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Prus kleine Schatzkiste an schlechten Geschichten

von Pru
GeschichteHumor, Parodie / P12 / Gen
27.07.2016
26.12.2017
29
30.589
5
Alle Kapitel
18 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
14.10.2016 1.747
 
Geschichte:

Die Suche nach Atlantis

Du kannst doch Geheimnisse für dich behalten, oder? Wenn nicht, solltest du gar nicht weiter lesen. Diese Geschichte ist ein Geheimnis für sich, diese Geschichte ist eine Legende!

Alles begann in der Pause zwischen der 2. und 3. Schulstunde. Ich betrachtete mal wieder die Baustelle bei unserer Schule (wir bekommen eine neue Turnalle). Dort entdeckt man des öfteren ganz interessante Sache, wie z.B. Ein paar alte römische Münzen oder so etwas. Das ist manchmal ganz interessant, aber gar nicht so toll, denn wir müssen die schönen Münzen unserem Lateinlehrer abgeben, und nur wenn sie nicht wertvoll sind, bekommen wir sie wieder zurück, was für eine Gemeinheit!

Um zu meiner wirklichen Geschichte zurückzukommen: Ich betrachtete also die Baustelle und plötzlich blinkte etwas Glitzerndes auf. Ich dachte zuerst, es war die Sonne, doch es schien gar keine Sonne. Ich ging näher hin, und schaute mir den silbernen Krug einmal an.

Nun, wie es so mal ist, gerade, wenn es schön ist, läutet es  zur 3. Stunde. Ich hoffte, dass mir niemand meinen Schatz stehlen könne und als er nach der Schule auch noch da lag, habe ich mich irgendwie gewundert, und fragte meine Freundin Julia (sie ist die einzige beste Freundin von mir):
"Sag mal, July, siehst du da was aufblitzen?"
"Sag mal, Mary, spinnst du? Siehst du schon Gespenster am helllichten Tag?"
"Siehst du wirklich überhaupt nichts?", wollte ich mich versichern.
"Ich glaub, jetzt hast du wirklich zu viel Fantasie!"


Kommentar

Wenn ich mich genau erinnere, so entstand diese Geschichte, als ich ungefähr elf Jahre alt war. Zu dieser Zeit ging ich aufs Gymnasium und unsere Turnhalle wurde abgerissen und wieder neu aufgebaut. Diese Geschichte sollte also auf meinem ehemaligen Schulhof spielen, mit mir und einer guten Freundin in der Hauptrolle. Zu dieser Zeit stand ich total auf alles, was mit Geschichte zu tun hatte, am liebsten aber mochte ich: Die Griechen und die Römer. Mein Lieblingsbuch war 'Titus kommt nicht alle Tage', über einen römischen Jungen, der in einem alten Kastell jeden Dienstag in die heutige Welt verfrachtet wird und dort mit einer Gruppe von vier Kindern spricht. Ach ja, die Kinder finden am Ende sogar zusammen mit Titus am Ende eine Glassschale. Ich glaube, dass ich mit meiner Geschichte auch so etwas nacherzählen wollte. Doch weitergeschrieben habe ich an dieser Geschichte nicht, weswegen sie so als Kurzgeschichte im Limbus hängt und wahrscheinlich auch nie zu Ende geschrieben wird. Ich sollte sie einfach überarbeiten und nochmal schreiben, doch zuerst ist wohl ein genauer Blick auf die Geschichte selbst gefragt:

Du kannst doch Geheimnisse für dich behalten, oder? Wenn nicht, solltest du gar nicht weiter lesen. Diese Geschichte ist ein Geheimnis für sich, diese Geschichte ist eine Legende!

Der erste Satz ist ein typischer "Fishing for readers"-Satz. Der Autor wirft seine Angelrute aus mit einem wunderbaren geheimnisvollen Köder und ganz, ganz, ganz viele Leser wollen natürlich wissen, was das für ein Geheimnis ist. Keine Frage, so generiert man Leser – doch sobald die Leser ein bisschen über die Geschichte gelesen haben, werden sie merken, dass die Geschichte kompletter Schwachsinn ist. Und sie werden das nächste Mal vorsichtiger sein, wenn es sich um ein total tolles Geheimnis handelt. Fallen sie wieder darauf herein, dann werden sie noch vorsichtiger sein und irgendwann einmal werden sie dem geheimnisvollen Köder des Autors nicht mehr so leicht glauben.
Egal, deswegen haben wir ja den zweiten "Fishing for readers"-Satz eingebaut. Diese Geschichte ist ein Geheimnis für sich, diese Geschichte ist eine Legende! Wie weit sich doch der Autor dort aus dem Fenster lehnt, in dem er sagt, dass die Geschichte, die er gerade schreibt eine Legende ist! Weiß er überhaupt, was eine Legende ist? Oder schreibt er das hier nur, weil es sich einfach total toll anhört? Wahrscheinlich eher letzteres. Doch nun wollen wir diese aufregende, geheimnisvolle Geschichte, die fast eine Legende ist, unter die Lupe nehmen:


Alles begann in der Pause zwischen der 2. und 3. Schulstunde. Ich betrachtete mal wieder die Baustelle bei unserer Schule (wir bekommen eine neue Turnalle). Dort entdeckt man des öfteren ganz interessante Sache, wie z.B. ein paar alte römische Münzen oder so etwas. Das ist manchmal ganz interessant, aber gar nicht so toll, denn wir müssen die schönen Münzen unserem Lateinlehrer abgeben, und nur wenn sie nicht wertvoll sind, bekommen wir sie wieder zurück, was für eine Gemeinheit!

Dass man auf einer Baustelle die ein oder andere interessante Dinge sehen kann, ist wohl allen bekannt. Da gibt es Bagger, Krähne, Bauschutt, Gerüste, und und und. Und was man ebenfalls sehen kann ist: 'Betreten der Baustelle verboten! Eltern haften für ihre Kinder!'
Oder in dem Fall: 'Schule haftet für ihre Schüler.'
Keine Schule der Welt würde seinen Kindern erlauben auf einer Baustelle archäologisch tätig zu werden, so ganz ohne Archäologie-Studium, ohne irgendwelche Vorkenntnisse in römischer Geschichte und ohne irgendwas sonst. Egal. Hier, in der Geschichte scheint es erlaubt zu sein, dass die Schüler wie kleine Indiana Jones zwischen all den Bauarbeitern herumwuseln können, um nach römischen Münzen Ausschau zu halten. Doch nicht nur das ist unlogisch. Es ist auch unlogisch, dass überall in der Erde römische Münzen zu finden sind. Nein, das ist nicht so! Vor allem nicht hier in der Gegend, in der ich wohne. Hier gab es Wald, und Wald, und Wald. Und mehr nicht. Also würde ein derartiger Fund einer Sensation gleich kommen – was einen Baustopp einleiten und ein paar wichtige Archäologen auf den Plan rufen würde, die das Gelände erstmal die nächsten paar Monate untersuchen würden. Aber wir sind hier ja nicht der logisch funktionierenden Realität, sondern im Hirn eines zehnjährigen Möchte-gern-Autors. Welche Fehler hat dieser zehnjährige Möchte-gern-Autor weiter verbrochen?

Ach ja: Wenn die Kinder eine dieser römischen Münzen entdecken (die es in dieser Geschichte übrigens massenhaft im Boden gibt), dann müssen sie diese an ihren Lateinlehrer abgeben. Was macht der mit den Münzen? Behält er die für seine Sammlung? Oder spendet er die einem Museum? Es scheint, dass er sie auf Echtheit überprüft (ohne natürlich irgendeine gesonderte Ausbildung oder Fortbildung in römischen Münzen. Gut, die Logik des zehnjährigen Schülers war wahrscheinlich so: 'Der hat Latein studiert. Der kann das!') und wenn die römischen Münzen nicht echt sind, bekommen die Schüler diese wieder zurück. Wenn sie echt sind, dann eben nicht. Was auch immer dann mit den echten Münzen geschieht... die andere Frage ist auch: Wer vergräbt unechte römische Münzen auf der Baustelle? Kommt da jemand nachts, wie zum Beispiel der Osterhase, und vergräbt die unechten Münzen, nur damit die Kinder am nächsten Tag Indiana Jones auf der Baustelle spielen können und etwas im Boden finden? Ich verdrehe gerade die Augen über die unheimlich logische Logik des Autors.


Um zu meiner wirklichen Geschichte zurückzukommen: Ich betrachtete also die Baustelle und plötzlich blinkte etwas Glitzerndes auf. Ich dachte zuerst, es war die Sonne, doch es schien gar keine Sonne. Ich ging näher hin, und schaute mir den silbernen Krug einmal an.

Der Hauptcharakter steht vor den Gittern der Baustelle und sieht etwas Glitzerndes. So weit, so gut. Nur der nächste Satz ist ein bisschen verwirrend. Eigentlich müsste die Sonne auf den Gegensatz scheinen, um ihn zum Glitzern zu bringen (siehe Twilight-Vampire, oder Disco-Kugeln), aber der Ich-Erzähler sagt dem Leser, dass die Sonne nicht scheint. Es ist also Nacht? Ist der Ich-Erzähler nachts auf dem Schulhof? Nein, moment, es war ja die Pause zwischen der 2. und 3. Stunde! Das müsste dann so gegen 10 Uhr sein – und da ist es noch nacht? Wo steht denn die Schule? In der Arktis? Es bisschen unlogisch ist das ganze schon – genauso unlogisch wie der nächste Satz. Der Ich-Erzähler sieht einen silbernen Krug. Erstmal muss der Krug komplett ausgegraben worden sein, damit der Ich-Erzähler den Gegensatz auch als Krug erkennen kann. Zweitens muss der Autor wissen, dass die Römer keine Kruge aus Silber hatten, sondern aus Ton und dieser Krug somit nicht zur Römerzeit passen würde. Und drittens: Hat wahrscheinlich einer der Bauarbeiter seine neue, moderne Thermoskanne dort stehen lassen und der Ich-Erzähler interpretiert das jetzt als urzeitlichen Krug, weil er eben keine Ahnung von Archäologie hat.

Nun, wie es so mal ist, gerade, wenn es schön ist, läutet es  zur 3. Stunde. Ich hoffte, dass mir niemand meinen Schatz stehlen könne und als er nach der Schule auch noch da lag, habe ich mich irgendwie gewundert, und fragte meine Freundin Julia (sie ist die einzige beste Freundin von mir):

Klarer Fall von Verwirrtheit eines zehnjährigen Möchte-gern-Autors. Der Ich-Erzähler hatte keine Zeit den Krug an sich zu nehmen, weil die Schule weiterging und nachdem die Schule aus war, ging der Ich-Erzähler mit der besten Freundin nochmals dorthin. Das sollte dieser kurze Absatz aussagen, leider ist er aber durch die Hirnwindungen des Autors komplett schief gegangen, vielleicht ist der nachfolgende Dialog besser geworden.

"Sag mal, July, siehst du da was aufblitzen?"
"Sag mal, Mary, spinnst du? Siehst du schon Gespenster am helllichten Tag?"
"Siehst du wirklich überhaupt nichts?", wollte ich mich versichern.
"Ich glaub, jetzt hast du wirklich zu viel Fantasie!"

Ach, helllichter Tag? Ich dachte, die Sonne scheint nicht? Irgendwas stimmt mit der Tages- und Nachtzeit in diesem Land nicht. Vielleicht befinden wir uns ja auf einem anderen Planeten, der eine andere Tages- und Nachtszeit kennt. Oder die Schule fängt irgendwann mal früh morgens um 5 Uhr an, dann ist es klar, dass es bis Schulschluss hell ist. Wie dem auch sei... die beste Freundin des Ich-Erzählers sieht den Krug nicht, der so sehr aus der Erde herausspitzelt, dass er als Krug erkennbar ist! Wahrscheinlich hat sie eine unerkannte Sehschwäche, oder sie hat einfach keine Lust auf irgendwelche 'Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst-Spielchen'. Keine Ahnung, wie es weitergeht, denn die Geschichte endet hier und das ist auch gut so, denn sie gehört nicht gerade zu den besten, die ich geschrieben habe.

Post Scriptum: Was der Titel der Geschichte mit der Geschichte selbst zu tun hat, weiß ich nicht. Ich kann nur schätzen, was ich damals gedacht hatte. Wahrscheinlich war dieser Krug ein Überbleibsel von Atlantis und man konnte damit wie irgendwie nach Atlantis kommen... so oder so... die Geschichte wird jetzt wieder eingegraben und hoffentlich findet kein Indiana-Jones-Möchte-gern-Archäologen-Kind dieses Überbleibsels eines kleinen zehnjährigen Mädchens.
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