Licht und Schatten - ein Wintermärchen

GeschichteAllgemein / P16
25.07.2016
13.07.2017
10
12120
1
Alle
5 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
Hallo ihr Lieben!

Hier nun (endlich!) der letzte Teil dieses Kapitels, den ich Miss-Cheshire widmen möchte - danke nochmals für die liebe Review!

Es werden sicherlich noch weitere Kapitel folgen, nur kann ich momentan schwer abschätzen, wann das genau sein wird. Daher muss ich auch weiterhin auf eure Geduld hoffen... ihr seid die besten!!

Und nun viel Spaß beim Lesen!

Liebe Grüße,
Ithilarinia

____________________________________________________________________________________________________






Ich weiß nicht, wie lange wir schon so da stehen. Vermutlich nur ein paar Augenblicke. Für mich könnte es ewig sein. So kitschig das vielleicht auch klingen mag, aber in den Armen von jemandem, den man liebt, zu sterben, scheint mir ein gutes Ende zu sein.
„Wieso redest du vom Sterben?“, murmelst du tadelnd in mein Haar.
Habe ich das soeben laut gesagt? So etwas passiert mir doch sonst nie...
„Du zitterst ja...“, stellst du in diesem Moment fest. Da erst fällt mir auf, wie unendlich kalt mir ist.
Du nimmst deine Hände von meinem Rücken und schiebst mich an den Schultern ein kleines Stück weg, um mir ins Gesicht blicken zu können. Täusche ich mich etwa oder siehst du besorgt aus?
„Ich bin nur müde, das ist alles“, beantworte ich deine nicht ausgesprochene Frage.
„Das ist ja auch keine Uhrzeit für dich...“ Scheinbar vorwurfsvoll, wie mit erhobenem Zeigefinger, schaust du mich an. „Du solltest wieder schlafen gehen.“
Deine Fürsorglichkeit rührt mich und doch kann ich mir einen Scherz nicht verkneifen: „Versuchst du etwa, mich ins Bett zu kriegen?“ Ich grinse dich frech an.
Du lächelst eines deiner unergründlichen Lächeln. „Das hättest du wohl gerne...“
„Mir wäre tatsächlich lieber, du würdest mitkommen...“, rutscht es mir heraus, noch bevor ich darüber nachdenken kann. Mein Unterbewusstsein weiß eben besser als ich, was gut für mich ist. Der Gedanke, alleine wieder im Bett zu liegen und Alpträume zu haben, ist mir mehr als nur unangenehm.
Und doch wünschte ich, ich hätte das soeben nicht gesagt. Keine Ahnung warum, aber mein Gefühl sagt mir, dass ich irgendeinen spöttischen Kommentar deinerseits erwarten kann, eine dieser spitzen, scharfzüngigen Bemerkungen, die ich jetzt absolut nicht gebrauchen kann.
Doch erneut überraschst du mich, als du ohne irgendwelche Einwände tatsächlich einwilligst, mich zu Bett zu bringen.
Das ist ganz eindeutig die verrückteste Nacht meines bisherigen Lebens!

Als ich unter der Bettdecke liege, rutsche ich ein Stück zur Seite und bitte dich: „Kannst du dich zu mir setzen?“
'Oder noch besser: legen', füge ich in Gedanken hinzu, traue mich aber nicht, es laut auszusprechen. Ich bin generell nicht ein Mensch, der so etwas schnell sagt und bei dir habe ich das Gefühl, mit meinen Äußerungen noch vorsichtiger sein zu müssen. Ich kann einfach immer noch so schwer einschätzen, wie du auf was reagierst...
Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken lässt du dich neben mir nieder.
„Du kannst jetzt schlafen“, sagst du und streckst die Hand aus, um das Licht auszuschalten. Wie reflexartig hebe ich meine Hand, um dich daran zu hindern. Ich habe Angst vor der unendlichen Dunkelheit, Angst vor den Träumen; Angst, dich wieder zu verlieren.
Du siehst mich einen Moment lang prüfend an, dann – als ob du meine Gedanken lesen könntest – fügst du hinzu: „Ich werde noch hier sein, wenn du aufwachst.“
Ich nicke erleichtert und bemühe mich, mir diesen Satz gut einzuprägen. Dann schließe ich die Augen und versuche mich zu entspannen. Ganz langsam und vorsichtig rücke ich ein Stück näher an dich heran. Mit deinem Duft in der Nase schlafe ich schließlich ein.

Nicht lange und ich sehe dich wieder über dem Abgrund hängen. Ich sehe Thor, der dich festhält, der dich immer festhalten wird. Ich sehe Odin, der noch immer nur ein „Nein Loki“ zu bieten hat. Und ich sehe dich fallen...
Zum wiederholten Mal in dieser Nacht schrecke ich mit hämmerndem Herzen aus dem Schlaf hoch, Adrenalin rauscht in meinen Ohren und doch fühle ich mich wie gelähmt.
Tastend strecke ich meine Hand dir aus, doch da ist nichts; die Stelle, an der du gesessen bist, ist leer. Du bist fort!
Rasant breitet sich Panik wie Fieber in meinem ganzen Körper aus. Mein Hals ist wie zugeschnürt, ich zittere wie Espenlaub und mein Herz schlägt noch schneller, was eigentlich gar nicht möglich sein sollte. Es kommt mir so vor, als könnte ich nicht mehr atmen, als würde ich keine Luft mehr kriegen. Täusche ich mich etwa oder tanzen da schon schwarze Punkte vor meinen Augen? „Also sterbe ich doch allein...“, dramatisieren meine ungezügelten Gedanken die Situation noch zusätzlich. „Das ist das Ende...“
In diesem Moment geht die Tür auf. Ich erschrecke mich zu Tode – mein Herz macht einen Satz, als wolle es mich endgültig verlassen.
„Da ist man mal einen Moment nicht da und schon geht alles den Bach runter...“, kommt es zynisch von dir.
Ich würde gerne lachen, aber mir ist viel mehr nach weinen zumute. Stattdessen beschränke ich mich auf ein Wimmern.
Du machst das Licht an. Als du meinen Gesichtsausdruck siehst, ist der Spott in deiner Mimik auf einmal wie weggeblasen und du seufzt. „Anderer Vorschlag: Wie wäre es mit ein wenig frischer Luft? … Nein, weißt du was, ich frage dich gar nicht – ich entführe dich jetzt einfach...“

Meine Gedanken beginnen erst wieder aufzutauen aus dem Panikzustand, als wir durch die Haustür in die frische Luft hinaustreten.
Angesichts meiner Wortlosigkeit und meiner „Starre“ hast du mir mit einer erstaunlichen Geduld und Einfühlsamkeit beruhigend zugeredet, während du darauf geachtet hast, dass ich mich warm genug anziehe. „Immerhin will ich ja nicht Krankenpfleger spielen müssen...“, hast du gescherzt, doch mir war klar, dass deine Motive tatsächlich nicht ganz so egoistischer Natur waren. Und als wir nun ins Freie treten und ich wieder klarer denken kann, schwöre ich mir, dich in Zukunft nicht mehr zu unterschätzen.
Mittlerweile ist es schon fast hell. Es schneit leicht und auf dem Boden liegen bereits mehrere Zentimeter Schnee.
Du nimmst meinen Arm und hakst ihn bei dir ein. Ob du wohl weißt, wie gerne ich das mag?

„Besser?“, fragst du nach einigen Minuten, in denen du mich nicht aus den Augen gelassen hast, während sich mein Herzschlag und meine Gedanken beruhigt und zu einer herrlichen Friedlichkeit zurückgefunden haben.
Ich nicke und lächle dich an. „Ich danke dir...“ Eigentlich will ich mehr als das sagen, viel mehr, doch momentan fehlen mir die Worte dazu.
Du siehst mich an, als ob du ganz genau wüsstest, was in mir vorgeht. Dann lächelst du zurück. „Gern geschehen.“
Da muss ich plötzlich an mein Lieblingsmärchen denken, die Schöne und das Biest. Also nicht, dass das auf uns zutreffen würde, denn du bist eindeutig viel schöner als ich und als „Biest“ würde ich keinen von uns beiden bezeichnen. Aber der Schneefall, die leicht romantische Stimmung, die Zweisamkeit... das hat schon was für sich...
In diesem Moment rutsche ich aus und versuche mich instinktiv an dir festzuhalten. Das hat jedoch zur Folge, dass auch du das Gleichgewicht verlierst und wir beide zu Boden gehen, wobei ich es irgendwie schaffe, auf dir zu landen.
Zunächst siehst du genervt aus, als würdest du dich gleich über meine Tollpatschigkeit lustig machen oder so. Doch dann beginnst du auf einmal lauthals zu lachen. Ein Anblick, der mir ein Lächeln entlockt; ein Anblick, der mich mehr als glücklich macht. Wenn ich dich so vor mir sehe, mit deiner hellen Haut, dem kohlschwarzen Haar und den funkelnd grünen Augen im Schnee liegend, dann weiß ich, dass ich nirgendwo lieber wäre als hier und jetzt bei dir.
„Du bist so wunderschön...“, hauche ich, denn dieses Gefühl muss einfach raus aus mir. „Du bist mein Schneewittchen...“
Du hast aufgehört zu lachen, lächelst mich aber zufrieden an. Kein Kommentar, dass du nicht mein Besitz wärst. Keine Ausflucht, um dieser Situation zu entkommen.
Doch auf das, was stattdessen kommt, bin ich ganz und gar nicht vorbereitet. „Dann musst du wohl mein Prinz sein...“, flüsterst du und streichst mir nachdenklich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Mein Atem stockt. Ich könnte ewig so hier liegen mit dir. Ewig und für immer.
Obwohl ich weiß, dass ich den Moment dadurch zerstöre, muss ich unbedingt noch etwas loswerden: „Loki, das mit dem Eisriesen, das war echt nicht so gemeint. Es ist mir doch ganz egal, was du bist – weil ich nämlich weiß, wer du bist... Und du bist nirgends schöner als im Schnee...“
Okay, ganz so hatte ich mir das nicht vorgestellt...
Du grinst mich belustigt an. „ Na gut... ich verzeihe dir... unter einer Bedingung...“
„Alles, was du willst“, entgegne ich ohne zu zögern.
Fragend hebst du eine Augenbraue. Im nächsten Moment stehen wir beide wieder auf den Beinen. Du siehst mich an, der Schalk in deinen Augen lässt sie noch mehr funkeln. „Fang mich!“ Und schon stürmst du los, den Schnee um dich herum aufwirbelnd, dass er um dich herumtanzt.
Ich muss lachen, dann folge ich dir. „Na warte, ich krieg' dich schon...!“