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The 150th Hungergames - Teamwork

MitmachgeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
27.07.2016
08.05.2021
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11.02.2017 3.289
 
Fynn Adams
Links, rechts, links. Mit viel Kraft und der richtigen Taktik. Solange, bis das Gegenüber schlapp macht. Und dabei nie, niemals ablenken lassen. Die kleinste Millisekunde könnte schon genügen um deine Niederlage und in den Hungerspielen deinen Tod zu besiegeln.

Nur leicht aus der Puste geraten setzte Fynn seinen Bruder K.O. Er hatte diesen auf den Boden geworfen, ihm die Arme verdreht und hielt ihm nun ein Messer an die Kehle. Schon wieder gewonnen.
„In der Arena wärst du jetzt tot“, tadelte Fynn Max eher scherzhaft als ernst gemeint und nahm das Messer von dessen Hals. „Revanche?“
„Und dieses Mal wirst du haushoch verlieren!“, brüstete sein jüngerer Bruder sich und fing an, mit seinen Fäusten vor Fynns Gesicht herumzufuchteln.
Fynn lachte amüsiert und begab sich wieder in Kampfposition. „Das wollen wir ja mal sehen, Kleiner“, neckte er seinen Bruder.
„Jungs, das reicht für heute; es ist Zeit, dass ihr euch für die Ernte fertig macht. Nicht schlecht Fynn. Du hast hervorragende Voraussetzungen für einen Sieg!“, lobte der Neuankömmling seinen Sohn und half dem anderen schwungvoll auf die Beine. „Und du musst noch an deinen Reflexen arbeiten, aber da haben wir ja noch Zeit“, fügte Fynns Vater hinzu und klopfte Max auf die Schulter.
Stolz streckte Fynn sein Brustkorb durch, während Max enttäuscht vor sich hin grummelte. Fynn sammelte seine Waffen und sein Handtuch ein und begab sich mit seinem Vater und seinem Bruder auf den Weg nach Hause.

Dort angekommen, erwartete schon die Mutter des Hauses die drei.
„Wart ihr wieder trainieren?“, fragte sie bloß und ließ den Rest ihrer Familie eintreten.
„Ja, damit ich Fynn nochmal schlagen konnte. Zwei Mal!“, erklärte Max seiner Mutter stolz. Fynn schmunzelte und ließ seinen kleinen Bruder in seinem falschen Stolz.
Drinnen empfing Fynn der köstliche Duft von Rührei und Speck. Ausgelaugt und hungrig vom Training setzte er sich an den Tisch und schaufelte sich einen großen Haufen auf seinen Teller.
„Guten Appetit“, wünschte er seiner Familie noch, bevor er anfing zu essen. Der köstliche Geschmack seines Lieblingsessens erfüllte seinen Mund.
„Dad, hast du noch einen letzten Ratschlag für mich?“, wollte Fynn von diesem wissen.
„Hm, mal überlegen… Versuche, so schnell wie möglich an die Waffen zu kommen, die dir liegen. Unterschätze die Karrieros nicht, aber auch nicht die anderen Tribute. Und bloß nicht verlieben oder anderen Quatsch, es lenkt dich nur von deinem Ziel ab! Die Augen immer auf das Ziel, Junge!“, antwortete Julius.
„Du weißt genau, was ich von Emotionen halte“, erwiderte Fynn. „Nämlich gar nichts, also werde ich mich auch ganz bestimmt nicht verlieben.“
„Dann ist ja gut, mein Sohn. Ich bin stolz auf dich“, antwortete sein Vater und klopfte Fynn auf die Schulter.
Inzwischen hatte die Familie zu Ende gegessen und nach und nach erhob sich jeder von seinem Stuhl. Max und Fynn gingen auf ihre Zimmer, um sich für die Ernte fertig zu machen, während ihre Eltern gemeinsam das benutzte Geschirr stapelten und in die Küche trugen, um es dort zu spülen.

Kurze Zeit später hatte Fynn sich fertig gestylt. Er trug ein schlichtes weißes Hemd, eine normale Jeans und schwarze Turnschuhe, seine silbrig blonden Haare zur Seite gegelt.

Schon immer war er fest entschlossen gewesen, sich zu melden, doch inzwischen bekam er ein mulmiges Gefühl. So etwas war nichts, was man einfach so auf die leichte Schulter nahm. Auch für den mutigsten, gerissensten, kampferprobtesten Karriero bedeutete es, dass er ganz leicht sterben könnte. Eigentlich hatte man keine Macht darüber, denn sie alle, alle Tribute waren doch nur Schachfiguren im Spiel der Präsidentin und der Spielmacher. Letztendlich war es nicht unbedingt entscheidend, wie gut man kämpfen konnte. Sondern wie beliebt man sich bei den Zuschauern und vor allem bei den Sponsoren machen konnte. Welche Szenarien die Spielmacher geplant hatten. Ob man das Pech hatte, in eine ihrer Fallen zu tappen.
Aber er konnte nicht umhin, er musste sich melden. Allein schon, um seinen Vater nicht zu enttäuschen und um Distrikt 2 den Ruhm einzubringen. Das hatte er sich schon immer gewünscht und das war das größte Ziel, was er sich bisher gesetzt hatte. Das konnte er jetzt nicht einfach so hinwerfen, nur weil er wie eine Memme Muffensausen bekam. Nein, er würde das durchziehen. Er musste einfach.

Dann klopfte jemand an seiner Zimmertür und riss ihn so aus seinen Gedanken.
Max steckte seinen Kopf in Fynns großzügig ausgebautes Zimmer und sah ihn fragend an.
„Was ist, kommst du jetzt endlich? Wir müssen los, wenn wir noch gute Plätze bekommen wollen“, sagte Max und verschwand wieder.
Fynn nickte, überprüfte noch einmal im Spiegel sein Aussehen – tadellos – und machte sich auf den Weg, seinen Bruder an der Haustür zu treffen.
Dort angekommen warteten schon sein Vater, Max und seine Mutter auf ihn. Er verabschiedete sich kurz mit einem Nicken von seiner Mutter und ließ sich von seinem Vater auf Schulter die klopfen.
„Ich bin so stolz auf dich“, murmelte dieser Fynn ins Ohr. „Wirklich.“
„Danke Dad“, erwiderte Fynn und nickte seinem Vater mit einer bemüht ruhigen und selbstbewussten Miene zu. Er hoffte inständig, dass sein Vater nicht bemerkte, wie nervös er in Wahrheit war. Doch dieser schien zum Glück nichts davon mitbekommen zu haben, sonst hätte er sich nämlich anstatt sich Max zuzuwenden noch einer Standpauke für Fynn gewidmet.

Nachdem sich auch Max von seinen Eltern verabschiedet hatte, machten die beiden sich auf den Weg zur Stadtmitte. Die Sonne schien bereits kräftig vom strahlend blauen Himmel, der nur vereinzelt mit Schäfchenwolken bedeckt war. Schäfchenwolken bedeuteten Veränderung, wie es auch in Fynns Leben geschehen würde.
Auf dem Weg begegneten er und Max vielen anderen Menschen, die sich auch auf den Weg zur Ernte machten. Bald schon hatte sich ein richtiger Strom gebildet, durch den Fynn und Max sich kämpfen mussten.


Leonore Wilson
Die kalte Luft brannte in ihren Lungen. Leonore wischte sich die Schweißperlen von der Stirn, doch von der Anstrengung ließ sie sich nicht abbringen. Sie musste die Zeit nutzen, die sie noch hatte, um sich auf die Arena vorzubereiten. In wenigen Tagen würde sie dreiundzwanzig anderen Jugendlichen gegenüberstehen, da konnte sie nicht auf der faulen Haut liegen.
Über die Hälfte der Strecke hatte sie bereits zurückgelegt. Nicht mehr lange und sie würde wieder Zuhause ankommen. Dann konnte sie ihr Training für heute beenden und sich ganz der Ernte widmen. Ihr Outfit perfektionieren. Der erste Eindruck war immerhin das Wichtigste.

Auf den letzten Metern lief sie locker aus, bis sie schließlich gemütlich ins Haus hineinschlenderte. Erschöpft lehnte sie sich an die Wand, bis sich ihre Atmung wieder beruhigt hatte. Ihr Herz klopfte noch immer wild gegen ihre Brust, als sie auf zittrigen Beinen die Treppe hochstieg. Erst einmal duschen, den Schweiß loswerden.
Oben angekommen tapste sie auf leisen Sohlen ins Badezimmer, in der Hoffnung, dass das Geräusch des fließenden Wasser nachher niemanden wecken würde. Leonore schälte sich aus der schweißnassen Kleidung und stellte sich unter den kühlen Strahl – ein wunderbares Gefühl, dieses sanfte Prasseln der Tropfen auf ihrem Körper. Sie fühlte sich direkt viel sauberer und nur noch halb so erschöpft. Sie gönnte sich eine ausgiebige Dusche, wickelte sich anschließend in eines der großen, flauschigen Badetücher und schlich sich so bekleidet zurück in ihr Zimmer.

Kritisch beäugte sie den Inhalt ihres Kleiderschranks, als sie davor stand. Leonore war ratlos – was um alles in der Welt sollte sie nur anziehen? So viel Auswahl und doch war nichts dabei, was sie im ersten Moment begeistern konnte. Sie nahm verschiedene Kleider heraus und hielt sie vor ihren Körper, um das Outfit im Spiegel genauer betrachten zu können, doch letztendlich konnte sie keines davon so wirklich überzeugen.
„Leo?“, drang eine zarte Kinderstimme an ihr Ohr und nur Sekunden später stand Elisa auch schon im Zimmer. „Hilfst du mir, was für die Ernte auszusuchen?“, fragte die Kleine zuckersüß und Leonore konnte nur lächeln.
„Klar doch, ich will mich nur eben fertig machen, ja?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, zog sie das erste Kleid, das ihr zwischen die Finger kam, aus dem Schrank und begab sich damit ins Badezimmer, um sich umzuziehen.

„Und, was sagst du?“, fragte Leonore als sie sich ihrer kleinen Schwester präsentierte und drehte sich glücklich im Kreis. Das rückenfreie, rosafarbene Kleid war eines ihrer Lieblingsstücke. Es war so unschuldig, so harmlos. Wenn sie genauer darüber nachdachte, war es geradezu perfekt für die Ernte – viel besser, als sich einfach nur aufzudonnern oder gar gefährlich wirken zu wollen.
„Du siehst aus wie eine Prinzessin“, quietschte Elisa begeistert. Na also, anscheinend hatte Leonore doch noch das richtige Kleid gefunden. Das kleine Mädchen aus Distrikt 2, dem man nicht zutraute, dass es auch nur einer Fliege was zuleide tat. Wenn sie ihre Stärken nicht zeigte, würden alle sie unterschätzen. Keiner würde erwarten, dass sie den anderen Karrieros durchaus Konkurrenz machte. Sie würden ihr blaues Wunder erleben.
Leonore nahm ihre Schwester hoch und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. „Dann wird es jetzt Zeit, dass wir dich schön anziehen, findest du nicht auch?“, fragte sie und natürlich war Elisa absolut begeistert von dieser Idee.
Mit der Fünfjährigen auf dem Arm ging Leonore aus dem Raum, ins Zimmer ihrer Schwester.
„Was willst du denn anziehen?“, fragte sie und öffnete den Kleiderschrank, um die Auswahl genauestens unter die Lupe zu nehmen.
„Ich will wie du aussehen!“, antwortete Elisa sofort und sah sich nach einem ähnlichen Kleid um.
„Was hältst du davon?“, fragte Leonore und zog ein pinkfarbenes Kleidchen hervor. Anders als ihr eigenes war dessen Farbe wesentlich greller und glitzerte im Licht.
Elisa musterte es nachdenklich, dann sagte sie: „Aber das sieht gar nicht aus wie deins.“
„Also gut, suchen wir weiter“, meinte Leonore amüsiert und durchstöberte den Kleiderschrank nach einem passenderen Exemplar. Sie war absolut vernarrt in ihren kleinen Schatz und dass Elisa sie geradezu vergötterte, war einfach nur herzerwärmend. Leonore zog das nächste Kleid hervor, diesmal weniger grell sondern eher ein pastellfarbener Rosaton.
„Ja, das!“, rief Elisa sofort begeistert, „Das will ich anziehen, das sieht genauso aus wie deins!“
„Soll ich dir beim Anziehen helfen?“, fragte Leonore mit einem Lächeln auf den Lippen und setze ihre Schwester ab.
„Ich bin doch kein Kleinkind mehr, Leo“, meinte Elisa todernst und nahm ihr das Kleid aus der Hand, um sich umzuziehen.
Lächelnd beobachtete Leonore ihre kleine Schwester, doch dann sagte sie: „Süße, ich muss jetzt los, ja? Lena wartet bestimmt schon auf mich.“
„Warte!“, rief Elisa und Leonore, die bereits im Türrahmen stand, drehte sich nochmal um. „Ich hab doch noch gar keine Schuhe!“
„Tja, dann lass mal sehen…“, meinte Leonore nachdenklich, während sie zielstrebig auf das kleine Schuhregal an der Wand zuging. „Was hältst du von denen? Die sehen so ähnlich aus wie meine.“
Skeptisch beäugte Elisa erst Leonores Schuhe, dann die weißen Ballerinas in ihrer Hand. „Ja, die sind gut“, befand Elisa und ließ ihre Schwester endlich gehen.
„Bis später, Süße“, verabschiedete sich Leonore mit einem Kuss auf die Wange der Fünfjährigen. Wie jedes Jahr ging sie mit ihrer besten Freundin Lena zur Ernte und ihre Familie würde später nachkommen. Das sparte Zeit und Nerven, denn mit der Kleinen war es nicht immer einfach, pünktlich aus dem Haus zu kommen.

Gemütlich schlenderte Leonore durch die Straßen des Distrikts, um sich mit Lena zu treffen. Ihr Haus war nicht weit vom Rathausplatz entfernt, so musste Leonore nur einen kleinen Umweg zurücklegen.
Es herrschte bereits reges Treiben auf den Straßen; man merkte, dass wieder Ernte war. Alle strömten in dieselbe Richtung, jung wie alt. Fein herausgeputzt, vielen war die Vorfreude anzusehen. Kinder rannten ausgelassen die Straßen entlang. Sicherlich ein schöneres Bild als in den meisten anderen Distrikten.
Schon von weitem sah sie ihre Freundin, die ihr freudig zuwinkte. Leonore ging etwas flotter und als sie schließlich bei Lena ankam, fielen sie sich in die Arme.
„Du siehst super aus!“, staunte Lena, als sie sich aus der Umarmung löste.
„Danke, du aber auch!“, erwiderte Leonore, nachdem sie ihre Freundin gemustert hatte. Ja, das hellblaue Kleid stand ihr wirklich gut, es passte zu ihrem Teint und betonte ihre leuchtenden Augen. Auch sie würde in der Menge sicherlich nicht untergehen.
Zusammen setzten sie sich in Bewegung; es war an der Zeit, dass die Hungerspiele endlich begannen. Noch hatte Leonore ihrer Freundin nichts von ihren Absichten erzählt – ob sie etwas ahnte? Schon von klein auf wurde sie darauf vorbereitet, auf diesen einen Tag und das, was er nach sich ziehen würde. Sie wusste, wo ihre Stärken und Schwächen lagen. Sie wusste, wie sie sie einzusetzen hatte. Sie hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass sie Gefallen am Training fand. Doch ahnte Lena, dass mehr als nur die Freude daran dahinter steckte? Die ganze Zeit über hatte sie noch nichts gesagt, warum? Wollte sie nicht, dass Leonore sich meldete? Hatte sie Angst, ihre Freundin zu verlieren?
Stillschweigend stellten sie sich an, um nach kurzer Wartezeit den altbekannten Pieks in den Finger zu erhalten und reihten sich anschließend bei den 17-Jährigen ein.
Aus den Augenwinkeln musterte sie Lena; was ihr wohl durch den Kopf ging? Und warum zerbrach sich Leonore deswegen überhaupt so sehr den Kopf? War es nicht das, was so viele hier im Distrikt wollten? Die Hungerspiele gewinnen, um ihrer Heimat Ruhm und Ehre einzubringen?
Für einen Moment richtete sich Leonores Aufmerksamkeit auf die Bühne, als eine dunkelhäutige Frau sie betrat. Das war Leto, seit vielen Jahren Betreuerin dieses Distrikts. Doch das, was jetzt passierte, war ohnehin nicht weiter wichtig. Unnötiges Geschwafel, gefolgt vom immer gleichen Film. Jetzt konnte Leonore erst mal abschalten.
„Und, wirst du dich melden?“, fragte Lena, die noch immer nachdenklich zur Bühne starrte, ohne wirklich aufzupassen, was sich dort überhaupt abspielte.
„Ich weiß nicht genau. Ich denke schon“, kam die monotone Antwort. Würde sie? Sie war nicht auf Ruhm oder Geld aus. Geld hatte ihre Familie zur Genüge und aus Ruhm machte sie sich nicht allzu viel. Sie musste sich nicht melden, wenn sie nicht wollte. Und sicherlich gab es ausreichend andere, die liebend gerne in die Spiele gehen würden. Andererseits… Würde sie ihrem Vater damit nicht eine riesige Freude machen? Jahrelang hatte er Leonore darauf vorbereitet und wie könnte sie ihn stolzer machen, als dieses Jubeljubiläum für ihn zu gewinnen?
„Ich denke, ich werde mich nächstes Jahr melden, dann habe ich noch ein Jahr Zeit zu trainieren“, überlegte Lena laut. „Ich meine, so ein Jubeljubiläum zu gewinnen wäre natürlich fantastisch, aber ich will dir ja nicht die Show stehlen“, schob sie schnell hinterher und Leonore musste grinsen. Nein, das war nicht der Grund, weshalb Lena sich nicht melden würde. Sie war noch nicht so weit, das wussten sie beide. Sie brauchte mehr Training, damit sie ihre Fähigkeiten mit Wurfmesser und Dolch verbessern konnte. Und an ihrer Kondition konnte sie auch noch arbeiten. Außerdem war Lena etwas eingeschüchtert vom Jubeljubiläum, auch wenn sie es nie zugeben würde. Diese Spiele waren in der Regel nicht nur grausamer, sondern auch anspruchsvoller als gewöhnliche Hungerspiele. Dafür war sie nicht bereit, weder physisch noch psychisch.
„Es geht los“, bemerkte Lena, obwohl es Leonore bereits selbst aufgefallen war. Leto stand längst vor der Losurne und war dabei, sich einen aus den vielen Zetteln auszusuchen.
Jetzt musste sie sich entscheiden. Jetzt oder nie. Melden oder nicht. Hungerspiele oder Zuhause. Spaß oder Langweile. Gefahr oder Sicherheit. Ein kurzer Blick nach hinten, wo ihr Vater irgendwo zwischen all den Zuschauern stehen musste, dann war die Entscheidung gefallen.
„Ich melde mich freiwillig als Tribut!“, rief Leonore, ohne wirklich zu wissen, ob Leto den Namen des eigentlichen Tributs bereits verkündet hatte oder nicht. Ja, sie würde in die Spiele gehen. Sie würde es schaffen. Sie würde gewinnen, dann hätte sie es allen gezeigt. Und ihr Vater wäre stolz auf seine Tochter wie nie zuvor.
Selbstsicher schritt sie nach vorne, vorbei an den restlichen 17- und 18-Jährigen, bis sie schließlich die Stufen erreichte, die sie noch von Leto trennten.
Die Betreuerin lächelte sie freudig an, als Leonore zu ihr hinauf kam und reichte ihr die Hand, um ihr zu gratulieren.
„Wie heißt du, mein Kind?“, fragte Leto und Leonore blickte freudestrahlend auf die Menge hinab.
„Mein Name ist Leonore Wilson und ich freue mich sehr, Tribut beim sechsten Jubeljubiläum zu sein.“
Vereinzelt hörte sie Jubelrufe oder Applaus, manche Mädchen sahen jedoch weniger erfreut aus. Gerade das zauberte Leonore ein noch breiteres Lächeln aufs Gesicht. Ja, nun stand sie hier oben auf der Bühne. Sie, keine Andere. Und das konnte ihr keiner mehr nehmen. Sie hatte es geschafft.
Suchend sah sie sich in der Menge der Zuschauer um. Am Rande entdeckte sie schließlich ihre Familie. Ihr Vater fing ihren Blick auf und nickte ihr zu. Selbst von hier war sein Lächeln nicht zu übersehen.
Ich werde dich stolz machen, Daddy, dachte sie und war fest entschlossen, die 150. Spiele zu gewinnen.


Fynn Adams
Als sie auf dem Ernteplatz ankamen, war dieser zu ihrem Missfallen schon sehr gefüllt. Widerwillig und von einer recht langen Wartezeit ausgehend stellten Fynn und Max sich in die Schlange.
Nur schleichend kamen sie voran, wenn auch stetig. Als sie dann endlich das Ende erreicht hatten, wartete dort der altbekannte Piekser auf sie.
„Name?“ Ein mürrisch aussehender Friedenswächter starrte Fynn geradewegs in die Augen.
„Fynn Adams“, antwortete dieser und starrte ebenso zurück. Er ließ sich nicht einschüchtern. Kurz aus der Fassung gebracht schüttelte der Friedenswächter seinen Kopf, griff dann nach Fynns Hand und piekste ihm in den Finger. Er spürte den Stich, ließ sich aber nicht anmerken, dass es weh tat. Wahrscheinlich reagierte er eh vor Aufregung über.
Nachdem auch Max gestochen worden war, trennten sich die beiden voneinander und stellten sich in ihre Reihen. Max ging in die für die 15-jährigen, während sich Fynn nach ganz vorne, in die für die Ältesten stellte.

Sie mussten nicht lange warten, da betrat auch schon die Betreuerin die Bühne. Leto le Lavagne hieß sie, erinnerte sich Fynn. Leto hatte dunklere Haut – ihre Vorfahren mussten wohl in der Gegend um Distrikt 11 gelebt haben -, hatte blaue Haare, die um den Scheitel mit golden Strähnen verziert waren. Sie trug ein dunkelgrünes, glitzerndes Kleid, was nur eine Schulter bedeckte, und war auffällig geschminkt. Grüner Lidschatten, dunkelrote Lippen. Typisches, ausgeflipptes Kapitolaussehen eben.
„Willkommen, willkommen.“ Ihre von einem Mikrofon verstärkte Stimme hallte über den nun totenstillen Platz. „Willkommen zu den 150. Hungerspielen, dem 6. Jubeljubiläum Panems!“, rief sie mit Stolz in der Stimme und die Menge jubelte brav.
Danach schweifte Fynns Aufmerksamkeit ab, es war eh jedes Jahr der gleiche Film, der gezeigt wurde.  Erst als Leto zu der Losurne der Mädchen stolzierte, konnte sie Fynns Aufmerksamkeit wieder auf sich ziehen. Sie fischte elegant einen Zettel aus der Glaskugel, kam aber gar nicht dazu, diesen zu öffnen. Wie zu erwarten rief eines der Mädchen sofort, dass es sich freiwillig meldete.
Aus den Reihen der 17-jährigen trat ein blondes Mädchen hervor und stöckelte selbstsicher auf die Bühne zu. Beifall heischend sah sie sich dabei um und schien die anderen, die sich auch eventuell freiwillig hatten melden wollen, auszulachen.
„Wie heißt du, mein Kind?“, fragte Leto sie.
„Mein Name ist Leonore Wilson und ich freue mich sehr, Tribut beim sechsten Jubeljubiläum zu sein“, grinste diese stolz.
„Ein schöner Name, wirklich!“ Leto klatschte verzückt in die Hände und eilte zur Lostrommel der Jungen. Jetzt war Fynns Moment gekommen.
Als die Betreuerin den Zettel aufgefaltet hatte und gerade ansetzte, den Namen aussprechen, schoss Fynns Hand in die Höhe.
„Ich melde mich freiwillig als Tribut!“
„Oh wie schön, noch ein Freiwilliger. Komm rauf auf die Bühne!“, freute sich Leto wie ein kleines Kind.
Als Fynn schließlich auf der Bühne stand, nannte er kurz seinen Namen, bevor die Betreuerin seinen und Leonores Arm in die Luft streckte und sie als stellvertretende Tribute für Distrikt 2 in den 150. Hungerspielen präsentierte. Während die Menge für sie jubelte und klatschte, versuchte Fynn, trotz seiner Unsicherheit eine selbstbewusste Mine aufzusetzen.
Nun gab es kein Zurück mehr. Sein Schicksal war besiegelt, und er musste das Beste draus machen.
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