Auf die Zukunft

OneshotRomanze, Freundschaft / P12
Bill Weasley Fleur Delacour
19.07.2016
19.07.2016
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Hallo!

Es freut mich, dass ihr zu dieser Kurzgeschichte gefunden habt.
Sie ist ein Beitrag zu dem Wettbewerb Memories von Mrs DiLaurentis.
Ziel dieses Wettbewerbs war es, Erinnerungen an besondere Momente, wie den ersten Schultag, das Kennenlernen von Freunden oder den beruflichen Erfolg, von Charakteren aus der Harry Potter-Welt aufleben zu lassen und nachzuerzählen.

Wie immer gilt:
Alle Figuren und Handlungsorte gehören J. K. Rowling.
Diese Geschichte entspringt meiner eigenen Fantasie und ich verdiene kein Geld damit.

Wie jeder Autor würde ich mich natürlich über Feedback, sei es in Form von Lob oder auch gerne Kritik freuen.

Meine Vorgabe lauteten:
Art der Erinnerung: Abschlussfeier in Hogwarts oder Beauxbatons oder Durmstrang
Wortvorgabe: Neuanfang

Viel Spaß beim Lesen!

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Unter funkelnden Kristalllüstern schoben sich tanzende Schülerinnen und Schüler über das Parkett. Lindgrüne, himmelblaue, apricot- und roséfarbene Röcke, aus Tüll, Samt oder Seide, bauschten sich im Takt der Musik auf und schwangen um die grazilen Füße ihrer Trägerinnen.
Zwischen den wirbelnden Farben der Mädchen, gingen die pastellblauen Festgewänder der Jungen unter. Einzig goldenen Applikationen an deren Revers, Manschetten und Soutachen setzten Akzente und verliehen, selbst den unansehnlichsten unter ihnen, ein schneidiges Aussehen.


Fleur stand etwas abseits und warf ihren Kameradinnen und Kameraden, die über die Tanzfläche schwebten, hin und wieder einen Blick zu. Es war ein Bild voller Frohsinn und Ausgelassenheit, das so gar nicht zu ihrer Stimmung passte.
Deshalb nippte sie an dem Glas Champagner in ihrer Hand und lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Gespräch ihrer Freunde. Doch auch dort fand sie nur das überschäumende Strahlen über den bestandenen Abschluss. Tine hielt noch immer ihr Zeugnis in der Hand und erzählte von der Zusage für das Institut für Mykologie.
Als sie bemerkte, dass Fleurs Blick auf ihr ruhte, brach sie ab und lief rot an. „Tut mir leid, wenn ich euch gelangweilt haben sollte. Ihr musstet euch ja keine Sorgen machen. Ihr habt eure Zusagen ja schon lange bekommen, während ich … naja.“
„Schon in Ordnung. Ich habe ja die ganze Zeit mit dir mitgehofft.“ Fleur lächelte und drückte ihren Arm.
„Wir alle haben die ganze Zeit die Daumen gedrückt“, verkündete Mateo Rodríguez und hob schwungvoll sein Champagnerglas in die Luft. „Darauf, dass wir acht Jahre Paukerei unter Maximes Obhut überlebt haben und unser Leben jetzt anfangen kann!“
„Ja! Darauf, dass ich nun endlich nicht mehr um neun Uhr abends auf meinem Zimmer sein muss und nie wieder einen dieser elendig flatternden Seidenschals in die Hand gedrückt bekomme!“ Olivier folgte Mateos Beispiel und sorgte mal wieder für ein breites Grinsen auf allen Gesichtern. Niemand hatte vergessen, wie vor zwei Jahren eine Windböe das nachlässig um seinen Hals geschlungene Tuch durch die Luft und direkt vor die Hufe der Abraxaner geweht hatte. Madame Maximes Besuch, bei dem spanischen Zaubereiminister, hatte sich um eine Stunde verspätet, in der die geflügelten Pferde erst mit Single Malt Whiskey beruhigt und die Kutsche mit Reparaturzaubern belegt werden musste.
Als Tine ihr Glas erhob, kicherte sie, bei der Erinnerung daran, noch immer. Alle Augen waren somit auf Fleur gerichtet, an die das Vergnügen überging, den letzten Toast auszusprechen.
Ihr fiel nichts ein, was Mateos Resümee hinzuzufügen wäre oder Oliviers Humor überbot. Deshalb entschied sie sich für einen knappen Hochruf, mit dem sie hoffte, alle ihre Hoffnungen zu bündeln und die in ihr gärenden Bedenken zu unterdrücken. „Auf unsere Zukunft!“
Auf unsere Zukunft!

Eine Stunde später war – zusammen mit Mateos kurzen schwarzen Haaren – auch Tines rotblonder Haarschopf, unter den Tanzenden zu erkennen.
Fleur hatte gerade ihre Eltern und Gabrielle in der Gesellschaft von Madame Maxime zurückgelassen und sich, auf der Flucht vor weiteren Gesprächen, an den Rand des Treibens verzogen. Sie lehnte an der niedrigen Mauer der Längsseite des Festsaals, die hohen Bogenfenster im Rücken, und beobachtete ihre Freundin und die Menge der Feiernden.
Selten war der Festsaal der Beauxbatons-Akademie so voll wie bei Abschlussfeiern. Anders als bei Einschulungen oder Aufführungen, tummelte sich, neben Eltern, Geschwistern, Freunden und Bekannten, Jahr für Jahr am Ende des Schuljahres, auch die Prominenz der magischen Welt unter den Besuchern: Mitglieder der französischen, iberischen oder beneluxischen Zaubereiregierungen, Gesandte der Internationalen Zaubereivereinigung, Vorstände europäischer Quidditchverbände, Kundschafter der Koboldstein- und Zauberschachligen, Leiter nationaler und internationaler medizinischer Institute und Tierwesenforschungsanstalten, bis hin zu angesehenen und verdienten Ehemaligen, aus Politik, Kultur und Sport, die den Abend nutzten, um entweder selbst ins Rampenlicht zu treten, und sich im Glanz der erfolgreichen Jugend zu sonnen, oder eifrig darum bemüht waren, unter den letzten, unentschlossenen Absolventen vielversprechende Talente auszumachen und für sich zu gewinnen.
Stand der achtzig auf vierzig Meter große Saal den überwiegenden Teil des Schuljahres leer, machte er sich bei diesem Anlass verdient. Ohne magische Veränderungen nahm er die über tausend Personen auf, um gleichzeitig noch genügend Platz für eine Tanzfläche, eine Bühne und das meterlange Buffet zu bieten. Nicht zu vergessen den Chor der Waldnymphen, die im Bedarfsfall, mit ihren glockenhellen Stimmen, das Orchester begleiteten.
Ein wahres Meisterwerk, das die Baumeister mit ihrer Magie vor langer Zeit geschaffen hatten, dachte sich Fleur und bewunderte zum vermutlich letzten Mal die schneeweißen Mauern mit dem ockerfarbenen Sockel, die daraus hervorragenden Blendsäulen und die kunstvollen Stuckmuster an Wand und Decke. Als sie in das spiegelnde Licht eines der fünf Kronleuchter sah, musste sie blinzeln und wandte ihren Blick wieder nach unten. Dabei entdeckte sie einen schlaksigen jungen Mann, mit kurzem dunkelbraunen Haar und lässig über die Schulter gelegtem Umhang, der auf sie zu geschlendert kam.
„Na, meine Schöne. So ganz allein hier.“ Ohne zu fragen, lehnte er sich neben sie und bot ihr sein gefülltes Champagnerglas an. Fleur nahm es mit einem Lächeln.
„Wieso erstaunt es mich nicht, dass ausgerechnet du hier auftauchst, Olivier?“
„Vielleicht, weil ich meine Mutter und Madame de Ganay endlich entwischt bin.“ Auf seinem Gesicht zeichnete sich ein spitzbübisches Grinsen ab, als er einem vorbeieilenden Pagen ein Zeichen gab und sich ein neues Glas besorgte. „Kaum zu glauben, dass die alte Dame schon 105 ist. Sie erinnert sich an mehr Details meines zehnten Geburtstags als ich.“
Fleur schmunzelte und nahm einen Schluck der perlenden, goldenen Flüssigkeit. Trocken prickelte die leichte Säure über ihre Zunge.
„Und? Hat sie schon einen Termin zur Büroeinweihung des jungen Herrn Morin bekommen? Ich wette nicht, so bescheiden wie du immer bist.“
Olivier lachte auf. „Bescheiden? Ich? Bist du sicher?“
Sie fasste ihn ins Auge, bis er aufgab.
„Na schön, du hast recht. Aber was bleibt mir auch anderes übrig. Ich habe schließlich nicht darum gebeten, in eine Familie voller Trankbrauer hineingeboren zu werden und das Talent zu erben. Also bleibt nur, mich so unauffällig wie möglich zu geben –“
„Und dein Talent unter den Scheffel zu stellen.“ Fleur schüttelte den Kopf.
„Sei doch froh. Oder meinst du, ich hätte dem vorwitzigen, blonden Mädchen im ersten Jahr einen Teil meiner Schrumpflösung abgetreten, wenn ich ein selbstbewusster, eingebildeter Kerl gewesen wäre?“
„Dann hätte ich dich, trotz M für deine Murtlapessenz, gar nicht erst gefragt.“
„Oho! Ich habe deine Freundschaft also nur der guten, alten Madame Durand zu verdanken?“
„Ja. Du kannst ja zu ihr gehen und dich dafür bedanken.“ Fleur wies in Richtung der Lehrertische, wo eine kleine, dicke Frau, mit malvenfarbenem Spitzhut und sich darunter hervor kräuselnden, grauen Haaren, zwischen neugierigen geladenen Gästen hin und her wuseln musste.
„Lieber nicht. Sonst laufe ich nochmal Madame de Ganay in die Arme. Und ich weiß nicht, ob ich einen zweiten Monolog über meine stattliche Persönlichkeit überlebe.“
Olivier gelang es nicht mehr, bei ihren sich aufschaukelnden Neckereien, ernst zu bleiben, weshalb auch Fleur ihre stoische Maske ablegte. Glucksend standen sie beide am Rand der Gesellschaft, als berührte sie der Trubel nicht.
Dieser Moment der Unbeschwertheit verflog jedoch zu schnell. Ohne es zu wollen, kam Fleur der Anlass für diesen Abend wieder in den Sinn und ihre Miene verdunkelte sich.
Es wunderte sie nicht, dass Olivier ihren Stimmungsumschwung bemerkte. Sie kannten sich zu gut, als dass er nicht wusste, was es bedeutete, wenn ihre Wangenmuskeln sich anspannten und sie unruhig auf Unterlippe und Innenseite ihrer Backe biss.
„Alles in Ordnung mit dir?“
„Ja, ja.“
„Bist du sicher? Hätte ich vielleicht doch meine Beziehungen zu einem großen französischen Trankfabrikanten spielen lassen sollen und dir eine Stelle, in einem Außenposten in Amerika, besorgen sollen? Meine Beziehung sind ganz gut, weißt du.“
Ein flüchtiges Schmunzeln huschte über Fleurs Lippen.
„Nein. Was soll ich denn mit Tränken und Bräuen, wenn ich ein Magnifique in Arithmantik, aber nur ein Acceptable in Braukunst habe?“ Bestimmend schüttelte sie den Kopf.
„Mich nicht allein lassen zum Beispiel?“
Fleur zog eine Augenbraue hoch.
„Schon gut.“ Abwehrend hob Olivier seine Hände. „Ich weiß. New York und Chicago sind zu weit weg. Darum gehst du lieber nach London zu ein paar stinkenden Kobolden und frischst dort dein Englisch auf.“
„Genau.“ Fleur verschränkte ihre Arme und starrte nach rechts, zu der Tanzfläche. Sie hatte Tine und Mateo aus den Augen verloren und ihre Schwierigkeiten, die beiden während dem schnellen Bourrée auszumachen.
„Was ist es dann? Du hast vorhin schon gedankenverloren vor dich hingestarrt.“
Fleur entging nicht, dass er die Stimme gesenkt hatte und Besorgnis in seinen Worten mitschwang. Sie seufzte. Es war einfach unmöglich ihm etwas vorzumachen.
„Findest du es nicht auch seltsam, wie fröhlich und heiter alle sind? Oder geht es nur mir so, dass ich die allgemeine Begeisterung und Euphorie nicht teilen kann?“
Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, wie Olivier sich nach hinten lehnt und ebenfalls die Arme verschränkte. Neugierig, welche Antwort sie von ihm erhalten würde, wandte Fleur ihren Blick zu ihm um. Die Nacht war bereits weit fortgeschritten, sodass ihre Gestalten sich auf dem dunkelblauen Hintergrund spiegelten.
„Nun ja, es ist unser letzter Tag an der Schule. Wie Mateo gesagt hat, haben wir alle Prüfungen bestanden und starten jetzt in das richtige Leben.“
„Ja, schon.“ Ungeduldig hob Fleur die Hand mit ihrem Champagnerglas. „Aber macht dir das nicht auch irgendwie … Angst?“
„Du meinst, weil wir nicht mehr hinter den schützenden Mauern von Beauxbatons sind?“
Unwirsch schüttelte Fleur den Kopf. „Nein, das ist es nicht.“
Schließlich war sie fast das komplette letzte Schuljahr außerhalb von Beauxbatons gewesen. Und was sie in Hogwarts erlebt hatte, sollte wohl reichen, um einen Eindruck – mehr noch – ein Höchstmaß von unangenehmen Ereignissen präsentiert zu bekommen, die auf sie warten könnten.
„Ich meine die Tatsache, dass das hier nun vorbei ist. Dass ein kompletter Lebensabschnitt zu Ende geht. So anstrengend die Lernerei und das Üben auch war – im Nachhinein hat es doch irgendwie Spaß gemacht.“
Bilder von ihrer ersten Stunde Braukunst traten ihr vor die Augen. Statt mühelos durch eine silbrig-graue Flüssigkeit zu gleiten, steckte ihre Kelle in einer dunkelgrauen, fast schwarzen, teerigen Masse. Neidvoll hatte sie zu dem stillen braunhaarigen Jungen, eine Reihe schräg vor ihr, geblickt, dem Madame Durand, beim Anblick seines Ergebnisses, ein M hinter seinen Namen kritzelte. Damals hatte sie nicht darüber lachen können und als Olivier sie das erste Mal darauf angesprochen hatte, hatte sie sich ihres Verhaltens geschämt. Doch mittlerweile konnte selbst Fleur darüber lachen, wie sie noch nach der missglückten Stunde mit, ihr über den Rücken fallenden, offenen Haaren und aufrechtem, selbstbewussten Gang zu ihrem Klassenkameraden getreten war und ihn vorlaut vor vollendete Tatsachen gestellt hatte, dass er ab der nächsten Stunde Braukunst neben ihr sitzen werde – wissend, dass er keine Chance hatte, sich gegen ihr Veela-Blut zur Wehr zu setzen.
Oder die Stunde Tierwesen, nach dem Zwischenfall mit Oliviers Schal und den Abraxanern. Sie waren gerade dabei ein Rudel Crups zu bürsten, als Mateo auf die Idee kam zu testen, wie denn Crups auf einen Seidenschal reagieren. In einem unbeobachteten Moment löste sich sein Tuch und schlang sich um Senhor Azevedos hüftlangen Pferdeschwanz. Es dauerte nicht lange und sämtliche Tiere folgten ihm, hüpfend und schnappend, mit treuer Ergebenheit, während Senhor Azevedo die unerschütterliche Meinung vertrat, es läge nur an den Flubberwürmern in seiner Hosentasche.  
„Das Zusammenkommen und Wiedersehen nach den Ferien, alle möglichen Missgeschicke im Unterricht, die Feiern bei Quidditchsiegen, das gemeinsame Vorbereiten von Examensstoff, die gegenseitigen Abfragen und die gegenseitige Motivation, die Freude bei bestandenen Prüfungen und die darauf folgenden nächtlichen, heimlichen Treffen in den Gemeinschaftsräumen.“ Fleur brach ab. Sie war sich sicher, dass ihr Blick, wenn sie weiterreden würde, einen verklärten Glanz bekäme. „Es war nicht alles so gut, wie das jetzt klingt. Das weiß ich. Aber man hatte immer die Sicherheit zu wissen, was einen im nächsten Jahr erwarten würde. Und jetzt …“
Auch wenn sie es offen ließ, schien Olivier zu verstehen was sie zu sagen versuchte. „Du meinst, dass alles offen ist. Dass wir nicht wissen, was auf uns zukommt.“
Fleur nickte.
„Was sagst du, wenn ich dir sage, dass du vorhin überhaupt nicht so skeptisch geklungen hast?“ Auf Oliviers Gesicht zeichnete sich schon ein Lächeln ab, bevor Fleur auf den neckenden Spott in seiner Stimme reagieren konnte.
„Bei Flamels Goldkessel! Hat dir schon einmal jemand gesagt, wie ausgesprochen unsensibel du manchmal sein kannst, Olivier!“
Es störte sie nicht, dass er sah, wie sie mit den Augen rollte und in der Nähe stehende Zauberer und Hexen sich zu ihnen umdrehten und runzelnd die Stirn verzogen, als sie ihr Glas auf den Fenstersims stellte und dabei Champagner herausschwappte.
„Nein, Madame de Ganay würde das niemals wagen. Und sie wäre auch überaus empört solche Worte aus deinem liebreizenden Mund zu hören, Fleurinchen.“
Fleur schnaubte. Er wusste, dass es ihr nicht behagte, wenn er sie mit diesem lächerlichen Spitznamen anredete. Ohne alle guten Absichten, die hinter seinen Scherzen liegen mochten, in Frage zu stellen – es gab Momente, in denen sie ihr auf die Nerven gingen. Nicht viele, aber doch ein paar. Und dieser Moment war ein solcher.
„Okay. Damit hattest du deinen Spaß. Wärst du dann so gut, dich wieder wie ein zivilisierter Mensch mit mir zu unterhalten. Ich wäre sonst durchaus bereit, zu Madame Maxime zu gehen und ihr einen Hinweis zu dem Schalwerfer auf die Abraxaner zu geben.“
Die letzte Anspielung konnte Fleur sich nicht verkneifen. Ihre Drohung war nicht ernst gemeint – das wusste auch Olivier –, jedoch verfehlte sie auch nicht ihre Wirkung.
„Also gut. Es tut mir leid.“
„Schon besser.“
Versöhnlich gestimmt, nahm Fleur ihr Glas wieder in die Hand und wollte dort weitermachen, wo sie stehen geblieben waren, als Olivier schneller war.
„Ich bleibe aber dabei: Deine Rede klang deutlich optimistischer.“  
Da sie nun Aufrichtigkeit aus seinen Worten heraushörte und natürlich wusste, was sie, in ihrer Rede als oberster Schülersprecherin, erzählt hatte, widersprach ihm Fleur dieses Mal nicht.
Von Erleichterung, über die bestanden Prüfungen, von Freude, diesen Lebensabschnitt geschafft zu haben und von Zuversicht, auf den kommenden Abschnitt hatte sie gesprochen. Durchaus nicht gelogen, denn diese Gefühle tobten auch in ihrem Inneren. Nur eben sehr viel versteckter, als die momentan dominierende Unsicherheit.
„Das war das, was alle hören wollten. Und als ich sie geschrieben habe, war ich auch nicht so … so zweiflerisch, wie jetzt.“
„Aber nach England gehen ist doch das, was du wolltest. Ich verstehe zwar nicht, warum, nachdem du dich das letzte Jahr permanent über das schlechte Wetter und die Kälte dort beschwert hast. Aber nicht einmal ich, mit meinem Angebot, konnte dich davon abbringen.“
„Ja, das ist es was ich will.“ Ihre Einstellung, zu ihrem Plan, hatte sich noch immer nicht geändert.
Mehrmals hatte sie ihren Eltern, Olivier und den anderen erklärt, warum es sie ausgerechnet in das nasskalte Britannien zog. Der Beruf, die Sprache, das Fernweh – die Sehnsucht nach etwas Neuem. Während sie in Gedanken nochmals alle Gründe durchging und überlegte, ob es einen Sinn hatte, sie Olivier nochmals darzulegen, tauchte ein roter Haarschopf vor ihrem inneren Auge auf.
Fleur hatte den Tag, vor der letzten Aufgabe des Trimagischen Turniers, als die Familien der Champions eingeladen worden waren, nicht vergessen. Ebenso wenig wie die Neugier, mit der sie den jungen Mann gemustert hatte, der ihr – anders als sie es gewohnt war – so gar keine Aufmerksamkeit schenkte. Dass dies beileibe kein vernünftiger Grund war, wusste sie. Und dennoch kitzelte es sie, ihn besser kennenzulernen. Nicht nur, um das warme Kribbeln in ihrem Bauch, das sie bei dem Gedanken an ihn befiel, intensiver auszukosten, wie sie sich stets beteuerte. Nur um die Faszination, die sie für ihn empfand, genauer ergründen zu können.
Fleur schreckte aus ihren Gedanken auf, als ihr einfiel, dass Olivier auf eine Antwort wartete. Da sie nicht wusste, ob er die Heftigkeit, mit der sie an ihrem inneren Widerstreit hatte knabbern müssen, bemerkt hatte, trank sie einen Schluck Champagner und richtete ihren Blick auf die Tanzfläche, um eine mögliche Röte zu verstecken.
„Ich freue mich auf England. Aber gleichzeitig tut es mir leid, das alles hier zurück zu lassen, für etwas, von dem ich nicht weiß, ob es sich so herausstellt, wie ich es mir vorgestellt habe.“
Ihre Bedenken hingen dabei nicht nur an den Erlebnissen in Beauxbatons. Es bedrückte Fleur, dass sie ihre Schwester nicht mehr so oft sehen würde. Dass sie, nachdem sie sonst, nahezu täglich mit Olivier, Tine und Mateo hatte reden und scherzen können, nun auch die nahe Verbindung zu ihnen verlor. Was, wenn sie in England keine Freunde fand? Wenn sich alle Menschen dort als oberflächlich und snobistisch herausstellten? Sie fürchtete, dass sie die Freundlichkeit und Offenheit der Franzosen vermissen würde.
„Du machst dir Sorgen, dass die Menschen dir nicht zu Füßen liegen?“
„Nein!“
„So hört es sich aber an.“
„Olivier, du weiß, dass ich nicht …“
„… dass du nicht so bist. Ich weiß. Aber je mehr du erzählst, desto mehr glaube ich, dass du nur von Abschiedsschmerz sprichst.“
„Abschiedsschmerz?“
Fleur fürchtete, trotz eleganten und figurbetonten blauen Ballkleides, wie ein kleines Mädchen auszusehen, dem man gerade erklärt, dass nicht alle Menschen Zauberkräfte besitzen.
Dass Olivier ihre, mit gerunzelter Stirn vorgetragene, dumme Frage als kindliche Unreife abtat, erkannte sie an dem Zucken, das um seine Mundwinkel spielte. Sie war ihm zu tiefst dankbar, dass er sie nicht schon wieder aufzog, sondern, mit der ihm eigenen Sachlichkeit, erklärte: „Ja. Sei froh, dass du erst jetzt in den Genuss davon kommst. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr meine Eltern mit mir zu kämpfen hatten, weil ich mich als Zehnjähriger mit Händen und Füßen dagegen sträubte, nach Beauxbatons zu gehen. Ich hatte viel Tolles von der Schule gehört und wollte auch endlich zaubern dürfen. Allerdings nicht dort, an einem fremden Ort mit noch mehr fremden Kindern, von denen ich schon im Vorhinein fest überzeugt war, dass ich unter keine Freunde finden würde. Ich wollte im sicheren Hort bei meiner Familie bleiben, bei meinen Eltern, Brüdern und Verwandten. Wenn es nach mir ging, hätten mir meine Eltern das Zaubern beibringen können, sodass ich Angenehmes mit Angenehmen verbunden hätte.
Und genau das ist das, was du fühlst.“  
Bist du dir sicher, hätte Fleur ihn am liebsten gefragt. Immerhin wusste sie, dass Olivier am Anfang ein äußerst schüchterner und zurückhaltender Junge gewesen war, der erst im Laufe der Jahre zu der stattlichen Persönlichkeit herangewachsen war, die Madame de Ganay nun in ihm sah.
Wie er ihren angestrengten Gesichtsausdruck sah, schmunzelte Olivier.
„Wenn ich es mir recht überlege, sollte mich das eigentlich gar nicht verwunden. Du hast schon immer Selbstbewusstsein ausgestrahlt. Du konntest dir, deinen Veela-Genen sei Dank, wo du auch hinkamst, schon immer der Aufmerksamkeit und dem Interesse gewiss sein und wusstest, wie du damit umzugehen hattest. Und mit Tine an deiner Seite, war dir eine Verbündete und Freundin an der neuen Schule schon sicher. Sorgen, bezüglich der neuen Umgebung, und Schmerz, über die Trennung von deiner Familie, brauchtest du deshalb gar nicht zu empfinden.“
„Das stimmt nicht!“
Dieses Mal war es Olivier, der seine Augenbraue hochzog.
„Nun gut.“ Fleur seufzte. Sie wusste, dass er recht hatte. Gabrielle kam erst auf die Welt, als sie in der zweiten Klasse war und die Aussicht, mit ihrer Nachbarschaftsfreundin Tine ein Zimmer zu teilen und den gesamten Tag verbringen zu können, wischten die Trauer über die Trennung von ihren Eltern schnell beiseite.  
„Glaub mir, Abschiedsschmerz empfinden wir alle einmal. Die einen früher, die anderen später. Und spätestens, wenn du in London einem reichen Zauberer seine Säcke voller Gold abgeknöpft hast, wirst auch du nicht mehr zweifeln, ob diese Entscheidung die richtige war.“
Auch ohne Zwinkern, hätte Fleur über seinen Scherz lachen müssen.
Sie brauchte einen Moment, um Oliviers Worte wirken zu lassen. Sein Gesagtes hörte sich logisch an und Logik liebte sie. Außerdem wäre es, in dem Wissen, dass ihre Missstimmung irgendwann von alleine verflog, viel einfacher, die bedrückenden Gedanken beiseite zu wischen und den Abend zu genießen. Also das zu tun, was sie schon längst hätte tun sollen und für das sie ihre Kameradinnen und Kameraden, die so sorglos schienen, am liebsten schon mehrmals verflucht hätte. Wobei, vielleicht bedrückt ja auch sie der Gedanke, diesen Lebensabschnitt hinter sich zulassen?
„Und du? Bist du traurig, dass unsere Schulzeit vorbei ist?“
„Ich?“ Fleur nahm Olivier die Überrumpeltheit ab. Erst nachdem er, mit einem langen Schluck, sein Champagnerglas geleert hatte, rang er sich zu einer Antwort durch. „Ich weiß nicht. Ein bisschen vielleicht, aber im Moment nicht besonders. Ich freue mich darüber, dass ich so schöne Jahre erleben durfte und es mit der Abschlussfeier noch einen weiteren Höhepunkt gibt, den ich später mit Sicherheit in guter Erinnerung behalten werde.
Da ich allerdings nicht weg von Zuhause sondern zurück nach Hause gehe, kannst du meine Situation wohl nur schlecht mit deiner vergleichen.“ Er rang sich ein Lächeln ab, da er wusste, dass er ihr damit nicht weiterhalf. „Aber vielleicht siehst du es einfach so: Das Ende der Schulzeit ist wie ein Neuanfang im Leben. Mit dem Unterschied, dass du jetzt alles an Wissen und Können – und Schönheit –“, diesen Seitenhieb konnte er sich nicht verkneifen, „besitzt, was man für einen erfolgreichen Neuanfang braucht. Damit kann die Zukunft nur besser werden. Sollte doch etwas schief gehen, kannst du wieder zurückkommen und hast dafür eine Menge Erfahrung im Gepäck.
Und um deine Familie und uns musst du dir auch keine Sorgen machen. Deine Eltern und Gabrielle kamen die letzten acht Jahre auch nicht ständig in den Genuss deiner Gesellschaft und Tine, Mateo und ich werden – so wie du – ebenfalls genug damit zu tun haben, uns in die neue Umgebung einzufinden.
Daher sollten wir doch alle diesen letzten Moment nutzen, in dem wir zusammen sind und ihn nicht mit so trüben Gedanken verpesten. Für Traurigkeit ist morgen noch Zeit.“  
Während sie gedankenverloren das Glas in ihrer Hand gedreht hatte, hatte Fleur aufmerksam seinen Worten gelauscht und ihre Bedeutung in sich eingesogen. Und je länger sie die Bedeutung hin und her schob und sich mit ihr auseinandersetzte, desto mehr nistete sich deren verheißungsvolle Botschaft in ihr ein.
Bevor sie sich an Olivier wandte, sah sie nochmal zu den Tanzenden. Die letzten Takte des Bourrée mussten gerade erst verklungen sein, denn atemlos rangen manche Paare um Luft. Auf der rechten Seite der Tanzfläche machte sie nun endlich Tine und Mateo aus. Tine hatte Fleur und Olivier entdeckt und winkte ihnen zu. Lächelnd erwiderte Fleur das Winken.
„Also gut.“ Sie drehte sich zu Olivier um und hob ihr Glas. „Auf die Zukunft!“
Obwohl er keinen Champagner mehr darin hatte, stieß er an ihrem an und erwiderte: „Auf die Zukunft!“  




Noch immer drehten sich die Mädchen und Jungen auf dem Foto in Kreisen über das Parkett. Heiterkeit und Freude konnte man auf ihren Gesichtern ablesen und die Unbeschwertheit der Jugend, den Moment genießen zu können.
Fleur blätterte die Seite des Fotoalbums um und blickte auf ein Bild, das vier lachende Absolventen der Beauxbatons-Akademie für Zauberei zeigte. Sie stießen mit ihren Champagnergläsern an und jeder von ihnen schenkte dem Fotograf sein schönstes Lächeln.
Sie tastete neben sich, an der geschlossenen Armlehne des Korbsessels hinab, und zog ein cremefarbenes Pergament hervor, das eine Eule heute Morgen an ihrem Küchenfenster abgeliefert hatte.

Wir, Augustine Cantalloube und Mateo Rodríguez,
freuen uns, Euch zu unserer Hochzeit,
am 22.07.2000, in Nantes einzuladen.

Ein weiteres Ereignis, das es zu feiern gab. Sie kamen aus den Festen gar nicht mehr heraus. Aber Fleur wollte sich nicht beschweren. Solange es freudige Ereignisse waren, die sie zusammenkommen ließen, konnten, wenn es nach ihr ging, noch mehr Ehen geschlossen werden und Kinder auf die Welt kommen.
Sie lehnte sich nach links, zu der Wiege, und strich das herabhängende Himmeltuch zur Seite. Ein kleines zartes Wesen, von gerade einmal vierzehn Tagen lag dort auf dem Kissen und schlummerte tief. Die Augen waren geschlossen und die kleinen Hände zu Fäusten geballt. Einzig der helle Flaum auf dem Kopf verriet, dass das Mädchen nach der Mutter kam.
Beruhigt, dass es ihre Tochter ruhig schlief, lehnte Fleur sich wieder im Sessel zurück. Nichts hätte sie von diesem Platz vertreiben können. Der Blick durch das Fenster, auf die hellen Dünen und das dahinter liegende, tiefblaue Meer, die Nähe zu ihrem Baby und die friedliche Stille in dem Kinderzimmer unter dem Dach, vermittelten ihr ein Gefühl von Geborgenheit und Heimat.
Heimat. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie das Wort auskostete. Nie hätte sie, in dem Sommer vor fünf Jahren, gedacht, dass sie ausgerechnet dieses Wort mit der rauen Insel in Verbindung bringen würde.
Noch klar stand ihr vor Augen, wie sie, einem unwissenden Kind gleich, von Olivier erfahren hatte, was Abschiedsschmerz war. Ein zähes, trauriges Gefühl, das einen daran hinderte den Moment zu genießen und die Zukunft willkommen zu heißen.  
Mittlerweile hatte sie Erfahrung darin, neu ins Leben zu starten. Sowohl aus schlechten und traurigen Momenten heraus, in denen das Zurücklassen der alten Zeit deutlich schwerer wog, da die Erinnerung an aus dem Leben geschiedene Personen noch frisch und nah war, als auch aus guten Zeiten, in denen man kaum abwarten konnte, was die Zukunft für einen bot und bei denen man sich am liebsten Hals über Kopf in den Neubeginn stürzen mochte.
Olivier hatte recht behalten. Die Abschlussfeier war ein solcher schöner Wendepunkt gewesen. Genau wie der Moment, als sie dem rothaarigen Jungen wieder gegenübergestanden war oder als sie ihre kleine Tochter zum ersten Mal in den Armen gehalten hatte. Fleur freute sich, dass Tine und Mateo nun einen ebensolchen Moment feiern durften.
„Fleur?“  
Sie musste das Klappern der Haustüre überhört haben, denn erst jetzt bemerkte sie, dass ihr Mann nach Hause gekommen sein musste. Schwere Schritte polterten die Treppe herauf, bis die Tür des Kinderzimmers aufgerissen wurde.
„Da bist du.“
Verlegen fuhr sich Bill durch seine langen Haare, als er seine Frau lächelnd im Stuhl sitzen sah.
„Pscht“, mahnte Fleur leise und warf einen Blick in die Kinderwiege. „Sie schläft gerade.“
Auf leisen Sohlen trat Bill neben sie und blickte mit ebenso liebevoller Miene auf die kleine Victoire.
„Hast du die alten Fotos rausgeholt?“, fragte Bill mit gedämpfter Stimme, dem das offene Fotoalbum auf ihrem Schoß nicht entgangen war.
„Oui. Tine und Mateo ‘aben uns su ihrer ‘ochzeit eingeladen.“ Fleur reichte ihm den Brief. „Da ‘atte isch das Bedürfnis, mal wieder in den alten Seiten su schwelgen.“  
„Und hat es sich gelohnt? Du sahst so verträumt aus.“
Mit einem sanften Lächeln, aus dem Zuneigung und Liebe sprachen, bedachte er sie und gab ihr den Brief zurück. Behutsam faltete Fleur ihn zusammen, legte ihn auf die Seite mit dem Bild ihrer Freunde und schloss das Album.
„Oui.“ Sie sah erst ihr Kind und dann ihren Mann an und ergänzte: „Isch ‘abe ge‘offt, dass sie das gleiche Glück ‘aben wie isch, da ihnen dann eine wundervolle Sukunft bevorsteht.“






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* Übersetzungen:
magnifique (frz.) – großartig, wunderbar
acceptable (frz.) – annehmbar, akzeptabel
Senhor (port.) – Herr

** Crup
magisches Tierwesen, ähnlich einem Jack-Russel-Terrier, jedoch mit gegabelter Rute

*** Bourrée
französischer Tanz

**** Da die Erinnerung in Frankreich spielt und ich von Französisch als Hauptsprache in Beauxbatons ausgehe, tritt Fleurs Akzent erst im letzten Abschnitt zu Tage. Dasselbe gilt für ihre Gedanken, die akzentfrei geblieben sind.
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