Licht und Schatten - ein Wintermärchen

GeschichteAllgemein / P16
25.07.2016
13.07.2017
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Hallo ihr Lieben!

Hier nun noch der zweite Teil; dieses Kapitel ist damit abgeschlossen.
Ist diesmal ziemlich viel Gerede, aber manchmal ist das eben nötig.
Oder seid ihr da anderer Meinung?

Viel Spaß beim Lesen,
Ithilarinia

P.S. Alles Gute im neuen Jahr!


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„Ich werde nie wieder zurückkommen…“

Meine ganze Welt scheint nur noch aus diesen Worten zu bestehen. Ich kann sie nicht ausblenden, nicht stummschalten; ich kann nicht davor weglaufen, mich nicht vor ihnen verstecken. Sie sind einfach überall.



So vergeht eine Ewigkeit bis ich mich dazu aufraffen kann, nicht mehr auf die geschlossene Tür zu starren, durch die du verschwunden bist. Es ist schon ziemlich spät, als sich mein vor Hunger knurrender Magen endlich Gehör verschaffen kann.

Da erst wird mir bewusst, dass ich seit dem Frühstück nichts mehr gegessen habe – für mich eine lange Zeit.

Erschöpft und ausgelaugt bewege ich mich Richtung Küche. Dort angekommen sehe ich, dass noch immer dein benutztes Weinglas herumsteht – ein Anblick, der in mir feurigen Zorn hervorruft.

Was muss ich mir eigentlich alles gefallen lassen von dir!? Das kann doch wohl nicht wahr sein! Solche und ähnliche Gedanken geistern mir durch den Kopf, schienen mich mehr und mehr auszufüllen. Ich habe genug davon, wegen dir traurig zu sein!

In meiner Wut packe ich das Weinglas ganz fest und drücke zu – ohne zu denken. Es muss wohl schon einen feinen Sprung oder zumindest Riss gehabt haben, denn auf einmal zerspringt es. Die Scherben fallen zu Boden. Durch den Schreck merke ich erst nach ein paar Augenblicken, dass einzelne Glasstücke in meiner Hand steckengeblieben sind.

In dem Moment, als mir das bewusst wird, spüre ich auch das Brennen, das die Scherben verursachen. Ich überlege kurz, was zu tun ist – so etwas ist mir noch nie passiert.

Ich beschließe, eine Pinzette zu holen, um die Glasstücke erst mal zu entfernen. Der Weg ins Badezimmer ist mir noch nie so weit vorgekommen. Als ich es dann endlich erreicht habe, ziehe ich mit Hilfe der Pinzette vorsichtig eine der Scherben aus meiner Hand. Natürlich beginnt es zu bluten. Ganz toll! Ich kann nämlich kein Blut sehen. Davon wird mir immer schlecht.

Ich versuche, ruhig zu bleiben und mich auf meinen Atem zu konzentrieren, an etwas Anderes zu denken – mit mäßigem Erfolg. Bald hämmert mein Herz wie verrückt und es rauscht in meinen Ohren – was sicherlich auch auf den niedrigen Stand meines Blutzuckers zurückzuführen ist.

Mir wird schwindlig. Ich will mich setzen. Doch ich kann die Entfernung zum Badewannenrand in dem Moment nicht mehr richtig abschätzen und falle ins Leere. Immerhin schaffe ich es, dabei mit dem Kopf nirgendwo anzustoßen.



Ich komme mir ganz elend vor, wie ich so hier kauere. Wimmernd ziehe ich meine Füße an und bette meinen Kopf darauf. Die Arme lege ich um die Beine, wie eine Mauer, die mich vor der Außenwelt abschirmen und gleichzeitig auch zusammenhalten soll. Ich will mich verstecken. Vor der Welt, vor allem. Ich kann einfach nicht mehr…



Da höre ich plötzlich ein Geräusch. Doch noch will ich meine Höhle nicht verlassen und vergrabe mich tiefer in mir selbst. Es gibt nur noch mich – alles andere ist mir egal.

Aus weiter Ferne dringt ein Wort zu mir durch. „Liebling?“ Dann eine sanft, federleichte Berührung.

Mühsam hebe ich denn Kopf. Die Welt um mich herum erscheint mir wie ein Traum.

Du hockst vor mir, deine Hand ruht auf meinem Arm. In deinem Gesicht meine ich Besorgnis lesen zu können. „Liebling?“, kommt es erneut von dir. Ich starre dich stumm und ungläubig an. Das hier kann unmöglich wahr sein.

Kein zynischer Kommentar, keine spitze Bemerkung. Mit einer noch nie gewesenen Einfühlsamkeit und Sanftheit redest du beruhigend auf mich ein, während du meine Hand verarztest. Mein Blick ist dabei unablässig auf dein Antlitz gerichtet: die helle Haut, umrahmt von kohlschwarzem Haar; die roten Lippen, deren geformte Worte ich nur sehen, aber nicht verstehen kann; die grünen Augen, die immer wieder die meinen suchen.

Irgendwann ziehst du mich dann auf die Beine. Du geleitest mich ins Wohnzimmer, wo du mich in einen Sessel setzt. Du breitest eine Decke über mir aus und regest irgendetwas von wegen du seist gleich wieder zurück. Du küsst mich aufs Haar, dann verschwindest du eine Zeit lang aus meinem Blickfeld. All das bekomme ich nur am Rande mit. Ich wehre mich nicht dagegen, auch wenn mein Stolz gekränkt ist. Außerdem habe ich nach wie vor das Gefühl zu träumen. Also ergebe ich mich.



Das nächste, was ich bei vollem Bewusstsein mitkriege, ist, dass im Kamin ein Feuer brennt. Ich muss eingeschlafen sein; nun fühle ich mich schon etwas besser.

Da erst wird mir bewusst, dass ich wohl doch nicht geträumt habe. Aber das hieße dann ja, dass du hier gewesen, womöglich noch immer hier bist… Oder aber ich habe fantasiert und total vergessen, wie ich ins Wohnzimmer gekommen bin und ein Feuer angezündet habe…

In diesem Moment geht die Tür auf und du erscheinst im Türrahmen. Als du siehst, dass ich wach bin, hältst du inne – wie um abzuwägen, in welcher Stimmung ich bin.

Ich freue mich zwar, dich zu sehen, aber da sind auch andere Gefühle: Enttäuschung, Wut und das Wissen, dass es so nicht weitergehen kann. Und so blicke ich dich mit einer eher finsteren Miene an; fest dazu entschlossen, all dem endlich Ausdruck zu verleihen.

Trotz meines grimmigen Gesichtsausdruckes kommst du auf mich zu – ganz langsam und bedächtig, wie mit erhobenen Händen. Dies erscheint mir selbst in meiner Wut noch bemerkenswert, habe ich doch deine diplomatische Seite noch kaum erlebt. Ich beschließe, erst einmal abzuwarten, was passiert.

Zwei, drei Meter entfernt von mir bleibst du stehen. „Du bist wach!“, sprichst du überflüssigerweise das Offensichtliche aus, fügst dann aber schon geschickter hinzu: „Wie geht es dir?“

Schon ist es um meine Beherrschung geschehen. „Was meinst du wohl, wie es mir geht?“, fauche ich dich wütend an.

Du wirkst überrascht, zuckst erschrocken zusammen, hast dich aber gleich wieder unter Kontrolle.

„Dein Kopf scheint ja ganz schön was abgekriegt zu haben…“, kommt nun ein Seitenhieb vor dir, der mir schon besser in mein momentanes Bild von dir passt. Ich bin eben wütend.

„Was willst du hier, Loki?“, will ich kühl, scheinbar unbeeindruckt von dir wissen und fahre dann erneut meine Krallen aus – du brauchst dir gar nicht erst einzubilden, dass du als Einziger eine scharfe Zunge hast! „Dafür, dass du sagtest, du kämest nie wieder zurück, bist du aber schnell wieder hier aufgetaucht!...“ Giftig funkele ich dich an. „Also, sag‘ schon, was du willst!“

„Du passt ja nicht auf dich auf…“, versuchst du mir mein vorheriges Missgeschick zum Vorwurf zu machen. Doch nicht mit mir! Keine Sekunde muss ich überlegen, damit mir eine schlagfertige Erwiderung einfällt: „Das machst du ja dafür gut genug für uns beide, auf mich aufpassen!“

Fast kommt es mir so vor, als würdest du einen Moment lang erbleichen; gleichzeitig verschwindet all meine Wut. Ich weiß, dass ich jetzt genau das gesagt habe, was mir auf dem Herzen lag – wenn auch nicht ganz so, wie ich mir das vielleicht vorgestellt hatte.

Auch du scheinst zu begreifen, welcher Schmerz und zugleich welche Wahrheit sich hinter dieser Aussage von mir verbirgt. Der Spott bleibt aus. Aus deiner plötzlichen Schweigsamkeit schließe ich, dass du um die „richtigen“ Worte ringst.

„Ich weiß…“, sagst du nach einiger Überlegung. „Mir ist klar, dass ich dich im Stich gelassen habe… Glaub‘ mir, das ist mir sehr bewusst…“

Ich bin erstaunt. Die Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit, die ich aus diesen Worten herauszuhören meine, hätte ich mir nicht erwartet. Ich weiß ja, dass du eine sehr reflektierte Person bis, aber so etwas hätte ich dir nicht zugetraut. Ich habe dich also unterschätzt… Mussten wir tatsächlich erst in eine solche Situation kommen, damit ich das begreife?

Ich seufze. „Lok, so kann es einfach nicht weitergehen…“

Du wartest, hörst geduldig und aufmerksam zu. Also fahre ich fort: „Ich kann nicht ständig Angst haben müssen, etwas Falsches zu sagen und dich zu verlieren… ich kann das so nicht…“

Du schweigst noch immer, wartest ab.

„Mir ist klar, dass auch ich Themen habe, über die ich nicht gerne spreche. Es wäre also mehr als unfair, von dir zu verlangen, dass du mit mir immer über alles redest…“, überlege ich laut. „Es passiert manchmal, dass man zu wenig denkt und zu schnell redet und den anderen damit verletzt. Aber deswegen alles hinzuschmeißen, die Situation endgültig zu verlassen… damit komme ich nicht klar… Und ja, du bist jetzt wieder hier, aber damit habe ich nicht gerechnet. Ich dachte, du wärst für immer fort…“ Gegen Ende hin wird meine Stimme leiser. Ich sehe, wie sich der Ausdruck in deinem Gesicht verändert, kann aber nicht genau sagen, was du wohl denken magst. Ich seufze erneut.

„Ich weiß nicht, ob du das weißt, aber ich würde dich nie absichtlich verletzten, Loki. Diese paar Stunden, in denen du fort warst, waren grauenvoll für mich… Ich weiß auch nicht genau, was wir anders machen können..“

Langsam macht mich deine Schweigsamkeit nervös. Was geht da vor sich in deinem Inneren?

Um mir nicht allzu viele Gedanken oder Sorgen darüber zu machen, rede ich weiter: „… Ich weiß nur, dass ich mir nichts mehr wünsche, als dass wir das hinkriegen, du und ich…“

An dieser Stelle siehst du mich an. Ist das Überraschung in deinen Augen? Ungläubigkeit? Ich überlege, wie oft dir – außer Frigga natürlich und vielleicht Thor – schon jemand gesagt hat, dass er dich gern hat… Zu selten, stelle ich mir vor. Das macht mich traurig.

„Schon lange“, beendest du endlich dein Schweigen und damit auch mein Grübeln, „sehne ich mich nach Gleichgültigkeit – was Themen wie meine Herkunft und meine sogenannte Familie angeht… Ich wünsche mir nichts mehr, als dass es mir einfach nur egal sein könnte! Ich wünsche mir, dass ich diese Gedanken und Erinnerungen in ein tiefes Verlies sperren kann und sie nie mehr sehen muss!“

Ich kann dich sehr gut verstehen. Mir selbst geht es nämlich oft genug gleich. Doch ich ahne, dass „Gleichgültigkeit“ nicht die Lösung des Problems ist, vor allem nicht bei Wesen wie dir und mir.

„Ich glaube, dass Verdrängung oder erzwungenes Vergessen nicht hilft, zumindest nicht auf Dauer“, versuche ich die Erkenntnisse, zu denen ich gekommen bin, mit dir zu teilen. „Leider ist es nicht so einfach, sich mit solch unangenehmen Themen anzufreunden…“

„Was schlägst du vor?“, willst du von mir wissen, meinen Rat offenbar ernsthaft in Betracht ziehend – ein kleines bisschen stolz macht mich das schon.

„Ich denke, dass man sich leider zuerst damit auseinandersetzen muss“, antworte ich. „Um dann dem gelassener ins Auge blicken zu können.“

„Auseinandersetzen?“, sprichst du skeptisch aus. „Du meinst, ich soll es erst an mich heranlassen, um Frieden zu finden?“

„Ja, leider…“ ich schaue dich an, du erwiderst den Blick. Etwas Rätselhaftes liegt darin.

„Ich habe einen Vorschlag…“, lasse ich dich wissen. „Oft kann man alleine nur so weit kommen. Aber andere können gerade in solchen Situationen manchmal sehr nützlich sein – auch nur als Zuhörer…“

„Du schickst mich aber nicht ernsthaft zu einem dieser ‚Wortzerklauber‘, oder?“

An dieser Stelle muss ich lauthals lachen. Dein Gesichtsausdruck und die klischeehafte Vorstellung, dass du auf einer Couch liegst und einem „Menschen-Doktor“ deine Geheimnisse preisgibst, ist zu komisch.

Auch du schmunzelst. Und endlich habe ich wieder Hoffnung für uns zwei.

„Nein, nein, keine Sorge“, antworte ich, noch immer ein Lächeln im Gesicht. „Auch wenn ich selbst schon die Erfahrung gemacht habe, dass diese ‚Wortzerklauber‘, wie du sie nennst, sehr hilfreich sein können… Ich dachte dabei eher an jemanden, dem du vertrauen kannst; jemanden, in dessen Gesellschaft du ehrlich sein kannst zu dir selbst. Fällt dir da jemand ein?“

Du musterst mich nachdenklich. „Wie kann ein so junges Menschen-Wesen wie du so schlau sein?“, willst du wissen.

Wieder muss ich lachen, was dir zu gefallen scheint.

„Ja, mir fällt tatsächlich jemand ein“, fährst du dann fort. „Auch wenn ich nicht weiß, ob dieser jemand mir verzeihen kann…“

Ich sehe dich gespannt an; warte, worauf du hinauswillst.

„… Jemand, zu dem ich zurückgekehrt bin, weil ich bereits nach wenigen Stunden allein in den Neun Welten wusste, dass ich sonst nirgendwo hin kann, nirgendwo hin will… weil ich wusste, dass ich mich nirgendwo mehr zuhause fühle…“

Du greifst nach meiner Hand. Nie habe ich sie dir lieber gereicht als in diesem Moment.

„… als hier, bei dir…“