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Bis zum nächsten Run (Mirrors Edge Catalyst)

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Gen
14.07.2016
14.07.2016
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Das warme Abendlicht spiegelt sich an den vielen Glasfassaden der City wieder und von unten dringen die Geräusche der Stadt herauf. Ich befinde mich auf einem Vorsprung mit Blick auf Downtown Glass und ausser Sichtweite der KrugerSec Kameras. Vorsichtig lasse ich meine Beine über den Rand des Gebäudes baumeln und betrachte das emsige Geschehen unten auf der Straße. Mein Blick folgt den unzähligen Autos, die in scheinbar unendlich schneller Geschwindigkeit vorbeirasen und den Menschen, die von hier oben aussehen, wie ein Haufen kleiner, schwarzer Ameisen. Der Wind streicht durch meine Haare und ich atme tief ein. Dieser Augenblick gehört zu den seltenen, an welchen wir Runner Ruhe finden. Schon unser Name sagt, dass wir uns immer bewegen. Wir leben wie der Wind. Mal hier mal dort. Und niemals halten wir an. So scheint es jedenfalls. Manchmal gönnen selbst wir uns eine Pause. So wie ich jetzt.

Es kommt mir so vor, als würde nicht nur mein Körper ständig in Bewegung sein, sondern auch mein Geist. Jetzt, wo ich weder über die nächste Fluchtrute, noch über mögliche Aufstände nachdenken muss, spielt mein Kopf verrückt. Gedankenfetzen wirbeln in meinem Gehirn um her, jeder einzelne um Aufmerksamkeit bettelnd. Zu viel ist in der letzten Zeit geschehen, als dass ich alles verarbeiten könnte. Meine Schwester, Noah, die Entlassung aus dem Gefängnis, das System, ich als vermeintliche  Heldin. Alles meldet sich gleichzeitig zu Wort. Verzweifelt stütze ich meinen Kopf auf meine Knie. Ich weiss nicht, wie lange ich so dagesessen sein muss.

„Faith! Da bist du ja“

Mein Kopf fährt ruckartig hoch und ich fahre herum. Icarus!

„Ich hab dich schon überall gesucht.“ Sagt er und lässt sich neben mir fallen. Ich beobachte ihn, wie er seine Sonnenbrille in seiner Jackentasche verschwinden lässt. Eine Zeit lang sitzen wir nur da. Ich könnte ihn fragen, wieso er mich gesucht hat, doch es interessiert mich nicht. Nicht jetzt.

„Es ist selten, dich so ruhig zu sehen, Faith“  Sagt er nun. Dabei schaut er mich direkt an. Mir fällt auf, dass ich ihm noch nie so nahe war, wie jetzt. Ich sehe mein Gesicht in der Reflektion seiner Pupillen wie in einem Spiegel. Waren seine Augen schon immer so braun?

„In der letzten Zeit hatte ich auch nicht wirklich die Gelegenheit dazu.“ Gab ich kopfschüttelnd zurück und wandte mein Gesicht wieder der Strasse zu. „Stimmt. Seit du wieder da bist, ist hier die Hölle los.“ Er lacht, doch in seiner Stimme schwingt etwas Bitterkeit mit.

„Eifersüchtig?“ Frage ich schelmisch, doch auch irgendwie neugierig.

„Ganz ehrlich? Ja“ Gibt er nüchtern zurück. „Natürlich bin ich eifersüchtig auf die beste Runnerin der Stadt.“ Er lächelte schwach.

„Noah war immer stolz auf dich.“

„Noah…“ Hauche ich und senke meinen Blick. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie auch Icarus sich auf die Lippe beisst. „Er war ein edler Mann.“ Murmelt er ehrfürchtig. Ich erwidere nichts. Ich bin zu beschäftigt damit, meine Tränen zurück zu halten. Zeig jetzt keine Schwäche!

„Hey…“ Icarus legt sanft seine Hand auf meine Schulter. „So schlimm?“ In seiner Stimme schwingt eine Besorgnis mit, die ich noch nie bei ihm gehört hatte.

Nun kullern die Tränen in Strömen über mein Gesicht. „Ja. Es ist so schlimm.“ Murmelte ich, den Kopf immer noch gesenkt.

Icarus seufzt. „Ich weiss, Noahs Tod war tragisch, aber irgendwie müssen wir darüber hinwegko-„

„Es ist nicht nur Noahs Tod!“ Unterbreche ich ihn. „Hast du eigentlich einen Schimmer davon wie es ist, seine Schwester wieder zu finden, die man jahrelang für tot gehalten hat, nur um festzustellen, dass sie das Imperium weiterführen wird, gegen das man sein Leben lang gekämpft hat?“

Nun bricht alles aus mir heraus. Der ganze Druck. Alle Gedanken der letzten Tage. Die ganze Verzweiflung. Ich schluchze unkontrolliert und komme mir so hilflos vor, wie schon lange nicht mehr. Dogen hatte Recht. Ich war zerbrochen. Kraftlos. Wertlos. Schwach.

Plötzlich fühle ich, wie sich zwei Arme um mich schlingen und spüre wie Icarus seinen Körper gegen meinen presst. Überrascht schnappe ich nach Luft und versuche ihn anzusehen.

„Alles ist gut.“ Flüstert er beruhigend in mein Ohr.

„Wieso tust du das?“ Murmele ich erschöpft.

Lange Zeit schweigt er. Doch dann nimmt er mein Kinn und dreht meinen Kopf so, dass ich ihn ansehen kann. Seine haselnussfarbenen Augen bohren sich in meine und mein Blick heftet wie gebannt auf ihm.

„Weil du stark bist und ich es nicht ertragen kann, dich so zu sehen.“

Mein Atem setzt für einen kurzen Moment aus und mein Herz macht einen Sprung. Für einen raschen Augenblick sind alle meine Gedanken wie weggeblasen. Es gibt nur noch einen, der durch meinen Kopf pocht. Icarus

Auf einmal kommt sein Gesicht näher und ich spüre seinen warmen Atem in meinem Gesicht. Unsere Gesichter sind nur noch wenige Millimeter voneinander entfernt. Mein Blick wandert hinunter zu seinen Lippen und im nächsten Augenblicke presste er seinen Mund auf meinen.

Für eine kurze Sekunde zögere ich. Will ich das wirklich? Will ich ihm so nahe sein?

Ja!

Stürmisch schlinge ich nun auch meine Arme um ihn und erwidere den Kuss. Icarus, der kurz zuvor noch unsicher auf meine Reaktion gewartet hatte, ging nun ganz in unserem Kuss auf. Ich fühle seinen Körper warm an meinen, während er mit seinen rauen Händen durch meine kurzen Haare fährt.

Er ist leidenschaftlich. Bin ich das auch? Frage ich mich, während ich noch heftiger zurückküsse. Ich will alles vergessen. Wenigstens für diesen Moment. Es ist mir egal, dass wir direkt neben einem Abgrund sind. Es ist mir egal, dass uns jemand entdecken könnte. Wieder einmal ist mir alles egal. Alles ausser Icarus. Plötzlich wird mir klar, wie einsam ich mein Leben lang war.

Langsam löst er sich von mir, die Arme aber immer noch um mich geschlungen. Nein! Ich will noch nicht aufhören!

Ein Blick in seine Augen verrät mir, dass er das gleiche denkt. Doch er keucht ein wenig.

„Das war heftig“ Murmelt er. „Geht es dir jetzt besser?“

Ich horche in mich und fühle nur ein pochendes Gefühl von Wärme in mir. Ist das Liebe?

Ich nicke, unfähig auch nur ein Wort zu sagen. Zufrieden über meine Antwort, berührt Icarus mit seiner Hand meine Wange. Erst jetzt spüre ich, wie mein ganzes Gesicht glüht. Auch seine Wangen sind rot.

Seit Jahren gab es nichts ausser drei Dingen, die mich kümmerten. Die Runner, Noah und der nächste Run. Es scheint so, als gäbe es jetzt noch eine vierte Sache auf dieser Liste.

Wie vor dem Kuss, sitzen wir nun da. Eng umschlungen. Wie eine einzige Kreatur, deren Siloutte im Sonnenuntergang langsam verblasst. Für einen Moment sind meine Sorgen weg. Sie werden wiederkehren, aber wie so oft, interessiert mich nun wirklich nur dieser Augenblick.

Nach einer  Weile wende ich mich nach ihm um und blicke ihm wieder in die Augen. „Icarus? Wieso hast du mich eigentlich gesucht?“

Er schweigt erneut. Sehr lange um genau zu sein.

Doch dann nimmt er wieder mein Gesicht in seine Hände. "Weil ich dich liebe. Das wollte ich dir schon die ganze Zeit sagen.“ Erwidert er verträumt. So habe ich ihn noch nie gesehen. Bin wirklich ich der Grund dafür?

Ich lege meine Stirn an seine und schweige glücklich. Plötzlich hat es für mich keinen Wert mehr, was früher war. Dass wir uns zu Beginn so gar nicht verstanden. Nur dieser eine Moment zählt.

Und dieser eine Moment währte für mich die ganze Nacht lang. Bis die Sonne sich in den Scheiben der Stadt wiederspiegelt und den Spiegel erneut leuchten lässt. Bis das Leben weitergeht. Bis der Kampf weitergeht.

Bis zum nächsten Run.
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