Tochter des Zorns

GeschichteDrama, Familie / P12
Elizabeth Liones Meliodas OC (Own Character)
03.07.2016
03.07.2016
1
1913
 
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Ich fühl mich kalt und leer

Ich vermisse dich so sehr

Deine Wärme ist nicht hier

Mama, du bist nicht mehr bei mir

Evangelina saß in dem Erker ihres Zimmers und blickte über die Landschaften, die das Schloss, welches sie so lange ihr Zuhause genannt hatte, umgaben. Die Morgenröte tauchte das Land in ein rötliches Licht und verkündete den Beginn eines neuen Tages. Nur noch wenige Momente und das Schloss würde erfüllt werden von den Geräuschen des geschäftigen Treibens. Sie würde aber weiter in ihrem Zimmer bleiben. Sie konnte und wollte nicht teilhaben an diesem Treiben. Es war ihr zuwider. Wie konnte man nur so laut sein?  Diese Frage stellte sie sich schon seit geraumer Zeit. Sie wollte nur ihre Ruhe, aber selbst hier in ihrem Zimmer wurde sie immer wieder gestört. Entweder kamen irgendwelche Dienstmädchen, an deren Namen sie sich bei bestimmten Wissen und Gewissen nicht erinnern wollte, und machten ihr Bett oder putzten. Oder irgendwelche anderen Diener, über die das Schloss verfügen, die ihr das Essen brachten, welches sie meist mit viel Widerwillen herunterwürgte. Sie hatte keinen Appetit. Warum verstand das niemand? Sie wollte alleine sein. Warum respektierte das niemand? Selbst ihre Tanten, die früher immer so verständnisvoll gewesen waren, sahen sie nun jedes Mal, wenn sie sie besuchten, komisch an. Aber sie störte es nicht. Sollten sie doch schauen, wie sie wollten. Ihr war alles egal. Wenn sie sich auf den höchsten Turm des Schlosses begeben würde und sich hinunterstürzen würde, es würde keinen interessieren. Wahrscheinlich wären sie erleichtert. Schließlich war ich ihren Augen  nur ein Freak.

Warum nur lässt du uns allein

Papa hat‘s nicht so gemeint

Seine Tränen sind für dich

Vermisst du uns denn nicht?

Selbst ihr Vater hielt es nicht mehr lange aus, mit ihr in einem Raum zu sein. Das letzte Mal, das sie ihn gesehen hatte, war der Tag der Beerdigung ihrer Mutter gewesen. Er hatte sie holen wollen, damit sie gemeinsam, ihre Mutter zu Grabe tragen konnten. Aber sie hatte sich eisern gewagt. Egal, was er gesagt hatte, sie hatte nicht mitgehen wollte. Sie hatte nicht sehen wollen, wie ihre geliebte Mutter zu Grabe getragen worden war. Das hatte sie ihm auch an den Kopf geworfen. Sie hatte sich nur kurz weggedreht, wollte sie doch die Enttäuschung in dem Gesicht ihres Vaters nicht sehen. Doch was dann kam, damit hatte sie nicht gerechnet. Sie hatte nicht so schnell reagieren können. Ein Klatschen durchbrach die herrschende Stille. Erst einen Moment später realisierte sie den brennenden Schmerz auf ihrer Wange. Erschrocken blickte sie hoch in die Augen ihres Vaters, der ihr wutverzerrtem Gesicht befahl, jetzt sofort mitzukommen oder sie würde eine Tracht Prügel, bevor er sie eigenhändig in den Kerker schmeißen würde. Sie wäre eine Prinzessin und hätte sich dementsprechend zu benehmen. Sie hätte zu gehorchen. Er würde jetzt andere Saiten aufziehen.  Jetzt, wo ihre Mutter, die zu weich gewesen war, um eine vernünftige Prinzessin aus ihr zu machen, tot war.

Mama, wo bist du jetzt?

Mama, warum bist du nicht hier, bei mir?

Mama, wo bist du bitte sag mir geht's dir gut

Es tut so weh hörst du mir zu

Mama wo bist du?

Ihr Vater hatte sein Versprechen wahrgemacht. Sie hatte sich trotz seiner Drohung geweigert, auf die Beerdigung zu gehen. Da hatte er ihr Zimmer verlassen. Nur das Klicken ihrer Tür hatte ihr verraten, dass er ihre Tür abgeschlossen hatte. Sie war nun eingesperrt, aber es hatte ihr nichts ausgemacht. Sie hatte ihre Ruhe gehabt und in jenem Moment war ihr alles andere egal gewesen. Erst am Abend, nachdem die Trauerfeier vorbei und die Gäste gegangen waren, hatte sie ein erneutes Klicken gehört. Als sie hochgeblickt hatte, hatte sie sofort erkannt, dass die Worte ihres Vaters keinesfall leere Drohungen gewesen waren.

Selbst jetzt noch spürte sie die Schläge, die sie damals erhalten hatte. Ihre Wunden waren schon längst verheilt, aber die Narben auf ihrem Rücken erinnerten sie jeden Mal an diesen einen Abend. Seit diesem Abend war sie eingesperrt in den Turm. Nur einige ausgewählte Diener sowie ihre Tanten hatten Zutritt zu diesem Zimmer. Allen anderen Personen, die nicht eingeweiht waren, war der Zugang zu diesem Zimmer und somit zu ihr untersagt. Solange sie nicht wüsste, wo ihr Platz wäre, so ihr Vater, hätte sie es nicht verdient, sich frei zu bewegen. Sie hatte nichts dagegen. Dass ihr Vater damit ein Gefallen tat, band sie ihm nicht auf die Nase. Ja, er mochte sie geschlagen haben, aber ihren Willen würde er nie brechen können. Er wusste nicht, dass sie die Einsamkeit dem geschäftigen Treiben unten vorzog.

Plötzlich wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Sie hörte, dass  zwei Stimmen sich draußen vor ihrer Tür aufgeregt unterhielten. Sie erkannte beide Stimmen. Es waren die Stimmen ihrer beiden Tanten, die sich aufgeregt miteinander unterhielten.

„Das kann nicht sein Ernst sein.“

„Doch, er hat ein Treffen mit dem König vereinbart. Sein Sohn ist im heiratsfähigen Alter. Er soll sich um sie kümmern.“

„Aber…aber er ist schlimmer als ein Bluthund…Das kann er nicht ernst meinen.“

„Doch, ihm ist es bitterernst. Erst gestern meinte er zu mir, dass er es leid sei, sie hier zu beherbergen. Sie habe in all den Jahren nicht gelernt, wo ihr Platz war. Und da er nicht weiterkäme, würde er sie eben verheiraten. Auch gegen ihren Willen.“

„Das hätte unsere Schwester aber nie gewollt.“

„Ich weiß. Ich weiß, Schwester. Wir können aber nichts dagegen tun.“

„Aber warum ausgerechnet dieser Bluthund?“

„Er kennt den Sohn noch aus seiner aktiven Zeit.“

„Aber dann weiß er doch…“

„Das eben will er. Er will ihren Willen brechen. Um jeden Preis.“

„Wenn das ihr Vater wüsste…“

„Ich weiß. Wenn ihr Vater das wüsste, dann könnte uns selbst die Göttin nicht mehr schützen. Wir müssen das verhindern. Um jeden Preis.“

Die Stimmen verklangen. Evangelina wusste sofort, dass ihre Tanten nicht mehr vor ihrer Tür standen, sondern sich entfernt hatten. Sie runzelte ihre Stirn.  Was meinten ihre Tanten damit, wenn ihr Vater das wüsste? Schließlich war er es doch, der das ganze arrangierte. Plötzlich hörte sie, wie etwas unter ihrer Tür durchgeschoben wurde. Sie blickte auf und bemerkte das weiße Papier, was nun in ihrem Zimmer lag. Sie erhob sich und begab sich zu dem Papier. Als sie es aufhob, bemerkte sie, dass es sich dabei um einen Brief handelte. Wer sollte ihr schon schreiben? Ihr Vater verbat ihr jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Ausnahmen waren die eingeweihten Diener und ihre Tanten.

Sie drehte den Brief in ihren Händen und erschrak, als sie die Schrift erkannte. Es war die Schrift ihrer verstorbenen Mutter. Sie würde sie unter allen Schriften, die es auf der Welt gab, erkennen. Die Schrift ihrer Mutter war zart und mit vielen Schwüngen. Sie hatte diese feine filigrane Schrift als kleines Kind immer bewundert. Was tat ein Brief ihrer Mutter hier? Und wichtiger, wer hatte ihn durch den schmalen Schlitz der Tür geschoben.

Immer noch geschockt begab sie sich zu ihrem Bett, welches knarzte, als sie sich setzte. Wie alles in ihrem Zimmer war auch das Bett gebraucht. Ihr Vater hatte ihr alle Annehmlichkeiten weggenommen, als er sie in dieses Zimmer verfrachtet hatte. Nur eine Prinzessin, die wusste, wo ihr Platz war, hatte es verdient, Luxus zu besitzen. Evangelina war das aber egal. Sie hatte nie auf Luxus bestanden. Warum ihr Vater meinte, dass ihr das etwas ausmachen würde, auf einem Holzbett zu schlafen, war ihr ein Rätsel.

Mit zittrigen Händen öffnete sie den Brief und begann ihn zu lesen:

Meine geliebte Tochter

Wenn du diesen Brief liest, werde ich nicht mehr bei dir sein. Und es zerreißt mich zu wissen, dich alleine zu lassen. Ich spüre, dass mein Ende immer näher kommt. Ich kann es nicht verhindern, so sehr ich mich auch wehre. Mein Ende kommt. Und alles, was ich tun kann, ist reinen Tisch zu machen. Ich lebe seit vielen Jahren mit einer Lüge, zu der ich gedrängt wurde. Schließlich durfte ich nicht den guten Ruf der Familie riskieren. Zu diesem Zweck ließ ich mich auf einen Handeln ein, den ich im Nachhinein bereut habe. Aber als ich meinen Fehler bemerkte, war es schon zu spät. Da hatte ich schon einen Ehering an meinem Finger und war hochschwanger. Aber nicht von dem Mann, mit dem ich verheiratet war, sondern von dem Mann, den ich als Einziges geliebt hatte. Meliodas war sein Name. Uns war nicht bestimmt gewesen, zusammen zu sein. Er war ein Ritter und ich eine Prinzessin. Ich wusste in der Nacht, als ich mit ihm das erste und einzige Mal zusammen war, dass dies eine Nacht des Abschieds war. Er war abkommandiert worden in ein anderes Königreich. Und er wollte mich nicht dabeihaben, da es zu gefährlich für eine Prinzessin sein würde. Aber wenigstens die Nacht wollte ich mit ihm verbringen. Ich wollte mit ihm zusammenliegen und mich – wenigstens für eine Nacht – der Illusion hingeben, dass dies nur eine von vielen Nächten wäre. Am nächsten Morgen war er schon weg, als ich erwachte. Wir beide wussten nicht, dass diese Nacht nicht ohne Folge geblieben war. Diese süße Folge warst du, mein Engel. Du bist in dieser Nacht entstanden.

Als ich bemerkte, dass ich schwanger, freute ich mich, hieß es schließlich, nicht nur die Erinnerung an ihn in mir zu tragen, sondern auch sein Fleisch und Blut. Ab diesem Moment liebte ich dich mehr als alles andere auf der Welt. Ich wusste aber auch um die Gefahr, die dir drohen würde, wenn herauskam, wer dein Vater war. Nur mein Vater, meine Schwestern und mein Ehemann wussten um deine wahre Herkunft. Mein Vater liebte mich so sehr, dass es ihm nichts ausgemacht hätte, wenn ich dich bekommen hätte, ohne zu heiraten. Er hat mir die Freiheit gelassen. Ich wusste aber, dass, um dich zu beschützen, ich jemand anderes als Vater präsentieren musste. Schließlich wussten viele von der engen Beziehung, die ich zu deinem leiblichen Vater geführt hatte. Es hätte Gerede gegeben. Und wenn es Gerede gegeben hätte, hätte irgendwann jemand angefangen, ernsthaft Fragen zu stellen. Das musste ich verhindern. Dein Wohl war mir wichtiger als meine eigene Reputation. Also heiratete ich nur eine Woche, nachdem ich erfahren hatte, dass ich schwanger war, einen standesgemäßen Mann, der im Gegenzug für einen höheren Rang dich als Tochter akzeptierte. Als bekannt wurde, dass ich schwanger war, stellte niemand Fragen. Alles verlief gut. Bis jetzt.

Dies werden nun meine letzten Worte an dich sein. Er kommt gleich und er soll nicht wissen, dass ich dir die Wahrheit um deine Herkunft schreibe. Er würde mir den Brief ansonsten wegnehmen und ihn verbrennen. Schließlich bist du, wenn ich einmal nicht mehr bin, seine einzige Versicherung auf den hohen Rang. Wüssten alle, dass du nicht seine Tochter bist, dann wäre seine Position nichts mehr wert. Schließlich folgen die Ritter nur den direkten Angehörigen des Königshauses, nicht aber irgendwelchen Männern, die eingeheiratet haben.

Ich muss mich jetzt verabschieden. Ich wünschte, ich könnte mit dir noch mehr Zeit verbringen, um dir von allen Abenteuern zu erzählen, die ich mit deinem Vater verbracht habe. Vielleicht kann er dir davon erzählen, wenn du ihn triffst. Ich würde mir so sehr wünschen, dass du deinen Vater kennenlernst. Mir fehlte der Mut, zu meinem Fehler zu stehen. Verzeih mir, dass ich nicht mutiger gewesen war, als es darauf angekommen war.

Deine dich ewig liebende Mutter

Elizabeth

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Ps. Reviews sind erwünscht. Das verwendete Lied ist "Mama, wo bist" von Lafee...
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