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RFDS (heute) - Teil 2 - Eine Sache mit der Liebe

von COHO
GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Dr. Geoff Standish Kate Wellings/Standish
19.07.2016
28.02.2017
7
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2
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28.02.2017 3.219
 
2.6 Sorgen



Kevin Standish saß vor dem Computer an seinen Schreibtisch in der RFDS-Zentrale. Seit Sandra unterwegs war, hatte er mittlerweile einmal mit ihr geskypt. Ansonsten schickte sie spätestens alle zwei Tage eine Mail. Langsam gewöhnte sich Kevin an die Trennung. Anfangs hatte er Angst, dass Sandra sich nicht bei ihm melden könnte. Dann hätte er keine Chance mehr gehabt, sie zu finden.

Gerade wieder sah er, dass eine Mail angekommen war. Sie enthielt einen Anhang, den er augenblicklich öffnete. Sandra lachte ihm von einem Foto aus an. Sie stand vor der Skyline einer Großstadt. Das konnte nur bedeuten, dass sie endlich in Adelaide angekommen war.

Als er gierig den Text überflog, sah er seine Vermutung bestätigt… Sie klang glücklich. Kein Wort, dass sie ihn vermisste. Ihm fehlte sie sehr…

„Sag mal Kevin“, trat Scarlett zu ihrem Onkel an den Schreibtisch. „Wann wolltet ihr Morgen früh nochmal zu der Kliniktour starten? Ich wollte euch anmelden.“

„Das weißt du doch besser als ich, Scarlett.“ Kevin fuhr sich erleichtert durch die hellbraunen Haare. Die Mail hatte augenblicklich seine seit Tagen ansteigende Angst um Sandra verpufft: „Wir fliegen immer zur gleichen Zeit.“

„Okay, ich frage dann mal Sue…“ Kopfschüttelnd betrat Scarlett das Nachbarbüro und Kevin konnte zwei Stimmen ausmachten, die sich miteinander unterhielten.

Tief in seinem Innern konnte Kevin spüren, dass er seiner Nichte lieber eine andere Antwort gegeben hätte. Aber er war sich im Moment ganz sicher, dass er die Zeit nicht wusste.

Da fiel ihm ein, dass er bei der Besprechung am Vormittag nicht wirklich mit seinen Gedanken bei der Sache gewesen war. Kein Wunder, dass er die Abflugzeit nicht kannte. Er hatte sie schlicht weg überhört.

So konnte es nicht weitergehen. Er musste endlich wieder sein Leben in eine geregelte Bahn bringen. Er war schließlich kein dummer kleiner Teenager mehr, der die paar Tage, wohl eher Wochen, nicht gesittet überstehen konnte.

Aber der Schmerz war da. Allgegenwärtig.



Drei Wochen später



Kevin war schon die ganze Zeit durch die Gänge des Krankenhauses geeilt und suchte nach seinem Bruder. Dabei hatte sich seine Wut von Sekunde zu Sekunde gesteigert. Nun, da er um die nächste Flurecke gebogen war und seinen Bruder am anderen Ende im Gespräch stehend endlich entdeckte, brach es lautstark aus ihm heraus.

„Geoff, wie kannst du meinen Patienten entlassen, ohne vorher mit mir zu sprechen!“

Der Chefarzt sah ihm verwundert entgegen. Ruhig entschuldigte er sich bei seinen Gesprächspartnern und ging seinem Bruder entgegen.

„Was ist passiert?“ Geoff Standish war die Ruhe selbst. Es musste schon einiges passieren, um ihn aus der Reserve zu locken.

„Wie kannst du den kleinen Finn einfach entlassen?“

„Weil ich der Chefarzt hier bin und du seit zwei Tagen auf Klinktour warst.“ Geoff sah verwundert seinen Bruder ins Gesicht. Was war passiert? „Hast du schlechte Nachrichten erhalten? Hat Sandra sich nicht gemeldet?“

Anscheinend hatte er durch seine Worte so richtig in der Wunde seines Bruders herumgestochen. Wenn er nicht höllisch aufpasste, würde Kevin hier gleich explodieren oder, was vielleicht besser wäre, zusammenbrechen.

„Ach“, Kevin machte eine abwehrende Handbewegung, bevor er den Flur entlangeilte und die Ausgangstür am Ende schwungvoll aufstieß. Scheppernd schlug diese an die Klinkerfront des Krankenhauses, bevor sie sich langsamer wieder in ihre Ausgangsposition zurückbewegte.

So konnte es nicht weitergehen. Geoff schüttelte leicht seinen Kopf. Er kannte seinen kleinen Bruder als liebenswerten Menschen. Es brauchte schon etwas, um ihn so aus der Reserve zu locken. Zudem schien ihn sein „Problem“ langsam auch körperlich zu zusetzen. Die dunklen Augenränder sprachen von durchwachten Nächten.

„Doktor Standish,“ eine junge Krankenschwester kam über den Flur auf ihn zugeeilt, „Zimmer 12. Atemnot!“

„Ich komme.“ Geoff schaltete seine Gedanken aus. Später war noch genug Zeit, um sich mit Kate auszutauschen.



Zwei Tage später



„Mensch, Kate. Du bist doch nicht das erste Mal bei einer Operation dabei.“ Kevin stand in der grünen OP-Kleidung vor dem Tisch und nähte die Wunde vor sich zu. „Sonst klappt unsere Zusammenarbeit doch besser!“

Kate versuchte seine Worte nicht an sich heranzulassen. Sie hatte in den letzten Tagen schon mit Geoff gesprochen. Es wurde endlich Zeit Kevin wieder auf den Boden zurückzuholen. Entweder blaffte er die Familienmitglieder und Freunde an oder war so sehr in sich gekehrt, dass er nichts mehr mit bekam. Vor zwei Tagen hätte sein Verhalten beinahe den Tod einer seiner Patienten bedeutet.

Es wurde wirklich Zeit!



Er sah Sandra auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen. Hinter ihr erstreckte sich die Weite des Outbacks. Die rote Farbe der Erde flimmerte in der Sonne, die bis zu einen Meter hohen Pflanzen setzten grüne Farbtupfen in die Landschaft. Es musste in der letzten Zeit geregnet haben.

Wo befand sie sich? Er ließ seinen Blick die lange dunkle Straße entlanggleiten. Erst nach links, dann nach rechts.

Bis an den Horizont führte die wellige Straße, aber er konnte kein Fahrzeug in dem flirrenden Sonnenschein ausmachen.

Und doch war da ein Brummen! Ein Motor, der sich ihnen näherte. Da! Ein Lastwagen erhob sich aus einer Senke und kam auf sie zu.

Sandra hob ihren Daumen. Sie wollte mitfahren! Entsetzt, versuchte Kevin sie auf sich aufmerksam zu machen. Doch Sandra schien ihn nicht zu sehen.

Der Wagen wurde langsamer, dann konnte er den Fahrer erkennen. Der Teufel höchstpersönlich!

Er musste Sandra aufhalten!

Plötzlich war die ganze Szene anders. Sandra schien ihn endlich entdeckt zu haben und kam quer über die Straße auf ihn zu. Der nahende Lastwagen wurde diesmal aber nicht langsamer.

Die Bilder liefen auf einmal in Zeitlupe. Er hörte es krachen, als der Wagen den menschlichen Körper frontal erfasste.

„Nein“, schrie Kevin laut auf. Schwer atmend fuhr er aus dem Schlaf hoch und setzte sich in seinem Bett auf.

Ein Traum. Alles nur ein Traum! Er legte seine Hände vors Gesicht… Aber es war alles so real gewesen. Er konnte die Bilder noch jetzt vor seinem inneren Auge klar und deutlich erkennen.

Noch immer fassungslos ob seines Traumes, stand Kevin auf und ging  leise in die Küche. Er nahm ein Glas aus dem Schrank und füllte es mit Wasser. Gierig versuchte er den bitteren Geschmack des Todes hinunter zu spülen…

An Schlaf war nicht mehr zu denken. Matt ging er hinaus auf die Veranda und setzte sich in den Schaukelstuhl. Die angenehme kühle Luft der Nacht ließ seine Erregung abkühlen, aber nicht seine Angst…



Gleich am nächsten Morgen hatten sich Kate und Geoff zu Kevins Haus aufgemacht. Nun traten sie auf die Veranda und konnten schon von draußen die helle Stimme ihrer Nichte vernehmen.

„Hallo!“ Geoff öffnete die Tür und ließ Kate den Vortritt ins Haus.

„Wo seid ihr?“ Kate lauschte angespannt auf eine Antwort.

„Das ist Tante Kate und Geoff!“ Hörten sie wieder die helle Stimme von Felicitas. Plötzlich erklang lautes Schepper aus der Küche.

„Feli, bleib hier.“ Eilige Schritte waren zu hören, als Felicitas auch schon ins Zimmer stürmte.

„Hey, meine Kleine!“ Geoff fing den kleinen Wirbelwind auf und schwang ihn durch die Luft.

„Verdammt, Feli, ich habe gesagt, du sollst sitzen bleiben und zu Ende frühstücken.“

Kate bemerkte augenblicklich das arschfahle Gesicht ihres Schwagers, dazu die noch dunkleren Augenringe und die rot Augen. Kevin schien fix und fertig zu sein…





Gleichzeitig nahm sie aber auch das verstörte Gesicht ihrer Nichte gewahr. Diese hatte ihren Dad noch nie so erlebt. So voller Wut! Nicht gegen sich...

Doch das Bild vor ihnen änderte sich. Plötzlich fiel Kevin in sich zusammen. Er schlug seine Hände vors Gesicht: „Was habe ich getan…“ Schließlich eilte er hinaus.

„Ich kümmere mich um ihn.“ Kate wartete erst gar nicht auf eine Antwort von ihrem Mann, sondern folgte Kevin durch den Flur in die Küche.

Hier sah sie ihre Wahrnehmung bestätigt. Die Tränen, die schon früher am Tag Kevins Gesicht hatten aufquellen lassen, flossen in Strömen.

„Kevin!“ Kate trat ruhig auf ihn zu.

„Lass mich.“ Kevin versuchte die Berührung von Kate abzuschütteln, doch ohne Erfolg.

„Nein, denn wenn du so weiter machst, wirst du bald wirklich jemanden schlimm verletzt!“ Sie packte ihn am Arm und zog ihn mit Gewalt zur Küchentür hinaus.

Wie aus einem schlechten Traum erwachend wurde Kevin schlagartig bewusst, dass er gerade kurz davor war völlig seine Nerven zu verlieren. Er zog tief die kühle Morgenluft in seine Lungen. Am liebsten würde er sich jetzt verstecken, in einem ganz kleinen Mausloch verschwinden. Doch das war falsch… damit wäre ihm nicht geholfen.

Ruhiger begann er wieder zu sprechen: „Kate, lass mich los. Ich muss mich bei Krümelchen entschuldigen.“

Erleichtert atmete Kate aus. Antwortete aber: „Nein. Zuerst werden wir miteinander reden. Feli ist bei Geoff in den besten Händen.“ Kate lockerte ihren Griff zwar, dirigierte ihn aber neben sich her in Richtung Garage.



„Feli, … Kleines.“ Geoff stand noch immer im Wohnzimmer und versuchte seine kleine Nichte, die sich fest an ihn drückte, zu beruhigen. „Kevin hat es nicht so gemeint. Du weißt doch genau, wie sehr er dich liebt und das er immer für dich da ist.“

„Aber ich verstehe nicht, was ich falsch gemacht habe?“ Brachte Felicitas schließlich zwischen all ihren Schluchzern stockend hervor.

Geoff setzte sich auf die Couch und nahm Felicitas auf den Schoß. „Weißt du Feli, ich glaube das ist meine Schuld. Dein Dad ist überarbeitet. Ich habe in den letzten Wochen zu viel von ihm verlangt. Das wird sich jetzt ändern. Du wirst sehen, dann ist er bald wieder der Alte.“

„Meinst du wirklich, Geoff?“

„Ja, da bin ich mir ganz sicher. Es tut mir leid, dass er dich angeschrien hat. Mich hätte er so böse anfahren müssen.“

Langsam versiegten die Tränen des Kindes und in ihrem Kopf schossen die Gedanken wieder hin und her. „Wie kann ich Dad helfen?“

„Mmh,… lass mich mal überlegen. Das ist nicht so einfach. Vielleicht versuchst du einfach lieb zu sein und ihn nicht noch zusätzlich zu reizen. Verstehst du was ich meine?“ Felicitas überlegte kurz und nickte dann kräftig.

„Gut...“ Geoff lächelte seine Nichte fröhlich an. „Was hältst du von einem Federballspiel? Ich habe noch eine Revanche bei dir gut.“

„Oh ja. Ich hole die Schläger.“ Damit sprang Felicitas von seinem Schoß, flitzte aus dem Zimmer und kam kurz darauf mit den Schlägern und den Bällen zurück.

„Na dann komm.“ Geoff war froh Felicitas so schnell ablenken zu können. Er wusste genau, dass er ihr nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte, aber wie sollte er ihr Kevins Gefühlswelt erklären. Das musste er seinem Bruder schon selber überlassen.



„Bitte Kate, lass uns zurückgehen. Ich muss mich zuerst bei Feli entschuldigen. Ich habe mich unmöglich benommen. Sie wird es nicht verstehen.“

„Nein, du kommst jetzt mit mir. Wir werden erst einmal in aller Ruhe reden!“

„Worüber?“ Kevins Stimme blockte ab.

„So geht es nicht weiter, Kevin. Entweder du redest jetzt mit mir oder du bekommst mit allen deinen Freunden große Probleme… Ich kann dir noch anbieten, dass du mit Geoff sprichst. Aber das ist mein einziges Angebot.“

Sie waren inzwischen vor der Garage angekommen. Kate öffnete die Tür und schob ihren Schwager hinein.

„Ich wollte das eben nicht. Feli hat alle meine aufgestauten Gefühle abbekommen.“ Kevin stand vor dem Regal an der hinteren Wand und drehte Kate den Rücken zu.

„Was ist los?“ Kate wartete, aber Kevin machte keine Anstalten zu reden. „Ist es wegen Sandra?“

Kate spürte, dass sie den wunden Punkt genau erwischt hatte. „Wann kommt sie?“

Kevin hob seine Schultern. Stille herrschte im Raum, bis es aus Kevin herausplatzte: „Ich weiß es nicht! Sie…“ Kate spürte seine Verzweiflung. „Sie weicht mir immer wieder aus… Ich verstehe ja, dass sie einiges von Australien sehen will, bevor sie wieder nach Hause fliegt, aber… Sie scheint meine Gefühle nicht zu erwidern.“

Kevin atmete tief durch: „Kate, hast du nicht ein Mittel gegen die Liebe?“

Erleichtert trat Kate hinter ihren Schwager und berührte ihn sachte an der Schulter.

„Es gibt ein Mittel. Lebe die Liebe, lass sie zu!“

„Aber wenn sie nicht erwidert wird, dann ist sie sehr schmerzhaft.“

„Ja, ich weiß! Ich kann dir nur raten: Versuche das Gefühl zu leben. Das ist nicht leicht. Aber bedenke: Du hast deine große Liebe gefunden! Wie viele Menschen warten ihr Leben lang auf das passende Gegenstück und finden es womöglich überhaupt nicht.“

Kevin dachte über Kates Worte nach und sie ließ ihm die Zeit. Endlich fragte sie ihn: „Wieso bist du so sicher, dass dich Sandra nicht liebt?“

„Ich weiß nicht. Ich … Nach dem Wochenende hätte ich gewettet, dass sie sich auf dem direktesten Weg von Blue Kangaroo nach Coopers Crossing machen würde… Sie hat sich aus Adelaide gemeldet und wollte von dort weiter quer durchs Land. Alice Springs… So schön ist diese Stadt nun auch wieder nicht… Aber sie scheint eine Menge mit ihr zu verbinden.“

„Vielleicht braucht sie auch einfach Zeit, um Ordnung in ihre Gefühle, in ihren Kopf und in ihr Herz zu bringen.“

„Oder ich war nur ein Flirt und sie hat zu Hause einen Freund.“

„Hat sie irgendeine Andeutung darüber gemacht?“ Kevin schüttelte den Kopf.

„Also hast du dir das nur zusammengestrickt?!“ Er nickte.

„Ich glaube das nicht. Sandra war auf der Farm immer offen und hat frei über alles geredet. Sie hätte uns von einem Freund erzählt.“ Kate lehnte sich gegen die Motorhaube von Kevins Wagen und ließ den Gedanken in ihrem Kopf freien Lauf. „Wann hast du das letzte Mal etwas von ihr gehört?“

Endlich drehte sich Kevin zu ihr um. Wieder war er einen Schritt auf sie zugekommen. „An dem Tag, als sie Adelaide verlassen wollte. Sie meinte, dass sie gut eine Woche bis Alice Springs brauchen würde. Eventuell auch länger, wenn sie eine gute Arbeit findet.“

„Wann war das?“

„Vor drei Wochen, vier Tagen…“

Jetzt war Kate klar, warum Kevin in den letzten Tagen immer unausstehlicher geworden war. Er machte sich Sorgen!

„Hey, komm her.“ Kate stieß sich ab, ging auf Kevin zu und schloss ihn in ihre Arme. Erleichtert erwiderte Kevin ihre Umarmung.

„Sie wird einen super guten Job gefunden haben, den sie nicht so einfach aufgeben kann. Ich bin mir ganz sicher, dass es Sandra gut geht.“

„Du bist dir da sehr sicher.“

„Ja, ich fühle es.“ Kate versuchte ihre Worte leicht und unbeschwert klingen zu lassen, damit sie Kevin aufmunterten. Aber in ihrem Inneren breitete sich ebenfalls die Sorge um Sandra aus.

„Dann ist dein Problem nicht so sehr dein Zweifel an ihre Liebe, sondern die Sorge, das ihr irgendetwas zugestoßen sein könnte?!“

„Dieses Warten macht mich noch wahnsinnig.“ Kevins Stimme wurde wieder energischer.

Kate kam da eine Idee: „Ich habe eine Therapie für dich Kevin. Wo ist dein Punchingball geblieben?“ Kevin löste die Umarmung.

„Was? … ähmm, der müsste in einer Kisten hier im Regal liegen.“

„Gut, dann werden wir ihn jetzt suchen und hier in der Garage aufhängen. Und immer, wenn du es gar nicht mehr aushältst, wirst du deine Aggressionen an ihm auslassen und an keinem sonst, okay?“ Kate hielt ihm ihre Hand hin, in die er zögerlich einschlug. –

Bohrgeräusche waren aus Kevins Garage zu hören. Geoff, der mit Felicitas schon seit geraumer Zeit Federball spielte, warf immer wieder besorgte Blicke in Richtung Garage. Was machten die Beiden da drinnen? Ach, wie gerne würde er jetzt Mäuschen spielen. –

In der Garage schraubte Kevin gerade den letzten Haken oben in die Decke, nahm die Aufhängung des Punchingballes von Kate entgegen und befestigte ihn.

„Okay, “ Kevin stieg von der Leiter herunter und hakte den Ball am Boden ein, „jetzt sollte es halten.“

„Gut. Bevor du wie wild drauflos schlägst, sollten wir eine kleine Übung machen.“ Kate lächelte ihren Schwager offen an, denn sein fragendes, entsetztes Gesicht ließ ihr keine andere Möglichkeit.

„Vor jedem Schlag sagst du, für wen er bestimmt ist.“

„Okay.“ Kevin stellte sich vor dem Ball, nahm seine Fäuste hoch und überlegte. Nichts geschah. Die Spannung in Kevins Körper ließ nach und Kopf und Hände sanken hinunter.

„Na komm schon, dir wird doch wohl einer einfallen!“

Verbissen nahm Kevin die Fäuste wieder hoch, doch nach einigen Sekunden ließ er sie wieder hinabsinken.

„Ich möchte niemanden schlagen, Kate. Es hat keiner verdient, dass ich über ihn urteile… Das heißt, über einen kann ich doch urteilen.“ Entschlossen nahm er diesmal die Fäuste hoch und während er energisch ausholte, schrie er wütend seinen eigenen Namen aus. Immer schneller sagte er seinen Namen und schlug jedes Mal mit aller Kraft gegen den Ball, der wie wild durch die Luft tanzte.

Kate ließ ihn sich einige Schläge lang abreagieren, dann griff sie ein: „Kevin,… Kevin, es reicht.“ Kurz sah er Kate an, dann schlug er nochmals kräftig gegen den Ball.

„Hey, hör auf, dein Gesicht ist schon ganz blutverschmiert.“ Als Kevin Kate lachen sah, verstand er was sie meinte.

„Ja, du hast recht. Ich habe ihn genug bestraft.“

„Genau… Dann wirst du ab jetzt deine Aggressionen hier abbauen, bevor du noch irgendjemanden wirklich verletzt.“

Kevin nickte.

„Dann lass uns hinübergehen. Feli wird schon auf dich warten.“

„Ich komme gleich nach. Ich muss erst…“

„Nachdenken und die richtigen Worte finden?“

„Ja.“

Kate nickte und ging zur Tür: „Wir warten dann auf dich.“

„Kate?“ Sie drehte sich nochmals zu Kevin um. „Danke! Danke, dass du immer für uns da bist. Es hat gut getan mal offen reden zu können.“

„Du kannst jederzeit kommen. Einer wird dir immer zuhören.“ Damit öffnete Kate die Tür und ließ Kevin allein.



Eine halbe Stunde später trat Kevin schließlich um die Ecke des Hauses und konnte seine kleine Tochter lachend mit Kate und Geoff spielen sehen. Endlich spürte auch er, wie die Freude wieder in ihn hochstieg. Mit einem leichten Lächeln trat er auf seine Familie zu.

„Dad!“ Felicitas wollte lachend auf ihren Vater zulaufen, hielt aber plötzlich inne.

Kevin sah erschreckend das ernste Gesicht seiner Tochter. Langsam ließ er sich auf die Knie hinunter und breitete die Arme aus. „Komm!“

Felicitas zögerte noch einen kurzen Moment, dann lief sie auf ihren Vater zu und flog in seine Arme.

Kevin drückte sie feste an sich: „Es tut mir so leid, Krümelchen. Ich wollte dich nicht anschreien.“

„Das hat mir Geoff schon erklärt.“ Felicitas drückte Kevin einen Kuss auf die Wange.

„Du bist das Wichtigste in meinem Leben. Ich habe dich so lieb. Das darfst du nie vergessen!“

Geoff hatte seinen Arm um Kate gelegt und gerührt verfolgten sie das Gespräch zwischen Vater und Tochter.

„Dann können wir das Fest für nächste Woche ja doch planen.“ Grinste Geoff seine Frau erleichtert an.

„Ja, ich denke auch. Zumal die ganze Familie es auch verdient hat, nachdem sie alle Kevins schlechte Laune aushalten mussten.“ Nickte Kate.

Kevin stand mit Felicitas im Arm auf und sah seinen Bruder und seine Schwägerin verwundert an.

„Versuch es erst gar nicht!“ Bremste Geoff jeden Widerstand.

„Du wirst dich nicht drücken können.“ Ergänzte Kate.

„Na schön.“ Ergeben lächelte Kevin.



Am nächsten Tag hatte sich Kevin bei der Belegschaft des Krankenhauses und des RFDS-Services für seine wechselnden Launen der letzten Wochen entschuldigt.

Er hatte versucht seine Gefühle in Worte zu packen und mit Kates und Geoffs Hilfe hatten ihm alle mehr oder weniger schnell verstanden. Im Nachhinein konnte er seine Stimmungsschwankungen selbst nicht ganz nachvollziehen. Aber was sollte er machen. Er vermisste Sandra. Und es machte ihn noch immer rasend, dass er nicht genau wusste, wo sie war und wie es ihr ging.

Er hatte aber leider keine andere Möglichkeit als sie über das Handy oder das Internet zu erreichen.

In diesen Momenten, wo er wartete, versuchte er sich an Kates Worte zu erinnern: Er sollte die Liebe, die er empfand, ausleben. Ja, es schien alles etwas leichter zu machen.
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