Beepocalypse Now

GeschichteFreundschaft, Suspense / P16
10.07.2016
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Beepocalypse Now


“Das ist doch Blödsinn … das kann nicht sein! Sicher, dass das keine Parodie-Zeitung ist wie der Postillon oder so?“ Mit beinahe schon komisch wirkender Verzweiflung greift Len nach der noch fast druckfrischen Ausgabe. „Du Trottel, das ist der Stadtanzeiger – zwar so langweilig und unnötig, dass er nicht ernst gemeint sein sollte, aber gewiss nie absichtlich ironisch,“ zieht Henry ihn auf und beugte sich mit seinem Freund gemeinsam wieder über die Schlagzeile.

Ich beobachte die beiden beim Lesen und sie reagieren genau so, wie ich es erwartet habe, als ich ihnen das Käseblatt von Zuhause mitgebracht hatte. Beide schauen ungläubig, doch Henry liegt ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen während Len schockiert wirkt. Es ist nicht schwer zu erahnen, dass gleich ein moralisierender Vortrag folgen würde. Ich unterdrücke ein Grinsen, nehme einen Schluck meiner Limonade und lehne mich abwartend im gemütlichen Sessel unseres Stammcafés zurück.

"Bienen fressen Nutztiere", verheißt die Überschrift, die mich heute Morgen beim Frühstück so zum Lachen gebracht hatte, dass ich fast meine Cornflakes über die Zeitung gespuckt hätte. Bis jetzt kann ich die Meldung auch immer noch nicht glauben – reißerisch wurde von sich anscheinend im Umland häufenden Vorfällen berichtet, in denen Schwärme aggressiver Bienen sich auf Tiere wie Kühe oder Schafe gestürzt hatten, und sie bei lebendigem Leib bis auf die Knochen aufzufressen. Mir klang es zu eklig und absurd um wahr zu sein, und ich war sicher, dass meine Freunde, sobald sie den Artikel fertig gelesen hatten, zum selben Entschluss kommen würden. Hauptsächlich hatte ich das Schriftstück mitgebracht, um Lens Reaktion auf den  Bienen-Hass mitzubekommen. Im letzten Absatz des Artikels war von Zombie-Insekten die Rede, und die Bevölkerung wurde angehalten, gnadenlos gegen die „gelb-schwarzen Killertiere“ vorzugehen.

Daran, wie die empörten roten Flecken auf Lens Wangen auftauchten erkannte ich, dass er jetzt beim fraglichen Abschnitt angelangt war. Nach der Lektüre schaute er entsetzt und ungläubig auf. „Das kann doch nicht ihr Ernst sein! Wissen die denn, was passiert, wenn wir wirklich gnadenlos“ – er umrahmte das Wort mit wütenden Finger-Gänsefüßchen – „gegen Bienen vorgehen? Dann können die mal sehen, wie die Umwelt den Bach herunter geht, Pflanzen aussterben …“  

„Hey, ist ok, wir kennen deine Bienenschutz-Rede! Und der Artikel war, wenn ich mir auch beim Stadtanzeiger keinen Witz vorstellen kann, zumindest einfach ein großes Missverständnis. Bestimmt entschuldigen sie sich in der nächsten Ausgabe schon für die Panikmache.“ Henry sieht die Sache also genauso wie ich.

Da kommt Katrin, die Bedienung, mit unseren Burgern an unseren Tisch. Katrin, die schon seit unserer gemeinsamen Schulzeit hier arbeitet und meist kurz mit uns plaudert, wirft einen Blick auf die Zeitung. Sie stellt die Teller ab und seufzt. „Beschissene Geschichte, ne?“ Wie immer nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Henry zieht verwundert eine Augenbraue hoch. „Das ist doch eindeutig ein Fake. Ein blöder Witz oder ein noch blöderes Missverständnis, oder? Ich meine, Bienen die große Säugetiere auffressen, ernsthaft?“ Katrin schüttelt traurig den Kopf. „Ich wünschte, es wäre so. Aber es gab ja noch mehr Vorfälle, die gar nicht in der Zeitung standen. Einen davon hab‘ ich sogar miterlebt.“ – „Was, du hast gesehen, wie Bienen –‚‘‘ Len bringt es nicht über sich, den Satz zu beenden. „Naja, natürlich nicht alles direkt, aber schon genug, um zu wissen, dass mit den Bienen hier in der Gegend eindeutig was nicht stimmt.“ Bei der Erinnerung wurde sie blass. „Ihr wisst ja, ich wohne quasi am Ende der Welt. Nach unserem Garten nur Weide, Weide, soweit das Auge reicht. Und als ich heute morgen die Tür zum hinteren Garten aufmachte, um die Katze reinzuholen, war ich super verwundert, wie schnell Oscar reingeflitzt ist. Ich bin raus gegangen, um zu sehen, was ihm solche Angst gemacht hat, und da höre ich plötzlich so ein krass lautes Summen und schaue gerade noch rechtzeitig zur Hecke, die den Garten von Heinrichs Weide abgrenzt. Gerade, als ich hinschaue, erhebt sich ein riesiger Bienenschwarm und fliegt davon. Das hat mich schon mal ziemlich erschreckt, aber als sie dann weg waren, wollte ich doch nachgucken, was die denn alle so an einem Ort getrieben haben.“ Sie macht eine Pause und greift, ohne es zu merken, nach einem Bierdeckel, der auf dem Tisch liegt, um damit zu spielen. Ihre Hände zittern. „Geh‘ ich also so zur Hecke und schaue drüber und da liegt halt eine Kuh …“ Sie schluckt und sieht aus, als wäre ihr speiübel. „Die war wirklich fast blitzblank aufgefressen. Die Knochen fast ganz weiß. Aber es stank ziemlich … nach Blut, der Boden war auch voller Flecken. Ich bin dann ins Haus, hab‘ Heinrich angerufen, dass er mal seine Kühe zählen soll und dann … Naja. Seitdem versuche ich eben, zu verdrängen.“ Jetzt zuckt sie betont lässig mit den Schultern, aber ihr Grinsen wirkt gequält. Wir starren sie mit offenem Mund an. Nicht mal Len widerspricht jetzt noch. Schließlich seufzt Katrin und meint: „Ich muss dann mal wieder, schließlich arbeite ich gerade.“ Sie winkt uns zum Abschied zu und geht davon, nicht ganz so lebenslustig wie sonst.

Wir wissen nicht, was wir sagen sollen. Meine Idee, mit dem Zeitungsartikel Len zu ärgern, kommt mir auf ein Mal blöd und kindisch vor. Obwohl ja wirklich keiner hätte ahnen können, dass da mehr dahinter steckt. Ein Skelett, ratzfatz kahlgefressen … so etwas hätte ich mir höchstens bei den riesigen Heuschreckenschwärmen in der Wüste vorstellen können. Bienen sind zwar nicht meine Lieblingstiere – wer, von Len abgesehen, konnte das denn von sich behaupten? – aber als monströse Killer waren sie mir bisher auch nicht erschienen.

„Wir sollten zum Herr Benjamin gehen!“ meint Len schließlich. Seine Stimme ist leise und er wirkt ein bisschen abwesend, aber als wir uns nicht rühren, steht er auf, und setzt, in entschlossenem Tonfall hinzu: „Wenn irgendwer eine Erklärung geben kann, dann wohl er!“ Man merkt, wie froh er ist, etwas gefunden zu haben, was er tun kann, weshalb wir auch nicht mehr mit ihm diskutieren, sondern ihm stumm aus dem Café hinaus folgen. Ich weiß, dass Katrin uns anschreiben lassen würde, also mache ich mir nicht die Mühe, noch ein paar Scheine herauszukramen. Meinen Burger greife ich mir allerdings noch rasch und nehme ihn mit.

Während Len zielstrebig voranschreitet werfen Henry und ich uns einen Blick zu. Obwohl die ganze Sache schlicht ziemlich seltsam ist, sind wir insgeheim erfreut und gespannt, endlich den mysteriösen Herr Benjamin kennen zu lernen. Er ist der Imker, bei dem Len immer seinen lokalen Bio-Honig kauft. Während andere auf dem Dorf ihn eher komisch und unheimlich zu finden scheinen, hatte unser Freund schon oft erzählt, dass er mit dem älteren Mann gerne plauderte, über Bienen und das Leben im Allgemeinen.

„Glaubst du nicht, dass schon irgendwer auf die Idee gekommen ist, mit dem Benjamin zu reden? Ich meine, immerhin ist er der lokale Bienenexperte und so …“, fragt Henry, der wie immer sehr pragmatisch denkt. Len jedoch schaut ihn skeptisch an. „Er redet mit den meisten Leuten nicht. Menschenfreundlich ist er nicht. Ich hatte Glück, mich mochte er, da ich ihn und seine Bienen mit Respekt behandelt habe.“ Henry wendet sich ab, doch ich kann sehen, wie er lächelt. Alle Lebewesen, seien sie unfreundliche Menschen oder stechende Insekten, mit Respekt zu behandeln, das ist hundert Prozent Len.

Herr Benjamin wohnt am Ende einer Sackgasse, die mir schon sobald wir in sie einbiegen von einer seltsamen Stimmung überschattet scheint. Doch ich bin auch sehr wetterfühlig, außerdem kann die Angst vor Killerbienen ja schon ein wenig auf die Laune drücken. Je mehr wir uns allerdings dem letzten Haus in der Reihe nähern, desto lauter wird ein monotones Brummen, und das bilde ich mir ganz sicher nicht ein. „Hört ihr das auch?“, wispere ich trotzdem, einfach um mich zu versichern, dass wir alle zusammen hier drin steckten, wie es in Highschool Musical so schön heißt. Beide nicken und Henry findet sogar noch Energie, die Augen zu verdrehen. „Hallo, da wohnen haufenweiße Bienen, du Idiot.“ Trotz der Spannung, die in der Luft liegt, müssen wir alle drei kichern.

Endlich stehen wir vor einem Garten, der durch einen schmiedeisernen Zaun von der Straße abgegrenzt ist. Kein Mensch ist in Sicht. Auch keine Klingel. Ob wir einfach durch das Tor gehen sollen? Obwohl ich weiß, dass Bienen nicht so funktionieren wie Wachhunde, scheue ich mich etwas. Selbst Len, der ja schon öfter hier war, legt nicht mal Hand an das Tor. Auf meinen ratlosen Blick hin sagt er beruhigend: „Man muss nichts machen, es gibt keine Klingel oder so. Herr Benjamin merkt einfach, dass jemand da ist.“ Und richtig – in diesem Moment geht die Haustür auf und ein älterer Mann, der einen blauen, fleckigen Overall trägt, kommt zu uns hinaus. Für einen Augenblick bin ich fast enttäuscht. Irgendwie hatte ich erwartet, dass er diese klassische weiße Imkerkluft tragen würde, die einem Astronautenanzug gleicht. Hätte mir aber eigentlich klar sein müssen, dass er in der nicht den ganzen Tag rumläuft.

Der Imker wirft uns einen genervten Blick zu, erst, als er Len erkennt, hellt sich seine Miene etwas auf. „Ah, bist du gekommen, um dich nach meinen Bienen zu erkundigen, bei all den Gerüchten, die so herumgehen? Bist nicht der erste heute, aber der erste, mit dem ich reden würde!“ Len nickt und errötet etwas. Wahrscheinlich schämt er sich, auch nur schlecht über Bienen zu denken. „Ja. Ich konnte dem Artikel nicht glauben, aber dann hörten wir von einer Freundin, dass sie fast mit dabei war, als so ein … Vorfall mit den Bienen geschah. Deshalb möchte ich nach deiner Meinung fragen. Ob das überhaupt möglich ist, dass Bienen anderen Tieren so etwas antun. Und was sie dazu bringen könnte, so zu handeln.“

Aus Herr Benjamins aufgehellter Miene war während Len sprach ein Strahlen geworden. Mit stolzer Stimme antwortet er: „Ob die das können? Tja, meine können das. Und warum sie so etwas tun sollten? Natürlich weil ich es will. Bald ist hier nichts mehr am Leben, schlicht und einfach, weil ich die Welt hasse.“

Das ist wohl die absurdeste Aussage, die wir je gehört haben, doch in dieser angespannten Atmosphäre, die immer noch vom düsteren Summen einer Vielzahl von Bienen untermalt wird, können wir uns nicht darüber amüsieren.

„Aber … warum …“, Len stottert und Henry legt den Arm um ihn. Wahrscheinlich hat unser Freund den Imker noch nie auf diese unfreundliche Weise wahrgenommen. „Wieso hasst du die Welt denn?“, fragt er nun, komplett ratlos. „Weil die meisten Menschen Bienen nicht mögen? Weil Bienen vom Aussterben bedroht sind? Aber wir können doch immer noch versuchen, sie zu schützen, und ihnen quasi zu besserer Publicity zu verhelfen.“ Herr Benjamin seufzt. „Um dich tut es mir wirklich Leid, also, dass ich dich so enttäusche. Für dich ist immer alles eine Frage des Umweltschutzes, des Engagements und des guten Willens. Du bist ein wirklich, wirklich guter Mensch. Ich allerdings bin ein wirklich, wirklich schlechter Mensch.“ – „Das glaube ich nicht!“, will Len sofort widersprechen, wirkt aber nicht wirklich überzeugt. „Doch, das bin ich. Doch dir zu schaden widerstrebt mir dann doch. Deshalb biete ich dir jetzt an, mit in mein Haus zu kommen. Wenn ich die Bienen loslasse, ist es mit dem Dorf und der Umgebung zu Ende, eine globale Reichweite habe ich leider noch nicht. Ich brauche größere Schwärme.“

Wir schweigen geschockt. Ihm nicht zu glauben, trauen wir uns allerdings nicht. Das Brummen ist angeschwollen.

„Jetzt entscheide dich! Komm‘ zu mir, und du überlebst, bleib‘ draußen und von dir bleiben nur noch die Knochen übrig. Was gibt es denn da so lange nachzudenken?“

Ich merke, wie Len sich neben mir aufrichtet. Mit sicherer Stimme entgegnet er: „Du hast Recht. Da gibt es nichts nachzudenken. Ich bleibe natürlich bei meinen Freunden.“ Ohne ein weiteres Wort dreht er sich um, schon zum zweiten Mal heute können Henry und ich nur folgen.

Nach ein paar Schritten beginnen wir, uns an den Händen zu halten, und wenden uns auch nicht um, als sich der Himmel hinter uns zu verdunkeln beginnt und aus dem Brummen ein lautes Dröhnen wird.
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