Aderlass

von IOU
GeschichteDrama, Freundschaft / P18
Dr. Bedelia Du Maurier Dr. Hannibal Lecter Jack Crawford Will Graham
24.07.2016
06.09.2016
8
45111
6
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Hallo!

Ich habe mich hinreißen lassen und stelle euch hiermit meine erste umfangreichere Geschichte zu Hannibal vor! Nicht ganz so umfangreich vielleicht, zwischen 6 und 7 Kapiteln wird sie umfassen, je nachdem wie ich alles verpackt bekomme, was ich so plane!^^

Ich setze mit dem ersten Kapitel während des Mordes an Randall Tier an und auch das Gespräch in diesem Kapitel entstammt nicht meiner Feder(lediglich alles drum herum), sondern ist wortwörtlich der Serie entnommen. Alles Folgende wird aber von mir sein, denn nach diesem Vorfall verläuft meine Geschichte alternativ.

Ich wünsche euch beim Lesen genauso viel Spaß wie ich beim Schreiben habe!
Über jegliche Rückmeldungen und eure Meinung freue ich mich natürlich immer und sehr!
So, nun legen wir aber los!



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Setzt an: 02x09 „Raubtier Mensch“



Aderlass



Kapitel 1 – Mordlust



Als Buster nach draußen in den Schnee lief, schlug Wills Herz ihm bis zum Hals.
Der kleine Terrier war schon immer ein Inbegriff seiner eigenen Natur: kernig, impulsiv, mutig und selbstbewusst. Letzteres ufert hin und wieder in Selbstüberschätzung aus und so stürmte er der erkannten Gefahr entgegen, statt wie die anderen Hunde in der Sicherheit des Hauses zu bleiben.

Aber wie sicher ist das überhaupt noch?
Ist es ein schützender Raum oder eine Lebendfalle, in der der Jäger seine Beute ganz bequem erlegen kann?

Buster lebendig vorzufinden, bereitete ihm ein seltenes weil positives Gefühl, trotz der Verletzung, die er sich eingehandelt hatte.
Will ist kein Tierarzt, aber der Kleine ein zäher Bursche, der die Wunde mit entsprechender Versorgung überleben wird. Er ist froh darum, denn seine Reaktion auf alles andere könnte er nicht mal erahnen.

Diese Tiere bedeuten ihm viel und sind eine der wenigen Konstanten in seinem Leben. Im Gegensatz zu Menschen, die einem stets mit einer gewissen Absicht begegnen, sind Hunde vorbehaltlos und ehrlich. Man bekommt was man sieht, zu manipulieren ist ihnen fremd und das bewundert Will wie niemand sonst.
Die Klarheit, mit der seine Hunde ihm gegenübertreten, ist von unschätzbarem Wert, wo er selbst sich schrecklich verwaschen und uneins fühlt.
Manchmal sind sie roh, aber nie grausam.
Konsequent, aber nicht erbarmungslos.
Aggressiv, aber nie grundlos.
Zu Mitleid sind sie nicht in der Lage und nehmen dennoch so oft Anteil.
In ihrem Tiersein sind sie die besseren Menschen, wohingegen der Mann, der zwischen den kahlen Bäumen heimlich um sein Haus herum durch den Schnee schleicht, weder das eine noch das andere ist.

Will nahm seine Präsenz für den Bruchteil einer Sekunde so deutlich wahr, als hätte er ihn gesehen – bloß nicht mit den Augen.

Sich selbst sieht Randall Tier als Mischwesen an, strebt jedoch nach Reinheit, nach der Transformation in ein Tier was er als seine wahre Natur erachtet. Und das, obwohl er sich mit jedem Schritt auf diesem Weg immer weiter davon entfernt und stattdessen zu einer der ursprünglichsten Formen des Menschen wird.
Reduziert auf Instinkte und Zerstörungswut, seinen nutzlosen Körper in ein prähistorisches Exoskelett gehüllt und mit fremden Waffen bestückt, will er nichts weiter als zerfleischen, töten und somit seine niedersten Triebe befriedigen.
Er ist Hannibals Produkt, ein weiteres Kind aus dem Geiste des Doktors, dessen Potential er erkannte und ausschöpfte. Er formte ihn zu der schlimmsten Version seiner selbst, so wie er es von Anfang an auch mit Will vorhatte - nur dass er das nicht zulassen wird.

Es fühlt sich an, als würde er sich in eine der tiefsten und dunkelsten Ecken seines eigenen Verstandes zurückziehen, als er auch die letzte Lampe ausgeschaltet hat und mit der Flinte in der Hand wartet.
Nein, er wartet nicht, akzeptiert seine Rolle als Opfer ganz einfach nicht, sondern legt sich stattdessen selbst auf die Lauer.
Ein Raubtier erwartet das andere und am Ende wird es nur eines von beiden überleben können.
Randall Tier bewegt sich auf fremdem Terrain, aber diesen Trumpf benötigt Will gar nicht. So sicher der Eindringling sich fühlt, so unwissend ist er auch mit wem er sich anlegt.

Ihm ist bewusst, dass nicht der Zufall ihn als nächstes Opfer von Randall auserkoren haben kann, sondern dass jemand im Hintergrund die Fäden zieht.
Dies hier ist eine Nachricht und sie trägt so unmissverständlich und aufdringlich Hannibals Handschrift, dass es geradezu ekelhaft penetrant ist. Als hätte er das Briefpapier zuvor mit seinem Aftershave getränkt.
Das ist keine Racheaktion geschweige denn der Wunsch, ihm wirklich zu schaden. Wie alles was Hannibal tut, dient das hier einem ganz bestimmten Zweck.
Es ist die nächste Stufe, die Will erklimmen soll und dazu bringt er ihn in eine Lage, die ihm gar keine andere Wahl lässt, als diesen wichtigen Schritt tatsächlich zu machen.
Er verspürt deswegen Ärger und bewundert gleichzeitig die Akribie und Kompromisslosigkeit, mit der er seine Pläne in die Tat umsetzt.

Die Dunkelheit umschließt ihn, nimmt ihn auf wie einen alten Freund und er spürt irgendwo in seinen Untiefen, wie sein Gehirn Adrenalin ausschüttet und so seine Sinne schärft.
Alles Banale gleitet weg, er kann keinen einzigen Gedanken mehr im Kopf ausformulieren, besteht nur noch aus Gespür und verarbeiteten Umweltreizen.
Es ist keine Angst, die seinen Körper flutet und auf das Kommende vorbereitet, sondern etwas anderes. Will kann es nicht benennen, aber es ist der Furcht durchaus artverwandt. So wie Liebe und Hass, die grundverschieden und sich dennoch so unglaublich ähnlich sind.

Flucht ist keine bestehende Option, Kampf die einzig verbleibende Möglichkeit und er will ihn.
Er lechzt förmlich danach, Randall Tier zu entschärfen wie eine Bombe, die sonst unüberschaubar viele Menschenleben fordern wird.
Außerdem wird er hoffentlich ein würdiger Ersatz für Clark Ingram sein, dessen Ermordung Hannibal ihm verwehrte.
Aber nicht nur dafür wird Randall Tier zum austauschbaren Lückenbüßer degradiert, er soll nicht bloß Peter Bernadones Sozialarbeiter substituieren, sondern auch dem Zweck der Auslebung einer anderen Fantasie dienen: nämlich Hannibal selbst umzubringen.
Mit Vorstellungen ist es allerdings immer so eine Sache. Manche sollte man ausleben und einige besser niemals in die Tat umsetzen. Wozu diese gehört, kann Will sich selbst noch nicht beantworten.

Das Herz schlägt ruhig und äußerst kraftvoll in seiner Brust, treibt das Blut unaufhaltsam durch seine Adern und nährt seine Muskeln mit Sauerstoff, den sie so dringend brauchen. Er ist angespannt wie eine Sprungfeder. Jederzeit bereit loszuschlagen und doch beherrscht er diese Potenz mit solcher Leichtigkeit, als wäre auch er selbst kein menschliches Wesen mehr.
Die Stille seines Geistes gleicht sich der in seinem Haus an, nicht mal die Hunde geben mehr einen Mucks von sich.

Die Dunkelheit dringt durch jede einzelne Körperöffnung in ihn ein und scheint ihn mit Kraft zu speisen.
Er ist bereit. Bereit für alles was da auch kommen mag und gleichermaßen bereit, den letzten Schritt zu tun.
Sein Blick ist starr auf die Eingangstür gerichtet, die Waffe liegt locker in seiner linken Hand. Er muss sie nur heben und schon wird Randall Tiers vermeintlicher Vorteil auf einen Schlag nutzlos sein.

Keine Aufregung, keine Furcht und kein Entsetzen, nur leidenschaftslose Beherrschtheit und abgeklärtes Selbstvertrauen erfüllen ihn.
Die Stille wird lautlos, zieht sich in die Länge und dehnt sich aus. Wills Geduld scheint endlos und dann verwandelt der Moment sich innerhalb eines Herzschlages, wird von Aktivität überflutet wo er ihn vorher in die Passivität zwang.

Noch ein Punkt, in dem die Tiere dem Menschen weit voraus sind, ist die angeborene Wahrnehmung von Gefahr.
Ein Bellen zur Seite lenkt seine Aufmerksamkeit rechtzeitig in die Richtung aus der der Angriff kommt.

Noch ehe seine Augen sich vollständig auf die akute Bedrohung richten können, zerbricht die Fensterscheibe unter der Wucht des Sprunges eines Wesens, das halb Mensch und halb Monster ist. Scheinbar mühelos durchdringt es die Scheibe.
Keine Gedanken halten Wills Verstand auf, sodass er sofort und ausschließlich instinktiv reagieren kann.

Ihm bleibt keine andere Möglichkeit, als sich nach vorn fallen zu lassen.
Dabei dreht er seinen Körper halb um die eigene Längsachse, um dem Angreifer nicht den Rücken zuzuwenden.
Zuverlässig spannen die Muskeln in seinem Rumpf sich an, sodass seine Schultern sich vom Boden lösen und ihm so eine Haltung gestatten, in der er die Waffe einsetzen kann. Diese hält er noch immer in Händen und wie von allein richtet er sie nun auf den Eindringling, klammert sich förmlich daran fest.

Er müsste lediglich abdrücken, um die Sache schnell und schmerzlos über die Bühne zu bringen, aber was er da ins Visier genommen hat, ist nicht länger Randall Tier oder eine andere Form dieser gestörten Person.
Will erhebt sich, kommt wieder auf die Beine und traut seinen Augen kaum. Er kann sie aber auch nicht von dem abwenden, was er so deutlich vor sich sieht als wäre es die Realität.
Noch immer richtet er die Waffe auf dieses Wesen, hält damit den Abstand zwischen ihnen aufrecht.

Die Welt hat neben allen Farben nun auch noch die Geräusche eingebüßt.
Es ist nicht das erste Mal, dass Will diese Traumgestalt sieht ohne dabei zu schlafen.
Ein humanoides Wesen, doch abnorm in Erscheinung - mit tiefschwarzer Haut und einem imposanten Hirschgeweih auf dem Haupt.
Seelenlos, mit milchig weißen Augen und bar jedes Zeichens von Bewusstsein strahlt es das schwarze Licht des Todes und der Verderbtheit des Lebens aus.
Es trägt Hannibals Gesichtszüge, verkörpert Wills schlimmste Alpträume und birgt zugleich eine gespenstische Anziehungskraft in sich.

Sein Geist zieht sich bei diesem Anblick zusammen, verkrampft schier und doch schreckt dieses Bild ihn nicht ab, sondern weckt seinen Kampfeswillen.
In diesem Augenblick, der sich selbst erschaffen hat, wird ihm bewusst welche Gelegenheit sich ihm hier bietet. Und er ist willens sie auch zu nutzen.

Ihm wird klar, dass er diese Schusswaffe in seinen Händen nicht benötigt. Sie ist nutzlos, ungeeignet für seine Absichten. Und so löst er sich von diesem Klumpen todbringenden Metalls, wirft es achtlos von sich und gibt gleichzeitig dem Vorwärtsdrang seines Leibes nach.
Er ist nicht länger nur bereit, sondern will es.
Er will es so sehr, dass es ihn willenlos macht.

Und als wäre das Wegwerfen der Flinte ein lautloser Startschuss gewesen, kommt Leben in diesen Dämon und er geht zum Angriff über.
Der Kampf um Leben und Tod ist entfacht worden, der Gong wurde geschlagen, nur dass es weder Regeln noch einen Schiedsrichter gibt. Alles ist erlaubt, nichts darf unversucht bleiben.

Dem ersten Hieb seiner klauenbewehrten Pranke muss Will ausweichen und prallt mit dem Rücken gegen die Wand. Noch immer geht sein Atem gleichmäßig und ruhig, sein Herz verrichtet stoisch den nötigen Beitrag in seiner Brust.

Das Wesen folgt seiner Bewegung blitzschnell und stößt den Kopf in seine Richtung, sodass das Geweih neben seinem Kopf in der Wand steckenbleibt.
Will greift mit beiden Händen danach, spürt die Grabeskälte wie einen winterlichen Hauch durch seine Finger bis in die Unterarme dringen und nun ist das Gesicht des Wesens ihm so nah wie nie zuvor.
Geballte Leere, wie ein Vakuum saugt es jeden Rest von Zweifeln aus ihm heraus und macht ihn noch entschlossener.
Er spannt die Muskeln in seinen Armen an, zwingt sie zur Arbeit und sich gegen diesen übermenschlichen Sog zu stellen, der ihn sonst mit Haut und Haar verschlingen wird.

Es artet in ein Kräftemessen aus, aus dem er als Sieger hervorgeht und das Biest von sich stoßen kann.
Ohne Unterbrechung stemmt er sich von der Wand in seinem Rücken weg und fällt über seinem Feind auf die Knie.
Er spürt den Drang nach Gewalt, den Wunsch nach Vernichtung in sich brodeln und ergibt sich diesem. Der erste Schlag löst den Knoten in seinem Innern, gebiert weitere und wiederholt sich unzählige Male.
Es ist ein berauschendes Gefühl, die Oberhand zu haben, sich einfach hinzugeben und treiben zu lassen. Keine Verantwortung für Taten, keine drohenden Konsequenzen, keine festgefahrenen Moralvorstellungen, die ihn dabei behindern seine Bedürfnisse auszuleben. Und vor allem keine Hemmungen mehr.
Das alles ist wie weggespült, als wäre es nie wirklich da gewesen oder schon so lange fort, dass er sich nicht mehr daran erinnern könnte.

Es ist ein Fest.
Eine Ekstase aus Gewalt und Wonne an selbiger.

Das Wesen wechselt während dieser Orgie seine Gestalt, wird zu dem so verhassten Doktor und es tut unbeschreiblich gut, das Blut zu sehen, welches die eigenen Fausthiebe in die Welt befördern. Er will ihn verletzen, ihn erniedrigen, ihm zeigen wer der Stärkere ist.
Die eigene Erhabenheit auszukosten muss in einer finalen Tat gipfeln: der Tötung.
Die Auslöschung dieser widernatürlichen Existenz entspringt dem Affekt genauso wie er sich dafür entscheidet.

Will spürt die feinen Sprenkel des schwarzen Blutes auf seinem Gesicht als wären sie echt. Sie sind eine Zierde, wie Kriegsbemalung und gleichzeitig eine Mahnung an alle, die ihn da noch herausfordern mögen.
Er greift nach dem Geweih und die Kälte versengt seine Hände abermals. Trotzdem packt er fest zu und bricht dem Untier mit einer schnellen, ruckartigen Bewegung das Genick.

Dieser Akt markiert den Wendepunkt einer unwirklichen Situation und er spürt, wie die heiße Wut sich schlagartig abkühlt; wie die Lava erstarrt, die sich unaufhaltsam von seinem Rückenmark durch die gesamte Wirbelsäule zu walzen schien.
In diesem Moment des Abklingens verschwindet die Illusion und die Realität offenbart sich ihm mit unterkühlter Nüchternheit.

Zu seinen Füßen liegen weder Hannibal noch das bösartige Trugbild, welches dessen Inneres sehr viel treffender spiegelt als seine tatsächliche Gestalt.
Es ist Randall Tier, der, noch immer in seine Verkleidung gehüllt, leblos vor ihm weilt.
Seine Augen sind gebrochen, starren blind ins Leere.
Sie sehen nichts mehr. Nie wieder. Und Will bedauert beinahe, den Moment nicht bewusst miterlebt zu haben, in dem das Licht in ihnen erlosch.

Er nimmt einen tiefen Atemzug, füllt seine Lungen bis zum Bersten mit Luft und straft damit den strengen, unverwechselbaren Geruch nach Tod Lügen, der ihn umwabert wie pechschwarzer Nebel.

Die Befriedigung pocht heiß durch seinen Körper und erfüllt ihn mit einer Ruhe, die nicht von dieser Welt zu sein scheint und nichts mit Stille zu tun hat. Seine Mundwinkel heben sich und formen ein kühles Lächeln.
Er schließt die Augen, badet in diesem Gefühl und erlaubt sich sogar, sich buchstäblich darin zu wälzen, weil niemand ihn dabei sehen kann.
Dieser betörende Genuss ist unbeschreiblich und sicher war es das, was der Doktor für ihn gewollt hat.
Die Häme, die in dieser Absicht wohnt, ist nicht von Bedeutung.
Das Ergebnis zählt.

Will kann Hannibals Stimme in seinem Kopf hören. Nicht mehr als ein Flüstern hinter seinen Augen. Er versteht die Worte nicht, nicht mal den Tonfall und trotzdem sind sie da. Sie sind immer da.

Die beste Möglichkeit ihnen zu begegnen, ist Hannibal zu begegnen – in der Wirklichkeit.


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Im Vergleich zu der Tat an sich war es nicht einfach, Randall Tiers leere Hülle in Dr. Lecters Haus zu verbringen und Will erfüllt eine gewisse Genugtuung, als er den Leichnam schließlich auf dem Esstisch platziert hat.
Jetzt ist er an seinem vorbestimmten Platz, dort wo er hingehört.

Er weiß nicht, wie lange er hier auf die Rückkehr des Bewohners warten muss, aber es gehört genauso zum Prozess wie alles andere.
Umtriebig und doch bewegungslos verharrt er am Kopf der Tafel, den Eingang stets fest im Blick – nicht nur Hannibal findet Gefallen an theatralischen Auftritten.

Als er schließlich die Tür gehen und den Schlüssel klappern hört, steigt eine unaufgeregte Form der Vorfreude in ihm auf und erzeugt ein Prickeln auf seiner Haut.
Hannibal betritt das Speisezimmer und wie erwartet richten seine Augen sich sofort auf Randalls Leiche.

Nichts in seinem Gesicht weist darauf hin, dass er Bedauern über dessen Ableben empfinden würde.
Überhaupt zeigt er keinerlei Regung, trägt eine Maske der stillen Beherrschtheit zur Schau und dreht sich dann sogar um, um zunächst die Tür zu schließen.
Kein Wunder eigentlich, immerhin schickte er ihn höchstselbst in den nahezu sicheren Tod. Ihm muss klar gewesen sein, dass aus dieser Konfrontation nur einer lebend hervorgehen könnte und sein Lieblingsspielzeug hätte er garantiert nicht ernsthaft in Gefahr gebracht.
Will weiß nicht, ob er sich geehrt fühlen oder verhöhnt vorkommen soll.

„Ich denke, die Rechnung ist beglichen. Ich schicke einen Mörder zu Ihnen, Sie schicken einen Mörder zu mir“, beginnt er und hebt dann den Blick, um Hannibal direkt anzusehen. „Damit sind wir quitt.“

Ein leichtes Nicken ist zunächst alles was er als Antwort erhält.
Ist er amüsiert oder empfindet er vielleicht sogar so etwas wie Stolz?
Will vermag es nicht einzuschätzen und das ist in diesem Moment auch nicht von vorrangigem Interesse für ihn.

„Betrachten Sie es als ein Geben und Nehmen“, erwidert er schließlich.

Auf diese Aussage hin prustet Will lustlos auf.

„Normalerweise ist es ein Tabu für die feine Gesellschaft, jemandem das Leben zu nehmen.“

„Ohne den Tod wären wir ratlos. Erst die Erwartung des Todes treibt uns zu Größerem an“, sagt Hannibal und macht eine kurze Pause. „Haben Sie ihn mit den Händen getötet?“

„Es war...“, beginnt Will und schaut auf die Fingerknöchel seiner rechten Hand.

Den brennenden Schmerz, der diese durchzieht, spürt er seltsamerweise erst jetzt, wo das Adrenalin nicht mehr in hohen Dosen durch sein Blut gepumpt wird.
Er öffnet und schließt seine Faust vorsichtig und fühlt mit Wohlwollen, dass es sehr wehtut.
Der Schmerz ist ein Zeuge – falls die Leiche auf dem Tisch nicht mehr genügen sollte.

„...innig“, verlässt das in seiner Vorstellung passendste Wort dafür seinen Mund, was zwischen Randall und ihm vorgefallen ist.

„Es hat Innigkeit verdient“, antwortet Hannibal und kommt zu ihm. „Sie waren Randall Tiers endgültiger Feind.“

Ganz langsam, fast schon behutsam greift er nach seiner verletzten Hand und hebt sie ins Licht, um die Blessuren in Augenschein zu nehmen.

Es erzeugt Ekel in Will, dass er sich so widerstandslos von ihm berühren lässt und gleichzeitig erwärmt es sein totes Herz auf eine Weise, die ihn an seiner Integrität zweifeln lässt.
Er bringt es nicht über sich, Hannibal anzusehen. Seine Bedenken, wozu diese Nähe ihn bringen, wozu das dumpfe Donnern in ihm anschwellen könnte, sind einfach zu groß.

Eine flaue Ermattung ergreift plötzlich von ihm Besitz und führt ihm die eigene Erbärmlichkeit allzu deutlich vor Augen.
Es ist nicht gut, dass er in die vorgefertigten Fußstapfen getreten ist und keine eigenen hinterlassen hat. Er hätte sich nicht so vorbehaltlos in sein Schicksal ergeben und genau das tun dürfen, was Hannibal von ihm erwartete.
Nur weil er sich der Einflussnahme und Lenkung bewusst war, ändert das nichts am Resultat. Zum Umkehren ist es zu spät, er kann nicht mehr zurück und obwohl es ihn dem Erreichen seines Ziels näher bringt, fühlt es sich nicht wie ein Erfolg, sondern wie das genaue Gegenteil an.
Er hat einen Fehler begangen und den entscheidenden Schritt getan, hat die Schwelle überquert und ihr Verhältnis auf die nächst höhere Stufe erhoben. Er hat für Hannibal gemordet.

Dass es so weit kommen konnte, hat er allein zugelassen genauso wie er jetzt zulässt, dass der Doktor mit warmem Wasser das Blut von seinen Wunden wäscht.
Er starrt auf die Hände, die das Leben unzähliger Menschen beendet haben und sich nun beinahe rührend um seine aufgeschürften Knöchel kümmern.
Er schwankt und wünscht sich zum ersten Mal seit Langem wieder in einen anderen Körper, in einen anderen Geisteszustand hinein.
Vielleicht verbringt er deswegen so viel Zeit in fremden Köpfen. Weil er die eigene Gesellschaft kaum ertragen kann, gerade jetzt spürt er diesen Umstand wieder mit erdrückender Deutlichkeit.

„Nicht nach innen gehen, Will“, ermahnt Hannibals Stimme und reißt ihn so aus seinen Gedanken. „Sie wollen sich zurückziehen. Sie wollen es, so wie uns der Glanz der Schienen verlockt, wenn wir den kommenden Zug hören. Bleiben Sie bei mir.“

„Wohin sollte ich sonst?“, fragt er resigniert, seine Gedanken ziehen ihn mit sich in finstere Tiefen, wie ein Senkblei.

„Sie können überall hin“, erwidert Hannibal und wickelt fast schon andächtig einen Verband um seine rechte Hand. „Sie sollten hochzufrieden sein. Ich bin es.“

„Das ist mir klar“, gibt Will leise und bitter zurück, seine Augen richten sich dabei noch immer auf das fortschreitende Bandagieren.

Hannibal hält kurz inne und er kann erahnen, wie sich der nächste Gedanke in seinem Kopf manifestiert. Will weiß bereits was er jetzt sagen wird, bevor er überhaupt den Mund geöffnet hat.

„Als Sie Randall getötet haben, haben Sie da fantasiert Sie würden mich töten?“

Und nun kann Will dem Drang nicht länger widerstehen, schlägt die Augen nieder und wendet sich dann Hannibal zu, um diesen anzusehen. Dabei läuft ihm ein undefinierbarer Schauer über den Rücken.
Er fühlt sich wie gelähmt und kann nicht antworten. Jede Stärke und all das Selbstvertrauen, welches ihn vor kurzem noch durchflutete, ist verschwunden. Er fühlt sich bloßgestellt und ertappt.

„Der Großteil unserer Taten, das Meiste woran wir glauben, ist im Tod begründet“, fährt der Doktor fort, scheint genau zu wissen, dass Will noch einen kleinen Stein des Anstoßes benötigt.

„Ich habe mich lebendiger denn je gefühlt, als ich ihn getötet hab“, haucht er annähernd tonlos.

Die Worte kamen einfach so aus seinem Mund, er konnte nichts dagegen unternehmen. Diese Dinge beunruhigen ihn zutiefst und er ist sich bewusst, dass er mit niemandem außer Hannibal darüber sprechen kann.
Es bleibt abzuwägen, ob er das alles allein verkraften könnte oder diese Verbalisierung ihm hilft und er sich dadurch besser fühlen kann, wenn er sich offenbart. Und ob es richtig wäre, sich besser zu fühlen...

Ein zufriedener Ausdruck legt sich auf das Gesicht des Doktors und ein Schmunzeln umspielt seine Mundwinkel, als er sich wieder dem Verband widmet.

„Dann sind Sie Randall Tier etwas schuldig“, sagt er mit etwas in der Stimme, das man beinahe als Erheiterung beschreiben könnte. „Wie vergelten Sie es ihm?“

Und es ist, als würden diese Worte einen weiteren Vorhang lüften und Will könnte nun endlich sehen, was sich dahinter befindet, wo er vorher schon so lange ergebnislos versucht hatte, einen Blick zu erhaschen.
Er dreht den Kopf, seine Lider flattern, doch er gestattet sich selbst nicht die Augen davor zu verschließen. Stattdessen sieht er die Leiche an, die nach wie vor auf dem ausladenden Esstisch liegt.
Ihm ist klar, was aus Randall Tier werden muss, damit sein Tod eine höhere Bedeutung als das bloße Befriedigen eines Triebes erhält.

Will wird das tun müssen um die Täuschung echt wirken zu lassen, um die Tarnung aufrechtzuerhalten, mit der er Hannibal gegenübertritt.
Doch er ist nicht sicher, wie viel von ihm selbst unter dieser Tarnung übrig ist und ob es überhaupt noch etwas anderes als dieses Trugbild gibt.
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