Fundsachen

von Komet68
GeschichteRomanze / P12 Slash
08.07.2016
31.12.2018
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2.Kapitel – 8.Juli 2016

Freitag, 8.Juli 2016


Ehe ich meine Erzählstunde, welche sich voraussichtlich auf mehrere Stunden erstrecken wird, starte, verschwinde ich noch mal kurz im Bad. Einen kurzen Moment bin ich versucht, doch einen Rückzieher zu machen, weil … na ja, vielleicht wird es ja doch emotionaler, als ich ich mir das jetzt in diesem Augenblick vorstelle. Eine einmal ins Rollen gekommene Lawine kann man nicht so leicht aufhalten. Mit den Jahren kommen die Tränen eben immer schneller. Ich horche vorsichtig in mich hinein und da ist auf Anhieb nur ein gutes Gefühl, wenn ich an Hendrik denke.

„Also, auf in den Kampf! So schlimm wird’s schon nicht werden“, mache ich mir selbst leise murmelnd Mut, als ich das Wohnzimmer betrete.

Meike hat den Tisch bereits gedeckt. Neben unseren Tellern mit dem vermutlich inzwischen lauwarmen Essen steht je ein Glas, gefüllt mit Rotwein. Diverse angezündete Kerzen und im Hintergrund laufende leise Musik sorgen für eine gemütliche Atmosphäre.

„Komm, lass uns schnell essen“, schlägt Meike vor. „Obwohl … also ich hab gar nicht mehr sooo großen Hunger.“

„Aber ich. Ich weiß, du platzt bald vor Neugier, aber wenn ich jetzt ohne ordentliche Grundlage Alkohol in mich hinein schütte, kommen wir heute nicht weit.“

„Na gut. Aber iss zügig. Mann, ist das aufregend! Ich finde solche Geschichten über die erste Jugendliebe immer total spannend“, beginnt meine bester Freundin mit glänzenden Augen zu schwärmen.

Ich könnte den Spieß jetzt umdrehen und sie nach ihren Erfahrungen befragen, wobei das wenig Sinn machen würde, da ich ihre Geschichte in Sachen erste große Liebe schon in und auswendig kenne. Immerhin ist sie noch immer mit ihrem Liebsten zusammen. Um sie nicht länger als nötig auf die Folter zu spannen, schiebe ich mir zügig Bissen für Bissen meiner nicht mehr ganz warmen Nudelpfanne in den Mund. Dabei überlege ich, wie ich meinen Bericht am besten starte. Immerhin liegt das alles 31 Jahre zurück und so habe ich nicht jedes Detail sofort auf dem Schirm. Kaum habe ich aufgegessen, zieht Meike mir meinen Teller weg und schaut mich erwartungsvoll an.

„Und wenn ich jetzt noch Nachschlag haben möchte“, merke ich grinsend an.

„Du bist satt“, legt sie mit resoluter Stimme fest.

„Na gut, wenn du meinst.“

„Nun fang schon an! Wo hast du Hendrik kennen gelernt? Wie sahst du damals aus? Hach Juli, mit siebzehn warst du bestimmt ein total süßer Junge. Hast du zufällig ein Foto von dir aus der Zeit? Oder sogar ein Bild von euch beiden?“, überschüttet mich Meike mit Fragen.

„Hab ich bestimmt, aber die Fotoalben sind schon in einer der Kisten, die buddel ich jetzt nicht wieder aus.“

„Ist auch nicht so wichtig. Hauptsache du erzählst endlich!“

Meike lümmelt mit ihrem inzwischen schon fast leeren Weinglas in der Ecke meines ausgesprochen bequemen Sofas und schaut mich erwartungsvoll an.

„Alsooo …“, beginne ich gleich mit einer Kunstpause.

Ich glaube, wenn ich das Ganze noch etwas in die Länge ziehe, platzt Meike. Oder sie geht mir an die Gurgel. Betont langsam mache ich es mir ihr gegenüber auf der anderen Seite meiner Wohnlandschaft gemütlich. Dann beginne ich wirklich zu berichten.

„Es war am Ende der Zehnten, in den Sommerferien 1985. Ein paar Leute aus meiner Klasse hatten beschlossen, dass wir unsere ganz private Abschlussfahrt veranstalten, ohne Lehrer oder andere Aufpasser. Mit vereinten Kräften hatten wir es geschafft, unsere Eltern davon zu überzeugen, dass das eine gute Idee ist und dass wir mit unseren sechzehn Jahren alt genug sind für so eine Reise. Zweien von uns war es sogar gelungen, die Väter zu überreden, uns die Zelte und das schwere Gepäck zum Zeltplatz zu fahren. Na ja, der Papa von Anke, die übrigens meine beste Freundin war damals, war da schon immer sehr locker und im Gegensatz zu vielen anderen Eltern mussten wir ihn nicht lange bequatschen. Wir waren insgesamt zehn Leute, Hälfte Mädchen, Hälfte Jungs. Ich war mit Anke, Bernd und Freddy in einem Zelt. Wir hatten so ein großes Hauszelt aber ohne die Innenkabinen. Die Luftmatratzen haben wir einfach nebeneinander gelegt, war alles ganz unkompliziert. Zumindest die ersten Tage, als die beiden Jungs noch nicht wussten, dass ich schwul bin …“

„Ach so? Wer wusste denn über dich Bescheid?“, unterbricht mich Meike.

„Na ja, eigentlich nur Anke. Und eben meine Familie. Aber ich wollte ja nichts von den beiden, also war ich der Meinung, dass sie das nicht wissen müssen. Sie hatten ja auch kein Problem damit, dass Anke bei uns pennt. Immerhin hätte es ja auch sein können, dass Anke über sie herfällt“, antworte ich amüsiert. „Oder einer der Jungs über sie.“

„Stimmt auch wieder.“

„Siehst du. Nur weil ich auf Männer stehe, heißt das ja nicht, dass ich jeden nehme. Außerdem war ich zu der Zeit eh noch viel zu schüchtern, um überhaupt irgendeinen Typen anzubaggern. Ich war immer froh, wenn ich still im Hintergrund bleiben konnte und mich keiner bemerkt hat. Also, wir hatten zu viert ein Zelt. Die anderen sechs Leute haben verteilt auf zwei weitere Zelte genächtigt, ich glaub, wir hatten noch ein großes Familien- und ein kleineres Zelt, aber so genau weiß ich das nicht mehr. Dadurch dass Ankes und Bernds Vater die Zelte zum Campingplatz gebracht haben, konnten wir alle zusammen mit dem Fahrrad anreisen. Bis auf Bernd, der ist mit seinem Vater zusammen hingefahren. Erst ging's mit dem Zug nach Neustrelitz und dann knapp zwanzig Kilometer mit dem Drahtesel zu dem Zeltplatz. Nur die Anreise war schon sehr witzig.“

Allein bei dem Gedanken an unser radelndes Trüppchen muss ich lachen.

„Wieso? Du kannst doch nicht einfach in dich reingrinsen“, beschwert sich Meike prompt.

„Bei einer von den Mädels war mitten beim Fahren eine Schraube rausgefallen. Also eine Schraube von der Pedale, nicht von dem Mädel. Und dann fiel die Pedale in eine Pfütze. Weißt du, weit und breit gab es keine Pfützen, aber ausgerechnet an der Stelle, wo die Schraube rausfällt, war eine. Wir hockten dann alle rund um die Pfütze herum und haben den Boden abgetastet, um die Schraube wiederzufinden. Wenn uns einer beobachtet hat, wie wir da in dem Dreckwasser rumgrabbeln … Freddy war dann der Held, der das blöde Ding ertastet und damit unsere Weiterfahrt gesichert hat. Als wir ankamen, waren Bernd und die beiden Väter schon da. Der Zeltplatzwart hat uns ziemlich an den Rand vom Platz in einem Waldstück untergebracht, wohl in der Hoffnung, dass wir weit genug weg sind von den Familien. Allerdings war's am Ende doch noch zu dicht bei allen Ruhesuchenden, aber dazu komme ich später.“

Ich nehme einen großen Schluck Wein aus meinem inzwischen wieder aufgefüllten Glas, dann fahre ich fort.

„Beim Zeltaufbau haben uns technisch total begabten Stadtkindern dann zum Glück Ankes und Bernds Vater geholfen. Sonst hätten wir wohl die erste Nacht unter freiem Himmel verbringen müssen, was gegebenenfalls sehr romantisch sein kann, wenn man es denn zu zweit und nicht zu zehnt tut. Aber dank der Hilfe der beiden Papas blieb uns das erspart. Den ersten Abend war unsere kleine Gruppe noch allein, aber dann kamen jeden Tag neue Trüppchen mit jungen Leuten dazu. Nach drei oder vier Tagen waren wir bestimmt schon so dreißig oder noch mehr Leute. Die kamen aus Leipzig und aus Berlin und aus keine Ahnung wo. Wir waren die jüngsten, was allerdings niemanden gestört hat. Wir gehörten trotzdem von Anfang an dazu. Die haben uns ernst genommen und nicht irgendwie belächelt. Das war schon 'ne irre Stimmung. An den ersten beiden Tagen hat noch jedes Grüppchen für sich allein Essen gemacht, später dann saßen wir immer alle zusammen und jeder hat mitgebracht, was er so vorrätig hatte. Freddy und Bernd waren zum Beispiel einen Abend unterwegs und kamen mit einem kleinen Sack frisch geernteter Kartoffeln zurück. Irgendwer hatte Quark und Leberwurst mitgebracht, also gab's an dem Tag Pellkartoffeln zum Abendessen. Am nächsten Abend schleppten unsere beiden Jungbauern unreife Maiskolben an, die wurden dann über'm Lagerfeuer gegrillt. Das war dann auch der erste Abend, an dem wir alle zusammen am Lagerfeuer saßen. Bei Musik und Bier. Also ich hab fast nichts getrunken, weil ich doch nichts vertrage“, bringe ich hastig hervor, als ob das heute noch wichtig wäre.

„Na, in dem Punkt hat sich dann ja nicht viel geändert“, kommentiert Meike breit grinsend. „So wirklich trinkfest bist du ja noch immer nicht.“

„Muss ich ja auch nicht. Ich konnte es noch nie nachvollziehen, dass Leute stolz darauf sind, dass sie riesige Mengen Alkohol in sich reinkippen können“, kontere ich und verdrehe demonstrativ die Augen. „Eine wirklich tolle Leistung ist das ja wohl nicht.“

„Hast ja Recht“, pflichtet mir Meike schnell bei. „War einer von den anderen Jungs dann dein Hendrik?“

„Jein … Hendrik beziehungsweise seine Freunde reisten erst am vierten Tag an. Das waren drei Jungs oder besser gesagt ausgewachsene Männer, denn die waren ja schon zwanzig und nicht solche mehr oder weniger unreifen Knaben wie wir. Die Namen von den anderen dreien weiß ich nicht mehr – obwohl, der eine hieß Axel, glaube ich – aber schnuckelig waren die schon. Zumindest waren alle weiblichen Wesen sofort im Flirtmodus. Mir war schnell klar, dass keiner von denen an mir interessiert war. Was auch gut so war. Wie gesagt, ich war mit meinen knapp siebzehn Lenzen sehr zurückhaltend und froh, wenn ich nicht im Mittelpunkt stand. Auch wenn Anke meinte, sie müsse mit mir durchhecheln, welcher von den drei Typen nun am knackigsten sei. Okay, ich gebe zu, hässlich waren die nicht und ich hätte vermutlich auch keinen von denen von der Luftmatratzenkante geschubst, aber darüber brauchte ich ja eh nicht nachzudenken, weil die garantiert auf Wesen mit mehr oder weniger üppigem Vorbau und nicht auf Hinterteile standen. Auf jeden Fall war der Abend dann total amüsant. Die drei waren Offiziersschüler. Ein paar von den anderen Campern, die zu unserer großen Runde gehörten, waren Punks aus Berlin. Die Wortgefechte, die sich die abends am Lagerfeuer geliefert haben … Oh Mann, das war genial. Obwohl die Meinungen teilweise weit auseinander gingen, haben die sich nicht ernsthaft in die Wolle gekriegt. Also ich meine, die wollten sich nicht prügeln oder so. Es wurde nur diskutiert. Witzigerweise hatten die sich immer lieber, je mehr Bier sie intus hatten. Anke und ich saßen die ganze Zeit da und zeitweise konnten wir nicht mehr vor Lachen. So rückblickend war's einfach toll, wie problemlos auch Neue integriert wurden und auf Anhieb dazu gehörten. War schon irre …“

Selig grinsend nippe ich an meinem Weinglas. Mich erstaunt, wie viel mir jetzt beim Erzählen wieder einfällt. Ich sehe sogar relativ klare Bilder vor mir. Bilder von dieser bunt gemixten Truppe junger Leute, die jede Menge Spaß hatten und zusammengehalten haben, obwohl sie sich erst kurz kannten. So eine Atmosphäre hab ich danach nie wieder erlebt.

„Hhmm, wann kam denn nun dein Hendrik an?“, holt mich Meike wieder aus meinen Gedanken.

„Also erst mal möchte ich feststellen, dass es nicht mein Hendrik war, zumindest nicht am ersten Tag. Da war's nur der vierte im Bunde der Lebenslänglichen. Die Offiziersschüler hatten sich ja für 25 Jahre zum Dienst in der NVA verpflichtet und bekamen deshalb 'Lebenslänglich', weil diese Strafe ja auch 25 Jahre dauert“, erkläre ich etwas umständlich. „Deshalb war das Lied '25 Years' von 'The Catch' auch die Hymne der Offiziere. Oh Mann, das war schon eine geile Mucke …“

„Julius, du kommst vom Thema ab. Wenn du weiter so rumeierst, sitzen wir morgen früh noch hier und du hast Hendrik immer noch nicht getroffen.“

„Gemach, gemach … Gut Ding will Weile haben. Stichwort 'morgen früh'. Du weißt, dass die anderen morgen um 9 Uhr hier sein wollen? Vielleicht sollten wir dann wenigstens ein bisschen geschlafen haben?“, wende ich vorsichtig nach einem Blick auf die Uhr ein.

„Papperlapapp! Wer braucht schon Schlaf?!“, schmettert Meike rigoros meinen Hinweis ab. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich mich jetzt auf morgen vertrösten lasse? Jetzt, da es hoffentlich endlich spannend wird … Oder gibt es da doch etwas, worüber du nicht sprechen möchtest? Also ich würde das respektieren, schweren Herzens zwar, aber ich will ja auch nicht, dass da irgendwie böse Erinnerungen hochkommen.“

„Na gut, aber nur noch ein Stündchen. Bis Mitternacht. Du kannst auch hier pennen“, biete ich an.

Wenn ich ehrlich bin, mag ich gerade gar nicht aufhören zu erzählen.

„Na davon bin ich ausgegangen, dass ich jetzt nicht mehr heimfahren muss“, reagiert Meike mit einem Kopfschütteln. „So hatten wir das doch abgesprochen! Sag mal, wo bist du mit deinen Gedanken? Offensichtlich hat dich Hendrik mehr durcheinander gebracht, als du zugeben möchtest.“

„Ja … nein … ach ich hab einfach ewig nicht mehr an ihn gedacht … Am 9.Juli 1985 irgendwann …“

„Am 9.Juli? Dann hättet ihr ja morgen Jahrestag gehabt, wenn ihr noch ein Paar wärt“, stellt Meike aufgeregt fest.

„Jetzt, da du es sagst, fällt mir auch auf, dass heute der 8. und damit morgen der 9.Juli ist“, fahre ich fort. „Also am 9.Juli 1985 irgendwann am frühen Abend – wir waren gerade beim Kochen beziehungsweise bei den Vorbereitungen fürs Grillen – stand er dann plötzlich vor mir. Das heißt er stand so schräg hinter Anke, neben einem seiner Kumpels von der Armee. Axel, genau Hendriks Kumpel hieß Axel, stellte ihn uns vor. Ich hab nur kurz hingeguckt und mein erster Gedanke war …“

„Was für ein Mann!“, platzt Meike mir dazwischen.

„Quatsch! Okay, ich fand schon, dass er gut aussieht, aber eigentlich war mein erster Gedanke: 'Da haben die Mädels noch ein Opfer, das sie anhimmeln können!' Was dann auch binnen kürzester Zeit passierte. Dass er allerdings alle Avancen der holden Weiblichkeit charmant abblockte, ist mir gar nicht aufgefallen. Ich hab überhaupt nicht damit gerechnet, dass sich einer für mich interessiert … Als sich Hendrik abends dann beim gemütlichen Beisammensein am Lagerfeuer neben mich setzte und mich ansprach, war ich völlig perplex und hab irgendwas Sinnloses daher gebrabbelt. Oh mein Gott war ich aufgeregt! Dass er auch schwul ist und gerade mit mir flirtet, habe ich nicht mal ansatzweise mitgeschnitten! Zu meinem Glück hat's auch keiner der anderen gemerkt. Außer Anke. Die hat gleich geschnallt, was da abläuft. Heimlich, still und leise hat sie sich verkrümelt und mich mit diesem Bild von einem Mann allein gelassen. Einfach so! Ich war im ersten Moment so sauer auf sie. Wie konnte sie mich einfach so meinem Schicksal überlassen? Ich wusste doch gar nicht, was ich sagen sollte. Bestimmt hab ich nur Schwachsinn von mir gegeben“, resümiere ich rückblickend auf unser erstes Aufeinandertreffen.
Binnen Sekunden befinde ich mich an jenem 9.Juli in Jahr 1985 … irgendwann kurz vor 24 Uhr … an dem Lagerfeuer … auf dem Zeltplatz in Blankenförde … neben mir sitzt Hendrik … die meisten anderen sind bereits in ihre Zelte verschwunden … Dass Meike etwas sagt, bekomme ich nur noch am Rande mit. Für mich gibt es gerade nur noch diesen einen Mann. Es war Liebe auf den ersten Blick …

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Berluc – Dass in hundert Jahren
https://www.youtube.com/watch?v=caxjUVLQLeE

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Klappe, die 2. :-) Erstmal Danke fürs anklicken, favorisieren und reviewen! Heute ist einer der Tage, an denen es zwei Kapitel gibt. Reviews beantworte ich dann immer an kapitelfreien Tagen.
LG Komet :-)
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