Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

The 150th Hungergames - Teamwork

MitmachgeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
27.07.2016
08.05.2021
29
107.303
13
Alle Kapitel
48 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
08.04.2017 3.595
 
Nun melden wir uns endlich zurück mit einem weiteren Kapitel, im Gepäck haben wir noch ein kleines Extra. Weil meine Wenigkeit mit der Schule scheinbar noch nicht genug zu tun hat, hab ich mir neulich einfach mal ein Wochenende freigenommen und die neugewonnene Freizeit dafür verwendet, für unsere MMFF eine ganze eigene Website gebastelt. Dort findet ihr nicht nur die Steckbriefe, sondern auch die Infos zum Sponsoring und sämtliche bisher existierenden Charaktere sowie aktuelle News zu den Mitmachaktionen und dem nächsten Kapitel. Also, schaut gerne mal vorbei - und jetzt will ich euch nicht länger aufhalten; viel Spaß bei der nächsten Ernte ;D


Trevin Settle
Nachdenklich legte Trevin den Stift an seine Lippen. Er spürte, dass er der Lösung ganz nahe war. Drei Wege, zwei Fragen, die er stellen durfte, um herauszufinden, welcher ihn zum Ziel führen würde. Wie aber sollte er Wahrheit von Lüge unterscheiden? Er wusste lediglich, dass der Mann immer abwechselnd richtig oder falsch antwortete. Aber würde er als nächstes lügen oder die Wahrheit sagen?
„Trevin?“ Es war sein Vater, der leise die Tür geöffnet hatte und nun seinen Kopf durch den schmalen Spalt streckte. „Es ist schon spät, du solltest jetzt ins Bett gehen“
„Ja, gleich. Ich will noch das Rätsel fertig machen.“
„Also gut. Mach aber nicht mehr so lange. Gute Nacht.“
Wie immer schenkte Ruiz seinem Sohn ein Lächeln, bevor er die Tür wieder schloss. Dachte er allen Ernstes, Trevin würde es nicht merken? Dass es kein echtes Lächeln war? Natürlich merkte er das. Trevin war schließlich nicht blöd. Er sah doch, dass das Lächeln nie die Augen seines Vaters erreichte. Dass er es sich nur aufzwang, um seine wahren Gefühle zu kaschieren, damit Trevin und sein Bruder nicht sahen, was aus ihm geworden war, wie sehr ihn der Tod seiner Frau mitgenommen hatte. Aber natürlich sah Trevin es trotzdem. Früher war sein Vater ein lustiger Mann gewesen. Einer, der immer lachte, immer einen Scherz auf den Lippen hatte. Aber jetzt? Jetzt konnte Trevin nicht mal sagen, wann Ruiz zuletzt ehrlich gelacht hatte. Wenn er an seinen Vater dachte, hatte er immer nur das Bild eines gebrochenen Mannes vor sich. Ein gebrochener Mann, der für seine beiden Jungs unbedingt stark sein wollte. Fünf Jahre waren vergangen, seitdem Trevins Mutter beim Unfall in der Fabrik gestorben war. Doch sein Vater schaffte es noch immer nicht, sein Leben wieder zu genießen.
In gewisser Weise machte Trevin das fast schon froh. Das zeigte ihm, wie wichtig seinem Vater seine Mutter gewesen ist und noch immer war. Natürlich wollte Trevin seinen Vater wieder aus vollem Herzen ehrlich lachen sehen. Dennoch war es schön, diese Art der Liebe zu sehen.
Vielleicht stimmte es ja. Vielleicht gab es für jeden „den Einen“. Aber auch wirklich nur ein einziges Mal. Und  Ruiz hatte seine Eine in Melina gefunden. Deswegen hatte es bisher sonst keine andere Frau geschafft, sein Herz zu erobern. Weil Ruiz genau wusste, dass er nie wieder jemanden so lieben könnte, wie er Melina liebte. Ein romantischer Gedanke, fand Trevin.
Mit einem Seufzen legte er den Rätselblock zur Seite – nun war er mit den Gedanken ohnehin nicht mehr bei der Sache, noch dazu hatte er schon gegähnt. Sicher könnte er sich ohnehin nicht mehr gut genug konzentrieren. Dann musste die Lösung eben bis morgen warten. Müde schaltete er das Licht auf seinem Nachttisch aus und kuschelte sich in seine Kissen.


Als Trevin am nächsten Morgen aufwachte, ging er schnurstracks ins Badezimmer, um sich gründlich zu waschen. Immerhin war heute der Tag der Ernte, da musste sich jeder fein machen. Um gut auszusehen, falls man in sein Verderben ging.
Auf der Heizung entdeckte er ein bläuliches Hemd und eine dunkle Jeanshose, daneben standen die alten Lederschuhe. Das musste sein Vater ihm für die Ernte rausgelegt haben. Zögerlich ging Trevin darauf zu, ließ die Finger über den Stoff wandern. Es war nichts Ungewöhnliches, sich für die Ernte schick zu machen, egal ob man gezogen werden konnte oder selbst nur Zuschauer war. Doch diesmal fühlte Trevin sich dabei unwohl. Dieses Jahr war es anders als sonst. Er war nicht länger nur ein teilnahmsloser Zuschauer. Jetzt war er zwölf und damit lag auch ein Los mit seinem Namen darauf irgendwo zwischen all den anderen Zetteln.
Einen Moment schloss er die Augen und atmete tief durch. Nein, er durfte nicht so viel darüber nachdenken, das würde ihn nur in den Wahnsinn treiben. Er würde einfach zur Ernte gehen, abwarten, bis alles vorbei war und dann nach Hause gehen. Wie jedes Jahr. Was machte es schon für einen Unterschied, wo er stand? Leider war dieser Versuch, sich selbst zu beruhigen, ziemlich erfolglos. Warum konnte er nicht einfach sein Hirn ausschalten, wie eine Maschine einfach nur funktionieren?
Seufzend nahm er die warme Kleidung von der Heizung und zog sich um. Dann ging er ins Wohnzimmer, wo sein Vater bereits auf ihn wartete. „Theodis ist gleich fertig“, sagte Ruiz und lächelte kurz. Auch er war aufgeregt, das merkte man ihm deutlich an. Natürlich, er machte sich ebenfalls Sorgen um seinen Sohn. Auch wenn er theoretisch wusste, dass es sehr unwahrscheinlich war, dass Trevins Name auf dem Los stand. Doch manchmal half theoretisches Wissen nicht gegen Emotionen, die nur ungern irgendeiner Logik folgten.
Nun kam auch endlich Trevins Bruder, der exakt das Gleiche trug, zu ihnen. Er war ein Jahr jünger als Trevin, folglich hatte er noch das Glück, keine Lose zu haben. Und das sah man ihm – zu Trevins Erstaunen –  deutlich an. Er war gut drauf wie immer. Er machte sich scheinbar keine großartigen Gedanken über die Ernte oder die Tatsache, dass für seinen Bruder die Möglichkeit bestand, ein Tribut zu werden. Schließlich hatte Trevin nur vier, das war aus Theodis Sicht praktisch nichts, verglichen mit dem Rest des Distrikts. „Also, gehen wir?“, fragte er gut gelaunt und sein Vater nickte bloß. Zusammen verließen sie das Haus und Theodis ließ es sich nicht nehmen, von seinem letzten Schultag zu berichten. Es war merkwürdig, dass dieser Tag für Theodis zu sein schien, wie jeder andere auch. Machte er sich den wirklich gar keine Sorgen um das Schicksal seines Bruders? Oder wollte er sich einfach nur nichts anmerken lassen? Nein, Trevin hatte keine Lust sich darüber weiter Gedanken zu machen. Im Moment war er einfach froh, dass sein Bruder anders als er kein logischer Denker war. Das mochte zwar zu weniger überlegtem Handeln führen, aber meistens war Theodis gut drauf. Und so gelang es ihm heute sogar, Trevin von seinen trüben Gedanken abzulenken. Zumindest für einen Moment ließ Theodis ihn das Bevorstehende vergessen.


Akyra Bedagi
Der Staub wirbelte durch die Luft, als Akyra den alten Wälzer aus ihrem Bücherregal zog. Sie wuchtete es auf ihr Bett und schlug die erste, schon ziemlich vergilbte Seite auf. Viel zu selten las sie dieses Buch, wo sie es doch so gern hatte. Es handelte von allem. Von Menschen und Fabelwesen, vom Guten und Bösen, Liebe und Hass, Frieden und Krieg. Vorsichtig blätterte sie die brüchigen Seiten um, Seite für Seite versank sie in der Geschichte. Es war nicht nur die Geschichte zwischen den Buchdeckeln, sondern auch die Geschichte des Buches. Es war einer der seltenen Gegenstände, die noch aus den Zeiten vor Panem stammten. Sie waren noch unbeeinflusst von der ständigen Kontrolle und Manipulation des Kapitols. Das Buch war von Generation zu Generation weitergegeben und geheimgehalten worden, bis es schließlich in Akyras Besitz fiel. Es war eines der wenigen Dinge, die ihre Mutter für sie getan hatte, und obwohl Akyra am liebsten nichts von dieser wissen wollte, so hing sie trotzdem an dem Buch.

Akyra kehrte erst in die Realität zurück, als sie bemerkte, wie hoch die Sonne bereits stand. Sie wärmte ihren Rücken, während Akyra sich ihrem Kleiderschrank widmete und sich schnell für irgendein Kleid entschied. Die Wahl fiel auf ein weißes Kleid, das einen königsblauen, edlen Spitzenbesatz hatte. An ihren goldbraunen, schulterlangen Haaren veränderte sie nichts. Während sie sich zurecht machte, summte sie leise vor sich hin. Die Töne flossen von ihren Lippen und hüllten sie ein. Wenn Akyra nicht gerade sang, dann summte sie zumindest. Sie war in Einsamkeit aufgewachsen, und das war ihre ganz eigene Art der Kommunikation.

Auf leisen Sohlen lief sie zur Haustür hinunter. Auf halbem Wege durch den Spalt der halboffenen Tür in das Speisezimmer. Wie sie bereits vermutet hatte, saßen dort ihre Eltern und schwiegen sich gegenseitig beim Essen an. Ihre Tochter bemerkten sie nicht.
Gut so. Akyra hatte keine Lust, in einen oberflächlichen Smalltalk verwickelt zu werden, bei dem eh keine der beiden Seiten echtes Interesse zeigen konnte und wollte.
Leise schlüpfte sie in ihre Schuhe und zog die Tür hinter sich zu, als sie das Haus verließ. Bevor sie aber zur Ernte ging, musste sie erst noch ihre Freundin Abila abholen.

Die Vögel zwitscherten als wäre es ein ganz normaler, schöner Tag in Distrikt Acht und nicht die Ernte. Welch eine Ironie, dass die Natur und Umwelt an einem so bedeutenden und auch dramatischen Tag so tat, als wäre nichts. Auch die Sonne schien ungewöhnlich hell auf den Distrikt, lud geradezu dazu ein, ihre Strahlen zu genießen. Überall waren schon Menschen auf den Straßen unterwegs, um genau wie Akyra entweder zur Ernte zu gehen oder andere Leute abzuholen. Sie konnte an der Körpersprache dieser Menschen - den hochgezogenen Schultern und dem gesenkten Blick - erkennen, dass die Menschen Angst hatten oder zumindest verunsichert waren. Viele taten so, als wären sie zuversichtlich, aber Akyra konnte es trotzdem sehen. Sie sah es in ihren Augen. Oft sagte man, die Augen wären etwas wie das Tor zur Seele. Weil sie alles offenbaren konnten, egal wie sehr man versuchte seine wahren Gefühle zu verschleiern. Das konnten auch die Bewohner des Distrikts nicht verhindern. So sehr man den Schreckensgedanken der Hungerspiele auch verdrängte und sich davor versteckte, so hatte doch ausnahmslos jeder diesen einen bohrenden Gedanken im Herzen sitzen: Was ist, wenn ich oder einer meiner Bekannten gezogen wird?
Akyra ging es nicht anders, doch hätte sie dies niemals zugegeben. So niedrig war doch die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet sie gezogen werden würde, wo sie doch nur fünf Lose hatte und andere, ärmere Jugendliche viel mehr hatten. Auch Abila hatte nicht viele Lose, weshalb Akyra sich auch um sie keine Sorgen machen musste.

Als sie in die Straße ihrer Freundin einbog, stand diese schon in ihrem Vorgarten und wartete auf Akyra.
„Hey. Ich habe dich vermisst“, lächelte Akyra und gab ihrer Freundin einen langen Kuss zur Begrüßung. Sie spürte an der Art, wie Abila den Kuss erwiderte, das diese genauso empfand.
Bedauernd löste Akyra nach einer Weile den Kuss, da sie wahrlich keine Zeit mehr hatten, sich damit groß aufzuhalten. Die Ernte rief.

Zu Akyras Leidwesen war der Ernteplatz schon gerappelt voll, als Abila und sie dort eintrafen. Überall waren Menschen, ein Körper quetschte sich an den nächsten. Jeder drängelte und man konnte kaum einen Schritt laufen, ohne jemandem in die Quere zu kommen.
Schon allein bei diesem Anblick beschleunigte sich Akyras Herz schlagartig und ihre Beine wurden weich wie Wackelpudding. Sie hasste Menschenmengen.

Abila bemerkte das und sah sie stirnrunzelnd an.
„Key, ist alles in Ordnung bei dir?“
„Jaja, klar, es ist…ich bin nur ein wenig nervös, weißt du?“, versuchte Akyra sich hastig zu erklären. Auch wenn sie Abila mochte, ihre Platzangst war ihr trotz allem peinlich.
Diese zog eine Augenbraue hoch und setzte zu einem Widerspruch an, doch besann sich dann eines Besseren, nahm Akyra bei der Hand und zog sie ohne Vorwarnung in die Menschenmenge.
Die nächste Zeit versuchte Akyra so gut wie möglich, die Menschenmasse um sich herum auszublenden und konzentrierte sich auf ihre Atmung. Ein, und wieder aus. Ein. Aus.

Langsam aber sicher schlich sich Abila in ihre Gedanken. Sie sah ihre Freundin nur sehr selten. Und genau das war der springende Punkt: Sie sahen sich viel zu wenig, um zusammen zu sein. Und trotzdem hielten sie sich an den Händen und küssten sich, wenn sie sich trafen. Akyra beschloss, Abila nach der Ernte darauf anzusprechen und damit ein für alle Mal das Gefühlschaos in ihrem Herzen zu bändigen.

Ein Friedenswächter holte sie unsanft in die Realität auf den überfüllten Platz zurück.
„Name?!“, schnauzte er und tippte dabei ungehalten mit der Nadel auf sein Blatt.
„Akyra Bedagi“, antwortete sie und zuckte leicht zusammen, als der unhöfliche Friedenswächter ihre Hand packte, die Nadel nahezu in ihren Finger rammte und diesen dann auf das Blatt drückte.
„Nächster!“, schnauzte er und wedelte Akyra mit einer Handbewegung zur Seite.

Als Abila ebenfalls ihren Tropfen Blut hinterlassen hatte, machten sich die Beiden auf den Weg zu ihrer Reihe. Als Sechzehnjährige mussten sie sich in die drittvorderste Reihe stellen. Den Blick auf den Boden gerichtet heftete sie sich Abila auf die Fersen.
Als sie ihre Plätze eingenommen hatten, konnte Akyra zumindest ein wenig aufatmen. Nun musste sie sich nicht mehr in dieser undurchdringlichen Menschenmasse bewegen, stand nur noch dicht an dicht an die anderen gedrängt. Diesen Umstand versuchte sie nicht zu beachten und starrte stattdessen zur Bühne.  

Auf dieser standen zwei gläserne Urnen, beide randvoll mit den Losen der Jungs und Mädchen gefüllt. Außerdem war vor dem Rathaus eine Leinwand aufgehängt worden, wo später der Film abgespielt werden würde. Davor, mit violetten Haaren, stand die Betreuerin. Akyra konnte sich noch erinnern, dass sie Lisabelle Ejon hieß. Lisabelle  war erst seit letztem Jahr zu Distrikt Acht abgeordnet worden. Die Jahre vorher hatte sie Distrikt 1 betreut.

„Willkommen, willkommen“, hallte ihre verstärkte Stimme mit dem merkwürdigen Kapitol-Akzent über den Platz, woraufhin die Menge verstummte. Man hörte nur noch hier und da leises Murmeln.
„Willkommen zu den 150. Hungerspielen, dem 6. Jubeljubiläum in Panems Geschichte!“ Beifallheischend blickte Lisabelle sich um. Als jedoch niemand ihrer stummen Aufforderung nachkam, verkniff sie nur den Mund. Sie war es von Distrikt Vier gewohnt, dass alles bejubelt wurde, was ihre Lippen verließ. Da hatte sie sich hier in Distrikt Acht jedoch kräftig geschnitten.
„Zuerst zeige ich euch einen Film über die Vergangenheit Panems...“

Akyras Gedanken begannen unwillkürlich abzuschweifen, sie kannte diesen Film so gut wie auswendig.  Erst als die Nationalhyme verklungen und die Betreuerin auf die Urne der weiblichen Tribute zuschritt, zwang Akyra sich, wieder aufzupassen.
Unruhig beobachtete sie, wie Lisabelle ihre Hand in die Lostrommel steckte, ein wenig in den weißen Zettelchen herumwühlte, bevor sie eines herauszog. Wie in Zeitlupe faltete sie das Papier auseinander, bevor sie den Namen verlas.

„Akyra Bedagi!“
Nein. Das konnte nicht sein, das durfte es einfach nicht! Bestimmt war das ein Fehler oder die Betreuerin hatte nur einen Witz gemacht. Sie hatte doch so gut wie keine Lose im Vergleich zu den anderen Mädchen!

Wie in Trance bewegte sie sich zur Bühne, schüttelte der Betreuerin die Hand und stellte sich neben diese. Erst dann wurde ihr klar, dass sie, Akyra Bedagi, in die Hungerspiele musste. Sie bekam nur halb mit, wie sich aus den Reihen der Zwölfjährigen ein schmächtig aussehender Junge löste. Zu sehr war sie damit beschäftigt, ihr Gesicht zu wahren. Wenn sie jetzt weinen oder auch nur irgendwie Schwäche zeigen würde, hätte sie das hart erarbeitete Ansehen ihrer Familie komplett zerstört.
Fröhliche Hungerspiele und möge das Glück stets mit dir sein, wünschte Akyra sich selbst.


Trevin Settle
Nachdem Trevins Vater zusammen mit Theodis zwischen all den anderen Zuschauern verschwunden war, stellte er sich an. Nervös blickte er umher – hier waren ihm definitiv zu viele Menschen. Langsam, aber sicher näherte er sich dem Ende der Schlange. Dann stand er einem Friedenswächter gegenüber. Trevin schluckte.
„Finger her“, kommandierte der Mann mit tiefer Stimme. Doch scheinbar reagierte Trevin nicht schnell genug. Bevor er auch nur seine Hand heben konnte, lehnte sich der Friedenswächter nach vorne und packte sie unsanft. Unwillkürlich zuckte der Junge leicht zusammen, als er einen Stich in seinem Finger spürte. Er beobachtete, wie sich ein Tropfen Blut an der Kuppe bildete und der Mann vor ihm den Finger auf ein Blatt Papier drückte. „Na los, verzieh“, meinte er ungeduldig, als Trevin sich nicht bewegte. Langsam löste er sich aus seiner Starre und verließ den unfreundlichen Wächter.
Was nun? Wo musste er hin? Sein Vater hatte völlig vergessen, ihm das zu sagen. Einen Moment blieb er stehen. Um ihn herum wuselten hunderte Menschen – wie sollte man da noch einen Überblick behalten? Doch Trevin konzentrierte sich auf die Leute vor ihm, versuchte jemanden zu finden, der in seinem Alter war. Er sah große, muskelbepackte Kerle, einige, die eher schlaksig waren, manche wohlgenährt, die meisten eher abgemagert. Die Mädchen trugen meist Kleider, manche auch Blusen. Die einen verängstigt, die anderen wütend, wieder andere versuchten ihre Gefühle zu verstecken. Dazwischen Eltern – Kay. Na endlich. Kay war in Trevins Klasse, also auch zwölf Jahre alt. Er musste also lediglich beobachten, wo Kay hinging und ihm folgen. Eiligen Schrittes folgte er Kay, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren - sein Klassenkamerad schien die hinterste Reihe anzupeilen. Aber natürlich. Die Reihen waren nach dem Alter der Jugendlichen geordnet. Die Zwölfjährigen ganz hinten, die Ältesten ganz vorne. Auch wenn es für Trevin wenig Sinn ergab, die Jüngsten und damit auch Kleinsten in die letzte Reihe zu verbannen, wo sie doch kaum etwas sehen konnten.
Immer mehr Kinder fanden sich in ihren vorgesehen Reihen ein. Der Platz wurde immer voller. Und für Trevin wurde es immer enger. Links, rechts, vorne, hinten. Überall Menschen. So eng aufeinander gepfercht, dass Körperkontakt praktisch unausweichlich war. Hoffentlich konnte er hier so bald wie möglich wieder weg.
Langsam kehrte Ruhe ein, scheinbar war es an der Zeit, dass die Ernte anfing. Trevin hörte Musik spielen – die altbekannte Melodie des Kapitols. Dann spielte ein Film ab. Viel sehen konnte er zwar nicht, aber Trevin hörte zumindest eine Stimme, die von den Hungerspielen erzählte. Dass die Distrikte es wagten, sich gegen das Kapitol aufzulehnen. Dass die Hungerspiele eingeführt wurden, um sie für alle Zeiten daran zu erinnern, dass das Kapitol – das Herz, das ganz Panem am Leben erhielt – nie besiegt werden könnte. Dass man dem Distrikt als Tribut, als Sieger, Ehre und Ruhm einbrachte. Dass man dann ein gefeierter Held wäre.
Die Stimme verstummte und jemand klopfte vorne auf der Bühne kurz gegen das Mikrofon. Trevin verrenkte sich den Hals, um zumindest ein bisschen etwas von dem, was sich dort vorne abspielte, erkennen zu können. Viel sah er nicht, doch er meinte lange, violette Haare zu erkennen. Dann wurden er und die Anderen von einer hellen Stimme willkommen geheißen. Vermutlich stand dort also eine junge Frau.
Trevins Herzschlag beschleunigte sich unwillkürlich, als die Stimme verkündete, dass nun die Losung beginnen würde. Natürlich wusste er, dass seine Chancen gezogen zu werden, relativ gering waren – er hatte ein Los, weil es sein erstes Jahr bei den Spielen war und drei weitere, die er gegen einen spärlichen Essensvorrat eingetauscht hatte. Distrikt 8 war ein armer Distrikt. Zwar ging es ihnen bei weitem nicht so schlecht wie den äußersten Randdistrikten, dennoch war es hier alles andere als ungewöhnlich, Tesserasteine zu nehmen. So gesehen standen seine Chancen eigentlich ganz gut. Doch auch wenn er das wusste, gegen seine Nervosität half das trotzdem nicht. Er steckte seine Hände in die Hosentasche, um zumindest nach außen hin ein entspannter zu wirken – vielleicht würde es ihn tatsächlich beruhigen. Doch dieser Effekt trat wie zu erwarten nicht ein. Stattdessen verkrampften sich seine Hände in den Hosentaschen, als er den Klang von Absätzen hörte, die über die Bühne stöckelten. Er schluckte. Jetzt ging es los. Die Ernte. Die Auslosung der Tribute. Erst die Mädchen, dann die Jungen. So war es immer.
Akyra Bendagi. Sie sollte die Tributin für Distrikt 8 sein. In einer der vorderen Reihen, vermutlich bei den 16- oder 17-Jährigen, rührte sich etwas. Viel konnte Trevin nicht sehen, lediglich einen dunkelblonden Haarschopf und blau-weißen Stoff, wahrscheinlich ein Kleid. Als das Mädchen schließlich auf der Bühne stand, hörte Trevin, wie die Betreuerin zur Losurne der Jungen ging.
Trevin schloss die Augen, atmete tief durch und versuchte, seine Nervosität endlich loszuwerden. Es gibt so viele Andere, sagte er sich. So viele, die gezogen werden können. Er spürte sein Herz wild gegen seine Brust schlagen. Trevin hatte das Gefühl, es wollte herausspringen. Fliehen.
„Trevin Settle“, hörte er seinen Namen über die Lautsprecher. Erschrocken schlug er die Augen auf und starrte nach vorne. Nein. Das konnte nicht sein. Das konnte nicht sein. Er musste träumen. Oder er hatte sich verhört. Oder… oder vielleicht haben sie irgendeinen Fehler gemacht. Vielleicht hatte die Betreuerin den Namen falsch ausgesprochen. Nein!
Langsam gewann Trevin die Kontrolle über seine Beine. Er setzte einen Fuß vor den anderen und näherte sich mit kleinen Schritten der Bühne. Er wusste nicht, ob der Weg von der letzten Reihe bis nach vorne wirklich so lang war oder ob es ihm einfach nur so vorkam. Und je näher er den Stufen kam, desto wilder klopfte sein Herz. Jede Faser seiner Körpers wehrte sich dagegen. Doch Trevin zwang sich trotzdem, auf unsicheren Beinen zur Bühne hochzusteigen. Es war ohnehin schon zu spät zum Weglaufen, auch wenn er es noch so sehr wollte. Er hätte keine Chance gegen die Friedenswächter gehabt.
Mit leerem Blick starrte er auf den Boden. Er wusste, dass ihn jetzt das gesamte Publikum anstarrte. Zum Teil froh, dass sie nicht selbst dort oben standen. Zum Teil mitleidig, weil er noch so jung war. Nun rebellierte sein Körper endgültig. Allein bei dem Gedanken daran, dass ihn alle anstarrten und was ihm in der Arena alles zustoßen könnte, drehte sich ihm der Magen um. Noch einmal schloss er kurz die Augen, um den anbahnenden Schwindel zu bekämpfen. Er hoffte immer noch, dass das alles nur ein schlechter Traum war. Dass er, wenn er die Augen jetzt wieder öffnete, nicht länger auf der Bühne stehen, sondern Zuhause in seinem warmen, sicheren Bett aufwachen würde. Aber so kam es natürlich nicht. 
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast