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RFDS (heute) - Teil 2 - Eine Sache mit der Liebe

von COHO
GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Dr. Geoff Standish Kate Wellings/Standish
19.07.2016
28.02.2017
7
23.364
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28.02.2017 4.042
 
2.7 Ankunft in Coopers Crossing



Sandra stieg aus dem Bus. Sie war endlich angekommen. Nach scheinbar unendlichen Wochen, hatte man ihr nun endlich die Leitung für diese Arbeit übertragen. Eine Arbeit, die sie nun für Monate an diesen Ort binden würde. Coopers Crossing. Schon während der Fahrt hatte sie interessiert dieses kleine Städtchen betrachtet. Hier lebten die Menschen also, die sie damals auf der Farm der Cadmans kennengelernt hatte. Was sie wohl dazu sagen würden, wenn sie jetzt so plötzlich hier auftauchte!?

Außer Sandra stiegen noch zwei ältere Damen aus, die sich während der Fahrt ununterbrochen laut unterhalten hatten. Diese nahmen ihre Taschen aus dem Gepäckraum des Busses und gingen weiter aufeinander einredend davon.

„Das war ihrer, nicht wahr?“ Der Busfahrer sah sie fragend an.

„Ja, richtig.“ Sandra nahm ihren Rucksack entgegen, den der junge Mann aus dem ganzen Gepäck herausgefischt hatte. „Vielen Dank.“

„Bitte. – Bye. Ich muss weiter.“

Sandra hob grüßend die Hand zum Abschied. Sie schulterte den Rucksack und machte sich auf den Weg zur Basis des RFDS. Zum Glück waren sie eben mit dem Bus daran vorbeigefahren. So musste sie nicht erst lange danach suchen und sich durchfragen.

Vorsichtig öffnete sie die Tür des einstöckigen Flachdachbaus und trat in den Vorraum. Neugierig sah sie sich um. Hinter dem Empfangstresen war niemand, aber trotzdem konnte Sandra eine Stimme hören, die knisternde Antworten erhielt. Nach den Erfahrungen die Sandra schon gesammelt hatte, sprach man gerade über Funk miteinander.

Entschlossen ging sie weiter in den Flur, von dem mehrere Türen abgingen. Hinter einer Glaswand sah sie eine junge Frau am Funkgerät sitzen. Zaghaft klopfte sie an dem Holz der Glaseinfassung.

Scarlett fuhr erschrocken herum.

„Oh, Entschuldigung. Ich wollte Sie nicht erschrecken.“

„Nicht so schlimm.“ Scarlett schaute sie mit lachenden Augen an. „Einen Moment, ich bin gleich für Sie da.“

„Okay.“

Scarlett wandte sich wieder dem Funkgerät zu.

„Ich wiederhole Frank: Gleichbleibendes Wetter mit Wind aus Nord-Ost, 2 bis 3 Knoten.“

„Roger.“

„Danke Frank. Victor Charlie Charlie, Ende.“ Scarlett stand auf.

„So, jetzt habe ich Zeit. Wie kann ich ihnen helfen?“

„Hallo. Ich bin Sandra Hoffmann. Ich habe hier einen neuen Job angenommen und dafür ein Haus zugewiesen bekommen. Vielleicht könnten sie mir sagen, wo ich es finden kann, bevor ich erst die ganze Stadt durchkämmen muss.“

Während Sandra noch sprach, war Geoff aus seinem Büro getreten und hatte ihr interessiert zugehört.

„Ja, sicher helfe ich ihnen. Ich bin übrigens Scarlett. Scarlett Standish. Wie sie vielleicht schon mitbekommen haben, bin ich die Funkerin dieser Basis.“

„Und damit das Herzstück.“ Geoff schaltete sich lächelnd in das Gespräch ein.

Sandra sah ihm überrascht entgegen. Wenn das nicht Kevins Bruder war und damit Kates Mann, dann wollte sie einen Besen fressen.

„Sandra, das ist mein Vater, Geoffrey Standish.“

„Guten Tag.“ Sandra reicht Geoff die Hand.

„Hallo. Schön das ich sie endlich kennenlerne, Sandra.“ Scarlett sah ihren Vater erstaunt an. „Ich habe schon viel von ihnen gehört. Ehrlich gesagt haben alle schon viel früher mit ihnen gerechnet.“ Ein Funkspruch rief Scarlett wieder an ihre Arbeit.

„Kommen sie doch mit in mein Büro, da können wir uns ungestört unterhalten.“

„Gern.“ Sandra stellte ihren Rucksack auf einen Stuhl der vor dem Funkraum stand ab und folgte Geoff in den Raum am Ende des Flures. Er bot ihr einen der Stühle vor seinem Schreibtisch an und setzte sich ihr gegenüber.

„Entschuldigen sie mich einen Moment. Ich muss nur eben im Krankenhaus anrufen.“

„Bitte.“ Sandra ließ ihn gewähren. So konnte sie sich in aller Ruhe umschauen und sich ein erstes Bild von der Basis machen.

Geoff nahm den Hörer auf und wählte.

„Ah, da habe ich ja gleich die Richtige am anderen Ende… Nein, es ist nichts passiert, oder vielleicht doch. Hast du gerade Zeit? Kannst du kurz herüberkommen? … Wir haben besuch bekommen… Nein. Nein, mehr wird nicht verraten.“ Geoff lachte. Auch Sandra musste schmunzeln. Die beiden Brüder waren sich so ähnlich. Klar, sie kannte beide noch nicht lange, aber die Ähnlichkeit war verblüffend. Kevin hatte sie nur etwas größer in Erinnerung, aber das konnte auch täuschen.

Geoff hatte inzwischen das Gespräch beendet und bündelte seine Aufmerksamkeit wieder ganz auf Sandra.

„Kevin hat gar nicht erzählt, dass sie kommen. Ich habe ihn heute für eine Tour eingeteilt. Er wird nicht vor dem späten Nachmittag zurück sein.“

„Das macht nichts. Denn er weiß gar nichts von meinem Kommen. Ich wollte ihn überraschen.“

Geoff lachte sie offen an.

„Da wird er sich aber freuen. Wie lange werden sie bleiben können?“

„Solange ich will und ich Arbeit habe.“ Geoff schaute sie misstrauisch an.

„Haben sie nicht eben etwas von einer Stelle gesagt?“

„Ja.“ Sandra lachte. „Ich habe die Aufgabe die ganze Stadt zu vermessen.“

„Vermessen. Dann gehören sie zu dem Ingenieur, den man uns angekündigt hat?“

„Nicht ganz… Ich bin der Ingenieur.“

Jetzt war Geoff baff. Sandra hatte ihre Karten passgenau ausgespielt.

„Was haben sie gedacht, womit ich meine Brötchen in Deutschland verdiene?“

„Ich weiß nicht. Bei uns gibt es hier draußen nicht so viel Auswahl. Ich hatte gehofft, sie wären Kindergärtnerin oder Lehrerin.“

„Sie meinen, dann hätte ich bessere Chancen hier in der Stadt eine Arbeit zu finden?“

„Vielleicht!“ Geoff zog verlegen eine Schulter hoch und sah Sandra mit einem tief empfundenen reuevollen Blick an.

„Kein Problem.“

„Sie müssen wissen Sandra: Kevin hat mir schon viel von ihnen erzählt. Äh, … wir zwei verstehen uns sehr gut. Kate und ich sind immer für ihn und Feli da.“

„Es ist doch schön, wenn man so eine Familie hat.“

„Ja, das finde ich auch.“ –

„Hallo Scarlett!“ Kate winkte ihrer Tochter im vorbeigehen kurz zu und ging zum Ende des Flures. Vorsichtig steckte sie ihren Kopf durch die Türöffnung und sah ihren Mann an seinem Schreibtisch sitzen.

„Kate! Schau wer angekommen ist.“ Überrascht drehte sich Sandra zur Tür um.

„Sandra. Endlich! Wir dachten schon, dir wäre etwas zugestoßen.“ Kate ging auf die junge Frau zu und zog sie in ihre Arme.

„Aber ich hatte doch mit Kevin Kontakt. Er wusste immer, wie es mir geht und auch wo ich war.“

„Immer?“ Geoff forschte interessiert nach.

„Gut, in der letzten Zeit habe ich mich etwas rar gemacht, beziehungsweise ein wenig geflunkert. Ich hatte zu viel mit den Reisevorbereitungen zu tun. Und ich wollte ihn doch überraschen.“

„Das ist dir wirklich geglückt. Was wird Kevin für Augen machen!“

„Und dazu hat sie sich noch genau den richtigen Tag ausgesucht.“ Geoff stand auf und trat zu Kate.

„Wieso?“ Sandra sah das Paar an.

„Wir wollten heute Abend zusammen grillen. Sie sind auch herzlich dazu eingeladen. Dann lernen sie gleich die ganze Familie und einige gute Freunde aus Coopers Crossing kennen.“

„Ich weiß nicht. Ich glaube ich möchte mich erst einmal in Ruhe hier einleben und auspacken.“

„Das geht leider nicht. Wir müssen auf deine Anwesenheit bestehen.“ Kate sah sie ernst an.

„Aber es reicht doch auch aus, wenn Kevin morgen erfährt, dass ich angekommen bin.“

„Nein. Sorry Sandra, aber es muss sein!“

„Kate, du musst ihr nun aber auch verraten warum.“

„Meinst du?“ Geoff nickte. „Wahrscheinlich hast du recht. Es wäre nicht fair.“

Kate wandte sich wieder lachend an Sandra. „Wir feiern Kevins Geburtstag.“

Stille beherrschte den Raum.

„Kneifen gilt nicht, oder?“ Kate und Geoff schüttelten ihre Köpfe. „Ich habe aber doch überhaupt kein Geschenk für ihn. Wie sieht das den aus, wenn ich einfach so auftauche!?“

Kate legte Sandra ihren Arm um die Schultern

„Keine Sorge! Wir haben schon vor Jahren aufgehört uns gegenseitig etwas zu schenken. Runde Geburtstage ausgenommen. Alle, die Zeit haben, kommen vorbei; Wir sitzen zusammen, reden, feiern und haben Spaß.“

„Noch dazu werden wir zum ersten Mal seit Jahren wieder alle zusammen sein. Unsere Kinder sind gerade aus der Ferne wieder heimgekehrt. Ich weiß nicht, ob du schon davon gehört hast!?“ Sandra nickte. Das große Familienunternehmen beim RFDS in Coopers Crossing war damals bei den Cadmans das Gesprächsthema gewesen.

„Ich wollte gleich schon mal das Essen vorbereiten. Wenn du möchtest, kannst du mir helfen. Erstens geht es schneller und zweitens machte es mehr Spaß.“

„Okay, das mache ich gerne.“ Sandra fiel ein Stein vom Herzen. Auch wenn sie sich in der Gesellschaft von Kate und Geoff sehr wohl fühlte, hatte sie Angst, die Menschen in diesem Städtchen durch eine unbedachte Aussage oder Geste zu beleidigen.

„Gut. Dann bringe ich dich eben zu deinem Haus. Ich muss noch bis vierzehn Uhr arbeiten.“ Kate überlegte kurz. „Ich könnte dich so gegen fünfzehn Uhr abholen. Dann gehen wir noch eben den Rest einkaufen und fahren weiter zu uns hinaus. Wir könnten auch Feli schon mit hinausnehmen. Sie wird sich riesig freuen dich endlich wiederzusehen. In den ersten Wochen gab es nicht einen Tag, an dem sie nicht nach dir gefragt hat.“

„Ich habe sie auch vermisst.“

„Dann komm.“ Kate schob Sandra aus dem Büro.

„Denkt aber bitte daran, dass Kevin gegen siebzehn Uhr zurück sein wird. Sollte es knapp werden, dann gebt Bescheid und wir bringen Feli mit.“

„Okay Honey. Wird erledigt. Kommst du gleich noch herüber?“

„Ja. So in einer Stunde etwa.“

„Okay, dann bis gleich.“



Sandra und Kate standen in der Küche und bereiteten zusammen das Essen vor.

„Es war Zeit, dass du endlich gekommen bist, Sandy.“

Erstaunt sah Sandra Kate an: „Warum sagst du das?“

„Die letzten Wochen waren für uns alle hier nicht leicht… Kevin war unausstehlich… Am schlimmsten war es, als er fast drei Wochen lang nichts von dir gehört hat. Er hat sich schreckliche Sorgen gemacht, dir könnte etwas passiert sein.“

Sandras schlechtes Gewissen meldete sich: „Das wollte ich nicht. Es tut mir leid. Ich wollte ihm nicht unnötige Hoffnungen machen, dass ich eventuell kommen könnte. Erst in den letzten Tagen ist mir eingefallen, dass er ja gar nicht nachvollziehen kann, woher ich ihm schreibe. Ich durfte nur nicht mit ihm telefonieren.“ Sandra starrte vor sich hin.

„Dann warst du gar nicht in Alice Springs?“

Sandra schüttelte ihren Kopf. „Nein. Ich bin nach Sydney zurück. Von dort aus wurde alles organisiert und man hat mich in die Arbeit eingewiesen. Dann bin ich mit dem Flugzeug nach Broken Hill geflogen und mit dem Bus dann nach Coopers Crossing.

Kate, glaub mir bitte, es war nicht leicht, sich nicht zu melden. Kevin hat mir sehr gefehlt in diesen Wochen. Die Gespräche, einfach der Austausch mit ihm.“

„Ist schon okay. Wir haben eine Möglichkeit gefunden, damit er sich abreagieren konnte.“ Kate lächelte vor sich hin, als sie an den Punchingball in Kevins Garage dachte.

„Tante Kate! Tante Kate! Dad ist da!“ Felicitas kam in die Küche gestürmt. „Sie sind endlich da!“

„Gut Feli. Wir sind hier auch gleich soweit. Bis die Letzten eintreffen wird es noch etwas dauern.“

„Kate!“ Ertönte es vom Hintereingang her.

Erschrocken sahen sich Sandra und Kate an. Sie hatten geplant Kevin zu überraschen. Noch sollte er nicht wissen, dass Besuch auf ihn wartete.

‚Wohin?’ Sandra legte das Küchenmesser leise aus ihrer Hand. „Hinter die Tür.“ Flüsterte ihr Kate zu. Sandra huschte davon.

„Kate.“ Sekunden später stand Kevin schon im Türrahmen. „Warum antwortest du denn nicht?“

„Oh Kevin. Entschuldige, ich war total in Gedanken. Ich war mir nicht sicher, ob ich auch an alles gedacht habe. Nun komm erst einmal her. Sie zog ihren Schwager an sich.

„Alles, alles Gute zum Geburtstag.“

„Danke. Aber das erinnert einen immer wieder daran, dass man älter wird.“ Kevin schmunzelte und zwinkerte ihr zu.

„Ach, du Jungspund musst hier Reden schwingen.“

„Sag mal, kannst du noch Hilfe bei der Vorbereitung gebrauchen? Ich muss etwas abschalten und …“

„… das geht am besten beim Kochen.“ Vollendete Kate lachend den Satz. „Du bist wie dein Bruder. Geoff kocht auch für sein Leben gerne. Aber heute muss ich dir leider einen Korb geben. Ich bin schon so gut wie fertig.“

„Schade. Aber das zweite Brettchen liegt doch schon da. Lass mich die Tomaten zu Ende schneiden, ja?“ Flehend sah er zu seiner Schwägerin hinunter.

„Ach, das sind die Reste von Feli. Sie hat mir geholfen. Aber sie hat heute ganz viele Hummeln im Hintern.“

„Ich merke schon, du willst mich loswerden.“ Kevin verzog kurz beleidigt sein Gesicht, lachte dann aber: „Dann werde ich eben nachsehen, ob Geoff meine Hilfe gebrachen kann.“

„Mach das, er sollte auch jeden Moment da sein.“ Kate sah ihrem Schwager erleichtert nach.

„Okay, die Luft ist wieder rein, du kannst herauskommen.“

Sandra stieß die Tür von sich und rutschte lachend die Wand hinunter.

„Komm, so komisch sind wir nun auch wieder nicht.“

„Er weiß genau, dass hier irgendetwas nicht stimmt.“

„Na und, lass ihn doch… Vielleicht meint er eine riesige Geburtstagstorte von uns zu bekommen.“

„Vielleicht?!“

Die beiden Frauen sahen sich an und begannen bei dem Gedanken laut an zu lachen.



„Tante Kate!“ Feli zupfte ihrer Tante am Arm. „Geoff sagt ihr sollt leiser sein, ansonsten bekommt Dad draußen spitz, dass noch jemand im Haus ist.“

Die beiden Frauen sahen sich im ersten Moment erschrocken an. Dann lachten sie wieder herzlich los. Sie hatten sich an den Küchentisch gesetzt und einfach geredet. Dabei hatten sie viele Gemeinsamkeiten festgestellt und sich immer unbefangener Unterhalten.

‚Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie es war, als ich Sandra noch nicht kannte. Sie ist mir in den wenigen gemeinsamen Stunden schon zu einer richtig guten Freundin geworden.’ Kate beobachtete Sandra einen Moment fasziniert, wie sie sich mit Felicitas beschäftigte

„Vielleicht sollten wir jetzt die Bombe platzen lassen, Kate. Was meinst du?“ Die Frau des Hauses schrak aus ihren Gedanken hoch und stimmte Sandra nickend zu. „Ich halte es nicht länger aus. Und warum sollten wir noch länger alleine hier drinnen sitzen. Die Luft draußen ist bestimmt wunderbar erfrischend.“

„Das glaube ich weniger. Wenn kein Wind aufgekommen ist, wird es noch sehr warm sein. Aber lass uns gehen. Ich denke, wir können uns in den nächsten Monaten noch genug unterhalten.“ Sie standen auf und schoben die Stühle an den Tisch.

„Was bin ich auf Kevins Gesicht gespannt. Wie willst du vorgehen?“

„Ich habe gedacht, vielleicht könnte ich mich von hinten an ihn heranschleichen und dann spontan handeln.“

Kate wandte sich an Felicitas.

„Feli, die Männer haben die Tische und Stühle doch bestimmt wie immer unter den großen Eukalyptusbaum aufgebaut, oder?“ Das kleine Mädchen nickte stumm. Kate war schon damals auf der Farm aufgefallen, dass ihre Nichte in Sandras Nähe äußerst schweigsam war.

Felicitas Gehirn arbeitete auf Hochtouren, um das Gesagte zu verarbeiten. Jetzt war also der große Moment gekommen, den sie den ganzen Nachmittag über sehnsüchtig erwartet hatte.

„Ich werde mal eben einen Blick durchs Fenster werfen.“ Kate ging davon und kam fröhlich grinsend bald darauf zurück.

Felicitas hatte sich unterdessen an Sandra geschmiegt und sah sie mit ernstem Gesicht an: „Bleibst du jetzt bei uns?“

„Ich bin in euer Nachbarhaus eingezogen Feli. Und so wie es momentan aussieht, werde ich bis zum Ende meines Aufenthaltes in Australien auch hier in Coopers Crossing bleiben.“

„Warum musst du wieder weg?“

„Das hat mehrere Gründe.“ Sandra hockte sich zu Felicitas hinunter. „Zum einen läuft mein Visum und meine Arbeitserlaubnis aus. Ich muss dann Australien wieder verlassen. Zum anderen habe ich in Deutschland einen netten Chef, der mich für ein Jahr beurlaubt hat. Er hält mir die Stelle frei, damit ich mir nicht erst wieder eine Arbeit suchen muss, wenn ich zurück bin. Und dann möchte ich meine Eltern wieder sehen, meinen Bruder, Cousinen und Cousins und meine Freunde.“

„Aber wir sind doch jetzt deine Freunde!“

„Ja. Und ich bin sehr froh darüber. Ich hätte es nicht besser treffen können. Und dazu noch diesen Job, den ich bekommen habe. Dadurch kann ich jetzt noch ganz lange bei euch bleiben.“

„Das ist schön. Auch wenn ich immer noch nicht genau verstehe, warum du gehen musst.“ Felicitas kuschelte sich an Sandra. Kate hatte dem Gespräch leise gelauscht. Manchmal konnte man meinen, dass Felicitas schon sehr viel älter war, so wie sie mit den Erwachsenen sprach.

„Nun kommt aber. Wir wollen Kevin nicht länger warten lassen. Er soll endlich wieder lachen.“



„Wo ist Feli?“ Kevin hatte seine kleine Tochter schon seit einiger Zeit nicht mehr gesehen. Seitdem er heute Nachmittag hier eingetroffen war, war sie quirlig wie ein kleines Känguru um ihn herum gesprungen. Er war froh, als Geoff endlich nach Hause gekommen war und sich mit Felicitas eingehend beschäftigt hatte. Sie hatten erst den Grill aus der Garage geholt und vorbereitet. Dann hatte sein Bruder das Federballspiel hervorgekramt und Felicitas kreuz und quer über den Rasen gescheucht. Seine Tochter liebte dieses Spiel und sie war gar nicht mal so untalentiert. Sie war überhaupt sehr sportlich, besonders mit Bällen kam sie gut klar, zeigte keinerlei Angst. Kevin grinste vor sich hin. Wie oft hatten sie hier schon zusammen Fußball gespielt. Felicitas von klein auf immer mittendrin. Dabei hatte sie schon so manchen harten Ball abbekommen, wenn einer seiner Neffen oder dessen Freunde voll abgezogen hatten. Aber nie hatte sie sich beklagt. Im ersten Moment war sie etwas geschockt, aber dann lief sie noch schneller als zuvor. Wie konnten die Anderen, ihn eingeschlossen, dagegen jammern und wie Rumpelstilzchen auf einem Bein herum hüpfen, wenn Felicitas den Ball zu spät erreichte und stattdessen ihre Schienbeine mit einem kräftigen Tritt versah.

„Sie ist eben zu Kate hineingegangen. Sie kommt bestimmt gleich wieder.“ Geoff saß seinem Bruder gegenüber.

„Es war gut, dass du eben mit ihr gespielt hast. Sie wurde mir doch etwas nervig heute Nachmittag.“

„Kein Problem!“ Geoff sah über Kevins Schulter hinweg Felicitas mit seiner Frau und Sandra aus dem Haus kommen. Dann sollte die Party jetzt wohl beginnen. Es legte sich ein zufriedenes Grinsen über sein Gesicht und er lehnte sich entspannt zurück. Diesen Moment würde er jetzt voll genießen. Spontan lehnte er sich hinter Scarlett zu Simon hinüber.

„Gib mir mal bitte deine Kamera.“ Simon zog sie aus seiner Hosentasche und reichte sie ihm wortlos herüber. Er hatte schon von seiner Schwester erfahren, dass Sandra endlich eingetroffen war. Nun warteten alle gespannt auf ihr erscheinen.

Leise war Sandra hinter Kevin getreten. Ruckartig legte sie ihm ihre Hände über die Augen. Geoff nahm seinen Bruder ins Visier, zoomte ihn noch etwas näher heran und drückte ab.

„Hey Kevin, lach doch mal etwas.“ David stichelte. „Das gibt sonst Bilder.“

Kevin hob seine Hände und berührte das Paar, das seine Augen bedeckte. Felicitas Hände wären kleiner gewesen. Sehr alt waren sie auch nicht, also waren es weder Vic noch Nancy. Die Anderen waren schon alle da und saßen bis auf Kate schon in der Runde.

„Geoff mach bitte ganz viele Fotos. Was nichts wird, kann ja später gelöscht werden.“ Das war Kates Stimme. Sie musste ihm gegenüber bei Geoff stehen. Wer hielt ihm dann die Augen zu… Konnte es möglich sein, dass sie endlich gekommen war?

„Sandy?“ Kevin hielt den Atem an.

In dem einen Augenblick geschahen viele Sachen gleichzeitig. Sandra nahm ihre Hände von seinen Augen, Geoff drückte unentwegt auf den Auslöser des Fotoapparates und die Anderen am Tisch begannen zu lachen. Aber keiner sagte ein Wort. Alle warteten gespannt auf Kevins Reaktion.

War es denn wirklich möglich?! Sie hatte doch geschrieben sie wäre auf den Weg nach Perth. Sie hatte sich doch noch so viel ansehen wollen. Und dann war sie gerade heute hier angekommen! Das konnte nicht sein. Das waren ein bisschen zu viele Zufälle.

Aber Kevin genoss den Moment: Das Gefühl, sie könnte hier sein, hinter ihm stehen. Vielleicht träumte er ja nur wieder. Aber nein! Dann hätte er sich schon längst umgedreht und sie in seine Arme gezogen.

Sandra zog ihre Augenbrauen zusammen und schaute zu Kate hinüber. Ihre Augen waren von Unverständnis und Angst erfüllt. Warum reagierte Kevin nicht? Seine Mails und die wenigen Telefonate waren so voller Sehnsucht gewesen, dass es ihr oft sehr leidgetan hatte, ihn immer wieder auf später vertrösten zu müssen.

Die Menschen am Tisch sahen sich irritiert an, Kevin starrte nur vor sich hin. Vorsichtig legte Sandra ihre Hände auf seine Schultern. Langsam kam jetzt Bewegung in das Geburtstagskind. Er ergriff ihre Hände, führte sie an seine Nase. Tief atmete er ihren Geruch ein. Ein genüssliches Lächeln erfüllte sein Gesicht und er drückte sanft seine Lippen in ihre Handinnenflächen. Dann, völlig unerwartet für alle, drehte er sich um und zog Sandra auf seinen Schoß. Ein Schreckenslaut entwich ihrer Kehle. Nach Halt suchend ergriff sie seinen Arm. Im nächsten Moment presste er seine Lippen auf ihren Mund. Zärtlich hielt Kevin sie umfangen, streichelte ihr über die Wange und kostete den süßlichen Geschmack ihrer Lippen. Nach scheinbar unendlichen Minuten lösten sie sich voneinander, mit vielen leichten Berührungen ihrer Lippen.

„Endlich bist du da!“ Kevin konnte seine Augen nicht von ihrem Gesicht lösen.

„Ja, und das Beste ist, dass Sandra eine ganze lange Zeit bleibt.“ Geoff sah seinen Bruder über den Tisch hinweg an. Kevin warf ihm einen kurzen, fragenden Blick zu, dann sah er wieder die Frau auf seinem Schoß an.

„Wie lange?“

„Wahrscheinlich bis zum Ende meiner Aufenthaltsgenehmigung. Ich habe eine Arbeit gefunden, die mich an Coopers Crossing bindet.“

„Was für eine Arbeit? Bei wem?“

„Ich werde eure ganze Stadt für eine Firma in Sydney vermessen. Sie erstellen Landkarten und somit auch die Grundlage für die Navigationsgeräte.“

„Oh je. Das hat in den letzten Tagen hier schon die Runde gemacht. Die meisten Einwohner sind nicht sehr erbaut von dem Gedanken.“ David sah zweifelnd in die Runde.

„Nun, es sind schon mehrere Gebiete erfasst worden und alle waren am Anfang dagegen. Heute sind diese Gegner froh über diese Maßnahme. Sie werden immer häufiger von Touristen besucht, weil diese nun keine Angst mehr davor haben, sich im Outback zu verirren. Sie können jederzeit sehen, an welcher Abzweigung sie sich befinden oder um welche Landebahn es sich handelt. Das Navigationsgerät kann halt viel genauere Positionsangaben liefern. Dazu können sie sich schon vorher darüber informieren, was sie in den Städten vorfinden und wo.

Ich muss dazu sagen, dass ich kein überzeugter Navi-Anwender bin. Viel lieber benutze ich noch die alten Karten. Aber mehr aus vergnügen, aus Abenteuerlust.“



Kevin brachte einen Stapel schmutziges Geschirr in die Küche und stellte ihn auf der Arbeitsplatte ab. Er öffnete die Spülmaschine und begann das Besteck und die Teller einzuräumen.

„Na, glücklich?“ Kate kam voll beladen herein und stellte die Schüsseln auf dem Küchentisch ab.

Kevin sah seine Schwägerin kurz an. „Ja!“

Schweigend räumte er die Spülmaschine weiter ein, während Kate die Reste der Salate in Plastikschüsseln umfüllte. Die schmutzigen Schüsseln schnappte sich Kevin vom Tisch und stellte sie zu den Tellern in die Maschine.

„Danke Kate!“

„Wofür?“ Kate sah von ihrer Arbeit auf. Kevin lehnte an der Arbeitsplatte, seine Augen strahlten. „Sandra ist heute Mittag ganz von alleine aufgetaucht. Wir haben nur darauf bestanden, dass sie an unserer kleinen Feier hier teilnimmt. Ansonsten hat keiner von uns etwas mit ihrem plötzlichen Auftauchen zu tun.“

„Trotzdem. Du bist immer für mich und Feli da. Ich weiß nicht, was wir ohne dich und Geoff machen sollten.“

„Kevin, dafür ist Familie doch da. Und ich bin richtig stolz auf unsere. Jeder steht für den anderen ein. Es gibt keinen, der sich vor irgendetwas drückt. Manchmal ist es nicht einfach, wenn sich alle einmischen, ich weiß, aber jede Hilfe ist ehrlich gemeint und kommt von Herzen.“

Kevin nickt mehrmals zustimmend, als Kate sprach.

Stimmen kamen näher. Felicitas hatte einen großen Stapel Teller in der Hand und trug sie vorsichtig in die Küche. Geoff, immer auf dem Sprung den Stapel zu ergreifen, ging neben ihr her.

„Geoff, hilfst du mir bitte. Ich bekomme sie nicht auf die Arbeitsplatte. Sie sind zu schwer.“ Felicitas atmete erleichtert auf, als Geoff ihr die Teller abgenommen und alle heile auf der Platte abgestellt hatte.

„So kleines Fräulein, nun saus hinaus und hol den ganzen Kleinkram. Ich muss mal kurz mit deinem Dad reden.“

„Okay.“ Der Wirbelwind war schon auf dem Weg hinaus in den Garten.

„Was gibt es?“

„Ich wollte dir einen Vorschlag machen: Wie fändest du es, wenn wir den Wochenenddienst tauschen? Du könntest Sandra die nähere Umgebung von Coopers Crossing zeigen und vor allem wieder zur Ruhe kommen.“

„Das ist eine gute Idee Geoff.“ Kate war zu ihrem Mann getreten. Automatisch legte Geoff seinen Arm um Kates Schulter. „Aber was machen wir mit Feli. Ich habe doch auch Dienst.“

„Keine Sorge. Ich habe eben mit Vic und Nancy gesprochen. Sie sind bereit Feli tagsüber zu nehmen. Und nachts wird Scarlett sich um sie kümmern. Sie haben sich schon überlegt, was sie alles spielen wollen. Also, nachdem Plan werden sie wohl keine Zeit mehr zum Schlafen finden.“ Geoff lachte belustigt auf.
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