Verklärt

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16 Slash
Galina "Red" Reznikov Nicole "Nicky" Nichols Sam Healy
17.07.2016
17.07.2016
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17.07.2016 1.806
 
Diese Fanfiktion ist aus dem einfachen Anlass entstanden, endlich mal eine deutsche Story über Kate Mulgrews Rolle als "Red" in der Gefängsserie "Orange is the New Black" zu veröffentlichen.
Die FF spielt nach dem Ende der vierten Staffel und im Fokus soll das Verhältnis zu Nicky stehen, die es einfach nie schafft vom Heroin loszukommen.
Bislang habe ich noch keinen Betaleser gefunden: Falls ihr Rechtschreibfehler findet, bitte ich euch darum, sie mir privat mitzuteilen :)

Viel Spaß beim Lesen!







You fuck with my head
 




Red bekam kein Auge zu. Obwohl sie so viele Schlaftabletten intus hatte, dass es schon an einen Suizidversuch grenzte. Was tat man nicht alles für ein wenig erholsamen Schlaf. Sie wälzte sich von der einen zur anderen Seite, bis sie einsah, dass es keinen Sinn machte. Das Weinen einer Insassin war so penetrant, dass selbst ihre Ohrpeds nichts mehr ausrichten konnten.

"Gütiger Gott", knurrte Red und schlug ihre Bettdecke beiseite. Da hatte sie schon das Glück, dass das schnarchende Mädchen endlich eine andere Bucht bezog und nun drängte sich unaufhörliches Schluchzen in Reds empfindsames Ohr.

Sie hievte sich aus ihrem Bett, schlüpfte in ihre Hausschuhe und ging dem Geräusch nach, an dem sich sonst niemand zu stören schien. Wieso bloß konnten immer alle schlafen? Als würden sie in beschissene Watte verpackt sein. Bei jedem weiteren Schritt, den Red tat, wurde ihr bewusster, dass das Weinen aus Nickys Bucht kam. Ihr Mutterinstinkt erwachte zum Leben und sie beschleunigte ihren Gang. Alles lag im Dunkeln, doch sie konnte gut die zitternde Silhouette erkennen, die sich auf ihrer dünnen Matratze wälzte, so wie Red es eben getan hatte.

"Nicky?" Ohne Krach zu machen näherte Red sich der wilden Mähne, die das Gesicht der schluchzenden Frau fast gänzlich bedeckte.
"Mein Kind...", flüsterte Red und versuchte die wirren Haare zur Seite zu streichen, damit sie in Nickys Augen blicken konnte.
"Red?", fragte die Angesprochene mit zittriger und tränenbelegter Stimme.
"Ja, ich bin hier. Ich bin bei dir, Nicky", antwortete Red und begegnete dann den tieftraurigen Augen von ihrem Mädchen.
"Red...", wiederholte Nicky verzweifelt und sah irgendwie an ihr vorbei, als wäre sie sich gar nicht wirklich über die Anwesenheit ihrer Freundin bewusst. Ihr gesamter Körper zitterte wie eine Feder im Wind und ihr Gesicht war schmerzverzerrt.

Die Symptome bei einem Heroinentzug waren nicht besonders schön, soviel wusste die Russin. Und auch wenn sie Nicky schon oft wie ein Häufchen Elend vorgefunden hatte, so war der Schmerz jedes Mal wieder so stark, als erlebte sie ihn zum ersten Mal. Sie war so entsetzlich machtlos.
"Ich glaube ich...ich..." Red verstand, was Nicky ihr mitzuteilen versuchte. "Schon gut, schon gut." Die Russin sah sich schnell in der Bucht um, bis ihr Blick auf einen selbst konstruierten Wasserkocher fiel. Der würde nun dafür herhalten müssen. Als Nicky sich übergab, hielt Red ihre Haare zusammen, oder zumindest das, was sie von den wirren Locken in ihre Finger bekam. Wie konnte eine Frau nur so viele Haare besitzen? Bei jedem Bisschen, das aus Nickys Speiseröhre kam, nahm das Zittern und ihr Weinen zu.

"Lass alles raus..", flüsterte Red und zog sanfte Kreise auf dem Rücken ihrer Freundin. Als sich nichts mehr in Nickys Speiseröhre zu befinden schien, lehnte sie sich schwerer gegen Reds Hand, als wolle sie umarmt werden.
"Ich besorge dir etwas Wasser, Nicky, leg dich hin...", murmelte Red, aber Nicky ließ es nicht zu, dass ihre Freundin aufstehen konnte. Sie krallte sich in den grauen Stoff ihrer Joggingjacke und lehnte ihre Stirn an Reds Schulter.
"Du hast Fieber", stellte Red fest. Die Hitze, die von Nicky ausging, suchte sich sofort einen Weg durch den Stoff ihrer Jacke.
"Lass mich aufstehen und dir Wasser holen..." Achtsam löste sich Red von ihrer Freundin und bettete sie auf die Matratze.
"Diese verdammten Drogen", sagte sie, mit ihrem typischen russischen Akzent. Dann kümmerte sie sich darum Nicky aus der Küche ein Glas Wasser und einen kalten Lappen zu bringen.

Nicky kam es derweil wie Ewigkeiten vor, in der Red weg war. Weinend krallte sie sich in ihr Bettlaken und schlug mit ihrer Hand verzweifelt gegen das alte Lattenrost des Bettes. Inzwischen war sie so laut, dass auch andere Insassinnen aus ihren Träumen gerissen wurden, in denen sie ein Leben in Freiheit führten.

"Verdammte Scheiße, Nichols, halt deine verdammte Fresse!", fluchte eine Stimme, zu der sich schnell eine weitere hinzu gesellte. "Kann man hier nicht einmal seine verfluchte Ruhe haben? Diese verkackten Drogenjunkies!"

Nicky hatte das Gefühl, ihr Bauch wäre vor Schmerzen kurz vorm Zerreißen. Hitze legte sich wie dichter Nebel um ihren Körper und Schwindel erfasste sie, als sie sich kurz aufrichtete. Sie versuchte Red ausfindig zu machen, aber ihre Umgebung verschwamm vor ihren Augen. Alle Grautöne verschmolzen zu einem großen dunklen Klecks.

"Red...", wimmerte Nicky und hielt sich schmerzend die Hand auf ihrem Bauch.
Als Red zurück zur Bucht ihrer Freundin kam, fiel ihr auf, dass Cindy - eine Mitinsassin- schlurfend dasselbe Ziel ansteuerte.
"Ich kümmere mich schon um sie!", zischte sie, weil sie wusste, was Cindy im Sinn hatte.
"Ach, tust du das? Für mich hört sich das nämlich nicht so an. Nichol plärrt schon die ganze Zeit wie am Spieß. Als hätte sie etwas irgendwo drinstecken, was ihr Schmerzen bereitet."

Red sah Cindy wutentbrannt an.
"Du wirst dich von Nicky fernhalten, ansonsten widerfahren dir ganz unangenehme Dinge", drohte Red und baute sich vor der afroamerikanischen Frau auf.
Diese zuckte sofort zurück.
"Schon gut, schon gut", sagte sie abwehrend und hielt ihre Hände hoch. "Dann kümmer dich aber auch um sie und stopf ihr zur Not den Mund mit Socken voll!"

"Lass das meine Sorge sein", knurrte Red. Cindy rollte mit den Augen, vergrub ihre Hände in der Hose ihrer Gefängnisuniform und trat den Rückweg an.
"Red...bist du da?" Die Frage rollte brüchig von Nickys trockenen Lippen. "Ja, ich bin wieder da", bestätigte die Angesprochene Nickys Vermutung, reichte ihr das Wasserglas und setzte sich wieder auf die Bettkante. Das Mädchen mit den wirren Locken beugte sich beschwerlich vor, umfasste zittrig das Glas und ließ daraufhin die kalte Flüssigkeit ihre Kehle runter fließen. Für einen Augenblick schloss sie die Augen, dann öffnete sie sie wieder.

"Es tut mir so leid, Red...", begann Nicky und die Russin wusste, wofür sich ihre Freundin entschuldigte. Nicht dafür, zittrig und heulend in ihrer Bucht zu liegen. Sie versuchte sich dafür zu entschuldigen, dass sie Red bestohlen hatte, um an Drogen zu kommen. Dass sie den Menschen hintergangen hatte, der jedes Mal das letzte Hemd für sie gab. Aber Red schüttelte bloß mit dem Kopf.
"Schhh..." Sie wrang den nassen Lappen noch einmal leicht über dem Boden aus, bevor sie ihn auf die Stirn von Nicky legte.
"Die Bauchschmerzen musst du durchhalten, Nicky. Die erhöhte Körpertemperatur wird morgen schon niedriger sein", sprach Red und wollte aufstehen, als Nicky panisch ihre Hand ergriff.

"Geh nicht. Bitte..."

Selten hatte die Russin ihre Freundin derart verzweifelt gesehen. Ansonsten gab Nicky sich die größte Mühe von außen hart und unnahbar zu wirken. Sie schleuderte mit Beleidigungen und dreckigen Witzen um sich, die als reine Abschirmung dienten. Niemand sollte denken, wirklich an sie heranzukommen und sie zu kennen. Und kein Mensch sollte in den Genuss kommen, sie schwach zu erleben. Außer Red. Vor Red zeigte sie sich ab und an von ihrer zerbrechlichen Seite, jedoch nicht oft und nie so ausdauernd wie heute.

Fragend und unsicher sah Red sie an. Was erwartete Nicky?



"Schlaf bitte bei mir..", flüsterte Nicky und ihr mascaraverschmierter Wimpernkranz flatterte um ihre blutunterlaufenen Augen.
"Wie sollen wir beide in das Bett passen?", fragte Red und musste sofort daran denken, dass sie schon in ihrer eigenen Schlafstätte selten ins Land der Träume glitt. Und ihre Rückenschmerzen. Sie bräuchte für sich selbst schon ein Doppelbett, um gut durchzuschlafen. Wie egoistisch von dir, so zu denken.
"Rück ein Stück", verlangte Red schließlich und der russische Akzent klang wohltuend in Nickys Ohren nach.

"Deine Stimme ist besser als jedes Hörspiel", nuschelte sie und legte einen Arm um Red. Diese musste nicht lange warten, bis ihre Freundin eingeschlafen war. Nach etwa einer halben Stunde befreite sie sich vorsichtig aus dem Griff ihrer Freundin und steuerte wieder ihre eigene Bucht an. Sie war so schrecklich müde aufeinmal. Und in weniger als zwei Stunden musste sie bereits wieder in der Küche stehen.

Alles wegen diesem furchtbaren Piscatelli. Red schüttelte es, als sie an den neuen Wärter dachte. Aber sie war mit allen Wassern gewaschen, die durch die versiffte Wolga flossen. Niemand konnte ihr so schnell Angst einjagen.





*******



"Morgen Red", brummte Healy, der sie an diesem Morgen zur Küche begleitete. Die blassen blauen Augen ruhten distanziert auf ihr. Seit sie ihm ohne methaporisches Beiwerk gesagt hatte, dass aus ihnen nie etwas werden würde, war ihr Verhältnis auf Minusgrade unterkühlt.

"Guten Morgen, Sam", antwortete sie und beide gingen schweigend nebeneinanderher. Die Gefängnismauern wirkten an diesem Tage noch einengender und kühler als sonst. Die Tage, an denen keine netten Worte ausgetauscht wurden, waren immer die schlimmsten. Und seitdem Healy darum wusste, dass er auch in Red keine Frau finden würde, die irgendwann einmal abends nach einem harten Arbeitstag mit selbst gekochtem Essen auf ihn wartete, war er es müde geworden mit ihr zu lachen. Ihre glitzernden Augen, um die sich immer feine Falten legten, erzählten von soviel Gutmütigkeit, dass ihm immerzu schwindelig vor Sehnsucht nach einem liebenden Menschen wurde.

"Na dann...frohes Schaffen", grummelte er und sah an Red vorbei, auf viele dreckige Töpfe, die danach verlangten geschrubbt zu werden.
Red nickte. Sie sah ihm natürlich seine Traurigkeit an. Aber sie war zunächst einmal froh, dass er überhaupt wieder in Litchfield arbeitete.
Im Gefängnis gab es keine Geheimnisse. Jede Wahrheit sickerte durch die dünnen Gefängnisgitter, fand seinen Weg unter den schmalen Ritzen der Gefängnistüren und war spätestens nach 24 Stunden in aller Munde. Meistens hinter vorgehaltener Hand, aber doch allgegenwärtig.

So kursierte ebenfalls das Gerücht, dass sich Sam Healy freiwillig in die Psychatrie zwangseingewiesen und dann, als es ihm dort wohl zu langweilig wurde oder es ihm besser ging, wieder ausgewiesen hatte.

Red wusste bis jetzt noch nicht, was sie genau von ihm zu halten hatte. Manche Menschen blieben von ihrer Geburt bis zum Tod Weicheier und rückgratlose Gestalten, die sich von ihrer Umwelt von A nach B schubsen ließen. Aber diese Charakterisierung traf nicht ganz auf Healy zu. Er konnte sehr eigenwillig und zum Missfallen seiner Kollegen handeln, wenn ihm etwas wichtig und richtig erschien. Blöd war nur, dass er selten etwas richtig sah.
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