Schockstarre

OneshotFreundschaft, Tragödie / P16
Falcon / Samuel "Sam" Wilson OC (Own Character)
23.07.2016
23.07.2016
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Schockstarre


Irgendwo im Nahen Osten, 2012

„Du stellst dich heute aber ganz schön an, Mann!“
Rileys Stimme klang durch das Headset ziemlich verzerrt und er musste nicht das erste Mal deswegen sehr breit grinsen.
„Das sagt der richtige“, erwiderte Sam lachend und beobachtete Riley, wie der bereits mit dem Exo-7 Falcon durch die Lüfte flog. Diese Anzüge waren wirklich ein Wunderwerk der Technik und er war froh, dass er damit fliegen durfte.
Er fühlte sich sogar geehrt. Denn diese Teile waren ziemlich teuer. So teuer, dass er seine Flügel mehr als pfleglich behandelte. Im Schadensfall wollte er definitiv nicht der Idiot sein, der die Kosten tragen musste.
„Kommst du jetzt hoch, oder willst du dich weiter zieren, Prinzessin?“ rief Riley wieder in das Headset und er fühlte sich ein wenig auf den Arm genommen. Aber er war erleichtert, dass er mit Riley als seinem Flügelmann so eine Frohnatur erwischt hatte.
Der Krieg war ernst genug und auch ihr Einsatz hier drüben im sogenannten Nahen Osten bot wenig Abwechslung als Wachdienste, kurze Rettungsaktionen, die vor der Presse geheim gehalten wurden und eben die Kameradschaft, die hier gedeihen konnte, es aber noch lange nicht musste.
Ein Grund mehr, warum er Riley so zu schätzen wusste. Er konnte sich auf ihn verlassen und es war egal, wann er ihn brauchte, er war immer da.
In überschaubaren wie in brenzligen Situationen. Er war einfach genau das, was ein Flügelmann sein musste. Wenn Sam eine Anleitung schreiben müsste, er würde sie nach Rileys Verhalten schreiben und einfach alles notieren, was der Mann machte.
Dann wäre ein Erfolg garantiert.
So war es auch heute. Sie übten das mindestens schon hundertste Mal dieses Befreiungsmanöver und Riley war immer dort, wo er zu sein hatte. Er war ein effektiver Kämpfer und er war ein Anwärter auf den Begriff 'Held'.
Manchmal fragte er sich, ob Riley nicht irgendetwas hatte, was ihn zurück in die Heimat gehen lassen könnte, doch schien dem nicht so zu sein. Der Mann war einfach aus Überzeugung hier, etwas, das er an ihm beneidete.
Sam wusste nämlich nicht, wie weit seine Loyalität zur Air Force ging, wenn denn wirklich mal etwas schiefging oder er jemanden kennenlernte, der ihn in der Heimat zurückhielt. Er war sich des Öfteren nicht so sicher, ob er wirklich so bedingungslos treu sein könnte, wie Riley es war.
„Hörst du mich überhaupt, Sam?“ fragte Riley erneut und Sam wurde aus seinen Gedanken gerissen.
„Ja, so laut wie du die ganze Zeit schnaufst“, neckte er seinen Flügelmann und breitete die Flügel des Exo-7 Falcon aus, um endlich in die Lüfte zu steigen. Wirklich überragend gut damit umgehen konnten sie nicht erst seit gestern. Es hatte viel Übung gekostet und nun waren sie in der Lage zu zweit kompliziertere Manöver zu fliegen, wenn es sein müsste.
Ein solches wurde hier heute beobachtet und ausprobiert. Für den schlimmstmöglichen Fall vorbereitet zu sein, konnte nämlich niemals schaden.
Sam atmete tief ein und schloss für eine Sekunde die Augen, bevor er den hier versammelten Majors, Lieutenants und Sergeants zunickte und sich in die Lüfte erhob. Der Flug dauerte nur wenige Sekunden und schon war er auf einer Höhe angelangt, die andere in Schwindel versetzen konnte.
Das Gefühl, wenn der Magen sich kurz anhob, weil er den Boden unter den Füßen verlor, verschaffte ihm einen wahnsinnigen Kick. Adrenalin war eine Droge für den Körper und das Gefühl zu fliegen, ohne dabei in einem Jet sitzen zu müssen, war einfach unbeschreiblich.
Sam stieg immer weiter in die Lüfte und konnte erkennen, wie er sich den Wolken näherte. Rauschen, Wind und kühler werdende Luft um ihn herum.
„Na, was sagst du dazu, Schätzchen? Beeindruckt?“ fragte er belustigt und sofort konnte er Riley gestellt abwertend schnauben hören.
„Na ja, hab schon bessere Tanzeinlagen gesehen“, knackte ihm Rileys Stimme aus dem Headset entgegen und er begann zu lachen. Riley stimmte kurz darauf ein und sie positionierten sich, um das Manöver fliegen zu können.
„Ok, kann's losgehen?“ wollte Riley von ihm wissen und er beantwortete die Frage mit einem knappen „M-hm“, bevor er sich für den Flug bereitmachte. Irgendwie hatte er im Gefühl, dass diese Übung mehr als erfolgreich abgeschlossen werden würde.

Es war bereits mitten in der Nacht, aber die Bereitschaftsschicht war noch lange nicht vorbei. Sam war sich sicher, dass diese Rettungsmission hier alles andere als ungefährlich werden würde, denn sie mussten über Stadtgebiet fliegen.
Riley und er hatten die Übung hervorragend gemeistert und einmal mehr bewiesen, dass sie mehr als geeignet für diesen Job waren. Die anwesenden hohen Tiere waren begeistert und Riley und er waren danach einfach wieder zurück in ihre Stuben gegangen, die sich in einem schlecht klimatisierten Container befanden.
Diesen Männern war gar nicht bewusst, welcher Gefahr sie sich hier eigentlich aussetzten. Klar, nicht jeder hatte die Chance hier zu fliegen, doch barg eine solche Tätigkeit immer ein gewisses Risiko.
Und dieses bekamen sie gleich sicherlich wieder zu spüren. Eine Einheit war vor wenigen Stunden in Gefangenschaft geraten und Riley und er sollten das Gelände von oben absichern und Informationen für die Infanterie sammeln.
Je mehr sie über das Gelände wussten, desto besser konnten die Soldaten eingreifen. Zur Not könnten sie beide auch noch einzelne Gefangene befreien und rausholen, es war alles möglich mit den Exo-7 Falcon.
„Alles klar, Mann?“ hörte er Riley neben sich fragen. Sie saßen in einem gepanzerten Wagen, der sie in die Nähe der Stadt bringen sollte. Sam nickte gedankenverloren und starrte auf den Boden direkt vor seinen Stiefelspitzen.
Er war zwar nicht ängstlich, doch nervös war er immer. Das gute Gefühl vom Vormittag war verschwunden und einer bösen Vorahnung gewichen, auch wenn er nicht an solchen Humbug glaubte. Bauchgefühl konnte hilfreich sein, aber auch total nutzlos.
Die gesamte Einheit schwieg und irgendwann kam der Laster ruckelnd zum Stehen. Sam atmete tief durch und erhob sich, um mit Riley als erste den Wagen zu verlassen. Sie mussten ihren Aufklärungsflug sofort beginnen, ihre Kameraden hatten nicht mehr viel Zeit.
Riley klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter und setzte ein breites Grinsen auf.
„Wir haben das schon so oft gemacht, jetzt mach dir nicht ins Hemd!“ rief sein Flügelmann erheitert. Es war nicht seine Unbeschwertheit an sich, die Sam beunruhigte, es war sein Bauchgefühl, das ihm Kopfschmerzen bereitete.
Sie machten sich bereit und erhoben sich in die Lüfte. Erst war alles ruhig, er konnte das betreffende Gebäude sehen, in dem die Männer überfallen und gefangen genommen worden waren.
Es war relativ dunkel, aber der Himmel war klar. Es wehte kein Wind und Sam konnte die Sterne über sich sehen. So deutlich hatte er sie noch nie betrachten können.
„Gebäude anvisiert. Keine Lichter in den Fenstern“, bemerkte Riley gerade, denn sie waren beide mit den Bodentruppen in Verbindung. Sie konnten sich so viel besser koordinieren und den Männern Anweisungen geben, falls sich etwas tat.
„Alles ruhig, ihr könnt euch nähern“, war Rileys nächste Einschätzung, da ertönte ein lauter Knall und etwas flog auf sie zu.
„Riley!!!“ rief Sam noch, der im letzten Moment ein Geschoss erkennen konnte, das auf seinen Freund zu raste. Noch bevor er etwas tun, sich nähern oder etwas denken konnte, wurde Rileys rechter Flügel erwischt und weggerissen.
Augenblicklich stürzte sein Flügelmann aus dem Himmel, er war zu weit weg. Sie waren mindestens einen Kilometer voneinander entfernt, doch Sam wagte einen Rettungsflug in seine Richtung.
Rileys Schreie drangen ohrenbetäubend laut durch sein Headset. Sam beschleunigte seinen Flug und versuchte Riley einzuholen, doch fiel der geradewegs in eine Gasse zwischen zwei Gebäuden und verschwand in der Dunkelheit.
Die Erde verschlang gerade Rileys Körper und Stille war das, was Sam nun hörte. Er nahm einfach nichts mehr wahr, denn er konnte nur noch zusehen, was gerade passierte. Die Bodentruppen waren bereits auf dem Weg in das Haus und erschossen die Geiselnehmer.
Der Mann, der auf Riley geschossen hatte, wurde anscheinend auch gerade ausgeschaltet, die Schüsse, die Sam durch sein Headset vernehmen konnte, sprachen dafür.
„Er hatte eine Panzerfaust“, hörte er einen der Soldaten am Boden gerade verkünden. Dieser Mistkerl hatte einfach auf Riley geschossen.
Völlig apathisch flog Sam auf die Stelle zu, an der er Riley zuletzt gesehen hatte und landete auf dem Dach des Hauses. Ein kurzer Blick in die Gasse konnte ihm nicht verraten, was mit seinem Freund geschehen war, denn es war zu dunkel, doch der metallische Geruch von Blut erfüllte mittlerweile die Luft.
Erschöpft ließ Sam sich nieder und lehnte mit dem Rücken gegen einem alten Korb, den jemand hier auf dem Dach hatte stehen lassen. Sein Bauchgefühl hatte ihn anscheinend nicht betrogen. Vielleicht hätte er darauf hören sollen.
Dann würde Riley noch leben.
Sam schloss die Augen und fasste einen Entschluss. Er würde aussteigen. Hier und heute. Das war es nicht wert.

Anmerkung: Hier sollte es mal um eine Figur gehen, die eine viel größere Rolle spielen sollte – Sam Wilson. Denn seit ich Rhodey aus dem Himmel habe fallen sehen, ist mir nicht aus dem Kopf gegangen, was Sam in diesem Moment gefühlt haben muss, besonders weil sein Kamerad auf genau diese Weise umgekommen ist. Eure Meinung würde mich natürlich auch interessieren. :)
LG, Erzaehlerstimme
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