Der Unsterblichkeit Momente

GeschichteAllgemein / P16
11.07.2016
05.05.2019
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Du und ich - wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen.

- Konfuzius





*Velathri im August*



Es war ein warmer Spätsommerabend. Ein wundervoller Sonnenuntergang tauchte Velathri in goldenen Schein und verlieh der Stadt etwas Märchenhaftes.

Im Innenhof des Schlosses genoss eine junge Vampirin die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Sie saß auf einer Bank am Rande des Hofes und hatte die Augen geschlossen. Die Frau hatte schulterlange, schwarze Haare, die ihr herzförmiges Gesicht umrahmten. Sie war zierlich und von kleiner Gestalt. Das smaragdene Kleid wie ein Fächer ausgebreitet, reichte es bis zum Boden, ein tiefschwarzer Umhang lag auf ihren Schultern. Neben ihr stand eine Staffelei. Die Unsterbliche schlug die Augen auf und schaute sich um.

Weite Blumenbeete, besäät mit roten und weißen Rosen, Lilien und Tulpen umrahmten saftigen, grünen Rasen. Ein weißer Pavillon stand in der Mitte des Gartens und, etwas entfernt, hörte sie das Plätschern eines Springbrunnens. Junge Bäume, gepflanzt hier und da auf dem Rasen, rundeten den Anblick ab.

Die Schwarzhaarige lächelte. Sie hatte den Garten ganz nach ihren Wünschen gestaltet, die Blumen und Bäume gepflanzt, den Rasen gewässert. Sie hatte viel Zeit investiert, es war ihr kleines Paradies. Ihr Blick wanderte zu der Staffelei. Sie war eine gute Malerin und liebte die Kunst. Das Gemälde war ein genaues Abbild des Gartens. Ihr war es gelungen, mit gezielten Pinselstrichen die Natur für die Ewigkeit festzuhalten, doch eines fehlte noch.
Sie stand auf, griff nach dem Pinsel und begann, ihren Namen unter das Bild zu setzen. In geschwungenen Lettern schrieb sie:

Didyme V.

Ein entferntes Grollen zerriss die Stille, leise Tropfen drohten, ihr Kunstwerk zu zerstören. Schnell legte Didyme ihren Umhang ab und schlang ihn vorsichtig um das Bild. Sie beeilte sich, es in Sicherheit zu bringen und lief auf den Schlosseingang zu. In den Kolonnaden unterstehend, hoffte sie, das der Regen bald aufhörte. Wollte sie doch noch etwas Zeit in ihrem Garten verbringen, ehe sie zurück in ihre Gemächer ging. Ihr Bruder ließ ihr selten viel Ausgang, war er doch stets besorgt um sie. Ungeduldig wippte sie auf den Zehen. Völlig in ihren Gedanken versunken, merkte sie nicht, dass sich jemand zu ihr gesellte.
"Ich hoffe, dein Kunstwerk hat keinen Schaden genommen." Der Mann, welcher sich neben sie stellte, war mittelgroß und stattlich. Er hatte dunkelbraune, gewellte Haare und trug einen schwarzen Anzug und sein Umhang war mit Ornamenten bestickt. Ein Lächeln umspielte seine Lippen.

"Marcus, welche Freude, dich zu sehen. Ich wähnte dich noch in Rom", entgegnete Didyme freundlich. Sie mochte Marcus, konnte aber das Gefühl, welches sie empfand, wenn sie ihn sah, nicht richtig identifizieren.
"Die Angelegenheit klärte sich schneller als gedacht." Marcus bemerkte ihre Ungeduld. Er konnte sie verstehen. Hatte sie doch selten Ausgang. 'Ein einziger goldener Käfig', schoss es ihm durch den Kopf. Der Mann musterte sie. Dichte Wimpern umrahmten ihre roten Augen. Sie hatte volle Lippen und ihre Haare wehten ihr immer wieder ins Gesicht. Irgendetwas an ihr faszinierte ihn. Plötzlich kam ihm ein irrwitziger Gedanke. Er streckte seine Hand aus und hielt sie ihr hin.

"Tanz' mit mir", sagte er.
"Was?"
"Tanz' mit mir", wiederholte er.
"Du bist doch verrückt", lachte Didyme, griff aber nach seiner Hand und ließ sich von Marcus in den Garten ziehen. Es regnete immer noch in Strömen, in wenigen Minuten waren ihre Kleider durchnässt.
Marcus hielt sie an der Hüfte, wirbelte sie herum, immer und immer wieder. Es war, als tanzten beide zu einer Melodie, die nur sie allein hören konnten.
Doch ein Fehltritt Marcus' ließ beide stürzen, sie fielen auf das nasse Gras. Das glockenhelle Lachen Didymes erfüllte den Garten.
"Bitte entschuldige, ich war nie ein guter Tänzer." Erschrocken angesichts seines ernsten Tones, sah sie Marcus an, erkannte aber, dass auch er lächelte.

Beide schauten sich in die Augen. Wie in Trance senkte Didyme ihren Kopf und drückte sanft ihre Lippen auf die seine. Marcus erwiderte den scheuen Kuss und zog sie näher an sich heran. Als sie sich voneinander lösten, schien die Zeit stillzustehen. "Du bist ein wunderbarer Tänzer", brach sie das Schweigen flüsternd.

Der Regen hatte aufgehört und die Dämmerung bereits eingesetzt. Marcus stand auf und half Didyme hoch. Beide saßen noch lange in dem Pavillon, lehnten sich aneinander. In ihren Blicken lag das, was sie sich schon viel früher hätten sagen wollen.
"Ich werde immer für dich da sein, meine liebste Didyme."
"Für immer die deine, Liebster."

Sie bemerkten nicht, dass sie beobachtet wurden. Aro stand in dem Torbogen und betrachtete das Paar. Er wusste schon länger um die Gefühle, die sie füreinander hegten, und freute sich für die beiden. Mit einem Lächeln ging er zurück in das Anwesen.

*

Das zarte Band der Liebe, welches Marcus und Didyme verband, wurde über die Jahre immer stärker. Jeder im Zirkel freute sich, das beide ihr Glück nun gefunden haben.
Keiner ahnte, dass das der Anfang des Endes war.

Sollte doch bald eine furchtbare Tragödie den Zirkel erschüttern.
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