Zwei Jungen auf der Wiese

OneshotDrama, Familie / P16
Regulus Arcturus Black Sirius "Tatze" Black
29.06.2016
29.06.2016
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Hallo !

Es freut mich, dass ihr zu dieser Kurzgeschichte gefunden habt.

Sie ist ein Beitrag zu dem Wer du wirklich bist - Wichteln von Schwan97.
Mein Wichtelkind ist Glitzermatsch und ihre Vorgaben lauteten:

Protagonist: Regulus Arcturus Black
Pairing: keines
Headcanon: Die letzten Gedanken Regulus Black galten seinem Bruder ohne den er eine schreckliche Kindheit gehabt hätte.
Gegenstand: ein Fußball
Setting: möchte ich nicht einschränken

Wie immer gilt:
Alle Figuren und Handlungsorte gehören J. K. Rowling.
Diese Geschichte entspringt meiner eigenen Fantasie und ich verdiene kein Geld damit.

Wie jeder Autor würde ich mich natürlich über Feedback, sei es in Form von Lob oder auch gerne Kritik, freuen.

Viel Spaß beim Lesen!
Vor allem natürlich dir, Glitzermatsch. Ich hoffe, ich konnte dir damit eine Freude machen.

____________________________________________________




An den Dunklen Lord
Ich weiß, ich werde tot sein, lange bevor du dies liest, aber ich will, dass du weißt,
dass ich es war, der dein Geheimnis entdeckt hat. Ich habe den echten Horkrux gestohlen
und ich will ihn zerstören, sobald ich kann.
Ich sehe dem Tod entgegen in der Hoffnung, dass du, wenn du deinen Meister findest,
erneut sterblich sein wirst.
R. A. B.




Kaltes Wasser umschlang ihn.

Wellen brachen über ihm zusammen und drückten ihn in die Tiefe.

Luftblasen wirbelten an ihm vorbei und stiegen in silbrig schillernden Kaskaden empor, während er in die entgegengesetzte Richtung fiel.


Er fiel nicht ungebremst.
Mehr wie eine Feder, die in sanften Wogen zu Boden glitt.
Die Wassermassen mochten über seinem Kopf zusammenbrechen, doch zugleich fingen sie ihn von unten auf. Gewichtstück und Kissen zugleich.
Paradox war das.

Voller Faszination verfolgte er, mit stummem Blick, den Weg der Blasen, als sich ein Schatten über ihn schob.
Dahinter verblasste der grünliche Schimmer, der sich bis eben noch, wie ein Himmelszelt, über ihn gespannt hatte, und damit auch das Glitzern der Luftblasen.
Schade war das, er hätte ihrem munteren Tanz gerne zugesehen. Dass er nicht mehr die Möglichkeit dafür bekam, wusste er, noch ehe sich weitere Schatten hinzugesellten. Einer Decke gleich, legten sie sich zwischen ihn und das Licht.

Hatte er gerade noch in ruhigem Wasser getrieben, spürte er, wie es nun in Wallung geriet. Wellen schwappten gegen seinen Körper, drückten die Massen von allen Seiten gegen ihn.  

Er bemerkte, dass die Nässe schon längst unter seine Kleider gekrochen war. Sie floss über Glieder und Kopf hinweg und saugte sich in Kleidung und Haar fest.
Das wunderbare Gefühl von Leichtigkeit, das ihn beim Anblick der Luftblasen befallen hatte, war mit einem Mal verflogen.
Stattdessen fühlte er sich wie ein Stein, der von unsichtbaren Kräften, unaufhaltsam in Richtung Grund gezogen wurde. Schwer, träge, widerstands –

Ruckartig riss er seinen Kopf herum.

So schwierig das im Wasser auch war, vermeinte er doch, eine Berührung auf seinem Handrücken verspürt zu haben. Etwas Glitschiges, Feuchtes, Fremdes, das nicht die Durchdringbarkeit, der ihn umgebenden Flüssigkeit, besaß. Aber das einzige, was er noch erhaschte, war ein verschwindender Streif.

Womöglich eine Sinnestäuschung; vielleicht spielten ihm seine Augen einen Streich. Nicht verwunderlich, denn so langsam spürte er, wie die Luft knapp wurde. Sein Brustkorb zog sich zusammen und das Pochen in seinem Kopf wurde stärker. Die Zeichen, die ihm sein Körper sandte, waren eindeutig.

Da war es schon wieder!

So schnell es sein Körper erlaubte, warf er sich nach rechts – und kam abermals zu spät. Jedoch nicht zu spät, um erneut den hellen Streif wahrzunehmen.
Sicherheitshalber wandte er seinen Kopf ab und starrte geradeaus in die Tiefe. Nichts, nichts außer Schwärze; womit das helle Etwas keine Einbildung war.

Ohne es zu wollen, wanderten seine Hände über seinen Körper und ertasteten, unter dem Gürtel, das Holz seines Zauberstabs. Schon unzählige Male hatte ihn dieser Griff vor dem Tod bewahrt und Angreifer in die Flucht geschlagen. Sicher hatte er sich gefühlt, überlegen, siegesgewiss.
Aber heute nicht.
Mit dem festen Willen, nicht auf die reizvolle Verlockung zu hören, zog er das Rebholz hervor.

Sein Blick wanderte empor und nun sah er ihre Körper deutlich über ihm kreisen.
Sie zögerten, sie warteten, als wollten sie, dass er in ihre Falle ging.
Dabei war er schon längst hineingetappt.
Freiwillig.

Ihre Anwesenheit verstärkte sein Gefühl der Beklemmung. Schon lange fiel er nicht mehr, sondern hielt sich mit Schwimmbewegungen seiner Beine, auf einem konstanten Niveau. Er schätzte die Wasseroberfläche nur zehn Meter entfernt. Unter normalen Umständen nicht schwer zu erreichen. Doch das Drücken auf seinem Brustkorb wurde mehr und der Atemreiz drängender.
Das Bedürfnis, sich zu entspannen und die Verkrampfung der Lunge zu lösen, hämmerte immer lauter in seinem Hinterkopf, aber er war fest gewillt, es zu ignorieren. Stattdessen sah er den geisterhaften Wesen zu, wie sie weiter hinab sanken.

Eine runde Lichtkugel stob aus der Spitze seines Zauberstabs und schwebte, einer versunkenen Sonne gleich, im Wasser.

Jetzt sah er ihre Körper. Sah, ihre milchigen Augen und ihre fahle Haut. Als hätte man alle Luft aus ihnen gesogen, schmiegte sich diese eng an ihre Knochen. Die Fetzen, die nur fragmentarisch ihre mageren Körper bedeckten, zogen sie wie wallende Umhänge hinter sich her und näherten sich, in faszinierender und erschreckender Langsamkeit zugleich, ihrem Opfer.

Ein Ballett geisterhafter Morbidität war es, das Regulus Arcturus Black schließlich umzingelte.

Ihre weißen Leiber waren überall. Wohin er sich auch drehte, blickte er in ihre ausdruckslosen Augen und sah in ihre fauchenden Münder. Er zählte mindestens zwanzig und ahnte, dass in der blickdichten Schwärze, noch weitere dieser Todesgesellen lauerten.
Sie schienen darauf zu warten, dass er den ersten Schritt tat, denn sie umkreisten ihn in gleichbleibendem Abstand. Hin und wieder schoss aus dem Schwarm eine Hand hervor und griff haschend nach seinem Mantel, zog sich aber jaulend zurück, sobald er sie fortstieß.
Dabei erreichte ihn das, durch das Wasser gedämpfte, hohe Kreischen ohne Verzögerung. Wie ein Stich durchfuhr es ihn und vertrieb für einen Moment, den pochenden Herzschlag aus seinem Gehör.

Es war ihm klar, dass sie sich nicht mehr lange zurückhalten würden. Und auch er selbst war nicht mehr in der Lage, dem Atemverlangen allzu lange Widerstand zu leisten.
Seine Lungen stachen, dass sein Herz schon längst hätte durchbohrt sein müssen, und er merkte, wie seine Gedanken immer verwaschener wurden. In seinem Kopf wirbelte ein Meer aus bunten Farben umher, dass er ihn am liebsten abgerissen hätte.

Verzweifelt schloss er die Augen und versuchte sich auf den silbrigen Sprudel zu konzentrieren. Die Schönheit der Luftblasen einzufangen, ihre beruhigende Langsamkeit auf seinen Körper zu übertragen und seinen bebenden Brustkorb unter Kontrolle zu bringen.
Doch als er meinte, die Gelassenheit zurückgewonnen zu haben und seine Augen öffnete, entwich ihm ein Teil der angehaltenen Luft.

Nur kurz sah er den Blasen hinterher, dann löste er den Blick von ihnen.

Er bedauerte es nicht.

Ihr Verlassen kam ihm mehr einer Erlösung gleich.

Hatte er sich voller Zuversicht und Überzeugung vorgenommen, den letzten Schritt, schnell und schmerzlos, hinter sich zu bringen, so musste er sich eingestehen, abermals versagt zu haben.
Denn was anderes, als sein sich verzweifelt wehrender Lebensgeist, war es, das ihn veranlasste, sich, zu diesen sinnlosen Tätigkeiten, hinreißen zu lassen und das Ende hinauszuzögern?
Was brachte es, dort Schönheit zu suchen, wo keine was? Wieso widmete er der Melange zweier Elemente mehr Zeit, als mancher Person, der er in seinem Leben begegnet war? Doch nur, weil es noch etwas gab, mit dem er noch nicht abgeschlossen hatte.

Regulus stöhnte. Erneut entwich ihm ein Teil der angehaltenen Luft.

Die blassen Körper der Inferi verschwammen und hinterließen nichts als eine schwarze Leinwand vor seinen Augen.
Er merkte, wie sein Atem schneller ging, wie seine Hände sich verkrampften und seine Finger sich fest um den Zauberstab schlossen. Sein Herz pochte und das Klopfen in seinem Kopf schlug in demselben schnellen Takt, während er verzweifelt versuchte, den, sich vor dem schwarzen Hintergrund abzeichnend, bunten Szenen zu folgen.

Szenen, die er glaubte, hinter sich gelassen zu haben.  


⋇ ⋇


Die Black-Brüder standen vor der geschlossenen Tür des Salons und konnten Satz für Satz und Wort für Wort mithören, was sich ihre Eltern an den Kopf warfen. Die keifende Stimme Walburga Blacks war dabei so klar und deutlich zu vernehmen, dass es fraglich war, ob selbst ein Imperturbatio-Zauber sie hätte abschirmen können.
„Wieso streiten sie sich denn schon wieder?“ Regulus trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen und sah zu seinem großen Bruder auf. Der verzog nur die Mundwinkel und schwieg.

„Von wegen ‚Das legt sich mit der Zeit schon‘. Das ist jetzt das dritte Mal in zwei Wochen, dass ich ihn mit dem Muggel erwischt habe und dir fällt nicht mehr ein, als ihm Hausarrest zu geben, Orion? Ich habe dir schon tausende Male gesagt, dass du diese Mätzchen unterbinden sollst, zur Not auch mit härteren Mitteln, aber nie hörst du auf mich!“

„Können sie denn nicht einfach darüber schlafen und dann ist morgen alles vergessen, Sirius? Ich meine: Wen interessiert es denn später, wenn Mum und Dad gestorben sind und dir das Haus und das ganze Geld gehört, ob du als Kind mit dem Nachbarsjungen gespielt hast? Du bist doch dann der Hausherr.“ Das Unverständnis war dem Vierjährigen anzusehen. Er warf einen Blick auf die, mit Schnitzereien verzierte, dunkle Holztür, als könne er dahinter die Gestalten der Streitenden ausmachen und sie, wenn er ihnen nur seine logischen Gedanken unterbreitete, zur Besinnung bringen. „Meinst du, sie denken überhaupt daran?“

Statt Regulus eine Antwort zu geben, legte ihm der Ältere nur seine Hände auf die Schultern, dirigierte ihn mit sanftem Druck von der Tür fort und warf einen letzten Blick auf das Zimmer der Streitenden.

„Komm, Reg. Wir gehen nach oben.“  


Regulus lachte, als er, trotz eines Ausfallschritts, den Ball nicht mehr erreichte und ins Gras plumpste. Er verschwendete keinen Gedanken an das schmerzende Gesäß, sondern rappelte sich auf und schoss die Kugel zurück zu seinem Bruder. Dabei bemühte er sich, genauso viel Kraft in den Schuss zu legen, wie der zwei Jahre ältere.

‚Fußball‘ hatte Sirius den schwarz gepunkteten Ball genannt, den er breit grinsend, von seinem heimlichen Abstecher in das nahe Muggeldorf, mitgebracht hatte. Dafür, dass Regulus hatte Schmiere stehen und die Erwachsenen über Sirius‘ Aufenthaltsort hatte anlügen müssen, hatte er als Gegenleistung verlangt, in das Geheimnis des Balls eingeweiht zu werden. Voller Aufregung und Neugier hatte er den Worten seines Bruders gelauscht und schließlich darauf gedrängt, es selbst ausprobieren zu wollen.

Und wie der Ball flog!
Sirius hatte nicht gelogen. Sirius hatte überhaupt noch nie gelogen. Immer schaffte er es, egal ob durch Tausch oder durch Tricks, den Muggeln ihre Gegenstände abzuluchsen. Und immer weihte er Regulus in die Geheimnisse der erstandenen Wunderwerke mit ein.
Seine, mit verschränkten Armen und ernster Miene vorgetragene, Forderung wäre deshalb nicht nötig gewesen, aber Regulus hatte groß wirken wollen, erwachsen – so wie Sirius.

Dieses Mal schaffte Regulus es, den Fußball zu stoppen. Er trat gerade gegen das weiße Leder, als eine aufgebrachte Frauenstimme ertönte.
„Was tut ihr da schon wieder? Sirius! Regulus! Was soll das? Habe ich euch nicht gesagt, dass ihr die Finger von dem Zeug lassen sollt!“
Regulus‘ Stolz über den gelungenen Schuss verpuffte in einem Moment. Hatte er sich gerade noch groß gefühlt, schrumpfte sein Selbstbewusstsein binnen Sekunden auf die Größe eines Kobolds.

Erst als der Ball einen Yard vor Sirius‘ Füßen zum Liegen kam, wandte er sich widerstrebend um. Dass ihn dort die erzürnte Gestalt seiner Mutter erwartete, überraschte ihn nicht. Die Hände in die Hüfte gestemmt und mit gerötetem Gesicht, fasste sie die zwei Brüder in die Augen.
„Was denkt ihr euch dabei! Dieses Teufelszeug ist nicht gut für euch! Es kommt von Muggeln“, Walburga Black spie das Wort aus, wie man eine verdorbene Schnecke hervorwürgte, „das ist nichts, womit sich ein Zauberer beschäftigt. Es gehört sich nicht! Und außer, dass es den Charakter verpestet, wirft es ein schlechtes Licht auf unsere Familie. Tag für Tag predigen euer Vater und ich euch das. Aber scheinbar ohne Wirkung.“ Sie schüttelte den Kopf, gab ihre bedrohlich wirkende Haltung allerdings nicht auf. „Ich muss ja wohl nicht fragen, wer auf diese Idee kam.“

Statt kleinmütig den Kopf zu senken, reckte Sirius das Kinn in die Höhe und verschränkte die Arme vor der Brust.
Anders Regulus. Schuldbewusst zog er den Kopf ein.

Auf die Beteiligung des jüngeren ging Walburga aber gar nicht ein. Wie immer versteifte sie sich auf den Ursprung allen Übels. „Und du, Sirius, dass du deinen Bruder immer in deine Schandtaten mit hineinziehen musst! Dass du dich nicht schämst! In einem Jahr kommst du nach Hogwarts und dein Verhalten lässt mehr als zu wünschen übrig.“
Ein Donnerwetter an Rügen brach herein, gekrönt von der Verhängung eines einwöchigen Hausarrests – für beide. Für Sirius als Strafe, für Regulus zum Überdenken seiner Tat.

Als irgendwann alles gesagt und auch noch die Drohung, gegenüber ihrer Großtante Cassiopeia ja kein Wort über diesen Vorfall zu verlieren, wenn sie ihren Hausarrest nicht auf zwei Wochen verlängert sehen wollten, ausgesprochen worden war, war die Zeit für den Heimweg gekommen. Beide Jungen folgten klaglos.

Im Rücken der Mutter, warf Regulus einen letzten Blick auf den Fußball, der einsam im Gras zurückblieb.


„Ist schon okay, ihr könnt mich jetzt allein lassen.“
„Nein, wir werden dich nicht allein lassen. Wir werden dich bis zum Zug begleiten.“
„Der Zug ist da drüben, nur fünf Yards entfernt. Das schaff‘ ich schon!“
„Wir werden dich bis zum Zug begleiten!“


Regulus hatte den Anfang des Wortwechsels zwischen seinem Vater und Sirius nicht mitbekommen, konnte aber am Augenrollen seines Bruders und den zusammengekniffenen Zähnen seines Vaters ablesen, dass es wohl wieder einmal um die Ehre und die Tradition des Hauses Black ging. Ein Thema, das die letzten Monate nahezu täglich auf dem Plan gestanden hatte.

„Wir werden dich begleiten, Sirius. Schluss und Ende mit den Diskussionen.“
Walburga Black mischte sich in den Streit ein und vergaß dabei, dass sie den neunjährigen Regulus an der Hand führte. Schwungvoll wurde der mitgerissen und versuchte Schritt zu halten.
Zeit, den Bahnhof, den Zug und die vielen Leute zu betrachten blieb ihm nicht. Nur verschwommen sah er Kinder in Schuluniformen an ihm vorbeihuschen. Hier ein gelber Schal, dort ein roter Umhang. Da drüben eine Gruppe mit blauen Pullovern und da rechts,  blitzte im Getümmel ein grünes Tuch hervor.

Das erste Mal an King’s Cross! Eigentlich hatte Regulus auf dieses Ereignis hin gefiebert. Aber seit Sirius im Streit ihrem Vater vor die Füße geworfen hatte, dass er ganz sicher nicht nach Slytherin gehen werde, lag ein dunkler Schatten über dem heutigen Tag.
Regulus‘ Gedanken gingen sogar so weit, dass er sich in der Nacht gewünscht hatte, der heutige Tag möge einfach übersprungen werden. Mit einem Zeitumkehrer hielt er das für möglich, nur leider besaß er keinen.

Er verstand sowieso nicht, warum so viel Aufhebens um die Hauseinteilung gemacht wurde. Wenn er alles richtig aufgeschnappt hatte, oblag die Entscheidung einem ominösen Hut, der, laut ihrer Mutter, bisher jedes Mitglied ihrer Familie in das Haus der Schlange eingeteilt hatte – mit Ausnahme des einen Großonkels, der sich als Squib erwiesen hatte. Aber das war ja etwas anderes.
Wie Sirius es also anstellen wollte, nicht nach Slytherin sondern nach Gryffindor eingeteilt zu werden, war Regulus ein Rätsel. Und noch viel weniger verstand er, warum Sirius nicht nach Slytherin wollte.
Gehörte es nicht zu einer Familie, dass man aus demselben Holz geschnitzt war? Dass man, nicht nur die dunklen Haare, sondern auch gleiche Eigenschaften vererbt bekam? Und was war an List, Einfallsreichtum und Ehrgeiz so schlimm? Dank seiner Tricks hatte Sirius es doch immer geschafft, die Regeln ihrer Eltern zu umgehen; hatte, auf diesem Weg, zum Beispiel diesen tollen Fußball angeschleppt. War das kein Nachweis seiner List gewesen?
Natürlich waren Mut und Tapferkeit toll, das musste Regulus schon zugeben. Doch war man automatisch feige, nur weil man nicht nach Gryffindor kam?
Sirius hatte sofort bejaht, während seine Eltern gar nicht erst darauf eingegangen waren. Am Ende blieb Regulus grübelnd zurück, mit dem nagenden Gefühl, dass die Antwort nicht so einfach war, wie ihn alle glauben machen wollten.

Da ihm die Aussicht, ab nun die Tage ohne Sirius verbringen zu müssen, sowieso schon auf den Magen geschlagen war, passte es Regulus nicht, dass auch noch dieses andere Übel dazugekommen war.

Selbstverständlich gönnte er seinem Bruder den Schulbeginn und brannte darauf haarklein alle Erlebnisse – von großen und kleinen Abenteuern, missglückten und gelungenen Zaubern, bis hin zu neu gewonnenen Freunden und Feinden – geschildert zu bekommen. Schließlich sehnte er, wie jeder junge Zauberer, seinen eigenen ersten Tag an der Hogwarts-Schule für Zauberei und Hexerei herbei.
Zugleich spürte er aber dieses entsetzliche Loch in seinem Bauch, das nicht von einem leeren Magen herrührte.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge winkte der deshalb dem Zug hinter und ließ die Hand enttäuscht sinken, als sein Winken nicht erwidert wurde.  


Es war der Vorabend des Weihnachtstages und damit eigentlich ein Moment der Besinnung und Friedfertigkeit. Erst recht, da der älteste Sohn, nach seinen ersten Wochen in Hogwarts, wieder zu Hause war. Doch nicht im Hause Black.

Sirius stand ans Treppengeländer gelehnt, die Arme verschränkt, den Blick starr in den Salon gerichtet. Regulus hatte sich zwei Stufen über ihm positioniert.
„Weißt du, die letzten Monate waren sie wirklich in Ordnung“, versuchte er das Verhalten seiner Eltern zu entschuldigen. Er konnte nicht erklären, warum ihm das so wichtig war, denn ihre lauten Wortgefechte waren ja nichts Neues.
Anders, als er befürchtet hatte, war ihm mit Sirius‘ Fortgang nicht die Decke auf den Kopf gefallen. Zwar hatte er sich, bei sämtlichen Verwandtschaftsbesuchen, allein gelangweilt, dafür hatte ihn sein Vater aber sogar einmal zu einem Quidditchspiel mitgenommen. Und die Zauberschachpartien, die sie sich jeden Mittwoch lieferten, hatten Regulus sich stetig verbessern lassen, sodass ihm sein Vater schon einmal unterlegen war. Als seine Mutter das erfuhr, steckte sie ihm sogar einen Schokofrosch zu – ein Detail, das er Sirius gegenüber verschwiegen hatte.

Sirius‘ Antwort ließ jedoch auch so keinen Zweifel daran, dass er nichts auf diese Information gab. Der bittere Unterton, der in seiner Stimme mitschwang, als er verkündete „Kein Wunder, schließlich war ich nicht da“, entging Regulus‘ Gehör nicht.  


„Glückwunsch, damit hast du es ja wieder einmal geschafft.“
Regulus musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass die durchdringende Stimme, mit dem sarkastischen Unterton, seinem Bruder gehörte. Er ignorierte die neugierigen Blicke der anderen und trat aus dem Strom, der zu den Schlafsälen drängenden Schüler, zu seinem, lässig an die Pforte gelehnten, Bruder.
Neben ihm standen drei weitere Jungen, ebenfalls in Gryffindorfarben gehüllt. Der eine groß und schwarzhaarig, der andere unnatürlich blass und mit hellbraunem Schopf und der dritte, der Kleinste, sah so unscheinbar aus wie eine Ratte. Ohne Zweifel mussten das seine Freunde sein, von denen Sirius in den Ferien unablässig berichtet hatte.
Regulus zog die Augenbrauen zusammen, sagte aber nichts.

„Mum und Dad werden stolz sein. Wenigstens einer, der es gepackt hat.“ Sirius lachte und seine Freunde stimmten, mehr oder weniger verhalten, mit ein.

„Was soll das? Willst du mir Slytherin kleinreden, nur weil du es geschafft hast, zu denen zu kommen?“
Regulus nickte abschätzig zu Sirius‘ drei Gefährten. Er konnte sie nicht ausstehen, obwohl er sie noch nicht einmal kennengelernt hatte.
James hier und James dort! Was für tolle Dinge hatten sie schon zusammen erlebt. Und natürlich konnte man mit niemand so gute Pläne schmieden, wie mit diesem intelligenten Köpfchen Lupin.
Wie Regulus diese ständigen Erzählungen auf die Nerven gegangen waren. Natürlich gab es Niemanden, der im Vergleich mit James Potter, Remus Lupin oder Peter Pettigrew bestehen konnte.
Niemand, mit dem man im Entferntesten so viel Spaß haben konnte, wie mit ihnen.

„Als ob ich das nötig hätte.“ Sirius schnaubte. „Dein ganzes Verhalten ist doch schon armselig. Lässt dich von unseren Eltern hier und da betüddeln und nimmst auch noch für bare Münze, was sie dir erzählen. Schon mal nachgedacht, dass nicht alles so ist, wie Mummy und Daddy es dir glauben machen wollen?“

„Was sollte das bringen? Dass ich am Ende so schleimige Typen, wie die, am Hals habe?“

„Hei! Sag so was ja nicht wieder oder –“
Der Junge mit den verstrubbelten, schwarzen Haaren regte sich, bereit sich auf ihn zu stürzen, aber Sirius warf seinen Arm dazwischen. „Schon gut, ich regle das.“
Er schob ihn zurück und wandte sich seinem jüngeren Bruder zu. Mit verschränkten Armen setzte er an: „Findest du es nicht erbärmlich, die Reden unserer Eltern nachzuplappern? Hast du überhaupt schon einmal nachgedacht, was sie bedeuten?“

„Ja, das habe ich. Und stell dir vor, es klingt alles vernünftig!“

„Vernünftig? Pah, das ich nicht lache! Das einzig Vernünftige ist, dass sie mit ihrem Reinblutwahn irgendwann einmal aussterben werden.“

„Woher willst du das wissen? Du hast doch ständig nur mit ihnen gestritten und rundherum alles abgelehnt, was sie getan oder gesagt haben! Nie hast du deine Meinung, zu Gunsten der Familie, zurückgehalten!“
Regulus merkte, dass er Sirius damit überrascht hatte, denn dieser zuckte zusammen. Kurz spähte Regulus zu den Freunden hinüber, aber die hielten sich – wenn auch nur schwerlich –, wie angewiesen, zurück.
Es kümmerte Regulus nicht, dass Sirius an seinem Vorwurf zu schlucken hatte, denn er war nicht mehr der kleine, dumme Junge, der sich ängstlich hinter dem Rücken seines großen Bruders versteckte, sobald Ärger aufzog.
Er war älter geworden.
Älter und selbstbewusster.
Er konnte jetzt allein reden und allein entscheiden.

„Das nimmst du zurück!“, kam es gepresst von Sirius.

„Nein.“

„Gut“, er hielt kurz inne, bevor er fortfuhr, „dann bin ich ja erleichtert, dass wir nicht im gleichen Haus sind und uns nicht tagtäglich begegnen müssen. Schreib unseren Eltern einen Brief, dass du in Slytherin gelandet bist und sie die Elfenweinkorken knallen lassen können. Und wenn du schon dabei bist, kannst du ja erwähnen, dass es mir, in meinem Haus, sehr gut geht. Falls sie das interessiert.“

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wandte Sirius sich ab und marschierte zur Marmortreppe. Seine Freunde folgten ihm.
„Pass nur auf, Bürschchen.“ Der Braunhaarige unterstrich seine Worte mit dem Zücken seines Zauberstabs, doch Regulus nahm die Drohung regungslos zur Kenntnis.  


„Was machst du da?“

„Wonach sieht es denn aus? Dass ich Niffler züchte? Nein danke, das überlasse ich lieber Hagrid.“

Regulus war nicht zu Scherzen aufgelegt und schon gar nicht empfänglich für Sirius‘ beißenden Spott. Er war gerade mit seinem Vater von einem Besuch der Winkelgasse zurückgekommen und hatte, direkt nach Betreten des Hauses, die kreischende Stimme seiner Mutter, aus den oberen Stockwerken, vernommen.
Die wenigen, zusammenhangslosen Brocken, die er aus dem kurzen Wortwechsel, seiner Eltern, entnommen hatte, bis die krachende Küchentür ein abruptes Ende gesetzt hatte, deckten sich mit dem Bild, das er in Sirius‘ Zimmer vorfand.
Schubladen waren herausgezogen, Kleidungsstücke über dem Boden verteilt und zwischen Schulbüchern, Spickoskopen und Süßigkeitspackungen lagen zwei große Koffer sperrangelweit offen. Dazwischen sein Bruder, der, ohne Rücksichtnahme auf Eselsohren oder Bruchgefahr, inmitten des Chaos herumturnte und eifrig Sachen in die Koffer stopfte.

„Was soll das?“, gab Regulus nicht nach.

„Ich ziehe aus.“

„Was?“

„Hast du etwa auch Trollrotz in den Ohren?“

„Wieso ziehst du aus?

„Weil ich es zwischen lauter Reinblutfanatikern nicht mehr aushalte, deshalb.“

Nachlässig landete ein Gryffindor-Umhang auf dem aufgetürmten Kofferinhalt, direkt gefolgt von einem zerlesenen Quidditch-Magazin.
Fassungslos verfolgte Regulus das Geschehen. Die Fragen in seinem Kopf lösten sich zu schnell ab, als dass er es schaffte sie in Worten auszudrücken.
Gestern Abend erst, hatte es wieder einen Streit gegeben. Sirius hatte Zugang zu seinem Schließfach verlangt, den ihm ihre Eltern verwehrt hatten.
Er wolle sich ein Motorrad kaufen, eines jener zweirädrigen, knatternden Ungetüme, die auf Postern in seinem Zimmer hing. Walburga und Orion Black hatten abgelehnt. Erst in einem Jahr, wenn er volljährig sei, könne er selbst auf sein Gold zugreifen. Und da er die letzten Jahre zur Genüge unter Beweis gestellt habe, dass man sich auf ihn nicht verlassen könne, würden sie auch nicht ihre Erlaubnis zu einer verfrühten Vollmacht geben.
Wutschnaubend war Sirius in sein Zimmer verschwunden, aus dem Regulus ihn erst kurz vor seinem heutigen Aufbruch, hatte grußlos herauskommen sehen. Natürlich zu spät für das Frühstück und natürlich in knittrigem Schlafanzug und mit zerzausten Haaren.
Regulus hatte nichts gesagt. Er wusste, dass jegliches Aufmerksam machen, auf Missachtungen der ungeschriebenen Hausregeln, nur unnötigen Zündstoff lieferte. Es lag nicht in seinem Interesse, den Keil zwischen Sirius und ihren Eltern weiter ins Holz zu treiben. Nur leider war seine Zurückhaltung nicht von Erfolg gekrönt gewesen.

Schon oft hatte Sirius damit gedroht auszuziehen. Hatte ihren Eltern an den Kopf geworfen, dass er sie nicht brauche, dass er viel besser ohne sie auskomme und dass er sie verwünsche, ihn in diese Familie hineingeboren zu haben.
Unbedachte Worte. Im Zorn gesprochene Worte. Worte ohne Absicht und Wahrheit – für mehr hatte Regulus das nicht gehalten.

„Und wo willst du hin?“ Regulus verschränkte die Arme.

„Zu James. Seine Familie hat nämlich nichts gegen mich.“

Wären all die vergangenen Streitereien nicht gewesen, hätte es Regulus traurig gemacht, diesen Vorwurf aus Sirius‘ Mund zu hören. Da dem allerdings nicht so war und in den letzten drei Jahren, die Erkenntnis in ihm gewachsen war, wunderte es ihn nicht, dass Sirius mit seinen Eltern abgeschlossen hatte. Er hatte es schon längst aufgegeben, auf eine Versöhnung hinzuarbeiten.
Aber, dass Sirius nun offensichtlich auch ihn in seine Verwünschungen miteinschloss, traf Regulus.

Ihre Auseinandersetzung am ersten Tag seiner Schulzeit, stand ihm noch gut vor Augen. Dass das nicht ihre letzte Begegnung gewesen sein sollte, war bei der begrenzten Anlage von Hogwarts, nicht verwunderlich. Waren ihre Treffen zu Beginn von strikter Ignoranz und abruptem Umkehren gezeichnet, verfloss die Härte mit der Zeit zu stummen Schweigen. Erst die Ferien und das damit verbundene, erzwungene Zusammensein brachten eine Besserung in ihr Verhältnis. Die Anwesenheit des jeweils anderen wurde mit einem Kopfnicken zur Kenntnis genommen.
Zu Hause kam es zu dem stillschweigend vereinbarten Abkommen, nicht über ihre Differenzen zu sprechen und sämtliche brisante Themen außen vorzulassen. So war es möglich, dass sie über Quidditch-Ergebnisse und Besenneuheiten debattierten, während in ihren Unterbewusstsein die Rivalität weiterglomm. Gab es keinen Anlass, gemeinsam Zeit zu verbringen, verzog sich jeder in sein Zimmer.
Dass ihr früheres, enges Verhältnis merklich abgekühlt war, entging niemandem. Die meisten erklärten es sich damit, dass Reibereien zwischen Jungen, in der schwierigen Phase der Jugend, ganz natürlich seien. Auch darum hatte Regulus es geschafft, die Illusion heraufzubeschwören, dass sie, wenn es hart auf hart ging, zusammenhalten würden.

Ein Kloß steckte ihm im Hals. „Und du willst jetzt abhauen? Einfach so?“

„Jep, einfach so“, der Deckel des einen Koffers wurde zugehauen, „stell dir vor, das geht.“

Regulus achtete nicht mehr darauf, was und in welchem Zustand alles eingepackt wurde. Sein Blick war auf die Wände gefallen. Von der silberfarbenen Tapete war nichts mehr zu sehen. Großformatige Bilder hingen dort, in bunten Farben und mit zweifelhaften Abbildungen. Aber es waren nicht die Motorräder oder die nahezu unbekleidete Frauen, die seinen Blick gefangen hielten. Es war das Scharlachrot, das ihm ins Auge fiel.

„Das ist feige.“

Das wilde Gekrame hörte auf und Sirius hob den Kopf. Mit gerunzelten Augenbrauen musterte er ihn und verzog kräuselnd die Nase. „Das ist nicht feige.“

„Doch, das ist es. Du warst doch so stolz darauf, nach Gryffindor zu kommen. Wolltest dich von uns abheben, wolltest anders sein. Besser. Und nun schaffst du es noch nicht einmal die Tugenden deines Hauses aufrecht zu halten.“
Endlich sprach er es aus! Es hatte schon lange in ihm gegärt, aber nie hatte er es anklingen lassen. Diese unsägliche Häusereinteilung war schuld! Schuld daran, dass sie sich auseinandergelebt hatten. Gäbe es keine Häuser, wären die Differenzen zwischen Sirius und ihren Eltern vielleicht rettbar gewesen.
Nie wären ihre Streitigkeiten auf diese Ebene gehoben worden. Nie wäre es zu diesem endgültigen, absoluten Streit gekommen. Nie würde er in Sirius‘ Zimmer stehen und ihm ohnmächtig dabei zuschauen müssen, wie er von zu Hause auszog.

„Du verstehst es nicht. Du verstehst es wirklich nicht.“ Ernüchtert schüttelte Sirius den Kopf.

Was verstehe ich nicht?“

„Dass es mir nie um das blöde Gefasel eines verschlissenen, alten Hutes ging! Dass ich nicht wegen dem Mut nach Gryffindor wollte, sondern weil ich nicht so sein wollte wie ihr! Kein Haufen ignoranter und kleingeistiger Zurückgebliebener, die in ihrer Fantasiewelt leben, wo nur Reinblüter die Guten und alle anderen die Bösen sind!“
Sirius packte einen Stapel Bücher und schmiss ihn in den Koffer. Je länger er gesprochen hatte, desto lauter war seine Stimme geworden. Passend zum Wurf, überschlug sie sich.
„Mir nicht vorschreiben lassen zu müssen, was ich zu tun und zu denken habe - das ist es, was ich will!“

„Findest du das nicht etwas kleingeistig?“

„Nein, denn anders als ihr, sehe ich, dass es Schwachsinn ist, was ihr treibt!“

„Was soll daran schwachsinnig sein, wenn man sich für den Zusammenhalt der Familie einsetzt? Wenn man sich an ein paar Regeln zu halten hat, die nur der Sicherung des Ansehens dienen?“
Ohne es zu wollen, war auch Regulus in einen lauten Ton verfallen.

„Weil Muggelfeindlichkeit kein positiv belegtes Verhalten ist! Weil ich erkenne, dass die Muggel nicht unsere Feinde sind!
Außer dem Zaubern unterscheidet uns nichts von ihnen und doch behandelt ihr sie, und alle anderen unmagischen Lebewesen, wie Dreck. Das ist es, was mich ankotzt. Dass ihr alle diesen kruden Theorien und ihren abscheulichen Verfechtern anhängt!“

Parallel zu seiner Wutrede, hatte Sirius weitere Bücher zusammengesammelt und ließ sie in den Koffer fallen. Während er schnaufend die Koffer verschloss, rasten durch Regulus‘ Kopf einzelne Wortfetzen.
Er wusste gar nicht, welcher von Sirius‘ Vorwürfen ihn am meisten quälen sollte, so sehr verstörte es ihn, solche Worte aus dem Mund seines Bruder zu hören. Mühsam schluckte er den nach oben drängenden Kloß in seinem Hals hinunter und blinzelte, um die Tränen zurückzuhalten.
Es hatte ihm wortwörtlich die Sprache verschlagen.

Sirius musste die Stummheit seines Bruders nicht entgangen sein.
Nachdem er die Koffer aufgestellt hatte, ließ er die Hände sinken und sah ihn an. Seine Schultern hingen kraftlos nach unten und zum ersten Mal fiel Regulus auf, dass seinen Gesichtszügen eine gewisse Müdigkeit nicht abgesprochen werden konnte.

„Du hattest früher nie etwas gegen sie“, meinte Sirius mit leiser Stimme.

Die plötzliche Stille in dem Zimmer schien greifbar zu sein. Durch die halbgeöffneten Läden drangen Sonnenstrahlen in den Raum und ließen Staubteilchen in ihrem Licht tanzen.

„Nein.“

„Du wolltest unbedingt mit den Sachen spielen, die ich von ihnen ertauscht hatte. Die Murmeln, der Drachen, der Fußball, …“

„Nein.“
Regulus kniff die Augen zusammen und verschränkte trotzig die Arme. Er wusste, worauf sein Bruder aus war. Er wollte ihn umstimmen, ihn schwach machen, dass er nachgab. Aber Regulus gab nicht mehr nach.
„Das mochte damals so gewesen sein, aber das ist heute nicht mehr so. Es waren Fehler. Dumme Fehler, die ich nicht mehr machen werde.“

Er hatte eingesehen, dass es Fehler gewesen waren.
Es war falsch gewesen, für diese primitiven Dinge Begeisterung verspürt zu haben.
Sie hatten nichts Magisches an sich, waren gewöhnliche Kugeln, normales Papier und eine hohle Lederhülle gewesen. Nichts, was ein Interesse rechtfertigte.
Regulus hatte erkannt, dass seine Eltern Recht gehabt hatten.

Als er nichts weiter sagte, regte sich sein älterer Bruder wieder. Er nahm seinen Zauberstab, der unberührt von allem Chaos auf dem Bett gelegen hatte, steckte ihn sich unter den Arm und griff die beiden Koffer.

Schweigend verfolgte Regulus alles und musste mitansehen, wie sein Bruder, ohne nochmals innezuhalten oder ihm Lebewohl zu sagen, durch die Tür trat und verschwand.
 

Stumm stand Regulus hinter seiner Mutter und starrte auf den Wandteppich der Familie Black. Zwischen den Köpfen ihrer Urahnen, zierten fünf schwarze Brandlöcher den samtgrünen Stoff.
Auch sein eigener war darunter und starrte ihn mit den schulterlangen Haaren, dem schmalen Kinn und den grauen Augen an, als wolle er sich an seiner Apathie weiden.
Regulus musste seinen Blick nicht weit schweifen lassen, um das Bildnis eines, nur wenige Jahre älteren, aber ebenso gut aussehenden, jungen Mannes zu finden.

Sirius Black verkündete die Schrift unter diesem Kopf.

Er wusste, was nun kam und hätte am liebsten die Augen davor verschlossen.
Wie kindisch er doch vor drei Jahren gewesen war, anzunehmen, er sei mit dem Eintritt in Hogwarts erwachsen. Es war kein Zeichen von Reife und Alter, sondern von Naivität und Dummheit gewesen, dass er glaubte, niemanden mehr zu brauchen, der ihn beschützte.
Jetzt, in diesem Moment, wünschte er sich nichts sehnlicheres, als den festen Händedruck seines Bruders auf der Schulter zu spüren, wohlwissend, dass dies unmöglich war.

Noch blitzte ihn das schelmische Zwinkern regungslos an. Doch bald würde, außer einem schwarzen Loch, dort nichts mehr zu sehen sein.
Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, wie seine Mutter ihren Zauberstab hob und auf das Bildnis richtete.

Als sie den Zauber aussprach, schloss er die Augen.  


Regulus legte die Feder beiseite und betrachtete das Stück Pergament. Eigentlich sollte er sich jetzt verängstigt oder erleichtert fühlen, aber keines der beiden Gefühle konnte seinen aktuellen Gefühlszustand beschreiben.

Vor einer Woche, als Kreacher zitternd und schreiend nach Hause gekommen war, hatte es ihn vor Wut und Hass schier zerfressen. Er hatte die Aggression, die Wut, den Ärger in seinem Körper gespürt und es für unmöglich gehalten, dass er jemals wieder aus diesem Delirium an schäumenden Emotionen würde heraustreten können.

Die Beherrschtheit war erstaunlich schnell zurückgekommen. Als wäre es etwas Alltägliches, hatte sein Verstand die Oberhand gewonnen und ihn dorthin getrieben, wo er Antworten zu finden hoffte.
Er hatte die Bibliothek der Blacks auseinandergenommen. Seite um Seite, Buch um Buch hatte er sich durch die Lektüre Dunkler Magie gearbeitet, bis er darauf gestoßen war.

Ungewissheit wurde zu Gewissheit, Unwissen zu Wissen.

Was dann folgte, war einfach gewesen. Ohne zu zögern hatte er sich entschieden. Kein langes Abwiegen und Überdenken – sein Entschluss hatte festgestanden.

Wahrscheinlich war es diese Einfachheit gewesen, die ihn, am Tag nach der Entscheidung, mit Sorgen und Zweifeln und Reue und Bedauern bestraft hatte. Ohne Vorwarnung, wie die plötzliche Wucht eines Wellenbergs, hatten sie ihn erwischt und von einer Station zur nächsten getrieben, unbekümmert, ob die einzelnen Erinnerungen mit guten oder schlechten Empfindungen verknüpft waren. Und obwohl sie so verschieden gewesen sind, hatte es in ihnen eine Konstante gegeben: sein Bruder.

Regulus strich die Haare aus seinem Gesicht und fuhr sich über die Stirn.
Nun lag das Tief schon zwei Tage zurück und doch lauerte es noch in seinem Hinterkopf. Weiter, als es dorthin zu verdrängen, war er nicht gekommen. Die Angst, vor den Bildern, den mahnenden und rügenden Worten, die sie mit sich trugen, wog zu schwer.
Scham und Reue erfüllten ihn, wenn er daran zurückdachte, zu welchen Taten er sich, durch falsche Leitung, hatte hinreißen lassen.

Natürlich gab es Ausflüchte; mehr als genug.

Er könnte die Schuld auf seine Eltern schieben. Könnte sie dafür verantwortlich machen, dass sie ihn mit Aufmerksamkeiten umgarnt und an sich gebunden hatten. Jegliche Rebellion wurde im Keim erstickt, noch ehe sie ans Tageslicht treten konnte.

Er könnte die Schuld auf seinen Bruder schieben. Könnte ihn dafür verantwortlich machen, dass sein egoistisches Streben nach Unabhängigkeit ihn nach Harmonie und Zusammenhalt hatte hungern lassen. Dass es ein natürliches Produkt der Umstände war, dass er sich in die Sicherheit geflüchtet hatte, statt selbst die Augen zu öffnen.

Er könnte die Schuld auf sich selbst schieben. Könnte sich dafür verantwortlich machen, dass er den Verlockungen nachgegeben und den einfachen Weg gewählt hatte. Kindliche Naivität über die bedingungslose Liebe und den Gehorsam den Eltern gegenüber – das war sein Fehler gewesen.

Er könnte sogar noch viel weiter gehen. Könnte Gesellschaft, Tradition und Konventionen dafür verantwortlich machen, dass ihre Familie gescheitert und er in den Fängen eines mordenden Ungeheuer gelandet war.

Aber das wäre zu einfach.
So einfach, wie auf die Frage, nach alleinig, unter dem Schild des Löwen, vorhandener Tapferkeit, nur mit Ja oder Nein zu antworten.
In Wahrheit war alles viel komplexer.
Und diese Komplexität war es, die Regulus zu schaffen machte.

Sein Blick fiel auf den Schreibtisch. Einsam und verlassen lag das kleine Stück Pergament da, nur die im Luftzug flackernde Kerzenflamme warf ihre zuckende Helligkeit über die Nachricht. Die braune Tinte war noch leicht feucht, sodass er warten musste, um es falten zu können.
Als die Standuhr zur vollen Stunde schlug, zuckte er zusammen. Neun Uhr zeigte sie an, noch eine Stunde bis seine Eltern von ihrem Besuch bei Cassiopeia zurückkehren würden.
Es schien ihm wie ein Glücksfall, dass sie nicht hier waren. Dass sie ausgerechnet in der Woche verreist waren, die den entscheidendsten Wendepunkt in seinem Leben markierte.

Er hatte sich ihnen nicht anvertraut. Weder hatte er ihnen von den schockierenden Folterungen erzählt, bei denen die Opfer stundenlang litten bis sie den Todesstoß versetzt bekamen, noch von den verzweifelten Blicken und Schreien der Eltern, wenn sie zusehen mussten, wie ihre Kinder, von Flüchen getroffen, zu Boden stürzten.
Regulus musste nicht einmal vor Ort sein um ihre gellenden Schreie in seinen Ohren nachhallen zu hören oder abermals in ihre verzweifelten Augen zu blicken.
Angst, Sorge, Opferungsbereitschaft und Liebe hatte er in ihnen stehen sehen.
Liebe, die nicht einmal in dem Moment erlosch, als der rote Schein des Fluchs sich in ihren Augen reflektierte.

Nie hatte er diese bedingungslose Liebe von seinen Eltern erfahren, wie er sie, im Gegenzug, ihnen jahrelang entgegengebracht hatte.
Daher besaßen sie auch kein Recht, auf seine getroffene Entscheidung, Einfluss zu nehmen.

Was sein Bruder vor vier Jahren getan hatte, tat nun endlich auch er. Ihre Abwesenheit machte es ihm nur wesentlich einfacher.

Vorsichtig fuhr Regulus mit einem Finger über die geschwungene Schrift. Nichts verwischte. Sorgfältig schlug er das Pergament mehrmals um, bis er annahm, dass es in seinen künftigen Aufbewahrungsort hineinpassen würde. Dann stand er auf, steckte den gefalteten Zettel in seine Hosentasche und holte seinen Zauberstab vom Nachttisch.
Im Türrahmen blieb er stehen und ließ seinen Blick ein letztes Mal durch das Zimmer wandern. Ohne Wehmut strich er dabei über das weiche Himmelbett mit den grünen Vorhängen, die sorgfältig mit Zeitungsauschnitten und Bildern beklebte Wand, den nahezu leeren Schreibtisch und den, in einer Wandhalterung aufbewahrten, Nimbus 1500.

Restinctio!“

Die Kerzenflamme erlosch und das Zimmer versank in Dunkelheit. Der dunkle Schemen unter der Tür verschwand und als nächstes waren sich entfernende Schritte zu hören.


⋇ ⋇


Wie Lichtblitze schossen die Bilder vergangener Tage durch seinen Kopf. Er wusste nicht, warum er sie nochmal erleben musste, warum er nochmal den ganzen Schmerz und das geschehene Leid spüren musste. Hatte es nicht schon gereicht, dass sie ihn, direkt nach seinem Todeswunsch, in der Nacht überfallen hatten?

Vorbei – vergangen – vorüber.
Er konnte nichts mehr ändern, so sehr er es sich wünschen mochte. Selbst für einen Zeitumkehrer war es zu spät.

„Da gibt es nichts mehr, was mich hält“, versuchte er ohne Unterlass gedanklich herunterzubeten. Aber so willenlos wie sein Körper im Wasser schwebte, so willenlos war sein Geist. Je mehr er sich anstrengte nicht daran zu denken, desto mehr rückte es in den Vordergrund.
Mit seinen Eltern mochte er abgeschlossen haben, aber mit einer anderen Person nicht. Doch dafür war es zu spät.

Er hatte lange abgewogen, ob er jemanden einweihen sollte. Natürlich nicht seine Eltern, aber Albus Dumbledore war ihm kurz durch den Kopf geschossen. Viel länger war er allerdings bei Sirius Black hängen geblieben.

Ihm stand sein Bruder noch so lebhaft vor Augen, als wären sie erst vor kurzem auseinander gegangen, dabei lag ihre letzte Begegnung vier Jahre zurück. Für einen Zauberer war das keine lange Zeit, aber für den Bruder in ihm schon.
Regulus sah das ausdruckslose Gesicht, als er ihn angelogen hatte. Wie viel lieber hätte er jetzt das fröhliche, das lachende Gesicht vor sich gehabt – den Sirius, der mit seinem Bruder über Feld und Wiese tobte und mit prahlerischer Miene von seinen Streifzügen erzählte.
Aber es sollte wohl sein Schicksal sein, das schmerzhafte Auseinandergehen nicht zu vergessen.

Regulus hatte gezögert. Er hatte ernsthaft in Erwägung gezogen, seinen Bruder aufzusuchen und ihm alles zu beichten. Beginnend mit dem schrecklichen Fehler, den er damals gemacht hatte und damit endend, dass es ihm leid tat.

Wüsste er nicht um seine Atemnot und das ihm in die Haut schneidende kalte Wasser, hätte es ihn nicht verwundert, wenn durch seine Schuldgefühle sein Herz zerbersten würde.
Es gab keine Worte, die nur annähernd beschreiben konnten, was er fühlte.

Unter anderem dieser Einsicht wegen, hatte er es dann nicht getan. Die Schuld, die er auf sich geladen hatte, konnte er nicht gutmachen, und die Sorge, sein Auftauchen würde nicht willkommen geheißen, hatten ihn im Grimmauldplatz verharren lassen.
Feige war das. Vielleicht nicht verwunderlich, da er kein Gryffindor war, aber auf jeden Fall entsprach es seinem Charakter.
Das einzige, was er hätte machen können, wäre gewesen, die Beschuldigungen anzuhören und auf sich zu nehmen. Doch Regulus war sich sicher, dass sie – egal wie groß ihre Zahl auch sein mochte – niemals so schwer wiegen konnten, wie seine eigenen Vorwürfe. Und wenn er es nicht einmal schaffte, sich selbst die Absolution zu erteilen, wie konnte er dann ein mögliches Verzeihen seines Bruders annehmen? Es würde ihn nur viel tiefer in seine eigene Schuld treiben.

Daher konnte er nichts Besseres tun, als die Offenbarung und ihre Verantwortung allein zu tragen. Er würde niemanden in Gefahr bringen, er musste sich weder Anklagen noch Erbarmen aussetzen und – so hoffte ein kleiner Funken in ihm – es würde ihn endlich mit sich ins Reine bringen.

So schwer es Regulus gefallen war, er hatte seinen Bruder nicht mehr aufgesucht.
Er sollte weiter nur das Schlechteste von ihm denken und nicht bereuen, dass ihr Verhältnis so zerrüttet geworden ist.

Das Kind in ihm bereute diesen Entschluss, aber der Erwachsene ignorierte das Kind.

Erleichterung durchströmte ihn, als es ihm gelang, die Augen aufzureißen. Regulus musste mehrmals blinzeln, bevor er Konturen wahrnahm. Und selbst dann blieben sie vage und verschwommen. Die greifenden Hände der Inferi waren nicht mehr als ein weißer Streifen in seinem blinden Sichtfeld.
Stattdessen klang das Geräusch des verdrängten Wassers dröhnend in seinen Ohren wieder. Verzweifelt presste er die Hände auf die Ohren, aber war zu schwach und rutschte mehrmals ab. Erschöpft gab er auf.
Dafür spürte er seine Gliedmaßen. Waren zuvor alle seine Sinne auf die Bilder und seinen inneren Kampf gerichtet, entdeckte er jetzt seinen Körper wieder. Schwerelos schwangen seine Arme im Wasser und angenehm kribbelten seine Zehen.
Regulus legte den Kopf in den Nacken und blieb mit seinem Blick an der Leuchtkugel hängen. Eine Wärme durchströmte ihn, die er an seiner Haut nicht fühlen konnte.

Er wusste es. Die Zeit war gekommen.

Als er den Mund öffnete blickte er noch immer in das mattgelbe Licht und nahm nur am Rande wahr, dass Wasser seinen Rachen hinunterlief. Er spürte, wie sich seine Brust zusammenzog, um den Eindringling hinauszubefördern und merkte auch, wie sich sein Körper unter dem Hustenreiz krampfte.
Er kämpfte nicht dagegen an, sondern ließ zu, dass ihm Sekunde für Sekunde immer mehr die Luft und das Bewusstsein schwanden.

Das Stechen in Brustkorb und Kopf wurde schwächer.

Die schneidende Kälte verschwand.

Sein Körper wurde leichter.

Er wollte nachsehen, ob er seinen Zauberstab noch in der Hand hielt, aber das helle Leuchten verdunkelte sich und nahm ihm die Sicht.

Schon wieder befand er sich in dem seltsamen Schattentheater.

Regulus erinnerte sich, was er vorhin dort gesehen hatte.


Zwei Jungen, die sich davon gestohlen hatten und ihre Freiheit genossen.

Zwei Jungen, die lachend einen Ball hin und her schossen.

Zwei Jungen, die den Moment lebten.



Dann kam die Schwärze.






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* Für alle, die es interessiert und die zu faul sind nachzurechnen: Das Alter von Regulus in den einzelnen Rückblicken beträgt 4, 8, 9, 10, 11, 14 und 18 Jahre. Da keine Angaben zu seinem Geburtsdatum bekannt sind, habe ich seinen Geburtstag in den September gelegt.
Für Sirius‘ Alter sind jeweils 2 Jahre dazu zu addieren.

** Restinctio
    Zauberspruch, der normal oder durch Incendio entzündete Flammen ersterben lässt
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