatte, den ohnehin schon extrem schwankigen Turm weiter auseinander zu nehmen. Nicht nur Faolán war ausgesprochen überrascht, dass es ihr zumindest gelang, einen Stein zu befreien.
„Wer hat den geilsten Arsch?“, las sie laut vor. „Na, ich natürlich!“, beantwortete sie die Frage selber, dann knallte sie den Stein oben auf den Turm. Mit einem lauten Scheppern brach dieser zusammen.
Faolán lachte, Hedwig schlug mit der Faust auf den Tisch und rief: „Ich hätte darauf wetten sollen!“ und Annie verschüttete erneut die Hälfte ihres Getränks, als sie den Becher leerte. Dieses Mal war sie so nass, dass es ihr niemand übel nahm, dass sie sich etwas Trockenes zum Anziehen holen wollte. Der Turm war schnell wieder aufgebaut und in kürzester Zeit waren alle wieder so in das Spiel vertieft, dass niemandem auffiel, dass Annie gar nicht vom Umziehen zurück kehrte.

*

Becks saß auf der niedrigen steinernen Mauer, die den oberen Treppenabsatz vor der Eingangstür einrahmte. Wenn sie nahe genug an die Hausmauer rutschte, wurden zumindest nur ihre Fußspitzen nass, der Rest ihres Körpers wurde von dem Vordach vor dem ergiebigen Regen, den der Wind in Richtung des Hauses drückte, abgeschirmt. Neben ihr lag bereits eine kleine Pyramide aus Zigarettenstummeln. Sie angelte nach ihrem Tabak, um sich noch eine weitere Kippe zu drehen und fluchte leise. „Ich sollte echt weniger rauchen“, murmelte sie, während sie die letzten Brösel vom Boden der Packung sammelte. Es war ihr letzter Vorrat, den Rest hatte sie ja fein säuberlich über Mister Montgomerys Schreibtisch verteilt.
Sie saß schon eine Weile hier draußen, und zugegebenermaßen war ihr mittlerweile kalt, trotz der riesigen, abgetragenen Lederjacke, die um ihre Schultern hing. Am Nachmittag hatte sie sich vorgenommen, dass sie bei der Party dabei sein würde. Und zwar so richtig, ganz normal, wie alle anderen auch. Auch wenn es ein Kindergeburtstag werden würde, ganz ohne hirnverbranntes Besäufnis (so wie sie eben sonst feierte). Und vielleicht hatte sie sich ja sogar schon ein kleines bisschen darauf gefreut. Doch je später es geworden war, desto mehr war ihr die Lust vergangen. Und dann hatte Claire sie nicht mal gefragt, ob sie mitkommen wollte. Sie hatte irgendwann nur gesagt, dass sie jetzt runter müsse, weil Hedwig, die dumme Schnepfe, und Daryl, dieser Vollidiot, eine Überraschung für die Zwillinge vorbereitet hatten.
Gut, zugegeben, Claire war noch kurz in der Tür stehen geblieben und hatte Rebecca fragend angesehen, aber da war ihre Laune bereits so mies, dass sie nur mit den Schultern gezuckt hatte. „Ja mach doch“, hatte sie gemurrt. Und Claire war ohne sie gegangen. Deswegen war Rebecca auch sauer auf Claire. Sie wusste selber, dass das dumm und grundlos war. Claire hatte ihr nichts getan, wie immer. Aber vielleicht war gerade das das Problem. Claire gab Rebecca eigentlich keinen Grund, sie nicht zu mögen. Also außer, dass sie zufällig auch hier war, an diesem gottverdammten Ort, an dem Rebecca sicherlich nicht sein wollte. Aber sonst... Sie war immer freundlich zu Rebecca, egal, was diese ihr für Beleidigungen an den Kopf warf. Sie nervte nicht, wenn Rebecca laut Musik hörte. Sie beschwerte sich nicht über den Zustand des Zimmers. Sie hatte nicht einmal etwas gesagt, als Rebecca ihr volle Kanne ein Kissen ins Gesicht geschmettert hatte, nur weil Claire gerade ungünstig im Weg stand. Nichts. Keine Reaktion. Und das machte Rebecca wütend. Wäre doch nur mal irgendwas von ihr gekommen, irgendeine Reaktion, die Becks einen Grund gab, Claire nicht zu mögen. Die Zwillinge mochte sie nicht, weil sie laut, anstrengend und hektisch waren. Hedda mochte sie nicht, weil die sie auch nicht mochte. Elisabetta mochte sie nicht, weil die eine dumme Kuh war. Daryl mochte sie nicht, weil er ein behinderte Vollpfosten war und Dennis war ein grauenhaftes Muttersöhnchen. Faolán mochte sie auch nicht. Sein Name war scheiße und seine Mutter auch. Aber Claire? Sie hatte einfach nichts Handfestes gefunden.
So war sie also schmollend im Zimmer geblieben, hatte ein bisschen unmotiviert in ihrem Skizzenbuch herumgekritzelt, schließlich alles wütend mit Edding übermalt, die Seiten herausgerissen, in kleine Fetzen zerlegt und auf dem Fensterbrett angezündet. Eigentlich hatte sie hier oben bleiben wollen, aber seitdem sie doch ab und an arbeitete, hielt sie das Hungergefühl in ihrem Bauch kaum aus, was ihre Laune noch zusätzlich drückte. Normalerweise konnte sie den Hunger mit Rauchen unterdrücken, aber das funktionierte einfach nicht mehr. Also hatte sie sich irgendwann doch dazu überwunden, nach unten zu gehen. Die sogenannte Feier war in vollem Gange, als sie in den Saal schlüpfte und sich am Buffet an dem mittlerweile kalten Fingerfood bediente. Elisabetta, die Ziege, hatte wohl einen Schminkstand aufgebaut – was machten sie da, eine „Ich zeige heute mein wahres Geschlecht“- Challenge? Das würde zumindest erklären, warum die ganzen angeblichen Jungs in einem Haufen Frauenkleidern wühlten. Eine ganze Weile hatte Becks versucht, das Theater schweigend zu verfolgen. Hatte sich in eine Ecke verzogen, wo die anderen sie in Ruhe ließen. Sollten die doch ihren Kindergeburtstag feiern, wenn ihnen das Spaß machte. Aber je länger sie dort so alleine saß, desto größer wurde ihr Frust. Und diesen Frust hatte sie an irgendwem auslassen müssen. Dennis, dieses Weichei, war wie gemacht dafür. Man konnte ihn nach Herzenslust beschimpfen und wenn man Glück hatte, dann fing er sogar an zu heulen. Und überhaupt, er war ja selber Schuld, dass er so ein Opfer war, da konnte sie ja nun mal gar nichts dafür.
Anfangs hatte es auch geholfen, ihn zu dissen. Aber dann hatten sich die anderen eingeschaltet. Dazwischengedrängt. Alle gegen einen. Das fand Rebecca absolut unfair. Sie spürte wieder diese Wut in sich. Wut, die sie schwer beherrschen konnte. Und so ergriff sie die nächstbeste Gelegenheit, in der ihr keiner in die Quere kommen konnte und verließ den Saal. Stürmte hinaus in den Hof, in den prasselnden Regen. Sie sah rot. Sie hasste es, wenn sie die Kontrolle verlor. Am liebsten hätte sie auf irgendetwas (oder jemanden) eingeprügelt. Aber es war mitten in der Nacht im Nirgendwo. Dort war niemand. Und es war verfickt noch mal verdammt nass. Und arschkalt. Deswegen blieb ihr nur ein Ausweg – Nikotin. Sie hatte sich also den trockensten Fleck gesucht, den sie vor dem Haus finden konnte und sich dort hin gekauert. Nach einer Weile, wie lange genau konnte sie nicht sagen, aber zumindest hatte sie sich weitestgehend wieder beruhigt, kam Jack nach draußen. Er hatte sich wohl wieder umgezogen und die Schminke aus dem Gesicht gewaschen. Er schien wenig erstaunt, Rebecca hier anzutreffen. Er zog seine Lederjacke enger um sich, dann hockte er sich neben Rebecca auf den Boden.
Eine ganze Weile saßen sie schweigend nebeneinander und beobachteten, wie der Wind die Rauchschwaden ihrer Zigaretten davon trug.
„Warum spielst du nicht mal eine Runde mit?“, fragte Jack irgendwann. Rebecca sah ihn überrascht an. „Bist du bescheuert? Bei dem Kindergarten?“ Sie versuchte, sauer zu klingen. Aber irgendwie wollte es nicht gelingen. Becks war nicht sauer. Auch wenn sie es sich in diesem Moment nicht eingestehen wollte, wusste sie es doch: Sie war traurig. Traurig, verletzt, enttäuscht.
Jack drehte sich ein wenig mehr in ihre Richtung und sah sie an, sah ihr direkt ins Gesicht.
„Weißt du, du machst dir das Leben aber wirklich auch selber schwer. Paul und ich spielen auch mit. Es macht Spaß. Willst du dem Ganzen nicht mal eine Chance geben?“
Einen kurzen Moment hielt Rebecca dem Blick stand, doch ehe sie antwortete, sah sie weg.
„Die wollen mich doch eh nicht dabei haben. Die finden mich doch alle genau so scheiße wie ich sie!“ Sie spuckte auf die Treppe vor sich.
„Du könntest sie davon überzeugen, dass du eigentlich ganz nett bist. Meinst du nicht?“
Rebecca schnaubte. „Will ich aber nicht. Ich bin nicht nett und ich will auch nicht nett sein.“
Jack schmunzelte. „Jaja, red dir das nur ein, Prinzessin. Ich geh' jetzt jedenfalls wieder rein, 'ier draußen ist es mir echt zu kalt.“ Er stand auf und streckte sich.
„Jaja, mach das, Marilyn. Nicht, dass dir hier deine zarten Füßchen abfrieren!“, feixte sie. Jack schnippte ihr mit dem Zeigefinger gegen den Kopf. „Sei nicht so frech, sonst vergess' ich mich!“, warnte er. Becks hob nur den Mittelfinger, schaute aber absichtlich weg. Der sollte bloß nicht sehen, dass er sie zum Grinsen gebracht hatte.
Sie hatte eigentlich gedacht, dass er schon weg war, als sie etwas sehr Warmes an ihren Schultern fühlte. Als sie sich ruckartig umdrehte, fiel gerade die große Flügeltür hinter Jack zu. Becks tastete an ihre Schultern. Seine Lederjacke lag dort, schwer und warm. Dieser Mistkerl! Sie fluchte leise und zog die Jacke enger um sich.

Sie hatte also nun eine Jacke, aber keinen Tabak mehr. Rebecca seufzte. Sie suchte in ihren Hosentaschen, ob sie irgendwo noch einen Rest fand, den man noch zu einer Kippe drehen konnte. Ihre Finger ertasteten eine kleine Dose. Sie fischte sie hervor. Es war ihre TicTac Box. Sie schüttelte sie und lauschte dem Klang der kleinen weißen Pillen, die hin und her geschüttelt wurden. Gedankenverloren rappelte sie mit der Box einen Rhythmus, als sie plötzlich eine schüchterne Stimme neben sich vernahm.
„Becks...?“
Reflexartig schloss sie die Hand um die Dose und sah sich um. Überrascht stellte sie fest, dass Annie in der Tür stand und sie mit großen Augen ansah. Rebecca hob die Augenbrauen.
„Darf ich mich hersetzen?“, fragte Annie vorsichtig. Rebecca legte den Kopf schief. „Klar, ist ja nicht mein Privatplatz hier.“
„Ähähä ja stimmt“, lachte Annie unsicher und ließ sich an der selben Stelle fallen, an der zuvor auch Jack gesessen hatte. Rebecca konnte trotz des wenigen Lichts erkennen, dass ihre Wangen ganz rosa angelaufen waren. „Was gibt’s?“, fragte sie. Annie schaute auf ihre Hände, dann zu Becks. „Hm, naja eigentlich nichts, aber... also... du bist doch immer so allein, das ist doch doof!“
Rebecca wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Aber Annie schien das gar nicht zu merken, denn sie plapperte schon weiter. „Also naja, ich habe halt gedacht, vielleicht willst du ja reinkommen? Also ich meine, hier ist doch saukalt. Und drinnen ist es voll warm! Und es gibt Bowle, also naja die ist … etwas süß... aber sie ist rosa!“
Langsam drehte Becks sich um und sah das Mädchen an. „Ähm, Annie, dir ist aber schon klar, dass eigentlich niemand will, dass ich mit rein komme, oder?“ Annie zögerte einen Moment, ehe sie antwortete. „Naja, also... ich würde mich freuen, wenn du rein kommst.“
Und ehe Becks es verhindern konnte, spürte sie eine Welle von Zuneigung für Annie in sich aufsteigen. Das durfte nicht sein. Hektisch rappelte sie mit der Dose in ihrer Hand. Sie durfte jetzt nicht weich werden. Doch irgendwie schien da plötzlich eine unüberwindbare Hürde zu sein, die verhinderte, dass sie Annie beschimpfte. Sie brauchte einen Plan, und zwar schnell. Gerade, als sie fieberhaft überlegte, wie sie Annie jetzt schnell loswurde, meldete das Mädchen sich wieder zu Wort.
„Hey hast du da TicTacs?“ Rebecca hielt inne und schielte zu der Dose in ihrer Hand. Einen kurzen Moment rang sie mit sich, doch dann hatte sie sich endlich wieder im Griff.
„Ja... möchtest du eins?“
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