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Nutella zum Abendbrot

von Miki
Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Anders Jacobsen Björn Einar Romören Matti Hautamäki OC (Own Character) Sigurd Pettersen Tom Hilde
02.08.2016
05.03.2017
11
21.123
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02.08.2016 2.244
 
Was soll ich sagen. Ich war dieses Jahr wieder einmal in Hinterzarten und das wollte einfach aufs Papier gebracht werden. Und eins vorweg. Alles ist erfunden. Ich kenne keine Skispringer persönlich und alles entstammt meiner Fantasie.



Kapitel 1



Ich bin daaahhhhh! Gläubst du dass? *löl*



Über die Schulter las ich mit, was meine kleine Schwester da so verzapfte und wusste ehrlich nicht, was mich mehr schockierte. Ihre mangelhaften orthographischen Fähigkeiten oder ihre Begeisterung hier zu sein.

Hier war ein Kuhkaff im Hochschwarzwald, von dessen Existenz ich bis vor zwei Tagen noch nicht einmal gewusst hatte. Einen Umstand, den ich nicht als Wissenslücke deklarieren würde. Skispringen und Co. interessierten mich herzlich wenig, auch wenn meine kleine Schwester Jessi es zu ihrem einzigen Lebensinhalt erklärte hatte. Doch dann wurde ich von den elterlichen Dämonen verpflichtet, den Babysitter für sie und ihren Haufen gackernder Hühner, von anderen Menschen auch euphemistisch ihre besten Freundinnen genannt, zu spielen, die hier im Schwarzwald die Objekte ihrer Begierde bewundern wollten. Nämlich so ein paar magersüchtige Lemminge, deren Namen mir unbekannt waren.

Dafür hatten sie eine Ferienwohnung gemietet und wollten vier Tage erwähntes Kaff im Hochschwarzwald unsicher machen. Weil sämtliche Eltern der pubertierenden Monster ihnen nicht vertrauten, diese vier Tage unbeschadet allein zu überstehen, wurde ich zu ihrem Aufpasser bestimmt. Das machte ich allerdings nicht umsonst, sondern bekam dafür einen Zuschuss zu einem Wochenende in London, das ich wiederum geplant hatte. Deswegen befand ich mich nun hier mit drei Grazien, die ganz verzückt nach irgendwelchen Norwegern, Schweden oder sonst was waren. Irgendwelche Typen aus dem hohen Norden auf jeden Fall.

Die Inneneinrichtung der Ferienwohnung, in der wir weilten, stammte aus den Fünfzigern und hätte bestimmt Konrad Adenauer gut gefallen. So mit den schweren Eichenmöbeln und den flaschengrünen Ohrensesseln im Wohnzimmer. Erstaunlich waren auch die weißen Lackmöbel mit den goldenen Verzierungen in einem der Schlafzimmer. Mein Geschmack war es auf alle Fälle nicht so, aber zum Schlafen reichte es schon. Zu wählerisch wollte ich auch nicht sein und die Wohnung befand sich wenigstens mitten im Ort. Was mich allerdings wirklich irritierte waren der rosa Flur und die unzähligen französischen Liebesromane, die in einem Regal im Hausflur standen. Und der Balkon war ein wenig wackelig. Den sollte man am besten nicht betreten. Aber im Endeffekt ging die Wohnung schon klar.

Viel Zeit hatte ich in ihr auch noch nicht verbracht. Wir hatten so ungefähr das Gepäck abgestellt, da waren die drei Grazien schon ins Badezimmer gestürmt und in drei identische Tops gewandet wiederaufgetaucht. Vorne die norwegische Flagge und hinten der Spruch „Podium without Norway? No way!“ Das war so doof, dass ich erst mal schallend gelacht hatte, was mir empörte Blicke einbrachte. (Was mich aber herzlich wenig interessierte.) Die drei sehr enthusiastischen Fans wollten sofort auf die Piste. (Okay, in ihrem Fall an die Schanze.) Beziehungsweise erst zum Haus des Gastes, um eine Startliste zu bekommen und eventuell so einen Skispringer da zu treffen. Dabei kicherten sie ständig und tippten wie wild Nachrichten auf ihren Handys. Langsam kam mir der Verdacht, dass das ganz schön hart verdientes Geld werden würde.

*


Die Vermutung bestätigte sich natürlich prompt. Im Haus des Gastes war kein Skispringer gewesen, weswegen man mich weiter zur Schanze geschleppt hatte. Hier baute man noch fröhlich für den ganzen Event auf und war über unsere Anwesenheit -  gelinde gesagt -  irritiert. Eingeklemmt hinter einem Holzzaun bekam ich inzwischen Mitleid mit jeder Milchkuh. Aber was tat man nicht alles für ein wenig schnöden Mammon.

Ein Gähnen ließ sich nicht mehr unterdrücken und bahnte sich seinen Weg, während meine Schwester und ihre Freundinnen am Kichern waren und sich aufgeregt über jemanden unterhielten, der wilde Hilde hieß. Wilde Hilde? Okay, das war wohl nicht der richtige Name, sondern mehr die Spitznamenvariante. Auf alle Fälle fanden die Hühner den richtig toll.

„Wer ist denn das?“, ließ ich mich dann doch mal herab nachzufragen.

Und bekam als Antwort erstmal ein Foto unter die Nase gehalten. Gelangweilt sah ich darauf.

„Der sieht doch wirklich gut aus, Kat!“ „Ansichtssache“, kommentierte ich, „könnte auf alle Fälle mal wieder eine Dusche vertragen.“

„Dusche?“ Dass die drei nicht Schnappatmung bekamen, war auch alles.

„Ja gut, an BER kommt er nicht ran, aber der ist ja leider nicht mehr dabei“, gab meine Schwesterchen dann schließlich von sich. „Er kommt nicht an den Berliner Flughafen, der nie fertig werden wird, ran?“, hakte ich verwirrt nach. Meine Schwester neigte manchmal zu so komischen Sprüngen in Gesprächen mit mir. „Doch nicht an den Flughafen. Wie kommst du denn bei BER als Erstes darauf?“  Jessi sah mich an, als wäre geistig bei mir nicht alles fit. Woran sollte man bei BER aber sonst denken? An den Flughafen, weil das schließlich naheliegend war, und nicht an irgendeinen Skispringer. Darum handelte es sich bei  dem BERen nämlich, wie mir im Folgenden erklärt wurde. „BER ist doch Bjørn Einar Romøren,“ erklärte Jessi hoheitsvoll. Sie sprach in böhmischen Dörfern. Von dem hatte ich noch nie was gehört. „Sagt mir nichts.“ Schüttelte zur Bestätigung noch einmal den Kopf. Kira, Huhn Nr. 2, starrte mich mit offenem Mund an. „Du kennst BER nicht?“

„Nö.“

Skispringen hatte mich noch nie wirklich interessiert. „Aber den Alex Stöckl kennst du doch?“, wollte Momo, Huhn Nr. 3, wissen.  „Wen?“ „Der aus dem Video, der mal Rocket Man gesungen hat. Habe ich dir doch vorgestern gezeigt“, half mir mein Schwestermonster. „Ach der.“ Der Groschen fiel bei mir. Sie hatte mich vor ihren Laptop gezerrt und mir ein Video von diesem Typen gezeigt, der an einem E-Piano herumklimperte. „Der die Augen beim Singen zumachen musste, weil es sich so grausig anhörte?“, erinnerte ich mich. Das sorgte nun doch für wirkliche Schnappatmung bei den Hühnern. Aber was wahr war, musste wahr bleiben. Der hatte so viel Gefühl beim Singen zeigen wollen, dass der Schmalz regelrecht aus dem Video triefte. Zumindest meiner werten Meinung nach. Gab bestimmt Leute, die das mochten. Gab ja auch Menschen die Helene Fischer hörten. Aber ich mochte bei meiner Musik mehr Schreien und Wummern und weniger pathetisches Gehauche.

„Und der Sjøen“, kam es nun mit leicht erstickter Stimme von Kira, „den kennst du doch?“ „Schön? Sagt mir auch nichts.“ Das hätte ich lieber verschweigen sollen, weil danach ein halbstündiger Vortrag über Skispringen im Allgemeinen und Skispringer im Speziellen folgte. Unterlegt mit Fotos. (Davor kamen noch ein paar entgeisterte Aufschreie über meine Unwissenheit.) Absolut grausig. Interessierte doch niemanden.

„Und heute Abend sind die Nation Games, da treten einzelne Mannschaften in lustigen Spielen gegeneinander an.“ Damit endeten die Ausführungen und sie erwähnten damit zumindest eine Sache, die mich interessierte.

„Heute Abend? Warum zum Geier sind wir jetzt schon da?“  Es war schließlich erst drei Uhr. „Es könnte noch jemand trainieren“, verkündete mein Schwesterchen strahlend. „Jessi, die bauen hier erst auf! Und auf die Eventualität, dass hier irgendjemand von diesem Dingsda hoppst, warten wir hier doch nicht.“

„Aber Kaaaaaat! Wir wollen doch so gerne Fotos und Autogramme.“ Ja, aber ich nicht. Mir kam das so eine Idee. Langsam sah ich mich um. Viel los war hier ja nicht. Außer dass die drei sich zum Idioten machten, konnte eigentlich nichts passieren.  Ich war zwar der Babysitter, aber man musste den Kinderchen schließlich auch Selbstständigkeit beibringen. „Kat?“, das brachte meine Schwester dieses Mal in einem ganz weinerlichen Tonfall hervor. „Wir wollten doch Fotos mit dem Tommy und so machen.“ Sie schniefte sogar theatralisch. Wäh, die musste ein Wechselbalg sein und meine Eltern hatten das im Krankenhaus einfach nicht mitbekommen. Die konnte einfach nicht mir verwandt sein. Zumindest würde ich das ab diesem Zeitpunkt leugnen. „Kat?“ Sie setzt auch noch einen Blick auf, den kein Welpe besser hinbekommen hätte. „Komm schon, du musst ja nicht hier bei uns bleiben, du Eremit. Wir benehmen uns auch anständig.“ Nun klimperte sie wirklich auch noch mit den Wimpern. Die beiden anderen nickten bestätigend. Ich musterte sie. Damit hatten sie dieselbe Idee wie ich. „Okaaaay“, gab ich gedehnt und großmütig von mir. „Aber ihr bleibt hier an der Schanze! Und zu diesen komischen Spielen komme ich nachher wieder.“ „Daaaanke!“ Jessi fiel mir um den Hals. „Wir wollten auch nirgendwo anders hin und die Spiele beginnen wie gesagt um sieben.“  Schien so, als wollte mich mein Schwesterchen genauso gern loswerden wie ich gehen wollte. War ich ihr etwa peinlich?

Tztz…

Ich stand hier in einem normalen schwarzen T-Shirt und Jeans. Sie waren diejenigen mit den komischen Tops.

Ich winkte zum Abschied und machte mich dann auf den Weg in den Ort, in dem das Leben so regelrecht pulsierte. Ja, das war ironisch gemeint. Hinterzarten verdiente nach meiner Meinung den Namen Hinterderzivilisation. Hier war nichts los. Ich meine, der Mittelpunkt des Ortes war eine grüne Wiese. Das sagte doch alles. Vermutlich trieben die nachts noch ihre hauseigenen Kühe darauf. Seufzend schlenderte ich die Straße entlang. Sollte ich erst mal zurück zur Wohnung? Oder einen Kaffee trinken?

Ich steckte mir die Stöpsel meines MP3-Players in die Ohren und stellte die Musik auf volle Lautstärke.

Kaffee war eine gute Idee. Das Rumstehen in der Gegend machte einen ja ganz müde und dumm im Kopf. Am besten ich suchte mir ein nettes Café und…  Auf dem Weg zur Schanze hatte ich doch eins gesehen. Ich blieb mitten auf der Straße stehen, hier war ja sowieso nichts los, und versuchte mich zu erinnern, wo das genau gewesen war.

„ACHTUNG!“

Bevor ich wusste, wie mir geschah, wurde ich zur Seite geschubst und fand ich mich auf dem Boden wieder. Auf mir liegend einen mir absolut unbekannten Menschen, der mir meine Stöpsel aus den Ohren zog. Was zum Teufel? „Pass doch auf!“, wurde ich auf Englisch angefahren. Bitte? Ich versuchte ihn, der unbekannte Mensch war definitiv männlich, von mir zu schieben. „Aufpassen? Was fällt Ihnen ein! Und hier ist doch gar nichts!“, brauste ich auf. „Hier ist nichts?“, äffte er mich nach, erhob sich nun von selbst. Ich hockte auf dem Boden und starrte ihn böse an.

Er nickte nach rechts.  

Ich schaute ihn immer noch missmutig an.

Er nickte noch einmal in die Richtung.

Ich starrte ihn weiter böse an.

Er seufzte. „Wenn du mal vielleicht mal deine Augen aufmachen würdest, dann sähest du hinten einen Lastwagen, den du vorhin bei deinem Gang über die Straße so galant übersehen hast und der dich fast umgefahren hätte.“

Also sah ich doch mal in die Richtung, in die er deutete.

Ups…

Da war wirklich ein Laster.

„Du hast absolut gar nichts mitbekommen, aber so laut wie du die Musik anhast, wundert mich das kaum.“ Man war der Tonfall unangenehm. Ja gut, ich war ein wenig unaufmerksam gewesen, aber der musste sich nicht so anstellen. Er musterte mit diesen blauen Guckern, die waffenscheinpflichtig waren, dann reichte er mir die Hand, ich schlug ein, und zog mich mit einem Ruck hoch.

„Man rechnet hier doch auch nicht mit so einem Verkehr“, rechtfertigte ich mich, was ihm nur ein Schnauben entlockte. Prompt kam wieder ein Auto an und hupte laut, weil wir immer noch die Straße blockierten. Er hielt meine Hand immer noch fest und zog mich nun mit sich auf den Gehweg und prompt fuhr ein Auto nach dem anderen an uns vorbei.  Hier gab es ja doch Verkehr. In der Hinsicht hatte ich mich echt geirrt. „Danke“, nuschelte ich leise. Er hatte mich ja schon irgendwie davor bewahrt, als Straßenpizza zu enden. „Gern.“ Der Tonfall war echt schneidend. Genauso gut hätte er sagen können, dass meine Intelligenz vom Bordstein bis zur Rinne reichte.

Ich begutachtete meinen Retter genauer. Schlank, recht groß, dunkelhaarig und mit stechend blauen Augen. Der wirkte nicht so wirklich sympathisch. Auch wenn er gut aussah. So Marke Eisprinz. Er musterte mich ebenso. Bei mir gab es aber nicht so viel zu gucken.

„Pass auf alle Fälle das nächste Mal besser auf.“ Er nickte mir noch einmal zu und trabte dann davon. Ich sah ihm hinterher. ÖMV stand auf seiner Jacke. Ob er auch so ein hopsender Lemming war?

Egal. Ich brauchte jetzt wirklich erst einmal einen Kaffee.

*


Und täglich grüßte das Murmeltier. Wieder hinter dem Holzzaun.  Neben mir sahen die drei Hühner inzwischen aber etwas konsterniert aus. Kein Springerchen hatte sich blicken lassen und inzwischen hatten die Damen Hunger und Durst, weil man hier an der Schanze auch nichts für die gepflegte Nahrungsaufnahme kaufen konnte. Mitgenommen hatten sie natürlich nichts.

Da ging es mir definitiv besser. Ich hatte neben dem Kaffee auch ein großes Stück Schwarzwälder Kirschtorte gehabt. Jetzt standen wir hier und warteten, dass die Nation Games losgingen. Inzwischen hatten sie schon eine Viertelstunde Verspätung. Ich gähnte und starrte in den Auslauf, in dem Teddybären von Helfern auf so komischen Holzblöcken platziert wurden. Im Gras lagen Gummistiefel. Sollten die mit den Gummistiefeln die Teddybären abwerfen? Das mussten ja schräge Spielchen werden.

„Oh!“ Neben mir quietsche Jessi. „Da sind ja die Norweger!“, hauchte sie. Ich sah hoch. Ah, der da vorne war die Hilde. Den erkannte ich jetzt auch. Und das dahinter war dieser Schön, oder wie auch immer der hieß.

Und daneben… Den kannte ich doch auch. Das war mein Retter! Der Eisprinz!

Ich stupste Jessi an. „Wer ist denn das?“ Ich nickte in Richtung des Eisprinzen.

Statt Jessi antwortete Momo und das mit einem ganz verzückten Tonfall: „Das ist Terje Petterson.“

„Auch so ein Skispringer?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, eigentlich ist der Biathlet. Was er wohl hier macht?“

Gute Frage, ich sah wieder in den Auslauf, wo sich neben den Norwegern inzwischen auch die Japaner und die Deutschen eingefunden hatten. Die Nation Games konnten beginnen.
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