Zugprosa

OneshotAllgemein / P12
09.07.2016
07.12.2018
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Tief schnitt die Furcht in ihr Herz, während sie mit angehaltenem Atem der Unterredung der Stammesfürsten lauschte.
Nicht, dass sie ein einziges Wort der rauen Sprache verstanden hätte. Vielmehr hoffte sie, die Gesichter und der Tonfall würden ihr etwas über den Verlauf der Besprechung verraten, doch es war vergeblich. In der ganzen langen Weile, die sie nun schon hilflos herumstand, zwischen all den Wilden, hatte sich nichts an deren Ausdruck verändert. Die Mienen regten sich nicht, die Sprache hatte die immer gleiche, unangenehme Lautstärke. Selbst die Gesten der Anführer schienen sich zu wiederholen.
Immer gleich.
Immer entschlossen.
Immer mordlustig.
Es war jedoch nicht die Aussicht, in dieser kalten, nur spärlich von Fackeln erhellten Höhle den Tod zu finden, die ihre Angst einflößte. Was mit ihr geschah, war ihr egal, seit sie das Schwert ihres Mannes ohne seinen Besitzer zurückgebracht hatten, jenem Moment, da ihre Welt in sich zusammengebrochen war. Sie fürchtete, was ihrer Familie widerfuhr, sollte sie die Höhle nicht lebendig verlassen – und, was die Stämme anrichten würden, wenn sie es tat.
"Dein Ring"
Sie fuhr zusammen, unwillkürlich verdeckte ihre rechte Hand die andere. Einer der Krieger hatte sich ihr unbemerkt genähert. Er stand geduckt, den Kopf neugierig vorgereckt, und musterte sie. In seiner gekrümmten Körperhaltung überragte er sie kaum um einen Fingerbreit – ungewöhnlich für einen Stammesmann.
Trotz der eher schmalen, sehnigen Statur wirkte er Furchteinflößend. Den Schädel hatte er bis auf einen Streifen dunklen Haares in der Mitte kahl rasiert, in das struppige schwarze Federn geflochten waren, den Oberkörper nur bedeckt von einem Fell, das er um die Schultern trug. Er betrachtete sie aus tiefschwarzen Augen, dabei bewegte er den Kopf zu stark und zu ruckartig als dass er natürlich gewirkt hätte.
Unsicher, ob sie etwas erwidern sollte, starrte sie ihn zurück an, die Augen weit, die Schultern angezogen, das Herz pochend bis zum Hals. Als sie wieder zu atmen wagte, gelang es ihr immerhin, einen gefassten Ausdruck auf ihr Gesicht zu zwängen. Er grinste, beinahe wissend, und entblößte dabei eine Reihe schmutziger, spitz gefeilter Zähne.
Sein gekrümmter Finger hob sich, deutete auf ihre Hände. "was… willst du dafür?"
Der Akzent des Mannes war so stark, dass sie ihn kaum verstand. Zu allem Überfluss schnarrte seine Stimme heiser, so, als würde er sie nicht oft verwenden.
"Er ist nicht verkäuflich." Sie hatte zu fauchen versucht, doch es war eher ein hastiges Flüstern. Seine Mimik verriet nicht, ob er sie verstanden hatte.
Der Ring war alles, was ihr von ihrem Mann geblieben war. Sein Schwert hatte sie begraben wie es Sitte war, das Anwesen und den Großteil der Habe verkaufen müssen, um nicht zu verhungern. Sie würde ihn nicht leichtfertig hergeben.
Der Blick des Kriegers haftete noch immer dort, wo sich das Schmuckstück verbarg. In den schwarzen Augen stand eine wilde, unberechenbare Gier, die keiner Worte bedurfte.
"Wenn du ihn willst", sie senkte angriffslustig den Kopf ohne es wirklich ernst zu meinen, in der Hoffnung, das würde ihn verjagen, "wirst du ihn meiner kalten, toten Hand…" Während sie sprach bemerkte sie ihren Fehler. Das Grinsen des Kriegers wurde mit jeder Silbe breiter, das wahnsinnige Funkeln in seinen Augen heller.
Sie verstummte. Er sah sie direkt an.
Es dauerte keine fünf Schläge ihres rasenden Herzens, ihre Meinung zu ändern.
Mit einer raschen Geste streifte sie den Ring ab und legte ihn in die Ausgestreckte Hand des Fremden. Er gab einen zufriedenen, gurrenden Laut von sich, bevor er zurück in die Schatten kroch, aus denen er gekommen war.
Sie wandte den Blick wieder der Versammlung zu, die nun alles war, das sie noch retten konnte.
Sie hoffte inständig, dass ihr Angebot großzügig genug war, die Fürsten zu überzeugen. Sie brauchte sie, auch wenn sie kaum mehr waren als aufrechtgehende wilde Tiere.
Kämpfende wilde Tiere.
Besser die als keiner.
Besser die als tot.
 
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