pulvis et umbra sumus

KurzgeschichteFamilie, Tragödie / P16
Captain America / Steven "Steve" Grant Rogers OC (Own Character)
29.07.2016
05.08.2016
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Liebe LeserInnen,

hier nur eine ganz kurze Vorbemerkung zu diesem Zweiteiler. Zuerst hatte ich nur das erste Kapitel geschrieben, es sollte ein OS sein, doch ist mir noch eine zweite Sache eingefallen, die quasi dazugehört und nicht getrennt erscheinen sollte.
Also habe ich beschlossen die beiden Texte unter einer Überschrift zu führen und so zu einer Erzählung zu verschmelzen. Nächste Woche Freitag kommt dann auch das zweite Kapitel! :)
Für Rückmeldung, Anregungen oder konstruktive Kritik bin ich immer offen.

LG und viel Spaß trotz des eher traurigen Settings,
Erzaehlerstimme



Asche zu Asche...


„He's gone so far to find no hope / He's never coming back / They were crying when their sons left / All young men must go / He's come so far to find no truth / He's never going home...“
- aus 'Soldier Side', System of a Down

Die dicken Schneeflocken fielen in unregelmäßigen Bewegungen auf den Boden. Ihr Blick verfolgte eine besonders üppige Flocke, wie sie sich erst aus dem alles verschluckenden Grau löste, an den anderen Fallenden vorbei kämpfte und dann lautlos im Weiß verschwand.
Ihre Augen waren trocken, so kalt war es hier. Weinen konnte sie auch nicht mehr, denn sie hatte die letzten Tage nichts anderes getan. Endlos lange hatte sie geweint und irgendwann hatte es einfach aufgehört.
Es waren keine Tränen mehr gekommen. Auch wenn sie noch weiter heulen, schreien und schließlich still vor sich hin hätte schweigen wollen. Nun stand sie jedoch hier und es würde alles zu einem Ende kommen.
All die Jahre verschwanden gerade vor ihren eigenen Augen. Sie wurden von der Erde verschluckt, die hier entfernt wurde, um den Schein zu wahren. Es gab nichts, das sie hier vergraben konnten. Nichts war übrig.
Nicht einmal seine Sachen hatten sie bekommen, nur ein weiteres und dieses Mal richtiges Schreiben, in dem ihnen das herzliche Mitleid versichert wurde, wie auch all den anderen. Hohle Worte, diktiert in einem Feldlager, in dem schon lange keine Hoffnung mehr übrig war.
Die Männer waren nur noch leere Hüllen ihrer selbst, das wusste sie. Denn sie hatte die Briefe noch. Sie hatte noch jedes einzelne Wort, das er eigenhändig auf Papier niedergeschrieben hatte, um sie der Gefahr auszusetzen vom Feind entdeckt zu werden.
Aber wer las schon die Briefe eines unwichtigen Soldaten? Eines Bauernopfers? Niemand. Einerseits ein Vorteil, andererseits ein Beweis dafür, wie grausam diese Welt schon war. Wie desinteressiert alle daran waren, was in Übersee mit ihren Männern passierte.
Er war losgezogen, um seinem Land zu dienen und um sie stolz zu machen. Er war definitiv der letzte, der es verdient hatte, so elendig zu Grunde zu gehen. Dieses Land hatte ihn zerstört und heute stand sie hier, um es sich mit eigenen Augen anzusehen.
Sich anzusehen, dass eine Grube für ihn geschaufelt wurde, in die sie keinen Leichnam betten konnten. Sie wusste nicht, wo er gefallen war, ob er gelitten hatte und ob er noch gehofft hatte. James war weg. Für immer.
Die letzten Jahre waren nun wertlos.
So wertlos und wirr wie der Krieg, der sie nur ruinieren und ihre Menschlichkeit kosten würde. Das Leid wurde aber auf den Schultern der jüngsten und hoffnungsvollsten Menschen getragen, also war es nicht so dramatisch für diejenigen, die große Reden in Washington schwingen durften.
Das Schneetreiben wurde immer dichter und sie konnte sehen, wie der Horizont über Brooklyn noch dunkler zu werden schien. Ihr Blick wanderte unruhig über die Anwesenden, auch wenn es nicht viele zu beobachten gab.
Da waren seine Geschwister, sein Vater, der Pfarrer und sie selbst. Mehr waren nicht hergekommen. Er war ein guter Mann gewesen, das wusste sie dennoch. Die meisten der Menschen, die er gekannt haben könnte, waren schließlich auch in die Hölle geschickt worden.
Die Verzweiflung kämpfte sich wieder an die Oberfläche und damit auch die bodenlose Trauer. Ihr Herz wurde von einem Schmerz zerstochen, den sie nie wieder loswerden würde. Sie hatte ihn geliebt, so wie sie die anderen auch liebte:
Mehr als ihr eigenes Leben.
Sie wurde am Ellbogen berührt und der Pfarrer bedeutete ihr, auf das leere Grab zu zu gehen und einen dünnen Zweig hinein zu werfen, an dem allerdings kaum Grün zu erkennen war. Die Erde würde später von seinem Bruder und seinem Vater hinein geschaufelt werden. Dennoch war es beinahe lächerlich vor dem leeren Grab zu stehen und hinein zu sehen.
Er war nicht hier und doch sollte sie so tun, als wäre er es.
Eine Träne bahnte sich ihren Weg über ihre Wange und hinterließ eine nasse Spur, die durch die Kälte sofort auf ihrer Haut spürbar wurde. Es fühlte sich beinahe an wie ein Schnitt, der ihre Haut zerriss und ihr bloßes Fleisch offenlegte.
Seit er tot war, hatte sie zunächst nichts anderes gewollt außer die Einsamkeit. Aber sie musste stark sein – für die, die sie noch hatte und welche auf sie angewiesen waren. Sie musste das tun, was von ihr erwartet wurde.
Gedankenverloren drehte sie den Zweig in ihrer zitternden Hand und sah ihn einen Moment lang an, bevor sie ihn in die Grube warf und damit der unendlichen Dunkelheit überließ.
„Ruhe in Frieden, mein Sohn.“

Januar 1945, Green-Wood Cemetery, Brooklyn.
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