Adieu, Aurora

von Descoslay
KurzgeschichteRomanze, Tragödie / P12
01.08.2016
01.08.2016
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" Meine liebste Aurora,

wir haben einander nur eine kurze Zeit gekannt. Ein Jahr ist keine lange Zeit. Und dennoch... trotz der kurzen Dauer, die wir gemeinsam verbrachten, habe ich Dich lieb gewonnen.

Als mir meine Frau und meine Tochter genommen wurden, glaubte ich, nie wieder etwas fühlen zu können. Alles war wie betäubt. Alles, wofür ich leben konnte, war meine Rache. Ich musste die Aslanti für meine Familie zu Fall bringen. Ich musste Targent ganz alleine erledigen. Leider kam jedes Mal, wenn ich eine der Stätten der Aslanti fand, mein Bruder dazwischen, daher war nicht ich derjenige, der auch nur eine der Stätten wieder erstehen ließ. Ich war am Boden zerstört. Ich hatte meiner Frau auf ihrem Totenbett versprochen, Rache zu nehmen, und doch hatte ich jedes einzelne Mal versagt. Desmond Locklair war tot und selbst Jean Descole war nur eine nutzlose Maskerade.

Dann fand ich Dich im Eis. Als ich Dich erblickte, wusste ich, dass sich etwas verändern würde. Ich hatte nicht nur eine der aslantischen Stätten ohne jedwede Störung gefunden, Du erinnertest mich zudem an meine verstorbene Frau. Bevor ich sie traf, hatte ich nie eine so starke Form der Liebe gespürt. Ich schrieb einen Brief an meinen Bruder und bat ihn um Hilfe, weil ich die ultimative Rache an unserem Vater wollte. Allein der Gedanke daran, dass er dabei zusehen müsste, wie seine Söhne seine Organisation zum Sturz bringen, brachte mein Blut zum Kochen. Als wir Dich allerdings aus dem ewigen Eis befreiten, war da noch etwas anderes. Ich kann nicht genau sagen, was es war, doch beruhigte mich irgendetwas an deiner Anwesenheit. Als ich Dich in meinen Armen hielt, ohne jeden Puls und doch sicherlich nicht tot, spürte ich eine Zugehörigkeit. Ich bin ein Mann der Wissenschaft, ich habe keinen Grund, an das Übernatürliche zu glauben, und dennoch spürte ich, dass es so sein sollte. Manche mögen es Schicksal nennen, doch ich bevorzuge es eher, dem keinen Namen zu geben.

Als wir gemeinsam umherreisten, gewann ich Deine Faszination für das Gewöhnliche lieb. Du warst neugierig auf diese neue Welt und auf die menschliche Natur. Damals wusste ich noch nicht, dass du ein Golem warst. Ich glaubte nicht, dass Maschinen etwas so menschliches wie Gefühle haben konnten. Du hast Fragen gestellt, die kein anderer stellte, Du hast Rätsel gelöst und eine hohe Intelligenz bewiesen, nachdem Du über eine Millionen Jahre eingefroren warst. Du hast mich daran erinnert, wie sich Zuneigung anfühlt. Ich war mir dessen bewusst, dass Du nicht bei uns bleiben können würdest, doch ich nahm nicht an, dass dein Abschied auf solch eine abrupte Weise geschehen würde.

In den letzten Monaten, die wir gemeinsam verbrachten, merkte ich, dass ich mich in Dich verliebte. Das ist ziemlich lächerlich, nicht wahr? Ein Mann, der einen Roboter liebt. Trotz alledem, wie Du es selbst sagtest, warst Du so entworfen, dass Du Gefühle empfinden konntest. Möglicherweise war das der Grund dafür, dass es in meinem kalten Herzen immer noch Hoffnung gab. Wenn ein Roboter lieben konnte, könnte ich das vielleicht ebenfalls, trotz meiner Vergangenheit. Du hast Dein Volk verloren und ich meine Familie und wir beide spürten eine tiefe Verzweiflung. Vielleicht war das, was es uns möglich machte, eine Bindung zueinander aufzubauen.

Ich erinnere mich noch daran, als Du vor mir erschienst, als ich dort lag, verletzt und im Sterben. Danke dafür, dass Du mir vergeben hast. Vielleicht werde ich eines Tages jemanden treffen, der so wundervoll ist wie Du, und mich wieder verlieben. Vielleicht wird es mir irgendwann möglich sein, meinem Bruder in die Augen zu blicken, ohne Angst davor, dass sich in ihnen nur Hass reflektiert.

Liebste Aurora, wo auch immer Du nun sein magst, ich danke Dir dafür, dass Du mich an all meine Hoffnung erinnert hast.

Ich liebe Dich von ganzem Herzen. Du wirst in meinem Herzen weiterleben.

Auf ewig Dein

Desmond "

Professor Locklair legte den Stift beiseite. Er hatte für den Brief spezielle Tinte benutzt. Sie war antik und von aslantischer Herkunft. Falls man der Legende Glauben schenken durfte, konnte die Tinte von jenen gelesen werden, die nicht mehr auf der Erde wandelten. Er blickte aus dem Fenster. Es war ein wunderbar grauer und regnerischer Tag - und der erste Tag seit Monaten, an dem er sein Schlafzimmer verlies. Er hatte die letzten Monate damit verbracht, zu trauern, in tiefer Betrübnis, bis er eines Tages aufwachte und sich aus irgendeinem Grund besser und energiegeladener fühlte. Plötzlich veränderte sich etwas im Himmel und Desmond sah ihn sich genauer an. Ein Regenbogen entstand und das Blau schien auf eine andere Weise zu glühen als die anderen Farben. Es erinnerte ihn an die Farbe von Auroras Augen.

Er lächelte, denn er wusste, dass dies bedeutete, sie hatte seine Worte erhalten. Für ihn schien nun alles möglich und er schnappte sich die Zeitung, die Raymond ihm an diesem Morgen gebracht hatte, um nach neuen Abenteuern zu suchen.
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