Road Trip

von Silvana
GeschichteHumor, Romanze / P12 Slash
Jolyon Palmer Marcus Ericsson
04.07.2016
04.07.2016
1
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Disclaimer: Keine der erwähnten Personen gehört mir. Alles ist frei erfunden, es soll mit der Geschichte keinem geschadet werden und ich verdiene auch kein Geld damit.

Pairing: Jolyon Palmer / Marcus Ericsson
Timeline: Dienstag, 26. Juli 2016
Warnung: Slash

Anmerkung: Meine zweite Geschichte mit dem Pairing. Man kann sie als Fortsetzung von „Fire Meet Gasoline“ betrachten und ich beziehe mich an mancher Stelle darauf, es ist also besser, sie vorher auch gelesen zu haben. :)


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Es war gegen 23:00 Uhr auf der B29 ein ganzes Stück hinter Aalen.

Den Großteil der Strecke hatten sie endlich hinter sich und dennoch herrschte schlechte Stimmung, wenigstens bei einem von ihnen...

„Welcher bescheuerte Idiot kam auf die Idee, von Budapest nach Hockenheim mit dem Auto fahren zu wollen?“, genervt starrte Jolyon auf die Straße und schimpfte monoton vor sich hin. „So dumm kann doch keiner freiwillig sein!“

Marcus sah zu ihm herüber und lächelte nachsichtig, denn sein Freund fluchte auf sich selbst. Der Road Trip war Jolyons Idee gewesen. Schon früh am Morgen waren sie aufgebrochen, um am Nachmittag in Deutschland zu sein, doch ein Stau bei Amstetten hatte sie sieben geschlagene Stunden aufgehalten. Sieben Stunden, in denen sie gerade einmal zwölf Kilometer vorankamen. „Sei nicht so hart zu dir, andere wollten die Strecke auch mit dem Auto fahren.“

„Dann sind andere eben genauso dumm, das ist wenig tröstlich. Sollte ich noch mal so einen Einfall kriegen, dann hau mir eine runter!“

„Du konntest nicht ahnen, dass wir so lange stehen müssen“, redete Marcus ihm gut zu. Er selber fand die Situation gar nicht übel, es gab weiß Gott Schlimmeres, als mit Jolyon einen Tag im Auto unterwegs zu sein, zumal sie gute Unterhaltung hatten. Fast den kompletten Stau über schauten sie sich auf Marcus’ Tablet die letzten GP2-Rennen an, diskutierten über einzelne Rennsituationen vor allem aus Baku und über das diesjährige Fahrerfeld. So ging die Zeit erstaunlich schnell herum.

„Hätten wir das Flugzeug genommen, wären wir schon zehnmal da.“

„Ich bereue es nicht, gefahren zu sein.“

„Deinen Langmut möchte ich haben. Ich hasse Staus, ich hasse dieses elende Regenwetter und... oh“, er entdeckte eine Leuchtreklame am Straßenrand. „Und ich hasse die Tatsache, dass wir in fünf Minuten an einem McDonald’s vorbeikommen werden und dort nichts essen dürfen, obwohl mein Magen so sehr knurrt, dass ich diesen ganzen Saftladen leer fressen könnte“, regte er sich auf.

Marcus überlegte einen Moment. „Wenn gleich die Einfahrt kommt, dann nimm die mal.“

„Wozu? Was sollen wir da? Uns an der Fensterscheibe die Nasen plattdrücken und neidisch auf die Leute gucken, die ihre Burger essen?“

„Nein, uns selber welche bestellen.“

Jolyon sah ihn entgeistert an. „Okay. Real Talk! Das geht nicht. Unsere Physios rasten aus, wenn sie das erfahren.“

„Es muss ihnen ja keiner verraten“, warf der Schwede ein.

„Klar und du glaubst, das funktioniert?“, er wirkte wenig überzeugt. „Uns braucht da drin nur jemand erkennen und es bei Twitter posten, am besten noch mit Foto. So was kommt immer irgendwie raus.“

„McDrive?“

„Ich weiß nicht...“

„Es ist nur ein einziger Burger, Jo. Ich meine, wir sind dort keine Stammgäste und halten uns das ganze Jahr von Fastfood fern, da wird uns wegen einer kleinen Sünde niemand den Kopf abreißen. Außerdem handelt es sich um einen Notfall“, Marcus zwinkerte ihm zu, aber er konnte die Bedenken seines Freundes schon verstehen. Der Diätwahn, der in der Formel 1 nach wie vor herrschte, ließ sich nicht wegreden und es gab strenge Ernährungspläne, die jeder einzuhalten hatte. Fahrer, die so groß waren wie sie beide, traf das besonders hart, denn um Nachteile zu vermeiden, durften sie nur unwesentlich mehr wiegen als entschieden kleinere Fahrer und dabei zählte jedes überflüssige Gramm. Jolyon war ein Arbeitstier, akribisch, unermüdlich und hoch diszipliniert was den Sport anging und obwohl das Diäthalten für ihn das Schwerste am Business war, so befolgte er dennoch strikt sämtliche Vorgaben und missachtete nie die Regeln. Wer Erfolg haben wollte, musste etwas dafür tun, manchmal auch dafür leiden, so lautete seine Philosophie. Mittlerweile wog er nur noch knapp über 70 Kilo, war gertenschlank und top trainiert. Marcus bewunderte seine Figur, aber er wusste, dass der Jüngere gelegentlich zum Übertreiben neigte und dafür war jetzt absolut kein guter Zeitpunkt. „Wir haben beide seit Stunden nichts gegessen und erinnere dich an Hülkenberg. Der wurde 2014 auch bei McDonald’s gesehen ohne dass was passiert wäre. Außer ein paar Witze vielleicht...“

„Ja. Force India ist aber nicht Renault oder Sauber“, meinte Jolyon und nahm dennoch die Einfahrt. Der Parkplatz vor dem Restaurant war leer.

„Ich geh da jetzt rein. Vielleicht sollte ich mich vorher maskieren, damit mich keiner erkennt“, scherzte Marcus.

„Dann denken die, das ist ein Überfall.“

„Der seltsamste Überfall ever. Ein Typ kommt rein, nimmt was zu essen mit und geht wieder. Das wären dann jedenfalls wirklich interessante Schlagzeilen für uns.“

Jolyon schmunzelte kopfschüttelnd.

„Also Liebster, was kann ich dir mitbringen?“

„Einen guten alten Big Mac.“

„Kommt sofort“, sagte er und machte sich durch den, zum Glück langsam schwächer werdenden, Regen auf den Weg zur Restauranttür. Drinnen war es wie ausgestorben, ein Mitarbeiter wischte den Boden, ein anderer stand bei der Kasse und schaute zum Fenster hinaus. Es dauerte nicht mal fünf Minuten, bis Marcus das Essen bekommen hatte und wieder beim Auto war. Als er einstieg, telefonierte Jolyon gerade, legte aber kurze Zeit später auf. „Wer war das?“, erkundigte sich sein Freund.

„Emily“, seine ältere Schwester. „Sie hat von dem Stau gehört und wollte wissen, wo wir stecken. Gerade habe ich auch eine Nachricht von Kevin erhalten, der mich das Gleiche gefragt hat. Natürlich ist er längst im Hotel.“

„Ah, wie toll für ihn“, antwortete Marcus in gehässigerem Ton als beabsichtigt, doch der Name Kevin löste bei ihm regelmäßig Verdruss aus. Das was im Februar zwischen ihm und Jolyon war, nahm den Schweden insgeheim immer noch mit, trotz dem sein Geliebter ihm einen Tag später bereits alles gebeichtet und versichert hatte, dass die Nacht für ihn nichts bedeutete. Er entschuldigte sich reumütig und Marcus vergab ihm den Fehltritt ohne zu zögern. Er liebte Jolyon mit einer an Unvernunft grenzenden Heftigkeit und hätte ihm so ziemlich alles verziehen, aber Kevin, dem konnte er nicht verzeihen! Die beiden waren gute Kumpels gewesen und einmal hatte ihn der Jüngere sogar nach seiner Beziehung zu Jolyon gefragt. Er ahnte also, dass sie zusammen waren und selbst wenn der 25-Jährige das nicht gleich schriftlich und in aller Deutlichkeit bestätigte, so hätte sich der Däne anhand der Art seiner Reaktion denken können, was Sache war. Doch anstatt nachzudenken landete er wenige Wochen später mit Jolyon im Bett. Und nicht nur das! Marcus war sich sicher, dass Kevin seinem Freund auch heute noch hinterher schmachtete. Diese Blicke. Er kannte sie. Denn mit genau den gleichen verstohlenen Blicken hatte er Jolyon früher selber nachgeschaut, als dieser noch mit Adrian zusammen war.

Nein, Kevin war zu weit gegangen und Marcus hatte kein Interesse daran, ihre Freundschaft fortzusetzen oder sich auszusprechen, denn da gab es nichts zu bereden. Sie begehrten den gleichen Mann und wann immer er Kevin seit Februar anschaute, ging ihm durch den Kopf, wie er und Jolyon... es war zum Verrücktwerden! Und zu allem Übel waren sie auch noch Teamkollegen und kamen nicht umhin, Zeit miteinander zu verbringen, was es für Marcus nicht leichter machte. Er bemühte sich, die aufwühlenden Gedanken zu vertreiben und reichte Jolyon die mitgebrachte Tüte. Sein Freund nahm sich einen Burger, biss herzhaft hinein und lehnte sich genießend mit geschlossenen Augen in den Sitz.

„Muss ich mir Sorgen machen? Du wirst beim Essen fast ekstatischer als beim Sex“, witzelte Marcus.

„Ich beweise dir das Gegenteil, sobald wir eines schönen Jahrhunderts mal Hockenheim erreicht haben sollten“, konterte Jolyon ohne aufzublicken.

„Das kann ich kaum erwarten“, sagte der Blonde versonnen und strich ihm mit zwei Fingern sachte über den rechten Arm. „Übrigens war es dort drin genauso leer wie hier auf dem Parkplatz, kein Mensch da, der mich fotografiert oder angesprochen hätte. Außer der Bedienung und die hat mich nicht erkannt.“

„Nein?“

„Nein. Sie hat mich bloß gefragt, ob ich mit Jack Gleeson verwandt wäre.“

Augenblicklich prustete Jolyon los vor Lachen und er war froh, dass er noch keinen Schluck aus der Wasserflasche getrunken hatte, die er kurz vorher an den Mund setzte. „Wie viele Leute haben dich das eigentlich mittlerweile gefragt?“

„Viel zu viele. Manchmal hasse ich ‚Game of Thrones’“, antwortete er, wobei es in Wahrheit eine seiner Lieblingsserien war. „Wie gut, dass wenigstens einer von uns deswegen was zu lachen hat“, fügte er an und sah wohlwollend, wie die schlechte Laune langsam von seinem Geliebten abfiel. Dafür griff er sich in den letzten Minuten auffällig oft an die Seite und rieb über den Stoff seines Hemdes. „Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte Marcus daher, nachdem er aufgegessen und das Ganze noch dreimal beobachtet hatte.

„Was?“

Sein Gegenüber deutete auf die besagte Stelle. „Hast du Schmerzen?“

„Ach. Es ist nur meine Narbe. Sie zieht. Irgendein Wetterumschwung liegt in der Luft, höchstwahrscheinlich gewittert es bald“, gab Jolyon lapidar zurück. Er hatte mit 16 Jahren einen Quad-Unfall gehabt, nach dem er drei Tage auf der Intensivstation lag und insgesamt vier Wochen im Krankenhaus. Damals musste ihm eine Niere entfernt werden und die bei der Operation entstandene Narbe meldete sich heute noch zuweilen, vornehmlich bei drückendem Wetter. Eigentlich kam er gut damit zurecht, aber an manchen Tagen ärgerte sie ihn.

„Komm, lass uns mal die Plätze tauschen und ich fahre den Rest“, schlug Marcus vor. Es war nicht nur wegen Jolyons Schmerzen, sondern er sah auch recht blass und erschöpft aus.

Der Renault-Pilot wollte widersprechen, besann sich dann jedoch eines Besseren und gab nach. „Na schön, ist vielleicht gar nicht so schlecht.“

„Wenn du willst, dann schlaf ruhig eine Weile“, sagte Marcus nachdem sie gewechselt hatten.

„Kommst du mit dem Navi klar?“

„Sehe ich zu doof dazu aus?“, sein spitzbübisches Lächeln verriet, dass er die Frage nicht wirklich als derartige Unterstellung auffasste.

„Ich mein ja nur, das Ding hat gelegentlich komische Anwandlungen“, warnte ihn Jolyon.

„Die hat Nasr auch und trotzdem habe ich ihn im Griff“, entgegnete Marcus und startete den Wagen.

„Was für ein Vergleich“, kam es amüsiert von Jolyon, ehe er anfing, sich im Beifahrersitz zu entspannen. Die Aussicht auf Schlaf empfand er als durchaus verlockend und so dauerte es nicht lange, bis er seiner Müdigkeit erlag.

Knappe zwei Stunden noch, dann sollten sie es geschafft haben, wenn nichts Gravierendes mehr dazwischenkam, dachte Marcus bei sich. Die Landstraße über die er fuhr, war leer und verlassen, höchstens alle paar Minuten kam ihm mal ein anderes Auto entgegen. Er warf einen kurzen Seitenblick auf seinen schlafenden Gefährten und seufzte. Jolyon sah so verletzlich aus wenn er schlief, so unschuldig und dieses Wort ließ Marcus unwillkürlich grinsen. Er dachte an ihr letztes Rollenspiel zurück, das das ganze Gegenteil von unschuldig war und biss sich auf die Unterlippe. Ihm wurde heiß. Er musste sich auf die Straße konzentrieren. Aber er kam nicht umhin, ihn immer wieder anzuschauen.

Sie waren seit zweieinhalb Jahren ein Paar, seit sich Jolyon Ende 2013 von Adrian getrennt hatte und Marcus den Mut fand, ihm zu gestehen, was er für ihn empfand. Sie kamen zusammen, mussten ihre Beziehung jedoch geheim halten und diesen Preis zahlte er gerne. Er war viel bereit zu geben, solange er Jolyon an seiner Seite hatte und mehr als eine Freundschaft mit ihm teilen durfte. Er war Marcus’ erster fester Freund, vor ihm gab es nur einmal einen One-Night-Stand mit einem Mann, aber da war der Schwede betrunken gewesen und konnte sich am nächsten Morgen bloß noch bruchstückhaft daran erinnern. Bedeutend stärker als die unangenehmen Erinnerungsfetzen überfiel ihn damals der Schock darüber, dass er völlig benebelt mit einem Wildfremden ins Bett gegangen war. Seine erste GP2-Saison stand kurz bevor und er durfte sich solche Abstürze nicht leisten! Aber es fiel ihm so verdammt schwer, mit seinen Gefühlen umzugehen und er wusste nicht, mit wem er darüber reden sollte. Dann trat Jolyon in sein Leben. Er kannte ihn vorher schon flüchtig, doch erst in der GP2 wurden sie Freunde. Erstaunlich enge Freunde. Die beiden lagen auf einer Wellenlänge in jeder Hinsicht und Marcus verliebte sich in den charismatischen, selbstbewussten, starken Briten, musste allerdings zwei Jahre warten, bis er ihn bekam. Das Warten hatte sich gelohnt!

Glücklich blickte er nach vorn auf die Straße, während er über ihre gemeinsame Zeit nachdachte und er wusste, dieser Road Trip würde ihm, so beschwerlich er auch war, zu einer weiteren schönen Erinnerung werden.

Er war genau dort wo er sein wollte. Bei dem Mann, den er liebte.


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*Ende*
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