Vom Engel und dem Holzfäller

von Grete
GeschichteRomanze / P18 Slash
28.07.2016
29.08.2016
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Der Holzfäller starrte auf den Engel im Schnee. Es war ein seltsamer Anblick, mitten in dem weiten Waldgebiet, denn die Flügel waren weit ausgebreitet und der herumgedrehte Leib halb von ihnen bedeckt. Eine Korona aus Blut verfärbte den verschneiten Waldboden um ihn.

Der Gefallene regte sich nicht, und eigentlich sah er so aus, als hätte er sich dort vor langer Zeit zur Ruhe gebettet und sei nicht mehr erwacht. Feine Schneekristalle bedeckten schon seine blonden Locken und keine weitere Spur, nein, nicht einmal Tierabdrücke, führten zu dem Platz auf der Lichtung.
Marris Marquis wusste nicht recht, ob der Engel nun schlief oder tot war. Nicht besonders erfreut über den Fund ging er weiter auf ihn zu, nahm dann seine Axt von der Schulter und stieß den einen Flügel vorsichtig damit an. Nichts regte sich. Erst, als er sich bückte und ein zweites Mal mit der Hand an den Federbogen stieß, durchlief ein sanfter Schauer den bleichen Leib.  

Nun kam auch Leben in Marris. Schnell warf er die unhandliche Axt beiseite, packte den rechten Flügel, der den Engel wie eine Decke umgeben hatte, und rollte ihn auf, bis er auf dem Rücken lag. So sah der Holzfäller erst das ganze Ausmaß.
Es war selten, dass ein Engel den Sturz aus einer so großen Höhe überlebte. Und auch dieser hier schien schon knapp am Abgrund zum Tode zu stehen. Sein Atem ging, wenn überhaupt, flach und das führte dazu, dass Marris die halb verformte Brust nur allzu gut erkennen konnte. Auch ein Bein hatte sich bei der Drehung nicht mitbewegt und lag noch immer in einer grässlichen Position. Die Wunden, die den Schnee rot gefärbt hatten, waren Striemen, Stiche und schreckliche Schrammen an seinem nackten Torso. Aber woher diese stammten, konnte sich Marris nicht erklären.

„Ey, hey, Kleiner …“ Marris kniete sich neben ihn in den Schnee, griff nach einer Hand und suchte nach dem Puls. Er fand ihn, kein Zweifel, aber er war schwach wie eine verrostete Wasserpumpe. Eine sehr alte, ausgetrocknete Wasserpumpe, mit kaputten Riemen. „Kleiner, ich rufe den Notarzt, hörst du? Aber du musst die Flügel erst wegpacken. Wenn die dich so sehen, kommst du höchstens in den zoologischen Garten. Hey, hörst du mich? Die Flügel müssen rein!“

Der Engel verzog die Augenbrauen voller Schmerz. Ein leises Stöhnen drang aus den dünnen, lilablauen Lippen.

Marris half die schweren Flügel durch den Schnee zu ziehen, und als die beiden Seiten vollkommen eingeklappt waren, wurden sie kleiner. Es war, als zögen sie sich restlos in das Innere des Körpers zurück, und das nur durch zwei kleine Löcher am Rücken. Und schon waren sie weg. Nun lag nur noch ein kleiner, blasser Leib im Schnee, nackt und vollkommen schutzlos.

Als Marris telefonierte, suchte er noch einmal nach der schmalen Hand und fühlte nach dem Puls. Diesmal bewegten sich die Finger in den Seinen und plötzlich klammerte sich der Engel an den Holzfäller.
Er schluchzte und Tränen rollten ihm über die Wangen, als er zu Marris aufsah. Seine Augen waren himmelblau und erzählten von all den Schmerzen, die er durchgemacht hatte. Ohne Worte. Und dennoch waren sie so wunderschön.



~ Hey, schön, dass Du hereingeschneit bist! Eine winzige Anmerkung: Die nächsten Kapitel werden ein bisschen länger, bleiben aber in dieser angenehmen, kurzen Lesemenge. Freue mich von Dir zu hören, schöne Grüße und fröhliches Weiterlesen,
Ele ~