Brief an Will (Ein ganzes halbes Jahr)

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12
14.07.2016
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Hallo Will,

wie geht es dir? Ich vermute ziemlich gut. Dort oben kannst du dich austoben, kannst bestimmt die ganzen Sachen wieder so machen, wie du es immer wolltest. Kannst der Mensch vor dem Unfall sein.

Ich denke jeden Tag an dich. Es ist kaum erträglich, daher versuche ich mich abzulenken. Ich scheitere aber immer wieder dabei. Ab und an treffe ich deinen Dad bei der Burg, wir reden meist etwa eine halbe Stunde. Ich bin ihm direkt nach deinem Tod monatelang aus dem Weg gegangen, einfach weil es zu sehr weh tat. Doch mittlerweile ist es eine wahre Freude ihn zu sehen. Es fühlt sich dann so an, als könnte ich meinen Kummer teilen.

Deine Mutter habe ich hingegen schon eine Ewigkeit nicht mehr zu Gesicht bekommen. Dein Dad meint, sie wäre nach Schottland gegangen. Zu einer alten Freundin, die ebenfalls im Rollstuhl sitzt. Es scheint, sie bräuchte jemanden, den sie pflegen kann, sie fühlt sich dabei besser. Ständig zu trauern und nachzudenken macht es einfach schlimmer. Ich kann sie verstehen. Und sie hat eine Stiftung gegründet, die gelähmte Menschen helfen soll. Dabei veranstalten sie auch alle möglichen Events, wo die Betroffenen mit ihrer Familie eine wunderschöne Zeit verbringen können. Sie haben auch so etwas, wie einen 'letzten Wunsch' eingeführt, wobei man die Möglichkeit hat etwas bezahlt zu bekommen, für das man vielleicht selber nicht genug Geld hat. Ich finde es gar nicht schlecht. Bei deinen Ausflügen war das kein Problem, aber manche Menschen verdienen nicht viel und können sich gerade so die medizinischen Notwendigkeiten leisten.


Merkst du das nicht? Wie sehr du den Menschen hier fehlst? Es sind nicht nur wir, auch meine Familie betrübt die Tatsache, dich nie wieder bei einem unserer chaotischen Abendessen und Geburtstagspartys einladen zu können. Deine Abwesenheit ist ständig spürbar.

Ich habe nach deinem Tod deinen Rat angenommen und bin verreist. Nach Frankreich, Italien und Spanien. Jedes Mal, als ich am Strand saß, musste ich an unsere gemeinsame Zeit denken. An unseren Kuss. Es war der schönste Moment in meinem ganzen Leben. Ich habe mich noch nie so geborgen gefühlt, war nie vorher so Ich-selbst. Ich kannte die wahre Louisa Clark nicht, bevor du sie in mir geweckt hast.

Auch was die Welt mir zu bieten hat. Die schönen Orte, die es gibt. Die wunderbaren Sehenswürdigkeiten, manche von ihnen beeindrucken mich sehr. So wie das Kolosseum oder der Eiffelturm. Ich war ganz oben und konnte gefühlt ganz Paris sehen. Natürlich wäre ich am liebsten mit dir zusammen dort hingefahren, aber man kann es eben nicht ändern.

Ich bin auch Patrick des öfteren begegnet. Er meinte, ob wir es wieder versuchen wollen. Und jedes Mal sagte ich ihm direkt ins Gesicht, dass ich das nicht mehr kann. Immer wieder kommt er und denkt, alles wäre wie früher. Das ist es nicht! Letztes Mal bekam ich einen richtigen Wutanfall, weil er nicht Ruhe geben will. Es nervt mich, dass er denkt, dass das mit dir nur eine 'Phase' war. Das war es definitiv nicht! Mir ist erst jetzt bewusst geworden, dass ich Patrick nie geliebt habe. Er war einfach nur da.
Allgemein gesagt, ich wusste nicht, was wirkliche Liebe war. Bis ich dich kennenlernte. Du hast mir so viel gezeigt, so viel offenbart, was ich vorher nie gesehen habe. Daher kann ich dir nur danken, Will. Du hast aus mir einen komplett neuen Menschen gemacht.

Zuletzt muss ich dir noch dringend etwas erzählen:

Nach deinem Tod fand ich kurzfristig einen schlecht bezahlten Job in einem Café am Flughafen. Ich habe nebenbei auch monatelang nach anderen Möglichkeiten gesucht, aber keine gefunden. Nach langem nachdenken und recherchieren habe ich eine Umschulung zur Konditorin, fast 100 km von Zuhause entfernt, gefunden. Ich muss so weit weg, da diese Stunden am bezahlbarsten von allen anderen Schulen in ungefährer Nähe waren. Nebenbei werde ich aber wieder in einem Café jobben, damit ich meine Eltern nicht zu sehr belaste. Außerdem habe ich etwas Geld zur Seite gelegt. Das, was du mir damals gegeben hast ist alles für die Reisen drauf gegangen, doch ich bereue dies keineswegs. Es müsste alles klappen, damit zumindest meine berufliche Zukunft besser gesichert ist.

Ich denke, dass diese Neuigkeiten dich freuen.

Ich hoffe, du bewachst mich von dort oben aus. Du kennst ja meine Begabung, ständig in Schwierigkeiten zu geraten.

Deine Clark xx

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Diese Kurzgeschichte grenzt dem ersten Buch an.
Der Inhalt des zweiten Teils "Ein ganz neues Leben" darf hierbei nicht berücksichtigt werden!