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Omoidase!!

von IamHotaru
GeschichteRomanze / P12
Gary Ib OC (Own Character)
27.06.2016
04.09.2016
3
4.412
2
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Dieses Kapitel
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27.06.2016 1.344
 
Kapitel 1

„Ib! Wach auf, du kommst zu spät!“
Langsam schlug ich die Augen auf und blickte in das verschwommene Gesicht meiner Mutter. Verwirrt setzte ich mich auf und warf einen Blick auf meinen Wecker. Halb acht.
„Verdammt!“, rief ich und sprang auf. Das gab es ja wohl nicht. Meine erste Klassenfahrt seit Langem und ich verschlief!
„Wenn du dich beeilst, schaffst du es. Mach schon!“, drängte meine Mutter mich, woraufhin ich sie aus meinem Zimmer scheuchte. Hastig warf ich mich in Rock, Hemd und Strümpfe und kämmte meine Haare in Windeseile durch, was zwar höllisch wehtat, allerdings eine Menge Zeit sparte. Dann hopste ich in unser Badezimmer und erledigte den Rest, um mich wenigstens ein wenig ansehnlicher zu machen. Frustriert stopfte ich das Brot, das meine Mutter mir aus Güte und Liebe zubereitet hatte, in meine Tasche. Mein Vater grinste schadenfroh, als er den Koffer in das kleine, aber gemütliche Auto hob und um punktgenau zwei vor acht stand ich hechelnd neben meiner Lehrerin und entschuldigte mich direkt dreimal. Sie schüttelte nur den Kopf.
„Du bist immerhin nicht die einzige, die zu spät kommt“, murmelte sie und sah an mir herab. „Keine Jacke dabei? Du holst dir in London noch den Tod.“ Richtig. Ich hatte meine Jacke vergessen. Natürlich.
„Wird schon gehen – irgendwie“, antwortete ich und suchte meine Klasse mit den Augen ab, um herauszufinden, wer zu spät war, doch niemand fehlte. Alle waren da. Also musste es wohl dieser neue Aushilfslehrer sein, der sich freiwillig für die Klassenfahrt gemeldet hatte.
Der Bus kam an und meine Lehrerin, Frau Marseller, diskutierte beinahe zehn Minuten lang mit dem Busfahrer, ehe sich eine Gestalt aus der Ferne erkennbar machte. Die Person begann zu joggen und schon bald konnte ich einen hochgewachsenen, jungen Mann ausmachen.
Und er kam mir so vertraut vor, dass ich sofort die Hand nach ihm ausstreckte, als er den Bus erreicht hatte. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, sprang er in den Bus und begrüßte Frau Marseller, die etwa in seinem Alter sein musste.
„Tut mir leid, dass du so lange auf mich warten musstest, Jess“, sagte er und grinste. Es störte mich, dass die beiden sich so nah zu sein schienen, obwohl ich ihn nicht kannte. Er war nur ein Aushilfslehrer, und doch hatte ich das Gefühl, dass er etwas Besonderes war.
„Ib, sag den anderen doch bitte Bescheid, dass sie jetzt einsteigen können“, rief Frau Marseller, setzte sich hin und gab dem neuen Lehrer ihr charmantestes Lächeln. Damit hatte ich sicherlich nicht gerechnet. Vollkommen perplex winkte ich meinen Klassenkameraden zu und verschwand im Bus, was sie mir auch sofort nachtaten. Zögerlich setzte ich mich an den Fensterplatz drei Reihen hinter meiner Lehrerin und sah unauffällig zu dem Mann, der sich sofort zu Frau Marseller setzte, was natürlich zu erwarten gewesen war. Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, dass er dort nicht hingehörte. Dass er überhaupt nicht hier sein sollte. Und dass ich nicht in einem Bus sitzen und auf seinen Hinterkopf starren sollte.
Es war alles so falsch.
Sobald sich alle hingesetzt hatten, standen die zwei Lehrer auf und kontrollierten, ob meine Mitschüler und ich angeschnallt waren. Zu meinem Glück war der Platz neben mir frei geblieben und ich war bereits angeschnallt, sodass Frau Marseller mich nur kurz ansah und direkt weiterging. Ich konnte es nicht ausstehen, wenn sie sich mit mir unterhielt – ihre fröhliche, süße Art erinnerte mich viel zu sehr daran, wie grau und deprimierend meine Persönlichkeit war.
Langsam setzte sich der Bus in Bewegung und rollte los, und auch die beiden setzten sich wieder hin. Meine Klasse lärmte los und gab kund, wie sehr sie sich auf die Fahrt freuten, wobei sie mir etliche Male Papier an den Kopf warfen und ab und an meinen Namen riefen, doch ich schaltete ab und sah aus dem Fenster. Es begann zu regnen, zuerst winzige Punkte auf der verschmutzten Fensterscheibe, und bald große, dicke Tropfen, die ein lautes Trommeln in meinem Ohr verursachten.
Meine Klassenkameraden verhielten sich durchgehend wie Grundschüler, obwohl wir nun mittlerweile in der zehnten Klasse und somit fast alle sechzehn waren. Ich war eine der wenigen, die noch fünfzehn waren, und trotzdem um einiges weniger kindisch als meine Mitschüler.
„Hey, Ib! Halt die Klappe, du redest zu viel!“, hörte ich jemanden rufen. Natürlich. Ich konnte nicht sagen, dass ich einen Wert darauf legte, was diese Menschen sagten – sollten sie doch von mir als zu still oder verklemmt denken, es war mir egal. Doch dass dieser Aushilfslehrer, der es doch eindeutig gehört haben musste, nichts unternahm, irritierte mich. Und es irritierte mich noch mehr, dass ich so etwas von ihm erwartete.
Heute war definitiv etwas nicht richtig mit mir. Ich verschlief, vergaß meine Jacke, und bildete mir zu allem Überfluss ein, dieser Lehrer wäre etwas Besonderes und dass ich ihn kannte, was eindeutig nicht der Fall war.

Die Busfahrt über passierte nichts mehr. Zumindest nichts, das erwähnenswert wäre. Und als wir an der Herberge ankamen, geschah zunächst auch nicht viel. Die Gruppen wurden ihren Zimmern eingeteilt – und ich wurde einer Gruppe eingeteilt, da ich nicht alleine schlafen durfte.
„Melanie, Christine, Charlotte – würdet ihr vielleicht Ib in euer Zimmer aufnehmen?“, fragte Frau Marseller und lächelte die drei Mädchen zuckersüß an. Diese stöhnten bloß auf.
„Kann die nicht ein Einzelzimmer kriegen?“, fragte Christine dreist. Um mir einen bissigen Kommentar zu verkneifen, biss ich mir auf die Unterlippe und riss mich am Riemen.
„Willst du wirklich, dass sie alleine schläft? An so einem Ort?“, fragte Frau Marseller irritiert. Ich hätte beinahe laut aufgelacht. Sie wusste anscheinend tatsächlich nicht, was es bedeutete, gehasst zu werden.
„Es macht mir nichts aus“, warf ich ein, doch Frau Marseller bestand darauf und schon bald saß ich mit den drei Mädchen in einem Zimmer fest. Nach etwa fünf Minuten hatte ich mein Bett fertig bezogen und meinen Koffer darunter geschoben, während die anderen noch darüber diskutierten, wie man Kissenbezüge zuknöpft und wer der heißeste Typ der Klasse ist, wobei Letzteres deutlich im Vordergrund stand.
„Eindeutig Max. Sein Lächeln ist so süß!“, schwärmte Melanie und ließ sich rückwärts auf ihr Bett fallen. Ich seufzte leise und grub in meinem Koffer nach meinen Schlafklamotten, um mich umzuziehen.
„Was denkst du, wer der heißeste Kerl ist, Ib?“, fragte Charlotte mich, ehe ich in das gegenüberliegende Badezimmer fliehen konnte. Ich zögerte, dann zuckte ich mit den Schultern und verließ den Raum so schnell wie möglich. Ich beeilte mich so sehr, dass ich geradewegs in jemanden hinein stolperte.
„Oh, äh… tut mir echt leid“, sagte ich und sah zu dem Jungen auf, der mir ein nettes Grinsen schenkte. Mal jemand, der nicht ekelhaft zu mir war. Wow.
„Macht nichts, Ib. Sei vorsichtig“, sagte er und ging weiter. Verdutzt stand ich noch ein paar Sekunden da, bevor mir der Name des Jungen einfiel. Das war Max gewesen.
Nachdem ich mich umgezogen hatte, schlich ich zurück in das Zimmer der Mädchen, die mich anstarrten wie einen Spanner, der geradewegs mit Kamera in die Umkleide marschiert war.
„War das eben nicht Max?“, fragte Charlotte mich. Logisch, sie hatten mich wohl gehört wie ich eine Entschuldigung gestammelt hatte.
„Möglich“, sagte ich nur und legte mich in mein Bett. Die anderen blendete ich aus und schlief auch relativ schnell ein. So schnell, wie es mit drei laut gackernden Hühnern eben möglich war.

Ich renne, so schnell wie möglich, denn ich weiß, dass das, was hinter mir her ist, mich umbringen wird, sollte es mich erwischen. Meine Lunge platzt bestimmt bald und meine Beine drohen nachzugeben, aber ich laufe weiter. Ich will nicht sterben. Nicht hier, nicht jetzt.
Ich schreie auf vor Angst, als ich stolpere und auf dem Boden aufkomme. Zu spät, es wird mich einholen. Panik kriecht in mir herauf wie eine Schnecke, langsam, aber stetig. Zwei Arme greifen mich und heben mich hoch, bald wird es vorbei sein.
„Ist gut, ich bin ja da“, flüstert mir jemand ins Ohr und ich merke, wie er weiter rennt, mit mir auf dem Arm. Er hat mir das Leben gerettet und ich weiß genau, dass es nicht das erste Mal ist.
Wer ist er?
 
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