RFDS (heute) - Teil 2 - Eine Sache mit der Liebe

von COHO
GeschichteRomanze, Familie / P12
Dr. Geoff Standish Kate Wellings/Standish
19.07.2016
28.02.2017
7
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19.07.2016 5.278
 
Blue Kangaroo



Kevin Standish saß an seinem Schreibtisch in der RFDS-Zentrale und schrieb seine Krankenberichte über die letzte Kliniktour. Es war eine zeitraubende Tätigkeit, aber unersetzbar. Das Gute war, sie fiel ihm nicht schwer.

Lächelnd fiel sein Blick auf den Berg, den er noch durchzuarbeiten hatte. Eine Kleinigkeit. Wenn er Montag wieder nach Blue Kangaroo aufbrach, wäre der Stapel mindestens dreimal so hoch. Dafür konnte er dann wieder für einige Stunden durchs Outback reiten.

Erschrocken sah er zur Tür, als jemand klopfte. „Geoff!“

„Na, wo warst du mit deinen Gedanken?“ Lächelnd trat der Chefarzt näher.

„Auf Blue Kangaroo.“

„Da fliegst du am liebsten hin.“ Geoff reichte seinem Bruder eine Akte. „Kate und ich waren bei Bob und Marie auch immer gerne… Man konnte da für einen Abend zur Ruhe kommen.“

Kevin nickte zustimmend. „Die Akte von Mia Bains? Hast du endlich was gefunden?“

„Nein“, Geoff schüttelte leicht seinen Kopf. „Ich befürchte, es ist ein seelisches Problem. Mrs. Bains sagte ja, dass sich Mias verändertes Verhalten mit dem Umzug auf die Farm begann.“

„Das hast du ja von Anfang an vermutet.“ Stellte Kevin klar.

Geoff ging auf Kevins Kommentar nicht weiter ein. „Ich habe nochmals mit Mrs. Bains gesprochen. Ich denke, dass sich Mia auf der Farm nicht wohl fühlt. Sie ist in London geboren und aufgewachsen. Vor einem halben Jahr sind sie dann nach Australien gekommen. Doch die einzige Anstellung, die Mrs. Bains angeboten wurde, war die Arbeit auf der Farm.“

„Wahrscheinlich wäre Mia in Sydney oder Melbourne besser aufgehoben.“ Stimmte Kevin zu. „Aber dazu würde Mrs. Bains dort eine Arbeit benötigen.“

„Mia ist dreizehn. Es wäre möglich sie ins Internat zu schicken.“

Kevin nickte verstehen: „Nur wird Mrs. Bains dazu das Geld fehlen… Vielleicht mit einem Stipendium?!“

„Ich denke, ich werde Kate mal auf Mia ansetzen. Vielleicht kann sie dem Mädchen ja die richtigen Gedanken in den Kopf setzen… Mia ist nicht dumm. Ich habe mich gestern eine halbe Stunde intensiv mit ihr unterhalten. Sie bräuchte nur den richtigen Anstoß.



Das Wochenende war vorüber. Die King Air war wieder auf Kliniktour und gerade auf Blue Kangaroo gelandet. An der Landebahn wartete Bob Cadman an seinem Pickup gelehnt auf die Passagiere.

„Hallo Bob.“ Erklang die erste Stimme, nachdem sich die Flugzeugtür geöffnet hatte.

„Simon. Schön dich wieder zu sehen. Wie habt ihr euch eingelebt?“

„Oh, alles bestens. Keine Probleme.“ Simon winkte ab und sprang hinaus.

„Bist du alleine gekommen? Doch wohl kaum?“ Der Besitzer von Blue Kangaroo sah interessiert zum Flugzeug.

„Nein. Dafür ist bei euch hier immer zu viel zu tun.“

„Hehe, Freundchen. Soll das etwas heißen, wir sind zu oft krank?“

„Ach wo. Ihr verwöhnt die Leute nur zu sehr. Sie fahren lieber hundert Kilometer mehr, als die nächste Station ihrer Farm anzufahren.“ Simon hatte sich inzwischen seinen Arztkoffer und seine Reisetasche geschnappt, während Cadman die ersten Kühlboxen mit den Medikamenten aus dem Flugzeug hob.

„Ja, das mag sein.“ Stimmte Cadman lachend ein. „Aber sie sind uns halt alle immer herzlich willkommen. Wir genießen die vielen Menschen um uns herum so richtig.“

„Deswegen dürfen wir auch monatlich unsere Praxis bei euch abhalten.“

„Genau.“

Simon schüttelte leicht den Kopf und beide lachten aus vollem Hals.

„Wo bleibt denn nun der Rest. Wollt ihr hier Wurzeln schlagen?“

„Sie werden gleich kommen. Wir hatten unterwegs einen kleinen Notfall. Aber ich denke, sie müssten mit dem Nähen langsam fertig sein.“ Gemeinsam verstauten sie das erste Gepäck auf der Ladefläche.

„Was für einen Notfall? Ich habe nichts über Funk gehört.“ Bod Cadman wurde ernst.

„Ah, sie sind fertig.“ Sagte Simon nur, als er sich erneut dem Flugzeug wieder zuwandte.

„Onkel Bob, Onkel Bob.“

Bob Cadman drehte sich um und sah sich im nächsten Moment schon von zwei dünnen Ärmchen umarmt.

„Dad und Tante Kate haben gerade Brumm genäht. Er hat sich am Arm verletzt. Aber jetzt ist alles wieder gut. Schau mal der weiße Verband.“

„Hey Feli. Das ist ja eine Überraschung!“ Der Farmer ging in die Knie und wischte die letzten Tränenspuren aus dem Kindergesicht.

„Feli, du kleiner Racker. Komm her, mithelfen. Kate kann nicht deine ganzen Sachen alleine tragen.“ Kevin Standish war in der Flugzeugtür erschienen.

„Hallo Kevin. Langsam wirst du wirklich zur Plage.“

„Hey Bob. Ich glaube auch. Aber da musst du dich bei meinen Chef beschweren, er ist für die Einsatzpläne verantwortlich.“ Bekam der Besitzer der Farm lachend zur Antwort.

„Dann kommt, lasst uns eure Sachen umpacken. Marie wartet sicher schon auf uns.“



Am Haupthaus der Farm waren die ersten Patienten schon eingetroffen und erwartet das Ärzteteam. Marie stand lachend bei ihnen und die neuesten Nachrichten wurden bereits ausgetauscht. Als sie das Motorengeräusch eines nahenden Wagens hörten, sahen sie auf.

„Na, da kommen sie ja.“ Entfuhr es Marie leise.

Der Wagen hielt vor der Veranda und Kevin, Simon und Andrew sprangen von der Ladefläche herunter. Kevin öffnete die Beifahrertür und half Felicitas beim Aussteigen. Kate folgte ihr lachend.

„Das ist vielleicht ein Spaßvogel. Und so schrecklich altklug. Was machst du nur mit ihr Kevin.“ Bob, der mittlerweile auch ausgestiegen war, sah den Arzt über das Autodach hinweg an.

„Nichts. Sie fragt mir nur ständig Löcher in den Bauch.“

„Hallo alle zusammen. Da seid ihr ja endlich wieder. Und so hohen Besuch habt ihr mitgebracht. Hallo Feli. Schön, dass du uns besuchst.“ Marie trat zu den Ankömmlingen.

„Ja. Ich freu mich auch schon sehr. Wo sind denn die Schafe? Haben sie wieder Junge bekommen?“

„Nein. Zu dieser Jahreszeit nicht Feli. Aber wenn dein Dad nichts dagegen hat, nehme ich dich hinterher mit auf die Weiden. Dann können wir nach den Schafen sehen. Du kannst mir beim Zählen helfen.“ Bob legte ihr seine schwere Hand auf die Schulter.

Felicitas machte große Augen. Zählen, dass schien bei den Farmern immer eine wichtige Sache zu sein, soviel hatte sie bei ihren Besuchen bisher schon mitbekommen. Und sie durfte helfen. Das würde ein Abenteuer, da war sie sich ganz sicher.

„Oh ja, das machen wir!“ War die Kleine gleich Feuer und Flamme.

Bob sah Kevin an. Der zog die Schultern hoch. „Ich werde erst gar nicht gefragt.“

„Dad könnte ja mitkommen, aber er muss die ganzen Leute hier wieder gesund machen. Alles geht nicht. Man muss sich schon für eins entscheiden.“

Die Erwachsenen mussten sich das Lachen verkneifen. Felicitas konnte mit ihren sechs Jahren aber auch wirklich altklug daherreden.

„Nun Brumm, wärest du heute Morgen etwas vorsichtiger gewesen, hättest du uns begleiten können. Aber jetzt hat dir Dad für heute Ruhe verordnet… Keine Widerrede… Wann fahren wir denn, Onkel Bob?“ Zwei strahlende braune Augen sahen den Farmer an.

„Später Feli. Jetzt müssen wir erst einmal zusehen, dass dein Dad mit der Sprechstunde beginnen kann. Wir werden heute Nachmittag herausfahren.“

„Na schön.“ Enttäuscht nahm die Kleine ihren Kinderrucksack von Kate entgegen und stapfte davon.

„Auf den Abend freu ich mich schon. Mit der Kleinen werden wir noch unseren Spaß bekommen.“ Die Männer nahmen die Kisten und Taschen und trugen sie ins Haus.

„Kate. Schön das du mitgekommen bist. Du warst schon lange nicht mehr hier.“ Marie schloss die Krankenschwester in ihre Arme. Kate erwiderte die Umarmung herzlich.

„Ja Marie, ich weiß. Es hat sich halt so eingebürgert. Während die Kinder klein waren, wollte ich möglichst in ihrer Nähe sein. Und durch die Halbtagesstelle wurde ich dann halt meistens im Krankenhaus eingesetzt. Aber wenn ich es mir richtig überlege, könnten wir das ja jetzt wieder ändern…“ Die beiden Frauen folgten den Anderen ins Haus.

„Das wäre schön! …“ Überlegte Kate und in Gedanken versetzte sie sich dreißig Jahre zurück: „Die Touren damals waren zwar meistens sehr anstrengend, aber ich habe sie genossen. Es gab Zeiten, da war ich jeden Tag in einer anderen Richtung unterwegs.“

„Und Geoff käme auch mal wieder vorbei. Nicht, dass wir mit Kevin und den Anderen als Ersatz nicht einverstanden wären, aber wir hatten damals auch immer sehr viel Spaß zusammen.“

„Stimmt. Ach, das wäre wirklich schön. Ich werde es Geoff mal schmackhaft machen.“ Sie verabschiedeten sich und Marie verschwand in ihre Küche, um sich den letzten Essenvorbereitungen für die Menschenmassen, die in Kürze eintreffen würde, zu widmen.



„Komm Feli. Jetzt werden wir zwei uns auf den Weg machen und die Schafe besuchen.“ Bob hielt der Kleinen seine Hand auffordernd entgegen. Felicitas hatte sich zum Spielen in eine Ecke der Veranda gesetzt und versucht geduldig zu warten. Sie hatte sich aber nicht viel mit ihrem Spielzeug befasst, sondern meistens interessiert die neu angekommenen Menschen beobachtet und ihre Gespräche belauscht.

Eilig stand sie auf, setzt Brumm auf den Stuhl neben Kates Tisch:

„Passt du bitte auf Brumm auf Tante Kate. Er muss sich heute schonen, hat der Doc gesagt.“

„Ist in Ordnung. Ich werde ein strenges Auge auf ihn haben.“ Kate versuchte ernst zu bleiben. „Viel Spaß Feli. Grüß die Schafe von mir.“

„Das werde ich machen.“

Entzückt schaute Kate ihrer Nichte hinterher. Die Kleine hatte die ihr dargebotene Hand ergriffen und ging nun neben dem großen Mann zum Wagen. Den ganzen Tag über hatte Kate sie im Auge behalten. Sie war so eine aufgeweckte kleine Fee. Es war schön noch so einen jungen Menschen in der Familie zu haben. Feli ermöglichte ihnen Momente unbekümmerter Freude.

Kate öffnete die nächste Krankenakte auf dem Bildschirm ihres Rechners und legte die neue Datei für die heutige Untersuchung an.



„Jetzt müssten wir sie langsam sehen, Feli. Halte die Augen auf. Wer sie als erstes sieht, okay?“

„Okay, Onkel Bob.“ Der Farmer lachte vor sich hin und drosselte das Tempo. Denn Felicitas kniete sich auf den Sitz und steckte ihren kleinen Blondkopf aus dem Seitenfenster, um einen besseren Überblick über das Land zu bekommen.

„Da sind sie! ... Ich habe sie als Erste gesehen!“ Felicitas hüpfte aufgeregt auf ihrem Sitz herum. „Oh, ist das aber eine große Herde. Schau, da sind die Reiter. Das ist Mick. – Miiick!“ Bob packte das kleine Mädchen gerade noch rechtzeitig am Hosenbund, bevor sie aus dem fahrenden Wagen fallen konnte.

„Langsam, Felicitas.“ Ermahnte er und brachte den Wagen zum Stehen. „Mick und die anderen haben uns doch schon längst gesehen. Siehst du, er reitet schon auf uns zu.“

Felicitas öffnete eilig die Tür und sprang vom Sitz. Nun, da das große Pferd auf sie zutrat, wurde sie etwas vorsichtiger. Von Kate hatte sie gelernt, dass sie langsam auf alle Tiere zugehen musste, um sie nicht zu erschrecken.

„Hey Mick. Alles in Ordnung bei euch.“

„Ja Boss, alles bestens.“ Dann widmet er seine Aufmerksamkeit dem kleinen Gast.

„Hey Feli! Was machst du denn hier draußen?“

„Wir sind doch hier, um euch alle wieder gesund zu machen Mick. Wusstest du das denn nicht?“ An den Farmer gewandt fuhr sie entrüstet fort. „Onkel Bob, du musst es doch allen sagen, dass wir kommen. Wie sollen sie sonst wissen, dass Dad da ist.“

Die beiden Männer lachen.

„Feli, wir wussten, dass der Doc heute kommt. Aber was sucht ihr hier draußen bei uns? Bei der Herde?“

„Auch so. Wir wollten Schafe zählen.“ Erklärt ihm Felicitas gewichtig. Bob zwinkerte Mick zu.

„Na dann. Hilfe können wir immer gebrauchen.“

„Mick, ihr werdet doch heute noch fertig mit dem Zählen, oder?“

„Ja Boss. Das sind die Letzten.“

„Gut. Ich müsste nämlich wieder zurück zur Farm.“

Felicitas sah Bob entsetzt an. Er wollte schon wieder zurück?

„Wir passen gut auf Feli auf und bringen sie gesund und munter später mit zurück.“

„Na dann komm kleines Fräulein.“ Der Farmer packte Felicitas um die Taille und eh sie sich versah, saß sie schon vor Mick auf dem Pferd.

„Dann bis heute Abend Felicitas. Und das du dich an die Anweisungen von Mick und den Anderen hältst.“ Er drohte ihr mit dem Finger. „Sonst kann ich solche Eigenmächtigkeiten gegenüber deinen Dad nicht mehr vertreten.“

„Keine Sorge, Onkel Bob. Wir werden uns schon nicht verzählen. Ich werde genau aufpassen.“

Was für ein Abenteuer!

Grüßend wendete der Vorarbeiter sein Pferd und ritt im Schritt zurück zur Herde. Bob sah ihnen noch eine Zeit lang nach, bestieg schließlich wieder den Wagen und fuhr in Richtung Farm davon.

„Oh Mick, schau… Sind das viele Schafe.“

„Und die müssen wir jetzt alle einmal durchzählen bevor wir uns auf den Heimweg machen können. – Hey Leute! Ich habe hier eine Hilfe mitgebracht. Frank wie weit seid ihr?“

„Alles klar. Wir sind soweit.“ Ein unrasierter dunkelhaariger Mann antwortete ihm. Außer Frank sah Felicitas noch Sam und Ralph, sie waren von ihren Pferden gestiegen und standen nun an zwei eng zusammenstehenden Holzpfählen. Und noch einen weiteren Reiter, den Felicitas noch nie hier bei Bob und Marie auf der Farm gesehen hatte.

Sie begannen mit der Arbeit und Felicitas sah gespannt zu. Vorsichtig trieben die drei Reiter die Herde durch die Holzpfähle, wo Sam und Ralph emsig am zählt waren. Das Zählen ging viel schneller und einfacher als Felicitas es sich vorgestellt hatte. Nun, wenn sie Montag wieder in die Schule musste, hatte sie den Mitschülern und Miss Laurie aber einiges spannendes zu berichten.

„Okay, das war es! Lassen wir sie wieder laufen!“ Damit kümmerten sie sich nicht weiter um die Schafe und saßen ab.

„Wie viele Sam?“ Mick hob Felicitas hoch und ließ sie in Ralphs Arme hinab gleiten. Müde stieg er ab und zog ein Heft aus seiner Satteltasche.

„Genau 154.“ Mick trug die Zahl ein und verstaute die Unterlagen wieder in der Tasche.

„Gut gemacht. Dann können wir uns jetzt langsam auf den Heimweg machen. Heute Abend gibt es endlich wieder eine richtige Mahlzeit!“

„Endlich!“ Die Männer waren alle dreckig und verschwitzt. Sie freuten sich auf ein richtiges Bad und frische, saubere Sachen.

„Sandy!“ So hieß also der unbekannte Reiter, der jetzt sein Pferd auf sie zu lenkte. „Danke, dass du heute Morgen noch nachgekommen bist, sonst hätte es heute noch spät werden können.“

„Uuuhu, da hört her!“ Frank sah Mick herausfordernd an. Aber weder Mick noch Sandy gingen auf seine Anspielung ein.

„Kein Problem... Wir waren soweit fertig auf der Farm.“ Sandra nahm den Hut vom Kopf und fuhr sich mit dem Hemdärmel über das verschwitzte Gesicht. Erst jetzt bemerkte Felicitas, dass Sandy eine Frau war.

„Feli, du kennst Sandra noch nicht, oder?“ Felicitas schüttelte erstaunt ihren blonden Kopf.

„Sandy, das hier ist Felicitas, sie gehört zu Kevin, einer von den fliegenden Ärzten. Na, einen Teil der Mannschaft wirst du ja später noch kennen lernen.“

„Hallo Feli.“

„Hey.“ So schweigsam hatten die Männer Felicitas noch nicht erlebt. Normalerweise ging sie unbekümmert auf die Menschen zu und fragte ihnen Löcher in den Bauch. Stattdessen stand sie nun da und schaute die Frau auf dem Pferd mit großen Augen an.

„Schön, dass du uns geholfen hast.“ Das Mädchen nickte nur.

„Lasst uns noch eben die Pferde am Fluss tränken. Dann geht es heim.“ Ordnete Mick an.



Im Schritt ritt die kleine Gruppe auf die Gebäude der Farm zu. Felicitas saß still vor Mick auf dem Pferd und ließ Sandra möglichst nicht aus den Augen. Die Männer lachten und freuten sich auf einen schönen, lustigen Abend. Vor dem Stall hielten sie ihre Pferde an. Sie stiegen ab und führten sie in den am Stall anschließenden Ferch. Hier hatte Bob schon einen großen Haufen Heu ausgebreitet und für frisches Wasser in der Tränke gesorgt.

Mick hob Felicitas von seinem Pferd herunter und strich ihr durchs Haar.

„So, nun lauf los und erzähle deinem Dad, was du alles erlebt hast.“

„Okay.“ Felicitas schickte sich an zu gehen, dann hielt sie inne. „Kommst du mit?“ Erstaunt sah Sandra zu ihr hinab.

„Ich muss erst noch Punto versorgen. Aber wir sehen uns gleich bestimmt wieder.“

„Geh ruhig. Ich werde mich um dein Pferd kümmern.“

„Das ist nett von dir Mick. Aber…“

„Je eher du Marie zur Hand gehen kannst, desto eher gibt es was zu essen.“ Der Vorarbeiter zwinkerte ihr zu.

„In Ordnung. Komm Feli, dann lass uns mal den Gästen zeigen, wie dreckig wir geworden sind.“ Sandra hielt dem kleinen Mädchen ihre Hand hin und gemeinsam gingen sie auf das große Haupthaus zu.

Auf der Veranda stand eine kleine Gruppe zusammen. Die beiden Ärzte lehnten an der Brüstung und waren mit Bob in einer regen Unterhaltung vertieft. Bob sah die beiden Abenteurer kommen.

„Hey Feli! Da seid ihr ja endlich. Na, wie hat es dir gefallen.“ Die beiden Ärzte drehten sich um. Kevin erstarrte. Das konnte nicht sein.

„Nun Sandy was sagst du zu Feli? Kann ich sie für den nächsten Viehtrieb einstellen?“

„Oh sicher Bob. Feli wird in alles hineinwachsen. Sie ist sehr aufmerksam und lernt schnell.“ Sandra lachte ihren Boss an.

„Sandra, das sind zwei Ärzte des Royal Flying Doctor Services aus Coopers Crossing. Ich habe dir ja schon von ihnen erzählt. Das sind Simon und Kevin Standish, Felicitas Dad.“

„Guten Abend.“ Simon reichte ihr lächelnd seine Hand. Sandra wischte ihre Hand an ihrer Hose ab und erwiderte den Händedruck. „Entschuldigen Sie, aber ich bin völlig verdreckt.“

Kevin sah sie verwirrt an. Das konnte nicht sein! ... Er gab sich einen Ruck und hielt der jungen Frau seine Hand entgegen. Er schaute ihr in die glänzenden, dunklen Augen. Nein, sie war es nicht. Die erste Ähnlichkeit war verblüffend, aber Pam hatte kalte blaue Augen gehabt.

„Hallo Sandra… Ich hoffe Feli hat ihnen nicht zu viele Schwierigkeiten gemacht? Sie kann einen mit ihren Fragen manchmal zur Weißglut bringen.“

„Nein. Wir haben uns sehr gut verstanden.“ Lachend legte sie ihre Hand auf Felicitas Schulter. Es entstand eine peinliche Pause.

„Ahhm,… Ich werde mich dann mal waschen gehen. Marie wird meine Hilfe in der Küche bestimmt gut gebrauchen können.“

„Oh, meine Mutter hilft ihr schon. Die beiden sind alte Freundinnen.“ Simon fand diese Frau hinreißend. Ihre Ausstrahlung war enorm.

„Aber es gehört zu meinen Aufgaben. Also werde ich dann mal gehen.“

Sandra ging zurück zum Stall. Für die Zeit ihres Aufenthaltes auf Blue Kangaroo hatte der Boss ihr die kleine Kammer im Haupthaus zugewiesen. Diese hatte sie aber für die Krankenschwester der Fliegenden Ärzte geräumt und sich ein kleines Lager im Stall zu recht gemacht. Die Pferde standen versorgt im Ferch und die Männer waren in ihre Hütten verschwunden, um sich ebenfalls für das große Essen heute Abend umzuziehen.

Wenig später betrat sie die Küche durch den Hintereingang des Hauses.

„Hallo Marie. Da bin ich wieder. Wie kann ich dir helfen?“

Marie saß mit einer fremden Frau am Tisch und unterhielt sich.

„Sandy. Komm und setzt dich einen Moment zu uns.“ Sandra folgte der Aufforderung.

„Möchtest du ein Glas Wasser?“ Marie hatte ihr ein leeres Glas hingeschoben und schüttete ihr Wasser aus dem Glaskrug, der immer gefüllt mitten auf dem Tisch stand, ein.

„Danke.“

„Sandra, darf ich dir Kate Standish vorstellen? Kate, das ist Sandy. Sie ist mir eine wirkliche Hilfe. Und zu Bobs erstaunen, kann er sie auch noch bei allen Arbeiten draußen einsetzen. Sie knurrt nie und hat eine ungemein schnelle Auffassungsgabe.“

„Nicht so hohe Töne Marie. Die kann ich nicht alles leisten.“ Die drei Frauen lachten sich entspannt an. Sie verstanden sich.

„Hallo Sandra. Schön sie kennen zu lernen. Nachdem was Marie über Sie erzählt, müssen sie ein Wunderkind sein.“

„Oh, keineswegs. Ich bin nur auf Abenteuer aus!“

Kevin ging durch den Flur und hörte Stimmen aus der Küche. Leise trat er näher und lehnte sich in den Türrahmen.

„Der Aussprache nach sind sie keine Australierin!?“ Kate sah Sandra interessiert an.

„Nein. Ich komme aus Deutschland und möchte das Land, die Menschen hier real erleben. Ich habe schon als Kind alles über Australien und das berühmte Outback gelesen. Nichts war vor mir sicher.“

„Sind sie jetzt enttäuscht? Oder sind wir so, wie wir in den Büchern beschrieben werden?“

„Enttäuscht bin ich auf keinen Fall. Ich muss sagen, dass wir bisher überall sehr freundlich und offen empfangen worden sind. Egal ob in der Großstadt oder hier draußen.“

„Wer ist wir?“ Erschrocken sahen die Frauen zur Tür.

„Meine Freundin Caroline und ich.“

„Wo ist sie?“ Kevin trat an den Tisch.

„Wir haben uns getrennt. Caroline wandert die Ostküste hoch, ich die Südküste. In einem Jahr, oh sorry, in etwa zehn Monaten treffen wir uns in Sydney wieder.“

„Und in der ganzen Zeit habt ihr keinen Kontakt?“ Verwundert schaute Kate die junge Frau an.

„Doch, aber nicht viel. Das Handy können wir teilweise ja nicht benutzen, da wir keinen Empfang haben. Wir haben vereinbart, dass wir uns, wann immer es möglich ist, eine e-Mail schreiben. So wissen wir in etwa, wo der Andere ist und wie es ihm geht.“

„Kevin! Wo bleibt das Fleisch?“ Bobs Stimme tönte durch das Haus.

„Oh, … hab ich vergessen. Marie, kannst du es mir bitte geben?“ Es schien dem Arzt peinlich.

Marie stand auf, ging zum Kühlschrank und holte zwei große Teller mit rohen Steaks heraus. Kevin nahm die Teller und verschwand wieder nach draußen.

Sandra war auch aufgestanden. Sie nahm eine große Schüssel aus dem Kühlschrank, und entfernte die Folie.

„Wunderbar. Genau wie er sein sollte.“

„Was ist das?“ Kate war zu ihr getreten und sah über Sandras Schulter.

„Das ist ein Schichtsalat. Richtig?“ Marie sah in Sandras Richtung. Diese nickt bestätigend. „Sandy hat ihn für uns gemacht. Das ist ein Rezept aus ihrer Heimat.“

„Da bin ich aber mal gespannt.“



Felicitas lief geschwind zurück zur Veranda, wo die Erwachsenen gemütlich um den Tisch verteilt zusammen saßen und die Neuigkeiten aus aller Welt austauschten.

„Bob, sieh mal die vielen Blitze dort hinten am Himmel.“ Ängstlich und atemlos packte sie ihn am Arm. „Wir müssen die Schafe holen. Sie ängstigen sich bestimmt ganz dolle.“

Dem Farmer fiel es schwer ernst zu bleiben. Dieses kleine Mädchen war wirklich ein großes Geschenk.

„Keine Sorge Feli, die Schafe wissen schon, wo sie sich unterstellen können. Aber was viel interessanter ist, ist der Regen, der uns hoffentlich zugutekommen wird. Es hat seit Monaten nicht mehr geregnet, nicht den kleinsten Tropfen.“ Er zog Felicitas auf seinen Schoß. „Wir wollen hoffen, dass das Gewitter nicht an uns vorbeizieht.“

„Nicht?“ Erstaunt sah sie Bob ins Gesicht. „Wegen mir kann es gerne fort bleiben. Ich mag Gewitter nicht.“

„Dann hast du noch kein richtiges Gewitter bei uns hier draußen erlebt: Diese Gegensätze.“ Schwärmte Bob und senkte seine Stimme. „Es wird dunkel wie die Nacht und still. Die Papageien werden ruhig. Kein Mucks ist mehr zu hören… Dann kommen die alles erhellenden Blitze und der krachende Donnerschlag. Sie versuchen der Welt neues Leben einzuflößen. Der Kampf ist nicht nach dem ersten Schlag entschieden, immer wieder erscheinen Blitz und Donner… Bis endlich der ersehnte Regen einsetzt. Er bringt der Erde neue Lebenskraft. Und die Erde lässt die Pflanzen wieder erblühen, es wird alles Grün, frisches hellgrün. Die Bäume schlagen aus und die Blumen erblühen in bunten Farben.“

Während Bob erzählte war es still am Tisch geworden, alle hatten gebannt seiner Stimme gelauscht und ließen seine Worte in ihrem Inneren nachhallen. Selbst Sandra und Kevin waren aus ihrem tiefen Gespräch wieder zu ihnen gestoßen.

Kate hatte heute Abend eine Veränderung an ihrem Schwager festgestellt. Er schien lustig und freundlich, wie immer, aber doch war er unruhig und aufgewühlt. Suchend war sein Kopf den ganzen Abend in Bewegung. Kate hatte auch bald herausgefunden, wen er suchte. Sandra. Sie schien ihn magisch anzuziehen.

Kate verstand auch warum. Geoff und sie hatten nie die Ex-Frau, die Mutter von Felicitas, kennengelernt. Kevin hatte ihnen nur Fotos zeigen können. Aber die äußerliche Ähnlichkeit zwischen Sandra und diesen Fotos war unwahrscheinlich…

Geschickt fädelte Kate es so ein, dass sich Felicitas neben sie setzte und so am Ende noch ein weiterer Platz für Kevin frei blieb. Marie setzte sich neben Kate, und Bob und Mick, die schon wieder Pläne für den nächsten Tag machten, ihnen gegenüber. Die Jackaroos, mit denen Simon sich in ein angeregtes Gespräch über Pferde vertieft hatte, füllten den Rest des Tisches neben dem Farmer und seiner Frau auf.

So blieb Sandra nur der Platz gegenüber von Kevin. Den sie auch gerne einnahm, um schnell aufspringen zu können und in die Küche zu laufen, wenn etwas fehlte. So dauerte es einige Zeit, bis die beiden einen gemeinsamen Gesprächsstoff gefunden hatten. Doch dann vergaßen sie Zeit und Raum.

Das Gewitter kam näher. Eine erste starke Windböe ergriff einige Servierten vom Tisch und trieb sie über den Hof.

„Lasst uns schnell aufräumen, bevor es richtig anfängt zu stürmen.“ Marie stand eilig auf.

Schnell war der Tisch abgedeckt und das schmutzige Geschirr stapelte sich in der Küche. Während alle sich wieder nach draußen an den Tisch setzten, machte Sandra sich an die Arbeit das Geschirr abzuspülen. Kevin, dem sein Gesprächspartner fehlte, kam suchend in die Küche zurück. Er nahm sich wie selbstverständlich ein Trockentuch von der Leine, die über dem Fenster gespannt war und trocknete das saubere Geschirr ab.

„Das brauchen Sie nicht zu tun, Herr Doktor.“

„Ich weiß. Ich möchte es aber gerne… Und wir reden uns hier draußen nicht so förmlich an Sandra. Ich bin Kevin und du.“

Sandra lachte vor sich hin. Mit einem kurzen Seitenblick antwortete sie: „Okay… Kevin.“

Kevin fühlte ein Kribbeln in sich aufsteigen. Wie ihre vollen Lippen wohl schmecken würden? Sicher süß wie Honig und samtig weich. ‚Atme…’ Kevin musste sich zusammenreißen, um sich selber nicht zu vergessen. So hatte er schon lange nicht mehr gefühlt, und dann so intensiv.

Schweigend trocknete er die nächsten Teller ab, bis er sich wieder so weit gefangen hatte, dass er meinte das unverfängliche Gespräch von vorhin fortzusetzen: „Wo willst du als nächstes hin, wenn du Blue Kangaroo verlässt?“

„Ich bin auf den Weg hinunter nach Adelaide. Von dort will ich über den berühmten Stuart Highway weiter nach Alice Springs. Die Stadt hat eine so starke Anziehungskraft auf mich. Ich würde es bereuen, sie nicht besucht zu haben, solange ich hier bin.“

„Ja, das kann ich gut verstehen.“

„Waren sie, äh… Warst du schon mal in Alice Springs?“

„Vor gut zwei Jahren. Dort fand die jährliche Versammlung des RFDS statt.“

„Und was rätst du mir?“ Nicht verstehend was sie meinte schaute er sie fragend an. „Lohnt sich die weite Reise durchs Outback oder werde ich hinterher enttäuscht sein?“

Kevin überlegte, dann hob er seine Schultern: „Ich weiß nicht. Es kommt darauf an, was du dort erwartest. Es ist eine Stadt wie jede andere auch…“

„Kevin!“ Kates Stimme erklang durch das Haus.

„Ich bin in der Küche!“ Dann kam auch schon Felicitas durch die Tür gelaufen. Sie stutze kurz, als sie Sandra an der Spüle entdeckte, dann lief sie aber weiter und Kevin fing sie lachend auf.

„Na Krümelchen, was macht ihr?“

„Tante Kate fängt mich.“

„So…“ Kevin nickte verstehend. Das Spiel kannte er schon.

Kate lehnte in der Tür und schaute lachend zu Vater und Tochter hinüber.

„Der kleine Racker will noch nicht ins Bett. Dabei ist das Gewitter schon längst vorbei.“

„Komm Felicitas, es wird Zeit, ich bringe dich ins Bett. Du willst doch Morgen früh zeitig mit uns aufstehen und die Farm weiter erkunden, oder etwa nicht?“

Die Kleine überlegte kurz, gähnte dann ausgiebig und nickte stumm.

„Siehst du. Dann geht es jetzt ab.“

Kate trat zu ihnen: „Lass mal. Feli und ich werden jetzt zu Bett gehen.“ Dann wandte sie sich an ihre Nichte. „ Mir ist da gerade eine sehr spannende Geschichte eingefallen, ich glaube, die könnte ich dir noch zum Einschlafen erzählen.“

„Oh ja, Dad macht das nie. Schade das Geoff nicht da ist, der kann das am besten… Gute Nacht Dad.“ Felicitas drückte Kevin einen Kuss auf die Wange und drängte von seinem Arm. Sie ergriff gierig die Hand ihrer Tante und zog sie in Richtung Bad davon. Kate konnte noch gerade Kevins dankbaren Blick erhaschen und ihm zuzwinkern, da war sie auch schon aus der Tür.

„Deine Tochter ist echt klasse.“

„Ja, sie ist mein Ein und Alles. Und sie bringt frischen Wind in unsere Familie. Kate und Geoff, sie vergöttern Feli. Das weiß sie natürlich auch voll auszunutzen. Und du solltest mal sehen, wie sie ihre Cousins um den Finger wickeln kann.“ Sie lachten.

Sandra nahm die Teller und stellte sie ins Regal zurück. Zu gerne hätte sie Kevin gefragt wo Felicitas Mutter war. Saß sie zu Hause und wartete sehnsüchtig darauf, dass ihre Familie zurückkam, oder passte sie womöglich auf Felicitas Geschwister auf?

Nein… Dann wären ihre Namen heute bestimmt irgendwann gefallen. Es konnte nicht sein. Es durfte nicht sein… Und so, wie sie den Arzt kennengelernt hatte, konnte sie sich nicht vorstellen, dass er seine Frau so hintergehen würde. Er würde bestimmt immer für sie da sein.

„Ist etwas?“

Sandra hatte gar nicht bemerkt, dass sie immer noch stumm auf das Regal vor sich starrte. Schnell drehte sie sich um: „Nein, nein,… alles Bestens. Ich bin nur völlig fertig. Ich denke, ich werde jetzt auch ins Bett gehen.“

Kevin fühlte Traurigkeit in sich aufsteigen. Er wäre am liebsten die ganze Nacht mit Sandra zusammen geblieben und hätte gerne noch mehr aus ihrem Leben erfahren. Aber sie hatte recht, es wurde Zeit. Er hörte die Fliegengittertür schlagen und die Stimmen von Marie und Bob. Anscheinend hatten sie die Runde draußen aufgelöst und die Mannschaft in die Betten geschickt.

„Komm, ich begleite dich hinüber zum Stall.“

„Das brauchst du nicht. Ich habe keine Angst.“

„Du nicht, aber ich…“ Wieder lachten sie über ihre Worte. Sie kamen sich vor wie Teenager, die sich zum ersten Mal verliebt hatten.

„Ich muss doch sowieso hinüber zu den Unterkünften, da kann ich auch eben den kleinen Umweg machen.“

„Okay, du hast gewonnen.“ Sandra hängte das nasse Geschirrtuch noch über die Leine, dann verließen sie durch die Hintertür das Haus.

Schweigend gingen sie nebeneinander her. Wenn sich ihre Hände wie zufällig berührten, schauten sie kurz einander an, sagten aber kein Wort. Bis sie vor der Stalltür angekommen waren.

„Wir sind da.“ Sandra hörte erstaunt ihre raue Stimme. Sie räusperte sich.

„Ja, leider.“ Kevin kamen die Worte aus tiefsten Herzen. „Wie lange bleibst du noch hier auf der Farm?“

„Ich weiß noch nicht genau. Vielleicht ein oder zwei Wochen. Es kommt darauf an, wie lange sie noch Arbeit für mich haben. Warum?“

„Ich möchte dich gerne wiedersehen.“ Kevin sah Sandra offen an. „Nächstes Wochenende habe ich frei. Ich könnte herauskommen.“

„Und was werden die Anderen dazusagen?“

„Wen meinst du? Bob und Marie? Ich bin schon öfter für ein Wochenende hergeflogen. Sie sind sehr gute Freunde von mir. Wir könnten ausreiten, irgendwo picknicken…“

„Okay. Wenn niemand etwas dagegen hat, würde ich mich sehr freuen dich wiederzusehen.“

Kevin berührte Sandras Hand leicht mit seinen Fingern. Sie blickte auf und versank in seinen braunen Augen.

„Ich… ich glaube, ich sollte jetzt gehen. Morgen haben wir beide wieder einen harten Tag vor uns.“

„Ja. Das wäre wohl besser.“ Stimmte Kevin ihr mit belegter Stimme zu. „Sehen wir uns Morgen?“

„Ich weiß nicht. Wir werden gegen sechs aufbrechen und abends seid ihr bestimmt schon fort.“

„Also müsste ich mich jetzt von dir verabschieden… Nein, das möchte ich nicht! Ich werde Morgen früh hier sein.“

„Gute Nacht.“ Sandy drehte sich um und öffnete die Stalltür.

„Schlaf gut.“ Sie meinte seinen warmen Atem im Nacken zu spüren.

„Kevin… würdest du mir einen Gefallen tun?“

„Jeden.“ Wie ein Geschoß flog ihr das Wort hinterher.

Sandra dreht sich noch mal zu ihm um.

„Komm Morgen früh bitte nicht. Die Jackaroos akzeptieren mich als vollwertiges Mitglied. Ich möchte nicht, dass sich das ändert.“

„Aber…“

„Bitte! Wir sehen uns doch in einigen Tagen wieder. Dann sind es nur noch ein, zwei Wochen, die ich hier bleibe… Und außerdem hätte ich auch gar keine Zeit für dich.“

Kevin trat auf Sandra zu. Er streichelte ihr zärtlich über die Wange.

„Wenn es dir lieber ist, werde ich deiner Bitte nachkommen.“

„Danke.“ Sandy küsste ihn leicht auf die Wange. „Bye.“

„Bye.“

Damit verschwand Sandra eilig im Stall. Ein Hitzeschwall durchlief ihren Körper und sie lehnte sich erschöpft an die Stallwand. So hatte sie noch nie für einen Menschen empfunden. Sie schloss die Augen und ließ sich langsam die Wand hinuntergleiten. Entsetzt öffnete sie ihre Augen. Sie sah vor ihrem inneren Auge Kevins Gesicht, so klar und rein wie den strahlenden Sternenhimmel in dieser einsamen Gegend…
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