RFDS (heute) - Teil 2 - Eine Sache mit der Liebe

von COHO
GeschichteRomanze, Familie / P12
Dr. Geoff Standish Kate Wellings/Standish
19.07.2016
28.02.2017
7
23.364
2
Alle Kapitel
9 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
10.08.2016 3.947
 
Mick`s List



Nach dem Gewitterschauer der letzten Nacht, stieg die Sonne am nächsten Morgen wieder strahlendhell über den Horizont auf. Es sah nach einem erneuten heißen Tag aus, als Bob das Haupthaus verließ und hinüber zum Stall ging. Seine Männer und Sandra standen schon bei ihren Pferden und machten sie für den heutigen Arbeitstag fertig. Er besprach sich mit Mick über die heutigen Arbeiten und gab seine Anweisungen an die Anderen weiter. Bald brachen sie alleine oder in Truppen in die verschiedenen Richtungen auf. –

Am und im Haus bereitete das Team des RFDS ihre Sprechstunde vor. Die ersten Patienten würden spätestens in einer Stunde eintreffen. Sie würden es wieder genießen, mit einem Kaffee in der Hand, sich mit den Nachbarn über Probleme und den neuesten Tratsch der Region auszutauschen.

Kate stand mit Felicitas draußen auf der Veranda. Während Kate die Sprechstunde vorbereitet, lehnte Felicitas an der Brüstung und sah den Reitern hinterher.

„Was willst du heute machen Feli?“

„Ich weiß noch nicht.“

„Was macht Brumm?“

„Och, den geht es ganz gut. Aber er darf ja nicht spielen.“ Mit traurigen Augen sah Felicitas ihre Tante an.

„Ich finde, der Doc sollte sich seine Wunde noch mal ansehen. Sollen wir mal hineingehen?“

„Na gut.“ Felicitas nahm Brumm auf den Arm und Kate hielt ihrer Nichte die Fliegengittertür auf. Sie legte der Kleinen ihre Hand auf die Schulter, während sie den Flur entlang zu dem Zimmer gingen, in dem Kevin seine Sprechstunde abhielt.

„Kevin.“ Der Arzt sah zur Tür. Er stand am Fenster und hatte in die Ferne gestarrt. Kate ahnte was in ihm vorging. Die dunklen Ringe unter seinen Augen, sprachen von einer sehr kurzen Nacht. „Entschuldige die Störung. Sollen wir lieber später wiederkommen?“

Er schüttelte den Kopf. „Was gibt es?“

„Hättest du einen Moment für unseren Notfall. Ich glaube es geht ihm schon viel besser und er möchte heute bestimmt gerne die Farm mit Feli erkunden.“ Sie zwinkerte ihrem Schwager zu.

„Nun, dann wollen wir mal sehen.“ Ernst nahm er Brumm und setzte ihn auf den Tisch. „Hast du den noch Schmerzen Brumm? Nicht? Das hört sich gut an. - Kate gibst du mir bitte mal die Schere?“

Felicitas machte große Augen. Sagte aber nichts.

Vorsichtig schob Kevin die Schere unter den Verband und schnitt ihn auf. Dann bewegte er vorsichtig den Arm des Bären.

„Wunderbar Brumm. So gut wie neu. Gut, du kannst wieder spielen gehen. Aber sei ab jetzt etwas vorsichtiger.“

„Das sind wir bestimmt Dad.“ Versprach Felicitas. „Komm Brumm.“ Sie packte ihn am Arm und lief hinaus.

Kate und Kevin sahen ihr lachend nach.

„Nun, wenn wir allen unseren Patienten heute so schnell helfen können, wird es ein leichter und amüsanter Tag.“ Lachend verschwand Kate hinaus auf die Veranda, um ihre Vorbereitungen zu beenden.

Kevin trat hingegen wieder zurück ans Fenster, doch er konnte die Reiter nicht mehr sehen.



Mick zügelte sein Pferd. Er winkte Sandra zu sich heran. Als sie ihr Pferd neben ihn zum Stehen gebracht hatte, zeigte er über die Weite vor sich. Sie standen still auf einen kleinen Hügel und genossen den Ausblick über das Land.

„Wie lange bist du schon auf der Farm Mick?“

„Seit fast zwanzig Jahren. Ich kenne jeden Stein, jeden Teich, jeden Busch. Und immer wenn ich in dieser Gegend bin, mache ich hier eine kleine Pause. Dies ist mein Lieblingsplatz auf der Farm. Er sieht jedes Mal anders aus. Aber immer wieder wunderschön.“

„Das kann ich verstehen. Es ist, als ob hier die Erde, der Wind … die Natur mit einem redet.“

„Du kannst es auch fühlen? … Die Meisten, mit denen ich hier war, haben mich für verrückt erklärt.“ Mick sah ernst zu Sandra hinüber, doch sie starrte nur weiterhin fasziniert in die Ferne.

„Komm. Da unten ist ein kleiner Teich. Wir tränken die Pferd und machen uns dann an die Arbeit.“

„Okay.“ Sandra wendete Punto und folgte Mick den Weg hinunter.

„Wie findest du denn unser Ärzteteam?“

„Sie sind nett. Vor allem Kate hat mir gefallen und natürlich Felicitas.“

„Ist sie dir den nicht nervig geworden? Sie wich dir gestern Abend ja kaum von der Seite.“

„Nein. Sie war richtig lieb. Ich habe selten so ein ruhiges Kind gesehen.“

„Ruhig? Feli? Normalerweise steht ihr kleiner Mund nicht still. Sie will alles genau wissen. – Da fällt mir auf …“

„Was?“ Sandra verspannte sich, aber Mick sprach nicht sofort weiter.

„Wie gefällt dir Kevin? Ihr habt viel miteinander geredet, oder?“

Sandra hatte das Gefühl, ihr Gesicht müsse die Farbe einer reifen Tomate angenommen haben. Ihr war plötzlich unendlich heiß. ‚Gut, dass ich hinter Mick bin.’

„Er … Es war sehr interessant mit ihm zu reden. Ich habe ihn über den RFDS ausgefragt. In den Büchern, die ich gelesen habe, stand viel über ihre Organisation.“

„Er gefällt dir, stimmt‘s?“

„Kevin ist nett und wir verstehen uns gut. Das ist alles Mick.“

„Schon gut. Vergessen wir das fürs Erste.“

Sie tränkten ihre Pferde und ritten dann weiter den Flusslauf hinauf.

Plötzlich und völlig unerwartet glitt eine Schlange über den Weg. Prey scheute. Mick konnte sich nicht im Sattel halten und fiel rücklings gegen einen Baum. Augenblicklich verlor er das Bewusstsein und rutschte bäuchlings die Böschung hinab in den Fluss.

„Mick!“ Sandra schrie entsetzt auf. Sie ließ sich aus dem Sattel rutschen, sprang die kurze Böschung hinunter ins knöcheltiefe Wasser und erreichte den Vorarbeiter. Dieser lag mit dem Gesicht im seichten Wasser und bewegte sich nicht. Leichte rote Fäden verfärbten das Wasser.

„Mick?!“ Sandra packte ihn unter die Schultern, drehte ihn um und zerrte ihn ans Ufer, die Böschung hinauf. Vorsichtig legte sie ihn hin und bemerkte dabei eine blutende Wunde an seinem linken Oberarm. Die linke Schulter stach leicht nach vorne. In Sandras Augen schien das nicht gerade normal.

Aber als Erstes die Vitalfunktionen, dann die Verletzungen. Sie ertastete seinen Puls am Hals und atmete erleichtert auf.

„Mick, kannst du mich hören?“ Sandra schlug ihn sachte auf die Wange. Er reagierte nicht. Sie öffnete seinen Mund. ‚Erbrochen hat er sich nicht – stabile Seitenlage.’

Sie suchte nach weiteren Verletzungen. Am Hinterkopf klaffte eine größere blutende Wunde. Ansonsten schien er in Ordnung. Aus ihren Satteltaschen zog sie einen kleinen Erste-Hilfe-Kasten hervor und verband sorgfältig die Wunden und legte den linken Arm, mit einem Tuch um seinen Hals, still. Zwischendurch fühlte sie stetig nach seinem Puls. Mick schien soweit stabil, aber warum kam er nicht zu sich? Sie schnallte ihre Decke vom Sattel und breitete sie über den Verletzten.

Sie brauchte Hilfe. Allzu weit waren sie nicht von der Farm entfernt. Aber seinen Patienten verlässt man nicht. Sie könnte Punto schicken, aber würde er zurücklaufen? Rufen, Lichtzeichen, Feuer – Rauchzeichen! Die konnte man tagsüber sehen und das über weite Strecken.

Eilig sammelte Sandra trockene Zweige zusammen und entzündete sie. Dann brach sie einige frische grüne Äste von dem Baum, an dem Mick sich den Kopf angeschlagen hatte und warf sie auf das Feuer. Augenblicklich bildete sich grauweißer und dann dunkler Rauch. Hoffentlich fiel Jemandem die Rauchsäule auf und deutete sie richtig.

Sie ging zurück zu Mick. Ihm ging es immer noch unverändert.



Den ersten Ansturm hatten sie geschafft. Kate setzte sich auf ihren Stuhl, nahm einen Schluck Kaffee, den sie sich gerade zur Stärkung geholt hatte, und wollte sich wieder den Patientendateien auf dem Bildschirm zuwenden, als ihr etwas am tiefblauen Himmel auffiel.

„Bob!“ rief Kate den Farmer an. Sie war aufgestanden und schaute über die Gebäude hinweg in die Ferne.

„Ja Kate?“

„Sieh mal, über dem Stall. Das sieht aus wie Rauch!“

Bob, der vor der Veranda stehen geblieben war, drehte sich um und konnte einen dunklen Schatten am Himmel ausmachen.

„Du scheinst recht zu haben. Da ruft jemand um Hilfe…“ Er schwieg einige Sekunden, bevor seine Stimme immer hastiger sprach: „Das könnten Mick und Sandra sein. Die sind in der Richtung unterwegs. Sag Kevin Bescheid. Ich hole den Wagen.“ Damit machte er sich im Laufschritt auf, den Wagen, der hinter der Scheune stand, zu holen.

Kate ging eiligen Schrittes ins Haus und zu dem Zimmer in dem Kevin seine Patienten untersuchte. Dieser stand gerade mit Andrew vor der Tür in einem Gespräch vertieft.

„Kevin!“

„Was gibt es?“ Kevin sah ihr ernst entgegen. Er kannte Kate nun schon lange genug, um die Wichtigkeit der Störung an ihrer Stimme zu hören.

„Wir haben Rauchzeichen entdeckt. Bob meint, es könnte sich um Mick und Sandra handeln. Du sollst mitfahren.“

Sandy!? Eine Sekunde des Schocks. Dann ging er ins Zimmer zurück, warf seine Sachen in die Tasche und kam eilig wieder hinaus.

„Kate, du kommst mit. Andrew du weißt Bescheid.“

Sie liefen aus dem Haus. Bob stand mit laufendem Motor schon da und wartete auf den Arzt. Kate nahm von der Veranda noch den Notfallkoffer mit. Sie stellten ihre Sachen hinten auf die Ladefläche und stiegen in die Fahrerkabine. Bob gab Gas, sobald Kevin die Tür geschlossen hatte. Er hielt auf die Rauchsäule zu, die jetzt tief schwarz am Himmel zu erkennen war.

„Wie kommst du darauf, dass es sich um Mick und Sandy handeln könnte?“ sprach Kevin den Farmer an.

„Weil ich sie heute in diese Richtung geschickt habe. Entweder sind sie es, oder es müssen Fremde sein, die Hilfe benötigen.“

„Es könnte aber auch ein Buschfeuer sein.“ Warf Kate ein.

„Ja, das wäre auch eine Möglichkeit. Aber dann müsste die Wolke mittlerweile größer werden, breiter.“

Kate sah Kevin an. Sie konnte seine Unruhe spüren. In seinen Augen las sie Angst.

Schweigend fuhren sie auf die Rauchwolke zu. Bob lenkte den Wagen über einen selten benutzten Feldweg. Manchmal wunderte sich Kate, dass der Farmer den Weg so ohne Mühe fand.

„Haltet euch fest. Jetzt geht es querfeldein. Gut zwei Kilometer kommen wir mit dem Wagen noch vorwärts. Sollten wir sie dann nicht erreicht haben, müssen wir den letzten Rest zu Fuß gehen.“

Bob lenkte den Wagen schweigend weiter. Sie kamen nur langsam voran, der Boden war zu uneben. Immer wieder wurden sie in ihren Sitzen hin und her geschleudert.

„Da! Da sind sie! Auf der anderen Flussseite.“ Kate zeigte mit der Hand leicht nach rechts. Die Blicke der Männer folgten Kates Arm und Bob änderte den Kurs des Wagens.

Auch Sandy hatte sie gerade entdeckt.

„Die Rettung naht. Gleich bekommst du Hilfe Mick.“

Sie fühlte noch einmal den Puls des Vorarbeiters, erhob sich und trat winkend an die Uferseite des Flusses.

Bob musste den Wagen auf der anderen Flussseite stoppen, hier in der Nähe war keine Fuhrt die er benutzen konnte. Kevin spürte die Erleichterung in sich aufsteigen, als er Sandra auf der anderen Flussseite erkannte. Eilig stieg er aus.

„Wartet hier. Ich sehe erst einmal nach was geschehen ist. Vielleicht brauchen wir den Wagen auf der anderen Uferseite.“

Eilig ergriff er seine Tasche und lief auf die beiden Farmarbeiter zu. Er sprang die Böschung hinunter, durchwatete das knöcheltiefe Wasser und kletterte auf der anderen Seite die Böschung wieder hinauf. Sandra hielt ihm ihre Hand zur Hilfe entgegen und er ergriff sie.

„Danke.“ Kevin sah sie besorgt an. „Geht es dir gut?“ Ein kurzer Blick in seine Augen ließ Sandras Herz schneller schlagen.

„Ja, mir fehlt nichts. Aber Mick ist gestürzt.“ Mühsam zwang sie sich in die Wirklichkeit zurück und zeigte auf Mick. „Komm.“

Sie eilten nebeneinander her.

„Was ist genau passiert?“

„Prey hat vor einer Schlange gescheut, die plötzlich aus dem Gebüsch kam. Mick konnte sich nicht halten und ist rücklings gegen den Baum geflogen.“ Sandra zeigte auf den dicken Stamm eines Eukalyptusbaumes. „Er rutschte die Böschung hinunter ins Wasser. Er hat eine Platzwunde am Hinterkopf.“

„Gut. Musstest du ihn wiederbeleben?“

„Nein. Aber er ist noch nicht wieder zu sich gekommen.“

Kevin fühlte nach Micks Puls, der ruhig und gleichmäßig schlug. Er öffnete seine Tasche, holte das Stethoskop und die Blutdruckmanschette heraus.

„Seine Werte sind alle in Ordnung.“ Der Arzt zog seine Stirn in Falten.

Mit einer Lampe prüfte er die Augenreaktionen. Auch nichts außer gewöhnliches.

„Was ist mit dem Arm?“ Kevin deutete auf das Verbandsmaterial an Micks Arm.

„Eine blutende Wunde. Und irgendwie sah seine Schulter unnatürlich aus.“

Kevin sah zu dem Baum hoch. „Vielleicht ausgerenkt. Das schauen wir uns gleich an.“

„Brauchst du den Wagen Kevin?“ Bob hatte eine Hand an den Mund gelegt und rief den Arzt über den Fluss hinweg an.

„Weiß ich noch nicht Bob!“

„Was hat er Kevin? Warum wacht er nicht auf?“ Sandra sah ängstlich zu den beiden Männern hinunter.

„Kate!“ Der Arzt drehte sich zu den Anderen um. „Könntest du bitte herüberkommen? Ich brauche deine Hilfe! Und bring bitte den Koffer mit.“

„Ja! Sofort!“ Bob und Kate kletterten die Böschung herunter und wateten durch das klare Wasser. Kurze Zeit später trafen sie neben dem Doktor ein:

„Was brauchst du?“ Kate öffnete den Koffer.

Kevin sah zu ihr auf. Er hatte Micks Körper nach weiteren Verletzungen abgetastet, aber keine weiteren Knochenbrüche oder innere Verletzungen feststellen können.

„Kümmerst du dich bitte um Sandy?“ Er machte ihr mit einem Zeichen klar, dass sie Abstand zu dem Geschehen hier brauchte.

„Sicher.“ Sie ging zu Sandra, legte ihr einen Arm um die Schultern und führte sie von dem Verletzen fort. „Komm. Kevin und Bob kümmern sich um Mick.“

„Mick… er ist mir in den letzten Wochen zu einem wirklichen Freund geworden Kate. Ein väterlicher Freund.“

„Keine Sorge Sandy. Ich kenne Mick. Er ist hart im Nehmen. Den bekommt so schnell keiner klein.“

Sandy drehte ihren Kopf zu dem Verletzten um. „Hoffentlich.“ Seufzte sie. –

„Mick. Hörst du mich?“

Der Verletzte öffnete vorsichtig seine Augenlider.

„Ja Doc.“

„Okay Mick. Hast du noch irgendwo anders Schmerzen, als im Arm und an der Kopfwunde?“

„Nein. Mir geht es ansonsten bestens. Normalerweise wäre ich auch wieder aufgestiegen und zur Farm zurückgeritten.“

„Was sollte das dann? Du hast Sandy einen ganz schönen Schrecken eingejagt.“ Kevins Stimme klang leicht böse.

Mick hob seine Schultern, zuckte im nächsten Moment aber vor Schmerzen zusammen.

„Ich wollte, dass ihr euch noch einmal seht Doc, bevor du wegfliegst. Da habe ich halt die Gunst der Stunde ausgenutzt. Sorry!“

Bob zog schmunzelnd eine Zigarette hervor, schob sie zwischen seine Lippen und lehnte sich gegen den nächsten Baum. Während er die Zigarette entzündete, hörte er belustigt dem Gespräch weiter zu.

„Aber warum?“ Kevin konnte den Farmarbeiter nicht wirklich verstehen. Der Mann musste unheimliche Schmerzen haben.

„Du liebst sie doch?! Oder sollte ich mich so in dir täuschen? Nach gestern Abend hätte ich wetten können, dass du uns heute Früh noch verabschieden würdest… Doch du kamst nicht.“

Kevin war perplex. War das so offensichtlich? Als er Sandra gestern das erste Mal gesehen hatte, hatte er Angst, er würde sie nur wegen ihrer Ähnlichkeit zu Pam so anziehend finden. Doch im Laufe des Abends hatte er viel mit ihr gesprochen und sie näher kennengelernt. Sie war so ganz anders als Felicitas Mum.

„Sandy will es auch noch nicht wahr haben. Aber glaube mir: Ihr Herz schlägt für dich!“

Kevin schloss seine Augen und suchte sich zu sammeln.

„Sie wollte nicht, dass ich heute Morgen komme.“ Mick sah mit gerunzelter Stirn zu ihm auf. „Wir haben uns für das kommende Wochenende verabredet. Ich habe schon mit Marie und Bob gesprochen.“

„Dann geh zu ihr und verabschiede dich richtig. Gleich auf der Farm werden zu viele Augenpaare Zeuge. – So, jetzt helft mir bitte mal auf die Beine.“

„Langsam Mick.“ Bremste Kevin den alten Jackaroo. „Setzt dich erst einmal auf. Ich muss mir deine Schulter ansehen. Sie könnte ausgerenkt sein. Dann sollten wir sie so schnell wie möglich wieder einrenken, damit keine weiteren Schäden an den Gefäßen im Gelenk entstehen.“ Kevin wandte sich an Cadman: „Bob, kannst du mir bitte helfen!“

„Klar doch!“ Der Farmer schnippte die Reste der Zigarette in den Fluss und trat zu den beiden Männern.

Mick verzog vor Schmerzen das Gesicht, als er sich mit Hilfe von Bob und Kevin aufsetzte.

Kevin sah sich die Schulter an. „Okay, die Kugel ist aus dem Gelenk gerutscht… Das wird jetzt ordentlich wehtun Mick, aber ich muss die Kugel wieder in das Gelenk drücken.“„Mach mal Doc. Ich halte das schon aus.“ Mick biss vor Schmerzen die Zähne aufeinander.

„Okay…“ Kevin ging die Handgriffe noch einmal gedanklich durch. „Bob, stell dich hinter Mick und halte seinen Oberkörper fest.“

„So?“ Bob sah Kevin fragend an.

„Ja, das reicht… Gut Mick, ich zähle bis drei.“ Kevin ging in die Knie und ergriff Micks Arm, der bewegungslos an seinem Körper hinab hing. „Eins…“ Kevin hob den Arm leicht nach vorne. „Zwei… Drei.“ Mit einem gekonnten Griff ließ er die Kugel wieder ins Gelenk gleiten.

Mick schrie auf. Stöhnend beugte er sich leicht nach vorne. Sekundenspäter ließ der Schmerz nach und Mick bewegte vorsichtig seine Finger.

„Alles in Ordnung?“ Kevin behielt seinen Patienten fest im Blick.

„Ja“, Mick versuchte zu grinsen. „Das war hart.“

Kevin legte seinem Patienten wieder die Schlinge um den Hals. „Gut, dann komm hoch.“

Von Bob und Kevin gestützt, stand Mick vorsichtig auf.

„Geht’s? Ist dir schwindelig?“

„Etwas, das muss ich zugeben.“

„Du wirst eine Gehirnerschütterung haben. Wir sollten dich lieber liegend transportieren.“

„Niemals.“ Erklang Mick‘s Stimme bestimmt.

„Auf dem Flug nach Coopers Crossing wird dir nichts anderes übrig bleiben.“ Drohte Kevin dem Farmarbeiter.

„Aber nicht hier.“

„Was seid ihr Jackaroos doch alle für Stur Köpfe!“

„Dafür sind sie halt berühmt, Kevin.“

Gemeinsam brachten sie Mick zum Wagen und er ließ sich ohne großen Widerstand auf die Ladefläche legen.

„Na, liegend ist es doch besser, was?“ Lachend sah Kevin seinen Patienten an.

„Okay! Es hat mich diesmal wirklich ganz schön erwischt.“

„Aber Mick kommt wieder auf die Beine, Kevin, oder?“ Der Farmer sah den Arzt besorgt an.

„Ja. Ich werde ihn aber mit nach Coopers Crossing nehmen müssen. Der Arm und der Kopf müssen geröntgt werden. Dann kann ich sagen, wie es weitergeht.“

„Und ich sage dir Doc, wie es jetzt weiter geht.“ Kevin und Bob sahen Mick über den Rand der Ladefläche hinweg interessiert an. „Du wirst dir Prey schnappen und mit Sandy zurück zur Farm reiten.“

„Das soll kein Aufsehen erregen Mick? Sandra könnte Prey doch auch mitführen.“ Kevin schmunzelte.

„Nun, in der Nähe der Farm müsst ihr halt vorsichtig sein.“

„Also schön. Ist ja auch schon alles egal. Dann bis später Mick.“ Kevin klopfte Mick leicht auf die Schulter und ging mit Bob zurück zum Fluss.

„Du wirst gleich recht langsam fahren müssen Bob. Besonders in dem unwegsamen Gelände.“

„Geht klar… Und Mick spielt Amor?“ Bob stieß Kevin freundschaftlich mit dem Ellenbogen in die Rippen.

„Es scheint wohl so.“ Kevin stieß seinen Atem geräuschvoll aus.

„Okay, schick mir Kate herüber. Wir sehen uns dann gleich auf der Farm.“

„Bis dann.“ Der Arzt hob grüßend die Hand und watete erneut durch das Wasser zum gegenüberliegenden Ufer.

„Kate! Kommst du?“

Kate sah zu ihm hinüber und gemeinsam mit Sandra kam sie zum Flusslauf zurück.

„Komm Kate, ich trage dich eben auf die andere Seite, dann wirst du nicht wieder nass.“

„Quatsch, ich kann selber hinübergehen.“

„Komm!“ Kevin hob Kate auf seine Arme und stiefelte erneut durch das Wasser. „Mick hat geschauspielert.“

„Was?“ Kate war erstaunt.

„Ich werde mit Sandy zur Farm zurückreiten.“ Lächelnd nickte sie ihrem Schwager zu. Sie verstand augenblicklich, was hier vorging.

„Es geht Mick soweit gut. Gehirnerschütterung, die Platzwunde am Kopf und einen ausgekugelten Arm. Ihr werdet eher auf der Farm sein. Sag Simon, dass wir ihn mitnehmen zum Röntgen.“

„Okay. Wir organisieren alles.“ Kevin setzte seine Schwägerin ab.

„Dann genießt die Zeit. Und kommt nicht zu spät. Wir fliegen noch einige Stunden.“

„Sicher Frau Oberschwester. Wir werden den direktesten Weg nehmen, den wir finden können.“ Sie lachten.

„Dann bis später!“ Kate drehte sich um und ging hinüber zum Wagen, wo Bob schon auf sie wartete. Sie bestieg die Ladefläche und setzte sich zu Mick. Grüßend die Hand hebend setzte Bob den Wagen in Bewegung und rollte in Richtung Farm davon.

„Warum fahren sie alleine?“ Der Arzt hatte zum wiederholten Male den Fluss durchquert und stand nun direkt vor Sandra.

„Weil ich gerne bei dir sein möchte.“ Kevin sah ihr tief in die Augen. „Ich hätte nie gedacht, dass es wirklich so schnell gehen kann…“ Leicht strich er über ihre Wange. „Ich hatte so eine Angst um dich, als Bob sagte, dass nur ihr hier sein könntet…“ Spontan zog er Sandra an seine Brust. Tief nahm er ihren Geruch in sich auf. So standen sie einfach eng umschlungen da.



Kate warf noch einen Blick zurück, als sie neben Mick auf der Ladefläche saß. Ein Lächeln umspielte ihr Gesicht.

„Du hast es doch auch gespürt, oder Kate?“ Verwundert fuhr sie aus ihren Gedanken auf und sah zu ihrem Patienten hinunter.

Zustimmend nickte sie ihm kurz zu. „Sie passen sehr gut zusammen.“

„Das finde ich auch.“ Hauchte Mick. Er schloss seine Augen und Kate sah sofort seine Blässe im Gesicht.

„Mick, ist dir schlecht?“ Besorgt richtete sie ihre ganze Aufmerksamkeit wieder dem Patienten zu.

„Etwas.“ Murmelte der alte Mann.

Kate klopfte auf das Führerhaus: „Bob, du musst noch langsamer fahren. Das Geruckel ist nicht gut für Mick.“

„Okay, Kate.“ Der Farmer drosselte augenblicklich die Geschwindigkeit.



Still saßen sie eng aneinandergeschmiegt gegen einen Baum gelehnt am Fluss.

„Sieh mal, Prey ist von alleine zurückgekommen.“ Unterbrach Sandra flüsternd die Stille und deutete mit dem Kopf auf das Pferd, welches gute zwanzig Meter entfernt unter einer Baumgruppe stand. Immer noch nervös warf es unruhig seinen Kopf hin und her und blähte seine Nüstern. „Er sucht Mick. Er würde ihn nie im Stich lassen.“

Kevin hatte einen Blick auf seine Uhr geworfen. Auch wenn es ihm unheimlich schwer fiel, so war er doch seinen Patienten verpflichtet. „Wir sollten aufbrechen.“

Sandra nickte verstehend und erhob sich augenblicklich. Auch ihr fiel es nicht leicht, diese Atmosphäre zu verlassen, aber es konnte schließlich der Anfang von etwas ganz Neuem werden. Glücklich hielt sie ihm ihre Hand hin, als sie langsam auf Prey zu gingen. Mit vielen guten Worten und Schmeicheleien fingen sie ihn ein und ritten dann still nebeneinander her zurück zur Farm. Kurz vor dem Ziel brach Kevin das Schweigen zwischen ihnen:

„Deine Erstversorgung war vorbildlich. Wo hast du das gelernt?“

„Zu Hause, in Deutschland.“ Kevin versetzte ihre Aussage einen Stich, er räusperte sich.

„Und wie gefällt dir unser weites Land?“

„Sehr gut. Es ist so ganz anders als meine Heimat. Geheimnisvoller, sehr viel wärmer. Aber eine angenehme Wärme. In der Region, in der ich aufgewachsen bin, wird es schnell schwül. Das finde ich immer sehr unangenehm.“

„Nun, die richtige Hitze wirst du in den nächsten Monaten schon noch kennen lernen. Angenehm ist die auch nicht gerade. Aber man kann sich daran gewöhnen.“

Sandra nickte verstehend… Sie wurde ernst und zügelte Punto: „Ich habe so gehofft, dass du kommst. Das ihr nicht schon auf dem Heimflug ward.“

Kevin hatte Prey neben Sandra gelenkt und schaute zu ihr hinüber. Spontan hielt er ihr seine Hand hin und Sandra ergriff sie. Tief sahen sie sich in die Augen. Vorsichtig verlagerte er sein Gewicht und beugte sich zu Sandra hinüber. Kevin legte seine Hand in ihren Nacken und zog ihren Kopf vorsichtig zu sich heran. Leicht berührten sich ihre Lippen zu einem ersten kurzen Kuss.

Sandra lächelte Kevin fasziniert an. Keiner sprach ein Wort. Es waren nur die Schreie der Papageien in den Eukalyptusbäumen zu hören.

Schweigend ritten sie das letzte Stück ihres gemeinsamen Weges nebeneinander her. Als die Gebäude der Farm in Sichtweite kamen, zügelte der Arzt sein Pferd. Die Jilaroo hielt Punto ebenfalls an und sah ihren Begleiter mit trüben Augen an. Dieser stieg von seinem Pferd und hielt ihr die Zügel hin.

„Sei nicht traurig Sandy. In einer Woche bin ich zurück!“ Sandra berührte seine Hand zärtlich, als sie die Zügel von Prey übernahm.

„Dann… bis in einer Woche… Bye.“

„Bye.“

Sandra trieb Punto wieder an und entfernte sich von Kevin. ‚Dreh dich jetzt nicht noch mal um! Sonst fällst du ihm noch um den Hals.’ Sie schloss ihre Augen. ‚Warum musste es gerade bei ihm so schmerzen?’
Review schreiben