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The 150th Hungergames - Teamwork

MitmachgeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
27.07.2016
08.05.2021
29
107.303
13
Alle Kapitel
48 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
18.11.2018 3.022
 
Hallo Leute :D Wir melden uns mit einem neuen Kapitel zurück und hoffen, dass noch ein paar von euch bei unserer MMA mitmachen. ^^ Sie läuft am 6.12. ab.

~~~

„Warte auf das Vorbereitungsteam.“ Mit diesen Worten öffnete Ren die Tür zu einem Raum, drängte Leanna freundlich, aber bestimmt hinein und schloss die Tür mit einem lauten Knall hinter ihr.
Dann war sie allein. Das erste Mal, seitdem ihr Los gezogen worden war. Das erste Mal, seit sich ihr Leben auf einen Schlag verändert hatte.
Leanna merkte, wie erneut die Tränen in ihren Augen hochstiegen und ihr die Sicht zu verschleiern drohten.
Nein, entschied sie. Ich werde nicht mehr weinen. Ich werde das Beste draus machen. Ich habe eine Chance, zu überleben.
Sie sah sich um. Der Raum war klein und wirkte kalt, fast schon steril. Der Boden und die Wände bestanden aus weißen Fliesen und eine schlichte Lampe an den Decken sorgte für ein grelles, weißes Licht. In einer der hinteren Ecken war eine Art Umkleidekabine und direkt daneben ein großer, bodentiefer Spiegel.  
In einer Mitte stand eine grüne, mit Nylon gepolsterte Liege – so stellte Leanna sich einen Operationstisch vor. Sie fröstelte.
An den Wänden waren ein großes Waschbecken und unzählige kleine Schränkchen. Auf einigen Ablageflächen standen Fläschchen in bunt schillernden Farben.
Leanna fühlte sich mehr wie zu Besuch bei einem angsteinflößenden Arzt, als bei einem Stylisten.
Mit vorsichtigen Schritten ging sie auf die Liege zu und setzte sich auf eine Ecke. Dann wartete sie. Sie baumelte mit den Füßen, kaute auf ihrer Unterlippe rum und versuchte mit aller Macht, sich nicht von ihren eigenen, giftigen Gedanken überrennen zu lassen.
Du wirst sterben. Dir steht ein qualvolles Leiden bevor. Du hast keine Chance, du bist doch erst zwölf.
Nachdem sie gefühlt eine Ewigkeit gewartet hatte, öffnete sich endlich die Tür und drei merkwürdig aussehende Frauen betraten den Raum. Sie hatten alle denselben grünen Kittel an; nur ihre Körpergröße, Gesichter und Frisuren unterschieden sich. Sie alle waren in allen erdenklichen Farben geschminkt und trugen ebenso farbenprächtige Frisuren.
Sie nickten Leanna zur Begrüßung zu. Zwei von ihnen begaben sich direkt an die Schränke, während eine Frau mit einer türkisfarbenen Kurzhaarfrisur sich ihr zuwand und auf den Paravent deutete. „Sei doch bitte so lieb und entkleide dich, Liebes.“ Dabei lächelte sie ein katzenhaftes Lächeln.
Unsicher tat Leanna wie ihr geheißen und entkleidete sich bis auf die Unterwäsche. Dann trat sie wieder hinter dem Paravent hervor, ihre Kleidung unter ihren Arm geklemmt und den Blick auf den Boden gerichtet. Sie konnte es beinahe körperlich spüren, wie die drei Kapitolbewohner sie musterten und jeden einzelnen Zentimeter Haut an ihrem Körper mit ihren Blicken auseinandernahmen. Instinktiv krümmte sie den Rücken und machte sich klein.
Den Blick immer noch auf die kalten Fliesen vor sich gerichtet, tappte Leanna wieder zu der Liege und setzte sich darauf. Sie hörte, wie die Frau mit den roten Haaren die Luft zischend zwischen ihre Zähne einzog. Anscheinend hatte sie das Kommando, denn Leanna bekam mit, wie sie den anderen leise nuschelnd Anweisungen erteilte, die sie kaum verstehen konnte.
Dann umfassten kühle Finger ihr Kinn und drückten es nach oben, bis Leanna gezwungen war, der Rothaarigen ins Gesicht zu sehen. Sie hatte stechend gelbe Augen, die ihr geradewegs ins Gesicht starrten. Dann nickte sie, murmelte etwas in sich hinein und ließ Leannas Kinn wieder los.
„Hör zu, Kleine. Wir müssen bei dir einiges machen, damit du vorzeigbar bist. Gedulde dich einfach und halt es aus, okay?“
Was war so schlimm, dass sie es aushalten musste? Aber egal, was auch immer jetzt kam, war bestimmt bei weitem nicht so schlimm wie die Hungerspiele. „Okay.“

In der nächsten Stunde war Leanna damit beschäftigt, sich die Lippe vor Schmerz blutig zu beißen. Bloß nicht schreien, bloß nicht weinen. Gefühlt alle Haare auf ihrem Körper wurden entfernt, selbst an Stellen wo sie nicht einmal wusste, dass sie dort überhaupt Haare hatte. Ihr Körper pochte vor Schmerz und ihre Haut brannte von der Tortur Das einzig wohltuende waren die zahllosen, gut duftenden Cremes, mit denen sie eingerieben worden war und den Schmerz linderten.
Jetzt wartete sie auf den Stylisten. Ren hatte vorhin seinen Namen nur beiläufig erwähnt. Titus hieß er oder so.

Nach einigen Minuten schwang die Tür auf und mit einem Lächeln, das sich über sein ganzes Gesicht zog, trat der Stylist ein. Er sah für einen Einwohner des Kapitols gar nicht allzu schräg aus. Er trug seine kastanienbraun gefärbten Haare zur Seite gegeelt und hatte eisblaue, mandelförmige Augen. Das außergewöhnlichste an seinem Aussehen war seine Kleidung. Wild hatte er die Farben rot, blau und gelb miteinander kombiniert, als wäre er farbenblind.
„Sieh mal einer an! Wenn das nicht unsere liebe Leanna ist! Herzchen, du siehst aber goldig aus! Ein richtiges Prachtstück!“, rief er aus und nahm bewundernd eine ihrer blonden Strähnen zwischen seine Finger und zwirbelte sie ein paar Mal.
„Ich bin übrigens Tultian Gaudim, dein persönlicher Stylist. Freut mich, deine Bekanntschaft zu machen“, sagte er in einem singenden Tonfall, verbeugte sich vor ihr und streckte ihr dann auffordernd die Hand hin, ein strahlendes Lächeln auf den Lippen.
Tultians überschwängliche Freude war irgendwie ansteckend. Er verhielt sich so unbeschwert, als ob ihm die kommenden Hungerspiele nichts ausmachen würde. Es half ihr, die alles auffressende Angst in ihr für einen Moment außer Acht zu lassen.
Leanna nahm seine Hand. Sie war warm, genau wie Tultians Lächeln. „Schön, dich kennenzulernen.“ Noch etwas zaghaft erwiderte sie sein Lächeln.
„Finde ich auch.“ Tultian wandte sich ab und ging zu einem der Schränke. „Also nicht, mich kennenzulernen, sondern dich.“ Er lachte, als er eine der Schubladen aufzog. „Nicht hinschauen, ich habe eine Überraschung für dich.“
„Überraschung?“
„Genau. Mach mal deine Augen zu“, wies Tultian Leanna an. Sie tat wie ihr geheißen und spürte, wie er sie sanft am Arm nahm und weg von der Liege führte. „Arme hoch.“ Sie tat, wie ihr geheißen und kurz darauf vernahm sie ein verhaltenes Kichern.
„Was ist?“ Lachte er über sie?
„Mach dir keine Sorgen, Herzchen. Ich freue mich nur über das Kostüm, sonst nichts.“ Tultian klang heiter, als er versuchte sie anzuziehen. Er zog und zerrte an dem Stoff; der Ausschnitt war so eng, dass er kaum über Leannas Kopf passte.
Mittlerweile war sie neugierig geworden. Wie sah ihr Kostüm aus? Es fühlte sich warm und schwer an. Außerdem bedeckte es ihre Beine nur bis kurz über ihre Knie. Sie blinzelte und erkannte etwas braunes, bevor Tultian ihr die Hand vor die Augen hielt. „Hey, nicht schummeln! Das verdirbt die ganze Überraschung!“, rief er empört aus.
So begeistert, wie Tultian war, musste ihr Kostüm echt ein Meisterwerk schein. Einen Moment lang stellte Leanna sich vor, wie sie ein bauschiges Prinzessinnenkleid trug, das genau wie die Felder in ihren Distrikt in den Abendstunden in einem satten Gold glänzte. Was wäre das ein Traum! Der Gedanke an ein schönes Kleid hellte ihre Laune kurzzeitig auf.
Schlechtes Gewissen durchfuhr sie. „Tut mir leid.“
„Schon gut, Herzchen. Steck mal bitte deine Arme durch die Ärmel an deinen Schultern.“
Sie folgte den Anweisungen, was mit geschlossenen Augen gar nicht so einfach war. Doch schließlich hatte sie es geschafft und nachdem Tultian noch ein wenig an ihrem Kostüm herumgezupft hatte, legte er ihr schließlich die Hände auf die Schultern. Sie waren schwer und warm. „Jetzt öffne die Augen.“
Leanna schlug ihre Augenlider auf und nachdem sich ihre Sicht geklärt hatte, erblickte sie sich selbst in einem riesigen Spiegel; direkt hinter ihr der bis über beide Ohren strahlende Tultian. Dann sah sie das Kostüm und wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.
„Ich bin eine Bierflasche?“, sagte Leanna ungläubig und starrte ihren Stylisten aus großen Augen an.
Dieser kicherte und nickte überschwänglich. „Was für eine tolle Idee, nicht? Auf diese Idee ist bisher noch niemand gekommen. Wir werden in die Geschichte der Hungerspiele eingehen! Das ist weitaus besser und witziger als irgendein brennendes Kostüm. Du bist ein Weizenbier und dein hübscher Mittribut mit den blauen Augen ist ein einfaches, dunkles!“
Skeptisch musterte Leanna sich im Spiegel. Ihr Kopf guckte aus dem Flaschenhals hervor, dessen Stoff direkt über ihrem Kopf endete. An ihrem Oberkörper bis zur Mitte ihrer Oberschenkel verlief der Flaschenkörper. Ihre Arme und Beine guckten wie kleine Stummel aus dem unförmigen Kostüm hervor. Es war warm und stickig unter dem unförmigen Kostüm und Leanna war doppelt so dick wie normalerweise.
Leanna öffnete ihren Mund, nur um ihn gleich wieder zu schließen. Sie hatte alles erwartet, nur nicht das. Sie wusste, dass in ihrem Distrikt auch Bier gebraut wurde, doch damit hatte sie nahezu keine Berührungspunkte. Mal abgesehen davon, dass sie sowieso kein Bier trinken durfte, würde sie nie in der Position sein, eines trinken zu können. Die Bierproduktion war nur eine Randproduktion des Distrikts, der sich hauptsächlich auf Getreide, Mehl und ähnliches konzentrierte. Der Hauptteil der Erzeugnisse wurde direkt ins Kapitol exportiert und der kleine Anteil an den Hefeerzeugnissen, die dem Distrikt als Eigenbedarf zustand, war so teuer, dass es sich nur die Wohlhabenden leisten konnten. Und das waren in Distrikt 9 gerade Mal zwei, vielleicht drei Familien. Andererseits befand sie sich jetzt im Kapitol, hier hatte bestimmt jeder schon einmal Bier getrunken. Vielleicht war das Kostüm gar nicht so schlecht. Abgesehen davon, dass es absolut lächerlich aussah.
„Wie findest du es?“, fragte Tultian und begann, ihr Gesicht zu schminken.
„Ähm… toll. Damit hatte ich nicht gerechnet.“
„Stimmts? Das erwartet niemand!“ Er tat noch ein paar weitere Pinselstriche, bevor er schließlich prüfend einen Schritt zurücktrat und sie musterte. Nach einer Weile nickte er zufrieden und klatschte in die Hände. „Herzchen, du siehst klasse aus. Komm, lass uns gehen!“, quietschte er und zog Leanna zur Tür.
Draußen warteten schon Levi, Ren und Fabrice auf die beiden. Fabrice steckte ebenfalls in einer Bierflasche. Der einzige Unterschied war, dass sein Kostüm im Gegensatz zu Leannas dunkelbraun war. Dunkelbraune Flasche, dunkelbraune Strumpfhose, dunkelbraune Schuhe. Bei ihr war alles hellbraun.  
Fabrice‘ Gesichtsausdruck spiegelte Leannas eigene Gefühle wieder. Unwohlsein. Er stand steif da, die Arme an die Seiten gepresst und trat auf der Stelle hin und her. Als sich ihre Blicke trafen, versuchte er sich an einem Lächeln. Es sah eher wie ein gequältes Grinsen aus, wie er die Mundwinkel nach oben zog. Er fand also auch, dass er und seine Mittributen lächerlich aussahen.
Leanna erwiderte das Lächeln zaghaft und stelle sich dann neben ihren Mittribut. Ihre Mentorin musste sich sichtlich ein Lachen verkneifen, als sie ihren Notizblock zückte und etwas darauf schrieb, ehe sie das Geschriebene in die Runde zeigte und Leanna las: „Schön schaut ihr aus. Wieder mal ein Meisterwerk, Tultian.“
„Ach, das war noch gar nichts. Warte mal ab, bis du die Interview-Outfits siehst. Die sind fantastisch!“, pfiff Tultian vergnügt. Dann griff er in die Tasche seines knallgelben Jacketts und zog ein kleines, metallisches Etwas hervor. „Das mache ich jedes Jahr. Stellt euch alle zusammen hin und dann lächeln!“ Mit diesen Worten zog Tultian seine Tribute neben sich, hielt das Ding mit dem ausgestreckten Arm auf Gesichtshöhe von sich und zählte dann: „Eins, zwei, Hungerspieleee!“
Gerade als Leanna realisierte, dass sie jetzt lächeln sollte, klickte das merkwürdige Etwas auch schon und aus einem Schlitz, den Leanna erst jetzt bemerkte, kam ein Papier. Sie beobachtete, wie Tultian es abriss und dann ein paar Mal schüttelte. Dann musterte er es kurz, bevor er es stolz Fabrice und Leanna zeigte.
Es bildete einen bis über beide Ohren glücklich grinsenden Tultian ab. Nebendran standen zwei Bierflaschen. Die dunklere sah grimmig drein, als würde sie im nächsten Moment jemanden umbringen wollen und die hellere lächelte dümmlich.
„Sehr schön. Habt Spaß auf der Parade, meine Herzchen!“, flötete Tultian, steckte das Bild und das Ding wieder in seine Tasche und gab Fabrice und Leanna zwei Wangenküsschen, bevor er davoneilte.
Es entstand ein unangenehmes, drückendes Schweigen, in der jeder nur verlegen auf seine eigenen Füße zu starren schien.
Es war Levi, die das Zeichen zum Aufbruch gab. Sie deutete einen Flur hinunter und ging dann voran, nachdem sie sichergestellt hatte, dass die anderen ihr folgten. Dann begann sie, in Gebärdensprache mit Ren zu reden, die sich daraufhin Fabrice und Leanna zuwandte, um Levis Nachricht zu übersetzen. „Haltet den Rücken gerade und zieht den Bauch ein. Lächelt und winkt. Dann werden sie euch lieben. Ihr habt ja schon so tolle Kostüme.“ Leanna hätte schwören können, dass Ren den letzten Satz mit einem ironischen Unterton sagte.
„Und ganz wichtig: Wenn die Teams verkündet werden, lächelt ihr weiter und zeigt keine Regung. Das kann euch später nur zum Verhängnis werden.“
„Also sind wir nur Puppen, die lächeln und winken“, stellte Fabrice trocken fest. Levi nickte.
„Genau. Wie die Königin von England früher“, merkte Ren an, als die vier den Fahrstuhl betraten. Leannas Herzschlag beschleunigte sich, als der Fahrstuhl in die Tiefe sank. Sie waren auf geradem Weg zur Parade. Sie würde ganz viele Menschen aus dem Kapitol sehen. Ob diese wohl genauso merkwürdig gekleidet waren wie Ren und Tultian? Bestimmt. Vielleicht mochten ein oder zwei sie ja und würden ihr in der Arena als Sponsor helfen.
Und die anderen Tribute! Wie sie wohl waren? Leanna hatte bei der Wiederholung der Ernte schon einen ersten Eindruck gewinnen können und fand, dass sie alle nett wirkten. Sie hätte sich bestimmt mit ihnen anfreunden können, wenn sie nicht alle gezwungen gewesen wären, bei den Hungerspielen teilzunehmen.
Eine warme Hand auf ihrer Schulter riss sie aus ihren Überlegungen. Sie drehte ihren Kopf und blickte geradewegs in Fabrice‘ Augen, die sie freundlich, fast schon zu freundlich, anlächelten. „Magst du eigentlich Bier, Leanna?“, erkundigte er sich mit sanfter Stimme.
„Keine Ahnung, ich habe es noch nie getrunken.“
„Ach stimmt. Du bist ja noch so jung. So jung und unschuldig. Ich mag Bier nicht, das schmeckt so bitter. Keine Sorge, du hast nichts verpasst“, lachte Fabrice.
Mit einem Ruck kam der Fahrstuhl zum Stehen und die Türen glitten lautlos auseinander. Levi voran traten die vier in den vor ihnen liegenden Gang und folgten ihr, bis sie um eine Biegung kamen. Dahinter eröffnete sich ihnen ein großer, überdachter Platz.
Mit großen Augen sah Leanna sich um. Sie zählte zwölf Wagen, vor die jeweils zwei schimmernde und herausgeputzte Pferde gespannt waren. Um die Wagen herum standen die anderen Tribute; manche sich angeregt in kleinen Grüppchen unterhaltend, andere allein. Alle waren passend zur Wirtschaft ihres Distriktes gekleidet. Da waren schöne Abendkleider, aber auch einige genauso alberne Kostüme, wie Fabrice und Leanna sie tragen mussten. Die Tribute aus Distrikt 3 trugen beispielweise ein Kostüm, das komplett aus Draht bestand. Ab und an huschte ein Lichtfleck von einer Seite zur anderen.
Das musste doch total unangenehm sein, wenn man nahezu nichts anderes als Draht trug. Doch trotzdem war Leanna positiv überrascht von der Kreativität des Stylisten. Sie fragte sich, wie man auf solche Ideen bloß kommen konnte.
Levi nahm Leannas und Fabrice‘ Arm und holte sich damit Leannas Aufmerksamkeit zurück. Sie gingen auf einen der Wagen im hinteren Teil der Halle zu. Als sie näherkamen, erkannte Leanna eine große, schimmernde Neun auf dem Flügel des Wagens.
Levi holte einen Zettel aus ihrer Hosentasche, den sie Fabrice gab. Dieser faltete ihn auf und las ihn laut vor: „Das ist euer Wagen. Wenn gleich das Horn ertönt, stellt ihr euch auf den Wagen. Fabrice, du stellst dich links hin und Leanna, du rechts. Wenn ihr wollt, könnt ihr euch an den Händen halten, aber das müsst ihr nicht. Achtet vor allem darauf, dass ihr euch beim Anfahren gut festhaltet. Der Ruck kommt für viele Tribute unerwartet und schon ein paar sind heruntergefallen. Passt gut auf, dass euch das nicht passiert. Wenn ihr dann draußen seid, lächelt und winkt ihr, wie wir es besprochen haben. Habt ihr verstanden?“
Als Fabrice und Leanna nickten, lächelte Levi zufrieden.
„Ach Levi, sieh mal einer an. Wir haben uns ja lange nicht mehr gesehen! Komm her, mein Schnuckelputz!“, brüllte eine männliche Stimme unerwartet laut und unerwartet nah an Leannas rechtem Ohr. Sie zuckte zusammen und fuhr herum, nur um in ein paar leblose, aschgraue Augen zu starren, die nur wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt waren. „Wen hast du denn dieses Jahr bekommen? Lässt sich mit denen denn etwas anfangen? Machen die Spaß?“, fragte er, immer noch unangenehm laut.
Schnell trat sie einen Schritt zurück und betrachtete den merkwürdigen Mann. Er war klein, hatte einen gekrümmten Rücken und ein paar wenige, graue, wirr abstehende Haare auf dem Kopf. Er hatte ein runzliges Gesicht, das unter anderen Umständen freundlich gewirkt hätte, doch die riesige Narbe anstelle seines linken Ohrs, kombiniert mit der Tatsache, dass er sie gerade wie ein Objekt behandelte, bewirkte genau das Gegenteil.
Hinter dem alten Mann erschienen ein Mädchen mit glatten, braunen Haaren und ein großgewachsener, blonder Junge. Leanna erkannte sie von der Wiederholung der Ernten; das mussten Ariana Rodriguez und Cale Leverett aus Distrikt 10 sein. Allerdings hatte sie keine Ahnung, wer dieser merkwürdige Kauz war.
„Warum brüllt er so?“, beschwerte sich Fabrice, leise, aber dennoch abschätzig und genervt.
„Das ist Alban Downsey, der Mentor aus Distrikt 10. Er scheint Levi zu mögen, deswegen kommt er jedes Jahr zu uns. Er ist eher… einer der speziellen Sorte. Er wurde in seinen Hungerspielen ziemlich böse gefoltert, und das hat einigen Schaden angerichtet. Das Ohr ist nur die Spitze des Eisbergs. Keine Sorge, er tut euch nichts. Auch wenn er ziemlich anstrengend ist“, murmelte Ren Fabrice und Leanna zu.
„Levi, das sind meine dieses Jahr. Sie heißen Schnupsi“, er unterbrach sich um Ariana in die Wange zu kneifen, die automatisch zurückwich, „und Fuffel.“ Er wuschelte Cale durch die Haare. „Ich glaube nicht, dass die mit diesen komischen Namen lange überleben.“
„Was hat denn der Name mit dem Überleben zu tun? Mal abgesehen davon heißen sie ganz bestimmt nicht Schnuppsi und Fuffel“, fragte Fabrice skeptisch. Alban setzte schon zu einer Antwort an und fuchtelte aufgeregt mit den Händen, als ein lauter, dröhnender Ton erklang und ihn unterbrach.
Leanna beobachtete wie die einzelnen Grüppchen in der Halle sich auflösten und alle zu ihren Wagen liefen. Auch Levi winkte Alban zum Abschied zu und bedeutete ihren beiden Tributen, auf den Wagen zu steigen. Sie drückte noch einmal Leannas Arm, eine beruhigende Geste.
Dann setzte sich der Wagen in Bewegung und tosende Fanfaren erklangen, gemischt mit dem Jubel der Kapitolbewohner.
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