Say something

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12
23.07.2016
23.07.2016
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Für Tessa.
(Der Song heißt 'Say something' von A Great Big World & Christina Aguilera)
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Gerade so erreichte ich die S-Bahn und quetschte mich an den Menschen vorbei, um einen Sitzplatz zu ergattern. Keuchend ließ ich mich auf einen freien Sitz fallen und stemmte meine Hände auf meine Oberschenkel. Meine Lunge brannte fürchterlich und ich spürte wie erneut die Tränen aufstiegen. Dabei wollte ich stark sein, stark sein für dich.
Um mich herum starrten mich alle an und die alte Frau, welcher ich den Platz geklaut hatte, schüttelte nur missbilligend den Kopf. In der Eile hatte ich nicht mal Zeit gehabt ein Ticket zu kaufen. Doch ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mir das nicht gänzlich egal war.
Es ging hier schließlich um dich.

„Was willst du!?“, hatte ich in mein Handy gebrummt. Meine Laune war unterirdisch wegen dir und nun rief mich dein bester Freund an und lies mir, gerade nach deinem letzten Auftritt bei mir, keine Ruhe. Es kam keine Antwort und ich wollte eigentlich wieder auflegen, als die Stimme erneut ertönte, leise und traurig.
„Es ist etwas passiert...es...er...es geht um Chris...“
Und mit einem Mal stand alles um mich herum still. Mein Herz setzte aus und die Erde hörte auf sich zu drehen. Während dein bester Freund am Telefon weitersprach und mir erklärte was passiert war, verkrampfte sich mein Magen schmerzhaft und eine Träne rollte über meine Wange.
'Das ist alles meine Schuld', wisperte die Stimme in meinem Kopf und mit zitternden Fingern legte ich auf.

Die Bahn stoppte ich drängte mich wieder an all den Menschen vorbei. Nichts auf der Welt hasste ich so sehr, wie das Gedränge vieler Menschen auf engen Raum. Doch heute konnte mir nichts egaler sein. Egal wie man zu einer Person stand, wie ich zu dir stand, man wollte nicht, dass jemanden so etwas passierte. Und in jedem Fall würde ich darum betteln, flehen, was auch immer...um an deiner Stelle zu sein. Lieber ich als du, ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass es dir schlecht ging.
Und es war alles meine Schuld.

Ich rannte, bis ich den Eingang des Krankenhauses erreichte. Ich ignorierte meine stechenden Lungenflügel, meine schmerzenden Füße und meine Augen in denen sich wieder Tränen sammelten.
Eilig sah ich mich um und verzweifelte immer mehr, ich hatte keine Ahnung wo ich hin musste. Ich wollte doch zu dir und jetzt scheiterte ich bereits an einem einfachen, schnöden Krankenhaus? Ich war wirklich zu nichts zu gebrauchen.
„Theresa?“, ertönte dann plötzlich die Stimme deines besten Freundes hinter mir und ich drehte mich um. Vor stand Dennis, mit gesenktem Kopf und glasigen Augen. Und obwohl wir nie wirkliche Freunde waren und uns nicht mal mochten, schloss er mich in seine Arme. Ich kniff die Augen zusammen und biss mir auf Lippe um die Tränen aufzuhalten.
Ich löste mich von ihm und sah ihn an: „Was ist mit ihm, wo ist er?“ Dennis sah zu Boden.
„Er ist vor einer Stunde aus dem OP gekommen und liegt auf der Intensivstation.“
„Aber...er kommt durch, Dennis, oder? Er schafft es?“

„Ich weiß es nicht.“

Dennis brachte mich zu deinem Zimmer und nun konnte ich die Tränen nicht mehr aufhalten. Ich begann zu weinen und mein Blick fixierte dich durch die Glastür. Ich spürte wie Dennis mir seine Hand auf die Schulter legte und hörte seinen ungleichmäßigen Atem hinter mir. Er war am Ende, denn nicht nur ich hatte Angst einen wichtigen Menschen zu verlieren.
„Kein Wort dürfen sie uns sagen“, meckerte nun jemand, „...weil wir keine engen Verwandten sind. Erst wenn seine Eltern die Erlaubnis aussprechen und es dauert noch Stunden bis-...“ Und dann verstummte die Stimme, als Dennis und ich uns umdrehten. Peter, ebenfalls einer deiner besten Freunde stand vor uns.
Er hatte mich angerufen und ich war in den nächsten Zug nach Köln gestiegen. Peters Blick glitt nach drinnen, zu dir. Deine Augen waren geschlossen und es sah aus, als würdest du friedlich schlafen. Doch dem war nicht so, die vielen Schläuche und Geräte an die du angeschlossen warst, zerstörten dieses friedliche Bild von dir und machten daraus die Hölle auf Erden.
Und als Peter mich wieder ansah, wusste ich, er gab mir die Schuld.

„Wieso war er überhaupt heute Nacht unterwegs? Er wollte erst morgen Abend zurück nach Köln kommen. Was ist da passiert?“ Dein bester Freund sah mich durchdringend an und ich schrumpfte vor seinem wütenden Blick immer mehr zusammen.
„Wir...wir haben uns gestritten.“
Wieder begann ich zu weinen. Es war wirklich meine Schuld. Hätte ich mit diesem Thema nicht angefangen, hätten wir uns nie gestritten. Du wärst nicht einfach mitten in der Nacht abgehauen, viel zu schnell gefahren und hättest nie diesen Unfall gehabt. Wärst du erst morgen gefahren, wäre vor dir nicht dieser Lastwagen gewesen, den du überholen wolltest und es wäre nie das andere Auto dazwischen geraten. Du hättest nicht ausweichen müssen und wärst niemals gegen die Leitplanke geknallt.
Alles nur wegen mir, weil ich meine Klappe nicht halten konnte. Weil ich alles kaputt machen musste.

-

Ich wusste nicht wie viel Zeit verging, doch irgendwann kamen deine Eltern zu uns. Deine Mutter weinte und dein Vater war so blass, dass er beinahe in der weißen Wand verschwinden konnte. So hatte ich deine, sonst so fröhlichen und liebenswerten, Eltern noch nie erlebt. Deine Mutter, mit der ich mich immer so gut verstanden hatte, würdigte mich keines Blickes. Also gab auch sie mir die Schuld an allem.
Sie stürmte zu dir ins Zimmer und ich hörte wie sie begann dich anzusprechen. Dein Vater wollte ihr in dein Zimmer folgen, doch er drehte sich nochmal zu mir und sah mich mit traurigen Augen an.
„Ich weiß, dass es nicht deine Schuld war, Tessa.“

Und nach einer kleinen Ewigkeit kamen deine Eltern schließlich aus deinem Zimmer. Deine Mutter weinte noch immer und alles in mir wollte sie trösten und ihr sagen Alles wird gut, doch nichts würde gut werden, nicht solange du da drin lagst und nicht die Augen öffnen würdest.
Deine Eltern sprachen noch mit der Ärztin und wieder wurden Minuten zu Stunden. Und als deine Mutter schließlich zusammenbrach und dein Vater ihr hoch half und sie noch lauter an seiner Brust weinte, begannen nun auch bei mir wieder die Tränen zu laufen und selbst Peter und Dennis schluchzten leise.
Gar nichts wird gut.

„Was sagt die Ärztin?“, Peter sprang sofort von seinem Platz auf, als dein Vater zu uns kam.
„Es sieht...nicht gut aus...“, brachte er zögernd hervor und seine Stimme zitterte. Ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen und zog die Beine an. Ich wollte das nicht hören, ich wollte gar nichts mehr hören. Ich wollte doch nur dich zurück.
„Können wir zu ihm?“, fragte Dennis leise und ich hörte deinen Vater seufzen. Ich sah auf und sein Blick traf meinen. Du hast seine Augen, so ehrlich und voller Lebensfreude. Doch die Augen deines Vaters waren nun kalt, leer und traurig.
„Ja, vielleicht wenn...er eure Stimmen...ihr bedeutet wirklich viel, ihr alle.“

„Jetzt geh schon.“ Dennis schubste mich in dein Zimmer und ich lief langsam auf dein Bett zu. Ich hörte die Geräte um dich herum piepsen, manche ganz leise und manche so unerträglich laut, dass ich am liebsten davon gelaufen wäre. Ich setzte mich auf den Stuhl neben deinem Bett, auf welchem zuvor deine Mutter gesessen hatte und griff nach deiner Hand. Ein wohliges Gefühl der Vertrautheit überkam mich, als meine Finger deine berührten und am liebsten hätte ich mich für diesen Gedanken geschlagen. Wie konnte ich in dieser Situation nur eine Sekunde an irgendwas positives denken?
Hier ging es um etwas viel wichtigeres, es ging um dich.
„Christian...“, hauchte ich, „...wach wieder auf.“


(https://www.youtube.com/watch?v=dulMxrNiLNE)

Say something, I'm giving up on you
I'll be the one if you want me to

Anywhere I would've followed you
Say something, I'm giving up on you


Vorsichtig drückte ich deine Hand und schluchzte. Wie konnte es nur soweit kommen? Ich brauche dich doch, du musst einfach wieder aufwachen.
„Bitte...wach bitte wieder auf. Sag irgendwas, ich kann dich nicht aufgeben. Bitte.“
„Es tut mir so leid, das ist alles meine Schuld.“
„Chris, ich flehe ich dich an, ich mache alles, wenn du die Augen aufmachst.“
„Wach auf.“


And I... am feeling so small
It was over my head
I know nothing at all
And I... will stumble and fall
I'm still learning to love
Just starting to crawl


Eine Träne rollte über meine Wange und ich spürte, wie mein Herz sich schmerzhaft verkrampfte. Ich konnte deinen Anblick kaum ertragen. Du hast so schwach gewirkt und ich war an allem Schuld.
Dabei war alles so schön gewesen. Du warst mein bester Freund und der wichtigste Mensch auf dieser Welt für mich.
Genau das wollte ich dir gestern sagen, ich wollte...verdammt, ich wollte dir endlich sagen, dass du mehr als ein Freund warst. Du warst der Mensch, für den ich alles getan hätte. Ich wollte dir endlich sagen, wie ich wirklich fühle. Und dann habe ich alles versaut. Einfach alles.
Wir haben angefangen zu streiten und du hast mich nicht ausreden lassen. Du wurdest wütend und ich wurde wütend und dann haben wir uns angeschrien. Und dann bist du gegangen und ich habe dich gehen lassen. Und jetzt sitze ich hier und fühle mich so klein neben dir.
Ich verstehe es nicht. Wieso wir? Wieso du?

Das ist mir alles zu viel. Jetzt weiß ich gar nichts mehr. Ich fühle mich, als würde ich hinfallen und nicht mehr aufstehen.
„Chris, ich liebe dich.“
„Ich liebe dich, hörst du? Das wollte ich dir sagen, die ganze Zeit über.“

Say something, I'm giving up on you
I'll be the one if you want me to

Anywhere I would've followed you
Say something, I'm giving up on you


„Bitte, du musst jetzt kämpfen. Du musst die Augen aufmachen.“ Immer mehr Tränen liefen über mein Gesicht und ich hatte längst aufgehört, sie stoppen zu wollen. Ich hatte keine Kraft mehr dazu. Ich sah zu den Maschinen und bemerkte, dass dein Herzschlag langsamer wurde.
„Oh Gott, tu mir das nicht an! Christian, du...du hast so viel für das es sich zu leben lohnt. Hörst du mich? Deine Familie, deine Freunde...du hast so viele Menschen die dich lieben.“
„Aber...“, ich stockte und sah ihn wieder an.
„Es ist okay, wenn du nicht willst, musst du nicht kämpfen. Es ist deine Entscheidung, Chris.“

And I... will swallow my pride
You're the one that I love
And I'm saying goodbye


„Und es tut mir so leid, dass ich so stur war. Sieh nur, was jetzt von meinem Stolz übrig ist.“
„Du musst wieder aufwachen, ich bin noch nicht bereit dir Auf Wiedersehen zu sagen. Ich brauche dich.“
Ich umklammerte deine Hand noch fester und betete innerlich. Du musst mich hören können, du musst kämpfen. Und auch wenn du es vielleicht nicht wolltest, wenn du vielleicht nicht kämpfen wolltest...
Vielleicht musste ich mich an diesen Gedanken gewöhnen. An eine Welt ohne dich, ohne die Person in die ich rettungslos verliebt war.
Aber wie könnte ich? Wie könnte ich je ohne dich leben? Wie könnte ich dir jemals Auf Wiedersehen sagen?

Say something, I'm giving up on you
And I'm sorry that I couldn't get to you
And anywhere I would've followed you
Say something, I'm giving up on you


„Christian...“
„Chris...“ Ich schluchzte wieder.
„Mach die Augen auf, sag irgendwas. Ich kann dich nicht aufgeben, wach auf.“
„Ich brauche dich, deine Familie braucht dich. Deine Freunde brauchen dich, denk an PietSmiet, Chris. Ihr hattet so eine geile Zeit zusammen und die darf einfach noch nicht vorbei sein.“

Say something, I'm giving up on you

„Ich liebe dich, Christian.“
Wieder sah ich zu den Maschinen, dein Herzschlag war wieder normal und eine Welle der Erleichterung überkam mich, fast hätte ich gelächelt.
„Ich liebe dich.“

Say something...

Und dann öffnest du plötzlich deine Augen.

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Lasst was da ♥
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