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RFDS (heute) - Teil 2 - Eine Sache mit der Liebe

von COHO
GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Dr. Geoff Standish Kate Wellings/Standish
19.07.2016
28.02.2017
7
23.364
2
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27.11.2016 3.051
 
Zweisamkeit



„Sandy!“ Marie war auf die Veranda getreten und ließ ihren Blick über das Gelände der Farm schweifen. „Sandy!“ rief sie nochmals.

„Ich bin hier.“ Sandra trat hinter der Scheune hervor, sah Marie am Haus stehen und kam auf sie zu.

„Könntest du bitte zur Landebahn fahren? Sie bringen Mick zurück. Ich muss meinen Kuchen aus dem Ofen nehmen, sonst wird er noch ganz schwarz und unansehnlich.“

„Okay, Marie. Ich nehme dann den Wagen.“

Marie nickte. Hob zum Gruß noch kurz die Hand und verschwand wieder im Haus.

‚Die haben aber eine Planung.’ Sandra schüttelte bei diesem Gedanken den Kopf. ‚Kevin fliegt doch Morgen früh sowieso heraus, da hätte er doch Mick mitbringen können. Außer er hat noch niemanden von uns erzählt.’ Sandra startete den Wagen und fuhr zur Landebahn hinaus.

‚Ein Flugzeug der fliegenden Ärzte ist das aber nicht.’ Andy hatte doch gesagt, dass beide vom gleichen Typ waren. King Air oder so… Eines hatte blaue Streifen, das Andere grüne. Hier landete aber gerade eine kleine Cessna. Sie rollte aus und wurde an der Seite der Rollbahn gestoppt. Der Motor erstarb. Sandra gab Gas und fuhr auf die kleine Privatmaschine zu. Von weiten konnte sie schon Mick sehen, der aus dem Flugzeug stieg. Er trug eine weiße Armschlinge um den Hals, die seinen Arm ruhig stellte und ein größeres Pflaster am Kopf. Sandra hielt vor Mick an, sprang aus dem Wagen und kam auf dem Vorarbeiter zugeeilt.

„Mick! Schön, dass du wieder da bist. Ich habe dich schrecklich vermisst.“

„Sandy. Ich habe euch auch alle vermisst. Das Stadtleben ist nichts mehr für mich. Ich fühle mich dort nicht mehr wohl…“

Hinter dem Flugzeug lachte jemand. Der Pilot trat um das Flugzeug herum.

„Dann solltest du zusehen, dass du nicht mal nach Sydney oder Melbourne musst, Mick. Denn gegen die sind wir eine absolute Kleinstadt. Wenn überhaupt.“

Sandra sah den Mann überrascht an.

„Hallo Sandy.“

„Hey.“ Mehr vermochte Sandra im ersten Moment nicht zu sagen. Sie fühlte ihr Herz wie wild in der Brust schlagen. „Du wolltest doch erst Morgen kommen.“

„Stimmt. Aber ich hatte heute Frühschicht und Mick hat schon die letzten zwei Tage schrecklich genervt, dass er wieder nach Hause wollte. Das konnte keiner mehr mit anhören. Da haben wir dann beschlossen schon heute zu fliegen.“

„Sandra, das musst du positiv sehen: So könnt ihr noch einige Stunden länger zusammen sein.“ Mick zwinkerte ihr verschwörerisch zu. Eine leichte Röte überzog ihr Gesicht. Sie sah zu Kevin auf, der inzwischen nahe an sie herangetreten war und verlor sich in den Tiefen seiner braunen Augen.

„Naja, lasst euch ruhig Zeit mit der Begrüßung. Ich bringe schon mal die Sachen zum Wagen.“ Schmunzelnd nahm Mick seine Tasche auf, ging vergnügt pfeifend zum Wagen hinüber und stellte sie auf der Ladefläche ab. Entspannt lehnte er sich dann an den Wagen und schaute tief durchatmend in die weite Landschaft hinaus. Hier war sein zu Hause.

Kevin strich Sandra zärtlich über die Wange. Er zog ihren Duft tief in seine Lungen ein. Eine Mischung aus Rosen und einer blühenden Wiese; und frischen Schweiß. Kein Wunder, die Sonne stand hoch am Himmel und schickte ihre Wärme und ihr Licht erbarmungslos auf die Erde herab. Dazu hatte man sie bestimmt aus einer schweißtreibenden Arbeit heraus zur Landebahn geschickt. Er mochte diese Gerüche. Sie gehörten zum Outback und zu seiner täglichen Arbeit.

Vorsichtig legte Kevin seine Lippen auf Sandras Mund. Erst verhaltend, dann fordernder berührten sich ihre Lippen. Als sie sich schwer atmend von einander lösten, zog Sandra ihre Lippen ein, um den Geschmack seiner Küsse nicht zu verlieren. Die ganze Woche über hatte sie sich versucht vorzustellen, wie er schmecken würde, wie es war ihn zu küssen.

Sie war immer noch leicht verwirrt, dass Kevin nun so plötzlich vor ihr stand. Unvorbereitet kam sie sich nun völlig dumm vor. In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Nur einen Wunsch hatte sie: Weitere Küsse dieser warmen, weichen Lippen zu spüren. Egal wo, sie sollten ihren Körper nur wieder in den weiten Himmel schweben lassen.

„Können wir jetzt endlich fahren? Ich stehe mir hier schon die Beine in den Bauch.“ Mick holte die Beiden aus ihrem Höhenflug abrupt auf die Erde zurück.



Sandra lenkte den Wagen auf das Haupthaus zu und hielt davor an. Kaum hatte sie den Motor abgestellt, kamen sie aus allen Richtungen angerannt.

„Hey Mick!“

„Wie geht es dir?“

„Schön, dass du wieder da bist!“

„Was gibt es Neues in der Stadt?“ So brachen die Farmbewohner über Mick herein.

Bob hatte Marie einen Arm um die Schultern gelegt und gemeinsam schauten sie sich amüsiert die Begrüßung von der Veranda aus an.

Mick war überwältigt ob dieser Begrüßung: „Leute wartete es erst einmal ab, bis ich wieder vollständig hergestellt bin, dann werde ich euch Jungspunde schon zeigen, wo der Hammer hängt und wie man ihn benutzt!“

„Uuh Mick, wo hast du denn den Spruch aufgeschnappt? In der Stadt?“ Alle lachten.

„Nun komm erst einmal herein, Mick.“ Marie hatte Kevin begrüßt und lotste ihn und Sandra ins Haus.

„Sicher Marie. Ich komme.“ Mick stapfte hinter ihnen her ins Haus.

„Und ihr geht wieder an die Arbeit, Männer. Bis zum Abend sind es noch einige Stunden.“

Murrend löste sich der kleine Trupp auf und alle gingen wieder an ihre Arbeit.

„Ich muss auch wieder hinaus. Ihr könnt mich nicht fürs herum-stehen bezahlen.“ Sandra wollte gehen.

„Nichts da, du bleibst hier!“ Marie sah sie streng an.

„Aber …“ Sandra wollte etwas entgegnen, nur fiel ihr nicht ein guter Grund ein, warum sie unbedingt hätte gehen müssen.

„Keine Sorge. Wir haben schon noch eine wichtige Aufgabe für dich.“ Bob sah Sandra amüsiert an, als sie ihn mit großen Augen anstarrte. „Und das Beste ist, du kannst Kevin mitnehmen.“

„Was?“ Der Arzt sah Bob erstaunt an. Schnell fing er sich aber wieder und fragte voller Tatendrang: „Was sollen wir machen?“

„Die Zäune im Norden müssten noch kontrolliert werden. Mick und Sandra waren vor einer Woche gerade dabei, als der Unfall passierte. Wir können nicht mehr länger warten. Ihr werdet in einer Stunde aufbrechen.“

„Aber das schaffen wir heute nicht mehr!“ Entgegnete Sandra entsetzt.

„Ihr werdet den Wagen nehmen. Das Zelt und Schlafsäcke habe ich euch schon auf die Ladefläche gepackt. Dazu alles, was ihr zum Zäune ziehen benötigt.“

Sandra warf einen verstohlenen Blick mit Kevin. War Bobs Idee wirklich so gut?

„Marie, hast du die Verpflegung fertig?“

„Ja, sicher. Alles wie gewünscht eingepackt.“ Marie zwinkerte ihren Mann verschwörerisch zu.

„Gut.“ An Sandra und Kevin gewandt fuhr er fort: „Dann macht euch fertig. Spätestens in einer Stunde möchte ich die Rücklichter des Wagens sehen.“ Schmunzelnd verließ Bob den Raum.

„Marie, du kannst doch nicht alles alleine machen. Wir würden erst Morgen wieder zurückkommen.“

„Keine Sorge Sandy. Sonst mache ich doch auch alles alleine. Und in spätestens einer Woche möchtest du doch auch wieder weiterziehen, oder?“

„Ja, schon.“ Sandra fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken die Farm zu verlassen. „Aber ihr seid mir alle so ans Herz gewachsen.“

„Nun fahrt los und genießt die gemeinsame Zeit. Alles andere wird sich schon finden.“ Sandra umarmte Marie dankbar.

„Ihr könnt euer Lager direkt am Fluss aufschlagen, Sandy. Noch gut einen Kilometer weiter wo wir das letzte Mal waren, da gibt es eine wunderschöne Stelle. Der Fluss wird dort gestaut, so dass man auch während der Dürrezeit noch baden kann…

Ach, und besonders den Sonnenuntergang solltet ihr nicht verpassen.“ Mick schmunzelte. Er zweifelte, dass die beiden den sehen würden.

„Danke für den Tipp, Mick. Wir werden versuchen den Platz zu finden.“ Sandras Laune hob sich langsam.

„Du wirst ihn finden, Sandy. Ganz bestimmt! Dieser Ort wird euch gefangen nehmen.“



Schnell waren Sandra und Kevin mit dem Wagen am Zaun, der das Anwesen ‚Blue Kangaroo’ umschloss. Langsam folgten sie dem unebenen Feldweg am Zaun entlang. Still saßen sie nebeneinander. Keiner wusste, wie sie ein Gespräch beginnen sollten. Sandra hielt angestrengt ihren Blick auf den Zaun gerichtet, als könnte sonst der kleinste Riss ihrer Aufmerksamkeit entgehen. Kevin sah zur anderen Seite aus dem Wagen. Er nahm kaum etwas von der Umgebung in sich auf, sondern stellte stattdessen fest, dass seine Aufmerksamkeit voll auf Sandra fixiert war. Jede Bewegung, jeder noch so kleinste Ton, der ihre Lippen verlassen könnte, würde er registriert.

Und doch schrak er aus seinen Gedanken hoch, als Sandra den Wagen plötzlich abbremste.

„Was ist?“

„Ein Loch im Zaun.“ Sandra stieg aus und nahm ohne große Worte den Werkzeugkasten von der Ladefläche. Energisch schritt sie auf den Zaun zu. Kevin ergriff das Paar Lederhandschuhe, das ihm Bob vorsorglich in den Wagen gelegt hatte, vom Armaturenbrett und stieg ebenfalls aus. Sich die Handschuhe überstreifend folgte er ihr.

Schweigend arbeiteten sie vor sich hin. Sie zogen die kaputten Drähte mit dem Spanner fest zusammen und befestigten sie wieder aneinander.

‚Obwohl ich ihn erst eine Woche kenne, arbeiten wir schon ohne Worte zusammen. Es ist, als hätten wir nie etwas anderes getan.’ Sandra packte das Werkzeug zurück in den Kasten und sah dabei heimlich zu Kevin hinüber. Er sammelte die Reste der Drähte auf, damit sich keine Tiere daran verletzen konnten.

Kevin stützte sich an den Zaunpfosten und ließ seinen Blick über die Ebene schweifen. „Was meinst du, ob viele Tiere durchgebrochen sind?“

„Nein. Nach den Spuren zu urteilen, waren es höchstens vier oder fünf.“

Kevin nickte zustimmend und Sandra war klar, dass sie auf die Probe gestellt wurde. Lächelnd erhob sie sich: „Ich habe viel bei Mick gelernt. Auch wenn ich erst ein paar Wochen hier bin…

Ach übrigens: Die Tiere sind nicht ausgebrochen, sondern eingebrochen!“ Damit drehte sie sich um und ging zurück zum Wagen. Kevin lachte innerlich über Sandras Verteidigung, lief hinter ihr her und umfing sie, als sie den Werkzeugkasten auf dem Wagen verstaute. Ein Laut der Überraschung verließ ihre Lippen und Kevin schwenkte sie durch die Luft.

„Nicht Kevin, hör auf! … Bitte! Lass mich runter!“

Er setzte Sandra ab, zog sie aber sofort feste an sich und küsste ihre Lippen.

„Ich habe dich fürchterlich vermisst in den letzten Tagen.“ Kevin schaute tief in ihre Augen.

„Ich dich auch!“ Sandra schloss ihre Augen. Sie musste sich zusammenreißen.

„Was ist?“

„Nichts. Lass uns weiterfahren. Bis zum Lagerplatz sind es noch einige Kilometer und die Sonne steht nicht mehr allzu hoch am Himmel.“ Sandra löste sich aus seinen Armen und stieg in den Wagen.



„Wow! Schau mal. Mick hat nicht übertrieben.“ Sandra parkte den Wagen unter einem großen Eukalyptusbaum und sprang hinaus. Seit dem letzten Stopp hatten sie nicht ein Wort miteinander geredet.

„Lass uns zuerst das Zelt aufbauen.“ Sandra hob den Sack von der Ladefläche und ging voraus zum Fluss. „Hier ist schon eine alte Feuerstelle. Was hältst du von diesem Platz für das Zelt?“ Kevin nickte nur.

Wieder arbeiteten sie Hand in Hand und ohne große Worte stand binnen kurzer Zeit das Zelt vor ihnen. Sie breiteten die Isomatten aus und legten die Schlafsäcke darüber.

„Fertig.“ Sandra strahlte Kevin an. „Wie wäre es mit einem kühlenden Bad vorm Essen?“

„Gute Idee. Ich habe das Gefühl in meinem eigenen Schweiß zu baden.“ Sandra lachte über Kevin.

„So sehr bist du auch nicht verschwitzt.“ Dabei zupfte sie ihn hinten am Hemd.

„Hey“, Kevin drehte sich zu Sandra um und versuchte sie zu packen. „Na warte.“ Doch er griff daneben und Sandra lief lachend zum Fluss. „Komm!“ Schon im Laufen zerrte Sandra ihre Schuhe von den Füßen. Am Ufer zog sie ihr T-Shirt aus und ließ die Hosen einfach daneben auf den Boden fallen.

„Nun komm schon!“ Sandra lief in den Fluss und genoss die kühlenden Fluten.

Endlich kam auch in Kevin Bewegung. Während er das Hemd über den Kopf zog, schlüpfte er aus den Schuhen und ließ alles neben ihren Sachen achtlos auf den Boden fallen. Er öffnete den Gürtel, die Hose und stand im nächsten Moment neben Sandra im Wasser.

Endlich kam er sich befreit vor, er brauchte kein gutes Vorbild für Felicitas sein oder den RFDS würdig vertreten. Es kam ihm so vor, als wäre er in seine Jugendzeit zurückversetzt. Energisch tauchte er seine Hand ins Wasser und stieß eine große Wasserfontäne zu Sandra hinüber. Erschrocken hielt sie in ihrem Bad inne: „Na warte…“ Sie nahm gleich beide Hände und schaufelte wie wild das Wasser.

Kevin startete einen Angriff und trat näher an Sandra heran. Als er nur noch zwei Schritte von ihr entfernt stand, richtete er sich auf und ging zum Frontalangriff über. Er erwischte seinen Gegner an der Taille und zog die sich windende Sandra in seine Arme.

Schwer atmend sah sie lachend zu Kevin auf. Langsam näherten sich ihre Lippen.



„Hey, da bist du ja endlich wieder.“ Sandra drückte sich feste gegen Kevins Körper.

„Habe ich lange geschlafen?“ Kevin drückte seine Lippen auf ihre Stirn. „Nein. Nicht lange.“

„Aber die Sonne geht ja schon unter. Ich muss noch das Essen machen, du bist bestimmt hungrig.“

Kevin lag mit dem Oberkörper an einen Baum gelehnt und hielt Sandra fest in seinem Arm. „Das können wir gleich zusammen machen… Aber du bereust die letzten Stunden nicht, oder?“

„Nein. Überhaupt nicht.“ Sandra drehte sich in Kevins Armen. „Und ich könnte für immer mit dir hier liegen, in deinen Armen.“ Zärtlich drückte sie ihre Lippen auf seine Nasenspitze.

Bevor sich Sandra wieder zurückziehen konnte, hatte Kevin seine Hand in ihren Nacken gelegt und hielt sie nahe bei sich.

„Ich liebe dich Sandra.“ Zärtlich drückte er ihr einen Kuss auf die Stirn. „So wie bei dir habe ich noch nie gefühlt.“ Sandra konnte die ganze Aufrichtigkeit seiner Worte in seinen Augen lesen. Erfüllt von dem Moment berührten sich erneut ihre Lippen voller Zärtlichkeit.

Sandras Körper wollte ihn, aber da meldete sich das Gehirn zu Wort und ihr wurde bewusst, dass erst noch einiges zu klären war, bevor sie noch mehr zulassen konnte.

So schwer es ihr auch fiel, sie löste sich von den weichen, süßlichen Lippen und lehnte sich an die breite Brust des Arztes: „Wer passt eigentlich auf Feli auf.“

Kevin war perplex. Sandra war manchmal einfach zu schnell für ihn.

„Sie ist bei meinem Bruder. Sie ist immer bei ihnen, wenn ich auf Tour bin. Kate und Geoff genießen den kleinen Wirbelwind immer so richtig. Ihre eigenen Kinder sind ja schon alle aus dem Haus.“

„Und was ist mit ihrer Mum?“ Sandra spürte, wie Kevin einen Moment die Luft anhielt. Er sagte nichts, starrte einfach nur in den Himmel hinauf, der sich langsam rötlich verfärbte.

„Du musst mir nicht von ihr erzählen, wenn du nicht möchtest.“ Sandra wagte nicht ihm ins Gesicht zu sehen.

„Sie …“ Er räusperte sich. „Sie ist einfach abgehauen. Von einer Stunde zur Anderen war sie nicht mehr da. Ist bei einem fahrende Händler eingestiegen und weg war sie.“

„Warum?“

„Es war nicht in Coopers Crossing. Wir haben damals im Südwesten von Australien gelebt. Ein kleiner Ort an der Küste. Sie konnte es dort nicht aushalten. Sie ist ein Stadtmensch und brauchte das Getümmel und den Krach der Großstadt. Und ihre Freiheit.“

„Und was war mit Feli? Wollte sie sie nicht mitnehmen?“

„Pam konnte nicht gut mit ihr umgehen. Felicitas schrie ihr zu viel und ließ sich von ihr nicht beruhigen. Es war keine Frage, dass Krümelchen bei mir bleiben würde.“ Wenn Kevin von Felicitas sprach, fühlte Sandra seine ganze Liebe die er für die Kleine empfand.

„Wie alt war sie?“

„Feli?“ Sandra nickte an seiner Brust. „Nicht mal ein Jahr. Sie kennt Pam nur von Fotos aus ihrem Album. Ich habe sie aufgehoben.“

„Das ist gut. Irgendwann will sie vielleicht mal nach ihr suchen.“

„Vielleicht. Aber momentan nicht.“ …

Sandra schwieg. Sie spürte, dass Kevin nicht noch tiefer in dieses Thema einsteigen wollte und akzeptierte es. Lange lagen sie da und schauten der untergehenden Sonne zu. Mick hatte recht behalten, es war ein Erlebnis der besonderen Güte.

„Schau mal.“ Kevin sah Sandra an. Sie lag in seinen Armen und verfolgte begeistert das Schauspiel, das sich ihnen am Horizont bot. In dem glühendroten Licht sprang erst ein einzelnes Känguru über die Ebene, dann folgte eine ganze Herde. Sie hoben sich dunkel gegen das helle Licht der Sonne ab.

Leises rascheln auf der gegenüberliegenden Uferseite zog ihre Aufmerksamkeit an. Zwei kleine pelzige Tiere konnte Sandra ausmachen. „Was sind das für Tiere?“

„Wombats.“

„Oh, schade, dass es schon so dunkel ist. Ich habe sie bisher nur im Zoo gesehen.“

„Vielleicht sind sie ja morgen früh auch noch hier. Schau, da vorne.“ Kevin zeigte auf näher kommende Tiere. „Dingos.“

„Ob sie sich wohl herantrauen? Sie werden großen Durst haben.“

„Lass uns einfach leise sein, dann brauchen sie keine Angst zu haben.“

Schweigend schauten sie den wilden Tieren beim Trinken zu, bis sie sich wieder in die Wildnis aufmachten. Langsam hatte sich die Dunkelheit der Nacht über der Welt ausgebreitet. Sandra konnte Kevin nur noch schemenhaft erkennen.

„Eines musst du mir aber noch erklären, was ich nicht nachvollziehen kann.“ Sandra hatte sich auf ihren Arm gestützt und sah Kevin herausfordernd an.

„Und, was soll das sein?“

„Alle fragen mich immer, ob mir Feli nicht lästig wird. Sie würde so viel reden und besonders fragen! Bei mir ist sie eher schweigsam und antwortet meistens einsilbig.“

„Es liegt in ihrer Natur so viel zu reden. Sie kann ihren Mund nicht stillhalten.“

„Aber warum dann nicht bei mir?“ Setzte Sandra nochmals an.

„Weil du Pam unwahrscheinlich ähnlich siehst.“ Kevin strich ihr liebevoll eine Strähne hinters Ohr. Er musste lächeln, weil ihn dieser Moment an Geoff und Kate erinnert. Er hatte nicht mehr zu hoffen gewagt, diese zärtliche Geste noch bei einem Menschen, außer Felicitas, zu vollführen. „Ich war im ersten Moment auch völlig überrascht. Ich dachte sie wäre plötzlich wieder in unser Leben getreten. Aber dann habe ich in deine Augen gesehen und … Sie sind dunkler und wärmer. Pams waren aus kalten, blauen Stahl.“

„Deshalb hast du mich so seltsam angestarrt.“

„Ich hatte gehofft, du hättest es nicht bemerkt… Den ganzen langen Abend habe ich versucht mich nicht in dich zu verlieben. Du siehst Pam wirklich sehr ähnlich und ich hatte Angst, dass es dein Aussehen war, was mich anzog. Aber dann habe ich dich kennengelernt. Du hast einen ganz anderen Charakter. Auf dich habe ich mein ganzes Leben lang gewartet Sandy.“

Verliebt zog er sie wieder an sich und küsste sie leidenschaftlich.

„Komm, lass uns ins Zelt gehen. Es wird langsam kalt hier draußen.“ Kevin stand auf und zog Sandra zu sich hoch. Langsam verschwanden sie Hand in Hand im Zelt.
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