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"Was habe ich getan?"

von Hobbit91
KurzgeschichteThriller / P18 / Het
27.06.2016
27.06.2016
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Sie hätte es niemals soweit kommen lassen dürfen. Nie im Leben hätte sie sich darauf einlassen sollen. Schließlich kannte sie seinen Charakter gut genug. Sie hätte es daher besser wissen müssen, aber in dieser Hinsicht hatte sie sich selbst etwas vorgemacht. Sie hatte doch tatsächlich angenommen, dass sich Zelos Wilder ändern könnte. Was für ein gewaltiger Irrtum. Solche Typen änderten sich nicht so einfach.

Warum hatte sich Sheena nun auf den Rothaarigen eingelassen, wenn sie es doch eigentlich besser wusste? Das ist eine Frage, die sie sich immer wieder stellte und die sie doch nicht beantworten konnte. Sie wusste nicht, warum sie eines Tages sein Angebot angenommen hatte und mit ihm ausgegangen war. Am Anfang war da auch nichts Ernstes gewesen. Sie wollten sich beide nur ein wenig amüsieren, was sie auch taten und einige Zeit später wiederholten. Sheena hätte später nicht hier im Regen gehockt, während die Verzweiflung ihr die Brust zuschnürte, wenn sie ihm damals eine Absage erteilt hätte.



Sheena hatte nicht vorgehabt, sich mehr als nötig mit Zelos abzugeben, denn sie konnte ihn einfach nicht ausstehen. Dieser Kerl war ja so von sich selbst eingenommen und hielt sich für den Größten. Und darauf sprangen doch tatsächlich einige Frauen an. Man sah Zelos ständig in weiblicher Begleitung. Zelos schien immer ganz genau zu wissen, welche Töne er anschlagen musste, um eine Frau zu erobern. Unglücklicherweise hat das auch bei Sheena funktioniert. Eine kleine Bemerkung zur richtigen Zeit, eine Kleinigkeit, die er zusammen mit ihr unternehmen wollte... Eben etwas ganz Harmloses. Warum hätte Sheena dazu Nein sagen sollen? Es war ja nicht so, als wären sie bereits ein Paar.

Nach den ersten Verabredungen hatte sich Sheena wirklich in ihn verliebt. Und sie war doch tatsächlich so naiv gewesen zu glauben, bei ihr wäre es etwas anderes. Sie war ja geradezu davon überzeugt, dass Zelos für sie dasselbe empfand wie sie für ihn. Sie glaubte, für ihn etwas Besonderes zu sein. Doch da hatte sie sich geirrt. Sie hatte in Zelos etwas gesehen, was nicht da war. Solche naiven Gedankengänge sahen Sheena überhaupt nicht ähnlich. Nie hätte sie gedacht, dass auch sie so anfällig auf seinen Charme reagieren würde wie die anderen Frauen.

...

Nach einem Strandaufenthalt und einem abendlichen Theaterbesuch in der Stadt Altamira nahm Zelos Sheena mit auf sein Hotelzimmer, wo sie sich zunächst ans Fenster setzten und nach draußen sahen, um das Feuerwerk zu beobachten. Dieses farbenfrohe Spektakel war einfach herrlich anzusehen. Sheena lehnte sich an ihren Freund und genoss es.

Noch während des Feuerwerks begannen sie sich zu küssen, wobei Zelos' Hand auf Erkundungstour ging und schließlich in Sheenas Ausschnitt verschwand. Sie ließ es geschehen und Zelos machte weiter. Berührte sie, küsste sie, zog sie Stück für Stück aus. Sheena packte das Verlangen und bald schon fielen sie beide übereinander her. Dieser Zelos wusste eben, was er tun musste, um das zu bekommen, was er wollte. Für ihn war das alles nur ein Spiel. Das wollte Sheena nur nicht wahrhaben. Irgendetwas – so sagte sie sich – musste sie ihm doch bedeuten! Aber nein! Ein paar Wochen später hatte er schon wieder eine andere. Sheena musste beobachten, wie Zelos jene andere gegen einen Baum drückte und abknutschte.

Sie hatte Zelos schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen und wollte ihn eines Abends in Meltokio besuchen. Dort hatte sie diese Szene dann beobachtet. Für sie war es, als würde ihr jemand einen kalten Dolch ins Herz stoßen. Sie war enttäuscht, wurde aber zunehmend wütend. Erst auf sich selbst, weil sie geglaubt hatte, sie würde ihm mehr bedeuten, als die anderen Frauen, dann auf Zelos, der sich schon wieder eine andere gekrallt hatte, nachdem er eine gemeinsame Nacht mit Sheena verbracht hatte.

Sie sah noch zu, wie Zelos mit der anderen Frau, bei der es sich um ein Zimmermädchen aus dem Hotel handelte, in seine Villa führte. Er hatte Sheena nicht gesehen. Wusste nichts von ihrer Anwesenheit. Vielleicht würde er ja bereits am nächsten Tag zu Sheena zurückkehren und so tun, als wäre nichts gewesen. Dieser Mistkerl! Sheena beschloss abzuwarten, bis er wieder rauskam, um ihm zu zeigen, dass er so nicht mit ihr umgehen konnte.

Sie wollte ihn doch nur zur Rede stellen. Sie hatte nicht vor, ihm etwas anzutun. Doch schließlich kämpfte sich ihre Wut an die Oberfläche. Sheena stand in einem Hauseingang und beobachtete, wie Zelos zusammen mit dem Zimmermädchen seine Villa wieder verließ und sich von ihr mit zahlreichen Küssen verabschiedete. Erst als die andere Frau fort war, trat Sheena aus dem Hauseingang hervor. Sie begann ihn anzuschreien und zu schubsen, sagte ihm ins Gesicht, was für ein verdammter Mistkerl er sei. Und dann bekam sie irgendwie seinen Dolch zu fassen.

Ohne weiter nachzudenken stach sie zu. Zelos taumelte zurück, eine Hand auf die Wunde gepresst. Weit aufgerissene Augen sahen sie erschrocken und verständnislos an. Verständnislos? Ja, er verstand wirklich nicht. Er kapierte einfach nicht, was er ihr angetan hatte, wie sehr er sie verletzt hatte. Also stach sie wieder zu. Und dann noch einmal, denn Zelos sollte das spüren, was auch sie nach seinem Verrat gespürt hatte.

Als Zelos auf dem Rücken lag, hockte sie sich auf ihn, hob den Dolch über ihren Kopf und ließ ihn hinabfahren. Wieder und wieder stieß sie zu. Einmal hob Zelos seine rechte Hand, um den nächsten Stoß abzuwehren. Sheena stieß den Dolch in seine Handfläche, riss ihn wieder heraus und machte weiter. Auch als seine Schreie und Bewegungen endeten, hörte sie nicht auf.

Hier hockte sie nun und starrte auf die Leiche des Rothaarigen. Der Regen, der irgendwann eingesetzt hatte, durchnässte ihre Kleider und spülte das Blut davon. Sheena warf den Dolch von sich, robbte zu einer nahen Pfütze und versuchte das Blut von ihren Händen zu waschen. Das schaffte sie zwar, aber ihre Schuld würde sie nicht einfach abwaschen können.

„Zelos?“, flüsterte sie, als sie sich der Leiche wieder genähert hatte. Sie begann seine Wange zu streicheln und schaute in seine leeren Augen. Bald konnte sie aber diesen vorwurfsvollen Blick nicht länger ertragen, weshalb sie ihm die Augen zudrückte. Sheena hatte etwa zwanzigmal auf ihn eingestochen, doch seinem Gesicht hatte sie keinen Schaden zugefügt. Sie fand, dass es immer noch schön aussah. Dieses Gesicht begann zunehmend nasser zu werden. Allerdings kam diese Nässe nicht nur vom Regen, sondern auch von den Tränen seiner Mörderin.



Es gab keine Zeugen und Sheena konnte die Stadt einfach so verlassen, was sie selbst erstaunte. Ihr Weg führte sie zur großen Brücke, die zwei der großen Inseln von Tethe'alla miteinander verband. Sheena stieg über das Geländer und schaute auf das dunkle Wasser hinab. Erst hatte es nur Regen gegeben, doch dieser war mit der Zeit immer stärker geworden. Nun war ein Sturm aufgekommen und es herrschte recht starker Seegang.

Sheena beobachtete die hohen Wellen und war sich bewusst, dass dies das letzte sein würde, was sie in ihrem Leben sah. „Was habe ich nur getan, Zelos? Es tut mir so Leid“, flüsterte sie, doch alle Reue kam zu spät. Sheena würde sie immer mit sich herumtragen müssen. Niemals würde sie diesen Gefühlen entkommen können. Niemals würde sie wieder glücklich werden oder Ruhe finden können.

Sheena schloss die Augen und sprang. Das Wasser nahm sie in sich auf und schlug über ihrem Körper zusammen.
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