Nur ein Auftrag

GeschichteKrimi, Sci-Fi / P16
26.06.2016
05.07.2016
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Prolog: Mimas, 14.05.1269 NGZ

Der Saturnmond Mimas galt als eines der Zentren für medizinische Betreuung in der Milchstraße. Man erwähnte den knapp vierhundert Kilometer durchmessenden Steinbrocken mit seinen hunderten Druckkuppeln in einem Atemzug mit Welten wie Aralon, dem geistigen und medizinischen Zentrum der Aras und Tahun, der ehemaligen Lazarettwelt der USO.
Auch wenn es die als Galaktische Mediziner bekannten Aras niemals zugeben würden, hier im Herzen des Solsystems wurde medizinische Geschichte geschrieben. Berühmt waren vor allem die vielen Sanatorien, die auf jedes beliebige Ökosystem eingestellt werden konnten, solange die Parameter bekannt waren.
Sicher, hier und da gab es mal ein Aufsehen erregendes Experiment mit Biomasse, dort eine geradezu genial zu nennende Operation, fast im Stundentakt veröffentlichten die besten Mediziner der LFT (die noch nicht von der Camelot-Organisation abgeworben worden waren) ihre neuesten Erkenntnisse über die Geheimnisse des Lebens. Aber Mimas war gerade eines: ruhig.
Das war es, was Kendrie McAllister so sehr an diesem Posten schätzte. Die Ruhe tat ihr gut, und das wirkte sich positiv auf ihre Arbeit als Psychologin aus.
Bis zum 14. Mai 1269 NGZ, als eine Horde Einsatzagenten des Terranischen Liga-Dienstes hier auf ihrem Mond, in ihre Klinik einfielen als gelte es, ein Hauptquartier der Galactic Guardians einzunehmen.
„Was hat das zu bedeuten?“ fuhr sie den erstbesten TLD-Agenten in ihrer Reichweite an.
Der Mann in der grünen Einsatzkombination drehte sich zu ihr um. Der Schwarzhaarige hatte grüne Gesichtshaut und eine tonnenförmig vorgewölbte Brust, was sie vermuten ließ, es mit einem Imarter oder einem Marsianer der A-Klasse zu tun zu haben -. Diese Abkömmlinge terranischer Siedler hatten auf Welten mit geringem Sauerstoffgehalt in der Atmosphäre gesiedelt und waren darauf angewiesen, bei einem Atemzug wesentlich mehr Luft aufzunehmen als ein normaler Terraner. Daher das größere Atemvolumen, daß sich im vorgewölbten Brustkorb darstellte.
Imarter, entschied sie in Gedanken. Der Mann mußte Imarter sein. Imarter hatten eine samten grüne Haut, Marsianer der A-Klasse hingegen waren übersäht mit unzähligen Fältchen und Runzeln.
„Einsatzagent Jonn Terihet. Wir sind avisiert. Du bist Doktor McAllister?“
Es klang mehr wie eine Feststellung als eine Frage.
Sie nickte. Avisiert? Sicher, da war was in ihrem Terminkalender von einem TLD-Agenten, der zur unbefristeten Kur eingeliefert werden sollte, heute oder morgen.
Unbefristete Kur, pah. Wieder so eine Methode, um Steuergelder für Staatsbedienstete zu verschwenden. Aber von ihr aus, die Klinik war sowieso gerade unterbelegt.
„Wen bringst du mir denn da, Einsatzagent Terihet? Hat sich Gia de Moleon beim lesen der Holopost den Rücken verknackst?“
Der TLD-Mann knurrte wie ein angriffslustiger Hund, als er einen Schritt auf sie zutat. Dabei bildete sich um seinen rechten Arm ein semitransparentes Energiefeld in Form eines Stabes.
Die Uniformen der Agenten waren weit mehr als schmucke Kombinationen, um sie als zum TLD zugehörig auszuweisen. Sie waren multifunktionell, verfügten neben dem einem SERUN verwandten Recyclingsystem auch über integrierte Kommunikation und Defensivsysteme. Der Stab war eine Offensivwaffe für den Nahkampf, den es bei Agenten auch noch in Zeiten von Paratronschirmen, Transformkanonen und Syntroniken gab.
Genausogut hätte der Formenergieprojektor auch einen Schild formen können, wie ihn die Dagorista benutzten, aber Terihet wollte eine Waffe!
Kendrie wich einen Schritt zurück.
Das schien den Agenten zu besänftigen. Unschlüssig sah er von ihr zu seinem Stab und desaktivierte den Prallfeldprojektor wieder. „Entschuldige, aber wenn es um Davil Fataro geht, werde ich schnell wütend.“
Er langte in die linke Brusttasche und zog einen Speicherkristall hervor. „Hier sind seine Daten sowie die Aufzeichnungen aller Behandlungen, die er seit unserem Aufbruch aus der Großen Magellanschen Wolke erhalten hat. Ich erwarte, dass du sie gründlich studierst. Und ich erwarte, dass du dein Möglichstes tust, um Davil zu helfen. Er war über sechs Monate in der Hand der Galactic Guardians.“
„Oh“, machte Kendrie McAllister erschrocken. Die Guardians waren ihr natürlich ein Begriff. Im Prinzip unterschied sie nur ein einziger Faktor von einer Terrororganisation: Sie wollten Profit machen, viel Profit, und das vor allem schnell. Dabei gingen sie über Leichen. Kendrie wusste, dass sie diese Metapher in diesem Fall wörtlich nehmen sollte.
„Ist er dein Partner?“ fragte sie mitfühlend. Sie glaubte, die Wut des Agenten nun verstehen zu können.
„Nein“, presste der Rumaler zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Dann seid ihr Freunde?“ hakte sie nach.
Wieder verneinte Agent Terihet. „Ich habe das Team geleitet, das Davil gesucht und befreit hat. Zumindest das, was die Guardians von ihm übrig gelassen haben.“
Einer der anderen Agenten nickte Jonn Terihet zu. Der aktivierte die Kommunikationseinrichtung seiner Kombination und ließ einen Holowürfel vor sich entstehen. „Bringt ihn jetzt rein“, sagte er leise.
Schon von weitem hörte sie das Summen der Antigravliege und fragte sich, was die Verbrecher dem terranischen Agenten wohl angetan hatten. Verstümmelungen vielleicht? War dann ein Sanatorium der richtige Ort für ihn?
Die Antigravliege schwebte an ihnen vorbei. Herihets Miene versteinerte und Kendrie hielt sich erschrocken eine Hand vor den Mund. War das noch ein Mensch? War es jemals ein Mensch gewesen? Dieses von Krämpfen geschüttelte, zusammengekrümmte Wesen mit den verzerrten Gesichtszügen, war das Davil Fataro?
Der Rumaler schien ihre Gedanken zu lesen. Er sagte: „Davil Fataro, Einsatzagent des TLD. Dreiundreißig Jahre alt, seit sieben Jahren dabei. Er wurde bei einem Einsatz auf einer Freihandelswelt der Gurrads von seinem Team getrennt. Die Guardians griffen ihn auf und hielten ihn bis gestern gefangen. In dieser Zeit haben sie versucht, seinen Willen zu brechen. Was du dort auf der Liege siehst, ist alles was sie von ihm übrig gelassen haben. Körperlich geht es ihm bis auf ein paar schlecht verheilte Brüche und eine schwere Dehydrierung nicht mal so schlecht. Aber geistig ist er ein Wrack.“
Jonn Terihet fuhr sich mit der Rechten durch sein Haar und schüttelte den Kopf. „Als wir ihn rausgeholt haben, mussten wir ihn in ein Fesselfeld stecken, um ihn davon abzuhalten, sich selbst zu verletzen. Er glaubte einfach nicht, dass wir ihn retten wollten. Davil dachte an einen neuen Trick der Guardians. Wir mussten sogar seine Zunge fixieren, um zu verhindern, dass er sie in seiner Verzweiflung verschluckt.
Langsam scheint er uns zu glauben, aber er ist noch extrem verunsichert.“
Terihet straffte sich. „Der Terranische Liga-Dienst kümmert sich um seine Angehörigen. Wir wünschen, dass Davil die beste Behandlung bekommt, die zu haben ist. Notfalls fliegt einen Ara ein, wenn es sein muss. Kosten spielen absolut keine Rolle, wenn er nur wieder gesund wird.“
In Kendrie erwachte die Psychologin. Spontan diagnostizierte sie bei Terihet einen Schuldkomplex, resultierend aus Davils schlechtem Zustand und der fixen Idee, mehr für ihn getan haben zu können, wenn er ihn nur etwas früher gefunden und befreit hätte.
Darüber hinaus vermutete sie, dass Terihet durch diese Tragödie seine eigene Verwundbarkeit begriff. Die meisten Agenten und Soldaten verdrängten sie so gut es ging, um nicht an den Risiken ihres Berufs zu verzweifeln. Indem er Davil Fataro hier mit einer Eskorte wie für den Imperator von Arkon einlieferte und alles dafür tat, damit der Agent wieder körperlich und geistig gesundete, tat er auch etwas für seinen eigenen Seelenfrieden.
Im Prinzip war Davils Behandlung auch eine Behandlung seiner eigenen Ängste, eines Tages nach Mimas gebracht zu werden, oder noch schlimmer eines Tages von einem Einsatz nicht mehr wiederzukehren. Indem er alles in seiner Macht stehende für Davil tat, sicherte er sich die Option, dass der TLD für ihn dieselben Leistungen erbrachte, falls es je nötig wurde.
„Du hast getan, was du konntest“, sagte sie daher zu Terihet und legte beruhigend eine Hand auf seine Schulter. „Jetzt bin ich dran.“
Der Agent nickte mechanisch. Er hatte diese Bestätigung gebraucht, aber damit war seine eigene seelische Verletzung noch nicht kuriert. Das brauchte Zeit, Verständnis und vielleicht auch ein paar Stunden beim Therapeuten.
„Es könnte helfen, wenn ich wüsste, wie die Guardians versucht haben, Davil zu verhören. Gibt es ein Verhörprotokoll der Folterknechte? Kann ich vielleicht selbst mit ihnen reden?“
Ein grausamer Zug spielte um Terihets Mundwinkel, grausam genug, dass Kendrie ihre Hand spontan zurückzog.
„Es gibt keine Überlebenden bei den Guardians“, sagte Jonn tonlos. „Sie wollten sich einfach nicht ergeben.“
Ein kalter Schauer lief über ihren Rücken. War das auch Teil von Terihets Genesung? Rache an denen, die Davil Fataros Geist vergewaltigt hatten? „Das ist gegen Liga-Recht“, erwiderte sie. Ihre Stimme klang kraftlos und ohne echte Überzeugung, denn im Grunde verstand sie den TLD-Agenten sogar. Beinahe hätte sie den Racheakt sogar als Teil seiner eigenen Genesung begrüßt, wenn sie der Gedanke nicht so sehr erschreckt hätte.
„Was? Dass sie einen TLD-Agenten über ein halbes Jahr gefangengehalten und langsam zu Tode gefoltert haben? Dass sie darüber hinaus so mir nichts dir nichts bereit sind, Leben auszulöschen? Dass ihnen ihr Profit über jedes Gefühl von Würde oder Anstand geht?“ Sein Kopf ruckte zu ihr herum, so schnell, dass sie erschrak und wieder einen Schritt zurücktrat.
Terihet grinste sie an. „Bleib cool, Doc. Wir haben die Guardians nicht liquidiert. Sie wollten sich wirklich nicht ergeben. Und wir können es beweisen, weil unsere Kampf-SERUNs mit Einsatzspeichern bestückt sind, die alle Eindrücke, von den Ortungen bis hin zu den Aufnahmen der Mikrofone und Kameras auf einen Speicherkristall kopieren, der nur gelesen, aber nicht neu beschrieben werden kann. Diese Dinger werden nach jedem Einsatz ausgewertet.
Obwohl ich die Guardians dieses Mal auch niedergeschossen hätte, wenn sie sich ergeben hätten!“
Jonn ballte die Hände zu Fäusten. „Ich übernehme ab nächste Woche einen Posten als Subdirektor im TLD-Tower in Terrania. Ich möchte, dass du mir im Wochentakt über seine Genesung berichtest.“
„Das werde ich“, versprach sie. „Aber es kann Monate dauern, bis Davil wieder zu einem eigenständigen Leben fähig ist.“
„Wie gesagt, das spielt alles keine Rolle. Der TLD übernimmt alle Kosten. Oberste Priorität hat Davils Gesundheit.“
Die Agenten kamen wieder zurück. Sie hatten Davil Fataro seinen Pflegern übergeben.
Jonn nickte ihnen nochmal zu. Dann wandte er sich wieder an Kendrie McAllister. „Dies ist eine Einrichtung der LFT-Regierung mit entsprechendem Sicherheitsstandard. Darum verzichte ich darauf, hier ein Agententeam zu stationieren. Aber ich werde ein paar zusätzliche Kampfroboter vom Typ TARA V UHc abstellen lassen.“
„Hältst du das wirklich für nötig?“
Für einen Moment huschte ein Lächeln über das verschlossene Gesicht des Umweltangepassten. „Für Davils Schutz? Nein. Für meinen Seelenfrieden? Ja.“
Ohne ein weiteres Wort wandte sich der TLD-Agent ab und ging.
Unschlüssig sah Kendrie dem Agenten hinterher. In ihrer Hand drehte sie den Speicherkristall hin und her. Irgendwie fürchtete sie sich vor dem, was sie darauf finden würde. Und vor dem, was sie in Davils Psyche entdecken würde.
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