Sturz des Raben (Corvo / Garrett)

OneshotDrama, Familie / P16 Slash
Corvo Attano Der Outsider
31.07.2016
31.07.2016
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Corvo / Garrett
Corvo / Garrett

Autor: Feendrache
Fandom: Dishonored / Thief
Genre: Allgemein, ein bisschen Traurigkeit, ein bisschen Romantik

Inhalt: Nach der Rettung von Emily, zieht Garrett zu seinem Liebhaber und seiner Ziehtochter, nach Dunwall. Er arbeitet als kaiserlicher Kleptomane und so vergehen die Tage, bis er eines Tages einen Arbeitsunfall erleidet, der ihm fasst das Leben kostet und während er mit der Genesung kämpft und mit dem Outsider über Wale und Erziehungsmethoden debattiert, durchleidet Corvo Höllenqualen, aus Angst um seinen Geliebten. (Corvo / Garrett) Thief trifft Dishonored, als Fortsetzung auf den OS »In den Schatten«

Vorwort:
Hallo und willkommen zu meinem zweiten, viel zu langen OS, der auf dem Vorgänger In den Schatten aufbaut. Es ist nicht unbedingt notwendig 'In den Schatten' gelesen zu haben, aber einige Dinge sind im Kontext eventuell einfacher zu verstehen, demnach empfiehlt es sich.
Zwei Monate habe ich an diesem Monster hier gesessen, zwischendurch mit längerer Unterbrechung. Aber da ich vor kurzen noch einmal angefangen habe Thief zu spielen und bereits völlig gehyped auf Dishonored 2 warte, musste ich es einfach zu ende schreiben!

Auch hier gilt wieder folgendes: Optisch orientiert sich mein Garrett an der Mohawk-Version, die es auf vielen Fanarts zu sehen gibt. Außerdem spiele ich auf die Theorie an, dass es sich beim Outsider selbst um einen Wal, bzw. um den Leviathan handelt – nur um Verwirrung vorzubeugen.

Dieser One-Shot ist nichts, was man mal eben zwischendurch lesen kann. Er ist langatmig, voll mit literarischer Angeberei und spart mit klischeehaften Dialogen. Wenn ihr euch trotzdem durchquälen wollt, dann wünsche ich euch hiermit viel Spaß :D

Liebe Grüße
Feendrache

Soundtrack:
Atrium Carceri - A Curved Blade
https://www.youtube.com/watch?v=g5_gEZptmHw
https://www.youtube.com/watch?v=FY3Av5Wo0tU

***

Garrett grinste, als er den kleinen Zettel in den Händen hielt und das Tagebuch zurück in die Schublade gleiten ließ. Das war noch einfacher, als einem Hund den Futternapf zu klauen. Der Winter hatte in Dunwall Einzug gehalten und auch im verwaisten Schlafzimmer des Hochadeligen, den er zu bestehlen versuchte, war es eisig kalt, so dass sich vor seinem Mundschutz kleine, weiße Wölkchen aus Wasserdampf bildeten. An den Fenstern glitzerten Eisblumen und im Schein des Vollmonds, wirkte alles noch unnatürlicher und kühler. Doch Garrett war froh über diese Temperaturen. Denn das hielt die Stadtwache für gewöhnlich davon ab, weitläufige Runden außerhalb der warmen Stube zu drehen und die Diebe hatten somit wesentlich leichteres Spiel.
Nach der Befreiung Emilys, vor einem Jahr und ihrem Aufstieg auf den Thron, hatte er sich dazu entschieden, in Dunwall und bei seinem Geliebten zu bleiben. Garrett hatte für Corvo Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt und alle Register gezogen, um seinen Freund mit allen Mitteln zu unterstützen, zu denen er fähig war. Letzten Endes hatten sie die Tochter des Leibwächters, nur mit vereinten Kräften und einem gemeinsamen Plan, aus den Fängen Havlocks retten können. Garrett träumte selbst jetzt noch von dem Tag, an dem er auf dem Glasdach des Leuchtturms gestanden und den Bogen gespannt hatte. Corvo war dabei gewesen den Admiral abzulenken und mit ihm zu reden, während dieser Dreckskerl Emily in seinen Fängen hielt, bereit sie und sich selbst in den Tod zu stürzen. Dieser verfluchte Bastard von einem Admiral! Garrett kannte nur eine Hand voll Leute, für die er jemals einen derartigen Hass verspürt hatte und Havlock gesellte sich somit in eine Reihe mit dem Diebesfänger General aus Eternal City. Und so war es ihm weiß Gott nicht schwer gefallen, diesem Widerling den letzten Pfeil, der sich noch in seinem Köcher befand, zwischen die Augenbrauen zu jagen. Unglücklicher Weise, war dies auch noch einer seiner explosiven Pfeile und dem Dieb fiel kein Moment ein, in dem ihm derart das Herz in der Brust gefroren war, als jener, in dem Havlock plötzlich zurück stolperte und noch ungläubig in seine Richtung starrte – die Augen so weit aufgerissen, dass ihr Weiß fast unnatürlich präsent erschien. Garrett sah beide kippen, den Admiral und das Mädchen und er war nahe dran, nach vorn zu hechten und ihnen zur Rettung zu eilen, auch wenn er gut zehn Meter entfernt auf einem Dach stand. Aber im Bruchteil einer einzigen Sekunde, sah er im Augenwinkel Corvos Silhouette in blauem Dunst verschwinden und direkt vor der Kleinen wieder auftauchen. Er streckte die Hände aus, umfing sie, riss sie an sich und warf sie beide zu Boden, bevor der Pfeil mit einem lauten Pfeifen explodierte. Der Meisterdieb hatte noch nie etwas derart ekelhaftes erlebt, als zuzusehen, wie einem Mann von Innen heraus der Kopf zerfetzt wurde. Ein wahrer Regen aus Blut, Schädelstückchen und Hirnmasse, prasselte auf Vater und Tochter hernieder. Emily schrie entsetzt, Corvo drückte sie an sich und von Havlock blieb nichts weiter übrig, als eine Gestalt, die an statt eines Schädels, nur noch die Überreste des muskulösen Halses besaß, aus dem rhythmisch Blut spritzte und der langsam nach hinten kippte, über den Vorsprung fiel und aus ihrem Blickfeld verschwand.

Sie hatten ewig gebraucht, um das traumatisierte, weinende und schreiende Mädchen zu beruhigen. Doch letzten Endes war es die restlose Erschöpfung gewesen, welche sie in einen tiefen Schlaf hatte fallen lassen. Garrett kam nicht mit Kindern klar und er war auch kein Freund von besonders viel Gesellschaft. Aber irgendwie hatte dieser Moment, diese gemeinsame Rettungsaktion, etwas grundlegend in ihm verändert. Der Tochter seines Liebhabers das Leben zu retten, hatte ihn mit so viel Stolz und Erleichterung überflutet, dass er ganz von selbst beschloss, gemeinsam mit Corvo auf die kleine Emily aufzupassen und zu verhindern, dass ihr jemals wieder ein Mistkerl wie Havlock Schaden zufügte!
Ob er schon damals so etwas wie väterliche Gefühle entwickelt hatte, konnte er zwar nicht sagen, doch Garrett mochte Emily, denn schließlich war sie Corvos Kind und Corvo war der Mann, den er mehr liebte, als alles Gold und alle Schätze der Welt.
Und auch wenn er freiwillig in den Dunwall Tower zog und fortan eine Dachkammer bewohnte, so ging er trotzdem nur als geheimnisvoller Schatten in der riesigen Festung ein und aus. Jeder wusste von dem mysteriösen Mann, welcher der Kaiserin diente und doch sahen ihn nur die wenigsten.
Offiziell besaß Garrett am Hof den Status des kaiserlichen Spions, doch von seiner wirklichen Aufgabe, wusste nur eine Hand voll Leute und das waren jene, die damals dabei geholfen hatten, Emily wieder auf den Thron zu bringen. Piero, Sokolov, Curnow und Callista – die jetzt als persönliche Dienerin Emilys arbeitete. Vor allem in der Oberschicht hatte es viele Familien gegeben, die in den Komplott gegen die ehemalige Kaiserin verwickelt gewesen waren. Doch natürlich verleugneten sie alle eine Zusammenarbeit mit den Intriganten und oft reichten auch die Beweise gegen sie nicht aus, um überhaupt ein Gerichtsverfahren einleiten zu können. Also entschied Emily – gemeinsam mit ihrem Vater – diesen Menschen eine Art besondere Steuer aufzubrummen. Mit dem Unterschied, dass sie überhaupt nicht mitbekommen sollten, dass sie überhaupt Abgaben leisteten. Garrett stahl also, auf Befehl seiner jungen Herrin, alles was nicht niet- und nagelfest war. Und darin war er verdammt gut! Er räumte ganze Dachböden und Tresorräume leer, ohne dass die Hausbewohner etwas davon mitbekamen. Und der Erlös, der aus dieser unfreiwilligen Spende entstand, floss in den Wiederaufbau der Stadt und dort hin, wo er wirklich dringend gebraucht wurde.
Und auch wenn er dies niemals zugeben würde, so genoss Garrett diese sinnvolle Aufgabe sogar – irgendwie. Garretts Heim im Dunwall-Tower, war noch sicherer als seine alte Kammer im Glockenturm von Eternal City. Er konnte ein und aus gehen, wie es ihm gefiel und er erhielt alle Freiheiten die er benötigte. Corvo hatte seine Tochter darauf eingeschworen, dass sie niemals versuchen sollte, Garrett fest an einen Ort zu binden. Er war eben einfach wie ein Vogel der fliegen musste, um glücklich zu sein. Doch Emily war eben Jessamins Tochter und geschickt wenn es darum ging, Leute um den kleinen Finger zu wickeln und auf ihre Seite zu bringen und so hatte Garrett ganz von selbst den Vogelkäfig bezogen, dessen Türen für ihn immer offen standen.

Ja, Garrett mochte Emily und er war ihr Meisterdieb und er unterstützte Corvo in seiner Arbeit als Leibwächter. Denn während der große, gut aussehende Mann, immer an Emilys Seite verweilte und seine Tochter aus Leibeskräften unterstützte, so war es Garrett, der in den Schatten über sie beide wachte und seine Augen dort hatte, wo Corvo blind war.
Mittlerweile lebte er schon ein ganzes Jahr dort oben und so etwas wie Heimweh nach Eternal City, hatte sich noch kein einziges Mal eingestellt. Auch wenn er die wenigen Freunde die er hatte – oder besser gesagt Basso – hin und wieder vermisste. Er war tatsächlich zufrieden mit seinem Leben. Er hatte einen Job, der kaiserlich unterstützt wurde; hatte einen Mann, den er liebte und er war zu so etwas wie Emilys Ziehvater geworden – und das obwohl das Kind anfangs noch keine Ahnung, von der amourösen Beziehung der beiden Männer, gehabt hatte. Es war das Einzige, worüber er und Corvo regelmäßig gestritten hatten, denn sein Liebhaber wollte endlich mit der Heimlichtuerei vor seiner Tochter aufhören. Garrett hingegen war sich einfach nie sicher, in wie fern dies gut wäre. Er scheute sich einfach davor und dies wiederum passte seinem Geliebten nicht. Eine verzwickte Situation. Irgendwann hatte sich dieses Problem zwar von selbst gelöst, doch es waren neue Probleme aufgetreten. Zu Corvos Pflichten gehörten auch Anstandsbesuche auf den restlichen Hauptinseln des Reiches und so brachte es jedes Mal langatmige Diskussionen mit sich, wenn der Schutzherr versuchte, seinen Liebhaber davon zu überzeugen, in dieser Zeit als Ersatzvater einzuspringen. Garrett hingegen passte dies überhaupt nicht, da er – wie bereits erwähnt – nicht wirklich mit Kindern klar kam und einfach Angst hatte, irgendetwas falsch zu machen, ganz gleich wie sehr Corvo ihm diesbezüglich auch vertraute.
Erst heute Abend, kurz bevor er zu seinem Raubzug aufgebrochen war, hatte er Corvo noch angeschrien und ihm gedroht, ihn zu verlassen, sollte er nicht damit aufhören, ihn diesbezüglich immer wieder zu bedrängen. Seine Worte hatten ihm im nachhinein leid getan, vor allem da er einen Blick zu sehen bekam, der so voller Panik war, dass es Garrett innerlich beinahe zerrissen hätte. Und doch war sein Stolz zu groß, um sich zu entschuldigen und er war einfach durch das Dachfenster geklettert, ohne seinen Mann noch einmal anzusehen.

Sich in die Arbeit zu stützen, hatte ohnehin schon immer bestens funktioniert. Hier auf den Dächern konnte er abschalten, zur Ruhe kommen und seine Gedanken einfach loslassen. Das hier war sein Revier, hier herrschte er als der schwarze Schatten, den keiner sah und der alles an sich nahm, was ihm nicht gehörte. Er war nicht umsonst der Meister der Diebe!
Heute war es ein Amulett, welches er zurück bringen musste. Es gehörte wohl einst Emilys Mutter und durch einige illegale Verstrickungen, hatte es seinen Weg in den Besitz eines Fürsten gefunden, welcher es in diesem Tresor lagerte, der sich hinter einem wirklich scheußlichen Sokolov verbarg. Garrett mochte weder diese Art von Kunst, noch den Künstler der sie verbrochen hatte. Aber die richtigen Schalter zu finden und das Gemälde zur Seite zu klappen, war für ihn ein absolutes Kinderspiel. Wieder grinste er, hinter dem Schal vor seinem Gesicht und strich das Papier glatt, auf dem sich die Zahlen für den Safe abzeichneten.
»Zu einfach.«, seufzte der Meisterdieb, doch er hatte wirklich schon die lächerlichsten Orte für geheime Zahlenkombinationen gehabt, um sich noch über irgend etwas zu wundern. Seine schlanken, geschickten Finger, drehten in Windeseile an den metallenen Rädchen, bis es endlich ein dumpfes und scherbelndes Klick Klack gab, und die Bolzen sich aus der Verankerung in der Wand lösten. Die Tür glitt langsam auf und er half nach, um den Tresor gänzlich zu öffnen.
»Schöner Fund. Schade dass ich dich wieder zu deinem Besitzer zurück bringen muss. Basso würde jetzt sicher in Tränen ausbrechen, wenn er das sehen könnte.« Kurz dachte er an die Leute aus Eternal City zurück, schüttelte dann aber den Kopf und nahm das Amulett vorsichtig aus dem Tresor heraus.
Zuerst dachte er, dass die Kette vielleicht irgendwo im Inneren des kleinen Raumes fest hing, doch als er verstand, dass dem nicht so war, war es längst zu spät und er vernahm nur noch ein helles Schnappen, ehe ihm klar wurde, dass er soeben einen versteckten Mechanismus aktiviert hatte. Garrett versuchte noch zurück zu weichen, doch übersah er in der Dunkelheit das Loch unter dem Safe. Er hörte wie etwas durch die Luft schoss und spürte zunächst nur den Druck, dann war es, als würde ihn etwas zurück stoßen, ehe die Spitze des Bolzens sich zwischen seine Rippen bohrte und zur Hälfte in seiner Lunge stecken blieb. Aus der geringen Entfernung, war es dem Geschoss sogar möglich gewesen, durch seine speziell verstärkte Brustpanzerung zu dringen und in dem Weichgewebe dahinter, verheerenden Schaden anzurichten. Garretts Finger schlossen sich, verursacht durch den heftigen Schmerz, noch stärker um das Amulett und er ließ sich instinktiv zur Seite kippen, für den Fall, dass es noch weitere Pfeile gab. Er wollte hier nicht als Nadelkissen enden! Doch dass die Verletzung schlimm war, verstand er bereits nach wenigen Sekunden. Der Bolzen hatte definitiv die Lunge punktiert und zwang sie nun dazu, zu kollabieren. Blut drang in den jetzt nutzlosen Beutel ein, Luft strömte in den so entstandenen Hohlraum und er hustete, was die Schmerzen unerträglich werden ließ. Garrett wurde kreideweiß und seine Hand wanderte automatisch zu dem Ding aus Metall und Holz, das ihm aus der Brust ragte. Als die Finger es auch nur berührten, schrie er fast auf und ein grauenhafter Schwindel ergriff seinen Verstand. Es tat weh, es tat so weh! Und als ob das nicht ohnehin schlimm genug wäre, erklang von jenseits der Tür, auch noch das Gewirr von Stimmen und ein wildes Getrampel aus Schritten.
»Schnell! Da ist uns jemand ins Netz gegangen!«
Die Stadtwache!, Natürlich, wer denn auch sonst? Er musste hier auf der Stelle weg! Diese Kerle würden nicht mal auf die Idee kommen Fragen zu stellen, sondern ihn direkt hier oben an den nächsten Dachbalken knüpfen, oder elendig krepieren lassen.
So schnell er konnte, stand er auf, die Knie zittrig, der Atem blutgeschwängert, der Blick verklärt und unscharf. Seine gesamte Sauerstoffaufnahme war jetzt um gut die Hälfte reduziert, jeder Atemzug tat ihm höllisch weh und er bewegte sich gebeugt vorwärts, bedacht darauf bloß kein Gewicht auf die verletzte Seite zu verlagern.
»Scheiße!«, keuchte er und zog sich über den Fenstersims nach draußen, auf das Vordach. Einer der Dachziegel gab nach und rutschte unter seinen Füßen weg. Garrett fiel – auf die falsche Seite – und der Bolzen wurde noch tiefer in ihn getrieben. Ein heißerer, erstickter Schrei drang aus seinem Mund, doch die Kette ließ er auch jetzt nicht los. Sie wanderte in eine seiner Taschen und halb blind fingerte er nach dem Seil, welches ihn auf das andere Dach zurück bringen sollte. Er musste irgendwie versuchen zurück zu kommen, oder an einen der sicheren Orte, einen Unterschlupf, weg von der Stadtwache, die soeben in das Zimmer strömten und zum Fenster kamen. Gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie der Dieb sich mit letzter Kraft auf ein anderes Haus schwang und fast wieder eine Bruchlandung vollführte.
»Los! Ihm nach! Der entkommt uns nicht, Männer!«
Garrett wagte es, einen Blick über die Schulter zu werfen, aus seinem Mund kamen längst Laute, die sofort verrieten, dass es nicht gut um seine Gesundheit bestellt war und doch schleppte er sich weiter, zündete sogar eine seiner Lichtbomben, nur um Verwirrung zu stiften und sich selbst eine bessere Chance zur Flucht zu verschaffen. Er musste es irgendwie zu einem der Safe-Rooms schaffen und dort ausharren, bis es für ihn sicher genug war, zur Festung zurück zu kehren.
Aber so leicht ließen sich die Männer nicht abschütteln, die nun versuchten nach dem Seil zu angeln, um sich zu ihm herüber zu schwingen. Der Dieb keuchte und machte sich daran weg zu kommen. Dunwall war mindestens genau so gut um seine Dächer bestellt, wie Eternal City, doch der Winter und die damit verbundene Glätte, machte es ihm nicht gerade einfacher, über die vereisten Ziegel zu balancieren. Unter normalen Umständen wäre dies sicher weniger ein Problem gewesen, doch jetzt …
Garrett glitt immer wieder aus und stürzte, was die Wunde in seiner Brust noch schlimmer werden ließ, als es ohnehin der Fall war. Aber seine Flucht über die Dächer, fand ein jähes Ende, als er an einer Dachkante ankam, die er definitiv nicht kannte! Und unter sich, erstreckte sich die verglaste Überdachung einer weitläufigen Produktionshalle. Hinter ihm näherten sich die Schritte der Männer, verursacht von den schweren Stiefeln, die wie wild über den gebrannten Ton polterten.
Mist. Er konnte nicht kämpfen, doch er wollte sich nicht freiwillig in die Hände der Stadtwache begeben. Diebe brauchten auch hier in Dunwall keinen fairen Prozess zu erwarten, denn einen Prozess würde es nicht einmal geben!
»Es ist aus! Ergib dich freiwillig, oder wir zwingen dich dazu!«
Verdammter Mist! Was nun Garrett? Ergeben und sterben, oder springen? War sein Stolz groß genug, um Letzteres in Betracht zu ziehen und würdevoll zu sterben, als elendig das Haupt zu beugen und sich hängen zu lassen?
War er irre genug, diesen Schritt über die Kante zu wagen und zu fallen?
War er es?

Die Antwort auf die Frage lautet eindeutig: Ja!

»Ist der verrückt?!« hörte er über sich einen der Männer in Uniform. Ein Anderer erwiderte zwar etwas auf diese Aussage hin, doch Garrett hörte es nicht, denn das Glas, welches soeben in tausend Teile zerbrach, als sein Körper mit dem Rücken voran aufschlug, verursachte einen unfassbaren Lärm, der für einen kurzen Moment jedes kleine Geräusch erstickte. Und irgendwie war es ein sehr befreiendes Gefühl, zu fallen. Fast war es wie fliegen – aber er wusste, dass ihn dieser Flug töten würde. Doch lieber starb er in Würde, als unwürdig am Galgen zu verrecken.
Aber Corvo … was sollte aus Corvo und Emily werden?
Vielleicht war es ja diese Frage, dieser Gedanke, der ihm seine Daseinsberechtigung gab, nach der er so lange vergeblich gesucht hatte. So wie Corvo immer wieder beteuerte, dass Garrett dessen Schicksal wäre, so war es doch umgekehrt genau das gleiche. Corvo war Garretts Bestimmung, auch wenn er es ihm nie gesagt hatte.
»Corvo … .«, wisperte der Meisterdieb, als er schwer verwundet auf dem Boden der Halle, wieder zu sich kam. An den Aufprall erinnerte er sich nicht, doch er fühlte das Blut unter sich, fühlte, dass er sich mehr als nur einen Knochen im Leib gebrochen hatte und wusste, dass der Bolzen in seiner Brust, gerade wirklich sein kleinstes Problem war.
»Corvo … .«, noch immer regneten feine Glassplitter auf ihn hernieder und er sah den Vollmond, direkt über dem Fenster stehen. Sein Licht floss wie Wasser über seinen verwundeten Körper, als versuchte es ihn zu heilen. Garrett hatte keine Ahnung, wieso er noch lebte. Doch es war ihm absolut klar, dass dieser Zustand nicht mehr lange anhalten würde. Dafür war zu viel kaputt gegangen.
»Hilf … mir … .«

***

Im Tower erstarrte Corvos Hand mitten in der Bewegung und sein Herz verkrampfte sich so plötzlich, dass er sich die Finger gegen die Brust presste.
»Vater?«, fragte Emily irritiert und hob den Kopf von seiner Schulter. Er war dabei gewesen ihr eine Geschichte vorzulesen, als ihn dieser heiße Schmerz überfallen hatte. Sie sah zu ihm auf, doch sein Blick ruhte nun auf dem Mal, welches auf seinem Handrücken prangte und dabei blass blau leuchtete. Dies hatte es schon seit einer ganzen Weile nicht mehr getan und genau das war es auch, was ihn nun so sehr alarmierte. Seine Tochter versuchte indes energisch, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und rüttelte so lange an seinem Arm herum, bis Corvo sich zu ihr wand.
»Daddy, was ist denn? Ist etwas passiert?« In ihren Augen stand eine Furcht, von der er gehofft hatte, sie nie wieder sehen zu müssen.
»Ich … ich weiß es nicht, Prinzessin.«, murmelte er und sah wieder auf seinen Handrücken: »Das Mal des Outsiders reagiert auf etwas. Aber ich verstehe nicht so recht, was es mir zu sagen versucht.«
»Es leuchtet.«
»Ja, aber das letzte Mal tat es dies vor einem Jahr, als du dich in Gefahr befunden hast.«, erklärte er mit gesenkter Stimme – die Wände hier hatten sprichwörtlich Ohren: »Es war sein Geschenk an mich, um mich dabei zu unterstützen, meine Familie vor Schaden zu bewahren. Aber du bist nicht in Gefahr und – .«, Corvo brach ab, als ihn wieder dieser grauenhafte Schmerz überkam und sein Herz sich verkrampfte. Emily fürchtete nun wirklich ernsthaft um die Gesundheit ihres Vaters und war drauf und dran nach Callista zu rufen, als Corvo endlich begriff, was los war.
»Bei allen toten Göttern!«, stieß er aus und sprang regelrecht aus dem Bett, das Märchenbuch fiel dabei unbeachtet zu Boden: »Es ist Garrett! Ihm muss etwas zugestoßen sein!«
Wie zur Bestätigung seiner Vermutung, begann das Mal nun zu pulsieren und schürte auf diese Weise die Sorge und Panik, in dem sonst so ruhigen Mann. Wenn es um seine Familie ging, war Corvo durchaus dazu bereit, Amok zu laufen. Doch auch in den Augen der Thronerbin erschien nun eine tiefe Besorgnis.
»Dann hilf ihm, Vater!«
»Ich … Ja, du hast recht!«, er trat auf sie zu und gab ihr rasch einen Kuss auf die Stirn: »Ich lese dir die Geschichte ein anderes Mal vor. Verzeih mir, Engelchen.«
So schnell er nur konnte, eilte er hinaus, vorbei an der erschrockenen Callista und zu seinen eigenen Räumen, in denen auf einem Sockel, abgeschlossen in einer Vitrine, seine alte Maske, sowie Schwert, Herz, Armbrust und Pistole ruhten. Doch er nahm nur die Stichwaffe an sich, ebenso das Geschenk des Outsiders, überlegte kurz, ehe er auch nach Pieros Meisterwerk der Ingenieurskunst griff.
Seit Emilys Rettung, trug er sie nur noch selten, denn sie erinnerte ihn immer an all das, was vor einem Jahr passiert war. Doch hier und jetzt, brauchte er sie. Er musste die Rolle des Rächers wieder überstreifen. Er musste sein Leben als fürsorglicher Vater für einige Momente vergessen und wieder in die alten Muster zurück gleiten, um den Mann zu beschützen, den er so sehr liebte.
Corvo machte sich nicht die Mühe, den Weg durch das Eingangstor zu gehen, sondern nahm die selben Wege, über die sich auch Garrett tagtäglich Ein- und Austritt zum Tower verschaffte. Es ging schneller und vor allem unauffälliger. Doch wo sollte er suchen?
Das Herz in seinem Mantel pulsierte in gewohnter Manier und fast fühlte sich der große Mann in die Zeit zurück versetzt, als er es fast ununterbrochen in der Hand gehalten hatte. Ein seltsamer Schauer durchlief ihn dabei und er zögerte, ehe er gedanklich seine Bitte nach Hilfe formulierte. Dabei kam ein Gedanke in ihm auf, dass seine Bitte vielleicht nicht mehr erhört werden würde … weil der Grund dafür bereits tot war. Doch jene Bedenken zerstreuten sich, als das Wispern in seinem Kopf erklang, welches er schon ewig nicht mehr vernommen hatte.
»Der Lebensfaden des Diebes, hängt nur noch an wenigen Fasern. Seine Zeit verrinnt, wie billiger Wein, im Schlund des Säufers.«
»Wo ist er! Bitte zeige mir den Weg!«, Corvos Stimme kam einem Flehen gleich und er konnte sich nicht daran erinnern, sie jemals so zittrig vernommen zu haben. Aber auch jetzt half ihm das mechanische Herz, denn es schlug einmal kräftig, ließ ein lautes Pochen vernehmen und antwortete dann:
»Der Stein der Urkraft, kann ein Leuchtturm in der ewigen Dunkelheit sein. Doch sein Licht wird schwächer.«
»Was? Was soll das bedeuten, du nutzloses Ding?! Wo ist Garrett?«, er wusste dass er Ruhe bewahren musste. Er wusste genau, dass er sich nicht derart mitreißen lassen sollte, aber Corvo konnte nicht anders, als sich nervös auf dem Dach, einmal um die eigene Achse zu drehen und zu hoffen, irgendwo einen Hinweis zu erhaschen. Doch dem war nicht so und seine Hand umschloss das Herz so fest, als wolle er es zerquetschen.
»Du verdammtes Scheißteil, bist echt zu nichts zu gebrauchen!« Aber als er den Arm hob, die Muskulatur der Schultern anspannte und bereit dazu war, das Herz einfach wütend und aufgebracht in die Häuserschluchten zu werfen, bildete sich direkt vor ihm, keinen Meter entfernt, eine Wand aus schwarzen Nebelschwaden. Corvo war so überrascht, dass er zurück wich, stolperte und schmerzhaft landete. Über ihm bäumte sich die immer gleiche Figur des Outsiders auf, die Augen in gewohnter Manier zur Gänze geschwärzt, das Gesicht bleich und ohne jeden Ausdruck an Gefühlen. Selbst seine Stimme klang derart monoton und gelangweilt, dass es einem fast schon Angst machen konnte.
»So behandelst du also meine Geschenke an dich, Corvo?«, fragte er und warf einen Blick auf das Herz. Corvo richtete sich auf und funkelte ihn zornig an, auch wenn dies durch die Maske hindurch keine Wirkung besaß.
»Ich brauche einen Wegweiser und kein magisches Orakel, welches mir sagt, dass mein Geliebter im Sterben liegt!«, fauchte er und hielt demonstrativ das mechanische Organ hoch, welches leise vor sich hin pochte. Der Outsider wartete einige Sekunden lang ab, ehe er weiter sprach:
»Du enttäuschst mich, Corvo.«, meinte er, ohne eine Emotion zu zeigen – vermutlich besaß er nicht einmal Emotionen: »Hast du denn schon vergessen, wofür ich es dir einst gegeben habe? Wozu es da ist?«
»Wie könnte ich?!«, knurrte der kaiserliche Schutzherr mit einem Schnauben: »Aber ich brauche jetzt kein Navigationsgerät für seltene Artefakte, sondern jemanden der mir sagt, wo in dieser korrupten Stadt mein Mann ist! Du Egoist!«
Den Outsider anzuschreien und zu beleidigen, zählte nicht gerade zu den besten Ideen der letzten Monate. Aber Corvo war derart von der Rolle, dass er jede Vorsicht über Bord warf. Die Zeit saß ihm wie eine tickende Uhr im Nacken und das machte ihn nervös – verdammt nervös sogar!
»Doch, genau das ist es, was du jetzt brauchst.«
»Was?!«
Gelassen schwebte der unheimliche Mann auf und ab und nickte in Richtung des Herzens: »Du hast es doch gerade selbst gesagt, Corvo. Dieses Herz gab ich dir, um dich zu den geheimen Artefakten zu führen, die sich in dieser Welt verstecken. Die meisten von ihnen, sind zwar dazu da, um mir zu huldigen und meine Gunst zu erlangen, doch entstammen auch sie der selben, magischen Quelle, welcher jedes Artefakt entspringt.«, erklärte er: »Ich gab dir dieses Mal und mit ihm all die Kräfte, die du erworben hast. Dieses Mal und das Juwel, welches die Menschen den Urkaftstein nennen, sind enger miteinander verwoben, als du es dir vorstellen könntest. Denn auch sie entstammen jener mystischen Quelle.« Verborgen hinter den Linsen der Maske, weiteten sich Corvos Augen vor Verblüffung und Erkenntnis.
»Das bedeutet ja, dass Garrett und auch ich … .«
»Genau, ihr seid durch sein Auge und dein Mal, in das feine Netz der Magie verwoben, welches diese Welt umgibt. Ihr beide seid Teil von etwas, was weit über die Macht der Urkraft und der des Outsiders hinaus reicht.«
Wieder pochte das Herz und es fühlte sich beinahe so an, als versuche es Corvo daran zu erinnern, wie sehr die Zeit in diesem Moment drängte. Der Outsider verwies mit der Hand auf das Herz und sprach:
»Ich gab es dir, um die Artefakte zu finden. Die Urkraft in deinem Geliebten, ist stark genug, um ihn noch einige Zeit am Leben zu erhalten, doch auch sie wird schwächer. Und sein Auge ist nichts anderes, als eines von so unendlich vielen Artefakten, die es zu finden gilt. Ich gab dir dieses Herz nicht umsonst, Corvo. Vergiss nicht, dass ich kein Mensch bin, sondern ein Wesen, das über die Grenzen eures beschränkten Verstandes hinweg sehen kann und schon vor Äonen die Auswirkungen eurer Verbindung erkannt hat, zu einer Zeit, als es weder dich, noch Garrett überhaupt gab. Ihr beide fasziniert mich, Corvo und daran hat sich bis heute nichts geändert. Also finde deinen Dieb, nutze das Herz und suche nach dem Artefakt.«
Damit verschwand er so plötzlich, wie er gekommen war und Corvo unterdrückte einen wütenden Aufschrei. Irgendwie fühlte es sich jedes Mal alles andere als gut an, mit dem Outsider zu sprechen, doch heute hatte er ihm ausnahmsweise mal wirklich geholfen.
»Okay.«, murmelte er und sah auf das Herz herunter, welches wieder friedlich in seiner Hand pulsierte: »Wenn du mir wirklich helfen kannst, dann musst du das jetzt tun. Bitte, zeige mir ganz genau, wo ich hin muss. Garretts Leben ist in großer Gefahr und wir beide, du und ich, dürfen ihn nicht einfach sterben lassen. Hast du verstanden?«
Es gab ein kräftiges Pochen von sich, als würde es ihm zustimmen und Corvo rang sich ein Lächeln ab: »Gut, dann zeig mir jetzt die Richtung, in die ich gehen muss.«
Er hob es an und drehte sich langsam gegen den Uhrzeigersinn. Er wartete auf eine Reaktion, doch als er sich schon fast einmal komplett um die eigene Achse gedreht hatte, verließ ihn langsam wieder der Mut und er war drauf und dran, erneut damit zu drohen, es wegzuwerfen. Dann aber – und Corvo rechnete nicht mehr damit – schlug es auf einmal so stark, dass er glaubte es würde jeden Moment platzen.
»Danke.«, wisperte der große Mann hinter der Maske und machte sich auf den Weg. Es war gar nicht so einfach über diese Dächer zu rennen, wenn diese so voller Eis waren und er war oft genug kurz davor abzustürzen, wenn er nicht über die Teleportationsfähigkeiten verfügt hätte, die man ihm zum Geschenk gemacht hatte.
Corvo zog sich an einer Dachkante hinauf und versuchte sich gleichzeitig auf das Herz zu konzentrieren, welches er jetzt in der Brusttasche trug und das immer schneller pulsierte, je näher er seinem Ziel kam. Es klopfte wild und kraftvoll und plötzlich begann auch das Mal in den Rhythmus einzusteigen. Dieses wurde ganz heiß, leuchtete grell blau und Corvo verstand, dass er sich jetzt ganz in Garretts Nähe befinden musste.
Hier irgendwo musste er sein!
Das Herz hatte ihn in das große Industrieviertel geführt, wo sich eine Lagehalle an die andere reihte. Er stand auf einem Dach und sah vor sich ein Meer aus verschmutztem und verrußtem Glas. Der Gestank von altem Walöl hing in der Luft und Corvo teleportierte sich auf einen Lastenkran, der ein Stück über die Dächer ragte. Von hier hatte er einen besseren Überblick, doch aufgrund der Dunkelheit, war es nicht gerade einfach, überhaupt irgendwas zu erkennen.
Zum Glück verfügte die Maske über spezielle Linsen, die es ihm ermöglichten sie wie ein Fernglas, auf einen weit entfernten Punkt zu richten. Und so zoomte er sich Stück für Stück über die Produktionshallen, untersuchte jeden Quadratmeter, wurde dabei jedoch auch immer hektischer und bemerkte an sich selbst, dass die Nervosität in ihm Konzentrationslücken erzeugte. Verdammt, er musste sich endlich beruhigen! Er musste wieder der professionelle Attentäter von vor einem Jahr werden, aber das war gar nicht so einfach. Hier ging es um das Leben seines Mannes und nicht darum, irgend ein X-beliebiges Ziel zu eliminieren.
»Verdammt!«, brüllte er und schlug mit der Faust auf den Kran unter sich. Das Metall vibrierte und er schickte ein erneutes Stoßgebet gen Himmel: »Hier ist doch überhaupt nichts! Wo habt ihr mich denn hin geführt?!«
Das Herz in seiner Brusttasche ließ ein lautes Pochen vernehmen, dann erklang wieder die alt bekannte Frauenstimme, in Corvos Gedanken – dieses leise Wispern:
»Er fiel, um zu fliegen. Doch er brach sich die Flügel und ein Regen aus Glas, beweinte seinen Sturz.«
Was sollte das denn schon wieder bedeuten? Dieses verdammte Ding war wirklich keine große Hilfe! Eine klare Aussage, WO auf diesem verdammten Dach Garrett war, wäre ihm gerade wesentlich lieber, als diese unnötigen Orakelsprüche.
Dann aber begriff Corvo endlich und die Erkenntnis ließ ihn laut keuchen. Er selbst war es, der sich hier irrte! Hatte seine Sorge um Garrett seinen Verstand wirklich so sehr benebelt, dass er das Offensichtlichste übersehen hatte?! Sein Meisterdieb war nicht auf diesem Dach, sondern irgendwo darunter und wenn er die Worte des Herzens richtig deutete, dann war er durch eines dieser vielen Fenster gestürzt und dies wiederum bedeutete …
»Oh, bei allen Göttern! Das kann er doch unmöglich überlebt haben!«
Corvo suchte ein weiteres Mal das Dach mit seinen Blicken ab, nun jedoch konzentrierte er sich auf die Fenster, zoomte, suchte, zoomte raus, suchte weiter. Gern hätte er die magische Nachtsicht benutzt, doch ihm war klar, dass dafür das Areal zu groß war.
Er war nahe dran, völlig die Beherrschung zu verlieren, als er endlich einen Hoffnungsschimmer entdeckte. Corvo glaubte an ein Wunder, als er – zum größten Teil hinter einem Schornstein verborgen und in der Dunkelheit kaum zu erkennen – eine fehlende Glasscheibe zwischen all den anderen ausmachte. Mit einer einzigen Bewegung seiner Hand, verschwand er in blauem Dunst und tauchte knapp neben dem Loch wieder auf. Die Ränder waren unsauber abgebrochen und immer wieder rieselten kleine Stückchen in den großen Hohlraum darunter. Corvo näherte sich vorsichtig und beugte sich langsam über den Rand. Darunter war alles so dunkel, dass er nichts erkennen konnte, doch er war nahe genug, um nun auch endlich Gebrauch von der Nachtsicht machen zu können, die sich ihm so oft als nützliche Hilfe erwiesen hatte. Er schloss die Augen; konzentrierte sich drauf, die Bitte gedanklich an das Mal auf seinem Handrücken zu senden; fühlte wie es heiß wurde und schlug die Lider wieder auf. Seine Umgebung erstrahlte nun in einem eigenartigen, orangenen Ton, der intensiver wurde, je organischer Oberflächen und Gegenstände waren. Doch nichts auf dieser Welt interessierte ihn gerade so wenig, wie die Beschaffenheit der Industriehalle unter ihm. Viel mehr waren seine Sinne auf die leuchtend gelbe Gestalt gerichtet, die dort unten lag. Er konnte Arme und Beine ausmachen, in unnatürlichem Winkel abstehend; sah diffus eine große Pfütze warmer, flüssiger und organischer Materie, die sich um den Körper gebildet hatte und verstand sofort, dass es sich dabei um Blut handeln musste. Corvo blieb das Herz augenblicklich in der Brust stehen und er hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen.
»Garrett!«, hörte er sich selbst rufen und noch während er die Nachtsicht wieder löste, teleportierte er sich hinab, landete auf beiden Füßen und ging neben dem anderen Mann in die Knie. Überall war Blut, Garrett sah furchtbar aus und einer seiner Arme, sowie ein Bein, schien mindestens einmal gebrochen zu sein.
»Bitte nicht, bitte nicht, Garrett.«
Er riss sich die Maske herunter, ließ sie einfach achtlos in die blutige Pfütze fallen und zog seinem Geliebten dann vorsichtig den Mundschutz vom Gesicht.
»Garrett? Garrett bitte sag was. Bitte sei nicht tot. Bitte!«
Es war wie damals. Es war genau so wie damals! Corvo sah sich selbst, wie er neben Jessamine kniete, sie im Arm hielt und dabei zusehen musste, wie sie ihren letzten Atemzug tat. Es wiederholte sich alles!
»NEIN!«, schrie er, zu sich selbst, zu Garrett, zu den Göttern – die es vielleicht gar nicht gab: »NEIN! Nicht noch einmal! Ich werde nicht noch jemanden verlieren, den ich liebe! Das lasse ich nicht zu!«
Seine Hände umfassten das Gesicht seines Geliebten und er suchte verzweifelt nach Anzeichen dafür, dass Garrett noch atmete, dann aber, als er seinen Blick erneut über den verwundeten Körper des anderen wandern ließ, sah er einen Bolzen, der tief in Garrett steckte. Und vermutlich war es nur dem Druck des Korsetts zu verdanken, dass die Blutung von innen stark genug abgedrückt wurde, um zu verhindern, dass der Dieb verblutete.
»Wach auf, bitte wach auf Liebster! Ich flehe dich an. Stirb nicht, Garrett. Ich liebe dich so sehr, das kannst du mir nicht antun. Was soll aus mir werden, wenn du nicht mehr bist?«
Völlig überfordert kniete er da und konnte das verzweifelte Schluchzen nicht mehr unterdrücken. Die Erinnerungen an Jessamine; der Tod, der ihm überall hin zu folgen schien; die Angst um seine Tochter, das alles belastete noch immer seine Nerven und nun saß er hier und wusste nicht was er tun sollte.
»Cor … .«
Es war nur ein Wispern, ganz leise und kaum zu verstehen, doch er hatte es gehört und als Corvo den Blick hob und in das blutbefleckte Gesicht des anderen Mannes sah, erkannte er, wie sich dessen Lippen ganz langsam bewegten.
»Garrett!«, rief er, entsetzt, glücklich, erschrocken – Corvo wusste selbst nicht, was er in diesem Augenblick zu fühlen hatte, doch so langsam kam auch sein Verstand zurück, der ihm sagte, dass er gerade sinnlos Zeit verschwendete.
»Cor … .« wieder dieses hilflose Flüstern, das ihm zeigte, dass Garrett zwar noch am Leben, aber auch nicht mehr all zu weit vom Tod entfernt war. Der Leibwächter fühlte erneut diese grenzenlose Überforderung, die sich in seinen Verstand schlich. Er war kein Arzt, er wusste nicht, was er tun sollte, um heraus zu finden, wie schlimm es wirklich um die Gesundheit des anderen bestellt war. Ein Sturz aus so großer Höhe, konnte alle möglichen, schweren Verletzungen hervor rufen und Garrett jetzt falsch zu bewegen, konnte ebenfalls zu verheerende Schäden führen. Und doch musste er ihn hier wegbringen.
»Bleib ganz ruhig, Liebster. Ich bring dich nach Hause und dann wird alles wieder gut.«, sprach er, versuchte irgendwie die Ruhe zu bewahren und Garrett zu zeigen, dass er alles im Griff hatte – auch wenn dies eine brutale Lüge war. Nichts hatte er im Griff, rein gar nichts!
»Hoffen wir, dass der Urkraftstein wirklich genug Macht hat, um dir das Leben zu retten.«
Garrett jedoch, schien wieder das Bewusstsein verloren zu haben. Corvo konnte nicht erkennen, ob sein Freund noch atmete, dafür war es einfach zu dunkel und das Korsett verdecke zu viel von dem Körper, dem Corvo so hoffnungslos verfallen war.
Wieder setzte er sich die Maske auf und ließ dann vorsichtig die eine Hand unter die Schultern des kleineren Mannes wandern, die andere schob sich ganz langsam unter dessen Kniekehlen. Dass der Meisterdieb sehr leicht war, wusste Corvo zur genüge und er war wirklich froh darüber, dass sein Freund nicht gerade der größte Mensch der Welt war. Und doch war es ihm fast, als würde er eine Leiche tragen. Corvo versuchte irgendwie die Kontrolle über sein Denken zu wahren, zwang sich dazu, sich voll und ganz darauf zu konzentrieren, sie beide auf das Dach und von dort aus zurück zum Dunwalltower zu bringen.
Mit einem scheinbar leblosen Körper in den Armen, war es unlängst schwerer, den Teleportationspunkt richtig anzuvisieren und beim ersten Versuch schwankte Corvo, als er wieder festen Boden unter den Füßen spürte. Er selbst hatte sich mittlerweile an das unangenehme Gefühl gewöhnt, welches diese Art der Fortbewegung verursachte, doch hatte er keine Ahnung, welche Auswirkungen das Ganze auf den schwer verwundeten Meisterdieb haben konnte.
»Verdammt!«, fluchte er, zornig auf sich selbst. Doch er musste weiter. Er musste sich beeilen. Über seine Finger rann Blut, welches er ignorieren wollte, doch er konnte es einfach nicht. Es war Garretts Blut, welches hier unentwegt aus dem geschwächten, halbtoten Körper sickerte: »Wehe du stirbst! Dann mach ich dir verflucht noch mal Feuer unter deinem attraktiven Hintern! Hast du verstanden?!«

***

»SOKOLOV!«
Vermutlich fielen in diesem Moment, mehrere Leute vor Schreck aus den Betten, als Corvo durch die offene Dachbodenlucke sprang, mit Garrett im Arm in die Knie ging und dabei quer durch den gesamten Wohnbereich brüllte. Zum Teleportieren fehlte ihm längst die notwendige Energie und der Leibwächter keuchte, angesichts der Tatsache, dass sein Magievorrat völlig ausgezehrt war. Aber das war jetzt nicht wichtig. Zielstrebig ging er auf Tür zu, hinter der sich die Räume des kaiserlichen Arztes befanden und der ebenfalls in diesem Flügel untergebracht war – nicht weit entfernt von der amtierenden Kaiserin. Corvo war drauf und dran, die Tür einzutreten, als ihm bereits geöffnet wurde und die langhaarige, hackennasige Erscheinung des alten Mannes, vor ihm auftauchte; eingehüllt in einen dicken, graublauen Morgenmantel, unter dessen Saum man die Hose eines Pyjamas ausmachen konnte. Und sicherlich hätte Corvo den Anblick der karierten Hauspantoffeln als amüsant empfunden, wenn die Lage nicht derart ernst wäre.
»Bei meinem Barte! Was habt ihr beide denn jetzt schon wieder angestellt?!«, Sokolov funkelte ihn wütend an, richtete dann aber den fachmännischen Blick auf das blutige Bündel in den Armen seines maskierten Gegenübers und nickte verstehend: »Bring ihn in mein Behandlungszimmer.«, brummte er, mit einem Wink den Flur entlang. Der Schutzherr eilte los und hörte noch, wie eine Tür hinter ihm geöffnet wurde. Callistas Stimme erklang, verwirrt und besorgt:
»Was ist passiert?« Doch Corvo überließ es dem Hausarzt, sich darum zu kümmern, seine Aufmerksamkeit ruhte auf Garrett, der wie Tod da hing und mit keiner Regung zeigte, ob er überhaupt noch am Leben war. Ob es nun an der Überforderung lag, oder der restlosen Erschöpfung seines Körpers zu verschulden war, aber immer wieder veränderte sich Garretts Gesicht, vor Corvos Augen – wenn auch nur für Sekunden, nahm es abwechselnd die Züge der verstorbenen Kaiserin an. Allein diese Sinnestäuschung reichte aus, um Corvo einen emotionalen Dolch ins Herz zu rammen und ihn daran zu erinnern, dass er kurz davor stand, erneut einen geliebten Menschen zu verlieren.
»Halte durch.«, wisperte er unter seiner Maske, die leise Hoffnung nicht verlierend, dass sein Dieb ihn vielleicht doch noch hörte – irgendwie.


Während Sokolov zu einem seiner Schränke ging und diesen mit Hilfe eines Schlüssels öffnete, der sich an seinem Gürtel befand, legte Corvo seinen Geliebten so vorsichtig wie nur möglich, auf die Behandlungsliege, die mitten im Raum stand. Über ihm ging flackernd eine grelle, weiße Lampe an und auf Geheiß des Arztes hin, zog er Garrett den Mantel aus, ebenso Schuhe, Armschoner, Handschuhe und Schal. Sokolov bereitete indes alles weitestgehend vor, als auch Callista eintrat und die Tür hinter sich schloss.
»Ah, da sind Sie ja, junges Fräulein.«, gab der älteste im Raum, mit seiner üblich schnarrenden Stimme, zu Protokoll und schob einen Wagen mit Instrumenten neben die Liege. Garrett trug längst nur noch Hose, Korsett und das tiefschwarze Hemd darunter. Corvo hatte nicht gewagt, sich ebenfalls daran zu schaffen zu machen, denn nach wie vor steckte auch der Bolzen tief im Körper des Diebes und der Schutzherr war erfahren genug, um zu wissen, dass jede falsche Bewegung Garretts Tod bedeuten könnte. Callista schluckte geräuschvoll, als sie den Bolzen erblickte, der gerade noch wenige Zentimeter zu sehen war und demnach sehr tief steckte. Auch sah man nun umso besser, dass Garretts linkes Bein tatsächlich gebrochen war, der Unterschenkel stand unschön ab und ebenso der linke Arm, überall waren blaue Flecke, zudem war das Schultergelenk definitiv ausgerenkt.
»Bei allen toten Göttern.«, keuchte sie und vollführte mit einer Hand eine kleine Geste, als wolle sie Garrett segnen. Sokolov – durch und durch Wissenschaftler der er war – schnaubte nur, angesichts dieser Bewegung und meinte salopp.
»Wenn Sie damit fertig sind, ihm die letzte Ölung zu geben, sagen Sie doch bitte Bescheid. Ich benötige ihre Hilfe, Callista.«
»Meine?!«, die Stimme der jungen Frau überschlug sich und unsicher sah sie zwischen Sokolov und Corvo hin und her. Corvo musterte sie. Callista war eine schöne Frau, in der Blüte ihres Lebens und ihnen immer eine große Hilfe gewesen. Doch in wie weit sie jetzt und hier helfen konnte, verstand auch er nicht. Sokolov erklärte in einem fast schon genervten Tonfall:
»Nun, dieser Bolzen hier, steckt verdammt tief in unserem liebreizenden Meisterdieb. Wenn ich ihn nicht entferne, wird er, Erstens, bleibende Schäden an den Lungen zurück behalten und mir, Zweitens, an einer Sepsis wegsterben.« Corvo kam nicht umhin, die Art wie Sokolov sprach, als persönliche Beleidigung zu empfinden: »Und so wie es aussieht, könnte es weitere, innere Blutungen verursachen, wenn wir dabei nicht äußerst behutsam vorgehen. Unter anderen Umständen, würde ich Sie nicht darum bitten, meine Liebe. Aber leider liegen die geschicktesten Finger von ganz Dunwall hier vor mir und sind dabei zu verbluten und die ihren sind grazil und feinmotorisch genug, um diese Aufgabe zu übernehmen.«
Ob man das als Kompliment auffassen konnte, blieb jedem selbst überlassen. Callista hingegen wurde immer blasser:
»Aber … aber ich kann doch nicht … ich bin doch nur ein einfaches Dienstmädchen.«, stammelte sie und suchte Hilfe bei Corvo, der sich endlich die Maske abnahm und den Blick flehend erwiderte.
»Bitte, Callista. Sokolov hat recht. Sie sind sehr geschickt und ich habe sie oft genug beobachtet, wenn sie Emily in der Kunst der Handarbeit unterrichtet haben. Sie sind dazu in der Lage, unglaublich filigrane Papierfiguren zu falten. Also wenn es jemand schafft, Garrett von diesem Ding zu befreien, dann Sie!« - retten sie meinen Mann! Fügte er in Gedanken hinzu und nun wurde die junge Frau wirklich nervös, aber gleichzeitig trat auch ein entschlossenerer Ausdruck in ihr Gesicht, der Corvo erleichtert aufatmen ließ.
»Na schön. Ich werde es tun. Aber ich kann für nichts garantieren!«
»Keine Bange, ich werde sie anleiten. Corvo, Sie werden ihren … Freund gut festhalten. Sollte er aufwachen und sich bewegen, könnte das zu größeren Komplikationen führen und ich wollte heute Nacht eigentlich keinen Totenschein ausfüllen.«
Bastard – knurrte der Leibwächter stumm und trat dann ans Kopfende, um Garrett im Falle eines Falles zu fixieren. Callista bekam von Sokolov einen sauberen Kitteln und sterile Handschuhe, ehe sie neben den Arzt trat und genau auf seine Anweisungen hörte.
»Also, gut zuhören, Mädchen. Ich fixiere den Bereich um die Wunde. Sie müssen den Bolzen so weit unten packen, wie Sie können. Ziehen Sie ihn senkrecht heraus und achten Sie um Himmels Willen darauf, dass er nicht hin und her wackelt! Verstanden?«
Callista nickte und beugte sich etwas tiefer über Garrett, um besser sehen zu können. Fachmännisch legte Sokolov die Hände auf den Teil des Korsetts, der den Bolzen eingrenzte und zog es so gut es ging auseinander.
»Okay, jetzt und ganz langsam!«
Das Herz des Leibwächters begann grauenvoll zu pochen, als er dabei zusah, wie Callista, offenbar von einer starken Welle Mut angetrieben, ihre Finger so weit unten ansetzte, dass sie dabei mit dem Blut in Kontakt kam. Als würde sie eine Stricknadel umfassen, fasste sie fest zu und atmete ein letztes Mal durch, ehe sie damit begann, den Bolzen ein winziges Stück heraus zu ziehen.
»Da ist Blut!«, keuchte sie erschrocken, Sokolov aber redete auf sie ein, versuchte tatsächlich sie zu beruhigen und sie machte weiter, biss sich dabei stark auf die Unterlippe, der Blick entschlossen auf den Bolzen gerichtet.
»So ist es gut, immer schön langsam. Nicht zu schnell. Lassen Sie sich nicht von dem Blut ablenken. Schön gerade halten. … .«, es dauerte gefühlte fünf oder zehn Minuten, bis Corvo endlich die metallene Spitze sehen konnte. Das Holz des Geschosses, hatte sich voller Blut gesogen und war tiefrot. Callista ließ ihn in eine Schale fallen, keuchte und jetzt begann sie wirklich zu zittern.
»Das haben Sie gut gemacht.«, lobte Sokolov und winkte sie wieder zu sich: »Gehen Sie auf die andere Seite und helfen Sie mir, dieses alberne Korsett auszuziehen.«
»Warum lassen Sie das nicht ihren Assistenten machen? Wozu haben Sie denn einen?!«, verlangte Corvo zu wissen, der ebenso fertig mit den Nerven war, wie Callista. Doch die junge Frau schüttelte vehement den Kopf und tat das was man ihr aufgetragen hatte. Während der Mediziner und das Dienstmädchen, Garrett von der restlichen Kleidung befreiten, erklärte Sokolov seine Entscheidung:
»Dieser Idiot hat sich in den letzten Tagen eine dicke Erkältung zugezogen und ich glaube kaum, dass Sie wollen, dass ich ihn in diesem Zustand an unseren geschätzten, kaiserlichen Kleptomanen lasse. Oder, Corvo?«
Da musste er ihm wohl oder übel zustimmen, egal wie leid ihm Callista gerade tat und diese sah wirklich äußerst blass um die Nase aus, hielt sich aber noch immer tapfer. Sokolov ging nun dazu über, die Blutung mit Kompressen zu sichern und sie dabei – nun da alle störende Kleidung bei Seite gelegt wurde – einer genaueren Untersuchung zu unterziehen.
»Das bekomme ich wieder hin. Allerdings werde ich ihn dafür narkotisieren müssen.«
»Sie wollen ihn aufschneiden?!«
»Mir bleibt keine andere Wahl, Corvo! Und jetzt verschwinden Sie aus dem Raum. Ehepartner haben während einer Operation, nicht im selben Zimmer mit dem behandelnden Arzt zu sein! Callista, ich hoffe doch, dass Sie beim Anblick von Blut nicht sofort umfallen.«
»Na ja … also eigentlich … .«
»Perfekt, dann mal ran ans Werk. Corvo, ich sagte raus hier!«


Als er sich schließlich vor einer verschlossenen Tür wiederfand, fühlte Corvo wie ihn eine unfassbare Schwere ergriff und ihn dazu zwang, sich an die gegenüberliegende Wand zu lehnen und mit einem erschöpften Seufzten auf den Fußboden zu sinken. Seine Maske wurde mehr oder weniger sanft fallen gelassen und klapperte dabei blechern. Die Sorge um seinen Geliebten, die Angst die er verspürte und die quälenden Erinnerungen, hatten ihn letztlich all seiner Kräfte beraubt und ihn in die Knie gezwungen. Müde fuhr er sich über das Gesicht, fühlte die Stoppeln seines leichten Bartes und merkte, dass überall an seiner Kleidung und an seinen Händen, Garretts Blut klebte. Er roch danach und wollte sich am liebsten waschen, doch seine Beine gehorchten den übergeordneten Befehlen einfach nicht und so blieb er sitzen, starrte stumm und erschöpft auf die hölzerne, verzierte Tür, an der große, goldene Lettern verrieten, dass sich dahinter das ärztliche Behandlungszimmer befand. Corvos Augen wanderten nach unten, auf den linken Handrücken und er seufzte. Noch immer war seine Energie völlig aufgebraucht und er hatte nicht einmal mehr genug Kraft, um einen kurzen Nachtblick zu wagen, einfach um zu beobachten, was in dem Raum hinter der Wand vor sich ging.
Seine Finger zitterten richtig, so erschöpft war er. Plötzlich hörte er schnelle Schritte und als er den Kopf zur Seite wand, wurde er auf einmal fast umgerissen und sah nur noch einen dunklen Haarschopf, der sich an ihn drückte und anschließend die großen, besorgten Augen seiner Tochter, die sich auf seinen Schoß setzte und ihn vorwurfsvoll anschaute:
»Was ist hier los, Daddy?!«, verlangte Emily zu wissen. Corvo musterte sie kurz und stellte zu seinem Missfallen fest, dass sie nur ihr Nachthemd trug. Vorsichtig legte er die Arme um sie, darauf bedacht sie nicht vollzuschmieren.
»Ich habe Garrett gefunden.«
»Wie geht es ihm? Ist er verletzt?!« Die junge Kaiserin war nun wirklich ernsthaft besorgt und irgendwie erfüllte es Corvo mit einer beinahe makaberen Freude, dass sie sich solche Gedanken um ihren kaiserlichen Dieb machte.
»Er hatte einen Unfall.«, versuchte er die Situation so zu erklären, wie er es für richtig hielt: »Garrett ist von einem Dach gefallen und durch ein Fenster gestürzt. Sokolov operiert ihn gerade … zusammen mit Callista.«
Die junge Dame schlug sich erschrocken die Hände vor den Mund und riss die Augen auf.
»Das ist ja furchtbar! Wie konnte denn das passieren? Es gibt doch niemanden auf der Welt, der besser klettern kann, als Garrett!«
Da Corvo nicht vor hatte, sie mit der Bolzen-Sache zu verängstigen, dachte er kurz nach, versuchte dann aber die Schuld auf den Winter und die vereisten Dächer zu schieben. Zu seinem Glück, leuchtete es Emily offenbar ein und nun kuschelte sie sich so gut sie konnte, an ihren Vater und beobachtete mit ihm zusammen die Tür.
»Der arme Garrett.«, meinte sie leise und traurig: »Ich mag ihn. Er guckt zwar immer so finster, aber er ist ein ganz lieber Mensch, wenn man ihn ein bisschen besser kennt.« Corvo nickte nur auf ihre Worte hin und musste traurig lächeln, als sie weiter sprach: »Als ihr beide mich aus der Golden Cat befreit habt, hatte ich erst Angst vor ihm. Aber mittlerweile weiß ich, dass du ihn nicht lieben würdest, wenn er keinen guten Charakter hätte.«
Es war ein seltsames Gefühl, sie so offen darüber sprechen zu hören und einfach um sich selbst zu beruhigen, dachte er an jenen Tag zurück, an dem Emily die Wahrheit um die Beziehung zwischen den beiden Männern herausgefunden hatte …

***

Nach allem was vor einem halben Jahr passiert war, angefangen von seiner Befreiung, über den Verrat durch Havlock und bis zur gemeinsamen Rettung Emilys, hatte Garrett schließlich entschieden, in Dunwall zu bleiben. Corvo war mehr als nur überrascht, dass sein Freund sich – trotz der allgemeinen Ablehnung von zu viel Gesellschaft in seiner Umgebung – doch sehr schnell mit seiner Tochter angefreundet hatte. Dabei brachte Garrett als Grund immer wieder zur Ansprache, dass ihn vor allem Emilys Intelligenz beeindrucken würde. Und das Mädchen war wirklich alles andere als dumm. Sie war gescheit, mitfühlend und hatte die politischen Fähigkeiten ihrer Mutter geerbt. Alles Eigenschaften, die es ihr letzten Endes erlaubt hatten, von selbst dahinter zu kommen, was genau zwischen ihrem Vater und dem Meisterdieb aus Eternal City lief. Weder Garrett noch Corvo, hatten damit gerechnet, eines Tages beide in die privaten Räume der jungen Thronerbin gerufen und dort zur Rede gestellt zu werden. Und sie hatte den Schutzherrn dabei extrem an Jessamine erinnert, als sie sich vor den beiden Männern aufbaute, die Arme in die Seiten stützte und sie derart vorwurfsvoll anschaute, dass sie beide wahrscheinlich um gut eine Elle geschrumpft waren – obwohl sie keine Ahnung hatten, warum sie sich jetzt schuldig fühlen sollten:
»Also?«, hatte sie gefragt und die Augenbrauen ganz unkaiserlich zusammen gezogen. Garrett – den man aus dem Schlaf gerissen hatte, da er nach wie vor als Dieb und damit des nächtens arbeitete – hatte das übermüdete Gähnen nur schwer unterdrücken können. Sein Mohawk war unordentlich zusammen gebunden und einige Strähnen hingen liederlich, links und rechts, an den rasierten Seiten herunter. Corvo hingegen, war von oben bis unten voller Schlamm, da er eigentlich gerade dabei gewesen war, eines der Pferde einzureiten, welches sich als sehr widerspenstig erwies und ihn immer wieder abwarf. Trotzdem waren sie dem Ruf ihrer jungen Herrin und Tochter gefolgt und kannten das Warum nach wie vor nicht.
»Also?«, wiederholte Corvo schließlich und wagte es kaum, zu blinzeln.
»Also! Haben mir mein Leibwächter und mein kaiserlicher Meisterdieb nichts zu sagen? Vater? Garrett?«
»Äh … .«, kam es nur von dem komplett irritierten Verbrecher mit kaiserlicher Arbeitserlaubnis und er und Corvo warfen einander fragende Blicke zu: »Geht diese Frage auch genauer, kleine Lady?«
»Natürlich!« Emily deutete auf den Boden vor sich, der teilweise mit schlammigen Abdrücken versaut war: »Setzen, alle beide!«
So langsam fragten sie sich, was sie angestellt hatten, dass ihre Tochter, bzw. Ziehtochter, so einen eigenartigen Aufstand probte. Doch sie taten wie ihnen geheißen und ließen sich im Schneidersitz nieder, während Emily damit begann, vor ihnen auf und ab zu gehen. Dabei erinnerte sie Corvo stark an Geoff Curnow, wenn dieser die neuen Rekruten für die Stadtwache einschwor und so langsam fühlten sich die beiden Männer unglaublich schuldig, auch wenn sie immer noch keine Ahnung hatten, warum eigentlich!
»Die Frage, die sich mir stellt, Vater und Garrett, ist die: Wann wollt ihr es mir endlich sagen?« Ihr Tonfall hatte etwas durch und durch beleidigtes angenommen und so langsam ahnten die zwei, was hier gespielt wurde.
»Du weist es?«
»Ich bin doch nicht blind! Natürlich weiß ich es, Daddy!« Sie blieb stehen und verschränkte die Arme vor der Brust, der Blick voller Trotz: »Du bist wirklich gemein!«
Corvo rutschte das Herz in die Hose und auch Garrett neben ihm, wurde in diesem Moment bleicher als sonst. Lange hatte er darüber nachgedacht und auch mit seinem Liebhaber gesprochen, wie sie dem Mädchen möglichst schonend beibringen sollten, dass ihr Vater einen anderen Mann liebte. Er wollte es in aller Ruhe machen und das Kind vorsichtig darauf vorbereiten, damit der Schock nicht zu schlimm ausfiel. Dass sie es nun von selbst heraus gefunden hatte, kam einer mittelschweren Katastrophe gleich!
»Das … ich … wir … .« Verdammt, wie sollte er denn jetzt darauf antworten? Auch Garrett schien überfordert, immerhin war er für gewöhnlich kein Mann großer Worte. Emily fing nun damit an, ungeduldig mit einem Fuß auf und ab zu dribbeln, was ein dumpfes Geräusch auf dem teuren Teppich verursachte.
»Jaaa?«, fragte sie betont ungeduldig und gedehnt. Corvo schluckte. Wenn seine Tochter sich so aufführte, dann machte sie ihn durchaus nervös und unsicher – warum nur war sie ihrer Mutter derart ähnlich, verdammt?! Selbst bei Jessamine hatte er jedes Mal klein bei gegeben, wenn sie dies hier tat!
»Also … wir wollten es dir sagen, aber … nun … verflucht, sag doch auch mal was, Schatz!«
»Was soll ich denn bitte sagen, sie ist deine Tochter!«
»Aber du bist ihr persönlicher Dieb!«
»Und? Das macht mich noch lange nicht zu ihrem Erziehungsberechtigten! Du bist ihr Vater, also erklär du ihr, was das zwischen uns ist.«
»Ich kann euch hören.« Es tat einen kleinen Plumps und schon saß auch Emily auf dem Boden. Das Mädchen sah Vater und Dieb immer noch vorwurfsvoll und tödlich beleidigt an: »Corvo ist mein Papa und die Kaiserin war meine Mama. Aber Mama ist tot und du hast Papa damals aus dem Gefängnis befreit. Also bedeutet das, dass ihr euch schon ganz lange kennt. Stimmt´s?«
Die Männer nickten synchron und irgendwie verspürte Corvo auch eine Portion Stolz, für seine intelligente Tochter.
»Du und Papa, seit wann liebt ihr euch schon?«, stellte sie die Frage nun gezielt an Garrett, welcher unsicher herum druckste. Ihm war es überhaupt nicht angenehm, derart ausgefragt zu werden. Dies äußerte sich vor allem darin, dass er unruhig hin und her rutschte. Corvo kannte diese Anzeichen nur sehr genau und für gewöhnlich hätte sein Dieb die Flucht durch das nächstbeste Fenster gewagt – denn Garrett hatte eine chronische Abneigung gegen Türen aller Art. Doch hier und jetzt, war eine Flucht nicht möglich.
»Seit … öhm … ich glaub in ein paar Monaten, werden es zwei Jahre?«, er sah zu Corvo, welcher zustimmend nickte.
»Also habt ihr euch schon geliebt, als Mama noch gelebt hat. Wusste meine Mutter denn davon?«, ein zweistimmiges Ja erklang und das Mädchen dachte kurz nach: »Dann ist es so, wie ich vermutet habe. Würdest du Papa nicht lieben, hättest du ihn damals nicht aus dem Gefängnis geholt.« Die Frage war eher rhetorischer Natur, trotzdem bestätigte Garrett sie und auf Emilys Gesicht erschien plötzlich ein erleichtertes Lächeln: »Dann hätte ich nicht nur meine Mama, sondern auch meinen Papa verloren und ich wäre ganz alleine gewesen. Capitain Havock hätte dann bestimmt jemand anderes rekrutiert, um mich aus der Golden Cat zu befreien, nur um mich für seine Zwecke zu benutzen. Und das heißt, wenn du nicht gewesen wärst, dann … .«, plötzlich erklang ein leises Schniefen und das Mädchen senkte beschämt den hübschen Kopf. Corvo hätte sie am liebsten in den Arm genommen, doch da stand sie auch schon auf und ging auf den Meisterdieb zu, welcher völlig überfordert zu der jungen Kaiserin aufsah, in deren Augen große Tränen standen. Der Tod der Mutter, hatte wirklich tiefe Narben in ihr hinterlassen, die nur von der Zeit selbst geheilt werden würden. Nun aber schlang sie plötzlich die Arme um Corvos Geliebten und küsste ihn auf die Wange:
»Wenn du nicht gewesen wärst, dann wäre ich jetzt ganz alleine auf der Welt. Danke Garrett.«

Von diesem Tag an, gab es zwischen den beiden Männern und dem Mädchen, keine Geheimnisse mehr und mit Wohlwollen sah Corvo, wie Emily sich hin und wieder sogar ernsthaften Rat, bei ihrem neuen Ziehvater einholte. Garrett war noch misstrauisch, seiner neuen Rolle gegenüber. Doch das war ganz normal, wenn man es für gewöhnlich vorzog, sich von den meisten Menschen fern zu halten. Nicht umsonst bewohnte der Meisterdieb eine Kammer auf dem Dachboden des großen Anwesens und diese durfte – bis auf seine kleine Familie – auch niemand betreten.

***

»Daddy?«, wurde er aus seinen Gedanken gerissen und sah sich mit einem paar großer Kinderaugen konfrontiert, die ihm nur erneut bewusst werden ließen, wie jung seine Tochter eigentlich noch war.
»Ja?«
»Warum liebst du eigentlich einen Mann?«, fragte sie ihn, neugierig und ohne jeden Vorwurf in der Stimme: »Ich verstehe das alles nicht, denn mein Politiklehrer sagte erst kürzlich, dass es laut unseren Gesetzen verboten wäre.« Natürlich hatte sie diese Frage eines Tages stellen müssen, aber dass dieser Tag ausgerechnet der heutige sein musste, verpasste Corvo beinahe den Rest. Und doch besann er sich und strich sich nur müde und erschöpft über das Gesicht, ehe er zu einer Antwort ansetzte:
»Weist du, Prinzessin, unsere Gesetze sind alt und stammen aus einer Zeit, in der wir den Worten unserer alten Religion unterstellt waren. Und diese Religion verstand in allem das Böse, was abweichend der Norm passierte. Sie verurteilte Liebende zum Tode und führte statt dessen Kriege, gegen den Glauben anderer Menschen. Es hat durchaus sein Gutes, dass wird heute nicht mehr zu diesem alten Kult gehören, trotzdem prägt er uns noch immer. Darum existiert dieses Gesetz, dass es Männern unter Strafe stellt, einander zu lieben.«
In Emilys Augen, trat eine tiefe Besorgnis und auch so etwas wie Wut: »Das ist nicht richtig. Du und Garrett, ihr beide liebt euch und ich bin so froh, dass du ihn hast. Dennoch verstehe ich es nicht. Ich dachte früher immer, dass Männer nur Frauen lieben können. Gibt es denn auch Frauen, die andere Frauen lieben?« Langsam fragte Corvo sich, auf was dieses Gespräch hinauslaufen sollte, doch er wagte den Versuch und ging darauf ein – vermutlich würde er heute auch keine bessere Ablenkung bekommen, als diese.
Corvo hatte sich dieses Gespräch so oft in seinem Kopf ausgemalt und hatte so oft darüber nachgedacht, was er antworten würde, wenn sie ihm diese Worte entgegen brachte. Doch hier zu sitzen, mit seiner kleinen Tochter auf dem Schoß und sich von ihr verhören zu lassen, war in der Realität noch schwerer, als es in seinen Gedanken der Fall war.
Er ließ sich Zeit mit seiner Antwort, während er von den großen, neugierigen und hübschen Augen, intensiv gemustert wurde, die ihn eindringlich durchbohrten und auf diese Weise jede noch so kleine Lüge im Keim erstickten. Er würde sie nicht anlügen, das wusste er genau. Doch wie sollte er ihr das alles erklären, ohne sie zu erschrecken, oder zu verunsichern?
Jetzt verstand der Leibwächter auch, warum sein Mann sich damals immer davor gescheut hatte, Emily endlich in die Wahrheit einzuweihen und ihr zu sagen, was wirklich zwischen ihnen vorging. Doch andererseits hatte gerade Emily, als die wohl einzige Person auf diesem Planeten, die stärksten Rechtsansprüche darauf, endlich darüber Bescheid zu wissen, mit wem genau sie sich das Herz ihres Vaters teilte.
»Ja, auch das gibt es, aber das ist nichts schlimmes.«
»Aber warum? Männer können doch zusammen gar keine Kinder bekommen. Also warum verlieben sie sich ineinander?«
»Warum nicht? Warum sollte ich Garrett nicht lieben können?«, er sprach ruhig und ohne erkennbaren Vorwurf in der Stimme, denn sein Kind war es nicht, dem er einen Vorwurf machte.
»Weil das so ist?«, es war keine Aussage, mehr die Frage eines verwirrten Mädchens, welches sich soeben einem moralischen Dilemma gegenüber sah: »Das sagen alle.«
»Und wenn Garrett eine Frau wäre, dann wäre es okay?«, stellte Corvo die Gegenfrage und vermerkte sich gedanklich, einen anderen Politiklehrer für seine Tochter zu suchen: »Weist du, Emily, wir suchen es uns nicht aus, ob wir Mann oder Frau sind. Wir entscheiden nicht darüber was wir sind, aber wir treffen die Entscheidungen dafür wer wir sind und wer wir sein wollen.« Er sah eine Mischung aus Erkenntnis und Unverständnis in ihren Augen aufblitzen, doch Corvo fuhr fort: »Als ich Garrett kennen lernte, hätte ich nie gedacht, dass ich mich eines Tages in ihn verlieben würde. Aber ich war vom ersten Moment an fasziniert von ihm und von seinen Fähigkeiten. Ich lernte ihn als Verbrecher kennen und als Dieb, als er mich bestahl. Jedoch lernte ich ihn in den folgenden Tagen, als den unglaublich tollen Menschen kennen, der er außerhalb seines Berufes ist. Er ist wahnsinnig intelligent und hat eine Intuition, die ich noch bei niemandem sonst gesehen habe. Manchmal kann er furchtbar stur und eigensinnig sein, aber dann zeigt er sich wieder von seiner liebevollen und fürsorglichen Seite und auch wenn er immer wieder betont, dass er lieber alleine arbeitet, so gibt es niemanden sonst, dem ich mein Leben anvertrauen würde, als ihn. Oft ist er schweigsam und mischt sich nicht in Diskussionen ein. Dann beobachtet er alles aus der Entfernung heraus, schätzt die Situation genau ein und gibt nur seinen Kommentar ab, wenn er es wirklich für notwendig erachtet. Aber wenn man ihn näher kennen lernt, kann er witzig sein, lauthals lachen oder sich über Kleinigkeiten freuen, selbst wenn er noch so böse und finster guckt. Er kommt nicht gut mit anderen Menschen klar und in zu viel Gesellschaft, fühlt er sich ziemlich unwohl. Aber für seine Familie – für dich und mich – würde er alles aufgeben.« Noch während er sprach, bildete sich auf Corvos Lippen ein Lächeln, das gleichermaßen warmherzig, wie traurig war, denn ihm war durchaus bewusst, dass die Person, über die er gerade derart verliebt sprach, im selben Moment mit dem Tod kämpfte. Emily sah dies und in ihren Augenwinkeln tauchten kleine Tränen auf.
»Warum weinst du, Prinzessin?«, fragte ihr Vater und wischte die Tränen sanft bei Seite.
»Das ist schön was du da sagst. Garrett ist wirklich ein toller Mensch.«
»Siehst du, und genau deswegen liebe ich ihn ja auch. Als mir klar wurde, dass ich mich in einen Mann verliebt habe, war ich genau so verwirrt wie du es bist. Ich glaubte, dass dies unmöglich sein konnte und dass ich vielleicht ein Verbrechen begehe. Doch dann wurde mir klar, dass es egal ist, ob ich nun einen Mann oder eine Frau liebe. Denn ich liebe den Menschen, der er ist! Ich liebe die Person, die er mit der Zeit wurde. Die Person, die manchmal viel zu melancholisch ist, die ständig den einsamen Wolf mimt, die sich Nachts auf den Dächern herum treibt, die finster guckt und trotzdem liebevoll, sanft, warmherzig ist und ihre Familie verteidigt, wie ein Wal seinen Nachwuchs. Ob Mann oder Frau … wen interessiert schon dieser eine Aspekt?« Corvo strich seiner Tochter durch die schwarzen Haare und endlich sah er auch so etwas wie Verständnis in ihrem Blick: »Denkst du denn, ich würde auch dich weniger lieben, wenn du ein Junge wärst?«
Emily schien zu zögern, doch dann schüttelte sie so schnell den Kopf, dass ihm schon allein beim Zusehen schwindelig wurde.
»Und Mama wusste wirklich davon?«
Er nickte: »Ja, sie wollte ihn sogar treffen. Allerdings … nun, du weist ja was passiert ist. Aber sie hat sich für mich gefreut, dass hat Jessamine immer wieder gesagt.«
Allein diese Tatsache, schien das Mädchen zufrieden zu stimmen und nun lächelte sie und lehnte sich an die breite Brust ihres Vaters, ein kleines Gähnen auf den Lippen:
»Dann ist gut. Wenn Garrett so toll ist, wie du sagst, dann habe ich nichts dagegen.« und gerade als sie die Augen schloss, um sich endlich ihrer Müdigkeit hinzugeben, schien ihr noch etwas anderes in den Sinn zu kommen: »Wenn ich endlich eine richtige Kaiserin bin, dann werde ich die Gesetze ändern! Versprochen. Denn ich will nicht, dass meine beiden Väter bestraft werden, nur dafür, dass sie so tolle Menschen sind.«

***

Corvo schlief unruhig, seine Gedanken waren wie altes Maschinenöl, klebrig, zäh und unangenehm. Düster. Sie zeigten ihm Dinge, die er nicht sehen wollte, Dinge aus seiner Vergangenheit, Dinge die vielleicht gewesen wären und Dinge die sich eventuell ereignen könnten und vor denen er mehr Angst hatte, als vor einem abgefeuerten Projektil.
Er träumte davon, wie Garrett durch das Dach stürzte und in endloser Dunkelheit verschwand, während Corvo wie angewurzelt da stand und nichts dagegen unternehmen konnte. Er träumte wie sein Geliebter fiel und seinen Namen schrie, wie er für immer aus Corvos Leben – aus seiner Welt verschwand, die er so schwerfällig nach und nach wieder zusammensetzte und deren tiefe Wunden nur allmählich verheilten. Immer wieder sah er diese Szene, sah Garretts Augen, die sich in Panik weiteten und die Hand, die sich ihm hilfesuchend entgegen streckte und doch schaffte Corvo es nicht, auch nur einen Schritt zu tun und die Finger seines Liebsten zu fassen, um seinen Sturz zu verhindern.
Und mit jedem Mal, wurde der Ausdruck in Garretts Augen wütender, vorwurfsvoller, kälter … und eine Stimme erklang in Corvos Gedanken, Jessamines Stimme, die ihm sein Versagen erklärte. Niemanden konnte er retten. Nicht sie, nicht Garrett, nicht Emily und vor allem war er nicht dazu in der Lage, sich selbst zu retten. Er selbst war sein größtes Opfer, sein schlimmstes Versagen.

Eine Hand berührte die Schulter des Leibwächters und er fuhr so schnell aus dem unruhigen Schlaf hoch, dass er dabei auch Emily weckte, die erschrocken aus dem Mantel heraus guckte, nur um die Augen gegen das helle Tageslicht abzuschirmen. Ihr Vater spürte jeden Knochen im Leib, sein Rücken war merkwürdig taub, die Beine eingeschlafen und kalt. Das sitzen auf dem Boden, diese eigenartigen Träume, hatten ihm stark zugesetzt und er brauchte einige Sekunden, um sich halbwegs orientieren zu können.
»Herr?«, Callista sah ihn besorgt und vor allem müde an, ihre Augen waren gerötet, was aber eher davon zeugte, dass sie seit Stunden auf den Beinen war: »Ihr solltet nicht auf dem Boden schlafen.«
»Was … wo?«, stammelte er und rieb sich einige Male über´s Gesicht. Emily kuschelte sich leises murmelnd tiefer in seine Umarmung und so hielt er sie fest, während er fragend zu Callista aufsah.
»Es geht um Sir Garrett. Sokolov ist soeben mit der Operation fertig geworden und bat mich darum, Sie darüber zu informieren.«
Mit einem Schlag, war jede Müdigkeit verflogen und Corvo richtete sich auf, was seine Muskeln nur noch mehr protestieren ließ.
»Wie geht es ihm!?«
»Das müssen Sie den kaiserlichen Arzt selbst fragen, ich würde mich nun lieber frisch machen gehen.« Tatsächlich hatte ihre Kleidung, trotz der Schutzbekleidung, einige Blutflecken abbekommen und allein dieser Anblick ließ Corvo erschaudern: »Ja, gehen sie nur, Callista. Danke für ihre Hilfe, ich schulde ihnen etwas.«
»Nein nein, gehen Sie nur zu ihm, er braucht Sie jetzt an seiner Seite, Corvo.« Sie lächelte und irgendwie verursachte es ihm ein ganz eigenartiges Gefühl in der Magengegend, eine Vorahnung … wusste das Dienstmädchen vielleicht Bescheid?
Er sah ihr noch nach, entschied sich dann aber dazu, ihrem Rat Folge zu leisten und sich mit Emily auf den Armen irgendwie in eine stehende Position zu wuchten – was sich als schwerer herausstellte als gedacht, denn seine Beine waren nicht einfach nur völlig ausgekühlt, sondern auch eingeschlafen und so brauchte er ein paar Sekunden, bis er nicht mehr das Gefühl hatte, jeden Moment in irgendeine Richtung weg zu kippen und Bekanntschaft mit dem kalten Fußboden zu machen.
Er spürte dass er Hunger hatte und ihm die Kehle vor Durst beinahe brannte und doch riss er sich zusammen, war durch die Gefangenschaft vor einem Jahr längst schlimmeres gewohnt und ging auf die Tür zu, hinter der sich sein Liebster befand, welcher nur knapp dem Tod entkommen war. Emily nuschelte wieder und als er auf seine Tochter hinab blickte, sah er, dass auch sie wach wurde und ihn verschlafen musterte:
»Daddy?«
»Hallo Engelchen. Guten Morgen.«
»Morgen … wo sind wir denn?«, fragte sie und er setzte sie vorsichtig ab, ergriff ihre Hand als er sicher war, dass auch sie auf eigenen Füßen stand, ehe er antwortete:
»Vor der Krankenstation.«
Die junge Kaiserin riss die Augen auf und schien sich ebenfalls wieder an die Geschehnisse des letzten Tages zu erinnern. Plötzlich zog sie heftig an Corvos Hand und ging zielstrebig auf die verzierte Tür zu:
»Los Corvo, wir müssen gucken wie es Garrett geht!«
Er ließ sich mitziehen und war doch unsicher, trotz seiner eigenen, inneren Ungeduld. Emily kam nicht einmal auf die Idee anzuklopfen, sondern öffnete ganz selbstverständlich und alles andere als kaiserlich, einfach so die Tür und trat ein, ihren Vater mit sich ziehend. Sokolov stand vor der Behandlungsliege und beugte sich soeben über den leblosen und zum größten Teil sogar nackten Körper Garretts, als die beiden herein polterten und als der Arzt sich aufrichtete und ihnen ein paar böse Blicke zuwarf, wäre Corvo am liebsten im Erdboden versunken:
»Beim Outsider, was soll das denn?! Das hier ist das Krankenzimmer und nicht der Dunwaller Hauptbahnhof! Oder steht vor meiner Tür zufällig ein Tiketverkäufer?!«Die Kaiserin jedoch ignorierte ihren hofeigenen Quacksalber und Möchtegern-Künstler und zerrte ihren Vater nun beinahe grob zu der Liege. Corvo war richtig überrascht von der Zielstrebigkeit, die seine Tochter da an den Tag legte und es war ihm andererseits auch mehr als unangenehm.
»Wie der Vater, so die Tochter.«, murmelte Sokolov, der ein paar blutige Bandagen in den Müll warf und dann die Arme verschränkte.
»Wie geht es ihm?«, Corvo versuchte so entschuldigend wie möglich auszusehen, doch dann wanderte sein Blick automatisch zu Garrett und ihm drehte sich fast der Magen um. Das einzige, was sein Freund jetzt am Leibe trug, war die Unterhose, denn seine Hose lag zerschnitten und zerrissen auf einem Stapel blutiger Lumpen, die sich beim näheren betrachten als Garretts Arbeitskleidung heraus stellten. Die eigentümlich frisierten Haare waren nass und wirkten frisch gewaschen, ebenso glänzte auf seiner Haut ein feuchter Film, doch der Großteil war verborgen hinter Bandagen und Kompressen und das gebrochene Bein versteckte sich nun, hinter einem hellgrauen Gipsverband. Durch die ohnehin sehr helle Haut, des wesentlich kleineren Mannes, traten die intensiven, blauen Flecke jetzt noch stärker hervor. Es würde wohl Monate dauern, bis das alles hier wieder richtig verheilt war.
»Nun, wie soll es ihm schon gehen? Fibula und Tibia des linken Beines, waren beide komplett durch. Er kann froh sein, dass ich es ihm nicht abnehmen musste. Seine linke Schulter war luxiert und ich musste sie repositionieren – die arme Callista ist dabei ganz schön ins schwitzen geraten. Er hat jede Menge Prellungen und Schnittwunden, es hat ewig gedauert das ganze Glas aus den Wunden zu ziehen. Ach ja, und was den Bolzenschuss angeht, so wird er noch lange Zeit Probleme bei der Atmung haben. Ich habe soweit alles versorgen können, aber machen Sie ihm bitte klar, dass jede Form von Klettern, Hangeln, Springen und dergleichen, für die nächsten zwei bis drei Monate, komplett untersagt sind, wenn er nicht will, dass sich das Loch in seiner Lunge wieder öffnet!« Kurz zögerte Sokolov und Corvo dachte bereits, dass noch etwas konstruktives folgen würde und er nur eine Kunstpause einlegte, doch dann zuckte der Arzt nur mit den Schultern und ergänzte: »Aber ich denke, dass Bettaktivitäten in Ordnung sind, so lange Sie es nicht übertreiben.«
Schon als das Wort 'Bettaktivitäten' fiel, hielt Corvo seiner Tochter, die vor ihm stand, schnell die Ohren zu. Sokolov grinste ihn an und Corvo wünschte, dass der verdammte Arzt einfach tot umfallen möge. Emily streifte unwirsch die Hände von ihren Ohren und sah mahnend zwischen ihrem persönlichen Medizinmann und ihrem Vater, hin und her:
»Bolzen? Daddy, warum hast du nichts davon gesagt?!«, gleichzeitig stemmte sie die Arme in die Seiten und machte ihrer verstorbenen Mutter damit alle Ehre.
»Ich wollte dich nicht verängstigen.«
»Corvo!«, ihre Stimme war ruhig, doch auch äußerst schneidend, während sie zu ihrem Vater aufblickte: »Darüber reden wir noch!« Sie ähnelte Jessamine mehr und mehr, das wurde ihm mal wieder unangenehm bewusst. Nun jedoch, ruhte jede Aufmerksamkeit wieder auf Garrett, der zwar atmete, dabei aber auch wirklich ungesund klang.
»Nun, ich will ehrlich zu Ihnen sein, Corvo.«, sprach Sokolov, der sich nun die Schutzhandschuhe auszog und auch diese im Müll entsorgte: »Er ist mir hier nur ganz knapp am Tode vorbei geschlichen und mal abgesehen von den ganzen anderen Verletzungen, besteht die nächsten Wochen eine erhöhte Gefahr, dass sich in seiner lädierten Lunge, eine Sepsis bilden könnte. Ich werde mein Möglichstes tun, um dies zu verhindern, aber ich kann ihnen keinen Schwur leisten, dass er das hier auch wirklich überlebt.« Der Leibwächter schluckte hart bei diesen Worten, doch ihm war klar, dass er sich dessen von Anfang an bewusst war: »Er wird kämpfen müssen.«

***

Garrett sah sich um, er hatte keine Ahnung, wo genau er war und auch wenn er kein Gefühl von Furcht verspürte, angesichts der offensichtlichen Abwesenheit sämtlicher, physikalischer Gesetzmäßigkeiten, so empfand er diese merkwürdige Welt, doch als äußerst sympathisch. Er saß am Rande einer steinernen Plattform, deren Kanten unsauber und rissig waren. Unter ihm erstreckte sich ein milchig bläuliches Nichts, hinter dessen Nebelschleiern er die großen Gestalten gigantischer Wesen ausmachen konnte, die sich dort langsam und gemächlich durch die Wolkenschicht bewegten.
Es war sehr still um ihn herum, überraschend still sogar. Aber auch das störte ihn nicht, denn er war immer schon ein Mensch der Ruhe gewesen, der Dunkelheit und der Schattenwelt. Und so genoss er es, einfach hier zu sitzen und in die Nebel zu starren, zwischen denen hier und da Laternen schwebten, oder merkwürdige Lichter aufblitzten und wieder vergingen. Es dauerte einige Minuten, bis er registrierte, dass er seine gewöhnliche Freizeitkleidung am Leibe trug. Lockere, sehr fließende Stoffe, ein bisschen kühl und im gewohnten Schwarz, nur dass er keine Schuhe trug. Ein leichter Hauch wehte ihm um die nackten Füße und plötzlich nahm er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Er wand sich nach rechts und sah sich nun neben einem Mann sitzend, der kaum älter sein konnte, als Garrett selbst.
»Ich bin wesentlich älter als du, Meisterdieb von Eternal City.« Zunächst sah er nur sein Profil, doch dann wand der Fremde ihm das Gesicht zu und Garrett erkannte mit erstaunen, dass sein Gegenüber völlig schwarze Augen besaß, aus denen sich keine einzige Emotion lesen ließ.
»Wie viel älter?«, fragte er, kaum überrascht darüber, dass der Mann offenbar seine Gedanken gelesen hatte. In dieser irritierenden Welt, schien ohnehin vieles möglich zu sein.
»Älter als jeder Mensch, der je gelebt hat und sogar älter als die Menschheit selbst. Beantwortet dies deine Frage?«
Der Meisterdieb nickte und riss sich gemächlich von dem Anblick los, ließ statt dessen die Augen in die Ferne gleiten.
»Wo ist dieser Ort?«, fragte er nun und erntete ein Geräusch, was mit viel Phantasie sicherlich als Auflachen zu interpretieren wäre:
»Dieser Ort ist überall. Er ist um alles herum gewebt, hängt zwischen jedem Blatt und jedem Grashalm, wie ein feines Spinnennetz. Ihr Menschen könnt ihn nicht sehen, aber ab und an, könnt ihr hier her gelangen, wenn ihr bestimmte Voraussetzungen dafür erfüllt. Willkommen in der Welt, des Outsiders.«
Der Mann öffnete die vor der Brust verschränkten Arme und machte eine ausladende Geste.
»Welche Voraussetzung?«, ging Garrett auf ihn ein und begriff nun auch, mit wem er soeben sprach. Corvo hatte hin und wieder von dieser seltsamen Gestalt gesprochen, die den Schutzherrn mit diesen so eigenartigen und mythischen Kräften ausgestattet hatte. Er war nie Teil vieler Gespräche gewesen, denn Corvo verband mit diesem Wesen keine guten Erinnerungen. Aber nun verstand der Dieb, weshalb man den Outsider fürchtete. Etwas an ihm, seine Ausstrahlung und diese ständige Dunkelheit, die ihn wabernd umgab, verdeutlichten die mächtige Bedrohung, die von ihm auszugehen schien. Jene Macht, die niemand verstand und gegen die niemand gewappnet war, wenn man sie einmal entfesselte.
»Es benötigt einen tiefen Schlaf. Einen, der so tief in die Ebenen des Bewusstseins reicht, dass man bereits den Grund berühren kann.«
»Welchen Grund?«
»Stelle dir die Seele wie ein großes Meer vor. An der Oberfläche ist das, was man auf den ersten Blick sieht und je tiefer du kommst, desto dunkler und unergründlicher wird sie, bis man so tief eintaucht, dass man den Boden berührt und jener Boden ist das, was ihr Menschen euch permanent selbst verleugnet. Euer innerstes, euer dunkelstes, euer primitivstes Wesen, das noch aus einer Zeit stammt, als ihr nichts weiter wart, als dumme und vom Instinkt getriebene Tiere, die das Glück hatten, einen Verstand zu entwickeln.«
Garrett sah wieder nur in die Ferne, sein Kopf fühlte sich angenehm leicht und weich an, so als wäre er mitten in einem starken Opiumrausch:
»Warum erscheinst du mir als Mensch, wenn du doch offensichtlich keiner bist?«, fragte er, von kindlicher Neugier getrieben. Allein diese Frage, schien den Outsider zu amüsieren, denn als er antwortete, klang ein merkwürdig heiterer Unterton mit:
»Weil ihr Menschen mich als solchen sehen wollt. Jeder, dem ich erschienen bin, und der verstanden hat, wie mein wahres Wesen aussieht, hat es verleugnet. Bisher hat keiner von ihnen, den Gedanken ertragen, dass ich der Vater der Wale sein könnte und meine Kinder, die Wale, euch Menschen überlegen sein könnten. Ihr jagt sie, ihr tötet sie für billiges Öl und schlachtet sie sinnlos ab. Aber ihr verkennt ihr wahres Wesen. Ihr begreift nicht, dass sie multidimensionale Geschöpfe sind, die sich untereinander telepathisch verständigen und über einen eigenen, hochintelligenten Verstand verfügen.« Eben noch amüsiert, erschienen die Worte nun wesentlich bitterer und Garrett spürte einen Anflug von Trauer und Erkenntnis.
»Du hättest sie vielleicht mit einer eigenen Stimme ausstatten sollen, damit die Menschen mit ihnen in Kontakt treten können.«
»Das habe ich! Sie besitzen eine Stimme, aber ihr dummen Menschen hört einfach nicht zu und ihr seht nicht hin. Euch geht es um den Fortschritt, den Profit, darum die Welt so effektiv wie möglich auszubeuten. Aber sage mir, Garrett, was wird passieren, wenn ihr alle Wälder gerodet, alles Wild geschlachtet und alle Gewässer vergiftet habt? Was werden die Menschen dann tun? Meine Wale werden eure Welt verlassen und zu mir kommen, in den interdimensionalen Raum, den du hier vor dir siehst. Doch was ist mit euch? Was wollt ihr machen, wenn ihr eure Welt endgültig zerstört habt?«
Der Dieb sah auf die Gestalten in den Nebeln:
»Warum holst du sie nicht schon jetzt zu dir, wenn sie in unserer Welt nur mit dem Tod zu rechnen haben?«
»Noch ist die Menschheit nicht verloren und ich hoffe, dass meine Kinder euch eine Mahnung sein werden, dass ihr noch rechtzeitig versteht, wie wichtig sie für euch sind.«
Plötzlich löste sich einer der Schatten aus den Nebeln und gemächlich kam er auf sie zu, durchstieß langsam mit der breiten Schnauze die Wogen und ein tiefes Dröhnen erklang, fast wie ein Seufzen, oder Singen. Garrett wusste es nicht. Doch der Wal schwebte in Schwimmbewegungen so nahe an sie heran, dass der Outsider nun tatsächlich die Hand ausstreckte und sie auf den Kopf des gigantischen Wesens legte. Der Wal verharrte schräg vor ihnen und eines seiner Augen, fixierte den Meisterdieb, der den Blick ehrfürchtig erwiderte.
»Es heißt, meine Heimatstadt, Eternal City, wäre längst so sehr vergiftet, dass die Wale die Gewässer großräumig meiden.«, vermerkte er und verspürte angesichts dieses großartigen Wesens, einen tiefen Schmerz, irgendwo in seiner Seele. Der Outsider bestätigte dies.
»Ja, dies ist wahr und es wird auch das Schicksal von Dunwall werden, wenn die Kaiserstadt ihre Probleme nicht in den Griff bekommt. Die Meere werden zu giftigen Klärgruben, der Fisch verdirbt, die Menschen werden krank und die nächste Seuche wird über das Volk hereinbrechen. Es wird sich immer und immer wiederholen, bis ihr euch selbst ausgerottet habt und euer Planet endlich mit der Regenerierung beginnen kann. Vergiss nicht, dass auch ich ein multidimensionales Wesen bin und in jede Zeit und jede mögliche Variante blicken kann, die dich und alle anderen betrifft. Es gibt unzählige Möglichkeiten, alles zum guten zu wenden, doch im Augenblick steuert ihr kollektiv auf ein sprichwörtlich totes Ende zu. Und so wie ich das Schicksal eurer Welt in allen Facetten voraussehen kann, so sehe ich doch auch die einzelnen und besonderen Individuen. Und das du eines dieser Individuen bist, müsstest du allein daran erkannt haben, dass ich dir gestattet habe, meine Welt zu betreten.«
Der Wal drehte nun mit einem tiefen Stöhnen und Brummen ab und tauchte unter der Plattform durch, auf welcher Garrett und der Outsider saßen.
»Warum bin ich hier? Du rufst niemanden zu dir, der dir nicht für deine Zwecke nützlich ist. Doch wozu brauchst du mich? Ich bin schließlich nur ein Dieb.« So sehr wie ihm die Worte des Outsiders auch logisch erschienen, so sehr verwirrte ihn der Umstand, dass er hier gerade neben diesem Wesen saß und über das Schicksal der Wale debattierte. Der Outsider für seinen Teil, sah nun wieder zu Garrett und erwiderte den Blick.
»Du magst nur ein Dieb sein, doch du bist ein Mensch mit einigen außerordentlichen Talenten. Ins besondere deine Verbindung zu Corvo ist es, die dich letzten Endes zu mir geführt hat.«
»Natürlich, was auch sonst.«
Garrett erinnerte sich noch gut an die Nacht, in welcher Corvo zum ersten mal ins Reich des Outsiders gelangt war. Am selben Tag, als sie seinen Geliebten aus dem Kerker befreit und in den Hounds-Pub gebracht hatten. Garrett hatte sich aufopferungsvoll um seinen geschwächten Freund gekümmert, der irgendwann im Fiebertraum versunken war und am Morgen völlig genesen erwachte. Natürlich war die Überraschung darüber groß, doch nur Garrett gegenüber, berichtete Corvo von der Begegnung, die er im Dazwischen erlebt hatte und von der Kraft, die er von diesem seltsamen Wesen, dass sich als Outsider betitelte, erhielt.
»Um eure Welt zu retten und auch um meine Kinder zu retten, brauchen die Menschen starke Führungspersönlichkeiten. Andere Menschen, die ihnen endlich den richtigen Weg weisen können, die eure Völker nicht nur in ein goldenes, sondern auch in ein lichterfülltes Zeitalter führen können, in dem ihr endlich lernt, was es bedeutet Teil eines Planetens zu sein.«, erklärte der Leviathan mit einer stoischen Ruhe und monotonen Gelassenheit und Garretts Augenbrauen wanderten nach oben:
»Wie passe ich in dieses Bild? Ich bin ein Schatten in der Welt.«
»Und genau das musst du auch bleiben. Du hast es längst selbst erkannt, dass du Corvos Schatten bist. Seine Augen an den Stellen, an denen er blind ist. Doch die Person, um die es wirklich geht, ist die kleine Emily. Sie gilt es unter allen Umständen zu beschützen und genau dafür werdet ihr beide benötigt. Corvo kennt die Wahrheit, auch wenn er sie nicht bewusst wahrnimmt. Er beschützt seine Tochter instinktiv und auch du tust dies, obwohl sie nicht deinem Blute entspringt.« Garrett nickte langsam und verfolgte mit den Augen, wie ein Wal soeben aus dem Nebel unter ihnen auftauchte, gefolgt von einem recht kleinen Kalb:
»Ja, er beschützt sie wirklich, wie ein Wal seinen Nachwuchs.«, murmelte er nachdenklich: »Aber du irrst dich, wenn du von mir forderst, den Platz als Vater an ihrer Seite einzunehmen. Sie hat bereits einen Vater, der sich um sie kümmert.«
»Ob Vater oder Mutter, ist völlig unwichtig. Ihr Menschen begeht den Fehler, andere nach ihrem Geschlecht zu trennen, doch auch hier überseht ihr das wesentliche. Denn es ist egal, wie viele Väter oder Mütter sie haben wird, so lange sie Eltern hat, die sie umsorgen, ihr alles wichtige beibringen und sie mit ihrem Leben beschützen.«
»Was soll ich sie schon lehren? Wie man einem Idioten die Geldbörse klaut?«
»Wenn sie es wünscht, könntest du dies tun. Doch in wie fern Corvo damit einverstanden sein sollte, wage ich zu bezweifeln. Nein, darum geht es mir nicht. Es geht um etwas anderes, und zwar darum, dem Kind die Schattenseiten der Welt zu zeigen. Corvo kennt sie, doch er lebte zu lange am Hof und im Einflussbereich der Kaiserin, um tief genug in die Dunkelheit eintauchen zu können, im Gegensatz zu dir. Ich beobachte das Kaisergeschlecht bereits seit vielen Generationen und immer erwies es sich als tödlich, dass die Herrscher stets im Licht wandelten, denn das machte sie blind für die Gefahren. Emily soll nicht das gleiche Schicksal erleiden, wie einst ihre Mutter. Sie muss lernen die Welt von der anderen Seite aus zu betrachten, von deiner Seite. Wenn sie dies versteht und beherrscht, wird sie zu einer wahrhaften Kaiserin, zu einer Herrscherin, deren Einfluss die gesamte Welt verändern wird, um sie eines Tages retten zu können. Emily wird der Grundstein sein, den es zu legen gilt. Doch dafür bist du von Nöten, genau so wie Corvo. Nur ihr beide gemeinsam, könnt dies bewerkstelligen.«
Der Outsider verstummte und ließ Garrett wohl einen Moment Zeit, um über das Gesprochene nachzudenken. Der Dieb sah gedankenversunken an sich herab und anstatt weiter über dieses Thema zu reden, fragte er statt dessen:
»Was ist mit mir passiert?«
Sein Gesprächspartner ließ nicht durchblicken, ob ihn der Themawechsel nun störte, oder nicht. Er deutete auf Garrett, genauer gesagt auf dessen Bauch und antwortete:
»Du liegst im Sterben. Das ist auch der einzige Grund, warum ich mich einmischte und dich in meine Welt zog, ehe dein Geist ins Jenseits entschwinden konnte.«, erklärte er und als hätte ihn jemand geschlagen, zuckte Garrett zusammen. Plötzlich verschwamm sein eigener Körper vor seinen Augen, wurde unscharf und seine Kleidung schien zu flackern. Die lockeren Sachen wechselten binnen Sekunden immer wieder von seiner Arbeitsbekleidung und wieder zurück und schließlich saß er da und trug Mantel, Korsett und Stiefel. Nur dass ihm unentwegt Blut aus einer Wunde im Bauch sickerte. Panisch drückte er die Hand darauf, doch der Outsider schüttelte nur den Kopf:
»Keine Sorge, das was du siehst, ist nur ein Echo. Corvo fand dich noch früh genug, um dich zu Sokolov bringen zu können. Der Arzt tat sein möglichstes, um dich zu retten, doch ohne meine Hilfe und die des Urkraftsteins, wärst du verblutet.«
»Wie bitte? Und da sagst du, dass ich mir keine Sorgen machen soll?! Bei allen toten Göttern.«
»Glaube mir, so tot sind die nicht.«
»Dann solltest du auch endlich lernen, was Sarkasmus und Ironie bedeuten! Verdammt!«, bis eben noch ruhig und gelassen, verspürte Garrett nun Panik und vor allem Angst. Seine Erinnerungen sickerten nur langsam durch und genau das gefiel ihm noch weniger: »Aber denke nicht, dass ich jetzt einen Packt mit dir schließen werde, nur weil du mir das Leben gerettet hast!«, fauchte er, war sich darüber im Klaren, dass der Outsider niemanden rettete, ohne dafür auch eine Gegenleistung zu erwarten. Doch der Leviathan schüttelte erneut den Kopf und erhob sich, was zunächst so aussah, als würde er von der Plattform rutschen. Doch er stoppte mitten in der Luft und schwebte nun direkt vor Garrett, welcher ihn finster anfunkelte:
»Ich werde zu keiner deiner Marionetten, ich bin mein eigener Herr und Meister.«
»Dies ist mir klar und auch wird es nicht notwendig sein, denn du bist vermutlich die einzige Person auf der Welt, mit der ich ohnehin keinen Pakt eingehen könnte – mal ganz abgesehen von deiner Ziehschwester, aber Erin ist ein ganz anderes Kaliber.«
»Was?«
»Bedanke dich bei dem Splitter in deinem Auge. Du bist bereits von einer magischen Quelle besetzt und ich kann dir aus diesem Grund auch keinen Teil meiner Macht geben. Es würde deinen Körper sprichwörtlich zerreißen, da er nicht dafür gemacht ist, zwei verschiedene, arkane Mächte in sich zu vereinen. Du beherbergst einen Teil der Urkraft in dir und sie ist es auch, die verhindert, dass dein Herz einfach aufhört zu schlagen. Aber sie allein reichte nicht aus, um deinen gesamten Körper vor irreparablen Schäden zu bewahren. Ich kann den Heilungsprozess nur verstärken und unterstützen, ihn jedoch nicht eigenmächtig übernehmen.«
Garrett hätte nie gedacht, dass er mal froh darüber sein würde, in diese ganze Affäre, um diese schwachsinnige Urkraft, involviert gewesen zu sein. Das es sich eines Tages mal als Glücksgriff herausstellen würde, war tatsächlich eine Überraschung.
»Dann muss ich mich wohl bei dir bedanken?«
»Dies wäre angebracht. Doch du hast recht, ich helfe nicht ohne eine Gegenleistung zu erwarten.«
»Ha, wusst ich´s doch, dass es an der ganzen Sache einen ekelhaften Haken gibt.«, raunte der Dieb und erhob sich nun ebenfalls, jedoch darauf bedacht, nicht über die Kante zu stolpern: »Also sprich, was ist dein Anliegen?«
Der Outsider sah ihm in die Augen und Garrett durchfuhr es eiskalt, als auch er diese schwarzen Irden begutachtete.
»Ich habe dir alles gesagt, was ich dir mitteilen wollte. Ich erklärte dir eingehend, warum du für Corvo so wichtig bist und darum ist meine einzige Forderung an dich: Hilf ihm dabei, eure Tochter zu einer wahren Kaiserin auszubilden. Bringt Emily auf den Thron, damit sie euch und eure Welt, vor der unwiderruflichen Vernichtung bewahren kann.« Nun schwebte der Outsider auf ihn zu und wie vorhin bei dem Wal, streckte er die Hand nach dem Meisterdieb aus, welcher zwar zurückweichen wollte, jedoch auch keinen Fuß bewegen konnte … fast war es, als wäre er am Boden festgewachsen. Garrett lehnte sich nach hinten, dennoch fühlte er als bald die Berührung an seiner Wange und ein scharfer Schmerz durchzuckte die Gesichtshälfte mit den vielen Narben.
»Du wandelst so tief in den Schatten, dass du ab und an vergisst, dass auch du dein Licht brauchst, Garrett. Dass Corvo und du aufeinander trafen, war kein Zufall, denn Zufälle existieren nicht.«
Der Dieb konnte nichts dagegen tun, dass dieser Typ ihn gerade anfasste und nun jagte auch eine brennende Welle nach der anderen, durch seine Adern und Muskeln. Er keuchte schmerzerfüllt auf und versuchte sich nun wirklich loszureißen:
»Ich habe es schon Corvo gesagt und ich sage es auch dir, dass ihr beide so tief in das Netz des Schicksals verstrickt seid, wie kaum ein anderer Mensch es je zuvor war.«
»Nimm endlich die Finger weg!«, presste der Dieb hervor und drehte den Kopf unter größter Kraftanstrengung zur Seite. Der Outsider ignorierte die Gegenwehr beflissen.
»Bleib in der Finsternis, Garrett, Meisterdieb von Eternal City, Geliebter des Raben, Schatten der Kaiserin. Verweile in der Dunkelheit, doch vergiss nicht, dass er dein Licht ist und dass du seine Liebe brauchst, was auch passieren mag.«
Die Hand verschwand von seiner Wange und Garrett wollte bereits erleichtert aufatmen, als sich plötzlich beide Hände auf seine Schultern niederlegten und ihn nach vorn zogen … näher zu der Kante, die sich vor ihm erstreckte. Panisch riss er die Augen auf, wollte zurück, versuchte sich zu bewegen. Doch der Outsider löste den Bann erst, als Garrett schließlich den Boden unter den Füßen verlor und haltlos in das von Dunstschleiern erfüllte Nichts stürzte. Dabei hörte er die Stimme des Leviathans, als würde dieser direkt in seinem Kopf zu ihm sprechen.
»Ich verstärkte die Verbindung, die zwischen dir und dem Splitter besteht. Sieh es als Geschenk, welches ich dir vermache. Du wirst leben, Garrett und du wirst meine Bitte erfüllen. Emily wird der Welt die Wende bringen. Ob zum Guten oder zum Schlechten, hängt davon ab, wie ihr, ihre Väter, den weiteren Verlauf der Geschichte bestimmt.«
Garrett fiel immer schneller, raste an den riesigen Walen vorbei, die hier im unendlichen Nichts ihre Bahnen zogen und sich zwischen den Welten bewegten. Er konnte nicht einmal sagen, ob er nach unten fiel, oder nach oben, ob es hier überhaupt eine Richtung gab. Ein besonders großer und augenscheinlich auch sehr alter Wal, dessen Körper bedeckt war von dutzenden Narben, zog an ihm vorüber und als würde die Zeit plötzlich langsamer vergehen, sah der Dieb, wie ihn ein großes, gutmütiges Auge fixierte. Der Wal sah ihn an und er selbst erwiderte den Blick, verlor sich darin, bis sich die Farben um ihn herum, in einen milchigen Strudel verwandelten, der irgendwann eins wurde mit dieser Sphäre, die sich irgendwo zwischen den Universen befand und die seine Welt umgab, wie ein feingesponnenes, unsichtbares Netz.

***

Corvo saß seit annähernd drei Tagen am Bett seines Geliebten und wartete darauf, irgendeine Reaktion zu erhalten. Sokolov meinte zwar, dass der viele Schlaf gut wäre und dem Dieb eine Unterstützung war, um die vielen Wunden zu heilen, doch es war einfach grausam ihn so zu sehen. Bleich, krank, verwundet, ohne eine erkennbare Reaktion, außer dem regelmäßigem Ein- und Ausatmen. Emily hatte soeben Unterricht. Es hatte einen ziemlichen Krach zwischen Vater und Tochter gegeben, da sie ebenfalls bei Garrett hatte bleiben wollen. Doch Corvo wollte das nicht und hatte nur versucht, ihr eine Ablenkung zu verschaffen. Selbstverständlich fasste sie dies komplett falsch auf und nun redete sie nicht mehr mit ihm.
Müde fuhr er sich über das unrasierte Gesicht, rieb sich die brennenden Augen und fühlte den Drang nach Schlaf, dem er nicht nachgeben wollte. Er wollte seinen Platz, an der Seite seines Mannes nicht verlassen, auch wenn ihm bewusst war, dass er auf diese Weise seine Pflichten sträflich vernachlässigte und allein sein Verhalten würde zu sehr viel Gerede innerhalb des kaiserlichen Hofes führen. Doch auch das war ihm egal. Viele respektierten und fürchteten ihn und vor Garrett, den die meisten ohnehin nur als Schatten kannten, hatten beinahe alle Angst … ferner sie wussten, dass er überhaupt existierte.
Ja, Garrett lebte und das seine Verletzungen überraschend schnell abheilten, zeigte ihnen allen, dass irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Corvo vermutete dahinter die Kraft des Splitters, welchen der Meisterdieb beherbergte und er war froh darüber, das dies so war. Andernfalls würde dieser Mann, den er so sehr liebte, jetzt nicht mehr atmen.
Erschöpft schob er seinen Stuhl näher an das Bett heran und stütze sich nun mit einem Ellenbogen ab, während er den Kopf auf seine Handfläche legte. Zu lange war er schon wach, zu sehr quälten ihn seine Sorgen. Er betrachtete seinen Dieb gedankenverloren. Für gewöhnlich kannte er Garrett als den etwas mürrisch dreinblickenden, vom Schicksal gebeutelten Mann, mit den dunkel geschminkten Augen und der blassen Haut.
Jetzt war er zwar immer noch blass, doch die schwarze Farbe fehlte. Ebenso waren die Haare offen und lagen glatt auf dem Kissen um ihn herum. Und doch schien es ein ganz anderer Mensch zu sein, denn trotz der vielen Narben und Hämatome, war die Mine des Anderen entspannt und ruhig. Oft genug hatte Corvo es erlebt, dass sein Dieb des Nächtens von Albträumen geplagt wurde, dass er dann im Schlaf leise stöhnte und redete und oft genug ging es in diesen Träumen um ein junges Mädchen … Erin. Nur ein einziges Mal hatte er Corvo davon erzählt, was vor vielen Monaten passiert war und warum es ihm so sehr zusetzte. Die kleine Erin war so etwas wie Garretts Adoptivschwester, die in ihm immer etwas gesehen hatte, was der Meisterdieb nicht sein wollte: Den Helden, das Vorbild. Doch wie konnte ein Verbrecher, für ein Kind überhaupt ein Vorbild sein? Und obwohl Garrett ihr immer wieder gepredigt hatte, wie falsch der Einsatz von Gewalt war, so besaß sie später keinerlei Skrupel, vor dieser zurück zu schrecken.
Dem Schutzherrn war klar, dass es seinen Mann wurmte, dass er damals nichts hatte tun können, um das Mädchen von ihrem falschen Weg abzubringen. Vielleicht waren dieser Vorfall und das Gefühl der Ohnmacht, auch der Grund, weswegen Garrett sich mit Händen und Füßen dagegen wehrte, so etwas wie eine Vaterrolle für Emily einzunehmen … Es war alles so schrecklich verwirrend.
Aber jetzt war es ihm gleich, ob sich Garrett nun für oder gegen diese neue Aufgabe entschied. Ihm ging es jetzt darum, dass sein Mann endlich die Augen aufschlug, dass er lebte und dass er atmete.

Da sich keine Veränderung einstellte, entschied Corvo, kurz aufzustehen und sich zunächst um die Notdurft und schließlich um etwas zu essen zu kümmern. Er war fertig mit den Nerven und das spiegelte sich auch auf seinem Gesicht wieder, als er zehn Minuten später in der Küche auftauchte und eine Küchenhilfe darum bat, ihm eine Kleinigkeit zu essen zuzubereiten, während er sich die Beine in dem kleinen Garten vertrat. Der junge Mann, der soeben einen Zuber Kartoffeln mit Wasser füllte, um sie zu reinigen, nickte nur und musterte ihn mit einem Blick, der eindeutig Mitleid wie auch Verwunderung ausdrückte. Kein Wunder, denn für gewöhnlich war der Anblick, den der kaiserliche Schutzherr soeben bot, nichts was man alle Tage sah.
Corvo kümmerte sich nicht darum, sondern verließ das Haupthaus, um in das grelle Sonnenlicht zu treten. Überall sah er Menschen, die ihrer Arbeit nachgingen und fast alle warfen ihm diese abschätzenden Blicke zu. So langsam vermutete er sogar, dass ohnehin jeder über die Beziehung zwischen dem Leibwächter und dem mysteriösen Dieb Bescheid wusste, der ebenfalls am Hofe lebte.
Eine Weile ging er langsam umher, sah oft genug hinaus in die Ferne und betrat schließlich den Pavillon, in welchem er vor über einem Jahr, Jessamine verloren hatte. Corvo hatte Daud verschont, auch wenn er nicht genau sagen konnte, warum eigentlich. Vielleicht hatte er die Gründe des Assassinen verstanden und nachvollziehen können. Oder aber es war Garretts Einfluss, der ihn davon abgehalten hatte, seine Klinge unbarmherzig in die Rückseite des Mörders zu rammen.
Schwerfällig sank er auf einer Bank nieder und vergrub das Gesicht in den Händen, während er laut aufseufzte und schließlich die Finger senkte. Nichts hier deutete auf das Verbrechen hin, was sich ereignet hatte. Das Blut war nicht mehr da und der Pavillon präsentierte sich von seiner schönen Seite, umsäumt von blühenden und duftenden Rosen. Jessamine hatte diese Blumen geliebt.
»Ich will nicht erneut versagen, Jessie.«, murmelte er, unbewusst den Kosenamen für seine ehemalige Geliebte aussprechend: »Ich will ihn nicht verlieren. Aber was kann ich tun, außer bei ihm zu sein und seine Hand zu halten? Wie kann ich Emily dabei helfen, sich nicht pausenlos Sorgen zu machen? Wie soll ich das alles stemmen und was mache ich, wenn er vielleicht doch stirbt?«
Die einzige Antwort, die er erhielt, war das Rascheln der Blätter, als ein steifer Wind von der Seeseite durch sie blies. Hier und da pfeifte es leise, wenn sich die Luft hektisch zwischen den Aufbauten der Burg verfing und verwirbelte. Dafür trug der Wind auch jedes andere Geräusch von ihm weg und Corvo war froh über diese Stille. Da er aber auch hier keine Antwort erhielt, stand er irgendwann auf und trat zu der Brüstung, von welcher er auf den Hafen blicken konnte. Was er sah, war schmutziges Wasser, Schiffe die ein und aus fuhren, beladen und gelöscht wurden und schließlich erblickte er einen der großen Walfänger, der soeben in Richtung Meer davon glitt.
Wale … sie waren rar geworden, hatten sich in die Untiefen der Ozeane zurück gezogen, um dem bestialischen Abschlachten zu entgehen und Corvo hatte schon seit Jahren keinen mehr zu Gesicht bekommen – außer jene, die in der Welt des Outsiders lebten.
Was hatte sein übernatürlicher Freund gesagt? Er und Garrett waren verbunden, durch Mal und Auge … ein wirklich seltsamer Gedanke und es klang beinahe so endgültig nach Schicksal, dass es ihm fast Angst und Bange wurde. Für ihn selbst war es noch immer merkwürdig, einen Mann zu lieben, aber überraschenderweise war die Beziehung zu Garrett auf eine ganz eigene Art, unfassbar intensiv und erfüllend. Corvo arbeitete tagsüber, Garrett hingegen in der Nacht und die Differenz aus beiden Zeiten, die Dämmerung und den Sonnenaufgang, verbrachten sie gemeinsam. Corvo dachte an die letzte Woche, als alles noch gut war und er sich am Abend über die Außenfassade hinauf zum Dachboden begeben hatte. Garrett verriegelte die Luke, über welche man für gewöhnlich dort hoch kam und der einzige Weg führte über die Steinvorsprünge an der Mauer.
Der Leibwächter war durch das immer offene, kleine Fenster geklettert und hatte ihn auf dem Bett liegen sehen, eines der wenigen, ernsthaften Luxusgüter, die der Meisterdieb überhaupt angenommen hatte. Breit, unendlich gemütlich und aus dunkel lackiertem Holz gefertigt. Corvo hatte sich zu ihm geschlichen und dabei so leise wie möglich die Arbeitskleidung abgelegt, während unter seinen Füßen die Dielen knarzten. Garrett schien zu schlafen, er trug sehr lockere, ebenfalls schwarze Kleidung und hatte sich bäuchlings unter der Decke vergraben, beide Arme um das Kopfkissen geschlungen.
Dann aber öffnete er plötzlich die Augen und ein blauer Punkt richtete sich auf Corvo, der irgendwie grinsen musste:
»Ich war schon wieder zu laut?«, fragte er und sein Dieb nickte:
»Du magst vielleicht die dumme Stadtwache, mit deinem stümperhaften Geschleiche täuschen, mein Schatz, aber jemand wie ich, kann dich aus einer Meile Entfernung hören.« Amüsement schwang in der verschlafenen Stimme mit, während sich Corvo dennoch über ihn schob und die Decke dabei leicht zurück zog, bis er Nacken und Schultern freilegte und anfing Küsse darauf zu verteilen:
»Das ist schade. Aber wenigstens habe ich noch andere Qualitäten, die dich durchaus zu überzeugen scheinen.«
»In der Tat, Liebster. In der Tat.«
Was folgte, war einfach nur Leidenschaft in seiner vollendetsten Form, während sich draußen ein Gewitter anbahnte und sich Garretts lusterfülltes Stöhnen irgendwann mit dem Jaulen des Windes und dem Grollen des Donners vereinte. Corvo erinnerte sich, wie sich sein Mann beim ersten Blitzschlag aufbäumte und ihn direkt ansah. Er dachte daran, wie das mechanische Auge aufgeleuchtet hatte und wie lustverhangen dieser Blick war.
Lust und Leidenschaft – genau das hatte ihm all die Jahre gefehlt und erst als Garrett sich in sein Leben schmuggelte, hatte Corvo damit angefangen, seine mühsam aufgebaute harte Schale, endlich ein bisschen abzuwerfen … zumindest seiner Familie gegenüber.

Ja, sie beide sahen sich nur in den wenigen Stunden, in denen der eine zu Bett ging und der andere sich auf den Weg zur Arbeit machte. Und doch reichte genau das auch aus, um sie beide glücklich zu machen. Garrett und er waren Freigeister, sie waren Vögel, Raben, sie gehörten nicht in den goldenen Käfig der Ehe und oft genug brauchten sie ihre Ruhe, wollten allein sein, wollten Abstand und die Stille genießen.
Noch immer müde, ging Corvo zunächst in die Küche zurück, wo der Lehrling eilig etwas Brot, Wurst und Käse aufgetrieben hatte. Er aß ein bisschen davon, verspürte aber weder Appetit noch Hunger und begab sich schlussendlich wieder nach oben, wo Garrett wahrscheinlich nach wie vor in Corvos Bett lag und einen Toten imitierte. Langsam schlurfte er über den Flur, vorbei an verschiedenen Zimmertüren; vorbei an einem Dienstmädchen, das einen alten Bilderrahmen entstaubte. Vorbei an den Gemälden der ehemaligen Kaiser und an allen möglichen, dekadenten Schmuckstücken, von denen einige erst vor kurzem ihren Weg zurück in den Kaiserpalast gefunden hatten. Schließlich blieb er vor seiner eigenen Tür stehen und streckte bereits die Hand nach dem Griff aus, um sie zu öffnen. Als er mitten in der Bewegung verharrte. Durch den kleinen Spalt, der nun entstanden war, hörte er die glockenhelle, glückliche Stimme seiner Tochter, die munter vor sich hin plapperte:
» … und als dann mein Lehrer nicht hingeguckt hat, um etwas an die Tafel zu schreiben, bin ich ganz schnell unter den Tisch gerutscht und leise aus dem Raum geschlichen, so wie du es mir gezeigt hast und er hat wirklich überhaupt nichts bemerkt. Ihm ist nicht einmal aufgefallen, dass ich seine Schreibfeder geklaut habe. Hier schau her. Hm … ob die aus echtem Gold ist? Du hast mir zwar erklärt, wie ich echtes und falsches Gold unterscheiden kann, aber ich bin noch keine Meisterdiebin, so wie du.«
Emily schien sich über diese kleine Schandtat wirklich zu freuen und Corvo dachte sich noch, dass es wohl kaum etwas bringen würde, wenn sie auf einen schlafenden Mann einredete. Doch als plötzlich eine kaum hörbare Stimme Antwort leistete, begann die Hand auf dem Türgriff zu zittern.
»Gut gemacht … Prinzessin.«, erklang das leise und erschöpfte Wispern und nun öffnete Corvo die Tür gänzlich, um sich tatsächlich mit einem Paar müder und unterschiedlich farbiger Augen konfrontiert zu sehen.
»Garrett?«, flüsterte er, fassungslos, überwältigt, nicht fähig auch nur einen klaren Gedanken zu fassen und den Blick unentwegt auf seinen Mann gerichtet, auf dessen Gesicht sich ein leichtes und schwaches Lächeln bildete:
»Du hattest Recht … der Outsider ist wirklich … ein Spinner.«

Ende

***

Fertig?
Fertig! Boah man, das ist einfach viel zu lang geworden!
Glückwunsch wenn du es bis hier hin geschafft hast, du hast dir damit ein Real Life Achievement erarbeitet … Nein im Ernst, ich habe wirklich überlegt, ob ich einen Two-Shot daraus mache, habe es dann aber so gelassen, da der Vorgänger ja auch schon so gehandhabt wurde. Dies ist der bis dato längste OS den ich jemals abgetippt habe und ich bin auch sehr glücklich, dass er noch besser geworden ist, als ich es mir gewünscht habe.
Also wenn du fertig bist mit lesen, dann hinterlasse mir doch bitte einfach deine Meinung, in den Kommentaren. Ich würde mich sehr darüber freuen :D

PS: es sind übrigens ganze 27 Seiten Text!

Liebe Grüße
Feendrache
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