So schön und doch so gefährlich

von Hobbit91
GeschichteRomanze, Thriller / P18
18.07.2016
02.08.2016
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18.07.2016 2.242
 
Über die Dinge, die sich im Keller des kleinen Forschungsinstituts abspielten, hatte Takuro Haneda keine Kenntnis, als er dort anfing zu arbeiten. Für ihn sah alles wie eine ganz gewöhnliche Einrichtung aus. Nichts schien darauf hinzuweisen, dass sich der eine oder andere Wissenschaftler mit übernatürlichen oder gar gefährlichen Phänomenen auseinandersetzte. Dies sollte er erst später erfahren.

Seine Arbeit im Forschungsinstitut hatte Takuro seinem Onkel zu verdanken, der ein sehr angesehener Professor der Medizin war. Die Forschung war eine von Takuros großen Leidenschaften, was auch Professor Haneda nicht verborgen blieb. Dieser verfolgte die Arbeiten seines Neffen mit großem Interesse und beschloss ihm schließlich eine Chance in seinem Institut zu geben, was Takuro natürlich dankbar annahm.

„Wenn du so weitermachst wie bisher, dann wirst du es sicher noch zu etwas bringen“, hatte Professor Haneda nach Takuros erstem Arbeitstag gesagt, was den jungen Mann, der gerade mit seinem Studium fertig geworden war, natürlich sehr stolz gemacht hatte. Das Lob seines Onkels war nur eine weitere Motivation, um sich nur noch mehr ins Zeug zu legen, was er auch tat. Allerdings machte er sich dabei auch hier und da Feinde unter seinen Kollegen, denn viele von ihnen waren der Meinung, dass Takuro von seinem Onkel bevorteilt wurde, was aber nicht der Fall war. Es gab nur einen, der ein bisschen Verständnis für Takuro aufzubringen schien und das war einer der engsten Mitarbeiter von Professor Haneda. Sein Name war Osamu Oda, ein großgewachsener Mann mit schulterlangen Haaren und einem Spitzbart. Takuro kam sehr gut mit ihm aus, obwohl die beiden wirklich sehr unterschiedlich waren und obwohl sie beide einige Jahre voneinander trennten.

Mit Oda führte Takuro viele wissenschaftliche Gespräche und Diskussionen, wobei der Langhaarige aber nur sehr wenig über sich selbst und seine Arbeit preisgab, was Takuro allerdings auch nicht sonderlich störte, denn er war der Meinung, dass Oda schon seine Gründe haben würde. Takuro ging einfach davon aus, dass es sich um ein geheimes Projekt handelte, über das er noch nicht viel sagen konnte, da er mit seinen Forschungen einfach noch nicht soweit war. Oder diese Dinge standen so unter Geheimhaltung, dass er darüber einfach nicht sprechen durfte. Eigentlich wusste Takuro nur, dass es etwas mit Gentechnik zu tun hatte. Nie im Leben wäre er darauf gekommen, dass es etwas Verbotenes sein konnte oder etwas, das wirklich sehr gefährlich war. Womit sich Oda nun tatsächlich beschäftigte, sollte Takuro erst zwei Jahre später erfahren. Die Vermutung liegt nahe, dass Oda einfach jemanden brauchte, mit dem er über diese Sache reden konnte und deshalb Takuro ein Stück einweihte.

„Würdest du gerne mal etwas sehen, dass dein Leben komplett verändern wird?“, fragte Oda eines Tages mit funkelnden Augen. Man sah ihm richtig an, wie aufgeregt er war. „Möglicherweise stehe ich kurz davor, etwas Großes zu vollbringen. Allerdings ist es noch streng geheim, also versprich mir, dass du nichts von dem, was du gleich sehen wirst irgendeiner Menschenseele erzählst. Sag auch deinem Onkel nicht, dass ich dich eingeweiht habe, okay?“ Die Mundwinkel des Mannes verzogen sich zu einem breiten Grinsen. „Nun? Wie lautet deine Antwort? Willst du es sehen?“

Takuro wollte, obwohl er zugeben musste, dass das hier irgendwie ein bisschen unheimlich war. Wieso – so fragte er sich – tat Oda nur so geheimnisvoll?

„Jetzt sag schon!“, drängelte Oda. „Wie lautet deine Entscheidung?“

„Na, wenn Sie so darauf bestehen...“, warf Takuro ein, der sich seine Spannung nicht anmerken lassen wollte. Schon so lange hatte er versucht sich vorzustellen, was Oda wohl für geheime Forschungen betrieb und in nur wenigen Augenblicken würde er es erfahren. Wie aufregend!

„Wie es aussieht scheine ich wohl deine Neugierde geweckt zu haben“, lächelte Oda, ehe er Takuro aufforderte, ihm zu folgen.

Die beiden gingen zu den Aufzügen und fuhren nach ganz unten. Um zu den Räumlichkeiten zu gelangen, die sich ein paar Stockwerke unter der Erde befanden, benötigte man eine spezielle Karte, die man im Fahrstuhl durch einen Schlitz ziehen musste. Danach musste noch ein fünf-stelliger Zahlencode eingegeben werden. So konnte man sich sicher sein, dass auch ja kein Unbefugter in diesen Bereich gelangte.

Als Takuro und Oda den Fahrstuhl verließen, durchquerten sie einen Korridor, der auch nicht anders aussah, als in den anderen Stockwerken. Ein weißer Gang mit ebenfalls weißen Türen an den Seiten. Manche Türen hatten Glasscheiben und wenn man hindurchsah, erblickte man meist das Innere eines Labors, in dem sich allerdings nur wenige Forscher aufhielten.

Oda ging bis zur Tür am Ende des Gangs. Es war eine Tür, die an einen Tresor erinnerte. Auch hier musste wieder ein Code eingegeben werden, was der Langhaarige auch tat. Takuro beobachtete, wie die gewaltige Tür aufschwang. Dahinter befand sich jedoch nur ein weiterer Gang mit Türen, der sich nicht von dem unterschied, den sie gerade durchschritten hatten.

Nachdem der junge und der etwas ältere Mann durch die Tür getreten waren und sich diese wieder hinter ihnen geschlossen hatte, führte Oda Takuro in einen Raum, in dem sich bloß zwei Stühle vor einem breiten Fenster befanden. Da das Rollo jedoch heruntergelassen war, konnte Takuro nicht erkennen, was sich dahinter verbarg.

„Setz dich doch!“, forderte Oda den jungen Mann auf, ehe er das Rollo hochzog.

Takuro, der sich gehorsam auf einen der beiden Stühle gesetzt hatte, sah vor sich nun einen hell erleuchteten Raum. Entsetzt stellte er fest, dass hier unten scheinbar ein Mensch gefangen gehalten wurde. Auf einem Stuhl in der Mitte des Raumes saß eine Frau, die an verschiedenen Geräten angeschlossen war. Auf den Monitoren rechts und links neben der Frau wurden Daten aufgezeichnet wie Gehirnströme und Puls, aber auch andere Werte, von denen Takuro nichts verstand. Allerdings interessierten ihn die Maschinen im Moment auch nicht. Seine ganze Aufmerksamkeit richtete sich nur auf die Frau vor ihm. „Wer ist das? Wieso wird sie hier gefangengehalten?“, fragte Takuro, wobei er fast flüsterte.

„Ihr Name ist Mina“, erklärte Oda. „Sie ist ein Diclonius.“

„Ein was?“

„Du weißt natürlich nichts davon, junger Freund. Aber das ist ja auch kein Wunder, wo doch die Regierung bemüht ist ihre Existenz zu verschweigen. Kurz gesagt: Wir haben es hier mit einer Bestie zu tun, die über tödliche Fähigkeiten verfügt. Du kannst es nicht sehen, aber sie besitzt Vektoren, die bei ihr eine Reichweite von etwa neun Metern erreichen können.“

„Vektoren?“

„Stell sie dir einfach mal als unsichtbare Arme vor, die so gewaltige Kräfte besitzen, dass sie zum Beispiel einen Menschen mühelos zerreißen könnten. Viele Diclonii werden daher zur Sicherheit der ahnungslosen Bevölkerung getötet. Andere – so wie Mina hier – dienen der Forschung.“

Takuro begann die Frau noch eingehender zu betrachten. Ihr Gesicht konnte er nicht sehen, da Mina auf ihrem Stuhl zusammengesunken war und vielleicht gerade schlief. Sie hatte lange rosa Haare und auf dem Kopf zwei kleine, graue Hörner, das besondere Merkmal der Diclonii, wie Oda erklärte.

Plötzlich hob Mina den Kopf und Takuro schaute in die traurigsten Augen, die er je gesehen hatte.

Das soll eine Bestie sein, dachte Takuro erschüttert. Diese unschuldigen Augen, in denen tiefe Verzweiflung zu lesen ist...

„Wie lange ist sie schon hier?“, fragte Takuro.

„Seit siebzehn Jahren. Sie war vier, als sie eingeliefert wurde. Hatte ihre Kräfte nicht unter Kontrolle, die Kleine, was ihren Eltern den Tod gebracht hat. Natürlich wollte sie es nicht. Ich bin mir sicher, dass es ein Unfall war, aber da sieht man eben mal wieder, wie gefährlich und unberechenbar so ein Diclonius ist.“

Takuro war sprachlos. Siebzehn Jahre eingesperrt in diesem Raum! „Und was macht ihr hier mit ihr?“, wagte er zu fragen.

„Tests“, lautete die einsilbige Antwort. „Schließlich wissen wir immer noch viel zu wenig über diese Kreaturen.“

Takuro zuckte leicht zusammen. Kreaturen! Was für eine grausame Bezeichnung das doch war.

Die ganze Zeit über hatte Mina nicht weggesehen. Ihre weit geöffneten Augen schauten direkt zu Takuro und auch der junge Mann konnte seine Augen nicht von ihr abwenden.

„Gibt es eine Möglichkeit, ihr zu helfen?“, fragte Takuro.

Oda hob die Augenbrauen an. „Helfen? Ihr?“, fragte er erstaunt. „Wie stellst du dir das denn vor?“

„Keine Ahnung. Ich dachte nur, dass sie vielleicht irgendwann die Chance bekommen könnte, auf ein normales Leben in Freiheit.“

„Das ist ausgeschlossen.“

„Aber jeder Mensch verdient es doch...“

„Du scheinst zu vergessen, dass wir es hier nicht mit einem Menschen zu tun haben, Junge.“

„Als was betrachten Sie dieses Mädchen denn? Etwa als Versuchsobjekt? Ihr soll doch gar nicht geholfen werden, oder? Man will sie nur weiter erforschen.“ In Takuro begann es zu kochen. Dieser Oda regte ihn einfach auf.

„Weißt du“, meinte der Langhaarige. „Wenn ich gewusst hätte, dass du auf so etwas so empfindlich reagierst, dann hätte ich sie dir nicht gezeigt. Hältst du mich und meine Kollegen jetzt für schlechte Menschen, nur weil wir unsere Pflicht tun und im Dienste der Wissenschaft arbeiten? Bedenke doch nur, was wir alles erreichen könnten!“ Aus Odas Stimme sprühte förmlich seine Begeisterung heraus. Offenbar war er selber völlig davon überzeugt das Richtige zu tun. Außerdem ließ sich nicht leugnen, dass Oda diese Frau faszinierte. Auch Takuro war ja von ihr fasziniert, wenn auch aus anderen Gründen als der Langhaarige, denn während sich Oda ausschließlich für Minas Kräfte zu interessieren schien, interessierte sich Takuro für ihre Person. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass diese junge Frau wirklich so grausam war, wie Oda sie beschrieben hatte. Gerne hätte er sie etwas besser kennengelernt, aber das ging natürlich nicht, da strenge Sicherheitsregeln eingehalten werden mussten. Außerdem hatte Mina – wie Takuro erfuhr – seit Jahren schon kein Wort mehr gesprochen. Aber mit wem hätte sie auch reden sollen? Mit diesen ganzen Forschern jedenfalls nicht.



Wie zu erwarten gewesen war, reagierte Professor Haneda nicht gerade positiv, als er davon hörte, dass Osamu Oda seinen Neffen mit in den unterirdischen Teil des Forschungsinstituts genommen hatte. So rief er Oda eines Tages in sein Büro, um ihm dort mal ordentlich die Meinung zu sagen.

Als Oda eintrat, krachte die Faust des Professors gerade mit voller Wucht auf den Schreibtisch, hinter dem Takuros Onkel saß. „Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht?“, herrschte er den Langhaarigen an. „Wenn Sie überhaupt was gedacht haben...“

„Er wird uns schon keine Schwierigkeiten machen“, meinte Oda. „Takuro ist schließlich Ihr Neffe und wir brauchen neue Mitarbeiter. Es ist ja nicht so einfach, eine vertrauenswürdige Person für diesen Job zu finden. Immerhin geht es hierbei um eine Kreatur, die es offiziell gar nicht geben sollte.“

„Was Sie nicht sagen.“

„Ihr Neffe hat Talent, Professor. Das wissen Sie doch. Ich denke schon, dass er uns bei der weiteren Erforschung dieser Wesen gute Dienste leisten könnte.“

„Sie wissen, dass ich es hasse, wenn Sie hinter meinem Rücken Entscheidungen treffen, nicht wahr?“

Natürlich wusste Oda das. Es war nur gut, dass der Professor nicht über alle seine Schritte informiert war, die er bereits unternommen hatte.

Professor Haneda strich nachdenklich über seinen Schnurrbart, so wie er es immer tat. Nach einer Weile meinte er: „Nun, da mein Neffe ohnehin schon über diese Sache Bescheid weiß... Meinetwegen nehmen Sie ihn in ihrem Team auf. Aber geben Sie auf ihn Acht, verstanden?“

Oda lächelte, froh darüber noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen zu sein. „Ganz wie Sie wünschen, Herr Professor.

„Das wäre dann alles. Sie können gehen, Oda!“

Der Langhaarige mit dem Spitzbart verbeugte sich, ehe er den Raum verließ. So kam es, dass sich Takuro nun der Diclonii-Forschung zuwenden konnte. Seine Aufgaben bestanden in der Regel darin, die von den Maschinen angezeigten Werte abzulesen und diese in eine Tabelle einzutragen. Oftmals saß er einfach nur da und beobachtete die rosahaarige Frau mit den zwei Hörnern auf dem Kopf. Jetzt hatte er ja seine eigene Schlüsselkarte, weshalb er den Raum betreten konnte, wann immer er wollte. Zu Mina selbst konnte er allerdings nicht, denn die Tür, hinter der sie sich befand, war wieder mit einem Code gesichert, den ihm jedoch keiner verraten hatte, denn soweit vertraute man ihm dann wohl doch nicht. Der Beobachtungs-Raum musste ihm also genügen.

Eines Tages – als er wieder dort saß – sah er, wie sich Minas Lippen bewegten. Er konnte jedoch nichts verstehen, da die Lautsprecher ausgeschaltet waren. Also legte er einen Schalter um und bat sie, sich noch einmal zu wiederholen, was sie auch tat. Es war das erste Mal, dass er ihre Stimme hörte, die sehr sanft und irgendwie viel jünger klang, als die Frau, die hier gefangengehalten wurde war.

„Wie ist dein Name?“, fragte sie.

Takuro sagte es ihr und wartete dann auf ihre nächste Frage, die jedoch nicht kam. Jedenfalls nicht an diesem Tag. Allerdings kam es in den folgenden Wochen hin und wieder zu kleinen Gesprächen mit ihr. Besonders schien Mina zu interessieren, was Takuro so machte, wenn er nicht gerade im Forschungsinstitut war.

Takuro antwortete bereitwillig, wobei er ihr nach und nach immer mehr über sein Leben preisgab. Er zeigte ihr sogar mal ein Bild von dem Haus, in dem er wohnte. Es war eine Villa, die am Rande der Stadt lag und die er gerade ganz für sich alleine hatte, da seine Eltern eine mehrmonatige Kreuzfahrt gebucht hatten.

Bald war Mina über die wichtigsten Dinge, die Takuro betrafen informiert und obwohl die beiden mehrere Meter und ein Fenster voneinander trennten und sie sich nur verständigen konnten, wenn die Lautsprecher eingeschaltet waren, fühlte sie sich mit ihm verbunden.

Von dem gemeinsamen Austausch der beiden erfuhr nie jemand. Eigentlich sollten eventuelle Gespräche zwar aufgezeichnet werden, aber Takuro wusste dies zu verhindern. Die Aufnahme stand bei ihm immer auf AUS und die alten Bänder hatte er bereits überspielt. Es war eben eine private Sache zwischen ihm und ihr, die keinem etwas anging.




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