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Visionen

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Artemis Fowl Holly Short Julius Root OC (Own Character) Opal Koboi Trouble Kelp
02.08.2016
31.08.2017
10
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26.08.2016 2.461
 
Am nächsten Morgen brachte Holly Arty zur Oberfläche.

Foaly hatte halb im Scherz vorgeschlagen, Artemis mit einer Titankapsel hochzuschießen; ein Scherz, bei dem Artemis nur schmerzvoll das Gesicht verziehen konnte. Sehr zu seiner Erleichterung hatte Holly hatte es jedoch geschafft, Trouble eins der Shuttles abzuschwatzen, um Artemis sicher und komfortabel an die Oberfläche zu bringen.

Da es ein LEP-Shuttle war, mussten die beiden nicht durch den Shuttlehafen, was für beide eine große Erleichterung war. Holly hatte es satt, von Zivilisten angesprochen zu werden, und Artemis verabscheute die misstrauischen, unfreundlichen und seit neustem auch vereinzelt hasserfüllten Blicke von Passanten und Personal gleichermaßen.

In diesem Hinblick bot der Shuttlehafen der LEP jedoch nur für Holly Erleichterung. Artemis bekam von allen Seiten misstrauische, unhöfliche und nicht mehr nur vereinzelt hasserfüllte Blicke zugeworfen.
Holly gab sich größte Mühe, das Verhalten ihrer Kollegen zu ignorieren und es als höchst unprofessionell zu verurteilen. Dennoch beunruhigte sie, dass die misstrauischen Blicke auch ihr galten.

Foaly und Mulch warteten am Shuttle, um Arty zu verabschieden.
"Halt die Ohren steif, Menschenjunge", sagte Foaly und wuschelte Artemis durchs Haar, was der mit einem empörten "Hey" quittierte.
"Ja, und pass auf dich auf", fügte Mulch dazu. "Werd nicht noch mal so n komisches Menschenwesen. Der war richtig gruselig."
Artemis lächelte. Die beiden Unterirdischen waren zwei der nervigsten Wesen, die er kannte, aber sie gehörten auch zu der seltenen, wertvollen Gruppe von Wesen, die er seine Freunde nannte.

Nachdem sie sich verabschiedet hatten, setzte Holly sich in den Pilotensitz und Arty zwängte sich in den Copilotensitz und drehte ihn so, dass er zumindest seine Beine ausstrecken konnte. Er seufzte genervt, warum waren die Dinger so eng gebaut? Warum war er so groß geworden? Früher, erinnerte er sich, hatte er weniger Probleme mit seiner Größe gehabt.
"Alles okay?", fragte Holly.
"Ich glaube, ich muss mir mal ein privates Shuttle zulegen", antwortete Artemis. "Auf die Dauer wird das unangenehm."
"Was glaubst du, wie unangenehm es wird, wenn du stundenlang keine Landeerlaubis in Haven bekommt, weil der Rat erst abstimmen muss, ob du hineingelassen wirst? Nee, Artemis, es ist schon kompliziert genug, dich so durch die Gegend zu fliegen. Wenn du mal keinen LEP-Offizier an der Seite hast, der die Bürokratie für dich erledigt, wird es eng." Holly konzentrierte sich auf den Start. "Außerdem ist dein Gnomisch nicht gut genug, dass du die Magmareporte verstehen könntest und dann wärst du eh flambiert."
"Man könnte ihn mir ja auf Englisch sagen", warf Artemis ein; die Idee vom eigenen Shuttle an dem er sich nicht andauernd den Kopf anschlug, war zu verlockend.
"Da kennst du unsere Tunnelgnome aber schlecht."
Artemis seufzte. Es sollte wohl nicht sein.

Nach zwei Stunden Flug erreichten sie die Oberfläche. Sobald sie gelandet waren, sprang Holly aus dem Shuttle und atmete die frische Luft ein. Dann drehte sie sich zu Artemis um, der umständlich aus dem Shuttle kletterte.
"Du weißt nicht, was du hier hast, Menschenjunge", sagte sie sehnsüchtig. "Oder wie lange du es noch hast."
"Hey", sagte Artemis vorwurfsvoll. "Ich versuche jetzt, die Erde zu retten." Dann fiel ihm etwas ein. "Was ist jetzt eigentlich mit meinem Projekt?"
Holly zuckte mit den Schultern. "Ich weiß es nicht, Arty. Ich glaube nicht, dass der Rat momentan daran interessiert ist. Sie überprüfen jetzt zuerst alle Sicherheitsmaßnahmen, um weitere Sonden vor Entführung zu schützen. Im Moment gibt es wahrscheinlich weder Interesse noch Zeit und erst recht kein Budget dafür."
"Irgendwie ist das traurig", stellte Artemis fest. "Ich versuche, die Welt zu retten und keinen interessiert die Zukunft der Erde."
"Du musst das auch mal politisch sehen", sagte Holly niedergeschlagen. "Erinnerst du dich an die starke Lobby, von der Vinyáya gesprochen hatte?"
"Die, die dafür ist, die Menschen sich selbst zerstören zu lassen und dann die Oberfläche zurück zu erobern? Ja. Es fiele mir schwer, die zu vergessen. Was ist mit ihr?" Artemis hasste es, diese Frage stellen zu müssen. Normalerweise hatte er die Antwort auf solche Fragen. In den letzten paar Tagen war er jedoch nicht an seinem Laptop gewesen und in Foalys hatte er sich auch nicht einhacken können, aus Mangel an Möglichkeiten. Holly hatte ihn ständig im Auge gehabt.
"Sie ist stärker geworden. Die haben den Unfall in Island als erneuten Beweis genommen, dass nie, niemals etwas Gutes von Menschenwesen kommt."
Artemis runzelte die Stirn. "Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich die unterirdische Zivilisation gerettet, und zwar mehrmals."
"Dein Name hat unser Volk in Schrecken versetzt, als es ihn das erste mal gehört hat. Du bist der Entführer, der Feind des Erdvolks, du hast die LEP ausgetrickst. Du hättest uns beinahe vernichtet. Das ist das, was in den Köpfen der Unterirdischen bleibt. In der Hinsicht sind wir nicht viel anders als Menschenwesen." Holly drehte den Kopf von der Scheibe und sah ihn an. "Arty, ich weiß, dass es anders ist. Foaly weiß das. Mulch weiß das. Root wusste es, und Vinyáya wusste es auch. Trouble weiß es. Wahrscheinlich sogar Grub. Alle, die dich kennen, wissen, dass es anders ist. Aber die Mehrheit kennt dich nicht."
"Aber", warf Artemis ein, "ich habe das Erdvolk gerettet. Mehrmals. Vor Kobolden, zweimal vor Opal Koboi und vor ein paar Wochen vor Turnball Root! Wie können sie das einfach vergessen?" Er war fassungslos. "Sogar der Rat, die, so weit ich das verstanden habe, konservativste Institution des Erdvolks ist, hat mich anerkannt! Die Chefin der LEP hat sich mit mir getroffen, um die Unterstützung eines meiner Projekte zu erwägen! Ich wurde als Held geehrt, an der Seite von dir! Wir haben das achte Volk gerettet!" Artemis wurde normalerweise nicht wütend, seine Gelassenheit verlor er selten. Aber jetzt war er fassungslos und sein Gesicht wurde langsam rot, so rot wie es das letzte mal war, als er Holly unfreiwillig seine roten Boxershorts gezeigt hatte. Er fühlte sich, als ob ihm der Boden unter den Füßen weggezogen geworden war. Natürlich hatte er schon immer gewusst, dass die Unterirdischen ihm misstrauische Blicke zuwarfen, dass sie ihm nicht vertrauten, dass er dort fremd war. Aber er hatte gehofft, dass das vorbei gehen würde. Er hatte so oft sein Leben für das Erdvolk, für jeden einzelnen Unterirdischen riskiert. Und Artemis hatte nie Dankbarkeit erwartet. Aber zumindest hatte er Akzeptanz erwartet - und dass sie verstehen würden, dass Artemis Fowl II kein Feind mehr war.
Jetzt vermied Holly es, ihn anzusehen. "Arty, in den Augen des Erdvolks bist du ein Dieb. Wenn sie dich mit bösen Augen sehen wollen, dann können sie das. Und sie wollen dich böse sehen."
"Aber warum denn?"
"Wegen Island", sagte Holly leise.
Für einen Moment war es still, während beide sich an die tödlichen Momente in Island erinnerten.
"Aber", sagte Artemis mit leiser, entrüsteter Stimme, "dafür kann ich wirklich nichts. Die Sonde gehörte dem Erdvolk, sie ist Foalys Kontrolle entkommen und Foalys Sensoren haben sie nicht erkannt!"
"Ich weiß", sagte Holly müde. "Aber niemand spricht darüber, niemandem wird die Schuld gegeben, es ist nur von einem Unfall die Rede... Du musst es aus der Sicht des Erdvolks sehen. Es ist etwas passiert, jemand ist gestorben, viele sind gestorben... Wir sind nicht viele, Arty. Der Tod von 14 Unterirdischen auf einmal ist für uns viel skandalöser als für euch. Ein Prozent der Menschenwesen sind über 73 Millionen. Ein Prozent des Erdvolks sind etwas mehr als 15."
Artemis senkte den Kopf. "Und deshalb hassen sie mich so. Weil sie mich damit in Verbindung bringen. Meine Projekte."
"Und...", sagte Holly, "weil es nicht nur 15 beliebige Unterirdische sind, was schon schlimm genug ist. Nein. Das war ein Teil von unserer Elite. Diese Bergungseinheit ist ein Traum für viele junge Elfen, viele von ihnen würden alles dafür geben, zu ihr zu gehören. Dass sie so einfach und so komplett ausgelöscht werden kann, macht ihnen Angst. Dass sie nicht einmal für jemanden gestorben sind, sondern dass sie ganz umsonst gestorben sind, einfach so, versetzt sie in Schrecken. Dass ihr Chef, die Elfe, die sie so oft beschützt hat, die sie über dreihundert Jahre geführt hat, einfach so ausgelöscht werden kann, macht ihnen klar, dass sie sehr, sehr bedroht sind. Und die Tatsache, dass das ganze überirdisch passiert ist, erinnert sie daran, dass die Menschenwesen ihre Gegner sind."
Artemis runzelte die Stirn. "Derjenige, der das alles verursacht hat, war Turnball Root."
Holly seufzte. "Sie denken, ihr hättet sie beschützen können."
Das brachte Artemis zum Schweigen. Es stimmte. Hätte er die Elfen in Fowl Manor empfangen, hätte Turnball Root mit seiner blöden Sonde einpacken können. Wenn er nicht krank gewesen wäre, hätte er Butler bei sich gehabt, der alle nur möglichen Sicherheitsmaßnahmen getroffen hätte. Wenn, wenn, wenn...
"Arty", sagte Holly in sein bestürztes Schweigen hinein. "Du warst krank. Du kannst nichts dafür." Sie drehte den Kopf und sah ihm in die Augen. "Arty, sie werden es vergessen. In ein paar Wochen werden sie es vergessen haben und sich wieder daran erinnern, dass du ihr Held bist. Dass du sie gerettet hast. Dass du nichts... dafür kannst. Sie stehen unter Schock, das ist alles."
Artemis sah in Hollys Augen - das eine braun, das andere blau - und erkannte, dass sie es ernst meinte.

Perenelle betrat Abteilung Acht durch einen der Haupteingänge und atmete tief durch, als sich die Tür automatisch hinter ihr schloss. Acht hatte einen ganz eigenen Geruch... Vor über 300 Jahren, als Perenelle hier angefangen hatte, war es noch ganz anders gewesen. Viel mehr Menschen und viel mehr Magie waren hier präsent gewesen... Man hatte aufpassen müssen, um nicht in einen der Magier zu laufen, die mit riesigen Bücherstapeln beladen und so ohne Sicht nach vorne durch die Gänge gingen, und dann bestand immer noch die Gefahr, dass einer von ihnen in einen hineinlief. Heute waren die Bücher weg und die Magier liefen auch nicht mehr orientierungslos durch die Gegend, aber die Atmosphäre und der Geruch waren erhalten geblieben. Zumindest für Perry.
Sie holte sich wie jeden Morgen erst eine Tasse heißen Brennesseltee, bevor sie sich auf den Weg in ihr Büro machte.
Ihr Büro. Nein, eigentlich gehörte es immer noch dem Wing Commander. Manchmal konnte Perry sie noch riechen, gelegentlich glaubte sie sogar, ihre Stimme gehört zu haben. Natürlich wusste sie, dass sie sich das nur einbildetete, dass Raine Vinyáya tot war und dass sie niemals wiederkommen würde, aber das machte es für Perry nicht wesentlich realer. Denn tief in ihrem Herzen war noch ein trotziger Teil von ihr, der sich nicht damit abfinden wollte.
Perenelle ließ sich auf den Stuhl sinken und schaltete den Bildschirm an. Ihre rechte Hand Timothy erschien auf dem Bildschirm.
Acht hatte ein gestaffeltes Arbeitszeitsystem, damit es keinen verdächtigen Andrang in dem Winkel der Tiefgarage gab, den Acht als Haupteingang benutzte. Timothy war bereits seit einer Stunde vor Ort.
"Guten Morgen", grüßte Perenelle.
Timothy sah auf und sie an. "Guten Morgen, Chief."
"Was gibt's Neues?"
Er wendete seinen Blick kurz von ihr ab und überprüfte seinen Bildschirm. "Soweit nichts Neues. Die LEP hat die Koboldbande im Zuleitungstunnel von E16 geschnappt und ad hoc nach Howler's Peak gebracht, die Überprüfung der Hintergründe der einzelnen Bandenmitglieder läuft noch, bisher aber kein Hinweis darauf, dass das ganze länger als ein paar Tage geplant war oder Teil von etwas Größerem ist. Oh - einer von Ark Sools Verwandten ist ein wahrscheinlicher Kandidat für einen Posten in der Aufsichtsbehörde."
"Welchor Sylke?" Perenelle erinnerte sich nur allzu gut an den großkotzigen Gnom, der schon ein paar mal Schlagzeilen gemacht hatte. Er war sehr reich und besaß mehrere Industriekonzerne im Gewerbezentrum in Haven. War schon länger auf einen Sitz im Rat scharf. Als sein Großcousin Ark Sool die Familie in Verruf gebracht hatte, hatte er ihm keinerlei Hilfe gewährt, obwohl Sool ihn darum gebeten hatte - vermutlich hatte er seinen Namen nicht noch weiter mit Sool in Verbindung bringen wollen.
Perenelle runzelte die Stirn, ihr gefiel der Einfluss dieser Sippe auf die Aufsichtsbehörde nicht. Soweit sie wusste, hatte Sylke sein Leben lang keinem Fuß in die Zentrale gesetzt. Wenn er sich wirklich auf einmal dafür interessierte, versprach das Ärger.
"Genau", bestätigte Timothy.
"Wissen wir, warum?"
"Noch nichts Genaues. Er behauptet angeblich, dass er den Ruf der Familie rehabilitieren will."
Perry schnaubte ungläubig.
"Oh, und die Ergebnisse des letzten DNA-scans sind gerade eben eingetroffen."
Natürlich hatte Perenelle die Daten im gleichen Moment auf dem Bildschirm wie Timothy, aber es war trotzdem eine nette Geste, sie darauf hinzuweisen.
"Danke, Timothy." Perenelle beendete den Anruf. Sie selbst hatte Vinyáya die Neuigkeiten meist persönlich mitgeteilt und war in viel engerem Kontakt mit ihrer Chefin gestanden, darüber würde sie mit Timothy noch reden müssen. Im Moment kümmerte es sie nicht groß, weil alles noch so neu war und sie, genau wie Timothy, erst einmal eine Routine und einen Überblick brauchten, bevor sie sich um Formalitäten kümmern konnten.
Sie rief die Ergebnisse des Scans auf, die nicht überraschend negativ waren. Genau wie die letzten drei. Entweder Raine Vinyáya war wirklich auf Island gestorben und hatte nichts außer ein wenig DNA-freier Asche hinterlassen, oder sie war irgendwo, wohin die Scanstrahlen nicht durchdringen konnten, und so ein Stoff musste erst noch erfunden werden. Perry gestand sich unwillig ein, dass sie das wohl irgendwann akzeptieren musste.
Ihr Blick fiel, an ihrem Bildschirm vorbei, auf die Rückseite der Tür. Dort hatte sie eine Liste aufgehängt, eine Liste mit 15 Namen. Und jedes mal, wenn ihr Blick darauf fiel, dachte sie an die schrecklichen Momente, als sie den Familien vom Tod ihrer Brüder, Söhne, Ehemännern, Freunde und Väter berichten musste. Natürlich hatten die Elfen der Bergungseinheit sich wissentlich in Gefahr begeben, aber normalerweise starb niemand bei den Einsätzen... Manche starben an eigener Dummheit, ja. So wie Bom Arbles, der sich beim Erdkerntauchen in den Tod gestürzt hatte. Gelegentlich wurden Officer von Trollen ziemlich übel zugerichtet, wenn auch selten. Aber getötet wurde normalerweise niemand. Nicht mal bei dem Koboldaufstand vor ein paar Jahren war jemand gestorben, obwohl das nicht den Kobolden zu verdanken war, sondern Julius Root und Foaly. Root war gestorben, ja, und es war ein riesiger Schock für das Erdvolk gewesen, aber 15 Elfen auf einmal war eine ganz andere Dimension. Dieser unglaubliche Verlust...
Perenelle zwang sich, den Blick wieder auf den Bildschirm zu lenken. Jetzt hatte sie keine Zeit für Schuldgefühle und Trauer.
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