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Prus kleine Schatzkiste an schlechten Geschichten

von Pru
GeschichteHumor, Parodie / P12 / Gen
27.07.2016
26.12.2017
29
30.589
5
Alle Kapitel
18 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
18.11.2016 737
 
Geschichte


nein, ich war nicht hier,
ich war beim klavier,
das war um viertel nach vier,
aber nicht in meinem revier,

deswegen bin ich mit dem rad,
was ich dir schon gesagt,
das auf dem boden lag,
und mich nicht mehr mag,

zum klavierunterricht gegangen,
die lehrerin hat mich gefangen,
mit ihren fragen,
die antworten verlangen.
ohne mich zu fragen.


Kommentar

Ich frage mich, warum solche poetischen Häufchen überhaupt überleben? Warum hat der Autor sie vor Wut über seine schlechte Arbeit nicht in der Luft zerrissen? Oder warum schrie er nicht laut auf unter der Qual, die diese Worte in seinen Ohren hinterlassen? Oder warum hat er sie nicht unter der Hundefutter gemischt und gesagt, dass der Hund gerade sein bestes Gedicht zerrissen hatte? Wie dem auch sei... wenn der Autor all das gemacht hätte, wäre dieses wunderbare Kleinod an speiübler Poesie nicht mehr am Leben und konnte somit nicht als schlechtes Beispiel dienen. Nehmen wir es mal genauer unter die Lupe:

nein, ich war nicht hier,
ich war beim klavier,
das war um viertel nach vier,
aber nicht in meinem revier,

Irgendwo muss ich mal gelesen haben, dass es eine neue Art von Rechtschreibung bei Gedichten gibt – nämlich alles in klein zu schreiben. Alles! Gott sei Dank hat sich diese Form nicht durchgesetzt, sonst hätte ich jeden Gedichtband, den ich besitze, mit rotem Stift eigens korrigiert. Aber hier ist sie noch vertreten. Ich entschuldige daher meine damalige Dummheit einem Trend zu folgen, der unsere schöne, deutsche Sprache mit den Füßen tritt.

Nun zum Inhalt der ersten Strophe. Es hört sich so an, als sei der Ich-Erzähler in einem Verhör bei der Polizei und wird einer Straftat beschuldigt. Seine Antwort darauf schreibt er in Reimform, was ganz schön clever ist. Oder zumindest denkt er sich das. Wie geht das Verhör weiter?



deswegen bin ich mit dem rad,
was ich dir schon gesagt,
das auf dem boden lag,
und mich nicht mehr mag,

Okay. Der Ich-Erzähler ist wohl mit dem Rad zum Klavier gefahren und das Rad lag auf dem Boden. Was hat das Rad auf dem Boden gemacht? Hat es dort geschlafen? Oder sich ausgeruht? Oder was macht man sonst so als Rad auf dem Boden? Chillt man vor sich hin, und wartet bis einer kommt und es mitnimmt? Und mag man dann denjenigen, der es mitnimmt (oder mag man ihn nicht)...? Wie es scheint, mag das Rad den Ich-Erzähler nicht. Warum mag das Rad den Ich-Erzähler nicht? Fährt der Ich-Erzähler zu schnell? Oder hatten die beiden mal eine Liebesbeziehung, die dann in die Brüche ging? Oder...? Wir werden es wohl nie erfahren.


zum klavierunterricht gegangen,
die lehrerin hat mich gefangen,
mit ihren fragen,
die antworten verlangen.
ohne mich zu fragen.

Das ist jetzt komplett verwirrend, doch von vorne.

Wenn man es genau nimmt, so steht da, dass der Ich-Erzähler mit dem Rad zum Klavierunterricht gegangen ist. Entweder hat er das Rad (in dem Fall ein Fahrrad) geschoben (wobei man sich dann fragen muss, warum er es geschoben hat und nicht damit gefahren ist) oder er hat gar kein richtiges Rad (also ein Fahrrad), sondern hat so eine Art Hula-Hoop-Reifen mitgenommen, sich um die Schulter gehängt und ist damit eben Gassi gegangen. Macht man halt so in diesem Universum. Man führt sein Rad spazieren, lässt es mit anderen Rädern spielen, und füttert es ausgiebig mit Rad-Futter und wenn man in den Urlaub fährt oder arbeiten geht, dann kommt das Rad ins Radhaus, wo es von ausgebildetem Personal rund um die Uhr betütelt wird. So und nur so wird das heute mit den Rädern gemacht.

Beim Ich-Erzähler ist das anders. Er nimmt das Rad mit zum Klavierunterricht. Vielleicht spielt das Rad ja liebend gern Chopin oder Mozart? Oder es hört beim Klimpern des Ich-Erzählers zu? Und natürlich wird das Rad als Zeuge hergeholt, um das Alibi des Ich-Erzählers zu bestätigen. So einem Rad glaubt man doch immer, nicht wahr?

Doch ich schweife ab... zurück zur Strophe. Die Klavierlehrerin fragt den Ich-Erzähler, und der Ich-Erzähler antwortet auf diese Fragen. Es scheint, dass die beiden eher die Klavierstunde verquatschen als irgendwas zu spielen oder zu üben. Oder hat sie den Ich-Erzähler gar nicht wirklich gefragt, sondern mit ihren Augen hypnosiert, um ihm dann die Antworten zu entlocken? Der letzte Satz lässt so etwas erahnen... aber nur erahnen. Genau wissen wir es leider nicht.
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