How things could be now...

GeschichteAllgemein / P12
Max Hardy Mike Weston
05.07.2016
05.07.2016
1
1044
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Ryan Hardy war zeitlebens Polizist gewesen. Mit Leib und Seele für die Gerechtigkeit. Aber jetzt lebte er nicht mehr. Er war ein Schatten, untergetaucht in dem hektischen Leben. Nie wirklich da. Wie ein Geist. Ein Traum. Oder viel mehr: Ein Alptraum. Zumindest für einige.
Obwohl er am Anfang noch häufig an seiner Entscheidung gezweifelt hatte, wusste er doch im tiefsten Inneren, dass sie richtig war. Nicht schön oder einfach. Für keinen der Beteiligten. Aber richtig. Und das war die Hauptsache.
Der Wind zerrte an Ryans Kapuze und er zog fröstelnd die Schultern hoch. Das war der erste richtige Winter, den sie seit langem gehabt hatten. Der Schnee, der sich nur all zu häufig mit Regen vermischte, sammelte sich bereits auf seiner Jacke. Trotz des dicken Innenfutters konnte sie die Kälte nicht abhalten. Wahrscheinlich würde er sich erkälten, wenn er noch länger hier stehen bliebe. Aber das war ihm egal. Er vergrub die behandschuhten Hände tief in seinen Jackentaschen, nachdem er die Kapuze erneut tiefer in sein Gesicht gezogen hatte.
Erstaunlich, wie schnell man sich an vieles gewöhnte. Ständig vorsichtig zu sein, dass ihn niemand erkannte. Unterschiedliche Rollen anzunehmen, wie ein Schauspieler, nur, dass er jedes Mal improvisieren musste.
Eigentlich hatte er nicht hier bleiben wollen. Zu gefährlich. Er war in der Öffentlichkeit bekannt. Wenn jemand sein Gesicht erkennen würde.. Wenn Mike ihn sehen würde, oder Max... Oder Gwen... Alles in ihm widerstrebte diesem Gedanken.
Aber niemand achtete auf den Penner im Supermarkt oder an der Straßenecke. Ryan Hardy war tot. Er war ein Niemand.
Ein Auto näherte sich - viel zu schnell für das dauernde Schneetreiben - und machte nur im letzten Moment einen Schlenker um die Pfütze herum, die Ryan nass bis auf die Knochen gemacht hätte.
Oben in der Wohnung ging ein Licht an und Ryan erkannte dunkle Schemen, die sich in den Raum bewegten. Ein großer, weiblicher. Mit einem Kind auf dem Arm.
Wie ein Messer bohrte sich der Anblick in Ryans Herz. Das war sein Kind. Er war Vater und hatte das Kind nie gesehen. Nie auf dem Arm gehalten. Nicht einmal den Namen kannte er. Und Gwen... Sie war so eine starke Frau. Sie wohnte sogar in der Wohnung, die Ryan hinterlassen hatte. Manchmal fragte er sich, was sie dazu bewegt hatte. Er stellte sich gern vor, wie sie dem Kind von seinem Vater erzählte. Wie sie sich Bilder ansah, seine Möbel und seine Kleidung und zärtlich darüber strich. In dieser Vorstellung lächelte Gwen. Ein kurzes, trauriges Lächeln, voller Wehmut, aber gleichzeitig auch zufrieden, weil sie damit abgeschlossen hatte. Weil sie sich an den schönen Erinnerungen festhalten konnte. Hätte er sich doch nur anders entschieden...
Hastig, beinahe panisch, zerrte Ryan den Flachmann aus der Innentasche seiner Jacke. Das Verlangen nach dem Alkohol hatte ihn plötzlich gepackt und ließ ihn nicht mehr los.
Mit zitternden Fingern öffnete er den Schraubverschluss und nahm gierig einige Schlucke, wie ein Ertrinkender der nach Atem ringt.
Wohlig warm glitt der Alkohol seine Kehle hinab. Ryan versuchte schon gar nicht mehr, etwas gegen das Verlangen zu tun. Wozu auch? Er hatte keinen Grund, sich davon freizumachen. Alles, was ihn dazu hätte bringen können, war völlig unerreichbar geworden. Der Alkohol war der einzige Grund, warum er überhaupt noch weitermachte. Der Alkohol und die Gruppe um Eliza.
Aber mit jedem Tag wurde der Wunsch nach mehr Alkohol größer. Die Tage wurden kürzer und die Erinnerungslücken länger. Undercover weiter seinem Ziel nachzugehen wäre reiner Selbstmord gewesen.
Der Schatten, den er als Gwen ausgemacht hatte, bewegte sich zum Fenster. Einen Moment lang verharrte Ryan noch, starrte hinauf und versuchte krampfhaft, noch einmal ihr Gesicht zu sehen. Nicht auf Fotos. Nicht in der Erinnerung, die mehr und mehr verblasste. Er wollte es sehen. Wirklich sehen. So oft schon hatte er sich davon abhalten müssen, sie nicht wie zufällig in dem Krankenhaus in dem sie arbeitete, anzurempeln, nur, um sie noch einmal sehen, noch einmal reden hören zu können. Aber das durfte er nicht.
Als er realisierte, was er tat, drehte Ryan sich auf dem Absatz um und eilte die Straße entlang. Egal, wohin. Weg. Einfach nur weg.

Gwen blickte dem Mann in der viel zu großen Jacke nach und erschauerte. Die Kapuze war so tief in das Gesicht gezogen gewesen, dass sie außer einem Bart, der genau so gut bloß ein Schatten sein konnte, nichts hatte erkennen können. Und doch hatte sie das Gefühl gehabt, angestarrt zu werden.
Sicher nur ein Passant, versuchte sie sich einzureden. Seit der Sache mit Theo vermutete sie hinter jedem kleinen Geräusch gleich einen Serienkiller. Und seit der kleiner Ryan auf der Welt war hatte sie um so mehr Angst.
Ihr Puls raste und sie atmete gezielt dagegen an, wie sie es gelernt hatte. Sie war einfach bloß paranoid. Niemand konnte ihr jetzt noch etwas antun wollen. Theo war tot. Sie hatte keine Feinde und hielt sich aus brisanten Situationen möglichst heraus.
Energisch schüttelte Gwen den Kopf und zog den Vorhang zu. Sie musste endlich loslassen.
"Sarah?", rief sie durch die Wohnung und lächelte die hübsche Blondine an, als sie ihren Kopf in das Zimmer steckte, Gwens Sohn auf dem Arm.
"Ist bei euch alles klar? Schaffst du das auch sicher? Ich könnte auch zuhause bleiben, weißt du..."
Ihre Nichte schnitt ihr das Wort ab: "Nichts da, Tante Gwen. Ryan und ich kommen gut klar. Du hast dir einen ruhigen Abend verdient! Entspann dich einfach, du siehst toll aus! Und wenn der Kerl dich nicht flachlegen will, dann ist er entweder blind oder dumm."
Dafür kassierte sie einen geringschätzigen Blick von Gwen, die sich insgeheim über die aufmunternden Worte freute. Sie war nicht mehr auf einem Date gewesen seit... Seit Ryan gestorben war. Obwohl sie sich noch immer nicht sicher war, ob sie überhaupt bereit für etwas neues war, mischte sich langsam freudige Erwartung in ihr Misstrauen. Vielleicht hatte Sarah recht. Vielleicht tat es ihr einfach gut, mal auf andere Gedanken zu kommen.
"Wenn er nicht schlafen kann-"
"Jaja, ich mache das nicht zum ersten Mal." Sarah lächelte. "Jetzt geh schon!"
Gwen hauchte ihrem Sohn noch einen Kuss auf den Kopf und sagte: "Du bist ein Schatz, Sarah!", bevor sie verschwand.

~~~~~~~~~~~

Ich hoffe, es hat euch gefallen und ihr werdet die Geschichte weiter verfolgen. Über Reviews jeder Art würde ich ich sehr freuen!
Review schreiben