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Ein Sommernachtstraum

von Silvana
KurzgeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Jolyon Palmer Marcus Ericsson
27.07.2016
08.08.2016
2
3.913
8
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10 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
08.08.2016 1.913
 
Vielen Dank an Forbidden to Fly, Lynn-Crime und Lumii7 für die lieben Reviews und ein herzliches Dankeschön auch an diejenigen, die die Geschichte auf ihre Favoritenliste gesetzt haben.
Und nun viel Spaß mit der Fortsetzung!


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„Was ist es?“, der Tonfall beunruhigte Jolyon.

„Nichts Schlimmes, ich bin nur unsicher, was du davon halten wirst. Es geht um meine Familie...“, vor knapp einem Jahr hatte sich Marcus vor seinen Eltern und seinen Brüdern geoutet, weil er wenigstens den Menschen, denen er am meisten vertraute, nichts mehr vormachen wollte und weil Jolyon ihn dazu ermutigt hatte, obwohl es bei ihm selbst nicht besonders gut gelaufen war. Bei Marcus verhielt sich das anders, seine Eltern reagierten einfühlsam und verständnisvoll. Sie hatten es bereits geahnt und ließen nicht den kleinsten Zweifel daran aufkommen, dass sie ihren ältesten Sohn so akzeptierten und liebten wie er war.

Auch Pontus und Hampus, um deren Reaktion er sich fast noch mehr gesorgt hatte, standen nach anfänglicher Reserviertheit zu ihm. In mehreren stundenlangen Gesprächen über mehrere Tage verteilt erzählte er ihnen alles. Alles bis auf eine Sache, nämlich die, dass er bereits einen festen Freund hatte. Er wand sich aus der Frage heraus, meinte es gäbe zwar jemanden, doch da sei noch nichts spruchreif, dabei war die Versuchung riesig, ihnen zu verraten, wie glücklich er war. Er wollte zu Jolyon stehen, zumindest vor seiner Familie, wenn es vor dem Rest der Welt schon nicht ging. „Sie fragen mich immer häufiger nach meinem Freund aus und ich würde ihnen wahnsinnig gerne die Wahrheit über uns sagen. Natürlich nur, wenn du einverstanden bist...“, Marcus hätte das nie über seinen Kopf hinweg entschieden und ohne es vorher abzusprechen.

Jolyon atmete schwermütig durch und fuhr sich angespannt durch die Haare. „Ich verstehe, dass du das willst, aber...“, er brach ab und schwieg.

„Wir sind über zweieinhalb Jahre zusammen und meine Eltern interessieren sich wirklich für meine Beziehung. Sie würden sich freuen, wenn sie wüssten, dass du es bist, denn ich weiß, dass sie dich mögen“, seine Eltern kannten Jolyon, zwar nur flüchtig von einem Besuch und natürlich nur als Kumpel, aber sie hatten einen sehr positiven ersten Eindruck von ihm gewonnen. Mit Stolz erinnerte sich Marcus daran, wie seine Mutter ihm später sagte, sie fände es schön, dass er sich mit so einem netten und gebildeten Fahrerkollegen umgab. Ja, Jolyon konnte wahrlich Eindruck machen, wenn er es drauf anlegte, aber Marcus war sich sicher, dass seine Eltern ihn auch im ganz normalen Alltag schätzen würden. Dass sie ihn bereits persönlich kannten, machte es sogar leichter. „Und du brauchst auch nicht befürchten, dass unser Geheimnis bei ihnen schlecht aufgehoben wäre.“

„Das tu ich nicht, es ist nur...“, er dachte kurz über seine Worte nach. „...ich kann dir nicht das Gleiche bieten“, sagte er mit einem entschuldigenden Unterton. Er hatte sich seiner Familie vor drei Jahren offenbart, als die Zeit des Probierens für ihn endgültig abgeschlossen war und er absolut sicher wusste, dass es ihn zu Männern hinzog. Das peinlich berührte Räuspern seiner Mutter hatte er heute noch im Ohr, ebenso wie die Worte seines Vaters. Tu was du nicht lassen kannst, aber tu es um Gottes Willen heimlich bis die Phase vorbei ist, so dass unser Name nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. Er hatte Jolyon schlicht und ergreifend nicht ernst genommen und würgte fortan beharrlich jeden Versuch seines Sohnes ab, noch einmal über das Thema zu sprechen. Worüber man nicht redete, das war auch nicht da und damit musste man sich nicht befassen. Er vermittelte ihm einen eindeutigen Eindruck: Schweig und alles ist gut zwischen uns! Irgendwann gab Jolyon auf und schwieg. Und alles war gut zwischen ihnen.

Er erinnerte sich noch an den wohlwollenden Blick seines Vaters, als letztes Jahr die Gerüchte über ihn und Carmen die Runde machten. Der schöne Schein war alles in seiner Welt und was machte schon eine Lüge mehr? Die Reaktionen seiner Geschwister waren nur unwesentlich besser, einzig Emily verschloss sich nicht vor ihm. „Du weißt, wie es in meiner Familie aussieht. Sie interessieren sich nicht dafür, ob ich einen Freund habe und das Letzte was sie wollten, ist ihn kennen lernen.“

„Eines Tages denken sie anders darüber. Du bist ihr Sohn und sie werden deine Gefühle akzeptieren. Dein Vater kann es auch nicht ewig ignorieren“, versuchte Marcus ihm gut zuzureden.

„Oh, da kennst du seine Ausdauer schlecht“, meinte der Jüngere voller Ironie. „Du sehnst dich nach einem kleinen Stück Normalität, aber in meiner Familie wirst du als mein Partner keine Akzeptanz finden.“

„Noch nicht.“

„Noch nicht? MotorSport Vision wird immer existieren und folglich wird es immer irgendein Familienmitglied geben, dessen Namen ich nicht beschmutzen darf!“, brauste Jolyon auf und klang verbittert. Er gab sich keinen Illusionen hin und glaubte schon lange nicht mehr an Wunder. „Das kann ich dir nicht zumuten!“

„Jolyon... nur, weil ich meinen Eltern von dir erzählen möchte, heißt das doch nicht, dass ich sofort im Gegenzug von dir fordere, das Gleiche zu tun“, bemühte sich Marcus, ihn zu besänftigen. „Ich weiß, dass das nicht so einfach geht, aber du brauchst deswegen kein schlechtes Gewissen zu haben. Irgendwann wird auch deine Familie einlenken, Emily tut es bereits. Und sie versucht, dir zu helfen.“

„Ja, aber ich kann nicht von Em erwarten, dass sie meine Probleme löst“, entgegnete der Brite nachdenklich, während er in eine Umarmung gezogen wurde. Er schloss die Augen und ließ sich hineinfallen. Wie gut ihm das gerade tat.

„Mach dich nicht fertig. Egal was kommt, du hast mich und wir lösen jedes Problem. Irgendwie“, flüsterte Marcus in sein Ohr. Er wusste genau, unter welchem Druck Jolyon stand und dass es nicht nur Vorzüge mit sich brachte, einen großen Namen zu tragen. Auch wenn er gerne so tat, als stünde er über den Dingen, so wünschte er sich insgeheim oft familiären Zuspruch und solange er diesen bei sich zu Hause nicht bekam, würden Marcus und dessen Familie ihn auffangen. So dachte er sich das.

Nach ein paar Minuten wandte sich Jolyon aus den Armen seines Geliebten und sah ihn eindringlich an. „Es ist in Ordnung. Erzähl deinen Eltern von uns. Wenn dir so viel daran liegt, will ich mich nicht querstellen und ich gebe mein Bestes, um sie zu überzeugen.“

„Du musst nichts geben, sei du selbst, das reicht voll und ganz aus“, sagte Marcus glücklich, schmiegte sich an Jolyons Seite und spielte mit einem der Bändchen an dessen beigefarbener Jacke. Dieser Mann war in Liebesdingen alles was er jemals wollte und er freute sich darauf, es vor seinen Eltern offiziell zu machen. Beide schauten in die Ferne, über das große Feld hinweg in die Dunkelheit und hingen ihren Gedanken nach. „Übrigens bist du mir noch eine Antwort schuldig“, war es schließlich erneut der Schwede, der die Stille durchbrach.

„Was für eine?“, hakte Jolyon irritiert nach.

„Wovon du geträumt hast, bevor du aufgestanden bist.“

„Hab ich dir doch gesagt.“

Marcus runzelte die Stirn. „Game of Thrones? Wirklich, Jo? Wem willst du was vormachen? Ich bin schon nicht zimperlich was Filmblut angeht, aber du verträgst wesentlich schlimmere Szenen ohne mit der Wimper zu zucken und ohne, dass du je einen Albtraum davon gekriegt hättest“, erinnerte er ihn und es stimmte ja auch. Jolyon konnte man mit Untoten und herausringelnden Gedärmen innerhalb einer Serie oder eines Horrorfilms nicht nachhaltig schocken. Was nicht greifbar war, machte ihm keine Angst und so was bescherte ihm auch keine Albträume. Er träumte nur dann schlecht, wenn es etwas gab, das ihn ernsthaft beschäftigte und zwar etwas Reales. Leider neigte er dazu, seine Ängste für sich zu behalten und sie in sich hineinzufressen, denn sie bedeuteten für ihn Schwäche und er wollte nicht schwach sein. Er war derjenige, der sich nie beirren ließ, er war derjenige, der stets zehn Prozent mehr gab und vor allem war er derjenige, der immer funktionierte. Marcus kannte sein Denken in- und auswendig und konnte deshalb als Einziger hinter die Fassade schauen. Er merkte, wenn da eine Sache war, die ihn belastete und er wollte nicht zulassen, dass sein Freund seine Sorgen mit sich allein ausmachte. Das ging auf Dauer nie gut. „Du hast kein wirres Zeug geträumt, an das du dich nicht erinnern kannst... Was ist los, Liebster? Rede mit mir“, bat er vorsichtig.

Jolyon seufzte kopfschüttelnd, einerseits genervt, andererseits unschlüssig. Warum musste Marcus ihn ständig so durchschauen? „Es ist nichts, worüber wir reden sollten.“

„Wieso nicht?“

„Es war bloß ein Traum.“

„Einer, der dich komplett entsetzt hat. Ich habe gesehen, wie blass du warst.“

„Und wenn schon. Es gibt einfach Dinge, die dürfen wir überhaupt nicht in unsere Köpfe lassen, weil sie uns nur verrückt machen. Damit muss ich dich nicht noch anstecken, indem ich dir davon erzähle, es reicht, wenn ich jede Woche diesen Mist träume.“

„Jede Woche? Du hast jede Woche den gleichen Albtraum?“

„Ja“, gab Jolyon zu und klopfte in einem nervösen Rhythmus gegen die Bank. Ihm war klar, Marcus würde nicht locker lassen.

„Seit wann?“

„Silverstone. Samstag. Drittes freies Training“, antwortete er und mehr brauchte er nicht zu sagen, denn Marcus konnte sich nun sehr gut vorstellen, worum es ging.

„Du träumst von meinem Unfall...“

„Verstehst du jetzt, wieso wir uns nicht damit beschäftigen sollten? Ich begreife ja selbst nicht, warum mich das diesmal partout nicht loslassen will, aber es ist definitiv das falsche Gedankengut für zwei Rennfahrer.“

„Das darfst du so nicht sehen! Es ist doch vollkommen normal, dass wir uns Sorgen umeinander machen, erst recht nach solchen Situationen. Wir können diese Art von Sorgen nur miteinander teilen und wenn wir das nicht tun, dann fressen sie uns auf. Es hilft gar nichts, das mit Gewalt zu verdrängen, das macht es nur schlimmer und es ist gut, dass du es mir gesagt hast“, beschwor Marcus ihn einfühlsam und umrahmte sein Gesicht mit den Händen. „Hey... ich bin hier und ich bin für dich da.“

Anstatt zu antworten beugte sich Jolyon vor und küsste den Älteren innig. Sein Liebesbeweis blieb nicht lange einseitig. Er öffnete den Mund und ihre Zungen verschmolzen in einem sinnlichen Spiel, verlangend von Marcus’ Seite aus, verzweifelt seitens Jolyon. Als sie sich voneinander lösten, atmeten sie schwer. „Danke“, keuchte der Brite und lehnte seine Stirn gegen die seines Freundes, ehe sie sich erneut küssten. Dabei krallte er sich an ihm fest, so als würde er jeden Moment tief abstürzen, wenn er es nicht täte. Marcus ließ es zu und obwohl die kurzen Fingernägel, die sich durch den dünnen Pullover in seine Haut gruben, schmerzten, wagte er es nicht, sich zurückzuziehen. Plötzlich merkte er, wie ein fröstelndes Schaudern durch Jolyons Körper ging.

„Du frierst...“, wisperte Marcus heiser und rieb ihm sachte über die Oberarme. „Komm mit ins Auto, da ist es sowieso bequemer“, bat er lächelnd. Die beiden verschwanden auf dem Rücksitz des Wagens und setzten nahtlos ihre Zärtlichkeiten fort. Mit vor Aufregung fahrigen Fingern zog Marcus den Reißverschluss an Jolyons Jacke auf und ließ die Hände unter sein Shirt wandern.

„Wenn wir das jetzt hier wirklich machen, sehe ich rabenschwarz für deinen Rücksitz“, brachte der Jüngere kurzatmig hervor.

„Der ist mir so was von egal!“, antwortete sein Gegenüber mit lustverschleiertem Blick.

„Gut...“, entgegnete Jolyon langgezogen. „Dann nimm mich!“, forderte er ihn heraus und er stöhnte auf, als Marcus anfing, seinen Hals zu küssen und zeitgleich seine Seiten massierte. Er wollte ihn und er brauchte ihn, drängender denn je sehnte er sich nach diesem Mann, der ihn zu trösten und zu lieben vermochte, wie es kein anderer gekonnt hätte.

Es war eine ganz besondere Nacht gewesen. Und sie fand ein nicht minder besonderes Ende.


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*Ende*
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