Licht und Schatten - ein Wintermärchen

GeschichteAllgemein / P16
25.07.2016
13.07.2017
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Es fällt niemandem auf, dass zu zurückkehrst. Es weht kein Wind, es gibt kein Erdbeben und kein Blitz schlägt ein. Die Welt bleibt nicht stehen, die Sonne verblasst nicht, kein ehrfürchtiges Schweigen tritt ein. Es fällt niemandem auf, dass ein Gott unsere Erde betritt. Niemandem außer mir.

Auf einmal stehst du vor mir, einfach so, ohne Ankündigung, ohne Vorwarnung. Ich habe mich nur kurz umgedreht und schon bist du da.

Ich zucke erschrocken zusammen, so als hätte man mich bei etwas Verbotenem ertappt, und halte instinktiv die Luft an. Dann blinzele ich mehrmals, um mich zu vergewissern, dass ich nicht träume.

„Soll ich dich kneifen?“, bietest du mir amüsiert an, kein „Hallo“, kein „Wie geht’s?“.

Stumm schüttele ich den Kopf und versuche mir weiterhin darüber klar zu werden, ob das hier gerade wirklich passiert.

Mein Kopf ist wie leergefegt. Was soll ich denken, was tun? Ich wünschte, ich könnte dich hassen. Dafür, dass du nach monatelanger Funkstille jetzt ohne Entschuldigung vor mir stehst. Ich wünschte, ich könnte es.

Doch kaum lächelst du dein ach so charmantes Lächeln bin ich schon verloren. Nein, ich kann dich nicht hassen. Dafür bin ich dir zu sehr verfallen. Ich stehe ganz unter deinem Bann.

Zaghaft strecke ich eine Hand nach dir aus, will überprüfen, ob sich dieses Gesicht vor mir durch meine Berührung nicht in Luft auflöst.

Auf halbem Wege halte ich inne, zögere, überlege es mir anders – ganz so einfach will ich es dir nun auch nicht machen. Aber bevor ich meine Hand zurückziehen kann, fängst du sie mit deiner ein, sodass sich unsere Finger ineinander verflechten.

Schweigend, ohne Kommentar, nimmst du meinen Widerstand entgegen, schüttelst nur ganz sacht den Kopf, als wüsstest du, welcher Kampf in mir tobt. „Mach es dir nicht so schwer“, scheinen deine Augen mir sagen zu wollen. „… und mir auch nicht.“

Was sagt es wohl über mich aus, wenn ich dir wieder nachgebe? Sollte ich nicht mehr Respekt vor mir selbst haben?

Ich seufze. Widerstand ist zwecklos. Auch wenn die Chance nicht gering ist, dass ich es früher oder später bereuen werde.

Um doch wenigstens einen Rest an Selbstachtung zu bewahren, kneife ich dich so fest ich kann in den Arm. Ein Laut der Missbilligung entfährt dir, aber du lässt meine Hand nicht los, um über die schmerzende Stelle zu reiben – ein Umstand, der mich mehr freut, als ich zugeben mag.

„Tja, ich schätze, das habe ich verdient“, meinst du schuldbewusst. Nichts in deiner Miene scheint darauf hinzudeuten, dass du diese Worte nicht ernst meinst. Dennoch bin ich skeptisch; immerhin weiß ich, dass du ein Trickster bist.

Als könntest du meine Gedanken erraten, versuchst du, mich von meinen Zweifeln abzubringen. Mit großen, unschuldigen Augen siehst du mich an, um mich wieder für dich zu gewinnen. Du kennst mich eben gut, vermutlich besser, als mir lieb ist.

Ich ärgere mich darüber, dass du mich so gut in der Hand hast und ich mich so leicht und auch so gerne von dir manipulieren lasse. Aber natürlich weißt du auch dafür eine Lösung und wählst genau die richtigen Worte, um mich alles andere vergessen zu lassen: „Ich habe dich vermisst…“


Ich sag‘ es ja, ich bin dir viel zu sehr verfallen.