Abrechnung

GeschichteDrama, Sci-Fi / P18
der Merowinger Persephone Trinity
21.07.2016
27.08.2017
7
27.151
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Dieses Kapitel
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19.08.2016 5.157
 
Vorab-Bemerkungen:

Die Handlung spielt nach Matrix, Teil 3.

Trinity ist hierbei die Protagonistin und wird damit konfrontiert, dass sie den Preis für ihre Forderung, Neo freizulassen, jetzt bezahlen muss.

Zusätzliche Anmerkung:

Dies ist eine zweite Version des zuvor geposteten 1. Kapitels. In diesem hatte ich den französischen Akzent des Merowingers extra betont und es vor dem Posten mehrmals durchgelesen, um diesen Akzent auch gut herauszuarbeiten. Dennoch ist es schwierig und mir nicht vollkommen gelungen, immer wieder schreibe ich "h" (obwohl das nicht sein darf). Außerdem stellte ich bei jetzigem Durchlesen fest, dass der Text/Dialog auch schwierig zu lesen ist. Deshalb entschloss ich mich dazu, die wörtliche Rede des Merowingers wieder "normal", d. h. ohne den betonten Akzent, zu schreiben. Das erleichtert sowohl das Lesen als auch das Schreiben der Story.

Ich bitte und hoffe auf euer Verständnis.

Des Weiteren bitte ich die geneigte Leserschaft um Feedbacks, wie ihr die Geschichte, die Charaktere usw. findet. Das wäre wirklich sehr hilfreich.
Vielen Dank.

Nun wünsche ich Euch viel Vergnügen beim Lesen.

Alles Gute
LG
Hermia
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~ ABRECHNUNG ~
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~ Erstes Kapitel ~


Sie erwachte in einer einfachen Kammer, spürte noch am ganzen Leib starke Schmerzen und erinnerte sich mühsam daran, dass es ihr zusammen mit Neo gelungen war, bis zur Maschinenstadt vorzudringen. Doch dabei wurde sie verletzt, eiserne Stäbe durchdrangen ihren Körper, erfüllten sie mit unbeschreiblichem Schmerz und sie starb...

Moment mal! Wie konnte das sein? Wenn sie gestorben wäre, würde sie jetzt nicht in dieser einfachen Kammer erwachen... was war geschehen?

Vorsichtig tastete Trinity ihren Körper behutsam ab. Er war in ein einfaches, langes Gewand gehüllt, aber sie spürte keinerlei Verband oder etwas ähnliches, das darauf hindeutete, dass man ihre Wunden versorgt hatte. Konnte es sein, dass so etwas wie ein Leben nach dem Tod tatsächlich existierte und sie sich jetzt im Jenseits befand?

Langsam richtete sich die junge Frau von ihrer Liegestatt auf und schaute sich um. Es war eine kleine, einfach eingerichtete Kammer, in dem sich nur noch ein schmaler Schrank befand. Etwas seltsam für ein Leben nach dem Tod, fand sie.

Als sie sich erhob, bemerkte sie, wie entkräftet sie war, und sie spürte überall am Leib nach wie vor Schmerzen. Das sprach dafür, dass sie immer noch lebendig war. Wenn das zutraf, dann musste ein Wunderdoktor sie gerettet haben.

Mit unsicheren Schritten ging Trinity langsam auf die Tür der Kammer zu, legte ihre Hand an die Klinke und drückte sie herunter, was ihr nur mit großer Mühe gelang. Doch sie war entschlossen, herauszufinden, wo sie sich befand und was geschehen war, seitdem sie das Bewusstsein verloren hatte.

Sie taumelte mehr als dass sie ging und trat auf einen düsteren, langen Flur hinaus, der nur schwach von Lüstern, die an der Wand befestigt waren, erleuchtet wurde. Immerhin erkannte sie, dass sie sich in einem der oberen Stockwerke befinden musste. Aber sie vermochte nicht zu sagen, ob es zu einem Privathaus oder zu einem Hotel gehörte. Wenn das Letztere der Fall war, musste es jedoch zumindest Personal geben. Sie wollte endlich mit einem Menschen sprechen!

"Hallo, ist hier jemand in der Nähe?", rief sie halblaut und hoffte, dass ihr irgendwer antwortete. Es verging ein Moment, ohne dass sich ihre Hoffnung erfüllte, aber dann tauchte plötzlich wie aus dem Nichts eine ältere Frau neben ihr auf. Sie hielt eine Lampe in der Hand und musterte Trinity eindringlich.

"Geht es Ihnen gut?", fragte die ältere Dame.

"Kann man nicht sagen", erwiderte die junge Frau. "Wo bin ich hier?"

"Mein Herr gab mir die Anweisung, Sie erst dann zu ihm zu bringen, wenn Sie sich erholt haben", erklärte die Alte in sachlichem Ton, ohne auf ihre Frage zu antworten.

"Okay, ich will mit ihm sprechen!"

"Sie wirken auf mich immer noch sehr erschöpft. Legen Sie sich lieber wieder hin. Das Gespräch mit meinem Herrn läuft nicht weg."

"Ich bin durchaus in der Lage, mich mit jemandem zu unterhalten", entgegnete Trinity ungeduldig. "Bitte, führen Sie mich zu Ihrem Herrn."

"Na schön, wenn Sie unbedingt darauf bestehen", meinte ihre Gesprächspartnerin. "Dann folgen Sie mir!"

Die Alte ging die Treppe hinunter und Trinity folgte ihr, so gut sie es vermochte, auch wenn ihr die Beine ein wenig weh taten. Sie biss die Zähne zusammen, schließlich war sie kein wehleidiges, kleines Mädchen mehr, doch sie konnte nur sehr langsam gehen. Ihre Begleiterin wartete unten geduldig auf sie, ohne ein Wort über ihr Schneckentempo zu verlieren. Es war Trinity ein wenig peinlich, dass die ältere Frau offensichtlich schneller zu gehen imstande war als sie.

Endlich ließ Trinity die letzte Stufe hinter sich, hielt sich jedoch am Ende des Treppengeländers fest und schloss die Augen, da ihr ein wenig schwindelig war.

"Es wäre wirklich besser, wenn Sie sich wieder hinlegen würden, Mademoiselle", sagte die Alte. Das letzte Wort ließ Trinity sofort aufhorchen. Warum benutzte ihre Begleiterin den französischen Ausdruck für Miss? Sie schlug die Augen auf und starrte sie ungläubig an. Sollte sie etwa wirklich bei...? Aber nein! Unmöglich! Das konnte nicht sein! Was sollte sie bei diesem Typen? Außerdem hatte er sicherlich die Nase voll von ihr, nachdem sie ihn zur Freigabe ihres Geliebten erpresste, indem sie ihm eine Waffe an den Kopf hielt.

"Ich will mit Ihrem Herrn sprechen, sofort!", forderte Trinity und ließ ihren Halt los, spürte dabei, dass sie immer noch unsicher auf den Beinen war.

"Wie Sie wünschen", gab die Alte pikiert zurück und wandte ihr den Rücken zu, dabei murmelnd: "Genau so unvernünftig wie der Herr sagte."

Die junge Frau schluckte, denn die leisen Worte ihrer Führerin schienen darauf hinzudeuten, dass ihre Ahnung wohl doch nicht von der Hand zu weisen war. Aber was würde ER von ihr schon wollen?

Tapfer folgte Trinity der älteren Dame, die sie noch ein Stockwerk weiter hinunter führte. Nachdem sie durch eine große Halle gegangen waren, kamen sie vor einem Fahrstuhl an und ihre Begleiterin wandte sich nun Trinity zu: "Fahren Sie in den 8. Stock, der Herr erwartet Sie bereits."

"Wie kann das sein? Er wusste doch gar nicht, dass ich komme!"

Die Alte lächelte maliziös, während sie antwortete: "Oh, ich habe ihn informiert, während ich auf Sie wartete. Das ist überhaupt kein Problem, Mademoiselle."

Trinity schaute ihr Gegenüber erstaunt an. Sie erinnerte sich, dass ihre Begleiterin einmal auf ihre Uhr gesehen und dabei kurz etwas eingestellt zu haben schien. Jetzt verstand sie erst, dass es ein Nachrichtensignal für den besagten Herrn gewesen war.

Die Tür des Liftes öffnete sich vor Trinity und sie schluckte erneut. Gleich würde sie wissen, ob ihre Ahnung bezüglich der Person, zu der sie fahren sollte, richtig war oder nicht. Wenn ER es war, dann hatte sie es allerdings keineswegs mit einem Menschen zu tun, sondern mit einem sehr alten, gefährlichen Programm, das bestimmt ziemlich sauer auf sie war und auf Rache sann. Nun, sie würde sich dem stellen. War ja nicht das erste Mal, dass sie sich gegen Künstliche Intelligenzen zur Wehr setzte.

Mit einem mulmigen Gefühl betrat sie das Innere des Liftes, nahm einen tiefen Atemzug und drückte dann auf den Knopf, auf dem ACHT stand. Die Türen des Fahrstuhles schlossen sich vor ihr und der Lift setzte sich in Bewegung. Rasch beförderte er sie an den gewünschten Zielort, die Türen öffneten sich erneut und sie erblickte direkt vor sich ein elegantes Wohnzimmer. Zaghaft betrat sie den Raum und schaute sich um, doch niemand schien hier zu sein. Dann schlossen sich hinter ihr plötzlich unvermutet die Lifttüren, was sie erschrocken herumfahren ließ. Gitter glitten vor den Eingang des Fahrstuhles hinunter und versperrten ihr den Weg zurück. Kein gutes Omen!

"Bonsoir, Mademoiselle Trinity", hörte sie dann hinter sich eine ihr bekannte, ölig klingende Stimme. Sie schloss die Augen. Ihre schlimmste Befürchtung war Wirklichkeit geworden. "Eigentlich hätte ich angenommen, dass Sie noch der Ruhe bedürfen, aber Madame Kate informierte mich darüber, dass Sie darauf bestehen, mich zu sprechen. Also, hier bin ich. Was kann ich für Sie tun?"

Erneut atmete die junge Frau tief ein, dann schlug sie die Augen auf und drehte sich zu ihm um.

"Was soll das? Warum bin ich in Ihrem Haus? Denn das Gebäude gehört doch sicher Ihnen, nicht wahr?"

"Ist das wichtig?", fragte der Merowinger, der ihr gegenüber stand und spöttisch lächelte. "Sie wissen genauso gut wie ich, dass in dieser Welt alles künstlich ist, nicht? Von Eigentum zu sprechen wäre also Unsinn."

Trinity verzog ärgerlich ihre Augenbrauen und gab bissig zurück: "Demnach ist es also auch eine Illusion, dass Sie eines der mächtigsten Programme in der Matrix sind, was?"

Der Merowinger verzog seinen Mund zu einem breiten Grinsen, dann schüttelte er den Kopf und erklärte in einem Ton, als ob er es mit einem kleinen Kind zu tun hätte: "Non, was hier künstlich ist, sind die äußeren Erscheinungen, nicht meine Person, ma Petite."

"Genug um den heißen Brei herumgeredet, Mero, wie komme ich an diesen Ort und was soll ich hier?!"

"Na, na, sprechen Sie nicht so respektlos mit mir, Trinity, sonst werde ich Sie dafür bestrafen!"

Und um seine Worte unter Beweis zu stellen, holte er eine Fernbedienung aus dem Inneren seines Seidenjacketts hervor, richtete sie auf die junge Frau vor ihm und drückte darauf. Ein heftiger Schmerz durchfuhr ihren Kopf, er war dermaßen stark, dass sie aufschrie und auf die Knie sank. Mit zufriedener Miene ließ der Merowinger seinen Finger von der Fernbedienung gleiten und steckte sie in sein Jackett zurück.

"Ich nehme an, dass diese kleine Kostprobe ausreicht, um Sie zu lehren, sich mir gegenüber in Zukunft respektvoll zu benehmen?", erkundigte er sich mit äußerster Höflichkeit. Trinity hätte ihm am liebsten eine geklebt, aber sie litt noch unter den Nachwirkungen seines merkwürdigen Angriffs, der sie erneut geschwächt hatte.

"Was war das?", stöhnte sie und blickte zu ihm auf. "Haben Sie eine spezielle Elektrode in meinen Kopf eingebaut, oder was?"

"Non, das war gar nicht nötig, ma chère."

Befremdet starrte die junge Frau ihn an.

"Nicht nötig? Aber wie ist es Ihnen dann möglich, mir mittels einer Fernbedienung Schmerz zuzufügen?"

Ein aalglattes Lächeln umspielte den Mund des Merowingers.

"Können Sie sich das wirklich nicht denken?", fragte er dann in liebenswürdigem Ton. Als sie den Kopf schüttelte, grinste er erneut. Dann ließ er sich auf das Sofa vor dem offenen Kamin gleiten und lud Trinity mit einer Geste ein, neben ihm Platz zu nehmen. Nur zögernd folgte sie dieser Aufforderung und setzte sich an den äußersten Rand der Couch, so weit von ihm entfernt, wie es möglich war.

"Was ist das Letzte, woran Sie sich erinnern können, Trinity?"

"Ich war mit Neo unterwegs in die Maschinenstadt. Wir wollten zur Quelle, um über den Frieden zu verhandeln."

"Oh ja, das entspricht völlig den Tatsachen. Aber Ihnen ist es nicht gelungen, zur Quelle vorzudringen, nicht wahr?"

"Das stimmt! Ich wurde innerhalb unseres Schiffes verletzt und habe das Bewusstsein verloren", gab sie zu.

"Non, meine Liebe, das ist ein Irrtum. Sie haben nicht das Bewusstsein verloren, sondern sind gestorben", berichtigte der Merowinger sie.

Trinity starrte ihn fassungslos an. Was redete der Typ da eigentlich?

"Wie kann ich denn gestorben sein, wenn ich hier sitze und mit Ihnen spreche?"

"Ja, das ist die Frage, nicht wahr? Wie kann das möglich sein?"

"Offensichtlich bin ich noch am Leben."

Der Merowinger lächelte süffisant und meinte: "Tja, was man so Leben nennen könnte..."

Irritiert sah Trinity ihn an.

"Ich verstehe Ihre Bemerkung nicht und, ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was es da zu belächeln gibt."

"Wie definieren Sie Leben?", erkundigte sich ihr Gesprächspartner mit süßlicher Stimme.

Die junge Frau schnaubte verärgert, dann erklärte sie ungeduldig: "Ein biologisches Lebewesen wird geboren, wächst auf, muss viel lernen und die Körperfunktionen entwickeln sich. Die Humanoiden bekommen mit den Jahren ein Bewusstsein darüber, wer sie sind, und beginnen, Dinge zu hinterfragen..."

"Ihre letzte Behauptung ist falsch", unterbrach sie der Merowinger. "Nur die wenigstens Menschen hinterfragen ihre Existenz. Sie sind mit ihrem Leben völlig zufrieden, wollen ihre Ruhe haben und ein angenehmes Dasein führen."

"Das ist nur so, weil man sie daran hindert, nachzudenken!"

"Oh nein, keineswegs! Sie können nachdenken, niemand hindert sie daran. So lange sie sich angepasst verhalten und keine Schwierigkeiten machen, dürfen sie nachdenken, diskutieren und wissenschaftliche Abhandlungen über jedes Thema schreiben, das sie interessiert."

"Das ist eine Lüge. Sobald jemand sich ernsthaft mit der Existenz der Matrix auseinandersetzt, wird er von Agenten eingeschüchtert. Dieses Thema ist dermaßen tabuisiert, dass man nicht einmal ein Wort darüber verlieren darf."

"Wer, außer euch Utopisten, spricht denn auch darüber?", meinte der Merowinger amüsiert. "Ihr verunsichert eure Artgenossen, macht manchen von ihnen sogar Angst und verursacht Störungen im routinierten Ablauf des Alltags in der Matrix. Selbstverständlich hat das System kein Interesse daran und tut alles, um so etwas im Keim zu ersticken."

"Ach ja?", gab Trinity streitlustig zurück und warf ihrem Gegenüber einen herausfordernden Blick zu. "Wenn das tatsächlich der Wahrheit entsprechen würde, dann dürfte es Sie und Ihren Anhang von geflüchteten Programmen, denen die Löschung durch das System droht, überhaupt nicht geben."

"Nun...", begann der elegant gekleidete Mann, wobei sich diesmal ein äußerst selbstzufriedenes Lächeln über sein Gesicht verbreitete. "... ich bin sehr effizient darin, in der Matrix zu überleben, und dabei nehme ich so viel meiner Leute mit, wie ich kann - vor allem meine bessere Hälfte."

"Freut mich für Sie", erwiderte sie grantig. "Und was wollen Sie mit mir?"

Der Merowinger maß sie mit einem taxierenden Blick, dann fragte er mit dieser zuckersüßen Stimme, die Trinity äußerst zuwider war: "Erinnern Sie sich nicht mehr daran, dass wir einen Deal abgeschlossen haben, ma chère?"

"Wir haben einen Deal abgeschlossen?", fragte Trinity überrascht und runzelte verständnislos die Stirn. "Wann soll das gewesen sein?"

"Oh, Sie enttäuschen mich, ma Petite! Hat unsere letzte Begegnung, so unangenehm sie auch war, Sie so wenig beeindruckt, dass Sie es tatsächlisch vergessen haben?"

Die junge Frau starrte ihn an, die Erinnerung an das Ereignis, von dem er sprach, stand ihr klar vor Augen: Der Merowinger hatte von ihnen für die Freilassung von Neo verlangt, dass sie ihm die Augen des Orakels bringen sollten. Es war einfach nur widerlich gewesen und sie fand den Typ, der gerade vor ihr saß, genau so abstoßend wie seine Forderung. Natürlich hatten sie abgelehnt, da das Orakel ihre Verbündete war und sie ihr niemals etwas zuleide tun würden, worauf es zu einer heftigen Schlägerei mit den Leuten des Merowingers gekommen war. Ein glücklicher Zufall spielte ihr damals einen Revolver in die Hände und es gelang ihr, diese Waffe auf den Kopf ihres Widersachers zu richten. Sie konnte sich auch noch deutlich daran erinnern, wie sie ihn zur Herausgabe ihres Liebsten erpresst hatte:



"Sie wollen eine Deal machen? Wie wärs damit? Sie geben mir Neo oder wir sterben alle, hier und jetzt!"

"Interessanter Deal...", murmelte der Merowinger und ein kleines Lächeln umspielte seine Züge. "Sind Sie wirklich bereit, für diesen Mann zu sterben?"

"Darauf können Sie Gift nehmen!" [1]

"Sie wird es tun", mischte sich da die Frau ihres Widersachers ein. "Wenn sie es muss, wird sie uns alle umbringen. Sie ist verliebt."

"Es ist bemerkenswert, wie sehr das Muster der Liebe dem Muster des Wahnsinns gleicht", antwortete er seiner Gattin, wobei seine Züge wieder ernst wurden.

"Die Zeit ist abgelaufen", mischte sich Trinity ungeduldig ein. "Also, Mero, was darfs sein?"



Der Merowinger hatte nachgegeben und Neo wieder freigelassen. So weit, so gut. Aber was hatte all das damit zu tun, dass sie sich nun in einem Gebäude befand, das dem Franzosen gehörte? Und wieso sprach der Typ von einem Deal?

"Nun, erinnern Sie sich wieder an unsere letzte Begegnung?", erkundigte sich ihr Gesprächspartner.

Trinity nickte.

"Bon! Dann können Sie sich ja denken, warum Sie hier sind - bei mir!"

"Ganz und gar nicht!", widersprach die junge Frau heftig und blitzte ihn mit ihren Augen wütend an.

Er lächelte nur und fuhr mit geschmeidiger Stimme fort: "Sie sind aufgrund unseres damaligen Deals hier, ma chère, das ist doch nicht so schwer zu begreifen."

"Wir haben keinen Deal miteinander!", entgegnete Trinity.

"Oh doch, haben wir", antwortete der Franzose. "Sie forderten Neo von mir zurück und Sie haben ihn bekommen."

"Na und?! Ihnen blieb gar nichts anderes übrig, als ihn herauszugeben, wenn Sie weiterleben wollten."

"Schon wieder ein Irrtum, ma chère Trinity! Glauben Sie wirklich, dass ich mich vor Ihnen gefürchtet habe?"

Erneut glitt ein hämisches Lächeln über die Züge des Merowingers.

"Natürlich hatten Sie Angst", gab die junge Frau zurück. "Anderenfalls hätten Sie meiner Forderung doch niemals nachgegeben."

"Nun, ich kann wohl wirklich nicht erwarten, dass Sie zum damaligen Zeitpunkt in der Lage gewesen sind zu erkennen, warum ich Ihrer Forderung tatsächlich nachgab", bemerkte ihr Gegenüber herablassend. "Die meisten Menschen haben eine sehr eingeschränkte Wahrnehmung. Aber da Sie nun hier sind, werde ich Ihnen erklären, warum ich mich auf den Deal mit Ihnen einließ."

"Es gibt zwischen uns keinen Deal, verdammt noch mal!", schrie Tinity wütend.

"Ach nein?", meinte der Franzose spöttisch. "Aber Sie versicherten doch, dass Sie dazu bereit seien, für Neo zu sterben. Daran müssen Sie sich doch erinnern!"

"Ich wäre auch für Neo gestorben!", bekräftigte Trinity.

"Genau das haben Sie getan", sagte der Merowinger.

"Was...?"

Die junge Frau starrte den nach wie vor spöttisch grinsenden Mann an, der unweit von ihr auf dem Sofa saß. Eine Weile herrschte Stille im Zimmer, dann ergriff der Franzose erneut das Wort.

"Sie sind hier, um Ihren Teil unseres Deals einzulösen", erklärte er.

"Wie bitte?", fragte sie, immer noch irritiert. "Das verstehe ich nicht!"

"Es ist doch ganz einfach, ma chère: Ich gab Ihnen Neo und als Sie starben, wurden Sie zu mir gebracht. So lautete unsere Abmachung. Was ist daran so schwer zu verstehen?"

"Sie wollen... wollen also allen Ernstes behaupten, dass ich... gestorben sei?"

"So ist es!", der Merowinger nickte.

"Das ist unmöglich!", rief sie laut aus und sprang vom Sofa auf. "Wenn ein Mensch einmal tot ist, kann er nicht wiederauferstehen!"

Ihr Gastgeber schenkte ihr jetzt ein Grinsen, das vor Selbstgefälligkeit triefte.

"Nun, es kommt ganz darauf an, was man darunter versteht", gab er zurück.

"Wollen Sie mir jetzt mit Ihren Wortklaubereien kommen?", giftete sie ihn an. "Auf diese Art von Unterhaltung habe ich keine Lust, genauso wenig wie auf Ihre anderen Spielchen!"

Das Grinsen des Merowingers verschwand und machte einer strengen Miene Platz. Dann griff er zum zweiten Mal an diesem Abend in sein Jackett, holte die Fernbedienung heraus und richtete sie auf Trinity. Sie schrie auf und krümmte sich vor Schmerzen, doch er nahm den Finger erst wieder von der Taste, als sie auf die Knie gegangen war.

"Ich hatte Sie ja davor gewarnt, mir gegenüber respektlos zu sein", sagte er in grimmigem Ton. "Sie tun das, was ich von Ihnen verlange, ob es Ihnen passt oder nicht! In Zukunft werden Sie mir gehorchen, und zwar ohne Widerworte oder jeglicher Art von Respektlosigkeit. Haben Sie das verstanden?!"

Mit Tränen in den Augen nickte sie.

"Schön, und nun hören Sie mir genau zu, denn ich erkläre es Ihnen nur ein einziges Mal", fuhr der Merowinger fort, dabei die Fernbedienung wieder an ihren alten Platz zurücksteckend. "Da Sie etwas schwer von Begriff zu sein scheinen, fasse ich für Sie noch einmal unseren Deal zusammen: Sie verlangten Neo von mir zurück und waren im Gegenzug bereit, Ihr Leben für seines zu opfern. Da mir Ihr Angebot gefiel, ließ ich mich darauf ein. Und nun, da Sie gestorben sind, gehören Sie mir!"

"Das... das ist doch unmöglich! Wie kann ich tot sein, wenn ich mich gerade mit Ihnen unterhalte? Sie versuchen doch nur, mich hinters Licht zu führen!"

Der Merowinger bedachte Trinity mit einem drohenden Blick, unter dem sie zu zittern begann. Eine Reaktion, die vollkommen untypisch für sie war. Normalerweise wäre sie aufgestanden und hätte versucht, dieses Ekelpaket vor ihr zu verprügeln. Aber dazu war sie seltsamerweise nicht in der Lage, obwohl dieser Wunsch in ihr tobte. Der verdammte Franzose musste ihr etwas eingeflößt haben, um ihre körperlichen Funktionen stark einzuschränken.

"Eigentlich bin ich dafür bekannt, die Wahrheit zu sagen", fuhr der Franzose in strengem Ton fort, ohne seinen jetzt finsteren Blick von der jungen Frau zu nehmen, die auf dem Boden kniete, unfähig, sich gegen ihn zu wehren. "Mein richtiger Name lautet HADES, haben Sie ihn schon mal gehört?"

"Nein."

"Hm... das wundert mich nicht wirklich. Menschen, wie Sie einer gewesen sind, können vielerlei Dinge: Verschiedene Kampfsporttechniken, Computerprogramme hacken, Geräte bedienen und etlichen anderen Kram, aber von Kultur habt ihr keine Ahnung."

Trinity fand, dass der Merowinger wieder einmal viel zu viel redete, doch wagte sie es nicht, etwas zu sagen. Sie fühlte sich viel zu schwach und wollte nicht noch einmal die starken Schmerzen ertragen, die dieser Sadist ihr per Fernbedienung zugefügt hatte.

"Im antiken Griechenland war HADES der Gott der Unterwelt, das sogenannte Reich der Schatten, wie man damals sagte", fuhr der Merowinger in seiner Belehrung fort. "Es bezeichnete den Ort, in dem die Seelen der Toten lebten. Eine gute Analogie zu meiner Aufgabe hier. Auch zu mir kommen diejenigen, die aus ihrer Welt in die Matrix fliehen müssen, weil man sie auslöschen will. Im übertragenen Sinne handelt es sich dabei um Programme, die man als 'lebende Tote' oder metaphorisch als 'Schatten' bezeichnen könnte. Und ich helfe ihnen gern. Welches Programm hat es schon verdient, einfach gelöscht zu werden, nur weil man einem anderen, weiter entwickelteren Programm seine Aufgabe überträgt? Das ist einfach nicht fair."

"Ist es Ihnen und Ihrer Frau auch so ergangen?", wagte Trinity zu fragen.

"Persephone und ich haben schon bessere Zeiten gesehen", gab der Merowinger zu. "Aber wir sind nicht hier im Exil, weil wir ausgelöscht werden sollten. Man hat uns die Fürsorge für die Veteranen anvertraut, um sie unter Kontrolle zu halten. Deshalb werden sie auch selten verfolgt, wenn sie sich im Exil befinden. So lange sie nämlich das Leben in der Matrix nicht auffällig stören, werden sie geduldet."

"Dann ist der Schmugglerring, den Sie betreiben, nichts weiter als eine Farce?"

Der Merowinger lächelte jetzt wieder und murmelte: "Ein Spiel, um die Macht des Systems zu wahren. So tut es niemandem weh; und die Veteranen, die ich unter meine Fittiche nehme, sind überaus loyal. Ich bin sehr zufrieden mit diesem Arrangement."

Er bedachte die immer noch auf dem Boden kniende, junge Frau erneut mit einem taxierenden Blick, ehe er weitersprach: "Ich hoffe, dass Sie sich mit der Zeit ebenfalls zu einer loyalen Dienerin entwickeln werden."

"Eine Dienerin?", fragte Trinity ungläubig.

"Ja, es werden immer Dienerinnen in meinen Etablissements gebraucht", antwortete er. "Und ich denke, Sie gäben eine recht passable 'Serveuse' im Club Hel ab, angetan in schwarzem Lack und möglicherweise eine dazu passende Maske tragend."

"Heißt das etwa, ich soll als Kellnerin in diesem Club arbeiten?"

Er nickte stumm und formte seine Lippen, als ob er gerade einen besonders vortrefflichen Wein gekostet hätte.

"Aber ich habe noch nie als Bedienung gearbeitet!", protestierte sie und allein der Gedanke, dies in der düsteren Diskothek tun zu müssen, wo all die abnormen Typen mit den ungewöhnlichen Vorlieben sich trafen, jagte ihr Angst ein.

"Das ist das geringste Problem, ma Petite. Natürlich werden Sie vorher gut eingearbeitet. Ich wünsche den besten Service für meine Gäste."

"Ich... ich... will das... nicht tun...", stieß Trinity hervor, den Merowinger dabei voller Furcht musternd. Dieser grinste abfällig und fragte: "Angst, ma chère?"

Sie nickte.

"Es ist doch höchst bemerkenswert, wozu Künstliche Intelligenz inzwischen imstande ist, n'est-ce pas? Manche Programme sind genauso emotional und unvernünftig wie Menschen."

"Aber Sie gehören nicht dazu, oder?"

"Wer weiß?", meinte der Franzose grinsend. "Doch ich bin vollkommen überzeugt, dass Sie dazu gehören, Trinity. Schließlich zählen Sie zu den Neukonstruktionen."

"Ich bin ein Mensch, kein Programm", erwiderte Trinity.

"Irrtum, ma Petite, Sie  w a r e n  ein Mensch", klärte der Merowinger sie auf und genoss den ungläubigen, starren Blick der jungen Frau, die ihn zweifellos für übergeschnappt hielt. Vergnügt fuhr er fort: "Sie sind bei der Mission, Neo in die Maschinenstadt zu begleiten, schwer verletzt worden und lagen im Sterben, als die Wächter Sie aus dem verunglückten Schiff bargen. Sofort begann man, Ihr Bewusstsein in ein künstliches Gehirn zu übertragen, um ihm zunächst eine neue, materielle Hülle zu geben, und informierte dann mich über Ihr leibliches Ableben. Sofort übermittelte ich meinen Geschwistern die Daten, um den Bewusstseinstransfer für das von mir selbst erstellte Dienstprogramm TRINITY durchführen zu können. Und nun sind Sie hier bei mir, als meine neue Sklavin. Aber ich versichere Ihnen, dass ich meine Bediensteten gut behandele, wenn sie mich zufrieden stellen. Anderenfalls erwartet sie die wohlverdiente Strafe, von der Sie bereits heute Abend zweimal eine Kostprobe erfahren durften."

"Nein...", hauchte die junge Frau. "Nein, das kann nicht wahr sein. Sie lügen!"

Der Merowinger schüttelte den Kopf.

"Finden Sie sich mit den Tatsachen ab, Trinity!", ermahnte er sie dann sanft. "Schon bald werden Sie feststellen, dass ein Programm um ein Mehrfaches besser ist als ein Mensch. Und nun gehen Sie zurück in Ihr Zimmer. Sie müssen sich noch etwas ausruhen, bevor die Schulung beginnt."

"Es ist also wirklich Ihr Ernst? Sie wollen mich dazu zwingen, für Sie als Kellnerin zu arbeiten?"

"Ich bin Ihr neuer Herr und kann Sie zwingen, wozu ich will!", bekräftigte er in hartem Ton, während sein Mund sich zu einem grausamen Lächeln verzog. "Glauben Sie mir, ich könnte noch ganz andere Dinge mit Ihnen anstellen, wenn ich es wollte."

Sie schluckte und senkte ihren Blick. Egal, ob das, was er ihr soeben gesagt hatte, der Wahrheit entsprach oder nicht - mit seiner Fernbedienung war er imstande, ihr dermaßen starke Qualen zu bereiten, dass sie alles tun würde, damit er damit aufhörte.

Resigniert erhob sich Trinity langsam auf die Beine und taumelte zum Lift zurück. Die Gitterstäbe fuhren nach oben und sie stieg in die Kabine ein, atmete erleichtert auf, als sich die Türen hinter ihr schlossen und der Lift sich ohne ihr Zutun Richtung Erdgeschoss bewegte. Unten erwartete sie die alte Frau, die sie schweigend zu ihrer Kammer zurückbrachte. Sobald Trinity allein in dem Raum war, sah sie sich nach einem spitzen Gegenstand um, aber sie fand keinen. Immer noch schockiert von den Behauptungen des Merowingers begann sie sich heftig am Unterarm zu kratzen. Wenn sie dies lange genug tat, würde es zu bluten beginnen... doch nichts passierte. Selbst nach einer halben Stunde intensiven, starken Kratzens mit ihren Fingernägeln zeigte ihre Haut nicht den Hauch einer Rötung.

"Nein", dachte Trinity verzweifelt und schüttelte den Kopf. "Nein, das kann nicht sein! Ich bin doch kein Programm! Das ist unmöglich! Der Typ muss mir irgendeine Droge eingeflößt haben, als ich bewusstlos war, und nun erzählt er mir irgendwelche Stories, um mich einzuschüchtern."

Allerdings blieb da das Phänomen, dass sie tatsächlich mit Neo in die Maschinenstadt gefahren und er bei ihr gewesen war, als sie allmählich das Bewusstsein verlor und zu sterben begann. Wie sollten der Merowinger oder seine Handlanger es bewerkstelligt haben, an diesen Ort zu kommen, sie von den Eisenstäben aus ihrem Körper zu befreien und sie ins Leben zurückzuholen? Außerdem nahm sie diesem französischen Gangsterboss-Programm nicht ab, dass er als ein Kontrollorgan des Matrix-Systems fungierte. Denn sie konnte sich nicht vorstellen, dass das System einen Schmugglerring tolerierte, der alten oder fehlerhaft arbeitenden Programmen gestattete, problemlos ins Exil zu fliehen.

Und der Merowinger hielt sie nur hier gefangen, weil er sich an ihr rächen wollte. Dazu gehörte wohl insbesondere, ihr Bewusstsein zu manipulieren und es dazu zu bringen, ihm das Märchen abzukaufen, sie sei gestorben und würde nun als Programm weiterleben... als Dienstprogramm unter Merowingers Gnaden. Er selbst hatte sie als 'Sklavin' bezeichnet. Das verhieß nichts Gutes. Doch da sie nicht einmal wusste, wo genau sie sich befand und wie sie aus diesem düsteren Gebäude herauskam, konnte sie keinen Fluchtplan entwickeln. Ihr blieb erstmal nichts anderes übrig, als sich mit der gegebenen Situation abzufinden, und zu hoffen, dass ihre Freunde - falls sie überhaupt noch lebten und Zion nicht längst zerstört war - sie fanden und befreiten.

Trinity ließ sich auf ihr Bett gleiten und weinte leise. Sie war immer eine stolze Frau gewesen, die sich stets sehr gut zu verteidigen gewusst hatte. Aber nun schien ihr ganzes Wissen über die verschiedenen Kampftechniken, die sie zuvor doch im Schlaf beherrschte, mit einem Mal wie weggeblasen zu sein. Der elende Franzose hatte sie gequält und gedemütigt, ohne dass sie sich dagegen wehren konnte. Dieser widerliche Typ musste Methoden kennen, mit denen man in das Bewusstsein eines Menschen eindringen und ihren Geist manipulieren oder gar brechen konnte. Womöglich hatte er genau das mit ihr gemacht, wobei immer noch die Frage im Raum schwebte, wie er sie schwerverletzt in eines seiner Häuser gebracht und ihr das Leben gerettet hatte. Es war ein merkwürdiges Rätsel, doch vielleicht klärte sich all das noch auf.

Sie dachte an Neo, sie sehnte sich nach ihm. Ob es ihrem Geliebten gelungen war, mit der Quelle aller Maschinen zu verhandeln und Zion vor dem Untergang zu retten?

Dem Merowinger schien es jedenfalls gut zu gehen, was dafür sprach, dass Neo Erfolg gehabt hatte. Sicherlich suchte er längst nach ihr und würde sie bald aus der Gefangenschaft des selbstgefälligen Franzosen befreien. Er brauchte ja nur das Orakel zu befragen...

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[1] Freie Übersetzung von mir. Im Original sagt Trinity: "Believe it!" - Die deutsche Übersetzung im Film lautete: "Mit Sicherheit."  Diese Wortwahl erscheint mir persönlich zu schwach für die offensichtliche Entschlossenheit, mit der Trinity ihre Forderung unterstreicht, um das Leben ihres Geliebten zu retten.
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