Das Leben ist kein Ponyhof - Das Geheimnis von Whitehorse Castle (MMFF-Anmeldung geschlossen)

MitmachgeschichteMystery, Freundschaft / P16 Slash
02.08.2016
15.08.2020
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12.08.2018 8.298
 
Eigentlich, so dachte Elisabetta, die – wie jeden Morgen – kerzengerade im Bett saß, müsste sie sich langsam an Annies grässlichen Wecker gewöhnt haben. Doch wieder einmal hämmerte ihr Herz wie verrückt und am liebsten hätte sie ihrer Zimmergenossin den Hals umgedreht.
Obwohl Annie dem Vorschlag zugestimmt hatte, dass Elisabetta ihren Wecker stellte und Annie dafür auf ihre grauenvolle Nebelhorn-Nachbildung verzichtete, trötete diese Folterwaffe nach wie vor jeden Morgen fröhlich vor sich hin.
Zugegeben, Elisabetta war sich nicht sicher, ob es weniger schlimm gewesen wäre, wenn sie Annie jeden Morgen hätte wecken müssen, aber dieses migräneverursachende Gräuel konnte eigentlich von nichts übertrumpft werden, nicht mal von einem um sich schlagenden Teenager.
Wie jeden Morgen zeigte Annie auch heute keinerlei Regung auf das fürchterliche Getröte, auch nicht, als Elisabetta ihr Kopfkissen ins andere Bett schmetterte. Sie hatte einfach langsam keine Geduld mehr mit dem Mädchen.
Den Verzweiflungstränen nahe blieb ihr schließlich nichts anderes übrig, als sich aus dem Bett zu wälzen und den Wecker selber zum Schweigen zu bringen. Hätte sie hierfür doch bloß einen Baseballschläger besessen...
Das Tuten des Weckers dröhnte in der Stille nach und Elisabetta wollte gerade Annie anschnauzen, als ihr auffiel, dass das Bett leer war. Irritiert angelte sie sich ihr Kopfkissen und starrte auf das verwüstete Bett. Es war ihr vorher nicht aufgefallen, dass Annie nicht mehr darin lag, weil Decke und Kopfkissen des Mädchens so verknäuelt waren, dass es für Elisabetta ohne Brille ausgesehen hatte, als würde jemand unter dem Bettzeug eingegraben liegen.
Aber wo konnte Annie stecken? Elisabettas Blick glitt durchs Zimmer um festzustellen, ob irgendetwas auf Annies Verbleib hinwies, doch bei dem Chaos, das diese Tag für Tag in dem gesamten Raum hinterließ, war es schwer zu sagen, ob irgendwelche Klamotten von ihr fehlten. Schließlich blieb Elisabettas Blick an der Badtüre hängen. Konnte es sein, dass die Dusche lief? Aber was um alles in der Welt würde Annie dazu veranlassen, vor ihrem Wecker das Bett zu verlassen und dann auch noch zu DUSCHEN? (Elisabetta hatte eigentlich bis jetzt den Eindruck gehabt, dass Annie und die Dusche sich noch nicht näher kennengelernt hatten.)
Sie hatte sich gerade auf ihr Bett zurück fallen lassen, die Hände an den Schläfen, die schon wieder schmerzhaft pochten, als ein weiterer Faktor ihre sich anbahnende Migräne verstärkte und zeitgleich ihr Nervenkostüm weiter ausdünnte.
POCH POCH POCH!
Es hämmerte an die Tür. Direkt darauf folgte ein: „Annie?“
Und dann...
POCH POCH POCH!
„Annie?“
POCH POCH POCH!
„Annie?“

Elisabetta hätte am liebsten geschrien. Seit Mitte der Woche ging das nun schon so, jedes Mal, wenn Mo etwas von seiner Schwester wollte. Aus irgendwelchen, ihr absolut unverständlichen Gründen war Dennis, dieser Vollpfosten, auf die Idee gekommen, den Zwillingen Folgen der Serie „The Big Bang Theorie“ zu zeigen. Und es hatte nur Minuten gebraucht, bis Mo aufgefallen war, dass er das Klopfritual, das eine der Figuren in der Serie ständig anwendete, von „Klopf Klopf Klopf – Penny“ zu „Klopf Klopf Klopf – Annie“ abändern konnte.
Elisabetta hatte das Bedürfnis, ihren Kopf dreimal gegen den Bettrahmen zu schlagen, aber sie befürchtete, dass sie das nicht umbringen, aber ihre Kopfschmerzen erheblich verstärken würde.
Bevor sie aber irgendetwas unternehmen konnte, wurde die Badtüre aufgerissen und Annie stürmte heraus. Sie hatte tatsächlich nasse Haare und anscheinend war sie noch nicht ganz fertig, denn sie trug nur ein T-Shirt und ihre Schlafshorts. Sie öffnete die Zimmertür etwas zu schwungvoll, so dass sie gegen den Wandschrank krachte.
„MO!“, quiekte sie.
„ANNIE!“, schrie er zurück. Gerade, als Elisabetta sich fragte, was das jetzt wieder für ein durchgeknalltes Ritual werden sollte, beantwortete Mo das mit einem weiteren Ausruf:
„ALLES GUTE ZUM GEBURTSTAG!“
Ach ja. Sie hatte es verdrängt. Elisabetta ließ sich ins Bett fallen und zog sich die Decke über den Kopf. Wie hatte sie das nur vergessen können, nach all dem Trubel, den Annie und Mo die ganze Woche über schon gemacht hatten?
Zu Beginn der Woche hatte ja zwischen den Geschwistern noch Funkstille geherrscht, aber aus irgendeinem Grund hatten sie sich wohl doch wieder versöhnt und so gab es bei ihnen nur noch ein Thema: Geburtstag.
Gemeinsam mit Hedwig und Dennis hatten sie jede einzelne Mahlzeit damit verbracht, lautstark eine Party für den Abend zu planen. Elisabetta vermutete, dass sie auch außerhalb der Essenszeiten geplant hatten, aber in dieser Zeit hatte sie sich ihrer Gesellschaft entziehen können.
Fakt war aber, dass es an diesem Abend eine Feier geben würde. Und sie hoffte inständig, dass sie eine Möglichkeit fand, sich davor zu drücken.
Regungslos verweilte sie unter der Bettdecke, während Annie mehrfach durch das Zimmer trampelte. Ein Elefant im Porzellanladen hätte dagegen wohl wie eine leichtfüßige Elfe gewirkt.
Erst, als die Zimmertür mit einem lauten Krachen zufiel, wagte Elisabetta es, die Decke zurückzuschlagen. Mit einem Mal war es ganz still im Zimmer. Angenehm still. Elisabetta atmete mehrmals tief durch. Sie war erst seit zwei Wochen hier. Also erst ein Drittel der Zeit, die sie bleiben musste. Und doch kam es ihr schon vor wie eine Ewigkeit. Elisabetta war nervlich schon seit Tagen völlig am Ende. Sie ertrug die Zwillinge nicht, die andauernde schwüle Hitze verursachte bei ihr andauernde Kopfschmerzen und nach wie vor wurde ihr von dem Geruch der Pferde übel. Sie wusste, dass Ramona sich alle Mühe gab, ihr den Umgang mit den Tieren und den ganzen Aufenthalt so schmackhaft wie möglich zu machen, aber es war einfach nicht Elisabettas Welt und das würde es mit Sicherheit auch niemals werden.
Sie vermisste ihr Leben in der Stadt, die Menschenmengen, die Möglichkeiten, jederzeit Einkaufen zu gehen und vor allem vermisste sie ihre Freunde. Soziale Kontakte auf ihrer Wellenlänge. Etwas, das sie hier definitiv nicht finden würde. Claire war zwar ganz nett, aber Elisabetta war von ihrer langsamen, verplanten Art zunehmend genervt und tat sich mittlerweile wirklich schwer, geduldig zu bleiben. Auch Jack, von dem sie sich anfangs viel erhofft hatte, hatte sich mittlerweile als Enttäuschung entpuppt. Tatsächlich schien der nämlich wirklich keine anderen Interessen als die Arbeit und seine Pferde zu haben.
Einen verzweifelten Moment lang dachte Elisabetta ernsthaft darüber nach, einfach im Bett zu bleiben und bis zum Ende der Ferien nicht mehr aufzustehen. Aber das Pochen in ihren Schläfen nahm unheilverkündend zu und sie wusste, dass Herumliegen alles andere als produktiv war.
Schwerfällig pellte sie sich aus ihrer Decke und schleppte sich ins Bad. Nach einer langen, ausgiebigen Dusche, intensiver Hautpflege und einer sorgfältigen Make-Up-Session blieb ihr schließlich keine Ausrede mehr übrig, das Frühstück noch länger hinauszuzögern. Sie schlüpfte in eine frische Jeans und eine saubere Bluse (und sie war wirklich froh, dass es die Möglichkeit gab, hier Wäsche zu waschen, denn langsam gingen ihr die Kleidungsstücke, die nicht nach Pferd stanken aus) und machte sich auf den Weg nach unten. Fast schon aus Gewohnheit klopfte sie bei Claire an, die sich – wie immer schweigend – zu ihr gesellte.
Schon als sie die letzten Stufen hinunter stiegen, schlug ihnen der Lärm aus dem Speisesaal entgegen. Es lief Musik, lautes Lachen und das Klirren von Besteck drang zu ihnen hinüber. Über der Breiten Flügeltür hatte jemand eine bunte „Happy Birthday“-Girlande angebracht und links und rechts der Türflügel schwebten grellbunte Heliumballons in Form von kitschigen Tieren. Elisabetta und Claire wechselten einen vielsagenden Blick, ehe sie tief Luft holten und den Raum betraten.
Es war deutlich mehr los als die letzten Tage. Nicht nur Dennis und die Horrortwins hatten das Frühstücksbuffet bereits gestürmt. Auch Hedwig, Paul und der schräge Typ mit dem gelben Hut, um den Elisabetta bis jetzt jedes Mal, wenn er aufgetaucht war, einen großen Bogen gemacht hatte, waren da. Die Montgomerys, Jack, sowie beide Köchinnen und die Haushälterin und sogar Rebecca saßen ebenfalls mit an dem großen Tisch, in dessen Mitte eine Torte prangte, ein wahres Kunstwerk, wie Elisabetta zugeben musste, denn sie war mit grünem Fondant überzogen und offenbar hatte irgendjemand ausreichend handwerkliches Geschick bewiesen, um ziemlich realistische Nachbildungen der Lieblingsponys der beiden zu formen und farblich passend zu gestalten. Elisabetta war ernsthaft überrascht, dass der Kuchen noch vollständig unbeschädigt war.
Die beiden Mädchen holten sich etwas zu essen und Elisabetta hatte schon ihren Stammplatz am Fenster angepeilt, als ihr auffiel, dass Claire in eine andere Richtung steuerte. Sie folge Claires Blick und erkannte Paul, der aufgerutscht war und auf den Platz neben sich deutete. Da ihm gegenüber ebenfalls ein Stuhl frei war, blieb Elisabetta keine Wahl, als sich zu den anderen an den Gemeinschaftstisch zu setzen, auch wenn alles in ihr sich dagegen sträubte. Doch eines war ihr schon jetzt klar: Wenn der MORGEN schon so schrecklich begann, würde der ABEND der Horror werden.

*


Im Gegensatz zu Elisabetta freute Daryl sich auf den Tag. Er hatte sich extra von all seinen anderen Verpflichtungen frei gemacht, damit er den ganzen Tag am Hof sein konnte. Bereits zu Beginn der Woche hatte Hedwig ihn um Unterstützung gebeten für die Vorbereitung einer Geburtstagsparty für Annie und Mo. Und wenn es etwas gab, das Daryl gut konnte, dann war das, für eine spektakuläre Veranstaltung zu sorgen (auch wenn er nicht verstehen konnte, warum Hedwig gegen einen Soloauftritt seinerseits war). Gemeinsam mit Hedda hatte er einiges geplant und die kleine Rothaarige hatte ihr Vorhaben mit den Montgomerys und allen anderen am Hof abgeklärt.
Daryl kannte die Twins nicht so gut wie Hedwig, aber sie waren ihm sympathisch und mit den beiden gab es immer jede Menge zu lachen.
Allerdings war die Geburtstagsfeier am Abend nicht der einzige Grund, warum er sich auf den Tag freute. Daryl hatte immer viel zu tun. Er hatte seine Band, arbeitete an seiner Karriere auf der großen Broadway-Bühne und hatte ja auch noch eine Familie, die bespaßt werden wollte. Und so blieb in letzter Zeit seine geliebte Charlene immer mehr auf der Strecke.
Er wusste natürlich, dass es der Stute hier am Hof nicht schlecht erging, aber er war davon überzeugt, dass eine Dame wie Charlene es war, es nicht verdiente, ständig vernachlässigt zu werden. Deswegen verließ er direkt nach dem ausgiebigen Geburtstagsfrühstück den Saal und schlenderte hinaus in den Auslauf. Er fand sein Pferd am Rand der Weide, wo sie mit einer ziemlich beeindruckenden Verrenkung versuchte, das junge Gras auf der anderen Seite des Zaunes zu erreichen. Entrüstet schüttelte Daryl den Kopf. Denn abgesehen von diesem absolut undamenhaften Verhalten war Charlene auch nicht mehr weiß, wie sie es eigentlich sein sollte, sondern komplett überzogen von braunen und grünen Dreckflecken.
„Also Charlene, mein Herz, meine Augenweide, was hast du dir nur dabei gedacht? Hast du denn deine ganze gute Erziehung vergessen?“, tadelte er das Pferd. Von der Stimme ihres Besitzers aufgerüttelt hob die Stute ihren schönen Kopf und sah Daryl aus großen, schwarzen Augen an.
„Nein, nein, Fräulein, du brauchst mich nun gar nicht so anzusehen! Also wirklich, dieses Verhalten ziemt sich nicht für eine Dame!“ Er hob den Zeigefinger und fuchtelte damit vor Charlenes Nase herum. Die Stute zeigte sich allerdings recht wenig beeindruckt von der Rüge ihres Besitzers. Viel mehr interessierte sie sich für die Karotte, die sie in Drayls Westentasche entdeckt hatte. Beinahe zärtlich stupste sie gegen seine Seite.
„Nein, Charlene! Du bekommst dein Leckerchen nur, wenn du dich entschuldigst!“
Doch Charlene ließ nicht lockernd. Wieder und wieder stupste sie Daryl an, sanft, aber doch deutlich fordernd. Schließlich gab Daryl auf. Er seufzte, dann lächelte er. „Na gut, du hast gewonnen, meine Schönheit. Aber du versprichst mir, dass du dich besserst, ja?“ Er zog die Karotte aus seiner Tasche und ließ Charlene sie aus seiner Hand nehmen. Ihre weichen Lippen berührten dabei seine Finger und er strich über ihre edle Nase.
„Na, fütterst du den fetten Gaul noch ein bisschen fetter, damit man ihn demnächst nach draußen rollen kann?“
Daryl fuhr herum. Ein paar Meter entfernt stand Rebecca, die ihn feixend mit verschränkten Armen beobachtete. Daryl schnappte empört nach Luft. SEINE Charlene und FETT?
„Charlene ist nicht fett!“, wetterte er. „Sie ist ein BAROCKPFERD, dementsprechend ist ihr Körperbau eben auch BAROCK!“ Rebecca brach in schnaubendes Lachen aus, was Daryl auf die Palme brachte. NIEMAND! Nannte seine Charlene fett!
„Also, das ist doch eine Unverschämtheit! Eine Dame fett zu nennen, hast du eigentlich keine Manieren, Mädchen? Du verletzt Charlenes Gefühle damit! Sie ist so sensibel, es würde mich nicht wundern, wenn sie wegen dir in eine tiefe Depression stürzt! Nicht auszudenken!“ Mit einer dramatischen Handbewegung fasste er sich an die Stirn. Leider hatte das nicht die gewünschte Wirkung. Anstatt sich bei Charlene zu entschuldigen, wie es sich Daryls Meinung nach gehört hätte, lachte Rebecca noch lauter. „Ooooh ja, der Rollmops wird depressiv, vielleicht frisst sie dann mal weniger. Schaden würde es ihr nicht!“
Daryl hätte explodieren können. Doch ein Gentleman tat dies nicht. Er verlor niemals die Fassung. Deswegen atmete er tief durch, ehe er wieder sprach. Allerdings nicht mit Rebecca, sondern zu Charlene.
„Komm, meine Schönheit. Diese unqualifizierten Bemerkungen müssen wir uns nicht länger anhören. Oh, nun schau nicht so traurig, dieses arme, unwissende Mädchen hat doch nur keine Ahnung, wie man sich in Gegenwart einer edlen Dame richtig verhält. Komm, mein wundervoller Schatz!“ Er zog Charlene ihr mit Strasssteinen besetztes, roséfarbenes Halfter über die Ohren (sie hatte sich dieses Modell selbstverständlich selbst ausgesucht, und was die Dame verlangte, bekam sie auch!), schnappte sich den farblich passenden Strick und marschierte erhobenen Hauptes an der immer noch lachenden Rebecca vorbei.
„Pass auf, dass sie den Berg nicht wieder runterrollt!“, rief sie ihm hinterher. Daryl ignorierte sie gekonnt. Erst, als der das Tor zum Stalltor erreicht hatte, sah er sich noch einmal um und konnte gerade noch sehen, wie Rebecca Lady im Vorbeigehen einen Klaps aufs Hinterteil gab. Sekunden später erwischte er sich dabei, wie er ihr wünschte, dass Lady in gewohnter Manier austrat, rügte sich aber sofort selber dafür. Das Mädchen konnte ja vermutlich auch nichts für ihre Erziehung.
Eigentlich war Daryl die Lust am Reiten vergangen. Nicht, weil er keine Lust auf Charlene hatte, im Gegenteil. Eher, weil er befürchtete, dass sie sich nach Rebeccas Gerede schlecht fühlte und eigentlich keine Energie hatte, nun auch noch jemanden durch die Gegend zu tragen. Er beschloss daher, sie zunächst mit einem angemessenen zweiten Frühstück, bestehend aus Hafer, Müsli und einigen frischen Äpfeln, zu besänftigen und ihr in der Zeit eine Rundum-Wellness-Behandlung zu verpassen.
Etwa zwei Stunden lang schrubbte er mit viel Mühe und speziellen Bürsten, sowie einem nach Honig und Kokosmilch duftenden Pflegeshampoo alle Schmutzstellen aus Charlenes perlmuttfarbenem Fell. Auch ihre silberne Mähne und den gleichfarbigen Schweif wusch er und nach mehrfacher Behandlung mit einem speziellen Glanzspray fiel das edle Langhaar wieder in wallender Pracht über ihren Hals und an ihren Hinterbeinen entlang. Auch Charlenes Hufe waren mit speziellem Huföl eingefettet und glänzten nun dunkelschwarz.
Doch Daryl wusste aus Erfahrung, dass besonders die Mähnenpracht nicht lange halten würde. Nur ein kleiner Windhauch würde die perfekte Frisur schon wieder durcheinander bringen. Daher flocht er Charlenes Mähne immer in regelmäßige Zöpfe, die nicht so schnell verwurschtelten. Er war so konzentriert, dass er nicht einmal mitbekam, dass zwischendurch die Twins, Dennis und Hedda und sogar Elisabetta auftauchten, ihre Pferde herrichteten und wieder verschwanden. Nein, Daryls Aufmerksamkeit gehörte einzig und allein seiner Herzensdame.
Als er fertig war, ging er ein paar Meter zurück und begutachtete sein Werk. Charlene war wunderschön. Er war sicher, dass die Stute das ebenso sah, denn sie wirkte, wie er fand, bei weitem nicht mehr so niedergeschlagen wie ein paar Stunden zuvor.
„Was meinst du, meine Schönheit, sollen wir eine Runde drehen?“, fragte er, als er wieder zu seinem Pferd trat und die Finger über das glatte, schon wieder fast trockene Fell gleiten ließ. Charlene stupste ihn an und Daryl deutete das als Zustimmung. Dass sie möglicherweise nur nach einem weiteren Leckerchen gesucht hatte, das kam ihm nicht in den Sinn.
Daryl sattelte sein Pferd (und musste doch noch einmal kurz über Rebeccas Worte, die er eigentlich hatte vergessen wollen, nachgrübeln, als er den Sattelgurt nur noch mit Mühe und Not schließen konnte), dann tauschte er seinen Hut gegen einen Reithelm mit leuchtend grünem Samtüberzug, der seiner Meinung nach unendlich gut zu seiner kanariengelben Reithose passte, und schwang sich schließlich mehr oder weniger elegant in den Sattel. (Zu seiner Verteidigung sollte hier natürlich angemerkt werden, dass Charlene mit ihren 1,60 Meter Stockmaß ja jetzt nicht soooo klein war). Er wollte eigentlich gerne mit seiner Dame in die Reithalle, weil sie dort nicht von der intensiven Sonneneinstrahlung heimgesucht wurden, und fast nichts war Daryl wichtiger als eine gepflegte, helle Haut, doch bereits zwei Meter vor dem Hallentor blieb Charlene stehen und weigerte sich, auch nur noch einen weiteren Schritt in diese Richtung zu machen. Und weil Daryl nun mal ein Gentleman war, fügte er sich dem Willen der Dame. Dann eben doch ausreiten.

*


„Okay warte. Wir bauen hier drüben den Tisch für die Geschenke hin, da brauchen wir die Papiertischdecke mit den Pferdchen drauf.“
Daryl wühlte in dem Haufen Sachen, die Hedda und er nach dem Mittagessen zu erst zum Lagerfeuerplatz und dann doch wieder nach drinnen in den Speisesaal geschleppt hatten. Gerade nämlich, als sie endlich alles hinterm Haus stehen hatten, waren dichte Wolken aufgezogen und es hatte angefangen zu regnen. Während es zunächst noch nach einem kleinen Sommer-Nieselschauer ausgesehen hatte, war das ganze mittlerweile mehr zu einem ausgewachsenen Wolkenbruch geworden und selbst wenn es bis zum Abend aufgehört hätte, so wäre doch die komplette Feuerstelle und alles drumherum pitschnass gewesen.
„Wo ist die Decke denn, Hedwig? Ich kann mich gar nicht erinnern, die heute überhaupt schon mal gesehen zu haben.“
Hedda, die gerade ziemlich verrenkt versuchte, eine glitzernde Girlande oberhalb der hohen Fenster anzubringen und dazu einen Stuhl auf einen Tisch gestellt hatte (das Ganze wirkte von außen doch ziemlich wackelig), sah hinunter zu Daryl, der inmitten einem Haufen Dekorationsartikel saß.
„Keine Ahnung, Jack hat gesagt, dass er sie mitgebracht und zu den anderen Sachen gelegt hat. Die muss da irgendwo sein!“
Daryl seufzte, dann begann er erneut, den Haufen zu durchwühlen und Hedda stellte sich auf die Zehenspitzen bei dem Versuch, die einen Reißnagel in die Wand zu drücken. Keiner von beiden bemerkte, wie eine dritte Person den Raum betrat.
„Oh, wow, das sieht ja spektakulär aus was ihr hier macht. Habt ihr euch gedacht, ihr lasst es einfach von Anfang an so aussehen, als hätte eine Bombe eingeschlagen, damit es nicht so auffällt, dass Annie und Mo alles verwüsten?“
Hedda fuhr so schwungvoll auf dem Stuhl herum, dass dieser bedenklich zu schwanken begann und sie fast das Gleichgewicht verloren hätte.
„Faolán!“ Ihr Gesicht hellte sich auf, als sie den großen, langhaarigen Blonden erblickte, der sie breit grinsend ansah. Er wirkte nach wie vor etwas blasser als gewohnt, aber immerhin war er nicht mehr grün um die Nase.
„Hey du hast gar nicht gesagt, dass du gesund genug bist, dass du kommen kannst!“ Sie kletterte von ihrer improvisierten Leiter, um ihn zur Begrüßung zu umarmen. „Wir haben uns echt Sorgen um dich gemacht, geht es dir wirklich wieder besser?“, fragte sie und klang dabei deutlich ernster.
Faolán lachte. „Ja, mir geht’s echt wieder ganz gut. Ich konnte dir nicht früher Bescheid geben, weil ich erst vor etwa einer halben Stunde meine Mutti davon überzeugen konnte, dass ich herkommen darf. Aber hey, die Geburtstagsparty will ich mir nicht entgehen lassen, vor allem, nachdem ich selber keine feiern konnte.“
Er sah sich im Raum um. „Was hast du da oben gemacht?“, fragte er Hedda schließlich und deutete auf ihre Tisch-Stuhl-Kombination.
Seufzend hob sie die Girlande. „Ich wollte die über dem Fenster aufhängen, aber ich bin einfach zu klein.“
Faolán sah erst Hedda, dann die Girlande und dann das Fenster an.
„Verstehe. Na, das klingt doch nach einem Job für mich.“ Er grinste, dann schnappte er Hedda die Girlande aus der Hand. Faolán hatte natürlich Recht, er war fast zwei Meter groß, während Hedda nicht mal die 1,60 geschafft hatte.
„Na gut, aber pass auf, das wackelt echt ziemlich...“
Faolán sah sie aus großen Augen an, dann winkte er ab und lachte. „Ach du, das bekomme ich locker hin.“ Und schon war er nach oben geklettert.
Hedda beobachtete ihn kurz, musste dann aber zugeben, dass er das wirklich besser erledigen konnte als sie. Also gesellte sie sich zu Daryl. „Hast du die Tischdecke gefunden?“, fragte sie, doch eigentlich war ihr klar, dass sie sich sich Frage hätte sparen können. Daryl hatte die Partyhütchen, Papiertröten, Konfettipackungen und kiloweise Süßigkeiten, die zuvor wild durcheinander in mehreren Papiertüten gesteckt hatten, ordentlich auseinander sortiert, aber von der Papiertischdecke war keine Spur. Hedda kratzte sich. Sie hatte doch mit Jack extra darüber gesprochen, dass er die kaufte. Und er hatte gesagt, dass er es gemacht hatte.
„Du könntest zu Jack runter laufen und ihn fragen“, schlug Daryl vor. „Dann richte ich so lange die Utensilien für die Spiele her und Faolán kann die restlichen Girlanden und Luftballons aufhängen?“
Hedda zögerte einen Moment, unschlüssig, was sie sagen sollte. Doch Daryl hatte mühevoll diverse Partyspiele im Internet gesucht und sich aufgeschrieben, was alles vorbereitet werden musste und Faolán kam einfach besser an die hohen Wände als sie. Also blieb ihr wohl nichts anderes übrig. Daher nickte sie und verließ den Saal. Draußen schüttete es noch immer wie aus Eimern, deswegen zog sie sich die Kapuze ihres Pullovers über den Kopf.
,Vielleicht', so dachte sie, ,ist Jack ja im Stall oder der Futterkammer.' Sie hoffte es zumindest sehr. Hedda wusste gar nicht genau, warum sie so ungern hinunter zu dem kleinen Häuschen des Stallburschens wollte. Sie mochte Jack. Sie bewunderte, wie gut er mit den Pferden umgehen konnte. Er war immer nett und es gab überhaupt keinen Grund, sich vor ihm zu fürchten. Aber seine Hütte war irgendwie... Hedda konnte es schwer in Worte fassen. Sie hatte einfach das Gefühl, in seine Privatsphäre einzudringen, wenn sie vor seiner Tür stand. Das war so, als würde sie an die Schlafzimmertür der Montgomerys klopfen. Sie wusste auch nicht, ob es überhaupt jemanden am Hof gab, der Jacks Häuschen mal aus der Nähe, geschweige denn von innen gesehen hatte. Jeder wusste einfach, dass das sein Rückzugsort war, wo er ungestört sein wollte und konnte.
Daher verließ sie den menschenleeren Stall auch mit einem eher unguten Gefühl. Um ganz sicher zu gehen, dass sie nichts übersehen hatte, machte sie einen Abstecher zur Reithalle, doch wie erwartet fand sie dort nur Ramona, die das Ablenkungsmanöver für Annie und Mo leitete. Sie hatte sich nämlich bereit erklärt, die zwei so lange vom Speisesaal fernzuhalten, bis alles für die Party am Abend (von der weder Mo noch Annie wussten) vorbereitet war. Damit das ganze nicht aufflog, musste leider auch Dennis bei den Zwillingen bleiben und konnte somit nicht bei der Vorbereitung helfen. Hedda schlüpfte schnell am Tor der Halle vorbei, damit Mo und Annie sie nicht sahen und machte sich auf den Weg den Hügel hinab zu Jacks Domizil. Sie folgte dieses Mal nicht dem Pfad, der rechts am Springplatz vorbei Richtung Wald führte, sondern hielt sich links. Nach einer kleinen Hügelkuppe konnte sie die kleine Hütte erkennen. Das Häuschen, das Jack bewohnte, war, soweit Hedda wusste, genau so alt wie das Haupthaus und war wohl mal für der Gärtner gedacht gewesen. Es war sehr hübsch, aus groben, hellgrauen Naturziegeln gemauert, mit dunklem Schieferdach und weiß gerahmten Fenstern, bewachsen mit Efeu. Es lag in einer Mulde zwischen den Hügeln und war umgeben von halbhohen Natursteinmauern, an denen Himbeeren und wilde Rosen wucherten. Bereits nach ein paar Minuten Fußmarsch waren Heddas Hosenbeine und ihr Pulli völlig durchnässt und als sie vor Jacks Türe stand, tropfte sie wie ein begossener Pudel. Durch die Fenster war nicht viel zu erkennen, aber im Inneren des Hauses schien es dunkel zu sein. Na toll. Dann hatte sie auch noch den Weg umsonst gemacht... Trotzdem hob sie die Hand, um an die Tür zu klopfen. Nur um sicher zu gehen, dass Jack wirklich nicht zu Hause war. Ihr Herz trommelte in ihrer Brust und sie musste sich ziemlich am Riemen reißen, nicht doch einfach wieder zu gehen. ,Für Mo und Annie', dachte sie, dann klopfte sie an die Tür.
Poch Poch Poch.
Keine Reaktion.
Sie klopfte noch einmal, lauschte.
Erst passierte nichts. Doch dann hörte sie von drinnen ein Geräusch. Es klang, als würde sich jemand recht schnell bewegen. Hedda zögerte. „Jack?“, rief sie, doch erhielt Hedda keine Antwort.
Sie trat einen Schritt zu Seite und spähte durch das Fenster nach drinnen. Die Hütte schien leer zu sein. Dann war das Geräusch sicher von anderswo gekommen. Oder?
Hedda zuckte die Schultern, dann wandte sie sich um, nachdenklich den Blick auf ihre Füße und den Kies darunter geheftet. Sie war so in ihre Gedanken versunken, dass sie geradewegs in jemand sehr großen hineinrannte. Erschrocken taumelte sie rückwärts und blickte auf. Jack strich sich eine lange blonde, vom Regen tropfende Haarsträhne aus der Stirn, die sich aus seinem Pferdeschwanz gelöst hatte. Er wirkte erstaunt über Hedwigs Anwesenheit, doch nur einen Moment später huschte ein Grinsen über sein Gesicht. „Ups, Augen auf?“, scherzte er. Hedda merkte, dass sie rosa angelaufen war. Super peinlich. Doch Jack grinste nur verschmitzt. „Was machst du 'ier im Regen, 'edwig?“, fragte er.
Hedwig atmete durch. Jack war eben einfach cool drauf. Sie hätte sich wahrscheinlich gar keine Gedanken machen müssen...
„Ich... habe dich gesucht“, antwortete sie deswegen wahrheitsgemäß. Jack lachte. „'ier bin ich.“ Er breitete die Arme aus und Hedwig fiel auf, dass er mindestens so durchgeweicht war wie sie. Sein kariertes Hemd klebte nass und schwer an seinen Armen und seiner Brust und seine Jeans war ganz dunkel vom Wasser. Aber nichtsdestotrotz schien er recht gute Laune zu haben.
„Also, was brauchst du so dringend, dass du dich sogar an meine Fenster wagst?“, bohrte er nach, nachdem Hedwig es nicht von sich aus auf den Punkt brachte.
,An meine Fenster'? Urgh, er hatte wohl gesehen, dass sie dort gewesen war...
„Entschuldige, ich wollte nicht neugierig sein“, murmelte sie kleinlaut. „Ich habe bei dir geklopft und niemand hat aufgemacht, aber ich dachte, ich hätte es drinnen rumpeln gehört...“ Flehend blickte sie zu ihm hinauf. Ob er sauer auf sie war? Doch Jack wirkte eher nachdenklich. Er blickte an Hedwig vorbei in die Richtung, in der die Hütte stand.
„Gerumpelt?“, wiederholte er.
Hedda schluckte. „Ja, als hätte sich drinnen jemand hin und her bewegt. Aber... aber ich habe durchs Fenster nichts gesehen...“ Sie beobachtete Jack, dessen Miene sich plötzlich aufhellte. Er klatschte sich mit der Hand vor die Stirn.
„Aaaaaach. Das war sicher der Kater. Der randaliert immer wie ein Elefant im Porzellanladen wenn ich ihn nicht rechtzeitig raus lasse.“ Jack lachte und Hedda war für einen Moment erleichtert. Und endlich beantwortete sie auch seine Frage. „Ich suche eigentlich nur die Tischdecke, die du für Mo und Annie mitgebracht hast. Die war nicht bei den anderen Sachen.“
„Ach so...?“ Jack kratzte sich am Kopf und dachte nach. „Daaaaann 'abe ich die wohl im Auto vergessen.... Komm, ich geb' sie dir und dann muss ich mir endlich etwas Trockenes anzie'en... und du vermutlich auch...“ Er machte auf dem Absatz kehrt und schlug den Pfad hinauf zur Reithalle ein. Hedda folgte ihm. Sie wusste nicht genau, warum sie noch einmal zurück zur Hütte blickte. Vielleicht, weil ihr die Erklärung mit der Katze nicht plausibel erschien. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass eine Katze solch ein lautes Geräusch verursachen konnte. Vielleicht aber auch, weil sich für einen Moment ihre Nackenhaare aufstellten und sie das Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Doch als sie zur Hütte spähte, war nichts zu sehen. Die einzige Bewegung abgesehen von den herunterfallenden Regentropfen waren die Büsche hinter dem Häuschen, die sich im Wind wiegten. Hedda schüttelte sich, um das seltsame Gefühl loszuwerden. Sie redete sich sicherlich nur etwas ein.

Knapp eine Stunde später hatte Hedwig keine Zeit mehr, auch nur noch einen einzigen Gedanken an das Geräusch zu verschwenden. Nachdem sie, Daryl und Faolán alle zusammen geholfen hatten und irgendwann auch Paul, Claire und Jack aufgetaucht und ihnen zur Hand gegangen waren, sah der Raum nun so richtig nach Geburtstagsparty aus. Zugegeben, eher nach einem Kindergeburtstag, alles war mit bunten Luftballons, Girlanden und kitschigen Pferdemotiven verziert, aber sie alle waren sich einig darüber, dass die Zwillinge es lieben würden. Die Köchinnen hatten sich selbst übertroffen und zusätzlich zu der Torte mit der Pferdchendeko, die bereits zum Frühstück präsentiert worden war, noch eine mehrstöckige Torte gezaubert, auf deren Torte eine riesige rote Zuckerfünfzehn thronte. Insgesamt dreißig quietschbunte Kerzen waren auf den drei Etagen verteilt (Fünfzehn Stück für jeden der Zwillinge). Es gab mehrere Platten, auf denen sich Sandwiches aller Art stapelten, Schüsseln voller Chips und Erdnussflips, tellerweise Kekse und Kisten voll mit kleinen Schokoladensnacks und Kaubonbons. Der Zuckerschock für diesen Abend war also vorprogrammiert.
Doch das Highlight der Dekoration bereitete ihnen gerade noch beachtliche Schwierigkeiten. Daryl und Hedda hatten in mühevoller Gemeinschaftsarbeit ein riesiges Einhorn aus Pappmaché geformt und dann zu einer Pinata umfunktioniert. Das Problem war nun, dass sie nicht daran gedacht hatten, wie hoch die Decke im Raum war und sie es bis jetzt nicht fertig gebracht hatten, den mit Konfetti und Süßigkeiten gefüllten Koloss aufzuhängen. Letztendlich waren es Jack und Paul, die es fertig brachten, eine recht abenteuerlich aussehende, aber zumindest stabile Seilkonstruktion so durch den Raum zu spannen, dass die Pinata auf einer gut geeigneten Höhe hing. Gerade noch rechtzeitig, wie sich herausstellte, denn während Paul und Jack ihr Werk bewunderten und sich ein wenig selbst beweihräucherten, kam Dennis in den Raum geschlüpft. Er wirkte ein wenig nass und zerzaust.
„H-h-hey, H-hedda“, wandte er sich direkt an die Rothaarige. „M-mo und Annie sind beim Du-duschen. Ihr ha-habt nur noch kurz Zeit.“ Er ließ kurz den Blick durch den Raum schweifen, machte dann eine vage Bewegung mit der Hand und murmelte: „Cool...“
Hedwig strahlte. „Danke, Dennis. Ahnen sie etwas?“ Dennis zuckte mit den Schultern, dann schüttelte er etwas unschlüssig den Kopf.
„Uuuuuuuh!“ Hedda klatschte in die Hände. „Enspurt! Das wird SO COOL!“
Dennis murmelte irgendetwas von wegen Dusche und warm, dann verschwand er aus dem Raum.
„Also, ihr habt's gehört! Wir müssen noch schnell den Rest aufräumen!“ Sie blickte auffordernd in die Runde.
Es dauerte nur wenige Minuten, bis Hedwig, Daryl, Paul, Jack und Claire gemeinsam alles, was sie nicht brauchten, aus dem Weg geräumt hatten. Außerdem hatte Abigail noch eine große Schüssel mit – natürlich alkoholfreier – rosafarbener Bowle auf den Buffettisch platziert, in der bunte Eiswürfel in Einhornform schwammen. Es konnte losgehen!

*


Mo war aufgeregt. Es gab eigentlich keinen eindeutigen Grund dafür, aber er hatte das sichere Gefühl, dass der Abend noch etwas Besonderes für ihn und Annie bereithielt. Erwähnt oder angedeutet hatte niemand etwas in diese Richtung, aber irgendwie waren heute alle so anders gewesen. So … beschäftigt. Hedwig hatte kaum Zeit gehabt, mit ihm oder Annie ein Wort zu wechseln. Und wenn sie kurz gesprochen hatten, dann hatte sie immer so merkwürdig herumgedruckst. Außerdem war Daryl den ganzen Tag am Hof gewesen und immer mal wieder an den unterschiedlichsten Orten aufgetaucht. Das für sich genommen war nicht sooo merkwürdig, denn Mo hatte den Eindruck, dass Daryl, wenn er denn mal da war, ständig irgendwo plötzlich auftauchte. Der große Unterschied war bloß, dass er in der Regel keine Gelegenheit ausließ, jedem, der versehentlich seinen Weg kreuzte, ein Ständchen zu bringen, ob man es wollte oder nicht. Außerdem war Daryl sonst auch ziemlich redselig, er erzählte ständig Anekdoten aus seinem vollgepackten Leben, ob man das nun hören wollte oder nicht. Aber heute war er anders gewesen. Er hatte zwar die meiste Zeit vor sich hin gesummt, aber er wirkte so beschäftigt. Als hätte er keine Zeit, für einen kurzen Plausch anzuhalten. Jack hatte jedes Mal verschmitzt gegrinst, wenn Mo ihn gesehen hatte. Und dann war da noch Ramona. Es war Mo noch niemals passiert, dass er mal freiwillig die Zeit mit Pferd vorzeitig hätte abbrechen wollen. Und er hatte auch nicht damit gerechnet, dass das jemals passieren würde. Als allerdings heute das Wetter umgeschlagen war, und sie, anstatt einen langen Ausritt zu machen in die Reithalle umsiedelten, kam er doch an seine Grenzen. Nicht, weil die Arbeit mit dem Pferd, die Ramona ihnen erklärte, keinen Spaß machte, im Gegenteil. Zuerst hatten sie Führtraining mit den Pferden gemacht. Ramona hatte dazu unterschiedliche Hürden und Hindernisse in der Halle aufgebaut. Dann hatte sie ihnen gezeigt, wie sie mit den Pferden Zirkustricks machen konnten. Und zum Schluss durften sie noch ohne Sattel reiten. Das Problem an der Sache war, dass niemand damit gerechnet hatte, dass es schlagartig so kalt werden würde. Doch alle angedeuteten Fragen, ob sie früher aufhören könnten (natürlich hatte das niemand direkt ausgesprochen), wurden bereits im Keim erstickt. Mo war sicher, dass er sich das nicht nur eingebildet hatte. Das hatte etwas zu bedeuten!
Er war so hibbelig, dass er im Turbotempo duschte, dabei das halbe Badezimmer flutete und beinahe vergaß, seine Unterhose anzuziehen. Mit nassen, verstrubbelten Haaren stolperte er in sein Zimmer hinaus, wo der Dennis fand, der in seine Bettdecke eingewickelt auf dem Bett saß. Als Mo geräuschvoll durch den Raum trampelte, blickte Dennis auf und sah ihn an. Blinzelte. Mo hielt inne. Er bemerkte, dass ein verstohlenes Grinsen über Dennis' sonst so ernstes Gesicht huschte.
„Was?“, fragte er, sichtlich verunsichert.
„Du hast d-dein T-Shirt v-ver-verkehrt herum an. U-und auf l-l-links.“ Dennis kicherte leise, ehe er aufstand und an Mo vorbei ins Bad huschte.
Mo stand ein wenig bedröppelt im Raum und sah an sich herab. Tatsache. Der eingenähte Zettel seines Batman-Shirts, auf den seine Mum mit buntem Garn seinen Namen gestickt hatte, hing vorne von seinem Kragen herab. Hektisch versuchte er, das Shirt zu wenden, doch es brauchte mehrere Anläufe, bis er sich aus dem binnen Sekunden völlig verhedderten Shirt wieder befreit und es schließlich doch richtig herum angezogen hatte. Und nun stand er da, wie bestellt und nicht abgeholt. Am liebsten wäre er direkt hinunter zum Abendessen geeilt um zu erfahren, ob nun das merkwürdige Verhalten der anderen etwas zu bedeuten hatte oder nicht. Doch er zögerte. Zum einen, weil Annie noch nicht hier war, um ihn abzuholen. Zum anderen, weil er ein mieses Gefühl dabei hatte, nicht auf Dennis zu warten, der ja noch in der Dusche war. Die beiden Jungen teilten sich nun mittlerweile seit zwei Wochen das Zimmer und verstanden sich eigentlich ganz gut. Klar, Dennis war sehr still und ruhig und irgendwie (und Mo schämte sich fast für diesen Gedanken) langweilig, aber er war wirklich nett. Und er machte sich offenbar auch Gedanken. Als eine Woche zuvor Mister Montgomery Annie verboten hatte, weiterhin auf Blue zu reiten, war sie natürlich total enttäuscht und niedergeschlagen gewesen. Mo hatte sehr gehofft, dass sie sich von selber beruhigte, wenn sie merkte, dass es ihr mit Freddy leichter fiel als mit Blue, aber sie hatte sich die ersten Tage so in ihren Frust hineingesteigert, dass nichts half um sie aufzumuntern. Doch schließlich war es Dennis gewesen, der einen rettenden Einfall gehabt hatte.
„Was, wenn wir Mister Montgomery dazu bringen können, uns auch die Pferde tauschen zu lassen? Dann fühlt sich Annie nicht mehr so schlecht, oder?“ Mo hatte über den Vorschlag eine Weile nachgedacht. Er wollte Oliver eigentlich nicht hergeben, aber was Dennis sagte, klang vernünftig. Also hatte er zugestimmt. Als größeres Problem entpuppte sich aber, dass sie Mister Montgomery ja irgendwie dazu bringen mussten, dass er sie anwies, andere Pferde zu reiten. Fast eine ganze Nacht lang versuchten sie, einen Plan zu schmieden. Doch ihnen wollte nichts so richtig wirkungsvolles einfallen. Ihnen blieb nur noch die Möglichkeit, Mister Montgomery die Idee zu erklären und ihn darum zu bitten, mitzuspielen. Mo hatte selten so weiche Knie gehabt wie in dem Moment, als er an Leland Montgomerys Bürotür klopfte. Da Dennis immer sofort zu stottern begann, wenn ihn jemand etwas fragte, war Mo schon von Beginn an klar gewesen, dass er reden musste (was er ja gewöhnlich ziemlich gut konnte. Ohne Unterbrechung. Nonstop.). Stammelnd hatte er Mister Montgomery die Sache geschildert, während Dennis nur still neben ihm stand und den Boden anstarrte. Mister Montgomery hatte schweigend zugehört, nicht einmal eine Miene verzogen. Als Mo mit seiner Erklärung geendet hatte, antwortete der Reitlehrer nur, er werde darüber nachdenken. Dennis und Mo waren sicher gewesen, dass das ein Nein war. Umso mehr überraschte sie die unglaubliche Strenge, mit der Mister Montgomery ihnen beiden die nächste Reitstunde zur Hölle machte und ihnen am Ende erklärte, wenn sie jemals reiten lernen wollten, müssten sie sich jetzt auf andere Pferde einlassen, sie seien so festgefahren in ihrer Reitweise, dass das mit Oliver ja nur ein unnötiger Kampf sei und bei Dennis ja nur alles klappe, weil Monty alles von selber mache.
Annie, deren Stimmung schlagartig wieder zu steigen schien, bemitleidete die beiden Jungs überschwänglich, die sich, als sie nicht hinsah, mit einem schnellen High-Five abklatschten. Zwar bedeutete dies, dass Mo von nun an auf Monty Reitunterricht hatte und Dennis bekam Earl, ein großes, schwarzes und recht schreckhaftes ehemaliges Galopprennpferd, zugeteilt, doch Mo nahm sich einfach vor, dies als Abenteuer zu sehen. Und immerhin war Annie auch wieder gut drauf.
Mo sah also mittlerweile in Dennis eine Art Freund. Daher beschloss er, auch wenn er fürchterllich ungeduldig war, zu warten, bis sein Zimmerpartner aus der Dusche kam. Annie müsste dann eben auch warten, wenn sie denn mal irgendwann aufkreuzen sollte. Wo blieb die eigentlich? Die beiden hatten gesagt: „Nur schnell duschen, dann treffen in Mos Zimmer.“ Was war denn bei Annie bitte schnell? Mädchen. Mo verdrehte die Augen. Sollte das mit Annie jetzt immer schlimmer werden, dieses Mädchengetue? Schon seit Mitte der ersten Woche hatte sie doch tatsächlich angefangen, sich die Haare zu kämmen. VOR DEM REITEN. Das ergab doch gar keinen Sinn!
Er tigerte im Zimmer umher, blieb nur ab und zu an der Tür stehen um zu lauschen, ob er vielleicht ein verräterisches Geräusch vernehmen konnte, doch das Plätschern der Dusche war einfach zu laut, so dass von außen nichts zu hören war. Mo hatte bereits festgestellt, dass Dennis immer ziemlich viel Zeit brauchte im Bad. Er föhnte sich sogar die Haare und das, obwohl er ja ganz kurzes Haar hatte. Auch an diesem Tag blieb das Dröhnen des Föns nicht aus. Maaaaann! Die spannten ihn ja echt alle ganz schön auf die Folter! Mo öffnete schließlich doch die Zimmertür einen Spalt breit und streckte den Kopf nach draußen. Er sah den Gang hinauf, doch von Annie keine Spur. Also lauschte er in Richtung Treppe. Er hätte schwören können, dass er jemanden lachen hörte. Doch gerade, als er ein Stück aus dem Zimmer schleichen wollte, tippte ihn jemand an. Mo fuhr herum. Dennis stand vor ihm und sah ihn fragend an. „W..was machst du da, Mo?“ Mo blinzelte. „Äääääh ich wollte sehen, wo Annie bleibt. Sie hat gesagt sie kommt!“
Über Dennis Gesicht huschte ein mitleidiges Lächeln. „Hunger?“, fragte er. Mo musste sich zusammen reißen, um nicht mit seiner Vermutung über eine eventuelle Überraschung herauszuplatzen. Es wäre viel zu peinlich gewesen, wenn dann doch nichts wäre (und viel enttäuschender). Deswegen schluckte er und nickte heftig. „Warum braucht sie denn heute so lange?“, grummelte er.
Wie auf Kommando riss in diesem Moment hinter ihm jemand die Tür auf, die er nur leicht angelehnt hatte.
„MO! ABENDESSEN!“, kreischte seine Schwester. Mo fragte sich in diesem Moment, ob sie wohl einen ähnlichen Verdacht hatte wie er. Nicht mal mit Annie hatte er seine Gedanken geteilt, was ihm selber irgendwie komisch vorkam, aber sie war in den letzten Tagen immer so schwer greifbar gewesen für wirklich WICHTIGE Dinge.
Mo musterte sie kurz. Nein, er glaubte nicht, dass sie auch etwas ahnte. Sie wirkte hungrig wie immer. Auch wenn sie gekämmter war als früher. Und – wenn Mo sich nicht irrte – sogar ein klein wenig geschminkt. Innerlich schüttelte er kurz den Kopf, aber er war viel zu nervös, um deswegen eine Diskussion anzufachen.
Stattdessen nickte er. „Abendessen. Denny, kommst du mit?“ Dennis nickte stumm, was für Mo eine Art Startschuss war. Er stürmte an Annie vorbei auf den Flur, stieß dort beinahe mit Elisabetta zusammen, die ihn anfuhr, ob er denn keine Augen im Kopf habe, aber Mo ließ sich davon nicht aufhalten. Er drückte sich an der der Blonden vorbei auf die Treppe. Dem lauten Rumpeln hinter ihm nach zu schließen folgte Annie ihm auf den Fersen. Am Fuße der Treppe angekommen schlingerte er um die Kurve, raste auf den Speisesaal zu – und erstarrte. Einer der beiden Türflügel war geschlossen, der andere etwa zur Hälfte geöffnet. Im Inneren des Saales war es dunkel. Kein verlockender Duft von frisch gekochten Speisen schlug ihm entgegen, kein Geklapper von Töpfen und Geschirr war aus der Küche zu hören. War überhaupt jemand dort? Nur eingeschränkt fiel Licht durch die kleinen Fenster an der einen Seite des Raumes, doch durch den anhaltenden Regen war es auch draußen bereits ziemlich dunkel. Das wenige Licht reichte gerade so aus, dass Mo den leeren Tisch gegenüber der Tür erkennen konnte, um den die Stühle ordentlich angeschoben standen. Er kratzte sich am Kopf. Neben ihm waren auch Annie und Dennis aufgetaucht, die ebenso ratlos dreinblickten wie er. „Ist es noch zu früh für Abendessen?“, fragte Annie verwundert und hob ihren Arm, nur um festzustellen, dass sie gar keine Uhr trug. „Ka... kann eigentlich n... nicht sei...in oder?“, murmelte Dennis. „Vielleicht draußen am Lagerfeuer...?“ mutmaßte Mo, wobei er auch ohne die Blicke der anderen, die kurz zum Fenster neben der Eingangstür huschten, an das der Regen trommelte, selber nicht überzeugt war von dieser Aussage. „Aber wo sind dann alle?“, fragte Annie und der Klang der Verzweiflung in ihrer Stimmer war nun nicht mehr zu überhören. „Ich habe doch so Hunger!“
Die Geschwister sahen sich an. Dann wandte Mo sich zu Dennis um – und stutzte erneut.
„Wo ist er hin?“, fragte er Annie irritiert, denn da, wo einen Augenblick zuvor noch Dennis gestanden hatte, war nun niemand mehr.
Annie sah sich um, zuckte dann mit den Schultern. „Okay das ist mir jetzt zu blöd“, motzte sie. Offensichtlich war der Punkt erreicht, an dem der Hunger an ihrer guten Laune nagte.
„Erst müssen wir stundenlang in der Arschkälte frieren und Ramona macht eine extra lange Reitstunde obwohl es saueklig ist und sie sonst immer sagt wir sollen auf die Pferde Rücksicht nehmen und jetzt bekommen wir nicht mal was zu essen? Was soll das? Ich geh jetzt in die Küche und hol mir was aus dem Kühlschrank. Das haben die jetzt davon. Punkt.“ Sie stampfte mit dem Fuß auf und trampelte los in Richtung Tür.
Mo versuchte verzweifelt, seine Schwester aufzuhalten, denn er hatte keine Lust, sich mit einer der Köchinnen anzulegen, wenn sie die beiden (mal wieder) in der Küche erwischte, doch Annie befreite ihren Arm gekonnt aus seinem Griff und riss den halboffenen Türflügel ganz auf. Mo schlüpfte hinter ihr her in den dunklen Raum. Ein wenig spürte er die Enttäuschung in sich auflodern.
Mit einem lauten Krachen knallte Annie die Tür zu. Im selben Moment wurde Mo von einer Welle von Sinneseindrücken überrollt. Denn in dem Augenblick, als die Tür ins Schloss gefallen war, blitzte im ganzen Raum das Licht auf, laute Musik begann zu spielen und von überall her sprangen Leute hinter den Tischen auf und brüllten im Chor: „ÜBERRASCHUNG!“
Mo blickte um sich, der erste Schreck wich Erstaunen. Der Raum hatte sich verändert. Überall hingen Girlanden und Luftballons. Auf allen Tischen außer dem einen, der von der Tür auf sichtbar war, standen Schüsseln mit bergeweise Knabbereien und Süßkram. Auf der Buffettheke thronten zwei riesige Torten zwischen riesigen Platten voller Fingerfood. Ein silbernes Einhorn hing an einem Seil von der Decke. Aber das beste war der Tisch, auf dem ein riesiger Haufen Geschenke stand.
Überwältigt wechselten er und Annie immer wieder Blicke. Hedwig war die erste, die auf die beiden zugesprungen kam. „Happy Birthday!“, grinste sie und umarmte erst Annie und dann Mo. Jetzt kamen auch die anderen herüber um den beiden Geburtstagskindern entweder die Hand zu schütteln oder sie zu umarmen. Mo freute sich riesig, dass so viele hier waren. Die Köchinnen drängten sich an Daryl, Paul und Dennis vorbei, um zu gratulieren, bevor sie das Buffet eröffneten. Die Haushälterin, Mary-Ann Green, die sonst nur mit den Zwillingen schimpfte, weil sie immer so ein Chaos hinterließen, kniff ihnen liebevoll in die Wangen, ehe sie sie ermahnte, auf der Party ja von Essensschlachten abzusehen. Ramona lächelte breit und drückte beide Zwillinge gleichzeitig, Mister Montgomery schüttelte ihnen ein wenig steif die Hand. Sogar Elisabetta und Claire kamen um zu gratulieren. Die einzige, die Mo in der Menge nicht fand, war Rebecca, aber darüber war er alles andere als traurig. Die sollte mit ihren Drogen doch bleiben, wo der Pfeffer wächst!

*


Elisabetta atmete tief durch und rieb sich die Schläfen. Ihr Kopf pochte. Die Musik dröhnte. Annie, Mo und die anderen quietschten, kreischten und lachten, während die Zwillinge abwechselnd ihre Geschenke auspackten.
Immerhin hatten sie sich zu erst über das Buffet hermachen dürfen, was hieß, dass auch Elisabetta eine Kleinigkeit zu sich nehmen konnte. Allerdings musste sie feststellen, dass ihr bei Fingerfood noch mehr der Appetit verging, wenn sie sah, wie es von Annie und Mo vernichtet wurde, als bei anderen Speisen. Vermutlich nahm sie über diesen Sommer mindestens zehn Kilo ab, einfach nur, weil ihr jedes Mal die Lust am Essen verging, sobald Annie und Mo sich an einen Tisch setzten.
Während die beiden sich also über ihren Berg von Geschenken herfielen (und Elisabetta inständig hoffte, dass jemand den beiden ein Beruhigungsmittel schenken würde), hatte sie noch ein paar Chicken Nuggets geknabbert und wartete jetzt auf den passenden Moment, unauffällig von der Party zu verschwinden. Sie wollte ins Bett. Sie wollte ihre Kopfschmerzen loswerden, und das funktionierte nur mit Ruhe und Schlaf. Vor allem wollte sie einfach mal wieder in einem Raum alleine sein, vielleicht mal ihren Laptop anschmeißen und mit ihren Freunden oder ihrem Vater skypen, ohne, dass Annie die ganze Zeit herumrumpelte, unangebrachte Fragen stellte und sich in Privatangelegenheiten einmischte. Dieses Mädchen hatte wirklich kein Gefühl von persönlicher Distanz.
Ein wenig bereute Elisabetta, dass sie es nicht wie Rebecca gemacht hatte, die erst gar nicht aufgetaucht war. Niemand fragte, warum sie nicht hier war. Niemand vermisste sie. Elisabetta glaubte nicht, dass es bei ihr anders gewesen wäre. Sie war hier mit niemandem besonders eng und Claire kam anscheinend auch gut ohne sie zurecht, wie Elisabetta ein wenig gekränkt festgestellt hatte. Im Grunde war es ihr ja egal, Claire war ja sowieso nicht der Typ von Mensch, mit denen Elisabetta befreundet war. Aber hier war sie eben die einzige, die sie als eine Art Verbündete ansehen konnte und wollte und so war sie nun doch ein wenig beleidigt, dass Claire sich nicht zu ihr in die Schmollecke gesellte, sondern stattdessen mit Jack und diesem seltsamen Paul zusammenhing und mit den Twins deren Geschenke (die zum Teil wirklich mehr als absurd waren – wer schenkte denn einer Fünfzehnjährigen ein aufblasbares Hüpfepferdchen?!) feierte.
Ja, sie sollte sich wirklich einfach aus dem Staub machen. Sie wollte ja sowieso nichts mit diesen Menschen zu tun haben! Sie zerknüllte ihre rosa-grün gemusterte Pferdchenserviette und schleuderte sie auf den Teller. Sie stand auf und vergewisserte sich, dass niemand zu ihr sah, ehe sie auf dem Weg zur Tür ihren Teller abstellte.
Sie hatte die Klinke schon herunter gedrückt, als jemand ihr auf die Schulter tippte.
Elisabetta fuhr herum. Vor ihr stand die rothaarige Hedwig und druckste ein wenig herum. Elisabetta hob die Augenbrauen. Ein wenig unfreundlicher als ursprünglich geplant fauchte sie: „Was ist denn?“
Die Rothaarige hob beschwichtigend die Hände und wich einen Schritt zurück. Es war schon erstaunlich, was Elisabetta für eine abschreckende Ausstrahlung haben konnte, wenn sie wollte, dachte sie ein wenig verzückt.
„Ich wollte dich nur was fragen...“ Elisabetta legte den Kopf schief und verschränkte die Arme. Innerlich jubelte sie über Hedwigs große, verschreckte Augen. Sie hatte einfach keinen Nerv für diesen Kinderkram hier.
„Also“, begann Hedda erneut, „wir wollten dich fragen, du kannst doch so mega gut schminken.“
Elisabetta blinzelte. Mit dieser Frage hatte sie nicht gerechnet. Außerdem... war das ernst gemeint? Hatte Hedwig da gerade ein Kompliment versteckt? Elisabetta war auf der Hut. „Möglich?“, antwortete sie langsam.
„Also die Sache ist die.“ Hedwig räusperte sich. „Wir haben uns gedacht, also Annie und Claire und ich, dass es super lustig wäre, die ganzen Jungs in Kleider zu stecken und so richtig wie Mädchen aufzutakeln. Aber keiner von uns kann so gutes Make Up machen wie du....“
Elisabetta merkte, wie in ihrem Inneren ein Kampf entbrannte. Auf der einen Seite hatte sie gar keine Lust, hier auf diesem Kindergeburtstag zu bleiben, mit Krach und Kopfschmerzen. Sie wollte ihre Ruhe haben.
Aber auf der anderen Seite hatte sie seit sie hier war noch nicht mal ihre ganze Palette an Schminkutensilien ausgepackt und hatte das Gefühl, langsam körperliche Entzugserscheinungen zu bekommen, wenn sie jetzt nicht bald mal wieder irgendetwas oder jemanden richtig schminken konnte.
Doch Hedda hatte gesagt, dass auch Claire an dem Plan beteiligt war. War das Verrat, dass sie mit den anderen Mädchen sprach und nicht mit ihr? Elisabetta schaute hinüber zu Claire, die zwischen Jack und Paul saß. Ihre Blicke trafen sich und Claire machte eine Handbewegung, als wolle sie sich die Augen schminken. Elisabetta seufzte. Claire war schon auch ein bisschen niedlich. Sie sah Hedwig wieder an.
„Na gut, ich mach's. Aber gib mir bitte noch eine Viertelstunde, damit ich meine Sachen oben richtig sortieren kann, okay?“


***

So, dieses Mal keine so lange Pause und das nächste Kapitel ist auch schon quasi fertig ;-) Ich hoffe, ihr verzeiht mir, dass ich Annies und Mos Geburtstag so weit austrete und in mehrere Kapitel teile, aber das ist ein guter Anlass, noch mal an den zwischenmenschlichen Beziehungen zu arbeiten.
Ihr kennt ja jetzt die Charaktere alle ein wenig. Sollte in irgendeiner Form ein Pairing gewünscht sein, wäre es super, wenn ihr mir den konkreten Wunsch per Mail mitteilt, ansonsten paire ich nur, wenn es sich rein zufällig ergibt und wie es mir passt.
Viele Grüße
Art
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