Overwatch Tales 01 - Brüder

KurzgeschichteDrama, Sci-Fi / P12
Genji OC (Own Character)
28.07.2016
28.07.2016
1
3.021
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
28.07.2016 3.021
 
Dicke Nebelschwaden lagen über den rostigen Gebäuden. Die Luft roch nach verfallenem Leben und die Geräusche verlorener Seelen peinigten die Ohren. Genji war diesmal alleine auf die Mission gegangen. Infiltration war sein Spezialgebiet. Deshalb saß er schon am frühen Morgen auf einer halb abgestorbenen Eiche am Rand des Industriegebiets in Ostchina. Der Wind war ruhig und der Mond leuchtete dem Agenten den Weg zu seinem Ziel. Es galt den örtlichen Herrscher dieses Gebiets auszuschalten. Ein Mann namens Tiger über den selbst Overwatch nichts zu wissen schien. Nachdem die Omnics vor Jahren viele Teile des Landes zerstört hatten, dieses Gebiet traf es besonders hart, verschwand langsam das Leben der einst geschäftigen Ortschaften. Es blieb nichts als Trauer, Schmerz und Verbrechen. Tiger galt als einer der korruptesten und mächtigsten Warlords hier, denn er hatte sich binnen Monaten einen Namen gemacht. Overwatch ging davon aus, dass er sich einer mächtigen Ausrüstung bedient um die Einwohner zu unterdrücken und die Kriminellen zu kontrollieren.

Der Ninja wartete noch ein paar Minuten. Sein Gefühl sagte ihm, dass der perfekte Augenblick zum Angriff erst kommen würde. Seine Atmung war ruhig. Seine Gedanken in völligem Einklang mit seiner selbst. Zenyatta hatte ihm viel beigebracht. Lautlos und ohne den Ast in Schwingung zu versetzen, sprang Genji in einem Satz zum Boden. Wie der Blitz rannte er zu einem großen Felsbrocken etwas zehn Meter vor ihm. Seine Bewegungen waren geschmeidig und er schien nicht einmal einen Schatten zu hinterlassen. Geschwind hechtete er von Deckung zu Deckung. Die alten Gebäude, teils stark verwüstet, waren provisorisch mit Brettern und Metallplatten geflickt. Überall in den Wracks einstiger Produktionshallen hausten Menschen in ärmlichsten Verhältnissen. Genji war sich der Lage dieser Menschen bewusst, doch verschwendete er keinen unnötigen Gedanken daran. Er wusste, dass seine Mission das Wichtigste war. Der Anfang für eine bessere Zukunft dieser Gegend.

Endlich war er an dem großen roten Turm angekommen, den die Einwohner anscheinend nur „den Pfahl“ nannten. Overwatch hatte herausgefunden, dass hier die höchste Aktivität stattfand. Zudem wurde beobachtet, dass immer wieder ranghohe Kriminelle hier aus und ein gingen. Doch sie alle waren unwichtige Kleinkriminelle im Schatten von Tiger. Genji hockte hinter einem alten Müllcontainer, im Schatten verborgen, und beobachtete einige Leute die den Pfahl verließen. Glücklicherweise sprach er etwas Chinesisch. In der Unterhaltung der drei Männer erkannte er das Wort „Boss“. Nun war er sich sicher. Sein Ziel musste tatsächlich im Inneren dieses Turms sein. Vom Eifer gepackt sprintete er nach vorn zu einem Gebäude, das früher wohl eine Werkstatt gewesen sein musste. Er griff nach einem Stahlrohr, das horizontal über das Fenster verlief und schleuderte seinen mechanischen Körper nach oben. Elegant sprang er die Wand empor. Immer wieder fand er Halt an kleinsten Vorsprüngen und schnell war er am Dach des Hauses angekommen. Von hier aus hatte er die Dächer des Dorfes unter sich. Gewandt und fast unsichtbar glitt er förmlich über die Köpfe der ahnungslosen Einwohner. Bis er schließlich am großen Turm angekommen war. Erst hier bemerkte er, dass Rot wohl nicht die ursprüngliche Farbe des Pfahls gewesen sein mochte. Sie war dick und unsauber aufgetragen, aber fast neuwertig und von Verwitterung größtenteils verschont geblieben.

Zwischen ihm und seinem Ziel lag nun nur noch ein etwa drei Meter breiter Abgrund über zehn Meter. Genji trat einige Schritte zurück um Anlauf zu nehmen. Er konzentrierte seinen Geist und preschte nach vorn. Mit gewaltiger Kraft stieß er sich von Boden ab und schaffte es mit seiner rechten Hand etwas zu ergreifen, was früher mal ein Fenster gewesen sein Musste. Mit Leichtigkeit zog er sich empor und kletterte weiter hinauf. Nach wenigen Minuten kam er schließlich oben an. Das etwa einhundert Meter hohe Gebäude im Zentrum des Slums bot einen hervorragenden Ausblick über das gesamte Areal. Zum Glück war er von Süden und nicht aus einer anderen Richtung gekommen. Diese waren nämlich ungeschützt und von hier aus bestens einsehbar. Die Informationen von Overwatch hatten also gestimmt. Die zwei Wachen am Aussichtspunkt waren kein Problem gewesen. Genji hatte sie schnell ausgeknockt, bevor sie überhaupt realisiert hatte was geschah.

Der Ninja machte sich nun also auf ins Innere des Turms. Durch eine schwere Metalltür, gelang er hinein. Das Treppenhaus schien unbewacht. Genji blieb dennoch extrem vorsichtig und schlich unhörbar hinunter. Die Räume hier oben waren alle verschlossen. Wahrscheinlich lagerten hier Waffen und sonstige Ausrüstung. Gut in der Mitte des größtenteils Fensterlosen metallenen Ungeheuers angekommen, hörte Genji plötzlich mehrere Stimmen. Auf den oberen Etagen waren merkwürdig wenige Wachen postiert, deshalb waren hier umso mehr Männer auf Patrouille. Er schlich sich nun den Gang entlang. Von Schatten zu Schatten. Am anderen Ende des Flurs hörte er eine verzerrte Stimme. Immer wieder ging eine automatische Tür, groß und aus gebürstetem Metall auf und zu. Genji war nun etwa zwanzig Meter davon entfernt. Eine offene Konfrontation war immer noch zu gefährlich. Der Agent war sich jedoch sicher, dass sein Ziel sich in eben diesem Raum befinden musste. Mit höchster Konzentration scannte er mit seinem Blick den Raum. Er suchte nach irgendetwas. Einer Lösung. Einer alternativen Route. Einen Lüftungsschacht. Nichts. Dann öffnete sich jedoch eine Tür. Im wahrsten Sinne des Wortes. Einige Meter vor ihm verließ gerade ein dunkelhäutiger Mann den Raum. Ohne viel zu überlegen hastete der Cyber-Ninja den Gang entlang und erreichte die automatische Tür, bevor diese sich wieder schloss.

Im Inneren war es dunkel. Dank seiner mechanischen Teile konnte er jedoch sehen. Das Visier in seinem Helm erlaubte es ihm die Helligkeit du erhöhen. Anscheinend nur ein kleiner Quartierraum. Zwei Betten, ein Waschbecken und ein Schrank mit Lebenmittel. Einige Poster hingen an der Wand. Sie zeigten die Landschaft, wie sie früher war. Grün, saftig und voller Leben. Auch Genji erinnerte sich an frühere Tage. An sein Leben vor all dem. Sein unbeschwertes Dasein als Shimada. Aber nein. Das war eine andere Zeit. Er war jemand anderes gewesen. Jung, naiv und ohne Ziele im Leben. Er hatte sich Overwatch zuerst nur aus Gefälligkeit angeschlossen. Doch dieser Mönch. Zenyatta, der Omnic der sein Lehrmeister und Mentor werden sollte, hatte ihm die Augen geöffnet. Er hatte sein Leben akzeptiert und nun war er wieder im Dienste der Gerechtigkeit. Overwatch. Nein die Welt brauchte ihn noch. Er ging weiter. Am hinteren Ende des Raums war eine zweite Tür. Er war sich sicher, dass ihn diese direkt neben die große Metalltür führen würde, welche sein Ziel war. Über der Tür befand sich ein schmaler Lüftungsschlitz. Genji zog sich hinauf und hatte nun den direkten Blick auf den Gang. Tatsächlich war er nun direkt vor seine Ziel. Er hatte bemerkt, dass sie die Tür von innen mit einem Knopf öffnen ließ. Die große Metalltür würde sich ebenfalls nur von der anderen Seite aus öffnen lassen. Er musste also abwarten, bis jemand den Raum verließ.

Lange brauchte er sich jedoch nicht gedulden. Bereits nach wenigen Sekunden öffnete sich die automatische Tür dahinter erblickte Genji die Silhouette eines Fremden.

‚Tiger‘, schrie sein Hirn ihm entgegen.

Er war vollkommen fokussiert und trat mit seinem rechten Fuß gegen den Knopf. Die Tür unter ihm öffnete sich und Genji schwang sich in den Flur. Der Mann, der eben den Zielraum verlasen hatte, reagierte sofort und zückte seine Waffe. Eine Pistole, kleines Kaliber. Kein Problem. Genji schlug sie ihm mit einem festen Schlag aus seiner Hand. Anschließend verpasste er dem bleichen Kerl mit kurzen grauen Haaren einen Tritt, welcher diesen in eine Holzkiste schleuderte. Ein weiterer Wachmann schien Genjis Aktion zu bemerkten und schrie ihm vom anderen Ende des Flurs etwas entgegen. Auf Chinesisch. Vermutlich eine Beschimpfung. Genji verstand seine Worte nicht. All seine Aufmerksamkeit galt nun seinem Ziel. Durch den Tritt in Fahrt gekommen, sprang der Ninja von der Wand zu seiner linken ab und hechtete mit einer Rolle in den Raum. Gerade noch rechtzeitig, denn hinter ihm ging die Tür durch einen kräftigen Knall zu. Binn en Sekundenbruchteile inspizierte er den Raum. Sein Hirn lief auf Hochbetrieb. Er studierte jeden Winkel, passte sie jeder Kampfsituation an. Sein Instinkt leitete ihn. Etwa fünfzehn Meter lang, zwanzig Meter breit und gut zweieinhalb Meter hoch. Einziger Ausgang die eben passierte Tür und eventuell das kleine Fenster am anderen Ende. Dürfte jedoch solides Glas sein. Zudem war es mit einigen Eisenstäben verstärkt. Bis auf die eben schon bemerkte Silhouette befanden sich noch zwei Personen im Raum. Sie waren ein gutes Stück größer als er und waren bereits im Begriff ihre Sturmgewehre auf ihn zu richten. Genji hatte die Situation erfasst. Blitzschnell schleuderte er ein Shuriken auf die Türsteuerung und machte diese unbrauchbar. Bevor eine der Wachen ihn erfassen konnte, sprintete er quer durch den Raum und verwirrte seine Angreifer. Sein Ziel hatte er noch immer nicht richtig gesehen. Dafür war keine Zeit. Er war sich jedoch sicher, dass er es war. Mit einem Wandlauf und dem darauffolgenden Rückwärtssalto katapultierte er sich aus dem Schussfeld. Die Kugeln flogen durch den Raum. Ebenso wie chinesische Schreie. Er rannte auf den linken der beiden zu und zückte unterdessen die Klinge an seiner Hüfte. Die Zeit schien still zu stehen und mit perfekter Präzision wehrte er drei Kugeln der Wache hinter sich ab. Sie schlugen in die Wand ein. Der Wache vor ihm trat Genji gegen die Beine und warf ihn somit zu Boden. Ein Schlag mit der Rückseite seiner Klinge nahm ihm das Bewusstsein. Wieder warf er Shuriken. Diesmal gleich drei auf einmal. Das Sturmgewerk in der Hand des verbliebenen Wachmannes quittierte daraufhin seinen Dienst und er sah die Faust des Ninjas nicht kommen, die ihn traf.

Im Raum wurde es still und Genji drehte sich zu Tiger. Erst jetzt konnte er ihn genau erkennen. Ein kleiner Mann mit dem Kopf eines Omnics als Helm umfunktioniert. Er trug braune Stiefel, Zerrissene Jeans und einen roten Umhang unter dem man weitere Omnic-Teile erkennen konnte. Während des gesamten Kampfes hatte er sich kein Stück gerührt. Entweder war er starr vor Schreck, oder er hatte alles genau beobachtet. Vielleicht auch beides.

„Wer bist du“, sprach der Fremde auf Chinesisch. Seine Stimme klang merkwürdig verzerrt.

Genji gab ihm keine Antwort. Alles war er sagte war: „Bist du Tiger?“

Der Ninja sah zwar sein Gesicht nicht, doch war er sich sicher ein Grinsen zeichnete sich im Gesicht des Fremden ab. Er nickte. „Und du wirst bald tot sein, wenn du nicht sofort von hier verschwindest.

Wieder zückte Genji drei Shuriken. Er würde ihn nur verletzen und ihn anschließend zur nächsten Basis bringen. Sollte er jedoch keine Wahl haben, würde er auch zum Äußersten greifen. Tiger warf seinen Mantel zurück und zückte eine Energiewaffe. Eine handliche Kanone, mit mächtiger Feuerkraft. Denn Genji konnte seinem ersten Schuss gerade noch ausweichen. Der Boden unter seinen Füßen schmolz förmlich. Er sprang auf einen Tisch. Die Stühle wirbelten durch den Raum und der Ninja war schwer damit beschäftigt den schnellen Salven dieser Waffe auszuweichen.

‚Was ist das nur für eine Waffe‘, dachte er sich. Er kannte das Modell nicht. Sie sah fast aus wie eine gewöhnliche Pistole. An ihrem Lauf befand sich jedoch eine Modifikation. Eine kleine grün leuchtende Kapsel, die allem Anschein nach für die enorme Schlagfertigkeit Tigers verantwortlich war. Vielleicht könnte er diesen Teil mit Shuriken ausschalten. Dazu kam es jedoch nicht. Tiger hatte eine von Genjis Bewegungen vorhergesehen und schoss genau auf die Stelle an die er gerade trat. Eine heftige Erschütterung durchfuhr den gesamten Körper des Ninjas. Er ging zu Boden.

„Hahaha. Wenn du der beste bist den Overwatch zu bieten hat, dann habe ich wohl nichts zu befürchten“, lachte Tiger. Er kam näher und wollte Genji garantiert den Rest geben. Doch gerade im richtigen Moment schleuderte Genji einen einzelnen Wurfstern auf den Angreifer. Erschrocken blockte diesen den Angriff mit seiner Waffe. Als er sie selbstgefällig wieder sinken ließ, bemerkte er zuerst nicht, dass sein Gegner die besagte Kapsel genau getroffen hatte. Genji, inzwischen wieder auf den Beinen, sprintete nun direkt auf ihn zu. Tiger visierte ihn an und bekam Genjis Metallfaust zu spüren. Sie traf ihn heftig am Kopf und der umfunktionierte Omnickopf begann zu zerbrechen. Mit voller Wucht wurde Tiger gegen die Wand geschleudert. Sein Schmerzensschrei klang furchtbar. Doch er hatte noch nicht aufgegeben. Mit letzter Kraft zerrte er sich empor und begann damit einige Knöpfe an der Gerätschaft an seinem rechten Arm zu drücken.

„Jetzt komm schon du Scheißding!“, fluchte er daraufhin. Sekunden später klappte eine Antenne an seinem Kopf nach oben und schien etwas aufzuladen. Genji reagierte blitzschnell und zog wieder die Klinge an seiner Hüfte. Er war sich sicher, dass dies sein letzter Trumpf war und er würde ihn ohne großes Drama ableiten.

„Stirb du Freak!“

Eine Welle aus farbigem Licht schoss dem Ninja entgegen und wie der erste Sonnenstrahl am Morgen eines Sommertages blendete ihn der Angriff seines Feindes, bis er nichts mehr sehen konnte. Als er erneut die Augen öffnete stand plötzlich ein bekannter Mann vor ihm. Das Tattoo auf seinem linken Arm ließ keine Zweifel daran.

„Was ist das für ein Trick?!“, schrie Genji und wandte sich ab. Hinter ihm lagen nun nicht mehr die beiden Wachen nein. Es waren ihm gut bekannte Menschen. John Morrison und Angela Ziegler. Der Soldat und die Ärztin. Was wird hier nur gespielt? Was geschieht hier? Die Gedanken rasten. Auch der Raum schien sich zu verändern und das Licht strahlte plötzlich in merkwürdigen Farben. Alles um ihn herum begann sich im Kreis zu drehen. Den Auftrag und sein Ziel Tiger, hatte er so gut wie vergessen. Die Realität verschwamm und sein Geist war äußerst unruhig. Plötzlich tippte ihm jemand auf die Schulter. Die bizarren Geräusche wurden ruhig um Genji drehte sich zur Seite.

„Zenyatta?“

„Beruhige deinen Geist. Balance ist die Quelle einer ruhigen Klinge. Du kannst deinen Feind nur mit Ruhe bezwingen.“

Die Worte seines einstigen Mentors schienen zu wirken, denn langsam verschwammen die Trugbilder wieder und der Geist seiner Vergangenheit wurde wieder zum feindlichen Tiger. Dieser stand immer noch stark geschwächt von Genjis Schlag vor ihm. Tatsächlich schien er keine anderen Waffen mehr in petto zu haben und er schien darauf gewartet zu haben, dass der Ninja den Eindrücken erliegt. Stattdessen war seine Atmung nun wieder ruhig und sein Geist im Einklang.

Wieder sprang Genji auf seinen Feind zu. Er zückte sein Schwert und Schlug ihm die Antenne vom Kopf Mit dem Knauf versetzte er Tiger einen heftigen Schlag auf den Brustkorb. Dieser ging zu Boden und Genji sprang mit aller Wucht auf ihn. Ein weiterer qualvoll verzerrter Schrei erfüllte den Raum.

„Ich war unvorbereitet auf deine Waffen. Doch nun gehört die Oberhand mir. Ergib dich und dir wird nichts geschehen“

Genji hielt ihm die Klinge an den Hals. Doch das Lachen seines Feindes verwirrte ihn.

„Denkst du ernsthaft, dass ich nicht noch etwas versteckt habe? Ich wusste, dass ein Overwatch Agent hier früher oder später auftauchen würde. Seit ihr wieder für Recht und Ordnung kämpft, haben sich viele meiner Männer abgewandt. Sie hatten Angst. Ich habe überall am Rand der Siedlung Bomben platziert und mit nur einem Knopfdruck lösche ich hunderte Leben aus“

„Ein Bluff“, konterte Genji.

„Bist du dir das sicher?“

Genji biss die Zähne zusammen. Damit hatte er wirklich nicht gerechnet. Sprach er die Wahrheit? Wo war dann der Auslöser? An seinem Device? Hatte er eine Fernbedienung? Vielleicht am Helm? Konnte er tatsächlich all diese Leben riskieren? Selbst die Klinge an seinem Hals schien ihn nicht zu beeindrucken.

Gerade als Genji nicht mehr weiter wusste, übertönte eine schrille Stimme all seine Gedanken.

„Tao du musst jetzt aufhören. Bitte!“

Ein verletzter Junge kroch aus einem Loch hinter einer Abdeckung. Ein versteckter Raum? Er war vielleicht zehn, elf Jahre alt. Sein Gesicht war voller Narben und ihm fehlte der rechte Arm. Er schien alles andere als gesund zu sein und Tränen flossen über seine Wangen.

„Bitte. Ich will nicht dass du stirbst. Und ich will auch sonst niemanden sterben sehen“

Genji bemerkte, wie sein Feind den Kampfeswillen verlor und sein Körper schwach wurde. Der Junge traute sich nicht näher zu kommen. Der Ninja begann vorsichtig damit Tigers Helm zu lösen. Darunter starrten ihn zwei tiefschwarze Augen an. Die Augen eines Kindes. Ein Junge, vielleicht gerade fünfzehn, sechzehn Jahre alt war also der gefürchtete Herrscher dieser Gegend. Blut floss von seiner Stirn hinab. Genij trat zurück und der Junge kam angerannt.

„Ren. Ich hatte dir doch gesagt, dass du niemals hier raus kommen sollst! Es ist gefährlich für dich!“

„Aber diesmal war anders. Ich hab gesehen, wie du gekämpft hast. Ich dachte du würdest sterben!“

Ren presste den Kopf auf die Brust seines Bruders und begann heftig zu weinen. Genji erinnerte sich in diesem Moment zurück an seine Kindheit. Er steckte sein Schwert zurück in dessen Scheide und trat wieder einen Schritt an die beiden heran.

„Du bist ein guter Mensch. Vergeude deine Fähigkeiten nicht an einem Ort wie diesen. Verbrechen, Hass und Zorn sind nicht der Weg den du gehen solltest. Ich war dir einst nicht unähnlich. Auch ich lehnte die Welt ab. Aber du beschützt deinen Bruder. Sag deinen Soldaten, dass sie abziehen sollen und kommt mit mir“

„Warum sollte ich einem Cyber-Freak wie dir vertrauen?“

Genji kniete sich vor ihm und öffnete sein Visier. Darunter starrten zwei Augen hervor die den Schmerz kennen. Augen die Tao überzeugten auf zu geben und dieses Leben hinter sich zu lassen. Er gab vor den Kampf gewonnen zu haben und befahl seinen Soldaten zu verschwinden. Wie sich herausgestellt hatte, waren die beiden Brüder die Söhne eines einstigen Wissenschaftlers. In der Werkstatt seines Vaters hatte Tao einige Dinge gelernt und so hatte er über Jahr hinweg die Ausrüstung die er trug aus alten Omnic-Teilen entwickelt. Um seinen kranken Bruder zu beschützen und ihm die nötige Medizin zu besorgen wurde er zum Verbrecher. Bald schon war er in der Unterwelt bekannt und einige hohe Kriminelle wollten ihn eliminieren. Erfolglos. Er hatte sie alle getötet und verblieb somit als letzter. Was ihn automatisch zum Anführer der lokalen Banden machte. Er hatte vielleicht nur versucht seinen Bruder zu beschützen, doch gegen Ende hin, begann etwas Anderes, etwas Böses in ihm zu keimen. Genji hatte ihn gerade noch rechtzeitig vor sich selbst gerettet. Mit etwas Zeit und Ruhe würde auch Taos Geist vielleicht wieder zur Ruhe kommen und mit seinem Talent könnte er eines Tages vielleicht selbst damit beginnen die Welt zu verbessern.