Spiel mit mir, Sibyl

von Reeney
GeschichteKrimi, Sci-Fi / P18
15.07.2016
11.04.2018
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Prolog: Das Wiedersehen


Langsam sank das Transportflugzeug des Amts für Öffentliche Sicherheit dem Boden näher. Eine dicke, dunkle Rauchwolke zog es hinter sich her, während helle Flammen seinen Sturz all denjenigen unter sich ankündigte.
Im aufgebrochenen Türrahmen stand Makishima Shougo, betrachtete die ihm näher kommenden Gebäude. Die Stadt war in Aufruhr, das Überwachungssystem sollten ein paar Tage lang einsatzunfähig sein. Das Ende Sibyls stand kurz bevor und nachdem, was er eben im Gespräch mit Sibyl oder eher mit seinem alten Freund Toma Kozaburo erfahren hatte, konnte er sich an diesem System auf eine Weise rächen, wie es nur in einem Spiel zwischen Menschen möglich war. Wäre das Sibyl-System das, was es seinen Bürgern versprach, eine künstliche Intelligenz, ein Programm, dann hätte man nur einen Schalter umlegen müssen und ganz Japan wäre im Dunkeln versunken, im Chaos keine Führung mehr zu haben. Sicherlich hätte Choe Gu-Song, welcher sich mit Computern um einiges besser auskannte als Shougo, sich in das System einklinken und das Programm so umschreiben können, dass es selbst unbrauchbar wurde. Er hätte den gesamten Quellcode endgültig löschen können ohne dass von Sibyl auch nur ein Bit übrig bliebe.
Jedoch war das Sibyl-System kein Computer, es war eine Gruppe von Menschen und damit brauchte Shougo nicht die Hilfe eines anderen. Er ganz alleine würde Sibyl vernichten und zuvor seine Mitglieder durch die Hölle schicken. Sie sollten dasselbe Leid erfahren, was sie ihm angetan hatten.
"Das Spiel hat gerade erst begonnen", murmelte er mit einem voller Vorfreude strahlenden Lächeln vor sich hin, als das Flugzeug dicht über das Dach eines Gebäudes flog.
Shougo löste sich von dem Türrahmen und sprang herab. Für ihn war es nicht viel anders als ein Sprung über die letzten paar Stufen einer Treppe zu Boden.
Er drehte sich zu dem Transportflugzeug um, sah wie dieses am Schornstein des benachbarten Gebäudes hängen blieb, diesen mit umriss und so nun senkrecht auf den Platz vor dem Gebäude stürzte. Ein paar aufgeregte Schreie weniger Passanten drangen dabei bis zu ihm hoch.
Dann wandte er sich ab, ging zu der Tür, die das Dach mit dem Treppenhaus verband. Sie war offen, so dass er ohne weiteres die Treppen hinab steigen und das Gebäude verlassen konnte.
Vor den Trümmern des Flugzeuges hatte sich bereits eine Traube aus Schaulustigen gebildet. Sie waren wie Asseln, sammelten sich am neusten und größten Haufen Dreck und das obwohl es in den letzten Tagen bereits genügend davon zu sehen gegeben hatte. Etwas angewidert verzog er das Gesicht, wandte sich einmal mehr von dem Transportmittel ab, um die Straße entlang nach Hause zu gehen. Die Passanten auf dieser Straße beachteten ihn mit keinem Blick, ihre Aufmerksamkeit lag auf den Trümmern. Nichtsdestotrotz bemerkte er bald, dass es ein Paar weitere Füße gab, die im selben Tempo wie er einen Schritt nach dem anderen setzten und das in dieselbe Richtung.
Er blieb stehen und sein Verfolger tat es ihm gleich.
"Es ist lange her, dass wir das letzte Mal von einander gehört haben", erklang eine ruhige Stimme, noch ehe er sich umdrehen konnte. Er hatte den Klang dieser Stimme im Laufe der Jahre ganz vergessen, jedoch wusste er nun sofort wieder, zu wem sie gehörte.
Shougo drehte sich um. Vor ihm stand eine Person, die einen Kopf kleiner als er selbst war, gekleidet in einem dunklen Mantel, so dass man nicht viel von ihr erkennen konnte. Die Person schlug die große Kapuze des Mantels zurück. Zuerst erkannte er so ihr Lächeln, dann auch den Rest des Gesichts und über diesen Anblick staunte er merklich. Nicht nur, dass er angenommen hatte, seinen Gegenüber nie wieder zu sehen oder zumindest nicht mehr mit ihm ins Gespräch zu kommen, er schien sich auch kein Stück verändert zu haben.
"Wie lange ist es schon her? Drei Jahre? Oder vier?", redete sein Gegenüber weiter und trat nun etwas näher an ihn heran.
"Viereinhalb in etwa", entgegnete Shougo, während ihm das weiße Smartphone in den Händen des anderen Menschen auffiel. Es war verschmutzt, das Glas des Displays zeigte deutliche Sprünge, jedoch wirkte es nicht viel stärker beschädigt als vorhin im Flugzeug, in welchem Shougo es in der Annahme, es würde wohl hinaus fallen und dadurch zerstört werden, liegen gelassen hatte.
"Wow, viereinhalb Jahre schon. Die Zeit vergeht wirklich viel zu schnell", kommentierte sein Gegenüber, ehe diesem der Blick Shougos auf das Handy auffiel. "Ist das deines? So wie du aussiehst, vermute ich, du warst in dem Flugzeug."
Bei den Worten wuchs das Grinsen auf den Lippen seiner alten Bekanntschaft.
"Das war ein Transporter des Amts für Öffentliche Sicherheit. Also haben sie dich nun gefasst und du hast das Flugzeug zum Absturz gebracht, um fliehen zu können. Das war ziemlich riskant", fuhr die Person fort.
Shougo ging darauf nicht weiter ein, nickte stattdessen dem Handy zu. "Es gehörte Gu-Song. Du solltest seine Dateien durchsehen, falls das Gerät inzwischen nicht zu beschädigt ist. Der Inhalt wird dich interessieren."
Musternd wanderte der Blick der Person auf das Handy, sie aktivierte es, während sie nun neben Shougo herlief, welcher sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, da er nicht in der Nähe der Absturzstelle sein wollte, wenn die Mitarbeiter des Amts für Öffentliche Sicherheit hier eintreffen würden.
"Welche Dateien meinst du, Shou-chan?", fragte Shougos Gesprächspartner.
Shougo selbst überlegte, ob er das überhaupt mit dem anderen besprechen sollte. So wie dieser wirkte, könne man fast meinen, der Kontakt zwischen ihnen wäre nie abgebrochen.
"Was soll das?", wandte er nun eher etwas verärgert ein.
Sein Gesprächspartner sah daraufhin mit einem etwas enttäuschenden Blick zu ihm auf und steckte das Smartphone erst einmal in eine Manteltasche.
In dem Moment bedarf es keiner Worte, um zu sagen, worum es ging. Vor viereinhalb Jahren noch waren die beiden Freunde gewesen, bis an einem Tag der Kontakt plötzlich abgebrochen war. Es war von einem Tag auf den anderen, dass die Person, mit der Shougo nun sprach, nichts mehr von sich hat hören lassen. Ein ganzes Jahr über hatte er anfangs noch oft, dann immer seltener versucht, sie zu erreichen, jedoch war eine Antwort ausgeblieben. Schließlich hatte er einsehen müssen, dass diese Freundschaft ein Ende gefunden hatte. Übrig geblieben war nur die Erinnerung an eine Person, die so einzigartig gewirkt hatte und letztendlich doch wie jeder andere gewesen war. Die Erinnerung an eine vorübergehende Bekanntschaft, wie es bei ihm viele gab und von denen er keine Einzige hatte halten können, an einen wiederholten Fehler, aus welchen er gelernt hatte, dass er nicht nur in Sibyls Augen unscheinbar war, sondern auch in den Herzen der Menschen, die er versucht hatte, Freunde zu nennen. Für ihn schien es so etwas auf dieser Welt nicht zu geben, der Einzige, auf den er sich verlassen konnte, war er selbst.
Nach einem Moment des Schweigens lächelte Shougos Gesprächspartner wieder und setzte auch die Kapuze wieder auf, seinen Blick nach vorn auf den Weg gerichtet, der ihn zu dem Anwesen Makishimas bringen würde, dessen Standort er nicht vergessen hatte.
"Ich bereue es nicht, den Kontakt zu dir abgebrochen zu haben", erklärte die Person schließlich leise. "Du weißt, wie ich damals drauf war, ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich habe Abstand gebraucht, zu dir, zu meiner Familie, zu jedem aus meinem Bekanntenkreis. Ich musste erst einmal zu mir selbst finden."
Die Person zuckte mit den Schultern als wolle sie nicht näher darauf eingehen.
"Dafür hast du dich aber äußerlich kaum verändert. Cyborgisierung?", wandte Shougo in einem etwas versöhnlicheren Ton ein, womit er ein Lächeln auf die Lippen seines Gegenübers zu Tage förderte.
"Nein. Ich halte davon immer noch nichts. Aber sobald der Geist einmal gesund ist, bleibt es auch der Körper. Du hast dich auch gehalten."
Das Gespräch setzte sich auf dem restlichen Weg fort. Sie sprachen über all das, was in den letzten vier Jahren im Leben des jeweils anderen vorgefallen war und auch wenn sie sich in diesen Jahren nie gesehen hatten, wenn alles, was sie von dem anderen erfuhren, neu und unbekannt war, so kam es ihnen vor, als hätten sich ihre Wege nie getrennt. Sie sprachen von ihrer gemeinsamen Zeit, von schönen sowie unangenehmen Erinnerungen, wie sie manche Situationen damals empfunden hatten. Sie sprachen über Sibyl, ihre einheitliche Einstellung dem System gegenüber und den neusten Erkenntnissen über jenes, von dem Verlust Gu-Songs.
Es war das Wiedersehen zweier Seelenverwandte, das dennoch viel mehr einem schönen Abschied als einer freudigen Reunion glich.