Visionen

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Artemis Fowl Holly Short Julius Root OC (Own Character) Opal Koboi Trouble Kelp
02.08.2016
31.08.2017
10
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Artemis fuhr aus seinem Schlaf hoch, schwer atmend und zitternd. Für einen Moment war er noch zusätzlich verwirrt: wo war er? Um ihn war es dunkel und er konnte keine vertrauten Umrisse erkennen, was war geschehen? Dann erinnerte er sich und ließ sich wieder auf die Matratze sinken. Er war unter der Erde, in Hollys Wohnzimmer. Alleine. Ohne Butler. Bei diesem Gedanken beschleunigte sein Puls sich wieder, bis er sich zwang, sich zu entspannen. Er war in Sicherheit. Butler hatte nun mal nicht ins Wohnzimmer gepasst, und Holly war ein Zimmer weiter und gerüchteweise schlief sie neben ihrer Neutrino.

Er legte sich wieder auf den Rücken und atmete tief, um sich zu beruhigen. Er hatte etwas Seltsames geträumt… Ganz konnte er sich nicht mehr erinnern, so wie nie in den letzten Nächten.

Er hörte Schritte und einen Moment später stand Holly in der Tür, die Waffe im Anschlag. „Arty?“

„Ich bin hier, Holly, es ist alles in Ordnung“, sagte Artemis und richtete sich auf.

Holly senkte die Waffe. „Alles okay?“, fragte sie und ging zu ihm. „Ich dachte, ich hätte etwas gehört.“

„Ich habe wieder geträumt“, sagte Artemis müde und rückte ein Stück, um ihr Platz zu machen. Sie setzte sich und sah ihm besorgt in die Augen, oder zumindest dahin, wo sie seine Augen vermutete. Es war fast komplett dunkel.

„Du solltest noch einmal zu Argon gehen“, sagte sie. „Ich mache mir langsam Sorgen.“

Er schüttelte den Kopf. „Es ist nichts. Argon hatte mich gewarnt, dass das passieren wird.“

„Aber doch nicht so oft und vor allem nicht jede Nacht. Ich hab dich reden hören und ich bin davon aufgewacht. Das kann doch nicht normal sein.“ Holly lehnte  sich vor und strich ihm in eine Haarsträhne aus der Stirn.

Er zog seinen Kopf zurück und schüttelte ihn heftig. „Ich gehe nicht mehr zu Argon. Bitte zwing mich nicht!“

Artemis konnte Holly in der Dunkelheit nicht lächeln sehen, aber er hörte es in ihrer Stimme. Vermutlich schnitt sie auch eine Grimasse dabei. „Zwingen werde ich dich sicher nicht. Als ich das das letzte mal abgeholt habe, hat er mich tatsächlich gefragt, ob ich ihm etwa sagen möchte. Burn-Out ist keine Schande, Miss Short“, äffte sie den schnaufenden Gnom nach.

„Ich glaube, ich muss einfach wieder in  meinem Bett schlafen und wissen, dass Butler vor meiner Tür schläft“, sagte Artemis. „Nichts gegen dich, Holly.“

„Schon klar“, sagte sie und stand auf. „Ich bringe dich morgen wieder hoch, und zwar höchstpersönlich.“

„Danke, Holly“, sagte Artemis. „Schlaf schön.“

Holly drehte sich in der Tür um. „Schlaf du auch schön, Arty.“

Artemis lächelte und legte sich wieder hin.

Seit er wegen dem Atlantis-Komplex in Behandlung war, war er in Erdland geblieben und hatte bei Holly im Wohnzimmer geschlafen. Butler war an die Oberfläche zurückgekehrt, um die Zwillinge und Artemis‘ Eltern zu beschützen. Und weil auf dem Boden kein Platz mehr war. Er hatte gemurrt, aber er hatte letztendlich keine Wahl gehabt war und unter der Voraussetzung, dass Holly ständig an Artys Seite war, an die Oberfläche zurückgekehrt.

Artemis genoss es, in Hollys Nähe zu sein. Seit sie Turnball Root aufgehalten hatten und durch Artemis‘ andere Persönlichkeit, Orion, waren sie sich irgendwie näher gekommen. Artemis genoss die Zeit mit Holly und Foaly, sogar manchmal mit Mulch. Obwohl Mulch die größte Nervensäge der Welt sein konnte, tat es gut, in seiner Nähe zu sein. Durch die gemeinsamen Abenteuer war der Zwerg zu einem verlässlichen Gefährten geworden. Die einzigen Sachen, die er vermisste, waren Butler und die frische, irische Luft. Die Luft in Erdland war nicht stickig, aber ihr fehlte die gewisse Frische, die Lebendigkeit oberflächlicher Luft. Obwohl er erst seit ein paar Tagen in Erdland war, bemerkte er es schon – wie konnte das Erdvolk es bloß so lange ohne frische Luft aushalten?

Arty wälzte sich unruhig auf der Matratze umher. Und sein Bett. Er vermisste sein Bett.


Artemis war nicht der einzige, der in dieser Nacht nicht schlafen konnte. Ein paar hundert Meter weiter schlug Perenelle Lamour ihre Decke frustriert zur Seite und kletterte aus dem Bett. Ohne das Licht anzumachen, lief sie durch die Dunkelheit in die Küche und holte sich ein Glas Wasser. Nachdem sie es getrunken hatte, setzte sie es ab und starrte in die Dunkelheit.

Zwei Wochen war es her, seit sie unfreiwillig und unerwartet zum obersten Commander der Abteilung Acht befördert wurde.

Seit zwei Wochen war sie alleine. Vor zwei Wochen hatte ein durchgeknallter Vebrecher ihre Vorgesetzte und vierzehn der besten Männer in ganz Erdland ermordet und sie und 14 andere unfreiwillig befördert. Vor zwei Wochen hatte sie ihre beste Freundin und Mentorin verloren.

Perry träumte immer noch von ihr. Von dem, was ihre letzten Momente gewesen sein mussten, von Feuer und von dem Geruch von brennendem Fleisch, von Panik und von Angst. Und es machte ihr Angst.

Perenelle warf einen Blick auf die Uhr. Es war zwei Uhr nachts. Kein vernünftiger Mensch war um diese Uhrzeit noch auf. Wenn es nach ihr ginge, dann wäre sie auch nicht mehr auf. Sie ging zum Fenster und öffnete es, atmete erleichtert die frische Luft ein. Nun ja, frisch… Luft aus Erdland. Perry war nicht oft an der Oberfläche gewesen, aber wer einmal irdische Luft geschmeckt hatte, der konnte sie nicht vergessen.

Über ihr funkelte eine Sternen-Projektion. Sogar in Haven City, einer der größten unterirdischen Städte, gab es eine Sternenprojektion, die eine seltsam beruhigende Wirkung auf sie hatte. Die Unterirdischen kamen nicht ganz ohne Symbole der Oberfläche aus, Symbole der Hoffnung…

Perry schloss das Fenster wieder und kletterte wieder zurück ins Bett. Eine halbe Minute später sprang sie frustriert wieder auf und setzte Wasser für einen Kamillentee auf. Wie sie diese Nächte hasste.
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