Fight For You

von Chemistry
OneshotFantasy, Schmerz/Trost / P12
Isaac Lahey
13.07.2016
13.07.2016
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So fühlte es sich also an, wenn einem das Herz brach.
Wie konnte man dieses dumpfe, pochende Gefühl loswerden, das einem in jedem schmerzenden Atemzug durchzog? Das dich in jedem Tag, in jeder Stunde, sogar in jeder Sekunde wie ein sengendes Feuer von innen verbrannte und eine große Leere in deiner Brust hinterließ?
Wie konnte man jemandem dabei helfen, wieder er selbst zu werden, wenn genau dieses Gefühl einem im Weg stand? Wenn es dich genauso zerriss wie denjenigen, den du zu retten versuchst?
Man konnte es nicht.
Du konntest nur dabei zusehen, wie es einen langsam auflöste. Wie es damit begann, dein Denken und Handeln zu steuern, dich von morgens bis abends begleitete, dich kalt und leblos machte, weil jede Art von Emotion den Schmerz nur verschlimmerte. Wie es dich veränderte und dich allmählich selbst zu einer großen Leere formte.
Ich hätte nie gedacht, dass Liebe solche Konsequenzen mit sich ziehen konnte.

*****


„Isaac! Isaac, sieh mich an!“
Energisch schüttelte ich den Jungen an seinen Schultern, bis sich seine goldenen, leuchtenden Augen auf mich richteten. Die spitzen Reißzähne, mit denen er nach seinen Freunden schnappte, waren voll ausgefahren und rasiermesserscharf. Sie schlugen nur weniger Millimeter vor meinem Gesicht zusammen, als Isaac sich nach vorne lehnte und mich zu beißen versuchte. Ich zuckte nicht zurück.
„Chloe, es hat keinen Zweck!“, rief Tyler, während er Isaac mit all seiner Macht auf den Boden zu drücken bemühte. Unter seinen braunen Haaren perlten Schweißtropfen auf das Shirt, das er trug. Der Werwolf unter ihm brüllte und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf ihn. „Chloe, bitte! Du kannst ihn nicht retten!“
„Tyler hat Recht.“ Michael sah noch schlimmer aus als Tyler, mit seinem zerrissenen Pullover und den blutigen Händen, mit denen er Isaacs Handgelenk auf den Asphalt drückte. Seine braunen Augen bohrten sich in meine und zeigten keinerlei Sympathie für den jungen Mann, der einmal sein bester Freund gewesen war. „Er ist zu gefährlich. Wir müssen ihn töten, oder er tötet uns.“
„Nein!“, schrie ich mit erstickter Stimme. Meine Sicht verschwamm vor Tränen, aber das kümmerte mich nicht. Ich würde diesen Jungen nicht aufgeben, völlig egal was er getan hatte oder wer er in diesem Moment war. Es gab noch zu viel, was ich ihm sagen musste – und er würde mir gefälligst zuhören!
Keuchend schob ich Michael zur Seite und robbte neben Isaacs Kopf, um ihn in meine Hände zu nehmen. Sie waren ebenso blutig wie die von Michael, jedoch klebte an meinen Händen nicht das Blut eines anderen.
Es war mein eigenes.
Auf meiner Schulter prangten drei tiefe, furchterregende Schnitte, aus denen dunkle Flüssigkeit hervorquoll. Sie pochten unerbittlich und machten mich von Sekunde zu Sekunde schwächer, weshalb mir nicht mehr viel Zeit blieb, bis ich in Ohnmacht fallen würde. Also nahm ich meine letzten Kräfte zusammen, packte Isaacs Gesicht und drehte den Werwolf in meine Richtung.
Isaac wehrte sich mit allem, was er hatte. Er knurrte und schnappte nach mir, aber ich hielt ihn eisern fest und wartete, bis er sich einigermaßen beruhigt hatte. Ich redete auf ihn ein, sagte ihm immer wieder, dass er runterkommen sollte. Und als sein Atem ruhiger wurde und seine Befreiungsversuche erstarben, tanzten bereits dunkle Punkte am Rande meines Sichtfeldes. Mit einem tiefen Atemzug drängte ich die Dunkelheit zurück und beanspruchte die Wachsamkeit des Jungen für mich.
„Isaac, sieh mich an“, wiederholte ich sanft und mit leichten Nachdruck.
Der Werwolf schnaufte vor Anstrengung, starrte alles und jeden außer mich an, doch am Ende gelang es mir mit einem einfachen Streichen über seine Wange die Aufmerksamkeit von Isaac auf mich zu lenken. Die goldenen, undurchdringlichen Pupillen fixierten mich, und plötzlich gab es niemanden mehr außer uns.
Meine Anspannung verflog noch im selben Moment. Sobald sich unsere Blicke trafen, schien die Welt nur noch auf uns beide fokussiert zu sein. Der Regen, der auf uns niederprasselte, machte diesen Augenblick nicht schlimmer – er machte ihn nur noch perfekter.
Ein kleines Lächeln erschien auf meinem Gesicht.
„Hör zu“, sprach ich nach kurzem Zögern. „Ich weiß, was du jetzt denkst. Und ich weiß auch, warum du glaubst das tun zu müssen. Aber das bist nicht du, okay?“ Ich unterdrückte den Impuls, zu zittern. „Der echte Isaac könnte keiner Fliege etwas zu Leide tun. Er ist liebevoll und stur zugleich. Und er wäre stark genug, sich gegen das zu wehren, das von ihm Besitz zu ergreifen versucht.“ Mit einem entschlossenen Ausdruck schaute ich ihn weiterhin direkt an. „Kannst du dich daran erinnern, wie du gesagt hast, dass ein Mann nur dann stark ist, wenn er sich seine Schwächen eingesteht? Dass er nur dann wahre Stärke zeigt, wenn er sich seine Fehler eingesteht und daraus lernt, um es beim wiederholten Male besser zu machen? Ich erinnere mich an die Worte, als hättest du sie mir erst gestern gesagt. Ich erinnere mich daran, weil du mir Mut gemacht hast. Du hast mir Mut gemacht, an einem Tag, an dem es für mich keine Hoffnung mehr gab. Du hast mir gesagt, dass es okay ist, zu weinen und den Schmerz zuzulassen. Dass alles wieder gut werden würde. Erinnerst du dich daran?“
In Isaacs Gesicht schien keine Regung zu sein, aber ich wusste, dass ich ihn erreichte. Denn wehren tat er sich nicht. Also wischte ich mir die Tränen aus den Augen und redete weiter, als würde die Zeit keine Rolle spielen.
„Du hast mir beigebracht, dass es in Ordnung ist, auch mal zu fallen“, flüsterte ich. „Solange du wieder aufstehst, kannst du immer und immer wieder fallen. Solange du einen Grund zum Kämpfen hast, wird es auch immer Hoffnung geben. Und es ist egal, ob diese Hoffnung von deiner Familie oder von deinen Freunden kommt – denn die Menschen, die dir am Herzen liegen, die sind deine Familie. Ich bin deine Familie, Isaac. Und ich werde dich beschützen, so wie du mich beschützt hast.“
Und dann – bevor ich überhaupt darüber nachdenken konnte – beugte ich mich zu ihm herunter. Die Rufe der Anderen ignorierend, legte ich meine Lippen schließlich auf seine und gab ihm endlich den Kuss, den ich ihm schon seit geraumer Zeit geben wollte.
Isaac war mindestens ebenso überrumpelt wie Tyler und Michael. Seine Lider schossen in die Höhe, aber etwas anderes als das vermochte er nicht zu tun. Statt auf mich loszugehen oder mir die Lippen in Fetzen zu reißen, entspannte er sich sichtlich, und meine Brüder ließen ihn los.
Sofort verflog auch noch der Rest der Unruhe, die in ihm verankert gewesen war. Seine Augen schlossen sich, während ich mit meinen Fingern seine Konturen nachzeichnete. Meine Wunde meldete sich mit einem stechenden Schmerz, doch das war gerade meine letzte Sorge.
Als ich mich von Isaac löste, waren die goldenen Pupillen und die Reißzähne verschwunden. Blaue Sehnsucht nach mehr starrte mich an, vermischt mit einem Ausdruck, der Ungläubigkeit verriet.
„Chloe?“, fragte Isaac verwirrt. „Was.. Wo kommst du denn her?“ Sein Blick wanderte zu meiner Schulter, und er wurde bleich im Gesicht. „Bin ich das gewesen? Was ist passiert?“
Ich wollte etwas sagen – irgendwas, um ihn zu beruhigen und ihm zu versichern, dass es mir gut ging. Aber mein Mund blieb geschlossen.
Schwarze Lichtpunkte tanzten am Rande meines Blickfeldes umher, meine Knie schlotterten unkontrolliert und plötzlich konnte ich nicht mehr aufrecht sitzen. Ich schnappte nach Luft, als mir das Atmen schwerer fiel, und ich kippte auf die Seite.
Isaac war schnell – er fing mich auf, bevor ich auf den Asphalt aufschlug. Er setzte sich auf und ließ mich in seine Arme gleiten. Meine Schulter fing den meisten Sturz ab, pulsierte vor Schmerz, als ich probierte mich wieder aufzusetzen. Aber keine Chance. Verzweifelt kämpfte ich dagegen an, wollte mich der Finsternis nicht hingeben.
Jemand rief meinen Namen. Ein bekannter Blondschopf beugte sich über mich, und das letzte, was ich wahrnahm, waren seine Arme, die mich hochhoben, bevor ich wegknickte.
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