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The 150th Hungergames - Teamwork

MitmachgeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
27.07.2016
08.05.2021
29
107.303
13
Alle Kapitel
48 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
27.11.2016 4.823
 
Und da sind wir wieder. :D
Es tut uns so leid, dass wir so lange auf uns haben warten lassen, aber Dancer hatte ein paar private Probleme zu klären, was sie in den letzten Wochen ziemlich eingespannt hat. Auch waren und sind wir beide momentan sehr mit der Schule beschäftigt, was uns aber nicht (mehr) vom Schreiben abhalten wird. :)
Da unsere Kapitel jeweils einen kompletten Distrikt beinhalten, wird es ein wenig längere Pausen zwischen den einzelnen Kapiteln geben, aber diese werden definitiv nicht mehr so lang werden, versprochen.
Wir haben im ersten Kapitel ein wenig was zum Thema Sponsoring und diverse Steckbriefvorlagen zu anderen Charakteren angeheftet, also stellt sicher dass ihr dort einmal vorbei geschaut habt. :)
Und zu guter Letzt: Vielen Dank an unsere großartige Betaleserin Nightstorm!
So, habt Spaß! :)  


Damian Prinston
Eine zarte Hand strich Damian über das verschlafene Gesicht und weckte ihn damit.
„Na, Süßer?“, murmelte ihm eine weibliche Stimme ins Ohr.
Vorsichtig blinzelte er und sah einen noch verschwommenen Lockenkopf über ihm schweben, umrahmt von gleißend hellem Licht. Diese, zugegeben ziemlich hübsche, Puppe fing nun an, ihn zu küssen. Dabei stand er nicht mal auf Mädels – was sie selbstverständlich nicht wusste. Und sie durfte es auch nicht wissen. Damian ging damit vorsichtig um, schließlich lauerte Homophobie an allen Ecken. Dass Damian schwul war, wusste, außer sein bester Freund Ethan und den paar willkürlichen Jungs mit denen er manchmal anbändelte, keiner. Nicht einmal seiner eigenen Familie hatte er sich bisher anvertraut. Ihm fiel es so viel leichter, ein Image als Frauenheld aufrecht zu erhalten, als den Menschen sein wahres Ich zu offenbaren. Man würde dieses Wissen ohnehin nur gegen ihn verwenden. Da war es ihm weitaus lieber hier und da mit Frauen zu knutschen.
Damian merkte, wie er mit Gedanken abschweifte, weil eine Zunge stürmisch Einlass in seinen Mund forderte.
„Woran denkst du?“, fragte die Puppe, deren Name er vergessen hatte, zwischen zwei Küssen und blinzelte ihn aus großen, unschuldigen Augen an. Wäre Damian nicht schwul, wäre er ihr wohl längst verfallen.
Er hielt kurz mit Küssen inne, um ein wenig von ihr abzurücken.
„Na, wie ich dich am besten um die Vernunft bringe natürlich“, flüsterte er ihr lüstern ins Ohr und ließ ihr gar keine Zeit zu antworten; er begann sofort, seine Hände unter ihrem Shirt auf Wanderschaft gehen zu lassen. Damian machte es allein schon Spaß, ihre Reaktion zu beobachten. Ihre Augen weiteten sich leicht, bevor sie sich schlossen und die Puppe genüsslich seufzte.
„Na, gefällt dir das?“, murmelte er in ihre Halsbeuge und hatte auch vor, selbige zu küssen, wenn er nicht in diesem Moment von etwas Hartem an der Schulter getroffen worden wäre.
„Was zum…..“, knurrte er, ließ von dem Mädchen unter ihm ab und drehte sich nach dem Schläger um. Wie zu erwarten war es Ethan. Mit einer scheiß Milchtüte in der Hand.
„Los ihr zwei Fummelexperten, in drei Stunden beginnt die Ernte! Damian, wir müssen noch aufräumen! Ich habe noch nie eine Party geschmissen, bei der unsere Wohnung danach so unordentlich war! Das ist ja der reinste Schweinestall!“, textete er ihn mit einer quengelnden Stimme voll, Damians genervten Blick gekonnt ignorierend. Als Damian sich nicht rührte und Ethan einfach nur anstarrte, holte dieser aus, um die Milchtüte erneut nach Damian zu werfen. Dieser fing den Behälter gekonnt auf und warf ihn seinem besten Freund schwungvoll an die Brust.
„Ist ja gut, Mama!“, grummelte Damian und kam gewollt langsam auf die Beine, Ethan dabei provozierend  aus seinen stechenden blaugrauen Augen anstarrend. Dieser beachtete ihn nicht weiter und reichte der heißen Braut, welcher Damian sich eben noch ausführlich widmen wollte, die Hand. Sie wehrte die Geste jedoch ab und stand selbst auf, nicht ohne den beiden Jungs noch einen ausgiebigen Blick in ihr üppiges Dekolleté zu gewähren.
„Danke, aber das schaffe ich selbst“, flötete sie und ging Hintern schwingend zur Haustür hinaus.
„Tschüss, Süße!“, rief Damian ihr hinterher und auch Ethan verabschiedete sich mit einem „Ciao, Joanna!“.
„Sie hieß Joanna??“, fragte Damian erstaunt. „Warum wusste ich das nicht?“
„Weil du erstens ein Arschloch bist und zweitens gestern sternhagelvoll warst. Mal so nebenbei gefragt: Hast du eigentlich keinen Kater, so wie du gestern gesoffen hast?“
„Nein hab ich nicht“, gab Damian stolz an, bevor ihn eine Welle der Übelkeit erfasste und er sich in eine leere Cornflakes-Schachtel übergab. „Oder vielleicht schon“, murmelte er und warf die vollgekotzte Pappschachtel in einen Müllbeutel. Ethan füllte schweigend ein Glas Wasser und reichte es ihm.
„Geht es wieder?“, fragte er leicht besorgt und gab Damian einen nahezu sanften Rippenstoß. Daraufhin nickte dieser und sah ihn ruckartig an.
„Wollten wir nicht aufräumen? Hast du uns nicht eben deswegen so ungalant belästigt?“, erinnerte er seinen besten Freund und fing an, sämtliche durch die ganze Wohnung verstreuten Pappbecher einzusammeln. Auch Ethan machte sich ans Werk und half ihm dabei, die alte Ordnung wieder herzustellen. Er und Damian lebten seit gut zwei Jahren zusammen, seit dieser von zu Hause ausgezogen war.

Er war so früh selbstständig geworden, weil er es nicht mehr zu Hause aushielt. Zwar hatten sie keine finanziellen Probleme, da Damians Familie sehr viel von seinen verstorbenen Großeltern geerbt hatte, aber zwischenmenschlich gab es sehr wohl welche. Irgendwann hatte er endgültig genug und setzte den Schlussstrich. Erst kam er immer seltener nach Hause, was seine Eltern herzlich wenig interessierte und als er denn siebzehn war, zog er schließlich mit seinem besten Freund Ethan in eine Wohnung. Sein Vater finanzierte sie nur zu gerne, aber Damian wollte nicht von ihm abhängig sein, weshalb er zusätzlich noch mit Ethan bei dessen Vater, einem Goldschmied, jobbte.


Als dann endlich der letzte Müll zusammengeräumt und weggeworfen war, waren die beiden spät dran. Eigentlich hatten sie noch vor, sich mit Liam und den anderen zu treffen um zu kiffen, aber wenn sie sich jetzt nicht sputeten, konnten sie das vergessen.
Deshalb zogen sie sich rasch schicke Kleidung an, damit sie anschließend direkt zur Ernte gehen konnten, und trabten dann im Laufschritt zum Zaun, der die Grenze des Distriktes markierte und schlüpften durch ein Loch, welches durch einen Busch verdeckt wurde. Sie trafen sich nie innerhalb des Distriktes, da dort die Gefahr, dass sie beim Kiffen entdeckt werden könnten, viel zu groß war. Und was dann geschehen könnte, mochte sich Damian gar nicht erst vorstellen.
Sie liefen eine Weile durch den dicht bewachsenen Wald, bis sie an eine Stelle kamen, an der ein riesiger Busch ihnen den Weg versperrte. Ohne zu Zögern stießen die beiden die Zweige zur Seite und kämpften sich so auf eine kleine, von vielen Fußstapfen breitgetrampelte Lichtung, wo Liam und der Rest ihrer Truppe schon auf Damian und Ethan warteten.
Nachdem alle sich mit einem kräftigen Handschlag begrüßt hatten, kramte Bryan in seiner Jackentasche und holte ein paar Joints hervor. Er verteilte sie an jeden und alle nahmen ihn dankend an, bis auf Oliver und Damian. Dass Oliver keinen Joint nahm war normal. Er war der Vernünftige in der Gruppe und predigte den anderen auch immer vor, dass sie mit dem Kiffen aufhören sollten.
Dass Damien nicht kiffte, war allerdings unüblich. Eigentlich war er immer einer der Ersten wenn es ums Kiffen ging. Dementsprechend erstaunt – man könnte fast schon sagen entsetzt - war Oliver. Ungläubig starrte er Damian an.
„Wie bitte? DU willst nicht kiffen?“ Mit weit aufgerissenen starrte Oliver ihn an. „Ich glaub mein Schwein pfeift!“
„Oliver, ich will mich heute freiwillig melden – da kann ich mich nicht bekiffen, als gäbe es kein Morgen mehr!“, verteidigte sich Damian.  
„Ach, komm schon, nur ein kleiner Zug!“, fing nun auch Mila an ihn zu necken. „Normalerweise lässt du dich doch kaum stoppen!“
Wenn Damian bekifft auf der Bühne stehen würde, bemerkten das die Friedenswächter sofort! Aber wenn er nur ein wenig an einem Joint ziehen und sich normal benehmen würde, würde bestimmt niemand etwas davon mitbekommen.
Schließlich willigte Damian zähneknirschend ein.
„Aber wenn ich wegen euch erwischt und erschossen werde, dann setzt es was!“, drohte er scherzhaft und wollte einen unbenutzten Joint von Oliver annehmen, als Liam ihn leicht anstupste.
Er hielt einen halb aufgerauchten Joint in der Hand und hielt ihn Damian hin.
„Hier, nimm meinen, ich will mich heute auch nicht bekiffen“, meinte er mit einem leicht anzüglichen Grinsen.
„Aber klar doch, von dir immer“, erwiderte Damian mit einem Grinsen auf den Lippen und nahm den halben Joint entgegen.
„Was ist nun? Wer von euch Zwergen will sich melden?“ fragte Liam und schaute in die Runde. Er sprach dabei aber nur drei bestimmte Leute an, die die noch nicht neunzehn waren, also Bryan, Mila und Damian.
„Was ist das für eine Frage Mann, hast du nicht zugehört? Unser Damy-Boy meldet sich natürlich freiwillig! Das wollte er doch schon immer!“, rief Bryan aufgeregt, klopfte Angesprochenem heftig auf die Schulter und strahlte bis über beide Ohren.
„Klar werde ich mich melden!“, bestätigte nun auch Damien die Frage grinsend und sah Mila an.
„Du auch?“
„Neeee, ich würde gerne noch ein wenig am Leben bleiben.“, erwiderte diese.
„Das kannst du gerne tun, aber wir müssen jetzt wirklich los“, drängte Oliver zu Recht. Lachend und voller guter Laune machte die Gruppe sich auf den Weg zur Ernte.


Firavaka "Fire" Kosmímata
„Also, das war ja echt schön mit dir, aber jetzt muss ich wirklich los“, meinte Firavaka und schlüpfte wieder in ihre Klamotten. Eila beobachtete sie still, stand aber schließlich ebenfalls auf um sie ein letztes Mal zu küssen.
„Und du kannst wirklich nicht länger bleiben?“, fragte Eila und ließ ihre Hände schon wieder unter Firavakas Bluse auf Wanderschaft gehen.
„Ich würde ja gerne“, seufzte Firavaka, „Aber ich muss wirklich gehen. Ich ruf dich an, versprochen.“ Ein letzter Kuss, dann verschwand sie aus Eilas Wohnung.
Nein, sie würde sicherlich nicht anrufen. Sie waren sich erst wenige Stunden zuvor im Club begegnet. Firavaka hatte ein Auge auf die exotische Schönheit geworfen und sie deswegen „versehentlich“ angerempelt. Eila hatte offensichtlich irgendwo in ihrem Stammbaum Lateinamerikaner, die vor vielen, vielen Jahren nach Nordamerika gekommen sein mussten. Früher soll es davon recht viele gegeben haben, doch heutzutage traf man sie nur selten – zumindest in Distrikt 1. Für diese Exoten hatte Firavaka schon immer etwas übrig gehabt, da konnte sie einfach nicht wiederstehen.
Sie tanzten zusammen zu ein paar Songs und genehmigten sich den ein oder anderen Drink. Es wurde spät und so beschlossen sie, den Club zu verlassen und zu Eila nach Hause zu gehen. Sie küssten sich, dann kam eins zum Anderen. Firavaka war froh darum, endlich konnte sie sich mal wieder richtig fallen lassen und alles um sie herum vergessen. Doch ihr war klar, dass es bei dieser einen Nacht bleiben würde. So war es immer. Nie würde sie jemandem ihr Herz schenken, zu groß die Gefahr, dass es brechen könnte. Dieses Risiko würde sie sicherlich nicht eingehen.
Es dämmerte bereits, bald würde wieder Leben in die Straßen von Distrikt 1 kommen. Nun musste sie sich wirklich beeilen; sie musste unbedingt zuhause sein bevor ihr Vater aufwachte!

Firavaka schob die Fußmatte, die vor der Haustür lag, zur Seite, und schloss mit dem kleinen Schlüssel, der darunter lag, auf. Leise schlüpfte sie ins Haus, darauf bedacht keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie streifte ihre Turnschuhe ab und hängte ihre Jacke an einen Kleiderhakten. Auf leisen Sohlen schlich sie am Wohnzimmer vorbei. Wenn Sila, ihr Vater, bemerkte, dass Firavaka erst jetzt nach Hause kam, würde er sie sicherlich bestrafen. Sie schlich sich nach oben in ihr Zimmer. Ob sie leise genug war? Die Antwort würde bestimmt nicht lange auf sich warten lassen. Doch auch nach mehreren Minuten ließ Sila sich nicht bei ihr blicken. Die Anspannung fiel von ihr ab und Firavaka ließ sich erleichtert ins Bett fallen. Ein paar wenige Stunden konnte sie noch schlafen, dann musste sie sich für die Ernte fertig machen.  

Desorientiert sah sie sich um, als sie die Augen aufschlug. Es dauerte einen kurzen Moment, bis sie ihr Zimmer wiedererkannte. Sie streckte sich ausgiebig, um die Müdigkeit aus ihrem Körper zu vertreiben, und gähnte leise. Zeit fürs Frühstück. Sie schlich die Treppe hinunter in die Küche, wo Schat schon dabei war sein Essen vorzubereiten. Scheinbar hatte er sich für Müsli entschieden. Die Cornflakes standen bereits draußen, ebenso die Milch. Nun holte er sich eine Schüssel, die sich etwas über Kopfhöhe in einem Hängeschrank befand. Firavaka hielt es nicht für nötig ihm zu helfen, schließlich war er mit 12 Jahren längst kein Kleinkind mehr. Das hatte er schon unzählige Male gemacht, erfolgreich. Nur diesmal nicht. Als er den Schrank wieder schloss, entwischte die Schale seinen Fingern und fiel klirrend zu Boden. Sie zersprang in tausende Stücke, manche groß, manche klein. Der Boden schien nur so zu glitzern. Erschrocken blickend beide Geschwister auf das Unglück. Schats Angst war nicht zu übersehen. Firavaka blickte kurz hinter sich – ihr Vater war nicht zu sehen. Aber sicherlich würde er nicht lange auf sich warten lassen. „Schnell, halt dich fest“, sagte Firavaka und beugte sich zu Schat hinunter, um ihn vom Schrank wegzubringen. Zum Glück war er nicht schwer, so konnte sie ihn leicht bis zum Tisch tragen und dort wieder absetzen. Zwar schnitten die Scherben wie kleine Messerchen in ihre nackte Fußsohle, aber das war momentan ihr geringstes Problem. Schnell kniete sie sich dorthin, wo Schat zuvor stand, und begann die Scherben aufzusammeln. „Es tut mir Leid, Fire“, flüsterte Schat betrübt und blickte zu Boden. „Ist schon gut, nichts passiert“, versicherte Firavaka, auch wenn beiden klar war, dass bald etwas passieren würde.
Tatsächlich ließ Sila nicht lange auf sich warten. Kaum hatte Firavaka die größten Scherben aufgesammelt, hörte sie ihn mit lauten Schritten auf sie zu kommen. „Was ist denn hier passiert?“ „Es tut mir Leid, Vater. Ich wollte Schat Frühstück machen und dabei ist mir die Schüssel aus der Hand gerutscht“, antwortete Firavaka. Sie wagte es nicht ihn anzusehen, stattdessen kniete sie vor ihm, den Blick auf den Boden gerichtet, als wäre sie eine wertlose Dienerin und er der mächtige König. Und so war es ja auch irgendwie. Er hatte die Kontrolle und ihr blieb nichts anderes übrig als seine Strafen zu ertragen, wenn sie etwas falsch gemacht hatte.
„Steh auf“, befahl er und Firavaka gehorchte sofort. Was würde er diesmal mit ihr anstellen? Hoffentlich würde er sie nicht wieder in den Schrank sperren. Alles, nur nicht der Schrank. Grob packte Sila sie am Arm und zerrte sie aus dem Zimmer. Doch an der Richtung, die er einschlug war es klar, er würde sie in den Schrank sperren. Er zog sie den Flur entlang, Firavaka leistete nicht einmal Widerstand. Das hätte alles nur noch schlimmer gemacht. In ihr herrschte panische Angst, doch sie würde ihrem Vater sicherlich nicht die Freude lassen und ihm zeigen, was in ihr vorging. Sie würde keinen Mucks von sich geben. Es still ertragen. Für Schat. Sila öffnete den kleinen Schrank am Ende des Ganges und schubste seine Tochter unsanft hinein. Alles in Firavaka schrie „Nein!“, wollte sich wehren, doch sie tat nichts, als ihr Vater ihre Handgelenke griff und mit den Seilen, die jeweils in den Ecken des Schranks angebracht waren, festband. Dieser verdammte Feigling. Er wagte es jeden zu misshandeln, der etwas falsch machte, hatte aber nicht die Eier fair zu sein. Er hatte Angst von einem Mädchen geschlagen zu werden, das war für Firavaka ganz offensichtlich. Ihr Vater kam zu ihr und schloss die Tür. Jetzt sah sie nur noch schwarz. Sie sah weder was auf sie zu kam, noch wann.
„Du könntest es so viel besser haben, Firavaka.“ Plötzlich klang ihr Vater ganz sanft. Überhaupt nicht mehr wütend. Sie spürte seine Hand auf ihrem Körper. Spürte, wie sie umher wanderte, bis sie schließlich auf ihrer Brust verharrte. Firavaka schloss die Augen. Sie wollte nichts sehen, selbst wenn es ohnehin zu dunkel dafür war. „Du bist eine intelligente, starke Frau. Und schön noch dazu.“ Sila war wieder wie ausgewechselt, als er fortfuhr: „Wenn du nur nicht so verdammt tollpatschig wärst. Aber das werde ich dir schon noch austreiben, verlass dich drauf.“ Erschrocken schnappte sie nach Luft, als ein Schlag ihren unteren Brustkorb traf, der sämtlichen Sauerstoff aus ihrem Körper zu quetschen schien. Sie keuchte, sog gierig die Luft in sich ein. Doch sie verbot es sich zu wimmern. Heute war Ernte. Da würde er sie zumindest nicht ins Gesicht schlagen. Nicht an ihrem großen Tag. Immerhin musste sie gut für die Kameras aussehen. Das war wenigstens ein kleiner Lichtblick. Der nächste Schlag ging in die Magengrube. Dann noch einer. Und noch einer. Längst hatte Firavaka den Schmerz ausgeblendet. Sie konzentrierte sich einzig auf ihre Gedanken. Die Hoffnung, dass es bald vorbei wäre. Dass er sie bald hier rauslassen würde, wegen der Ernte. Ihre Geschwister. Schat und P’aylel. Firavaka musste sie beschützen. Um jeden Preis. Lieber ging Sila auf sie los, als auf ihre Geschwister. Sie musste sie beschützen.

Erschöpft fiel sie zu Boden, als Sila die Fesseln löste. Sie keuchte, versuchte ihre Atmung wieder unter Kontrolle zu bekommen. Ihr Körper schien gar keinen Schmerz mehr empfinden zu können, alles war wie betäubt. Sie konnte sich kaum bewegen, jedes einzelne ihrer Glieder war wie erstarrt. Sicherlich würde sie morgen die Auswirkungen spüren. „Beeil dich, sonst kommst du zu spät zur Ernte“, sagte Sila als wäre nichts gewesen und ließ Firavaka allein. Die Ernte. Das war ihr einziger Lichtblick heute. Heute konnte sie sich melden und endlich ihrem Albtraum entkommen. Schnell stand Firavaka auf und eilte in die Küche, um die restlichen Scherben zusammenzukehren – ihr kleiner Bruder war längst verschwunden, vermutlich aus Angst vor seinem Vater – dann eilte sie nach oben in ihr Zimmer. Sie sprang unter die Dusche und inspizierte für einen Moment die blauen Flecken an Armen und Beinen. Beinahe waren sie verheilt. Und schon bald würden sich neue erkennbar machen. Dieser Mann ließ wirklich keine Gelegenheit aus…
Firavaka nahm einen kurzen weißen Rock und ein Top, bestehend aus Türkis glitzernden Pailletten, aus dem großen Kleiderschrank. Kurz föhnte sie ihre feuerroten Locken und steckte sie dann zu einer lockeren Frisur. Einige Strähnen wollten nicht an ihrem Platz bleiben, aber das störte Firavaka überhaupt nicht. So sah es fast aus, als wäre sie gerade erst nach einer langen Nacht aus dem Bett gefallen. Das passte perfekt zu ihrem Image des sexy Mädchens. Vorsichtig öffnete sie die Holzkiste, in der sie ihren Schmuck aufbewahrte, und holte die alte silberne Kette heraus. Fest schloss Firavaka ihre Hand um das Amulett, das daran hing. Darin befanden sich Bilder von Schat, P’aylel und ihrer Mutter. Sie würde immer für sie da sein um sie zu beschützen. Das hatte sie sich geschworen.
Nachdem sie sich kurz geschminkt hatte, ging sie nach unten, wo ihr Vater bereits auf sie wartete. Streng sah er sie an, scheinbar hatte Firavaka zu lange gebraucht. Wo Schat wohl blieb? Es wurde Zeit, sie mussten los. Doch die Antwort ließ nicht lange auf sich warten; ihr kleiner Bruder trat in den Raum, Sekunden später stürzte ihre Mutter hinterher. „Dein Hemd, Schat“, sagte sie und richtete den Kragen. Firavaka bemerkte, dass sie schon wieder völlig durch den Wind war, wie so oft. Wie fast jeden Tag, seit neun Jahren. Seit Schat zum ersten Mal von seinem Vater geschlagen worden war. Damit war sie nie fertig geworden, es hatte sie gebrochen. Nicht einmal Sila, der für diejenigen, die es sich leisten konnten, gerne mal den Psychiater spielte, konnte das beheben. Es fiel ihr schwer sich auf irgendetwas zu konzentrieren, vermutlich wegen all dem, was ihr durch den Kopf ging. Sicherlich machte sie sich immer noch Vorwürfe. Manchmal war sie geradezu apathisch, aber heute schien einer der besseren Tage zu sein. Immerhin war heute Ernte. Was bedeutete, dass Sila, der nun seiner Tätigkeit als Mentor nachgehen musste, für einige Wochen nicht zuhause sein würde, um die Kinder zu terrorisieren. Eine Erleichterung für die ganze Familie.
„Mach’s gut, Mom, bis später“, sagte Firavaka, als sie ihre Mutter umarmte.
„Oh, aber ich komm doch auch zur Ernte!“, meinte sie und nickte überzeugt, „Ich komme mit P’aylel und Schat!“
„Schat muss heute mal mit Papa und mir kommen. Er ist doch jetzt zwölf, er kann jetzt auch gezogen werden“, erklärte Firavaka mit sanfter Stimme.
„Ja, zwölf…“ Ihre Mutter klang schon wieder ganz abwesend. Firavaka legte ihr, in einem Versuch ihre Aufmerksamkeit zurück zu gewinnen, die Hand auf die Schulter.
„Wir sind spät dran, wir müssen jetzt wirklich los. Ich seh dich später, ja?“ Ihre Mutter nickte geistesabwesend; Firavaka trat aus der Tür, gefolgt von Vater und Bruder.

Als sie auf dem großen Platz, wo sich heute der ganze Distrikt versammeln sollte, ankamen, war dieser – wie zu erwarten – längst überfüllt. Die meisten der potentiellen Tribute standen bereits in ihren Reihen; selbst bei den Zuschauern war bereits viel los. Würden sie in einem ärmeren Distrikt leben, hätte Firavaka ihrem kleinen Bruder wohl ein oder zwei ermunternde Worte zugesprochen, doch in Distrikt 1 musste man keine Angst vor der Ernte haben. Es fanden sich immer irgendwelche 17- oder 18-Jährige, die scharf darauf waren in die Arena zu ziehen. Ein bisschen sorgte sie sich natürlich trotzdem um den Kleinen. Schließlich war es ihre Aufgabe ihn zu beschützen.
„Bis später“, sagte Firavaka und reihte sich zum Registrieren ein, um endlich von ihrem Vater weg zu kommen. Es dauerte nicht lange, dann wurde auch sie in den Finger gepiekt und sie konnte weiter Richtung Bühne laufen. Sie war 18, deswegen musste sie nach vorne, in die erste Reihe, während Schat in der letzten Reihe zurückblieb.

Wenig später trat Darius, einer dieser bunten Vögel aus dem Kapitol, der schon Betreuer für Distrikt 1 war, seit Firavaka denken konnte. Laut ihrem Vater war Darius selbst für Kapitolverhältnisse schräg; die reinste Witzfigur, nicht ernst zu nehmen. Doch auf der Bühne schien er ganz normal zu sein. Was für das Kapitol normal war, zumindest.
Firavaka achtete gar nicht erst auf das, was dort oben vor sich ging; bekam nicht mit, wie der Betreuer sie begrüßte oder der Film gezeigt wurde, in dem der Anlass für die Hungerspiele erklärt wurde. Viel lieber versuchte sie den Blick des einen oder anderen Jungen, dem das ganze Prozedere ebenfalls viel zu langweilig war, auf sich zu ziehen. Zwar würde sie sowieso nicht die Gelegenheit haben, sich bald mit einem von ihm zu treffen, aber es machte ihr Spaß sie zu amüsieren. Immer wieder sah sie zur Bühne, um ihren Einsatz nicht zu verpassen. Und kaum dass auch nur die erste Silbe des Namens erklungen war, rief Firavaka mit fester Stimme über den Platz: „Ich melde mich freiwillig als Tribut!“ Sie tat es nicht, weil sie wollte. Auch nicht, weil es erwartet wurde. Sie tat es aus demselben Grund, aus dem sie die meisten ihrer Entscheidungen traf. Um ihre Geschwister zu beschützen. Und diesmal konnte sie es nur, wenn sie die Spiele gewann. Hätte sie sich nicht gemeldet, würde ihr Vater sofort anfangen Schat und P’aylel härter anzupacken und mit ihnen zu trainieren. Zwar hatte sie überhaupt keine Angst vor dem Tod – im Gegenteil, er war sogar willkommen –  trotzdem würde sie alles geben. Wenn sie in der Arena sterben würde, hätten ihre Geschwister keinen Beschützer mehr und der Vater würde sie quälen. Wenn sie das Glück haben sollte zu gewinnen, war finanziell ausgesorgt. Sie könnte ihren Vater einfach umbringen. Dann hätten alle ihren Frieden, ohne dass sie verarmen würden.
Sila lächelte zufrieden, als er beobachtete, wie seine Tochter die Stufen zur Bühne empor stieg. Nach außen hin lächelte sie auch, doch innerlich beherrschte sie der unbändige Hass auf ihren Vater. Sie würde die Spiele gewinnen. Und ihn töten.


Damian Prinston
Bis auf Mila, Bryan und seine Wenigkeit, waren alle seiner Freunde bereits zu alt um selbst an der Ernte teilzunehmen. Keiner von ihnen hatte sich freiwillig gemeldet, als sie noch die Gelegenheit hatten; so ganz konnte Damian das nicht nachvollziehen. Für ihn war es eine Ehre, an den Spielen teilnehmen zu dürfen. Er war sich sicher, dass er sich melden würde. Die Arena würde sicherlich das Aufregendste sein, was er jemals erleben würde, das könnte er sich keinesfalls entgehen lassen. Er wollte die Situation in der Arena live miterleben, anstatt sie immer nur auf einem Bildschirm zu verfolgen.
Anders als viele andere Karrieros, war Damian gar nicht besessen von den Hungerspielen. In der Arena liefen unzählige davon herum, zumeist Jungs, wahrhafte Killermaschinen, die vom Gedanken des ewigen Ruhms beherrscht wurden, davon überzeugt eines Tages in die Geschichte der Spiele als Sieger einzugehen. Das alles war Damian nicht wichtig – oder zumindest nur zweitrangig. Vielmehr reizte ihn die Spannung, das Adrenalin, der Nervenkitzel. Innerhalb einer Sekunde konnte alles vorbei sein. Man musste nur einen einzigen, kleinen Fehler machen. Damian konnte sich nichts aufregenderes Vorstellen. Natürlich, es war riskant, immerhin würden 23 der 24 Tribute ihr Leben lassen müssen, ein bisschen unwohl war ihm bei dem Gedanken schon, wenn er ehrlich war. Andererseits, dies waren keine gewöhnlichen Hungerspiele. Mit etwas Glück würde es sogar mehr als nur einen Sieger geben, was seine Chancen weiter steigerte.
Stille kehrte ein, als der Betreuer des Distrikts – Darius, der mit seinen türkisen Haaren und passendem Vollbart als Markenzeichen, im ganzen Distrikt und wohl auch darüber hinaus, bekannt war – die Bühne betrat. Er begrüßte sein Publikum mit den Worten: „Willkommen! Zu den 150. Hungerspielen! Das sechste Jubeljubiläum!“ Er machte eine kurze Pause, um den Applaus des Publikums zu genießen, dann fuhr er fort: „Es ist wieder an der Zeit, zwei mutige Kämpfer zu finden, denen die Ehre zuteilwird, Distrikt 1 zu vertreten! Letztes Jahr konnte der axtschwingende Distrikt 7 die Spiele für sich entscheiden. Diesmal nicht! Diesmal werden wir uns den Titel zurückholen!“ Darius war mal wieder voll in seinem Element. Er wusste genau, wie die Mengen zu begeistert waren, zumindest in den Karrierodistrikten, wo so gut wie jeder Fan der Hungerspiele war. Anders als die Betreuer vieler anderer Distrikte, merkte man ihm deutlich an, wie sehr er seinen Job liebte – und wie stolz er auf seinen Distrikt war.
Als die Jubelrufe verstummt waren, wurde ein kurzer Film zu den Hungerspielen abgespielt, der vor allem den anderen Distrikten ein für alle mal klar machen sollte, dass sie selber an ihrem Elend schuld waren. Dann konnte die Ernte endlich richtig losgehen.
Darius ging zu der Glaskugel, in der sich all die Lose befanden, und nahm den erstbesten Zettel, der ihm zwischen die Finger kam, heraus. Es herrschte gespannte Stille auf dem Platz, das einzige was zu hören war, war das Rascheln des Papiers, als er es auseinander faltete. Er hatte nicht einmal den gesamten Namen vorgelesen, da hatte schon jemand die bekannten Worte gerufen.
Neugierig beobachtete Damian, wie das Mädchen, ein feuriger Rotschopf, sich den Weg durch die Masse bahnte. Hier im Distrikt war sie bekannt, immerhin war ihr Vater Sila einer der Sieger und in diesem Jahr einmal mehr der Mentor der Tribute aus 1. Sicherlich hatte er sie jahrelang auf diesen Moment vorbereitet, sie trainiert und gedrillt, damit sie eines Tages die Spiele für Distrikt 1 gewinnen könnte. Unter gewöhnlichen Bedingungen, wäre das für ihn ein Vorteil. Er könnte sich mit ihr verbünden und hätte damit größere Chancen auf den Sieg. Aber dieses Jahr, wo Bündnisse zufällig geschlossen werden sollten, konnte sie, wenn Damian Pech hatte, auch ganz schnell zu seinem größten Feind werden.
Ihre Augen funkelten böse, während sie sich vom gesamten Distrikt bejubeln ließ. Natürlich, jeder wusste, wer sie war. Sie wussten, dass sie die besten Chancen hatte, zu gewinnen. Wahrscheinlich waren sie sich schon jetzt sicher, dass der diesjährige Sieger aus ihrem Distrikt kommen würde.
Die Karrieros wurden immer bejubelt oder ernteten zumindest Applaus; sie wurden allesamt für ihren Mut, ihre Entschlossenheit und ihren Kampfgeist gefeiert. Doch so wie dieses Mädchen, hatte schon lange keiner mehr die Masse begeistert.
Der Betreuer wartete ab, bis wieder Stille eingekehrt war, ehe er zur Losung der Jungen überging. Es raschelte, als seine Hand zwischen den vielen Zetteln verschwand. Nun war es wieder vollkommen ruhig auf dem Platz, alle warteten gespannt auf die Verkündung des Namens. Auch Damian fokussierte sich einzig und allein auf den Betreuer, bereit, sich jeden Moment zu melden. Er würde sicherlich nicht der Einzige sein, der dieses Jahr in die Arena wollte. Gerade dieses Jahr, wo es mehr als nur einen einzigen Sieger geben sollte, würden sich haufenweise Freiwillige finden. Selbst von denen, die zweifelten, ob sie das Zeug dazu hatten, würden sich einige melden. Immerhin standen durch die neue Reglung die Chancen so viel besser, dass sie gewinnen würden. Also war es besonders wichtig, dass Damian sich als allererstes meldete, ansonsten würde es wohl für ihn keine Hungerspiele mehr geben.
Gerade einmal eine Silbe war dem Betreuer über die Lippen gekommen, da rief Damian bereits: „Ich melde mich freiwillig!“, und trat aus seiner Reihe hervor. Vereinzelt riefen noch andere Jungen, dass sie in die Arena wollten, andere sahen ihm wenig erfreut dabei zu, wie er seinen Weg zur Bühne antrat. Ein stolzes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er von dort oben auf die Masse herabblickte, die ihm, obwohl viele enttäuscht waren, nicht selbst auf der Bühne zu stehen, applaudierten und ihm zujubelten.
Endlich. Er hatte es geschafft. Jetzt war er ein Karriero in den Hungerspielen. Im sechsten Jubeljubiläum.
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