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Drachenblut

von Caro
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
In Extremo OC (Own Character) Saltatio Mortis
29.07.2016
24.11.2020
39
184.974
8
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85 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
29.07.2016 5.493
 
Dia dhaoibh, a chairde!

Ich heiße euch herzlich willkommen zu einem neuen Abenteuer der MIU.

… uff, die Vorrede wird wieder ewig lang …

Ihr wisst es ja, ich hab’s nicht lassen können, nachdem so viele von euch bei „Wikingerblut“ so wundervolle Reviews hinterlassen und zu meiner Freude regelrecht mitgefiebert haben.

Eine kleine Ewigkeit später liefere ich nun einen lauen Aufguss eine hoffentlich halbwegs mithaltende Fortsetzung ab. Ich bin nämlich sicher, dass man aus dem Stoff noch viel mehr rausholen kann – und ihr habt mir das auch gesagt. Danke dafür!

Was das Sequel betrifft, brauche ich wohl auch nicht zu wiederholen, was ihr zu erwarten habt: True Blood für Arme und ohne Sex Vampire und Blut in Haupt- und Nebenrollen, wenig große Gefühle, zähe Passagen, viel Bums (also, das Geräusch) und mittendrin ein paar eurer Lieblingsmusiker, die über meinen OC die Augen verdrehen.

Nein, mal ehrlich: Die Geschichte ist völlig anders als WB. Sie ist völlig anders geplottet und hat eine völlig andere Stimmung. Erwartet keine Wiederholung von WB. WB hatte seine Flaws, und DB wird die auch haben. Wäre sehr cool, wenn ihr mich wieder ehrlich wissen lassen würdet, was ihr denkt. Danke! :)

Auf Mängel in der Darstellung der Personen wurde ich ja bereits hingewiesen: Falk zu mürrisch, Alea zu naiv, Micha zu garstig, Elsi zu kindisch, Eric zu korrekt, Asp zu lieb … Joa, die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Ich hoffe, ihr findet die Herren nun minimal besser getroffen. Übertrieben dargestellt sind sie aber weiterhin, for the sake of the story.

Um das „Zu viele Figuren!“-Problem zu bekämpfen, mischen Subway To Sally diesmal nicht mit. (But don’t worry. The Fish will return.) Gebt’s zu, ihr seid doch eh alle nur wegen SaMo hier. ;)

Die Geschichte spielt Anfang bis Mitte 2012. Die meisten beschriebenen Ereignisse (vor allem Auftritte) haben tatsächlich stattgefunden, allerdings nicht unbedingt in der beschriebenen chronologischen Reihenfolge. Ich habe das Ganze ein wenig zurechtgebogen.

Gästeliste: Schandmaul, Asp, Faun. Die üblichen Verdächtigen.

WARNUNG: Es kommen Morde an Kindern vor! Ich mein das ernst, es wird stellenweise echt brutal!

HINWEIS: Sollte eigentlich überflüssig sein, wird hier aber trotzdem noch mal angebracht. Also: Diese Geschichte ist eine Fanfiction. Das heißt, sie ist genau das – Fiktion. Die Figuren sind meine fiktiven Ebenbilder der realen Personen, von denen ich keine persönlich kenne und von denen ich noch mit keiner einzigen auch nur ein Wort gewechselt habe. Das hier Veröffentlichte dient somit einzig der Unterhaltung anderer Fans.
… Jedenfalls HOFFE ich, dass ich euch unterhalten kann.

Los geht’s also.

- -
Akt I: Y Ddraig Goch – Der Rote Drache

»Ich werde dir einen Kessel schenken, und die besondere Eigenschaft des Kessels besteht darin: Den Mann, den man dir heute erschlägt, wirf in den Kessel, und er wird bis morgen so gut sein wie jemals zuvor, außer daß ihm die Gabe der Sprache fehlen wird.«
– aus dem zweiten Zweig des Mabinogi. Übersetzung: Bernhard Maier, 1999.

1: Und keiner hat’s gesehen!

Der neunjährige Lucas duckte sich hinter die Regentonne, um Silvias Anblick ungestört genießen zu können. Er befand sich jetzt genau zwischen den beiden Hindernissen, die ihre Gärten voneinander trennten: der Hecke auf seiner Seite und dem Maschendrahtzaun auf ihrer. Nun gut, hinter dem Zaun kam natürlich noch die Regentonne, die neben dem Fahrradschuppen auf Silvias Gartenseite stand und ihn nun exzellent von dem Objekt seiner Beobachtungen abschirmte. Das schlanke Mädchen mit dem blonden Pferdeschwanz, der so hoch angebracht war, dass er an eine goldene Palme erinnerte, unterhielt sich auf dem vom nahenden Frühling saftiggrün gefärbten Rasen mit ihrem Vater, dessen lautes Lachen bis in Lucas’ Küche zu hören war. Elf war sie, seine Angebetete, ein knappes halbes Jahr jünger als er. Trotzdem fühlte er sich neben ihr unreif – schlaksig, dünn und kindlich. Wahrscheinlich sahen sogar ihre Baby-Puppen männlicher aus als er! Doch immerhin, und das ließ sich nicht leugnen, hatte sie ihn heute in der Schule sehr freundlich angelächelt, als er der Klasse vorgestellt worden war.
Als die Sonne hinter den Wolken hervor kroch, berührten ihre Strahlen Silvias Haar und ließen es hell aufglänzen. Lucas kniff die Augen zusammen: Sah er da sogar schon einen Hauch von Lidschatten über den nussbraunen Augen? Oh, sie war wirklich reifer als die anderen! Ob sie schon Schamhaare hatte? Unwillkürlich duckte er sich etwas tiefer hinter die Tonne, als er sich bei diesem Gedanken erwischte.
Eigentlich wartete er ja auf eine Gelegenheit, sie anzusprechen. Sie darauf aufmerksam zu machen, dass er, wie es der Zufall wollte, direkt neben ihr wohnte. Doch das ging jetzt natürlich nicht. Wenn er sich hinter der Tonne aufrichtete und »Hallo!« rief, wüsste sie ja sofort, dass er sie heimlich beobachtet hatte. Das mochten Mädchen nicht. Sein Mitschüler Semir hatte sich da sehr deutlich ausgedrückt. Semir war ein Jahr älter und behauptete von sich, schon mit zwei Mädchen geschlafen zu haben, die beide älter gewesen waren als er. Seine Reaktion auf das fällige »Lüg doch nicht!« war ein bierernstes Kopfschütteln gewesen.
Lucas merkte, wie seine Knie in der unnatürlichen Kauerhaltung zu zittern begannen. Unter Schmerzen sortierte er seine Gliedmaßen in eine etwas bequemere Position. Fast entfuhr ihm ein Laut des Unbehagens; er konnte es gerade noch verhindern, nur ein leises Zischen verließ seine Lippen.
Dennoch drehte Silvia sofort den Kopf in seine Richtung. Ihr Vater unterbrach das Reden und musterte seine Tochter, deren Augen angespannt ihre Umgebung scannten. Lucas war baff. Ganz leise war er gewesen! Jetzt machte er sich so klein, dass er sie nicht mehr sehen konnte. Sie ihn auch nicht, hoffentlich. Stimmfetzen drangen heran, als sie das Gespräch mit ihrem Vater wieder aufnahm; kurz danach jedoch war dieses plötzlich beendet und anstelle der Unterhaltung glaubte Lucas zu hören, wie sich auf dem Rasen Schritte entfernten.
Puh, sie waren gegangen. Warum auch immer. Vielleicht hatten sie sich wirklich belauscht gefühlt. Lucas gestand sich ein, dass das Spionieren hinter der Regentonne eine blöde Idee gewesen war. Erstens war es furchtbar unbequem und zweitens bot es keine Möglichkeit, Silvia »zufällig« zu begegnen. Großer Minuspunkt. Nun ja, immerhin war jetzt erst mal die Luft rein. Lucas zog zähneknirschend die Beine unter sich und rappelte sich auf –
– um mit einem erschrockenen Aufschrei zurückzuplumpsen. Silvia stand direkt vor dem Zaun und starrte zu ihm herab. Ihre Arme waren vor der Brust verschränkt, ihr Blick nicht erfreut, aber eher nachsichtig als wütend. »Du musst dich nicht verstecken«, sagte sie ernst, »ich merke es sowieso, wenn mich jemand beobachtet. Wieso machst du das?«
Lucas’ Mund klappte auf und wieder zu. Wie sollte er diese Situation erklären? Ratlos starrte er sie an.
 »Lass nur«, winkte Silvia plötzlich ab, »du bist ja ein Junge. Ich kenne schon viele Jungs. In deinem Alter wollen die alle nur … glotzen.« Sie sah ihn jetzt etwas freundlicher an. »Kommst du raus? Auf der Straße haben wir keinen Zaun zwischen uns.«
Lucas war völlig überrumpelt. Er hatte ja mit vielem gerechnet, aber sicher nicht damit. Sie hatte ihn erwischt – und trotzdem waren keine weiteren Bemühungen nötig, um mit ihr ins Gespräch zu kommen? Das hatte Semir aber anders geschildert. Hm, nun gut. Lucas schaffte es zu nicken und wieder auf die Beine zu kommen, da wandte Silvia sich auch schon ab und schlenderte über den Rasen davon zur Gartentür.
Alter! Er hatte es wirklich geschafft – er würde sich gleich mit Silvia treffen! Mit seiner Silvia!
Schnell beeilte er sich, den Vorsprung aufzuholen. Seine Mutter sah ihm verwundert nach, als er durch die Diele zur Haustür stürmte. Als er sie aufriss, sah er, dass Silvia längst draußen war – allerdings nicht allein. Drei Männer standen um sie herum. Ein muskulöser Mann mit kurz rasiertem Haar und Camouflage-Hose hielt sie an der Schulter fest, der kahle Zweite drückte ihr etwas in den Nacken, unter dessen Berührung sie sich wand und das Gesicht verzog. Ihr Blick fing den Lucas’, und so auch der des Dritten, eines Typen mit hohen Stiefeln.
 »Bist ’n Freund von der Kleinen?«, fragte der Erste.
 »Nein! Nein, er ist nicht mein Freund!«, quietschte Silvia und wehrte sich vergebens. »Lasst ihn in Ruhe!«
 »Dann weiß er wohl nicht, was du bist, du kleine Blutsaugerin!«
 »Nein! Au, lass mich los! Er kennt mich gar nicht!«
Lucas wollte sich umdrehen und nach seiner Mutter rufen. Arme Silvia, diese Kerle taten ihr weh! Vielleicht wollten sie sie sogar vergewaltigen!
 »Warte, Junge«, hielt ihn der Dritte auf, als er sah, dass Lucas sich hektisch zur Tür wandte. Seine Stimme war gehetzt, aber auch bemüht freundlich, sollte ihn wohl besänftigen trotz Silvias heftigem Protest. »Deine Freundin ist nicht so süß und lieb, wie du denkst. Willst mal sehen, was sie ist? Dann weißt du, dass es richtig ist, was wir machen. Wir beschützen dich und deine Familie und Nachbarn.«
 »Aber ich tue keinem was!«, widersprach Silvia heftig. »Ich bin doch noch viel zu klein dazu, ihr Blödmänner!«
 »Naja, Mäuschen«, giggelte der, der sie festhielt, »das zeigt uns doch nur, dass du schon mindestens ein Leben hinter dir hast, indem du Verbrechen an der Menschlichkeit begangen hast. So was wie du gehört in die Hölle!«
 »So was wie ihr gehört in die Hölle!«, kreischte das Mädchen und zappelte.
Lucas verspürte den Impuls, ihr zu Hilfe zu eilen, und gab ihm spontan nach. Nach der Mutter zu rufen war vergessen. Wild stürzte er sich auf die beiden Widerlinge. Jetzt oder nie! Prompt fing ihn der Dritte, der die Hände frei hatte, mit schmerzhaftem, eisenhartem Griff ein.
 »Los, Werner, zeig es ihm doch!«, rief er, Lucas an seine breite Brust drückend. »Zeig ihm, was sie wirklich ist!«
Der Kurzrasierte nahm Silvia jetzt richtig in den Schwitzkasten. Ein Arm lag um ihre Brust, ihr die Arme an die Seite pressend, seine zweite riesige Hand presste sich auf ihren Mund und umschloss ihr halbes Gesicht, das hohe Gekreische und Geknurre abwürgend, ihren Kopf fixierend. Alles Weiteren nahm sich nun der Glatzkopf an: Er hatte das Objekt von Silvias Nacken genommen und griff nun stattdessen dem wehrlosen Mädchen in die Augen. Die eine Hand spreizte das Lid, die andere griff mit spitzen Fingern nach dem Auge selbst – Lukas zuckte innerlich zusammen –, ergriff dort etwas und zog es fort. Es war etwas sehr Kleines, das er nun in der Hand hielt, und es warf das Sonnenlicht zurück.
Und Silvias Auge leuchtete. Schneeweiß bis auf die stecknadelkopfgroße, schwarze Pupille. Sofort kniff sie die Augen zusammen und ruckte hilflos mit dem Kopf. Der Kurzrasierte ließ ihren Mund los, und sie schrie: »Ich werde blind, ich werde blind, du Riesenarsch!«
Lucas durchlief im Arm des Mannes ein Schaudern nach dem anderen. Verzweifelt sah er zum Küchenfenster seines Hauses auf. Hörte seine Mutter den Tumult? Sie musste ihn hören, es sei denn, sie war im Keller oder auf der Toilette oder sonst wo – bitte nicht!
 »Los!«, zischte der Kahle. »Lass uns abhauen. Hier ist es wirklich zu auffällig. Der Junge hat genug gesehen.«
 »Soll ich den etwa mitnehmen?« Der Mann, der Lucas festhielt, furchte die Stirn, und Angst durchschoss den Jungen.
 »Ihr lasst mich sofort – !«, begann er drohend, doch da wurde ihm auch schon der Mund zugehalten.
 »Ein Kind, Scheiße, das war nicht vereinbart!«
 »Was kann ich dafür, dass du ihm alles zeigen musstest? Jetzt kümmere dich auch drum!«
 »Ich wollte doch nur, dass er nicht petzt!«
 »Du mit deiner scheiß Gutmütigkeit! Jetzt jag ihm schon einen Schuss rein und gib der Göre das Eisen! Vielleicht können wir die Sache noch glatt über die Bühne bringen, ohne dass dem Jungen was passieren muss!«
Lucas begann zu kämpfen. Adrenalin durchzuckte seine Arme und Beine, mit denen er blindlings um sich fuchtelte, beißende Angst hielt ihn in einem würgenden Klammergriff. Tränen füllten seine Augen, sodass sein Sichtfeld verschwamm. Es war aussichtslos. Er bekam keinen seiner Arme richtig frei, obwohl er nur noch mit einer Hand festgehalten wurde. Aussichtlos.
Doch dann ging die Tür des Nachbarhauses auf. Sie wäre sicher aufgeflogen, würden Haustüren nicht grundsätzlich nach innen aufgehen. Silvias Vater stürzte heraus.
Die Männer sprangen alle gleichzeitig los. Lucas wurde mitgeschleift und sah nur noch, dass es Silvia genauso ging – dann spürte er wie aus dem Nichts einen Stich in der Bauchseite und Druck an derselben Stelle. Sein Aufschrei drang nicht durch die fleischige Hand.
Und plötzlich wurde alles ganz weich und ruhig.

Friedrich Wunderbaum presste seinen Fuß mit aller Macht auf das Gaspedal.
Dark Knight, das Einsatzfahrzeug der MIU, quälte sich mühsam einen der niedrigen Hügel rund um Hildesheim hinauf. Wie schon so oft musste Fritz feststellen, dass der 75-PS-Motor für den schwarzen Opel Astra ein wenig zu schwach war: Es fühlte sich an, als ob er durch zähen Sirup fuhr. Obwohl das Pedal unter seinem Fuß auf dem Boden lag, wurde der Wagen kaum merklich langsamer.
Fritz entlud das angestaute Seufzen Richtung Seitenfenster. Immerhin: Er war pünktlich losgefahren, würde nicht zu spät kommen, und – das fiel einem heute richtig auf – der Frühling hielt Einzug. Nach dem ersten vorsichtigen Herauskommen der Tiere und Pflanzen war nun unübersehbar, dass Lenz einen gelassen hatte: Die Forsythiensträucher quollen jäh über vor knallgelber Pracht, weiß und rosa bliesen Spirea und andere Ziersträucher zum Gegenangriff. Alles buhlte und balzte um die Aufmerksamkeit von Insekten, Vögeln und dem anderen Geschlecht.
Und dann die Sonne. Vom wolkenlos blauen Himmel grinste sie dieses Mittags auf die Landstraße nach Alfeld hinunter. Die Vampire würden massig Pillen schlucken müssen, um diesem Aufgebot an UV-Intensität zu trotzen.
Oh ja, die Vampire.
Fritz verscheuchte ein leichtes Prickeln, das über seine Schulter getrippelt war. Den Winter über hatte er Ruhe vor den meisten von ihnen gehabt: In Extremo waren mit Sterneneisen um die Welt gereist, Saltatio Mortis mit Sturm aufs Paradies, Subway To Sally mit Schwarz in Schwarz und ihren berühmten Eisheiligen Nächten, und ASP … hatten … auch irgendwas gemacht. Jedenfalls war Fritz Morgen für Morgen alleine nach Alfeld gefahren und hatte dort mit ihrem gemeinsamen neuen Befehlshaber, Klaus-Peter Schievenhöfel, an einem MIU-Projekt gearbeitet. Abgesehen davon war es ein regelrechtes Winterloch gewesen: Keine Musikspionage, keine Diebstähle geistigen Eigentums, keine Verletzung von Künstlerrechten, keine Bestechung, keine Erpressung … und auch keine der gefürchteten ›X-Akten‹, für deren Handhabung die MIU so berühmt war. Keine Vampirgeschichten.
Den Februar hatte Fritz mit seiner Frau Christine im hohen Norden verbracht. In Schweden war vom nahenden Frühling noch viel weniger zu erahnen gewesen als in den heimatlichen Gefilden: In dicken Mänteln hatten sie vor dem Ferienhaus gesessen und die unberührte Winterlandschaft bestarrt, in den bibbernden Händen rund um die Uhr einen Pott heißen Tee.
Und jetzt war es plötzlich Blütezeit und alles Leben kehrte zurück. Irgendwie freute Fritz sich darauf, seine chaotischen Kollegen wiederzusehen. Den Dark Knight mitzubringen war ein Gefallen, den er KP gerne tat. »Ich stelle ihn dir vor die Haustür und du fährst ihn zum HQ, ja?«, hatte sein Chef vorgeschlagen. »Fährt sich prima, er kommt gerade von der Inspektion, die Bremsen sind überholt, das Getriebe geschmiert, alles wunderschön. Ich jedenfalls bin ihn nie lieber gefahren!« Aber das war KP. Der dicke, gemütliche KP mit seiner Fischaugenbrille. Der Dark Knight war ein Automatikwagen. Fritz hatte sich sehr dagegen gewehrt, ihn zu fahren, weil er allzu häufig auf die Bremse stieg, wenn er gewohnheitsmäßig nach der Kupplung suchte – was bereits zu einigen nicht ungefährlichen Situationen im Verkehr geführt hatte. Aber dies hier war eine entspannte Situation, die Straßen waren leer.

Das Gebäude der South African Pulp and Paper Industries Limited, Alfelds Hauptarbeitgeber, geriet in Sicht. Qualm stieg aus den langen Schornsteinen über dem unförmigen Kasten auf, und der charakteristische Gestank drang ins Innere des Autos. Im Keller dieses Kolosses, fernab jeglichen Sonnenlichts, befand sich das Hauptquartier der MIU.
Fritz parkte das Einsatzfahrzeug in einer geräumigen Lücke und marschierte quer über den Parkplatz. Am Hintereingang war der Handscan fällig. Fritz konnte dieses Prozedere längst im Schlaf absolvieren. Ein kurzes Summen zeigte an, dass die Tür entriegelt war, und durch den Lärm der Papierstanze und den Geruch nach Bindemittel hindurch fand Fritz seinen Weg zur Kellertreppe, den eine massive Kette versperrte und eine einzelne Fackel in der Wand beleuchtete.

 »Mahlzeit«, begrüßte ihn Susanne Schröter, die kaum dem Kindesalter entwachsene Sekretärin mit der überdimensionalen Hornbrille, als er an ihrem Büro vorüberging. Wie immer steckte ihre linke Hand in einer großen Tüte Gummibärchen.
 »Ja, mir wurde ein Mittagessen versprochen, sonst wäre ich nie um so eine blöde Tageszeit hergekommen«, bestätigte Fritz und sah der jungen Frau mit der Unschuldsmine kurz beim Kauen zu. Susi würde nie auf die Idee kommen, sich mehr mit den Tätigkeiten der MIU zu befassen als nötig. Sie koordinierte Aufträge und Besuche, aber mit Musik oder Paranormalem hatte sie nichts am Hut. Gut so. Wer auch immer die Stelle der Sekretärin mit einer grasgrünen Schulabgängerin besetzt hatte, war eindeutig etwas zu enthusiastisch gewesen; nichts sprach gegen frisches, lernwilliges Personal mit guter Einarbeitung, aber so unersetzlich wirkte das Mädchen nun wirklich nicht.
 »Es gibt Neuigkeiten aus Irland«, erklärte Susi und hatte noch immer nicht die Scham, ihre Hand aus der halbleeren Tüte zu nehmen, »aber bestimmt wollen Sie das von den anderen hören.«
 »Natürlich«, antwortete Fritz und dachte: Erzähl es bloß nicht zweimal.
Weiter hinten im Gang stand noch immer ein in die Wand eingelassenes Fach sperrangelweit offen. Es war ein Hort für Bier, Schnaps und auch alle Arten von nichtflüssigen Leckereien gewesen, die der frühere Leiter der MIU – Klaus Buschfeldt – nicht hatte entdecken dürfen. Kurz nachdem KP wegen Buschfeldts Beförderung den Posten des Direktors übernommen hatte, waren Fritz und Asp, als Einzige noch nicht in den Urlaub entschwunden, mit der Aufgabe betraut worden, dieses Versteck aufzulösen. Heimlichtuereien waren unter KPs sanfter Führung nicht mehr notwendig. Die verwertbaren Überreste dieser Plünderungsaktion füllten nun noch bis zur Hälfte einen Pappkarton, der unter dem leeren Fach stand und an dem mit Tesafilm ein weißer Zettel klebte: Krabbelkiste. Hier warten einsame Süßigkeiten auf neue Besitzer, also greift zu, solange der Vorrat reicht! Jemand, vermutlich Lasterbalk, hatte mit Kugelschreiber an das erste K geschrieben: Niederdeutsch korrekt Grabbelkiste, aber wir sehen hier ein Beispiel der antrainierten hessischen Anlautverhärtung. Diesen Kommentar hatte Asp wiederum mit einem Asterisk versehen und eine Fußnote angefügt, die lautete: Es freut mich, dass du mein Unvermögen, dieses Wort zu buchstabieren, erkannt hast. Fritz griff in den Karton, fischte ein Karamellbonbon heraus und wickelte es im Weitergehen aus seiner klebrigen Hülle.
Es waren Leute da, das war an der näher kommenden Geräuschkulisse unschwer zu erkennen. Allerdings roch es noch nicht nach Essen. Leider. Fritz hatte sich nur mühsam überwinden können, ausgerechnet zur Mittagszeit nach Alfeld zu fahren, denn seine Frau hielt es für ihre Pflicht, täglich für ihn zu kochen. Und sie kochte hervorragend. Aber KP hatte behauptet, die Fahrt würde sich lohnen; schließlich gab es im MIU-HQ eine gut eingerichtete Küche.
Selbiger wandte Fritz sich nun entschlossen zu, denn aus ihr drangen die Geräusche. Als er jedoch die Hand nach der Klinke ausstreckte, wurde die Tür bereits aufgerissen, und ein kurzhaariger, dunkeläugiger Mann mit akkurat geschnittenem Bart, den Fritz als einen der acht von Saltatio Mortis erkannte, musterte ihn interessiert.
 »Ah! Du bist Fritz, hm?«
 »Ja …«
 »Ah, gut.« Der Mann knallte Fritz die Tür an die Stirn – nicht allzu beherzt, aber immer noch fest genug, um den Getroffenen nach rückwärts taumeln zu lassen.
 »Au!« Fritz rieb sich den Kopf und verstand die Welt nicht mehr. »Was sollte das?«
 »Wie fühlst du dich jetzt?«, kam die ernst gemeinte Gegenfrage.
 »Als hätte man mich mit einer Tür geschlagen.«
 »Sehr gut! Eigentlich solltest du jetzt ein leichtes Déjà-Vu-Gefühl haben.« Die französische Aussprache war perfekt, als wäre hart daran gearbeitet worden. »Ich meine, hey, das ist dein erster Arbeitstag nach der Winterpause! Fast schon ein Jubiläum! Und mir wurde gesagt, als du das erste Mal herkamst, hat Falk dir die Tür an den Kopf gehauen. Tja, Falk ist nicht da und würde so was auch nie mit Absicht machen, also dachte ich, ich vertrete ihn würdig.«
Hinter Fritz’ Peiniger erhob sich dreistimmiges Gelächter. »Jetzt lass den Armen rein, ich will heute noch fertig werden!«
Die Stimme gehörte Lasterbalk, gut erkennbar an der karlsruherischen Satzmelodie. Immerhin – schon mal einer, der Fritz nicht unnötig quälen würde. Mit größtmöglichem Abstand schob er sich an dem Türschläger vorbei in die Küche, wo Lasterbalk, El Silbador und ein Rotschopf in sein Sichtfeld gerieten, den Fritz aus der Dudelsack-Formation erkannte.
 »Jetzt hast du uns wieder«, stellte Elsi mit vielsagendem Lächeln fest. »War bestimmt todlangweilig ohne uns.«
 »Vollständig sin’ wir jedenfalls wieder mal net«, fügte Lasterbalk mit einem Seitenblick auf die anderen Musiker an. »Puschel, das Eichhörnchen, kennst du ja schon was besser, und um dich an den Typen da zu erinnern, der dich gerade gequält hat: Des ist unser Tambour, Jean Méchant. Des heißt böse. Der Code ist Programm.«
Fritz rieb sich noch einmal demonstrativ die Stirn. »Ja, sehr erfreut.« Er durfte Saltatio Mortis während der MIU-Arbeit nicht mit ihren bürgerlichen Namen anreden, weshalb er die meisten davon sowieso nicht kannte. Mittlerweile durchschaute er ganz gut, was bei diesem Geheimdienst alles tabu war und was nicht; zu erster Kategorie gehörten so gut wie alle privaten Dinge.
 »Jedenfalls sind wir froh, dass du endlich da bist«, schloss Jean mit bedeutsamem Blick, »weil wir endlich wissen müssen, was in den Salat darf. Du bist ’n Gemüsemäkler, stimmt doch, oder?«
 »Nur die Ruhe, ich hab die Suppe ja vorgekocht«, sagte Lasterbalk befriedend, »der Salat wird des kleinste Problem. Wenn die faulen Nüsse von In Extremo net bald kommen, werden zu spät geäußerte Wünsche net mehr berücksichtigt. Des ist dann Pech.«

Fritz behielt Jean Méchant, der ihn nicht weiter ärgerte, sondern ausgelassen mit Elsi und Luzi herumwitzelte, misstrauisch im Auge. Irgendeine Schraube saß bei dem gründlich locker. Hoffentlich brachten nicht auch In Extremo und Subway To Sally so seltsame Leute mit; von diesen kannte er einige auch nur vom Sehen. Es wäre Fritz mehr als recht gewesen, wieder mit denselben Leuten zu arbeiten wie im vergangenen Herbst: Falk, Lasterbalk, Elsi, Alea, Simon Schmitt, Boris, Marco, Silvio, Basti, Asp und … nun ja, bei Ingo Hampf, Eric Fish und Micha würde er sich das doch noch einmal überlegen, zumindest in der Kombination.
Lasterbalk, der liebevoll in seiner langsam auf der Platte heiß werdenden Käse-Lauch-Suppe rührte, machte Fritz’ Hoffnungen jäh zunichte: »Hast schon von dem Attentat gehört, das auf dich verübt werden soll, Fritz?«
 »Attentat? Das Wort gefällt mir nicht.«
 »Du bist eine selten feige Socke. Du musst mal mehr wie ein Spielmann denken und Herausforderungen als Gelegenheit sehen, dich zu beweisen! So, des isses nämlich: Du kennst doch Florian Speckardt, der von Letzte Instanz zu In Extremo gewechselt ist, ne? Schon ’ne Weile her. Der weiß natürlich von dem Vampirkram, so ’n bisschen. Was der aber net weiß, ist, dass wir hier auch Vampire haben.«
Fritz verstand, oder glaubte es zumindest. »Puh, ich soll ihn also einfach nur dumm halten. Gut, das hab ich ja an Alea schon gelernt.«
Lasterbalk rührte ein wenig schneller. »Nee, des Gegenteil: Er kriegt die Pille. Also, die rote. Gleich nachher. Hat ja lange genug am Rand mitgearbeitet, jetzt wird’s Zeit für die harte Kost. Micha ist weg. Die Lücke muss gefüllt werden. Schonzeit war lang genug. Du darfst ihn einarbeiten.«
 »Ich?« Über Fritz’ Rücken kroch dasselbe böse kleine Tier, das ihn schon auf der Fahrt gekitzelt hatte. »Warum denn ausgerechnet ich? Ich bin doch selber kaum eingearbeitet!«
 »Aber wir haben beschlossen, dass du an alle Aufgaben in der MIU rangeführt wirst. An alle. Du hast doch sowieso mit KP den ganzen Winter über an dem VK-Projekt gesessen, oder? Wolltest du die Vampirkiller net selbst einarbeiten?«
Dazu fiel Fritz nicht sofort eine Antwort ein. Er sah auf seine Schuhspitzen. »Ich hab ehrlich gesagt gehofft, dass das dann die Vampire machen. Die wissen schließlich viel mehr über Schwachstellen und … naja. Also, kannst … du nicht den Kerl einarbeiten? So als … Vampir.«
Lasterbalk bleckte die obere Zahnreihe und fuhr mit seiner langen Zunge darüber. »Nö. Des kannste gleich knicken, ich bleib nämlich gar net hier. Des L und ich fahren nach dem Essen. Speckis Erleuchtung gucken wir uns noch an, aber ab morgen bist du alleine mit den ganzen Verrückten. Kann dich aber beruhigen, an meiner Stelle wird dich ab nächster Woche der Herr von Hasenmümmelstein betuddeln.«
Falk! Na, Gott sei Dank. Fritz atmete laut auf. Falk konnte er wirklich gut leiden. »Und … der Typ?« Er hatte nur ganz beiläufig auf den Tambour zeigen wollen, dieser unterbrach jedoch augenblicklich das Gespräch mit den beiden anderen, um sich mit gespitzten Ohren nach Fritz umzudrehen.
 »Der Typ? Welcher Typ?«
 »Beachte den einfach net«, empfahl ihm Lasterbalk mit nachsichtigem Lächeln. »Der Franzose kann sowieso nix.«
 »Falsch! Ich bin ein Allrounder, ich kann alles«, korrigierte ihn der Tambour postwendend und reckte bedeutsam die Nase hoch, aber nicht ohne ein Augenzwinkern anzuschließen. »Was kann ich dafür, dass ihr ausgerechnet Vampire jagen und Paranormales verfolgen müsst? Keine andere Band verlangt so was von mir. Nur ihr kommt mit so ’nem kranken Scheiß. Zum Glück bin ich meistens nicht dabei.«
 »Dann sei uns einfach nicht im Weg.« Elsi lächelte ihn breit an.
Der Tambour imitierte das Lächeln überspitzt. »Kannst du von ausgehen, Wertester. Ich lass euch schön alleine in Vampirärsche treten.«
 »Soooo, und jetzt haltet ihr die Backen!« Lasterbalk umfasste die beiden Henkel des schweren Topfes. »Ihr könnt nämlich schon mal mit Futtern anfangen, während ich des Salätchen mache.«

In Extremo kamen zu spät zum Essen. Davon war ausgegangen worden, also hatte man auch nicht auf sie gewartet. Erst als schon fast die Hälfte des zweiteiligen Menüs verputzt war, sprengten sie unter triumphalen Rufen zur Tür herein, als stünde ihnen die erste warme Mahlzeit seit Wochen bevor.
Fritz erblickte über den Rand seines Tellers hinweg Marco alias Flex, den er schon kannte, dahinter Py, den er immerhin ein wenig kannte, und dann noch zwei, die er bisher nur von fern gesehen hatte. Sie brachten sich bereits Geschirr und Besteck aus der Küche mit, um damit den Besprechungssaal zu stürmen, der mit seiner riesigen Tafelrunde für alle Speisenden Platz bot.
 »Kommt rein und guten Appetit, ihr chronischen Zuspätkommer«, begrüßte sie Lasterbalk.
 »In Extremo kommen nie zu spät«, erwiderte Flex und griff nach der Suppenkelle, »sie kommen immer genau dann, wenn das Essen die richtige Temperatur hat.«
 »Bla, verschont uns mit Ausreden. Esst und freut euch, dass noch was da ist.«
 »Ihr dürft dafür abwaschen«, setzte Jean ungerührt hinzu.
Einer der zwei noch Unbekannten, ein Schwarzhaariger mit Augen hell wie Eiswasser, den etwas irgendwie Düsteres, Schwermütiges umgab, warf diesem einen fragenden Blick zu. »Nanu? Wer bist’n du, SaMo-Typ? Kenn ich dich überhaupt?« Die Frage war nicht ernst gestellt und verdiente auch keine ernste Antwort, fand Fritz.
 »Das ist der Tambour«, sagte Dr. Pymonte unbeeindruckt. »Schon länger bei Saltatio, aber seine Anwesenheit bei MIU-Arbeit kommt etwa so häufig vor wie ’n Meteoriteneinschlag. Wir sehen ihn praktisch nie. Zwischenzeitlich haben wir uns manchmal gefragt, ob es ihn wirklich gibt.«
Jean Méchant ignorierte diese Bemerkung über sein rares Auftreten.
 »Ist ja kaum was übrig vom Salat«, stellte Marco enttäuscht fest.
 »Tja, wer net dasaß, der net mitaß, liebe Leute.«
 »Und wo sind Subway?«
 »Tut mir Leid, eure Busenfreunde kommen net. Vorläufig jedenfalls. Sin’ mit anderem beschäftigt.«
 »Dann machen die sich wohl eher rar als wir, wenn wir jetzt alles für die Einsätze vorbereiten.«
 »Das haben die letztes Jahr alleine gemacht«, erinnerte Lasterbalk.
Fritz war ein wenig verblüfft über die Angespanntheit, die von allen ausging. Dass In Extremo zuweilen mit Subway To Sally aneinander gerieten, war ja nichts Neues, aber Saltatio Mortis hielten sich da doch eher im Hintergrund. Augenscheinlich waren jetzt beide Bands im Stress, warum auch immer; außerdem fehlten Ruhepole wie Falk und Asp, dafür gab es nun Leute wie den Tambour, der eine ähnlich spitze Zunge zu haben schien wie Ingo Hampf, Hauptstreithammel des letzten gemeinsamen Einsatzes. Fritz legte die Stirn in Falten.
El Silbador schien diesen Gedanken ebenfalls gehabt zu haben. Er ließ sogar den dampfenden Löffel kurz vor dem Mund wieder sinken, um zu fragen: »Ähm … Ich hatte das so verstanden, dass Subway vielleicht kommen, aber jetzt haben die überhaupt keine Zeit, oder wie?«
 »Ja, sagte Ingo heute Morgen.« Lasterbalk zog die Stirn kraus. »Eric und Bodenski sind auf Erics Solo-Tour unterwegs, der Rest gurkt irgendwo rum, und ab April sin’ die eh alle im Urlaub.«
 Vielleicht auch besser so, dachte Fritz, der Eric Fish im Umgang schwierig fand und ihm sowieso lieber aus dem Weg ging. Vorsichtig wandte er sich nun an die Unbekannten von In Extremo, um sie näher in Augenschein zu nehmen: »Ähm, wer seid … ihr eigentlich …?«
 »Ich bin Kay«, sagte Unbekannter Nr. 1 mit den Eisaugen. Seine Sprache hatte etwas Schleppendes, Nachlässiges, als ob er ungern redete. Er nickte zu seinem Nachbarn: »Das is’ Specki.«
Passenderweise war Specki ein etwas knochiger junger Mann mit knapp nackenlangem braunen Haar und einem Nasenpiercing, das sein freundliches Geicht akzentuierte. Er schenkte Fritz ein sonniges Strahlen und hielt den Daumen hoch, um sich dann gleich wieder seiner Käsesuppe zuzuwenden.
Fritz sah zurück zu dem anderen Mann, der sich als Kay vorgestellt hatte, und plötzlich konnte er die Gesichtszüge wieder zuordnen. »Oh! Du bist der Typ, der im Vollmond-Video gefesselt auf dem Stuhl sitzt und fast einen Zapfhahn in den Hals gerammt kriegt!«, platzte er heraus.
Kay hob wie in Zeitlupe die dunklen Augenbrauen. »Ah … Irgendwie erwarte ich immer, dass die Leute sich andere Sachen merken, zum Beispiel, dass ich Bass spiele und mich Die Lutter nennen lassen muss … Aber wenn du dir lieber so was Nutzloses einprägst, na gut.« Gelassen, aber ohne Lächeln wandte er seine Aufmerksamkeit wieder der Suppe zu.
Fritz wusste in diesem Moment nicht, was er von Kay halten sollte und was der wohl jetzt von ihm hielt, also schaute er stattdessen Flex an. Eigentlich hatte er ja nicht fragen wollen, doch jetzt musste er rasch das Thema wechseln, also hopste es ihm von der Zunge: »Ähm, was macht denn eigentlich Micha gerade?«
Marco legte den Kopf schief. Er hatte offenbar nicht erwartet, dass Fritz sich so bald nach seinem ehemaligen Arbeitspartner erkundigen würde. »Micha? Keine Ahnung. Wieso? Der ist in Kroatien, seiner zweiten Heimat. Da kann er machen, was er will. Zum Beispiel auf seiner Terrasse in der Sonne pennen. Das liebt er.«
 »Ist er denn wirklich glücklicher, seit er nicht mehr für die MIU arbeitet?«
 »Also, bisher scheint er es in vollen Zügen zu genießen. Manchmal sind wir richtig neidisch. Ich hab das Gefühl, er raucht weniger.«
 »Und«, ergänzte André alias Py, während er den Löffel ableckte, »er hat wahrscheinlich mehr Sex, das darf man nicht vergessen.«

Als kaum zwanzig Minuten später alle mit dem Essen fertig waren, wurde der Abwasch tatsächlich In Extremo überlassen. Py, Flex und Kay Lutter ließen jedoch Specki allein mit der Arbeit zurück mit der Begründung, am Spülbecken sei sowieso zu wenig Platz und sie müssten sich noch um sein ›Initiationsritual‹ kümmern, das gleich als erstes auf dem Programm stand. Widerspruchslos widmete sich Florian Speckardt also dem Geschirr.

 »Was habt ihr denn vor?«, fragte Fritz, der sich noch sehr gut an seine eigene ›rote Pille‹ erinnern konnte. »Wieder das mit der PDF-Präsentation? Und wird Lasterbalk in den Schwamm beißen, um ihm das Gift zu zeigen?«
Luzi gluckste amüsiert. »Hach ja, genau diese Einführung hab ich damals auch bekommen. Echt erinnerungswürdig!«
 »Specki weiß schon viel mehr, als ihr zwei damals wusstet«, erinnerte Jean. Da er mit dem Aufbau der Technik beschäftigt war, wirkte er nun friedlich; vielleicht musste man ihm nur ständig irgendeine Tätigkeit anbieten, damit sich keine Energie anstauen konnte. »Vampire sind nichts Neues für den, und dass wir die jagen, ist ja kein Geheimnis. Er weiß allerdings, wie der Rest von Letzte Instanz, nur von den Bestien, damit ist er informationstechnisch auf dem gleichen Stand wie unser Killerwürfel. Mann, riecht das Ding nach Schwarzpulver!«, fügte er schnaubend hinzu, als er den Supervisor-Laptop aufklappte, den Dr. Pymonte auf dem Tisch platziert hatte. »Was haben InEx bloß wieder damit gemacht? Ihn als Startbahn für ihr Feuerwerk benutzt? Mann, Mann.«
Lasterbalk kam hinzu und stellte kommentarlos eine Flasche Hyperborea neben das Gerät. Betitelt war sie mit 2010 – also lieblich, gemischt mit zwanzig Prozent süffigem Rotwein und Fruchtzucker. Fritz seufzte innerlich, als er die gute alte Vampirfertignahrung wieder einmal zu sehen bekam. Lange war es her.
 »Findste das ’ne gute Idee?«, fragte Lutter stirnrunzelnd.
 »Find ich, ja«, antwortete Lasterbalk ungerührt. »Bin ja leider aktuell der einzige Vampir im HQ. Auf mich wird also des ganze schlechte Image projiziert.«
 »Soll ich Specki dann holen?«, fragte Elsi eifrig. »Soll ich ihm die Augen verbinden?«
 »Ist ja wie auf ’nem Kindergeburtstag«, seufzte Jean, immer noch über den Rechner gebeugt. »Aber das PDF will noch nicht … warte, warte … ah, jetzt.« Er nickte und machte eine auffordernde Geste zu El Silbador, der sich daraufhin strahlend umdrehte und ging.
Fritz indes setzte sich auf seinen Platz und verschränkte die Arme vor der Brust. Mal abwarten, sagte er sich, ob Specki genauso doof aus der Wäsche gucken würde wie er im vergangenen Oktober.
- -

Ihr merkt wahrscheinlich schon, dass ich auch am Alles-geht-zu-schnell-Problem gearbeitet habe. Die Geschichte nimmt sich viel mehr Zeit und braucht entsprechend länger, bis sie in Gang kommt. Ich hoffe, dass euch das nicht abschreckt.

Danke fürs Lesen!!
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