Fundsachen

von Komet68
GeschichteRomanze / P12 Slash
08.07.2016
31.12.2018
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Moin Moin ihr Lieben,
heute starte ich mit einer ganz besonderen Geschichte, bei der ich nicht garantieren kann, dass ich sie auch beende. Es wird eine Experiment, das sich über die nächsten zwei Jahre erstreckt. Die Kapitel werden sehr unterschiedlich lang sein, sie erscheinen in unregelmäßigen Abständen (manchmal auch mehr als eines pro Tag). Es wird am Ende eines jeden Kapitels einen Musiktipp  geben, der inhaltlich nichts mit dem Kapitel zu tun hat und zufällig ausgewählt wurde, einziger Bezug ist, dass alle Titel aus den Jahren 1985 bis 1987 stammen.
Für mich ist das Schreiben sehr spannend, ob das Lesen auch für euch interessant ist, kann ich nur schwer beurteilen. Ich wünsche auf jeden Fall viel Spaß!
LG Komet :-)



* * *

1.Kapitel – 8.Juli 2016

Freitag, 8.Juli 2016


„Raus aus den Federn!“

„Och nö...“

Brummend drehe ich mich nochmal um und ziehe mir die Decke über die Ohren. Warum noch mal habe ich Meike den Schlüssel für meine Wohnung gegeben?

„Los aufsteh'n! Du hast heute noch was vor!“

Meine eigentlich beste Freundin kennt kein Erbarmen und reißt mit einem Ruck die Bettdecke von mir herunter, so dass ich so, wie Gott mich schuf, vor ihr liege.

„Mann Julius, zieh dir das nächste Mal was an!“, beschwert sie sich kopfschüttelnd beim Anblick meiner Morgenlatte.

„Hey, ich weiß gar nicht, was du hast. Du weißt, dass ich nackt schlafe. Immerhin bist du hier einfach so eingedrungen und hast das Risiko auf dich genommen“, kontere ich und erhebe mich betont langsam, ehe ich in Richtung Bad verschwinde.

Ist doch wahr! Ich bin zwar froh, dass sie sich sofort bereit erklärt hat, mir beim Kisten packen für meinen morgen stattfindenden Umzug zu helfen und dafür sogar Urlaub genommen hat, aber muss sie dann in aller Herrgottsfrühe noch vor dem Aufstehen hier auftauchen und mich aus dem Bett schmeißen? Sie weiß genau, dass ich maulig bin, wenn man mir meinen Schlaf raubt. Vor mich hin grummelnd springe ich unter die Dusche. Als ich das Bad wieder verlasse, strömt mir der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee in die Nase.

„Wieder versöhnt?“

Mit ihrem 'Du-kannst-mir-eh-nicht-lange-böse-sein'-Lächeln hält sie mir eine große Tasse mit dem munter machenden schwarzen Gesöff unter die Nase. Anstelle einer Antwort drücke ich ihr einen dicken Schmatzer auf die Wange, greife dann nach dem Kaffeepott und lasse mich auf einen der zwei Küchenstühle sinken.

„Ich hab Brötchen vom Bäcker mitgebracht. Ich dachte, eine Stärkung tut uns gut, ehe wir uns durch deinen ganzen Kram kämpfen. Wie lange wohnst du eigentlich schon hier?“

„Ähm … lass mich überlegen … ich glaub, seit über zwanzig Jahren. Im Herbst 1995 sind wir hier eingezogen … Oh Mann, die Brötchen von deinem Bäcker sind echt die besten!“

Im Haus, wo Meike wohnt, gibt es eine Bäckerei – das ist so eine alter traditioneller Laden, der schon seit Generationen von der gleichen Familie betrieben wird – und die backen absolut das beste Brot und die besten Brötchen in der Stadt.

„Wir?“

„Hä? Wer 'wir'?“

Ich schaue verdutzt auf.

„Na du hast gerade gesagt: '1995 sind wir eingezogen'. Ich dachte bisher, dass du hier schon immer allein lebst, wenn man mal von deinen kommenden und gehenden mitbewohnenden Affären absieht.“

Ich verdrehe kurz die Augen. So deutlich muss sie mir das doch nun auch nicht aufs Brot schmieren, dass ich seit Jahren keine längere Beziehung mehr hatte, mit der ich gern zusammengezogen wäre. Das hat sich halt nicht ergeben und irgendwann habe ich mich an mein Singleleben gewöhnt. Ab einem gewissen Zeitpunkt wollte ich auch gar nicht mehr zwingend mit jemandem die Wohnung teilen. So bin ich niemandem Rechenschaft schuldig, kann kommen und gehen, wann ich will, kann meine Macken voll ausleben, ohne dass sich einer beschwert.

„Mein damaliger Freund und ich. Wir haben uns aber ein halbes Jahr später getrennt“, antworte ich kurz, wobei mir klar ist, dass sich Meike damit nicht zufrieden geben wird.

„Ach so? Du hattest mal einen Freund? Also einen, mit dem du länger zusammen warst? Also, ich meine das jetzt nicht … Bitte nicht falsch verstehen! Ich dachte, du wärst schon immer eingefleischter Single“, eiert Meike etwas herum.

Einen Moment überlege ich, ob ich auf beleidigt mache und sie noch ein bisschen zappeln lasse – ich finde es meist ganz amüsant, wenn sie meint, was Falsches gesagt zu haben und sich dann windet, um den angeblich angerichteten Schaden wieder gutzumachen – entscheide mich dann aber doch für die sachliche Erklärung. Immerhin war Hendrik vor ihrer Zeit Teil meines Lebens, und da ich nie von ihm gesprochen habe, kann sie ja auch nichts von seiner Existenz wissen.

„Hendrik und ich waren elf Jahre ein Paar. Wir haben uns 1985 kennengelernt und 1996 getrennt. Wir hatten uns auseinander gelebt. Und dann hat er sich neu verliebt. Das war zwar schade, aber so ist das Leben. Ich bin drüber weg.“

Ich gebe zu, dass ich schon lange nicht mehr an Hendrik gedacht habe. So fühlt es sich doch etwas komisch an, über ihn zu sprechen. Offensichtlich merkt Meike mir das Unwohlsein oder besser gesagt die Unsicherheit an, denn sie hakt nicht weiter nach und lässt das Thema ruhen. Wortlos erhebt sie sich vom Frühstückstisch und räumt das schmutzige Geschirr in das Spülbecken. Einen Geschirrspüler besitze ich nämlich nicht, da sich meiner Meinung nach die Anschaffung eines solchen Gerätes für einen maximal zwei Mann großen Haushalt nicht lohnt.

„Ich wasch schnell ab“, verkündet Meike. „Es wäre lieb, wenn du in der Zwischenzeit die Umzugskartons aus dem Keller holst.“

„Ist alles schon passiert“, verkünde ich stolz. „Die liegen bereits im Wohnzimmer. Aber ich fang schon mal an, die Kartons zu entfalten. In welchem Raum willst du nachher anfangen?“

„Gleich hier in der Küche?“

„Gute Idee! Aber sei vorsichtig mit dem Goldrand-Porzellan! Das mag zwar nicht das Schönste sein, aber daran hänge ich. Das sind Erbstücke meiner Oma.“

„Klar Chef! Ich passe drauf auf, als wäre es meine Biergläsersammlung.“

Ja, Meike ist da etwas … anders als die anderen. Sie sammelt Biergläser. Ihr Opa hat das schon gemacht und der hat sie als kleines Mädchen dazu angestiftet. Witzigerweise trinkt sie gar kein Bier. Aber dieses Hobby ist sehr praktisch. Bei ihr weiß ich immer, was ich ihr aus dem Urlaub als Souvenir mitbringen kann.

„Oh, na dann kann ja nichts schiefgehen“, kommentiere ich lachend und verschwinde schnell aus ihrer Wurfreichweite.

Sie hat die Hand mit dem Lappen schon verdächtig erhoben, als ob sie damit nach mir schmeißen möchte. Obwohl ich mir da nicht wirklich Sorgen machen müsste, denn die Wahrscheinlichkeit, dass sie mich trifft, wäre ausgesprochen gering. Aber man weiß ja nie. Vielleicht visiert sie den Kühlschrank, der zwei Meter neben mir steht, an und der Lappen landet dann doch in meinem Gesicht.

Im Wohnzimmer beginne ich damit, die Kartons entsprechend der aufgedruckten Anleitung zu falten. Anfangs stelle ich mich etwas umständlich an, aber bei der dritten Pappkiste habe ich den Dreh raus und es läuft wie's Brezel backen. Anschließend verteile ich je vier Kartons auf jeden Raum. Ich selbst stürze mich im Schlafzimmer auf den Inhalt meiner Schränke und verstaue alles nach einer mehr oder weniger eingehenden Besichtigung entweder im Umzugskarton oder im Müllsack. Meike war der Meinung, dass ich den Wohnungswechsel gleich für's Ausmisten nutzen soll. Am besten wäre, wenn ich das Prozedere dann beim Auspacken in meiner neuen Bleibe wiederhole. Ich gebe zu, dass ich ein kleiner Sammler bin und mich nicht so leicht von Dingen trennen kann. So ein wenig habe ich auch Magengrummeln bei dem Gedanken daran, dass Meike in meiner Küche nach der gleichen Methode verfährt. Aber sie hat mir versprochen, dass sie mich im Zweifelsfall fragt, ob sie etwas entsorgen darf. Ich kenne Meike seit … fünfzehn Jahren und kann ihr vertrauen. Sie weiß, was mir wichtig ist und was nicht. Hoffe ich zumindest.

Wir räumen den ganzen Tag Kram von A nach B und wieder zurück. Erst als gegen 16 Uhr die Kartons zur Neige gehen, fällt mir auf, dass mir der Magen knurrt, weil wir vor lauter Packerei die Nahrungszufuhr total vergessen haben. Ich biete an, schnell etwas vom Vietnamesen von gegenüber zu besorgen. Als ich mit den Tüten voll mit leckerem Essen befüllten Kunststoffschalen zurückkomme, hält mir Meike eine sehr alt aussehende Mappe unter die Nase.

„Was ist das?“, erkundige ich mich bei ihr.

„Das wollte ich dich gerade fragen. Sieht irgendwie sehr privat aus, deshalb hab ich mich nicht getraut rein zusehen.“

Ich schaue nur flüchtig auf den verstaubten Hefter. Wenn ich ehrlich bin, kann ich mich nicht entsinnen, das Teil jemals gesehen zu haben.

„Guck ruhig nach, was da drin ist. Ich decke derweil den Tisch“, schlage ich vor.

„Bist du sicher?“, vergewissert sich Meike noch einmal.

„Was soll da schon Besonderes drin sein? Vor dir hab ich keine Geheimnisse. Du bist, mal abgesehen von irgendwelchen Typen, die Einzige, die mich mit Morgenlatte gesehen hat. Also was soll da noch kommen?“

„Mann Julius, sei doch mal ernst!“

„Nö, warum?“

„Weil... ach egal. Aber wenn das jetzt irgendwelche geheimen Dokumente oder etwas total Persönliches ist, darfst du nicht sauer sein.“

„Nein, bin ich nicht. Versprochen! Aber nun guck schon nach, langsam werde ich auch neugierig, was du da in den Untiefen meiner Schränke ausgebuddelt hast. Wo lag die Mappe denn?“

Ich betrachte das Fundstück noch einmal genauer, kann mich aber noch immer nicht erinnern, ob und wo die Mappe herkommt. Könnte von Andreas oder Tim sein.

„Das lag in einer Plastiktüte in dem Schrank im Arbeitszimmer, ganz unten, hinten in der Ecke. Unter einem Stapel Decken und zwei historisch anmutenden Schlafsäcken. Weißt du, die sahen aus wie solche DDR-Teile aus Dedoron oder wie dieser Stoff damals hieß.“

Mir schwant, was Meike da entdeckt haben könnte. Zumindest fällt mir ein, dass die Schlafsäcke noch Überbleibsel aus der Zeit sind, als Hendrik noch hier wohnte. Aber dass darunter noch ein Beutel mit eine mysteriösen Mappe liegt, ist mir neu. Ich habe diesen Schrank schon lange nicht mehr aufgeräumt, weil da einiges drin liegt, was ich nur sehr selten brauche. Wie zum Beispiel die Schlafsäcke. Wir waren früher ab und zu zelten und hatten uns im Laufe der Jahre eine kleine Campingausstattung zugelegt. Einen Teil davon, zum Beispiel das marode Zelt und die vorsintflutlichen Kochutensilien habe ich inzwischen entsorgt, aber die Schlafsäcke waren noch in Ordnung, zumindest bei meiner letzten Inspektion vor einigen Jahren.

Vorsichtig, fast ehrfürchtig schlägt Meike den ungewöhnlich dicken Hefter auf, überfliegt den Inhalt und schlägt ihn dann hastig wieder zu.

„Juli, das ist … also das sind Briefe … ich glaub, Liebesbriefe. Die gehen mich nichts an!“

„Hä? Wer legt eine Mappe mit Liebesbriefen in meinen Schrank? Zeig mal her!“

Ich schiebe meinen Teller beiseite. Ebenso behutsam wie Meike gerade schlage ich den Deckel des Hefters zurück und starre auf das Blatt Papier, dass obenauf liegt. Oben rechts in der Ecke steht das Datum '4.Juli 1985'. Dann lese ich 'Lieber Hendrik …'

„Oh mein Gott, das … also das ist meine Schrift … das muss einer von meinen Briefen an Hendrik gewesen sein … ich wusste nicht, dass er … also dass er auch … ich dachte immer, dass nur ich die Sachen aufgehoben habe … Warum hat er die damals nicht mitgenommen?“

Verwirrt klappe ich die Mappe wieder zu. Hätte ich nicht schon Platz genommen, müsste ich mir jetzt ganz schnell eine stabile Sitzgelegenheit suchen, denn meine Knie verwandeln sich abrupt in Pudding. Damit, dass wir beim Kisten packen einen derartigen Fund machen, habe ich einfach nicht gerechnet.

„Heißt das, dass du auch so eine Sammlung von Briefen hast?“, zieht Meike reaktionsschnell den einzig logischen Schluss aus meinem Gestammel.

„Im Schlafzimmer. Kleiderschrank, rechts unten. Unter der Bettwäsche. Es ist ein grauer Karton.“

Nach einem kurzen Blick, ob ich einverstanden bin, springt Meike auf und flitzt in mein Schlafzimmer und kehrt mit der beschriebenen Pappkiste zurück.

„Mach ruhig auf“, fordere ich sie auf, als sie mir die Schachtel geben will.

„Mensch, ist das aufregend“, murmelt sie nervös und beginnt zu lesen, nachdem sie den Karton geöffnet hat: „20.Juli 1985 … Mein lieber Julius … da lag ja über zwei Wochen zwischen deinem und seinem ersten Brief.“

„Erinnere mich bloß nicht daran! Hendrik und ich sind uns im Urlaub das erste Mal begegnet. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich war sechzehn, fast siebzehn, leicht pummelig, die letzten Pubertätspickel hatte ich gerade erfolgreich bekämpft, schwul aber total schüchtern und nur im allerengsten Freundeskreis sowie bei meinen Eltern und meiner Schwester geoutet, in Liebesdingen völlig unerfahren, und dann steht er vor mir, der Traum von einem Mann, zwanzig Jahre alt, mittelblond, grünäugig, braungebrannt, sportliche Figur und sieht ausgerechnet mich an. Ich war sooo verknallt! Und dann antwortet mir der Grund für meine schlaflosen Nächte eine gefühlte Ewigkeit nicht! Ich bin bald durchgedreht, weil ich dachte, er will doch nichts von mir wissen … Das war der blanke Horror. Psychostress pur! Und das Schlimmste war, dass ich niemandem von Hendrik erzählen und meinen Kummer mitteilen konnte. Meine Mutter wusste zwar, dass ich schwul bin, aber wenn ich ihr gebeichtet hätte, wie und wo ich Hendrik kennen gelernt habe … Unvorstellbar. Sie wäre vor Sorge durchgedreht. In ihrer Fantasie hätten sich dramatische Szenarien abgespielt, was dieser fremde Mann alles mit ihrem kleinen Liebling hätte anstellen können. Ich gebe zu, aus Sicht eines Erwachsenen war ich da auch verdammt gutgläubig … Was da alles passieren konnte …“

Unweigerlich drifte ich in meine Erinnerungen ab.

„Was hätte da denn passieren können? Los erzähl! Wir haben eh keine Kartons mehr zum Verpacken. Und die Schränke wollten sowieso morgen Mirko und Steffen auseinander schrauben. Wir hätten jetzt also Zeit.“

„Aber …“, hebe ich an, stelle dann aber fest, dass mir auf Anhieb kein überzeugendes Gegenargument einfällt. „Okay, ich hol uns 'ne Flasche Wein und Gläser. Hier oder Wohnzimmer?“

Meike wiegt kurz den Kopf hin und her. Dann schnappt sie sich unsere beiden Teller und das Besteck.

„Brauchen wir die Briefe?“

„Nö, die will ich … so genau weiß ich noch nicht, was ich damit anstelle. Auf jeden Fall möchte ich die erst mal selbst lesen, ehe ich dir davon erzähle.“

„Klar, versteh ich. Also ich will dich jetzt nicht überfahren. Wenn dir das unangenehm ist, über Hendrik zu sprechen, dann …“, bietet Meike mir eine letzte Möglichkeit für einen Rückzug.

Allerdings sehe ich ihr an, dass sie bald vor Neugier platzt. Warum sollte ich ihr nicht von meiner ersten großen Liebe berichten? Die Trennung liegt etwa zwanzig Jahre zurück. Ich habe auch lange nicht mehr an ihn gedacht. Außerdem hat mittlerweile die Zeit alle Wunden geheilt. Für mich gibt es nur noch schöne Erinnerungen an eine aufregende Zeit.

„Kein Problem, ich erzähl dir gern von Hendrik. Nur die Briefe … das ist über dreißig Jahre her, dass ich die geschrieben habe. Ich war damals knapp siebzehn und … Keine Ahnung, was da drin steht. Die will ich doch lieber erst mal alleine lesen, ehe ich aus dem Nähkästchen plaudere …“

* * *

A-ha - Take On Me
https://www.youtube.com/watch?v=djV11Xbc914
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