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Aus der Seele eines Dichters

von Bartifer
KurzgeschichteFreundschaft / P12
06.07.2016
06.07.2016
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Mit einem letzten Federstrich beendete ich meine Verse. Noch einmal überglitten meine Augen im schwachen Schein der Kerze die Zeilen. Zufrieden strich ich mir eine Strähne hinter das Ohr und seufzte. Meine Inspiration entsprang mir wie ein Quell einem Berg und schon seit Tagen schrieb ich abwechselnd an diversen Gedichten und einem Drama, welches ich gedachte zuerst meinem guten Freund Körner zukommen zu lassen, bevor ich mich an das Theater wenden würde. Die Wachskerze war beinahe ganz herunter gebrannt. Ich nahm das vergilbte Papier in die Hand und hauchte noch ein letztes Mal über die feuchte Tinte. Das fertige Gedicht legte ich auf eine weitere Seite geschriebener Verse, meinen Brief an Körner. 
Vorsichtig klopfte ich die Blätter gerade und faltete sie zurecht, sodass ich ihnen in Briefform roten Wachs auf die Kante tropfen lassen konnte. Ich hoffte sehr, mein guter Freund würde sich freuen, nach längerer Zeit erneut etwas von mir zu hören. Eine Veränderung war in mir vorgegangen seit wir das letzte Mal Kontakt hatten.  War ich einst ein Tor gewesen, der sich auf Schicksal und das Talent allein verließ, so war ich, zugegebenermaßen immer noch ein Tor, aber mehr bedacht darauf, mit den Menschen die ich liebte zusammen zu sein. Mein werter Christian und seine Gefährten liebten und verstanden meine Werke besser als ich es mir von meinem eigenen Vater je hätte Wünschen können. Er allein gab mir Geborgenheit.
Damals hatte ich ihm alles berichtet, was mir widerfahren war. Über meinen strengen Vater, von meiner harten Zeit auf der Karlsschule, bis hin zu meiner Begegnung mit ihm. Ich war erst zwanzig und noch Student, doch bereits damals verschlang ich seine Werke mit Freuden. Er war meine Inspiration, mein Idol.
Goethe.
Als ich erfahren hatte, dass er die Karlsschule besuchen sollte, hoffte ich, auch nur einen Blick auf ihn erhaschen zu können. Seine Stimme zu hören. Und vielleicht, ganz vielleicht würde er mir ein paar Worte zu meinem Drama „Die Räuber“ schenken. Als der Tag gekommen war und ich ihn endlich persönlich sah, entpuppte er sich entgegen meiner Vorstellung als wenig prächtiger Mann. Wo ich feinstes Material und eine eingepuderte Perücke erwartete, passend für den Großmeister der deutschen Literatur, war ein erstaunlich schlichter Mann der Ersatz für meine Einschätzung. Ich hatte ihn Körner als erwachsenen Mann von stillem Stolz, der sein Gesicht zeichnete, beschrieben. Ein Gelehrter mit einem Blick, der zu mir herunter sah. Obwohl er mir den gesamten Abend die kalte Schulter gezeigt hatte, konnten sich meine Blicke weder von seiner Erscheinung wenden, noch meine Ohren von seinen Lippen. Bald hatte ich ihn um seine Meinung zu Den Räubern gebeten. Goethe hatte mir einen in meinen Augen kühlen Blick geschenkt und seinen Mund zu einem amüsierten Lächeln verzogen. Dann hatte er mir gesagt, er hielte „Die Räuber“ für ein einem charmanten Freiheitsgedanken entsprungenes Werk amüsierender, jugendlicher Tatkraft. Diese Worte hatten mich zutiefst erschüttert. Alles in Allem nahm ich ihn nach dieser Einschätzung seinerseits völlig anders wahr, arrogant und unnahbar. Doch auch dafür fand Körner einige aufmunternde Verse, sodass ich die Erniedrigung schon beinahe ganz vergessen hatte.
Zu meinem Leidwesen ging es hier erneut um jenen Dichter. In diesem Brief schrieb ich Körner von einer geplanten Reise nach Weimar, der Hauptstadt der Literatur. Ich hoffte dort nicht nur weitere Inspiration, bekannte Literaten und die Zusage zur Aufführung meines Dramas zu finden. Die Jahre seit dem Treffen mit dem mir so überlegenen Goethe waren ins Land gegangen und ich hatte selbst einiges an Ruhm hinzugewonnen. Wie das Schicksal es wollte saß ich bereits seit Längerem an einer Kulturzeitschrift „Die Horen“. Doch so sehr ich mir Mühe gab, umso mehr schwante mir, dass mir etwas fehlen würde. Meine Gedanken waren unvollendet, meine Verse nicht tiefgründig genug, allem fehlte ein anderes Verständnis von Zeit und Mensch. So gedachte ich erst meinen guten Körner zu fragen, doch es endete damit, dass ich meine Bitte zur Mitarbeit an Goethe selbst richtete. Vor ein paar Tagen erhielt ich seine Zusage und eine Einladung nach Weimar. Natürlich war ich umso gespannter, ob jeder Mann nach den Jahren immer noch der Selbe war.
Dies schrieb ich Körner. Den Brief beendete ich mit guten Grüßen und den besten Wünschen an ihn, Ludwig, Anna und Johanna. Ich erhob mich, den fertigen Brief in der Hand und übergab ihn einem Boten, der eilen sollte, die Postkutsche noch zu erreichen. Gleichzeitig schulterte ich meine Tasche. Ein kleiner Hustenreiz überfiel mich, als ich meine Kutsche fast betreten hatte, doch ich fing mich schnell. Mit einem letzten, sehnsüchtigen Blick zu meinem sicheren, warmen Haus setzte sich die Kutsche mit einem unsanften Ruck in Bewegung und verließ die Stadt binnen weniger Minuten.
Die Reise nach Weimar dauerte beinah drei Tage. Mir taten die Glieder weh, als die Kutsche vor einem prächtigen Gebäude hielt. Ehrfürchtig öffnete ich die Kutschtür und stieg aus dem Gefährt. Ich muss Augen wie ein Kind gehabt haben, als ich die Ornamente betrachtete, die sich die Wände hinauf bis zu einem in Stein gehauenen Engelspaar im Barocken Stil zogen. Ich hatte in meinem Leben bereits viele beeindruckende Bauten gesehen, aber die Wirkung, die dieses auf mich hatte, war unbeschreiblich. Ein Gebäude, wie es der deutschen Schreibkunst würdig war. Vorsichtig, beinah als hätte ich Angst, den steinernen Fußboden zu verletzen, setzte ich einen Fuß vor den Anderen und nahm sogar den Hausdiener kaum war, welcher mich nach meinem Befinden fragte und mir Mantel und Hut abnahm. Schon als mir die Tür geöffnet wurde, hallten laute Stimmen zu mir nach draußen. Innen sah ich, in der großen Halle, einen runden, langen Tisch, an dem viele wichtige Männer saßen und philosophierten, lachten und tranken. Es erstaunte mich immer wieder, wie nahe diese drei Dinge aneinanderlagen.
Unsicher bleib ich kurz in der Tür stehen, doch keiner von ihnen drehte sich zu mir um. Ich nahm Platz und schwieg. Keiner schien mich wahrzunehmen, Friedrich Schiller, den berühmten Literat. Seufzend stützte ich meinen Ellbogen ungeniert auf der Tischkante ab und zog mir ein herrenloses Glas Wein heran. Als ich gerade einen kräftigen Mutschluck nehmen wollte, fiel mein Blick auf einen Mann, der mir ebenso wie ich ohne Gesprächspartner gegenüber saß und mich wissentlich fixierte. Ich erkannte ihn sofort. Seine dunklen Haare, das schlanke Gesicht und das geheimnisvolle Lächeln raubten mir den Atem für eine kurze Sekunde, die aber lang genug war um mir den teuren Wein über mein neues Jabot zu kleckern. Ich sah gerade noch, wie Goethe sich ein leises Lachen nicht unterdrücken konnte, bevor er aufstand und um Ruhe bat.
„Meine lieben Gefährten. Ich möchte Sie bitten, dass wir nun alle recht herzlich unseren allbekannten Friedrich Schiller begrüßen!“
In dieser Sekunde richteten sich alle Blicke auf mich und die Männer schwiegen. Mehr als ein Räuspern brachte ich nicht heraus. Doch Goethe schien das zu merken, denn er nahm das Wort sofort wieder an sich.
„Wie wir alle bin auch ich besonders von eurer Anwesenheit angetan. An dieser Stelle möchte ich auch mit Freude bekannt geben, dass Herr Schiller und ich in Zukunft gemeinsam an seiner Zeitschrift „Die Horen“ arbeiten werden. Möge dieses Werk ein Großes werden.“
Zur Bekräftigung seiner Worte ergriff er sein Weinglas und hob es unter zustimmendem Gerede und leichtem Applaus in die Höhe. Während die anderen Männer in Gespräche über die zukünftige Zusammenarbeit der zwei Großen vertieft war, umrundete Goethe den Tisch. Meine Gedanken kamen dem Spektakel kaum hinterher. Ich wägte ab, ob das, was Goethe gesagt hatte, für mich oder gegen mich sprach. So in meine jugendlichen Gedanken vertieft hatte ich natürlich auch nicht bemerkt, dass der Dichter nun direkt hinter mir stand. Er beugte sich zu mir herunter, sodass sein Gesicht neckisch beinah mein Haar berührte.
„Es freut mich, Sie zu sehen, Herr Schiller.“ Ich erschrak und hätte das Glas Wein, welches ich mit verkrampfter Hand hielt, beinah aufs Neue kippen lassen. „Wenn Sie es billigen, würde ich Sie gerne zu einem persönlichen Gespräch auf mein Zimmer entführen“
Ich konnte förmlich hören, wie er schmunzelte. Darauf bedacht, aber gewahr, dass es mir nicht gelang, versuchte ich, meine weltmännische Fassade aufrecht zu erhalten, als ich mich erhob, mich zu Goethe umdrehte und dem Mann direkt in die blauen Augen sah. Obwohl er wie erwartet schmunzelte ruhte sein Blick kalt auf mir. Mich schauderte es und ich drückte mich schnell genug an dem Größeren vorbei, um nicht länger in dieses Eis schauen zu müssen.  
Er überholte mich und ging voraus in einen kleinen, von verzierten Säulen umrahmten Seitengang. Ich wagte es nicht, zu sprechen. Nach all dem wusste ich nun nicht mehr, was ich von dem großen Goethe halten soll. Er würde einer Mitarbeit nicht zusagen, würde er sein Gegenüber nicht für würdig halten. Das hatte dieser nie direkt gesagt, aber ein solcher Blick sprach Bände. Ich muss zugeben, eines meiner ersten Gedichte nach diesen Tagen in Weimar, die ich an Goethes Seite verbrachte, beschrieb einen kristallreinen See in einer blauen Grotte von eisiger Temperatur. Nachdem ich Goethe besser kannte, schrieb ich ´Es lächelt der See, er ladet zum Bade´. Das Gedicht als solches habe ich immer an meinem Herzen behalten, doch der Vers blieb mir im Gedächtnis und zierte als Zeile eines Liedes ein späteres Drama. Doch das ist eine andere Geschichte.
Mit einer höfischen Armbewegung öffnete mir Goethe die Tür und winkte mich herein. Ich betrat das erstaunlich schlichte Zimmer. Entgegen des sonstigen Prunks wirkte dieser Raum des Gebäudes beinah vernachlässigt vom Kitsch. Die weißen Wände verziert von Bildern. Der creme – farbene Fließboden spiegelte die Möbel und das sanfte Licht wieder, welches in wellenartigen Schüben durch den seidenen Vorhängen ins Zimmer drang. Diese wiegten sich wie Fischerboote in seichten Böen, die durch das offene Fenster hinein wehten und mir mein Haar wirrten. Ein schlichtes Bett an der rechten Zimmerseite , ein Klavier an der Linken. Die Mitte bedeckt von einem beigen Teppich mit Brokaten Mustern  und ebenso beigen Polsterstühlen, die zu dritt einen kleinen Glastisch umrahmten, auf dem ein aufgeschlagenes Buch und eine Blumenvase ihren Platz hatten.
„Setzen Sie sich doch“. Wie eine Katze schnurrten seine Worte und die Tür schloss sich geräuschvoll hinter mir. Ich strich mir eine Strähne hinter mein Ohr und nahm auf einem der Sessel Platz. Er selbst ließ sich auf dem mir gegenüber stehenden nieder. 
„Wie war Ihre Reise?“ Er überschlug galant die Beine und lächelte mich an.
„Unangenehm lang“ war das erste, was mir in den Sinn kam. Das Lächeln verbreiterte sich kaum merklich. Seine Gestalt hatte sich kaum verändert, sein Blick sprach mit demselben Alter wie vor wenigen Jahren, seine Züge hatten nichts an Ernst und Kraft eingebüßt. Ich hingegen sah, so sagte mir Körner einmal aus einer Laune, aus wie ein Kind mit großen, blauen Augen und Engelshaaren. Weiterhin war ich von kleiner Statur und durch verschiedene Krankheiten schwächlich. So hatte mir dieser Mann also auch körperlich mehr voraus als ich mir eingestehen mochte, zumal er zehn Jahre älter war als ich.
„Ich bin mir sicher, dass wir beide uns gut verstehen werden, Herr Schiller. Was meinen Sie?“
Ich hätte ihn am Liebsten gefragt, ob es bei ihm Gang und Gebe sei, mit einer ruhmreichen Person, welche ich inzwischen nun mal war, anders umzugehen als mit ebenso leidenschaftlichen und talentierten Studenten, aber ich wagte es nicht.
„Ich bin mir da sicher, Herr Goethe. Ich habe Euch schon lange bewundert.“ Entfuhr es mir und ich unterstrich es mit einem kecken Lächeln, um seine Reaktion darauf zu testen. Goethe schwieg einen Bruchteil, lächelte aber schließlich erneut.
„Oh. Das ehrt mich.“ Goethes Arme lagen auf den Stuhllehnen. Ich tat es ihm gleich.
„Am besten, wir beginnen gleich heute mit der Arbeit.“ sagte ich. „Ich habe die grobe Idee schon skizziert und würde auf Eure Zustimmung hoffen“
Ich reichte Goethe ein Stück vergilbtes Papier. Er las es sich aufmerksam durch und nickte immer wieder kaum merklich.
„Sie haben nichts von Ihrem alten Geist verloren“ Diese Antwort überraschte mich.
„Wie bitte?“
Er hob den Blick und sah mich über den Rand des Papiers eindringlich an.
„Ich erinnere mich an den kleinen Studenten aus Stuttgart, der mich mit großen Augen ansah um zu erfahren, was ich von seinem Werke wohl halten möge“ langsam ließ er das Blatt sinken. „Und nun sitzt eben dieser erneut vor mir, mit demselben Blick, und bittet wieder um meine Meinung.“
Ich schnappte leicht nach Luft.
„Heißt das, Ihr seid erneut nicht begeistert von meinen Ideen?“ ich erhob meine Stimme protestierend. Doch Goethe lachte nur leise, legte das Papier auf seinem Tisch ab und beugte sich verschwörerisch vor.
„Das haben Sie gesagt, nicht ich. Aber lasst uns das heute beenden, ich muss darüber schlafen.“ Ich sah ihm genau an, dass er mich zu ärgern gelernt hatte und erwiderte dies mit einem trotzigen Blick. Dies animierte ihn noch mehr und er lachte auf. Für eine kleine Sekunde schwand der sonstige Ernst aus seinem Blick.
„Wir haben alle Zeit der Welt, werter Kollege. Aber wenn Ihnen so viel daran liegt, so können wir dieses Gespräch heute Abend fortsetzen und beenden die Zeitschrift in ein paar Tagen,  wenn unsere Ballbegleitungen zwei andere Männer gefunden haben“ er zwinkerte.
„Ein Ball?“ fragte ich mit zugegeben nicht unbedingt erwachsener Stimme. Goethe nickte leicht.
„In vier Tagen im großen Saal. Die literarische Oberschicht wird zugange sein und natürlich haben Sie rechtzeitig ein edles Weibsbild zum Tanze geladen, habe ich nicht Recht?“ Sein Blick sprühte vor Belustigung. Ich beobachtete die Fältchen, die sich um seinen Mundwinkel zogen. Schnell wendete ich den Blick von meinem Gegenüber ab, antwortete aber nicht auf seine Frage.
„Das wundert mich. Ein so attraktiver Mann wie Sie sollte doch von den Frauen umschwärmt werden, spreche ich recht?“
„Ich …habe meine Beziehungen, ja.“ stotterte ich. Zugegeben hatte ich nie viel Glück in der Liebe gehabt. Was mir eine Dirne an Liebe nicht geben konnte, hatte auch noch keine andere Frau mir geschenkt. Und wenn, dann hatte sie meist einen Mann. Goethe legte seine Hand auf den Glastisch.
„Wenn mein werter Schiller keine Begleitung hat, werde ich wohl der Dame von Hirschhausen die Tanzbitte verweigern.“
„Wieso solltet Ihr das?“
„Sie wollen doch nicht alleine ohne Gesprächspartner den Abend verbringen, habe ich nicht Recht?“
Ich schwieg. Misstrauisch zog  mein Blick dieses Lächeln nach, welches nichts und alles sagte. Mir war zu der Sekunde noch nicht klar, ob dieser Mann mich für voll nahm oder in mir immer noch nur den Studenten sah. Ob seine plötzliche höfliche Art ein Akt der Wiedergutmachung oder ein Possenspiel zwischen uns war.
Dieser Zweifel war mir bald so unangenehm, das sich mich erhob und dem großen Goethe einen kurzen Blick schenkte.
„Die Reise war lang, ich begebe mich zu Bett.“
Schnell verließ ich den Raum, suchte einen der Hausdiener auf und ließ mich meinem Zimmer zuweisen. Die nächsten Tage hielten Goethe und ich regelmäßig unsere Treffen in seinem Zimmer ab, wobei ich nicht zu sagen wage, dass mich dadurch jeglicher Zweifel verließ. Über das Konzept meiner Zeitschrift sprachen wir, wie Goethe es sagte, nicht mehr vor dem vierten Tag. An dem ersten Tag nach meinem überstürzten Abschied begegneten wir uns ein, zwei Mal flüchtig. Goethe hielt sich im Saal bei guter Gesellschaft, ich mich in meinem Zimmer bei guten Versen auf, sodass wir uns kaum sahen. Doch es war, als seien wir Magnete, dass wir uns immer wieder kurze Blicke schenkten und uns bald darauf in seinem Zimmer bei einem philosophischen Gespräch wiederfanden. Obwohl ich mir jegliche Mühe gab, ihm meinen Geist zugänglich zu machen, so kamen seine Worte mir so leer vor wie sein Blick.
Der blaue Eissee blickte undurchschaubar immer noch auf mich herunter und schimmerte belustigt, wenn ich leidenschaftlich meine Meinung verteidigte. Die Argumente, die ich gebrauchte, belächelte er, die Gründe, die ich kannte, nahm er nicht ernst. Selbst, als ich ihn danach fragte, ob er sich dem Werther verbunden fühle, bekam ich einen kalten Blick als direkte Antwort. Dennoch genoss ich die Gespräche auf eine Weise, die ich noch nicht zu deuten vermochte. An dem Abend des Balles sahen wir uns erneut. Ich hatte mir nicht die Mühe gemacht, nach einer willigen Dame Ausschau zu halten und würde somit, wie Goethe es voraussagte, den Abend wohl allein verbringen. Trotzdem hatte ich mir meinen besten Justaucorps, eine Brokatweste und eine braune Culotte angelegt, ich befand mich immerhin in bester Gesellschaft. Als ich schließlich am besagten Abend den Saal betrat, schallte mir die Musik bereits bis in den Gang entgegen.
Der große Saal des Gebäudes wurde von einem imposanten Kronleuchter belichtet, der mir erst jetzt, wo ich bei Dunkelheit hier war, ins Auge fiel. Das Orchester spielte von einer Erhöhung und tanzende Pärchen versperrten mir den Weg zum Buffet. An den Seiten der Tanzfläche wurden den Gästen Sitzgelegenheiten zur Verfügung gestellt, die diese auch nutzen, sodass ich kaum mehr einen freien Platz erspähen konnte. Vorsichtig bahnte ich mir meinen Weg durch die tanzende Menge und stellte mich schließlich an den Rand des Saals neben ein geöffnetes Fenster, welches zu einer Terrasse führte. Im selben Moment hielt die Musik inne und die Tanzpaare lösten sich zu allen Seiten auf, sodass die Mitte des Saals frei lag.
Ein gedrungener Mann mit gepuderter Perücke erklomm die Erhebung, auf der das Orchester Platz hatte und räusperte sich.
„Geehrte Herren, geehrte Damen“ begann er und hustete kurz in ein Taschentuch. „Ich danke Ihnen allen für Ihr Erscheinen. Dieser Ball soll nicht nur die enge Verbundenheit der deutschen Literatur und des Theaters zeigen, sondern auch die Zusammenarbeit unserer großen zwei, Johann Christoph Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe, feiern.“ Leiser Applaus durchzog den Saal und ich machte mich klein. „Zu Ehren des Abends würden sich sicherlich alle über ein paar Verse von unserem Goethe freuen, nicht wahr?“
Der Applaus schwoll an und erreichte seinen Höhepunkt, als Goethe selbst die Mitte des Saals betrat und sich bescheiden verbeugte. In der Hand hielt er einen kleinen Zettel, wohl das Gedicht, welches er vortragen wollte. Doch zu meinem Erstaunen warf er nur einen kleinen Blick darauf und schob es sich in den Mantel. Der Mann räusperte sich kurz und im gesamten Saal wurde es so still, wie es noch keine meiner Nächte je vermochte. „Neue Liebe, neues Leben. Von 1775.“
Er schwieg ein paar Sekunden und begann schließlich. Er sagte sein Gesicht aus den Gedanken auf, betonte jedes Wort und lies mich schmelzen. Wie ich ihn hörte, wie er sprach. Wie er mit sanfter Stimme in leiser Klimax seine Zeilen schwallen lies und jeder Satz, jedes Wort mir einen Schauer über den Rücken jagte. Ich war gebannt von dieser Erzählung, von jedem Vers der über seine Lippen kam.

Fesselt dich die Jugendblüte
Diese liebliche Gestalt
Dieser Blick voll Treu und Güte
Mit unehrlicher Gewalt?
Will ich rasch mich dir entziehen
Mich ermannen, dir entfliehen
Führet mich im Augenblick
Ach, mein Weg zu dir zurück

Ich konnte meinen Blick nicht von seinen Lippen lösen, doch mir fiel auf, dass mit dem Ende dieser Passage etwas nicht stimme. „Dir“. Es stimmte nicht. Ich kannte dieses Gedicht. Auf einmal sah ich, wie Goethe selbst zu mir herüber sah und sanft lächelte, als er seine letzte Zeile sprach. Noch als der Applaus anschwoll, noch als die Musik wieder einsetze und sich die ersten Paare wieder im Walzer zu drehen begannen hielt ich den Blickkontakt mit Goethe, nur unterbrochen durch manch Pärchen. Als sich der Dichter in Bewegung setze, wagte ich es nicht, mich zu bewegen, bis er genau vor mir stand.
Der Größere sah auf mich herab, aber in seinen eisblauen Augen lag etwas Anderes als sonst. Er ging an mir vorbei und streifte meinen Arm, woraufhin ich mich beinah mechanisch in Bewegung setze und ihm auf die Terrasse folgte. Als ich gerade über die Schwelle getreten war, blieb ich stehen und beobachtete Goethe, wie er, nur einen Meter entfernt, sich auf dem steinernen Geländer abstütze und in den Nachthimmel blickte. Eine ganze Weile sagte keiner von uns etwas. Der kalte Nachtwind wirrte mein Haar und ich strich mir die störrischen Strähnen aus dem Gesicht.
„Was bezweckt Ihr damit?“
Goethe seufzte und winkte mich heran, sodass ich mich in selber Position neben ihn zu lehnen wagte und ihm erwartungsvolle Blicke schenkte.
„Ich weiß nicht, was Sie meinen.“ war seine Antwort.
„Mal seid Ihr freundlich, mal seht Ihr mich an als sei ich ein Kind. Und von unserer ersten Begegnung in Stuttgart möchte ich gar nicht erst anfangen.“ Erneut seufzte der Größere.
„Hört.“ Begann er „Das Alles ist durchaus nicht, weil ich Sie nicht mag. Im Gegenteil.“
Ich war überrascht.
„Gegenteil?“
Er lachte auf. Es war ein leises, heiseres Lachen von einer Art, die man benutze, wenn man sein eigenes Verhalten als lächerlich empfand.
„Sie sind ein großer Dichter, da spricht nichts dagegen. Sie sind mir…sehr ähnlich.“
„Ähnlich?“ Ich nahm mir in selbiger Sekunde vor, mir Mühe zu geben, nicht nur dumm das Ende des Satzes meines Gegenübers zu wiederholen.
„Ja. Schon als ich Sie gesehen habe…Dieses Leuchten in Ihren Augen. Eben dieses hatte ich lange vor Ihnen. Ich schrieb über meine Gefühle, über Alles, was mir in den Sinn kam. Sturm und Drang,  Aufsturm der Jugend…Wie Sie.“
„…Wie ich.“ Ich hätte mich ohrfeigen können.
„Ich sah Sie lange nur als jemand, der Talent aber keinen Geist dahinter hatte. So wie ich damals alles niederschrieb und mir genau das irgendwann nicht mehr Kunst war, so hat mich Ihre Ähnlichkeit abgeschreckt. Ich habe mich selbst in Ihnen gesehen, Herr Schiller.“
„Euch selbst in –„ ich schüttelte mich kurz. „Heißt das, ihr behandelt mich nur so…abweisend, weil Ihr mich mit euren eigenen Fehlern von damals assoziiert?“
Ich war mir bewusst, dass ich offensichtlich beleidigt aussehen musste. Zu meiner Bestürzung nickte er tatsächlich. Er atmete hörbar auf und legte seine vom Wind gekühlte Hand auf meine, als er sah, wie sehr ich sie anspannte, sodass meine Adern bereits hervortraten.
„Sie sind ein sehr emotionaler Mensch, Herr Schiller. Ich hoffe trotzdem, sie nehmen meine Entschuldigung an.“ Ich wollte bereits protestieren, als ich seine Worte begriff. Zu meiner Scham spürte ich, wie mir das Blut ins Gesicht schoss. In dieser Sekunde dankte ich der Nacht für die Eigenschaft der Dunkelheit.
„Die Behandlung, die ich Ihnen hab zukommen lassen, war nicht richtig.“ Fuhr er fort. „Ich habe wohl durch Sie in den letzten Tagen mehr gelernt, als ich der Meinung war, Ihnen in meinem ganzen Leben beibringen zu können. So musste ich einsehen, dass auch ein kleiner Geist ein großer Geist sein kann, wenn sie verstehen, was ich meine.“ Er zwinkerte mir entschuldigend zu.
Ich für meinen Teil zog meine Augenbrauen zusammen.
„An Euren Formulierungen müssen wir dringend arbeiten.“ Protestierte ich, mir im selben Moment bewusst, dass ich diesem Mann von unbeschreiblichem Charme bereits verziehen hatte. „Ich sehe diese Trauer in Eurem Blick immer noch.“ Fügte ich hinzu.
Goethe hielt inne. Auf meinen fragenden Händedruck hin schwand seine ironische Fassade und wich für ein paar Sekunden einem Blick, der voll Einsamkeit und Trauer war. Ich erschrak so davor, dass ich zurück wich.
„Sie hatten mich gefragt, ob ich mich mit den Schicksalen meiner Figuren identifizieren kann. Das kann ich sehr wohl.“
Mehr brauchte er nicht zu sagen. Ohne genau nachvollziehen zu können, wer den ersten Schritt getan hatte, lagen wir uns für ein paar Sekunden in den Armen wie zwei lebenslange Freunde. Die höfliche Distanz, die unsere Beziehung bestimmte, war gewichen und für eine kleine Zeit fühlte zumindest ich mich mit ihm mehr verbunden als irgendjemandem sonst.
„Wir wollen es also probieren? Mit Freundschaft?“ flüsterte ich leise. An meiner Schulter spürte ich, wie Goethe lächelte.
„Ein weiser Mann sagte mir einmal: Wer nichts waget, der darf nichts hoffen.“
„So? Kennt Ihr ihn gut?“
„Es ist, als würde ich ihn ewig kennen.“
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